Die Darstellung von Zeit in der Erzählung "Es rührt sich nichts" von Arno Geiger


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zeitverhältnisse
2.1 Handlungsstränge
2.2 Erzählte Zeit und Erzählzeit
2.3 Dauer
2.4 Ordnung
2.5 Frequenz

3 Fazit

4 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse erzählender Texte und behandelt konkret das "Wie" des Erzählens. In der Theorie von Martinez und Scheffel wird die Narratologie in drei Aspekte gegliedert: Zeit, Modus und Stimme.

Meine Arbeit soll die Zeitverhältnisse am Beispiel von Arno Geigers Erzählung "Es rührt sich nichts" analysieren und erklären, wieso gerade der Aspekt der Zeit im Hinblick auf die Erzählung einen wichtigen Bestandteil der Narratologie darstellt.

Ich habe bewusst diese Erzählung ausgewählt, da bereits beim ersten Überfliegen der Seiten ein besonderes Merkmal ins Auge sticht: es tauchen in regelmäßiger Häufigkeit Angaben zur Uhrzeit auf. Außerdem sind die Kapitel des Erzählbandes „Anna nicht vergessen“, in dem die Erzählung erschienen ist, voneinander abgegrenzt. Das Inhaltsverzeichnis ist in Tage, Jahre und Leben unterteilt. Die Erzählung „Nichts rührt sich“ findet sich unter dem Abschnitt Jahre. Zudem bietet die Geschichte ausreichenden Stoff für die Untersuchung der Zeitverhältnisse, da sie recht komplex aufgebaut ist und das Geschehen zu Beginn noch recht intransparent ist.

Die Geschichte wird aus der Ich- Erzählperspektive erzählt, wobei der Erzähler auch gleichzeitig die Hauptfigur bildet. Vergleichbar mit einem Tagebuch schildert der Erzähler seine Zweifel, Ängste und Gedanken, die um seine Beziehung zu Jenny kreisen. Jenny wohnt in einer anderen Stadt, dadurch besteht die Kommunikation der beiden größtenteils aus Telefonanrufen, die vom Erzähler protokolliert werden. Der Name des Erzählers bleibt lange Zeit unklar, ebenso weitere Informationen über ihn als Person. Es erfolgt keine direkte Rede innerhalb der Geschichte. Darüber hinaus ist die Darstellung der Geschichte so konzipiert, dass verschiedene Angaben, die sich in den Überlegungen der Hauptfigur zeigen, sukzessive Details über die Umstände der Beziehung geben. Durch kalendarische Zeitangaben wird das Geschehen außerdem zeitlich situiert.

Alle auftauchenden Zeitangaben der Geschichte können vom Leser in Relation gebracht werden. Dafür sind drei Grundformen der Zeitbehandlung von Bedeutung: Ordnung, Dauer und Frequenz. In dieser Arbeit werden folgende Fragen behandelt:

- In welcher Reihenfolge wird erzählt? Warum sind die Ereignisse nicht chronologisch?
- Schildert der Erzähler die Ereignisse zusammenfassend oder eher ausdehnend?
- Kann die Geschichte anhand der Zeitangaben nach ihrem Umfang bemessen werden?
- Werden Ereignisse wiederholt dargestellt und wenn ja, warum?

2 Zeitverhältnisse

2.1 Handlungsstränge

Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen der Handlung und der Darstellung. Die Handlung beschreibt den Aufbau einer Erzählung: chronologisch aufeinanderfolgende Ereignisse bilden ein Geschehen. Sind diese Geschehen kausal miteinander verknüpft, so ergibt sich eine Geschichte, die durch ein bestimmtes Handlungsschema strukturiert wird.[1] Es handelt sich jeweils um einzelne Ereignisse, die ein Geschehen bilden.

Ausschlaggebend für den Spannungsaufbau einer Erzählung ist nicht nur der natürliche Ablauf von Geschehnissen, vielmehr spielt auch die Reihenfolge des Erzählens eine tragende Rolle. Dabei können die Fäden einer Handlung ein Geflecht bilden, es können jedoch auch mehrere Handlungsstränge ineinander verschachtelt sein. Die Unterscheidung der einzelnen Handlungsstränge wird vor allem dadurch deutlich, dass Zeit, Personen oder Schauplätze variieren. Ein zeitlich umgestellter Handlungsstrang wird in der Regel durch eine übergeordnete Handlung gehalten.[2]

In "Nichts rührt sich" dominiert in jedem Fall die übergeordnete Handlung, so dass die restlichen selbstständigen Stränge lediglich als Ergänzungsstränge dienen. Die dominierende Handlung ist die, in der der Erzähler seine Tage wartend verbringt und dabei über die Beziehung zu Jenny nachdenkt. Die Erlebnisse aus der Vergangenheit, die sich in seiner Erinnerung abspielen, bilden einen untergeordneten Handlungsstrang.

So erfährt der Leser zum Beispiel in folgender Passage, dass der Erzähler in der Vergangenheit verheiratet war und einen Sohn hat: "Ich glaube, sie hat da ein wenig vergessen, dass sie es war, die mich dazu gebracht hat, zu Hause auszuziehen und mich von Magda scheiden zu lassen. Sie wollte sogar, das ich für Fabian einen Gentest mache, ob er mein Sohn ist [...] Sie wollte ein Kind von mir [...]ich habe ihre Schulden bezahlt [...] Und jetzt das."[3]

Zum einen beschreibt dieser Handlungsstrang ein Vorkommnis in der Vergangenheit, zum anderen treten die Figuren der Ex- Frau und des Sohnes in Erscheinung. Lämmerts These zufolge, ist die übergeordnete Handlung in diesem Fall die, in der die Hauptfigur um 20:50 Uhr im Bett liegt und nachdenkt. Der eingelagerte Handlungsstrang in Form einer Rückblende schildert den Auszug und die Scheidung des Protagonisten in der Vergangenheit.

Lämmert unterscheidet außerdem zwischen Gegenwartshandlung und Vorzeithandlung und weist auf eine weitere Zeitschicht hin: die Erzählergegenwart, in welcher der Ich- Erzähler das Geschehen kommentiert, Zusammenhänge erläutert oder Vorkommnisse kritisiert.[4]

Die Gegenwartshandlung ist in diesem Fall gleichzusetzen mit der übergeordneten Handlung (Erzähler liegt im Bett und denkt nach), während die Vorzeithandlung die Scheidung, den Auszug und das Bezahlen der Schulden beinhaltet. In der Erzählergegenwart betont der Ich- Erzähler die Intensität seiner Bemühungen und seine Enttäuschung. Gleichzeitig werden durch die simple Nennung weniger Ereignisse ganze Zusammenhänge schlüssig und geben Einblick in das vorherige Leben des Erzählers.

Mehrsträngige Erzählungen bilden Verknüpfungen, die additiv, korrelativ oder konsekutiv (kausal) sein können, je nachdem, wie die einzelnen Stränge miteinander und mit der Gegenwartshandlung korrelieren.[5]

Während die bloße Anreicherung von Erzählgegenständen lediglich eine additive Verknüpfung darstellt, tauchen bei korrelativen Verknüpfungen Seitenhandlungen auf, die in ihrem Ablauf und ihrer Thematik der Haupthandlung unterliegen.[6] So können beispielsweise Parallelhandlungen nachträglich die Haupthandlung erläutern oder ihr vorangehen. "Die in den korrelativen Handlungssträngen liegende Aufforderung, sich vergangener Vorgänge zu erinnern [...] ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal gegenüber additiven Verknüpfungen."[7] Exemplarisch dazu ist der soeben genannte Auszug aus "Nichts rührt sich". Denn, wie bereits erwähnt, liefern die Ereignisse aus der Vergangenheit nachträgliche Informationen über die Familiensituation des Erzählers. Daraus erschließt sich seine Opferbereitschaft und die Intensität seiner Gefühle für Jenny.

Gleichzeitig finden sich in "Nichts rührt sich" auch konsekutive Formen der Verknüpfung, denn anfangs stehen die einzelnen Ereignisse in rätselhafter Form zueinander und bilden erst im späteren Verlauf der Erzählung eine Kausalkette, die den Spannungsaufbau löst. So wird zum Beispiel erst relativ spät durch die Aussage "Wenn wir einmal im Monat miteinander schlafen, wirkt sie abwesend und gähnt"[8] deutlich, dass der Ich- Ezähler männlich, und Jenny seine Freundin ist.

Bezüglich der Zeitverhältnisse wird durch Erwähnung bestimmter Feiertage und Erinnerungen das Geschehen zeitlich situiert und der Leser kann aufgrund des Vergleiches die Traurigkeit des Erzählers besser nachvollziehen: „Anschließend gibt's bei Susitante das obligatorische Allerheiligentreffen.“[9] Ein weiteres Beispiel findet sich in den Gedanken des Erzählers: „Wenn man bedenkt, wie alles noch vor zwei Monaten war“[10].

2.2 Erzählte Zeit und Erzählzeit

Beschäftigt man sich mit den Zeitverhältnissen eines Erzähltextes, so taucht oftmals der Begriff "zweierlei Zeit" auf. Literaturwissenschaftler unterscheiden zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Während die Erzählzeit sich auf die Dauer bezieht, die es benötigt, eine Geschichte vorzutragen, gibt die erzählte Zeit die tatsächliche Dauer der Erzählung an.[11] Liegen keine konkreten Angaben zur Erzählzeit vor, so wird diese nach dem Seitenumfang der Erzählung bemessen.

Am Beispiel von „Nichts rührt sich“ beträgt die Erzählzeit 26 Seiten. Im Hinblick auf die erzählte Zeit ist es erwähnenswert, dass der Autor selbst das Inhaltsverzeichnis von "Anna nicht vergessen" in drei unterschiedliche Zeitetappen gegliedert hat: Tage, Jahre und Leben. Die Erzählung „Nichts rührt sich“ hat Arno Geiger dem Abschnitt Jahre zugeordnet, was dem Leser vorab einen ungefähren Hinweis bezüglich der erzählten Zeit gibt. Trotz konkreter Angaben zu einzelnen Uhrzeiten, Wochentagen und Feiertagen, ist es jedoch schwer die erzählte Zeit genau zu definieren.

Der Ich- Erzähler beginnt, seine Geschichte an einem Sonntag, um 10:15 Uhr, zu erzählen, es muss Ende Oktober sein. "Ab heute Nacht haben wir wieder Winterzeit, also eine Stunde länger schlafen."[12] Die Erzählung endet im darauffolgenden Jahr, Anfang Januar, an einem Wochentag, um 19:00 Uhr. Das heißt, die eigentlich erzählte Zeit beträgt ca. 2 1/2 Monate. Zwischendurch überlegt der Erzähler jedoch, "wie das alles noch vor zwei Monaten war"[13], schaut sich das Bild an, dass er "am 29. August im Prater beim Auto- Scooter gemacht"[14] hat und erinnert sich an das "letzte halbe Jahr"[15]. Fasst man die vergangenen Ereignisse ebenfalls zusammen und addiert sie zu dem Zeitpunkt, zu dem der Erzähler gerade erzählt, so kommt man auf eine geschätzte erzählte Zeit von circa neun Monaten.

[...]


[1] Vgl. Martinez/Scheffel, S. 25.

[2] Vgl. Lämmert, S. 44.

[3] Geiger, S. 121.

[4] Vgl. Lämmert, S. 45.

[5] Vgl. ebd. S. 45 ff.

[6] Vgl. ebd. S. 54.

[7] Ebd.

[8] Geiger, S. 117.

[9] Geiger, S. 119.

[10] Ebd. S. 118 f.

[11] Vgl. Martinez/Scheffel, S. 31.

[12] Geiger, S. 118.

[13] Ebd. S. 119.

[14] Ebd. S. 125.

[15] Ebd. S. 118.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Zeit in der Erzählung "Es rührt sich nichts" von Arno Geiger
Veranstaltung
Erzählanalyse am Beispiel deutschsprachiger Kurzprosa seit 1989
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V345309
ISBN (eBook)
9783668350717
ISBN (Buch)
9783668350724
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählanalyse, Literaturwissenschaft, Literaturtheorie, Erzähltextanalyse, Narratologie, Genette, Martinez, Schöffel, Lämmert, Bauformen des Erzählens, Modus, Zeit, Arno Geiger, Kurzprosa, erzählende Prosa, Handlungsstrang, Jochen Vogt
Arbeit zitieren
Laura Puglisi (Autor), 2013, Die Darstellung von Zeit in der Erzählung "Es rührt sich nichts" von Arno Geiger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345309

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