Walther von der Vogelweide und sein Konzept der Herzeliebe


Essay, 2012
4 Seiten, Note: 13 Punkte

Leseprobe

Essay zum Thema -Walthers Konzept der herzeliebe-

In Walthers Lied L 46, 32 >aller werdekeit ein füegerinne<, eines der meistinterpretierten Lieder, fällt der Begriff der herzeliebe. Dieser umstrittene, in unterschiedlichen Weisen interpretierte Ausdruck, soll Walthers Begründung der richtigen Minne dienen und versuchen, der auf hohe Minne fixierten Einstellung seiner Kritiker entgegen zu wirken. Doch welche Rolle spielt die herzeliebe im Kontext Walthers Minneverständnisses und inwiefern lassen sich seine Bemühungen, dieses mit Hilfe des Begriffes zu legitimieren, realisieren bzw. welche Auswirkungen auf das traditionelle Verständnis von Minne sind möglich?

Das vom lyrischen Ich angesprochene Problem wird bereits in Vers 8-9 ersichtlich. Es fühlt sich von hoher und niederen Minne nicht erfüllt und ruft deshalb die maze um Hilfe, welche als höchste Instanz des angemessenes, ritterliches Verhaltens in allen Lebensbereichen in seinem bisherigen Werben ausblieb (Vers 11-12). Die Lehre der maze besitzend, so der Sänger, werde man als ehrenvoll geachtet und brauche sich weder ze hove noch an der straze, den vordergründigen Lebensbereichen des Minnesängers zu schämen. Bisher war sein Werben allerdings von Lastern geprägt, worauf er in der zweiten Strophe eingeht. Die niedere Minne verlangt ein Abmühen um Glück von ihm, welches keinen Wert besitzt und schmerzt, ohne Anerkennung zu bekommen. In der hohen Minne wird die Entbehrung gelobt, wobei das Werben erfolglos bleibt. Daraus lässt sich schließen, dass der Sänger ein Werben begehrt, was der maze würdig ist und wie der Titel des Liedes bereits preisgibt, eine Minne ersehnt, die alle Werthaftigkeiten zusammenführt. Es fällt schwer zu glauben, dass sich Walther hiermit von seinen Mädchenliedern distanzieren will, allerdings von dem Zerrbild, was die Kritiker davon haben. Ihm winkt die hohe Minne (Vers 6); er sollte sich ihr zuwenden, um weiterhin Achtung in der hohen Gesellschaft zu erhalten, doch wie Vers 7 beschreibt, verhält sich die maze diesem Vorhaben abwartend. Seine Begründung dafür ist die im Vers 8 angesprochene herzeliebe.

Hier gehen die Interpretationen auseinander. Günther Schweikle folgt den neueren Bedeutungen des Begriffes, welche ihn als leidenschaftliches Begehren, Liebesfreude oder Liebesglück verstehen.1 Aus Vers 8 kumet herzeliebe, so bin ich verleitet schließt er deshalb, dass das hohe Wertstreben der hohen Minne aufgrund der herzeliebe mit zu viel erotischen Komponenten versehen, und somit der maze unwürdig sei. Er geht sogar noch weiter und sagt, dass alle Minne stets von herzeliebe geprägt sei, Liebesglück ohne Leiderfahrungen nicht möglich und somit Minne und maze nie vereinbar seien. Somit wäre die Problematik ungelöst, da maze in Minnefragen nie belehren kann, da es keine Minne ohne herzeliebe gibt (kumet herzeliebe, so bin ich verleitet), die maze allerdings seelische Ausgewogenheit fordert, die in der Minne nicht existiert. Folglich erfährt der Sänger durch jede Frau Schaden, wie er selbst in den drei Schlussversen beschreibt. Folgt man dieser Interpretation, lässt sich das Lied als aussichtsloser Konflikt lesen, in welcher Minne und maze sich stets widersprechen und keine Minne die seelische Ausgewogenheit liefert, welche erwünscht ist. Es übt Kritik an der hohen Minne, welcher wie die niedere Minne nicht der maze würdig ist. Somit befinden sich beide Minneformen auf gleicher Höhe bzw. werden auf gleiche Stufe gestellt. Dieses Konstrukt kann man als Legitimation der niederen Minne oder der Mädchenlieder verstehen.

Liest man Vers 8 allerdings mit dem Hintergrund der herzeliebe als Verlangen nach gegenseitiger, wertbegründeter Beglückung (wie Schweikle auch zulässt), überschreitet diese das Maß der niederen (als kranke Liebe ohne Glück und Wert) und der hohen Minne (als erhebendes Wertbestreben mit leidvollem Verzicht). Somit würde dieser Satz bedeuten, dass der Sänger, kumet die herzeliebe (kumet als Futur) stets ihr anstatt der hohen Minne verfallen würde. Oder fühlt er sich fehlgeleitet, wenn er die gegenseitig erfüllte Liebe gefunden hat, welche mit der Maze vereinbar ist, sein Programm jedoch von der höfischen Gesellschaft noch nicht angenommen wird? Dann würde allein dies der Schmerz sein, welche die Damen in Vers 9-11 verursachen. Wenn die herzeliebe also als mit der maze in Einklang stehendes Werben verstanden wird, würde dies eine neue Minneform bedeuten, auf die Walther sich bezieht, ein ebenes Werben, welches wertgehaltig ist, aber auf Gegenseitigkeit beruht, denn genau das ist unabdingbar für seine Auffassung von wahrer Minne, welche er auch in den Liedern 49, 25 und 48, 38 anspricht. Es lässt sich eine überständische, universale Begründung der Minne erkennen, welche auf frouwe/frouwelin und somit auch auf den Hof abzielen könnte, aber nicht unbedingt auf diesen Bereich festgelegt ist. Besonders im Lied L 48, 38 >Hie vor do man so rehte minnecliche warp< wird deutlich, dass der Sänger darauf bedacht ist, Frauen zu loben, welche ihm etwas zurückgeben, egal zu welchem Stand sie gehören, eine Meinung, die der der höfischen Auffassung von Minne stark widerspricht. Alle Frauen werden hier auf gleiche Ebene gestellt. Die neue hohe Minne unterscheidet sich somit von den Mädchenliedern nur hinsichtlich der herzeliebe, der gegenseitige Liebe von Mann und Frau, welche auch auf den hohen Stand bedacht ist und somit werthaftig sei.

Es scheint als wäre Walthers Problem, die Minne mit der maze zu vereinen, gelöst. Kann sich der Minnesänger jedoch mit einem ebenen Werben und der Begründung, gegenseitig erfüllte, hohe Minne widerspräche nicht der maze, Erfolg versprechen? Wenn die Liebe des Sängers auf Gegenseitigkeit stößt, ist die zu erlangende, verobjektivierte Frau eines Liedes nicht mehr als Ziel zu betrachten, war doch die hohe Minne gerade deshalb so geachtet und wertvoll, weil die Dame dem Werben des Sängers nicht nachgibt und wird wiederum verrufen, sobald die Nähe zwischen einer Frau und dem Dichter zu tief konzipiert wird, weshalb auch Walthers Mädchenlieder vom Publikum so stark kritisiert wurden. Walther geht in seinem Lied 49, 25 >Herzeliebez frouwelin< genauer darauf ein und wirft seinen Kritikern, welche ihn beschuldigen, zu nieder zu werben, in der zweiten Strophe ein falsches Verständnis von richtiger Minne vor. Auch hier lässt der Ausdruck frouwelin als Kosewort oder Verkleinerungsform ein Verhältnis zu seiner ständischen Dame zu, kehrt sich aber deutlich von der hohen Minne ab und schließt gleichzeitig auf die Nähe von Dichter und Frau. Nach Walthers Ansicht sei jede Dame der Minne würdig, wenn sie nur gewisse Tugenden, wie Treue und Stetigkeit, aufweist, wie er in diesem Lied bekräftigt und gibt somit der wertvollen Minne eine neue Bedeutung abseits des gesellschaftlichen Status'.

Egal welcher der zwei Bedeutungen von herzeliebe man folgt, Walther veranschaulicht in seinem Lied L 46, 32 erneut sein Minnekonzept, setzt das auf hohe Minne fixierte Werturteil der höfischen Gesellschaft in Relation zu seiner eigenen Person als Minnesänger und kommt zu dem Schluss, dass weder hohe noch niedere Minne dazu fähig sind, die ausgeglichene Beziehung zu einer Frau zu gewährleisten.

[...]


1 Vgl. Günther Schweikle Hrsg.: „Walther von der Vogelweide Werke Band 2: Liedlyrik“; Kommentar S. 748; 2. Auflage, Reclam Verlag, Stuttgart 2011

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Walther von der Vogelweide und sein Konzept der Herzeliebe
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Ältere deutsche Sprache und Literatur
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2012
Seiten
4
Katalognummer
V345328
ISBN (eBook)
9783668351707
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
walther, vogelweide, konzept, herzeliebe
Arbeit zitieren
Anika Mehner (Autor), 2012, Walther von der Vogelweide und sein Konzept der Herzeliebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345328

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