Gottes Gnade im Brudermord. Eine Analyse des Gottesbildes und der Gottesbeziehung in Genesis 4,1-16


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
30 Seiten, Note: 1,0
Luisa Rottmann (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Textanalyse
2.1 Linguistische Analyse
2.2 Semantische Analyse
2.3 Kontexteinordnung

3 Entstehungsgeschichte
3.1 Literar- und Formkritik
3.2 Redaktions- und kompositionsgeschichtliche Analyse

4 Motiv- und Traditionsgeschichte
4.1 Tradition
4.2 Motive
4.2.1 Das Motiv des Blutes
4.2.2 Das Motiv der Sünde

5 Zusammenfassende Auslegung

6 Gottesbild und Gottesbeziehung
6.1 Das Gottesbild
6.1.1 Die Entstehung des Gottesbildes
6.1.2 Das Gottesbild im Alten Testament
6.1.3 Die Darstellung Gottes in Genesis 4, 1-16
6.1.4 Das Gottesbild in Genesis 4
6.2 Die Gottesbeziehung
6.2.1 Die Gottesbeziehung im Alten Testament
6.2.2 Die Gottesbeziehung der Brüder Kain und Abel

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.“ Ex. 33,19

Die Urgeschichte in ihrer Gänze beschreibt die Wesens- sowie Daseinsform der Menschen und die grundlegende Ordnung der Welt. Nachdem die ersten Menschen Adam und Eva in die Erkenntnis von Gut und Böse gelangt sind, befassen sich Genesis 3 und 4 mit der Frage, was mit dem Menschen geschieht, der dieses Wissen besitzt. Besonders die negativen Auswirkungen werden in den Erzählungen dargestellt.[1] Die nachparadiesische Menschheitsgeschichte um die Brüder Kain und Abel als wesentlicher Bestandteil der Urgeschichte ist nicht als simpler Geschwisterdisput auszulegen, sondern steht symbolisch für immanente Grundsätze der Menschlichkeit. Diese Erzählung stellt die Steigerung der Gewalt unter den Menschen heraus. Der erste Mord, auch noch zwischen Brüdern, ist in seinem Vollzug nicht nur ein Delikt unter Menschen, sondern maßgeblich prägend für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen.[2]

Gott erfährt, dass die Menschen, welche er kürzlich geschaffen hat, sündhaft handeln. Er erlebt eines der schlimmsten menschlichen Vergehen: den Brudermord. In der Konsequenz zeigt Gott Reaktionen und tritt in Interaktion mit dem Mörder. Es wird in der Genesis 4 ein differenziertes Gottesbild gezeichnet, wodurch Gott als handlungslenkendes Objekt der Erzählung fungiert. Darüber hinaus hat das Gottesbild Auswirkungen auf die Gottesbeziehung der Menschen. Gottes Existenz und Wirken bestimmt maßgeblich das Leben der Brüder – besonders das des Protagonisten Kains. Kains Emotionen und Motive werden gründlich dargestellt und begründen sich in seinem Verhältnis zu Gott. „In dieser Hinsicht hat Gen 4 insgesamt weisheitlich-lehrhaften Charakter. Es geht nicht nur darum zu zeigen, wie jemand zum Gewaltmensch wird, sondern ebenso, welchen Verlauf dessen Schicksal nimmt.“[3] Gott ist unbedingt notwendig, um Kains Schicksal nachzuzeichnen.

Die Rolle Gottes in dieser Erzählung scheint vielschichtig und in ihrer Komplexität nicht einfach zu durchdringen. Resultierend ergibt sich eine Reihe von Fragen, die diese Unklarheiten voneinander differenzieren: Wie ist ein Gott, der solches menschliches Handeln zulässt? Wie reagiert er auf den Brudermord? Welche Beziehung haben die Brüder zu Gott und inwiefern beeinflusst der Mord diese Gottesbeziehung?

Folglich scheint es notwendig, in einer exegetischen Betrachtung die Erzählung mit einem analytischen Blick auf die Figuren Kain und Abel vorzunehmen. Um anschließend die Gottesbeziehung der Brüder ermitteln zu können, muss im Vorfeld das vorherrschende Gottesbild ermittelt werden. Dabei wird zunächst ein knapper Überblick über das Gottesbild im Alten Testament gegeben, um entsprechend das spezifische Gottesbild in der Genesis 4, 1-16 einordnen und in Relationen setzen zu können. Die Beziehung der Brüder zu Gott kann hinsichtlich des Gottesbild nachfolgend analysiert werden und soll darüber Erkenntnis geben, in welcher Funktion Gott agiert und inwieweit er die Menschheit in ihrer Existenz beeinflusst. Letztendlich wird ein Fazit gezogen, welches die Ergebnisse resümiert.

2 Textanalyse

In einer linguistischen Betrachtung wird zunächst die Bibelstelle Genesis 4,1-16 analysiert. Grundlage der Analyse ist die Übersetzung der Elberfelder Bibel. Um vergleichend zu arbeiten, werden die Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung hinzugezogen. Folgend werden eine semantische Analyse der zentralen Wortfelder sowie eine Kontexteinordnung vorgenommen.

2.1 Linguistische Analyse

Die Erzählung der Genesis 4,1-16 stellt die Bruderschaft zwischen Kain und Abel, den Söhnen der ersten Menschen Adam und Eva, dar. Höhepunkt der Erzählung ist die Ermordung Abels durch Kain.

Die Verse 1 und 2 sind die Exposition der Erzählung und beschreiben die Geburt der Söhne Adams und Evas.

Zu Beginn der Handlung erfolgt ein Verweis auf die Eltern Adam und Eva. Die Elberfelder Bibel übersetzt der Mensch, wohingegen die Einheitsübersetzung und auch die Lutherübersetzung die Bezeichnungen Adam als Eigennamen wählen. Da Adam stellvertretend für die Menschheit steht, scheint die Übersetzung der Elberfelder Bibel sinnvoller. Das allgemein verwendete Verb erkennen in der Beziehung zwischen Adam und Eva beinhaltet das Erkennen der Nacktheit und ist ein Ausdruck sexuellen Verkehrs. Es ist somit die Grundlage für die Geburt der Brüder.

Durch den Ausruf der Eva über ihren erstgeborenen Sohn werden ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht, die gleichzeitig den Namen des Kindes enthalten. Die ausgewählten Übersetzungen wählen unterschiedliche Verben der Geburt – so hat Eva einen Mann hervorgebracht (Elberfelder Bibel), erworben (Einheitsübersetzung) oder gewonnen (Lutherbibel). Eine unterschiedliche Akzentuierung der Aktivität Evas liegt in diesen differenten Verben zugrunde. Dennoch ist in allen drei Übersetzungen die Annahme zu stärken, dass die Aktivität Evas in dem Akt der Geburt eingeschränkt ist und der Fokus stattdessen auf Gott als agierenden Mitspieler liegt. Dem Namen Kain kann im Hebräischen eine auf dem Klang des Wortes beruhende Etymologie zum Verb erwerben nahegelegt werden.[4]

Die Geburt Abels wird folgend ohne Angaben von Einzelheiten oder Emotionen aufgeführt. Die hebräische Bedeutung des Namens ist „Hauch“, „Nichtigkeit“ oder „Vergänglichkeit“. Dieser sprechende Name kann einen Bezug zu der Kürze seines Lebens herstellen und bereitet den Leser darauf vor, dass seine Existenz keinen Bestand hat.[5]

Die wertfreie Nennung der Berufe der Brüder in Form eines Chiasmus, wie sie in der Elberfelder und der Lutherbibel bestehen, weist zum einen auf die Entstehung sowie die Notwendigkeit von Berufen hin. Zum anderen stellt der Chiasmus die Brüder einander gegenüber. Die grundlegende Arbeitsteilung bildet in der biblischen Zeit die Basis des sozialen Zusammenlebens.[6] Sie schafft aber auch soziale Unterschiede, „weil jeder nur die Vorteile des anderen und die eigenen Nachteile sieht“[7] und lässt Misstrauen entstehen. Das Bruderverhältnis kann als Konkurrenzsituation betrachtet werden.

Mit dem Anfangssignal Und es geschah nach einiger Zeit (Elberfelder Bibel) wird die Haupthandlung, der Mord in den Versen 3 bis 8, eingeleitet. Diese feste Sprachformel bereitet ein neues Geschehen vor.

Die Brüder bereiten Gott ein Opfer. Mit seinen Opfern aus den Früchten des Ackerbodens (Elberfelder Bibel) verzichtet Kain auf einen Teil des Ertrages der Felder, um anzuerkennen, dass der Erntezuwachs als Segen zu betrachten ist. Ob die Opfergabe in Form des Hingebens, Vernichtens oder Zurücklassens geschieht, wird nicht thematisiert. Außerdem ist unklar, ob die Brüder einen oder zwei Opferaltäre verwenden. In gleicher Weise brachte [Abel] von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett (Elberfelder Bibel). Abel opfert das Fett, eine hoch geschätzte Energiequelle. In den untersuchten Übersetzungen treten keine bedeutungsrelevanten, sprachlichen Unterschiede hervor. Dass die Reaktion Gottes auf die Opfergaben eine Ungleichbehandlung der Brüder nach sich zieht, wird erwähnt, aber nicht erklärt. „Der spärlich entwickelte narrative Rahmen an dieser Stelle dient in erster Linie dazu, eine Situation zu erzeugen, die Kain emotional verwundet zurücklässt und in der er sich gegenüber seinem Bruder zurückgesetzt sieht.“[8] In der Forschung werden mehrere Ansätze diskutiert, die Kains Zorn herleiten. Zum einen könnte Kain die unterschiedliche Wertschätzung der Opfer durch eine andere Form oder das Ausbleiben des aufsteigenden Rauches erkennen. Zum anderen könnten für Abel im folgenden Jahr bessere Erträge folgen als für Kain. Diese Annahme wird allerdings zumeist verworfen, da es sich um eine emotionale Affekthandlung Kains handelt. Der Hebräerbrief sieht den Glaube Abels als stärker an und erkennt darin die Ursache für die Ungleichbehandlung Gottes. Eine weitere These kann aus der jüdischen Tradition gezogen werden, welche die Qualität der Opfergaben betrachtet. Gott verlangt Fleisch und besonders Fett gilt als qualitativ hochwertige Gabe.[9]

Die affektgesteuerte Reaktion überkommt Kain: er wurde sehr zornig (Elberfelder Bibel), es überlief ihn ganz heiß (Einheitsübersetzung), er ergrimmte sehr (Lutherbibel). Die Emotion Kains wird sprachlich unterschiedlich dargestellt, in allen drei Fassungen ist aber die Konsequenz, dass sich sein Blick senkt. Die Senkung des Blickes kann als Abwendung, Verweigerung oder Kontaktabbruch zu Gott verstanden werden. Ein Blickkontakt wäre mit einer Segenszuwendung gleichzusetzen, dieser wendet sich Kain jedoch deutlich ab. In der wörtlichen Rede Gottes spricht Gott gegenüber dem frustrierten Kain eine Warnung aus: Ist es nicht so, wenn du recht tust, erhebt es sich? Wenn du aber nicht recht tust, lagert sie Sünde vor der Tür (Elberfelder Bibel). Angenommen werden kann eine Anspielung auf die Senkung des Blickes. Die lauernde Sünde wird als der gefährlichste Dämon vorgestellt, ist aber dennoch beherrschbar. Im metaphorischen Sinn muss der Mensch der Sünde keinen Eintritt in sein Haus gewähren.

„Der Fromme, der in rechter Weise gelingend handelt und dessen Verhältnis zu Gott in Ordnung ist, kann dies auch durch ein freies, offenes Angesicht nach außen tragen. Wer aber nicht fromm ist, nichts Gutes bewirkt und wessen Verhältnis zu Gott belastet ist, steht dauernd in Gefahr, von der Sünde als einem an der Türschwelle lagerndem Dämon heimgesucht zu werden.“[10]

Krauss und Küchler (2003) interpretieren diese Aussage so, dass Kain Herr über sich und die Sünde werden solle und könne.[11] Dieses eingefügte, hebräische Modalverb stellt diesen Anspruch dar. Es kann sowohl mit können als auch mit sollen übersetzt werden. Die Elberfelder Bibel wählt das Verb sollen, die Einheits- und Lutherübersetzung verzichten und bedienen sich stattdessen dem Imperativ. Erkenntlich wird in allen drei Fassungen, dass der Druck von Seiten Gottes besteht, die Sünde nicht Überhand gewinnen zu lassen. Gott tritt in dieser Situation in die Rolle eines intimen Gesprächspartners, denn „Zorn ist keine angemessene Reaktion Kains darauf, dass sein Opfer abgelehnt wurde.“[12] Er unternimmt einen dialogischen Versuch Kain an seinem nachfolgenden Vorgehen zu hindern.

Dennoch bittet Kain seinen Bruder Abel mit ihm auf das Feld zu gehen. Die in der Elberfelderübersetzung entsprechend dem hebräischen Text fehlende wörtliche Rede, die allerdings in der Septuaginta niedergeschrieben und somit in der Einheitsübersetzung und der Lutherbibel einfügt ist, stellt sicher, dass die Tat nicht gesehen und gehört werden kann, da sie draußen auf dem Feld stattfindet. Dort erschlägt Kain seinen Bruder. Die wörtliche Rede an dieser Stelle ist für das Verständnis nicht zwingend erforderlich, ihr Fehlen lässt den Text „an dieser Stelle seltsam unterbrochen wirk[en]“[13]. Die Erwähnung des Mordes ist sachlich und knapp.

In den Versen 9 bis 12 verhört Gott Kain und ahndet das Geschehen.

Durch die Frage Wo ist dein Bruder Abel? eröffnet Gott Kain eine Chance den Brudermord zu gestehen. Stattdessen greift Kain zu einer Lüge: Ich weiß es nicht. Dass Gott nicht getäuscht werden kann und dass das heimliche Verbrechen nicht vor ihm verborgen blieb, ist in seiner Aussage beziehungsweise Frage was hast du getan erkenntlich. Die Elberfelder Bibel formuliert diesen Satz als Aussage (was hast du getan!), wohingegen die Einheits- und Lutherübersetzung eine Formulierung als Frage (was hast du getan?) wählen. Als Aussage formuliert schließt diese grammatische Frage eine erneute Möglichkeit der Rechtfertigung Kains aus. Kain erfährt Gottes Allwissenheit und ist dieser ausgeliefert. Als Frage wäre dieser Satz rhetorisch zu verstehen, da Kain kein Antwortspielraum gewährt wird. Eine Frage hat in dem Text dieselbe Funktion der Aussage, sodass diese als treffender für den Dialog geltend gemacht werden kann.

Die Personifizierung des Blutes, welches zu Gott schreit, steigert die Grausamkeit der Tat. In der Lutherbibel wird sogar explizit von der Stimme des Blutes gesprochen, sodass anzunehmen ist, dass ihr der erschlagene Abel innewohnt. Er schreit zu Gott, so dass dieser die Tat richtet.

Die Konsequenz ist eine individuelle Bestrafung Kains in Form eines Fluches. Dieser verhindert eine Sesshaftigkeit, denn Kain soll unstet und flüchtig (Elberfelder Bibel, Lutherbibel) oder rastlos und ruhelos (Einheitsübersetzung) sein. Das Land kann Gewalt und Blutvergießen nicht ertragen, sodass die Folge die Beseitigung des Täters aus seinem Lebensraum ist.[14]

Die Verse 13 bis 16 stellen Kains Klage dar.

Mit dem Bewusstsein über ein Leben in Rastlosigkeit und ohne die schützende Nähe Gottes klagt Kain gegenüber Gott von seiner Strafe (Elberfelder Bibel, Lutherbibel) beziehungsweise Schuld (Einheitsübersetzung). Die Übersetzung lässt sowohl das Wort Strafe als auch Schuld zu. Die Strafe verweist auf den von Gott auferlegten Fluch, welcher Kain nicht tragbar erscheint, und stellt Kain in die Rolle eines passiven Opfers. Das Gefühl der Schuld vollzieht sich in dem Gewissen Kains, entsteht durch das Blut Abels, das auf den Feldern schreit und ist beständig, auch wenn kein anderer Mensch die Tat bezeugen kann. Kain wird hierdurch in eine aktive Rolle hineingezogen, da er um die Konsequenzen seines Vergehens weiß. Beide Übersetzungsmöglichkeiten bewirken in Kain ein Aufkommen der Emotion Angst und sind möglich, da im hebräischen Verständnis „jeder Schuld die Sanktion bzw. die Tatfolge bereits innewohnt“[15].

Kains Angst, von jedem, der ihn findet, erschlagen zu werden, präsentiert das derzeitige Gesellschaftsbild. Isolierte Einzelpersonen sind leichte Opfer der Gesellschaft. Es ist davon auszugehen, dass die Erde bereits von anderen Menschen bevölkert ist, sodass hier kein direkter Bezug zu den Eltern Adam und Eva hergestellt werden muss.

Die Klage Kains, in der er diese Informationen über seine Gefühle preisgibt, unterliegt dem exakten Muster der dreifachen Klageform. Dadurch wird er von Gott erhört.[16] Ohne den Fluch aufzuheben stellt Gott Kain aber unter seinen besonderen Schutz. Durch ein Zeichen, welches nicht näher definiert ist, droht einem Mörder Kains eine siebenfache Ahndung. Die Zahl Sieben symbolisiert die Vollständigkeit und steht für die Vollendung seines Wirkens in Bezug auf Kain.

Durch die Ortsveränderung in Vers 16 wird die Handlung abgeschlossen. Kain bewegt sich aus der Segenssphäre Gottes heraus. Ein Land Nod ist nicht bekannt, allerding kann die Bezeichnung ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort für ruhelos darstellen.

Folgend beginnt eine Genealogie, die die Anfänge der Zivilisation darstellt.[17]

2.2 Semantische Analyse

Eine Analyse der Wortfelder stellt die Beziehung zwischen Wörtern und Objekten heraus und führt zu einem intensivierten Verständnis des Textes.

Zum ersten ist das Wortfeld des Bruders zu nennen. Siebenmal wird in der Erzählung das Wort Bruder verwendet, in jedem Kontext ist mit Bruder ein Verweis auf die Figur Abel gemeint. Das Bruderverhältnis scheint dadurch vollkommen. Hauptfigur ist Kain, Abel steht vollständig in der Rolle des Bruders und bekommt somit nur einen nebensächlichen Auftritt.

Obwohl sich Christen als Brüder und Schwestern bezeichnen, behält das alttestamentlich-jüdische Bruderverständnis seine genealogische Bedeutung. Erst im Neuen Testament weitet sich das Verständnis durch die Bruderliebe gegenüber Mitchristen und Mitmenschen auf ein allgemeines Bruderschaftswesen aus.[18]

Das Verhältnis zwischen Brüdern gilt dennoch „als besonders geschützt, jede Verletzung verwerflich“[19]. Aus diesem Grund ist der Mord, weil er unter Geschwistern geschieht, als stark sündhaftes Vergehen anzusehen. Trotzdem werden niemals sprachlich anderweitige, wertende Bezeichnungen für die Brüder verwendet. Die Darstellung der Menschlichkeit und Brüderschaft steht im Vordergrund der Erzählung.

Darüber hinaus ist das Ernähren und Wirtschaften als zweites, bedeutendes Wortfeld zu nennen. Abel ist ein Schafhirte, Kain ein Ackerbauer. Fortwährend erfolgt ein Verweis auf die Berufe der Brüder, der Ackerboden gilt als inhaltlich wichtiger Bestandteil und die Erträge als Opfergaben leiten die Handlung ein. Da Hirten in der Regel ein nomadisches Leben führen, wohingegen Ackerbauern sesshaft sind, verfolgen Kain und Abel sehr unterschiedliche Lebenskonzepte. Diese kulturellen Unterschiede bewirken ein Anderssein der beiden Parteien, wodurch langfristig ein Ansatz von Konkurrenz, Misstrauen und Unverständnis begründet werden kann. Einseitiger beruflicher Misserfolg kann in der Konsequenz einen Konflikt verschärfen, sodass die Grundlage von Neid und Eifersucht gelegt ist. Diese Emotionen bewirken letztlich die Gewaltanwendung zwischen den Brüdern. Darüber hinaus kann in den unterschiedlichen Berufen eine Entwicklung einer differenzierten Kultur erkannt werden. In diesem Wortfeld bekommt das Wort Ackerboden einen besonderen Stellenwert. Die Menschheit ist, wie es die Genesis 2 beschreibt, aus Erde bzw. Ackerboden geformt. In dieser Erzählung ist die Erde in Form des Ackerbodens zum einen die Lebensquelle für Kain, da sie durch die Erträge Nahrung spendet, die sowohl dem eigenen Überleben als auch der positiven Gottesbeziehung dient. Zum anderen ist sie der Ort der Ermordung, nimmt daher das Blut Abels auf und verbannt Kain aus seinem Lebensraum. Der Ackerboden fungiert demnach in einer eng an das menschliche Leben gekoppelte Rolle und kann symbolisch als Instanz zwischen Gott und dem Menschen gesehen werden.

2.3 Kontexteinordnung

Die Urgeschichte (Genesis 1-11) ist als separater Teil des Alten Testamentes zu betrachten. Da sich in folgenden Erzählungen keine Verweise auf urgeschichtliche, inhaltliche Bestandteil auffinden, ist von einer Spätdatierung dieser auszugehen. Die Urgeschichte wurde dem Alten Testament in ihrer heute bekannten Form im Nachhinein vorgeschaltet.

Die Erzählung von Kain und Abel, Genesis 4, 1-16, bildet eine geschlossene Einheit, die in den Gesamtkontext der biblischen Urgeschichte einzuordnen ist. Sie folgt der Erzählung des Ursündenfalls Adam und Evas und ihrer Vertreibung aus dem Paradies (Genesis 3). Der dort geschilderte Sündenfall wird durch den in Genesis 4 thematisierten Brudermord gesteigert und geht bis hin zu der Erzählung von Noah und der Sintflut (Genesis 6).

Genesis 3 und 4,1-16 sind von einem parallelen Aufbau geprägt. Es ist anzunehmen, dass beide Texte in Ergänzung zueinander stehen. Auch inhaltlich sind Parallelen auszumachen, denn beide Texte schildern Grundsünden der Menschheit. Die Sünde in Genesis 3 richtet sich gegen Gott, wohingegen in Genesis 4 der Mensch gegen seinen Mitmenschen sündigt.[20] Gott straft die Menschen zunächst individuell (Genesis 3 und 4) und später kollektiv (Genesis 6).

Da Kain ein Nachkomme Adams und Evas ist, handelt es sich um einen genealogischen Anschluss dieses Kapitels an das vorherige. Die Erzählung wird ebenfalls genealogisch fortgeführt, da zunächst auf die Nachkommenschaft Kains, daraufhin auf die Geburt Sets, eines weiteren Bruders des Kain, verwiesen wird.

3 Entstehungsgeschichte

3.1 Literar- und Formkritik

Die Erzählung von Kain und Abel (Genesis 4, 1-16) ist eine in sich abgeschlossene, kohärente Erzählung. Typische, theologische Einzelheiten lassen schlussfolgern, dass es sich um eine reine vorpriesterliche Erzählung handelt. Diese Erzählung wird in der Forschung zumeist als eigenständiges Werk anerkannt.

Die vorpriesterliche Erzählung (ehemaliger Jahwist), die möglicherweise noch der vorexilischen Zeit entstammt, umfasst in erster Auslegung vermutlich folgende Elemente: Gen. 4, 1-5*. 8. In einer Relecture der Forschung werden Ergänzungen hinzugefügt. Zugeordnet werden können der vorspriesterlichen Erzählung folglich folgende Elemente: Gen 4, 1-5. 6-7. 8. 9-16.[21] Dieser Annahme zufolge ist die gesamte, im Rahmen dieser Arbeit untersuchte Erzählung als vorpriesterlich einzuordnen.

Diese Annahme kann zum einen aus der Gottesbezeichnung ergründet werden. Der Name Jahwe taucht in anderen biblischen Erzählsträngen (Elohist, Pristerschrift) nicht in der Urgeschichte auf. Zudem ist der Charakter, mit dem Jahwe beschrieben wird, in keinem anderen Erzählstrang mit so menschlichen Zügen versehen. Gott spricht den Menschen direkt an und tritt als aktives Gegenüber in die Handlung ein. Im Elohist beispielsweise wäre Gott vornehmlich verborgen.

Zum anderen sind weitere vorpriesterliche Grundmotive zu erkennen. Der Mensch sündigt, wird von Gott zur Rechenschaft gezogen und erhält in der Strafe doch noch die göttliche Gnade in Form eines Schutzsymbols. In den vorpriesterlichen Texten steht das Motiv des Vergebens im Zentrum der Erzählung. Trotz seiner Sündhaftigkeit bleibt der Mensch in der Gnade Gottes.

[...]


[1] Schüle, Andreas: Die Urgeschichte (Gen 1 - 11), Zürich 2009. S. 14.

[2] Krauss, Heinrich; Küchler, Max: Die biblische Urgeschichte (Gen 1 - 11). Das Buch Genesis in literarischer Perspektive, Freiburg, Schweiz, Göttingen 2003. S. 120.

[3] Schüle, 2009. S. 95.

[4] Schüle, 2009. S. 88.

[5] Schüle, 2009. S. 88.

[6] Krauss; Küchler, 2003. S. 121.

[7] Scharbert, Josef; Plöger, Josef G.: Genesis 1 - 11, Würzburg 62005. S. 64.

[8] Schüle, 2009. S. 89.

[9] Vgl. Krauss; Küchler, 2003 sowie Schüle, 2009.

[10] Grünwaldt, Klaus: Gott und sein Volk. Die Theologie der Bibel, Darmstadt 2006. S. 85.

[11] Vgl. Krauss; Küchler, 2003. S. 123.

[12] Schüle, 2009. S. 90.

[13] Schüle, 2009. S. 93.

[14] Ebd. S. 95.

[15] Grünwaldt, 2006. S. 86.

[16] Schüle, 2009.

[17] Krauss; Küchler, 2003 S. 119-127.

[18] Krause Gerhard: Bruderschaften/Schwesterschaften/Kommunitäten. In: Krause, Gerhard; Müller, Gerhard (Hgg.): Theologische Realenzyklopädie. Band VII Böhmische Brüder - Chinesische Religionen, Berlin 1981. S. 196.

[19] Brockhaus-Wissensservice: Bruder. 01.01.2012. URL: http://www.bibliothek.uni-regensburg.de/dbinfo/frontdoor.php?titel_id=11903 (Stand: 20.10.2015).

[20] Vgl. Scharbert; Plöger, 2005. S. 67.

[21] Vgl. Römer, Thomas; Macchi, Jean-Daniel; Nihan, Christophe (Hgg.): Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen, Zürich 2013.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Gottes Gnade im Brudermord. Eine Analyse des Gottesbildes und der Gottesbeziehung in Genesis 4,1-16
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V345597
ISBN (eBook)
9783668357532
ISBN (Buch)
9783668357549
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genesis 4, 1-16, Brudermord, Gottesbild, Gottes Gnade, Gottesbeziehung, Genesis 4 1-16
Arbeit zitieren
Luisa Rottmann (Autor), 2003, Gottes Gnade im Brudermord. Eine Analyse des Gottesbildes und der Gottesbeziehung in Genesis 4,1-16, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345597

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