Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Märchen "Rumpelstilzchen"

3. Eindimensionalität

4. Flächenhaftigkeit

5. Abstrakter Stil

6. Isolation und Allverbundenheit

7. blimation und Welthaltigkeit

8. Resumee

9. Quellenverzeichnis

10.Primärtext „Rumpelstilzchen“, der 3. Auflage der Grimmschen KHM von 1837 folgend

1. Einleitung

Max Lüthi ist wohl einer der bekanntesten Märchenforscher überhaupt. Viele seiner Veröffentlichungen sind dem Märchen gewidmet. So auch sein Buch „Das euro- päische Volksmärchen“1. Hier ordnet er die Merkmale der Märchen in fünf große Hauptkategorien ein, die er Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, abstrakter Stil, Iso- lation und Allverbundenheit und Sublimation und Welthaltigkeit nennt. Rumpelstilz- chen gehört als grimmsches Kinder-und Hausmärchen zu der Literatur, welcher Lü- thi seine Aufmerksamkeit im „europäischen Volksmärchen“ gewidmet hat.

Ich habe es mir nun zur Aufgabe gemacht nachzuprüfen, ob alle diese Hauptkategorien Lüthis auf das Märchen „Rumpelstilzchen“ zutreffen oder ob es Abweichungen oder Atypisches gibt, und werde diese benennen. Da sich Lüthis Ergebnisse auf eine sehr große Märchensammlung beziehen, kann ich mir vorstellen, dass viele, wenn nicht gar alle seiner Erkenntnisse zwar allgemein auf das „europäische Volksmärchen“ zutreffen, sich aber nicht alle in jedem einzelnen Märchen wiedererkennen lassen. Vielleicht sind manche von Lüthi genannte Aspekte in „Rumpelstilzchen“ zu berichtigen oder sogar zu widerlegen.

2. Zum Märchen "Rumpelstilzchen":

Bereits im Jahr 1806 begannen Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) auf Anregung und unter Anleitung des romantischen Dichters Clemens Brentano (1778-1842) in Kassel mit dem Sammeln und Aufzeichnen von Volksmärchen. Die Brüder Grimm sammelten hier im Kontext der romantischen Bewegung mit ihrem Sinn für volkstümliche Literatur und altdeutsche Dichtung die sog. Kinder- und Hausmärchen, die sie 1812 und 1815 veröffentlichten.2 Bereits 1812 war das Märchen "Rumpelstilzchen" Bestandteil ihrer Sammlung. Jacob Grimms früheste Niederschrift dieses Märchens stammt von 1808, wobei er die mündliche Überlieferung pauschal als hessisch bezeichnete. Im KHM-Erstdruck von 1812 finden sich bereits Einflüsse aus Beiträgen der Kasseler Apothekerstochter Dortchen Wild und der Geschwister Hassenpflug mit hugenottischer Abstammung ( diese kannten wohl das 1705 von Mlle L´Héritier veröffentlichte Märchen "Ricdin Ricdon", das inhaltlich große Ähnlichkeit aufweist).3

Erst in der zweiten Auflage der KHM von 1819 zerreißt sich der Dämon am Ende. Diese Variante trug Lisette Wild aus o.g. Apothekerfamilie bei.4

3. Eindimensionalität

Lüthis Aspekt der Eindimensionalität des Märchens trifft auch auf Rumpelstilzchen zu. Hier begegnet der Märchenheld - die schöne Müllerstochter - einer jenseitigen Gestalt in Form eines Männleins mit den Kräften, Stroh zu Gold zu spinnen, wundert sich aber weder über sein plötzliches Erscheinen, noch über seine numinosen Kräf- te. Für sie scheint es zur selben Dimension zu gehören. Das innere Erleben ist bei den Märchenfiguren nicht vorhanden. Das Mädchen beginnt sofort mit Rumpelstilz- chen zu sprechen, ohne es über seine Herkunft o.ä. zu befragen. Ihr fehlen sowohl numinose Angst als auch numinose Neugier. Sie verkehrt also mit diesem Jensei- tigen, als ob er ihresgleichen wäre.5 Lüthi spricht auch davon, dass der Märchenheld folglich nicht als Staunender, sondern als Handelnder auftritt, in dem sich weder Verwunderung noch Verzweiflung regen.6 Die Müllerstochter handelt dem Verlauf des Märchens entsprechend zwingend richtig, hat aber weder Zeit noch Anlage sich über Seltsames zu wundern.7 Ihre Tränen gehören nach Lüthi folglich nicht zu ihrer Gefühlswelt, sondern sind eine korrekte Handlung, die das Erscheinen des Männleins auslösen. Kann aber wirklich überhaupt nicht von Gefühlswelt der Müllerin gesprochen werden, wenn es im Text heißt „Da saß nun die arme Müllerstochter, und wußte um ihr Leben keinen Rat, [...] und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing“? Oder „Da war die Königin ganz froh daß sie den Namen wußte“ oder auch „Die Königin erschrak“? Werden hier nicht Gefühle des Mädchens geschildert? Für mich diskutable Textpassagen.

Allerdings fehlen an anderen Textstellen Gefühlsregungen, die vom Leser eigentlich erwartet werden: Warum z.B. heiratet sie den König, der ihr vorher mit dem Tod ge- droht hatte, wenn sie seine Aufgaben nicht löst? Der sie nur aus Habgier zur Frau nimmt? Ist sie erleichtert, wenn sie erkennt, dass sie der Bedrohung durch den König entgangen ist? Ist sie dem Männlein dankbar? Hierbei handelt es sich um Fragen, die nicht für die Handlung des Märchens von Bedeutung sind. Die Müllers- tochter handelt zwar zwingend richtig, aber warum und wie sie sich dabei fühlt, ist ir- relevant.

Lüthi spricht bei der Eindimensionalität auch davon, dass nur das Mittel der räumli- chen Entfernung dazu eingesetzt wird, zwischen Diesseitiigem und Jenseitigem zu unterscheiden. Der Märchenheld begegnet dem Numinosen nur auf der Wanderschaft oder in der Ferne, nie bei sich zu Hause. Der Müller bringt seine Tochter ebenfalls von zu Hause zum König, wo ihr Rumpelstilzchen begegnet. So „werden Diesseits und Jenseits wenigstens örtlich auseinandergerückt.“8

4. Flächenhaftigkeit

Nach Lüthi ist das Märchen „in jedem Sinne ohne Tiefengliederung. Seine Gestalten sind Figuren ohne Körperlichkeit, ohne Innenwelt, ohne Umwelt; ihnen fehlt die Be- ziehung zur Vorwelt und zur Nachwelt, zur Zeit überhaupt.“9 Bereits den Gegen- ständen, die im Märchen vewendet werden, fehlt die Tiefe: Federn, Ringe, Schlüssel (der Tendenz nach lineare Figuren) findet man. Auch die Müllerstochter gibt Rumpel- stilzchen erst einen Ring, dann ein Halsband. Hieran erkennt man auch, dass die Gegenstände im Märchen meist einen einzigen Zweck erfüllen und weder vorher noch nacher in der Handlung Erwähnung finden. Allerdings entspricht für mich das Spinnrad, an dem das Männlein Stroh zu Gold spinnt, nicht dieser „flächenhaften“ Theorie. Die verwendeten Spulen haben eher eine lineare Form.

Bereits angesprochen wurde die seelische Tiefe, die den Figuren fehlt. So vergießt die Müllerstochter zwar Tränen, aber nur, wie oben genannt, um die Handlung voranzutreiben. „Eigenschaften und Gefühle sprechen sich in Handlungen aus - [...] Die Gefühlswelt als solche fehlt der Märchenfigur, und somit geht ihr seelisch jede Tiefe ab.“10 Aber auch die körperliche Tiefe gibt es nicht: Die Körper der Märchenfiguren können zwar verletzt oder gar verstümmelt werden, aber weder Schmerz noch Blut o.ä. werden geschildert. So reißt sich am Ende Rumpelstilzchen selbst in der Mitte durch. An und für sich eine schauerliche Vorstellung, die aber in dieser Art nicht bewertet wird.

Lüthi bemerkt weiter, dass die Handlung (und mit ihr die Märchenfigur) nur durch die äußere Anregung vorwärts getrieben wird11 und Märchenfiguren im Grunde immer kühl handeln12. Dies entspricht meinen Fragen über die fehlenden Gefühle des Mädchens.

Ein weiterer Aspekt der Flächenhaftigkeit für Lüthi ist die fehlende Umwelt der Figu- ren. Bei Rumpelstilzchen werden weder das Schloss des Königs noch die Räume, in denen das Mädchen eingesperrt ist, näher beschrieben. Selbst der Wohnort des Männchens wird nur dürftig geschildert. Nur die nötigsten Fakten werden erwähnt. Die Isolation des Mädchens ist das Ziel, um die Handlung voranzutreiben.

Ebenso fehlen verwandtschaftliche Bindungen oder gar Beziehungen. Der Müller wird hier erwähnt, weil er der Auslöser der ganzen „Geschichte“ und somit für die Handlung unentbehrlich ist. Die Ehe des Mädchens zu dem König wird nicht näher beschrieben, selbst dann nicht, als sie ihm bereits ein Kind geschenkt hat. In diesem letzten zweiten Teil des Märchens, der mit der Geburt des Kindes beginnt, wird der König als Figur komplett ausgeblendet, da er für den weiteren Verlauf nicht mehr re- levant ist. Auch „die Jenseitigen (hier: Rumpelstilzchen) tauchen in dem Augenblick auf, wo sie nötig sind. Meist sind es Einzelgestalten.“13 →Rumpelstilzchen erscheint „wie gerufen“ (durch die Tränen des Mädchens), tut seine Arbeit und verschwindet so plötzlich, wie er erschienen ist.

Laut Lüthi fehlt die Dimension der Zeit ebenfalls im Märchen. Zwar wird bei Rumpelstilzchen ein Zeitsprung von einem Jahr vollzogen, in der Heirat und Geburt des Kindes geschehen, aber eventuelle Veränderungen, die während dieser Zeitspanne geschehen sein könnten, werden nicht geschildert.

5. Abstrakter Stil

„Die entschiedene Durchführung der Flächenhaftigkeit verleiht dem Märchen Wirklichkeitsferne.“14 Durch den abstrakten Stil, der im Märchen verwendet wird, wird dies noch hervorgehoben. So heben sich in der „flächigen Welt“ die einzelnen Figu- ren scharf umrissen und rein in der Farbe deutlich voneinander ab. Ein unnatürli- cher, „verzauberter“ Eindruck entsteht, den das Märchen erreichen will. Die scharfe Kontur wird dadurch erreicht, dass Dinge nur genannt und nicht beschrieben werden. Rumpelstilzchen wird zwar klein und lächerlich genannt, eine detailierte Beschreibung fehlt. Selbst die Hochzeit des Königs mit der Müllerstochter bleibt un- geschildert. Dinge mit festen Umrissen werden im Märchen genannt (Ring und Hals- band der Müllerstochter), und selbst im tiefsten Wald (eine undefinierte Ortsangabe) wohnt Rumpelstilzchen in einem klar umrissenen Haus und tanzt um ein Feuer, das durch seine Farbe und Helligkeit in der Nacht hervorsticht. Lüthi: „...selbst Rumpelstilzchen, das Erdmännlein, wohnt in einem eigenen Häuschen.“ Die Müllerstochter ist in klar umrissenen Räumen mit Wänden gefangen, ihr Leben spielt sich fortan (vermutlich) in einem Schloss ab. Genau so verhält es sich bei der Selbstvernichtung des Männleins am Schluss: „Wir sehen die „symmetrisch und linienscharf getrennten Hälften, denen kein Blut entfließt und die nichts von ihrer Formbestimmtheit verlieren.“15

Die selbe Wirkung haben die vielen Mineralisierungen und Metallisierungen im Mär- chen: Vieles ist aus formstarrem, festem Material wie Stein, Eisen, Glas, Edelme- tallen, die alle eine scharf umrissene Vorstellung auslösen und eine bestimmte Gestalt geben sollen. Bevorzugt wird vor allem das Kostbare wie Gold. Nicht nur durch das Metallische hebt es sich ab, sondern wirkt durch seine Seltenheit und Kostbarkeit noch isolierter und hervorgehobener. Nicht umsonst soll das Mädchen das viele Stroh ausgerechnet zu Gold spinnen.

Starke Konturen finden sich ebenfalls im Handlungsstrang des Märchens. Ein strenges Nacheinander der Erzählweise gestattet eine vollkommene Übersicht. Dass der Märchenheld in seinem Wesen ein Wanderer ist und auf seiner Wanderschaft nacheinander die Handlung durchläuft, unterstreicht diesen Aspekt.

Ebenso kontrastreich sind die Aufgaben und drohenden Strafen, die dem Märchenhelden widerfahren: bei Rumpelstilzchen soll die Müllerstochter gleich drei Räume (einer größer als der andere) zu Gold spinnen, ein Traum der Menschheit. Andernfalls erwartet sie der Tod als Strafe. Hier können sowohl Aufgabe und Strafe als Extreme nicht übertroffen werden.

Das Abstrakte wird durch die verwendeten starren Formeln betont. So ist in Rumpel- stilzchen mehrmals die Dreizahl vertreten: die Müllerstochter muss dreimal Stroh zu Gold spinnen; Rumpelstilzchen zieht dreimal an der Spule bis sie voll ist; als Königin hat die Müllerstochter drei Rateversuche, um Rumpelstilzchens Namen herauszu- finden; am dritten Tag nennt sie seinen Namen als dritten. Die Erlösung kommt also als letztes Glied einer Dreiheit.16 Auch Wiederholungen mit genau demselben Wort- laut haben den abstrahierenden Effekt. Lüthi drückt dies wie folgt aus: „... es (das Märchen) erstrebt die abstrakte Bestimmtheit. Das ist auch dann spürbar, wenn es ganze Sätze und lange Satzfolgen wörtlich wiederholt. Wenn dasselbe eintritt, so ist es sinnvoll, es auch mit denselben Worten zu sagen.[...] Die harte, strenge Wieder- holung ist,..., ein Element des abstrakten Stils.“17 Betrachtet man den Text von Rum- pelstilzchen, so ähneln sich gerade die Passagen im Wortlaut sehr, in denen das Mädchen dreimal das Gleiche widerfährt, während sie in der Kammer mit Stroh sitzt.

Lüthi hält auch gereimte Sprüche und die formelhaften Anfänge und Schlusssätze im Märchen für formfestigend. Hier lassen sich der Ausspruch des Männleins er- kennen („Heute back ich, morgen brau ich...“), sowie der Anfang „Es war einmal...“.

[...]


1 Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Reihe UTB für Wissenschaft. 10. Auflage, A. Francke Verlag, 1997, Thübingen

2 Rölleke, Heinz (Hg.). Brüder Grimm Ausgewählte Märchen. Suhrkamp Basisbibliothek, 1. Auflage 1998, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1985, S. 91

3 a. a. O. S. 120

4 a. a. O. S. 121

5 Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Reihe UTB für Wissenschaft. 10. Auflage, A. Francke Verlag, 1997, Thübingen S. 9

6 a. a. O. S. 9

7 a. a. O. S. 10

8 a. a. O. S. 11

9 a. a. O. S. 13

10 a. a. O. S. 15

11 a. a. O. S. 16

12 a. a. O. S. 17

13 a. a. O. S. 20

14 a. a. O. S. 25

15 a. a. O. S. 27

16 a. a. O. S. 33

17 a. a. O. S. 33

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Literaturwissenschaftliches Hauptseminar
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V34604
ISBN (eBook)
9783638347815
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des Märchens "Rumpelstilzchen" streng orientiert an den Kategorien Lüthis: Einleitung, Flächenhaftigkeit, Abstrakter Stil, Isolation und Allverbundenheit, Sublimation und Welthaltigkeit aus seinem Buch "Das europäische Volksmärchen".
Schlagworte
Analyse, Märchens, Rumpelstilzchen, Lüthi, Literaturwissenschaftliches, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Verena Decker (Autor), 2005, Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34604

Kommentare

  • Gast am 16.10.2005

    Hilfestellung.

    Hallo,
    als Autorin dieser Arbeit stehe ich gerne für weitere Fragen zu diesem Thema oder zu meiner Arbeit zur Verfügung. Schreiben Sie eine Mail an vdecker@gmx.de
    Viele Grüße
    Verena Decker

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Titel: Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi



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