Die Frage nach der Motivation der Täter in Daniel J. Goldhagens "Hitlers Willige Vollstrecker"


Hausarbeit, 2010

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik an Goldhagens Arbeit
2.1 Quellenarbeit
2.2 Methode
2.3 Schreibstil/Emotionalisierung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Literatur

1. Einleitung

„Das gerade erschienene Werk des jungen Havard-Professors Daniel Jonah Goldhagen, ‚Hitler’s Willing Executioners’ (Hitlers willige Vollstrecker), ist eine der Provokationen, die mitten in die großen Debatten führen.“[1] Mit dieser Aussage griff Volker Ullrich der deutschen Reaktion auf Goldhagens Buch weit voraus. Die Debatte um das Werk, bei dem es sich um die überarbeitete Dissertation Goldhagens handelte, erreichte allerdings nicht die Qualität des Historikerstreits der achtziger Jahre; wie Ullrich meinte. Hier stellt sich die Frage, warum dieses Potential nicht gegeben war. Das Thema und dessen, in vielen Reaktionen als provokativ angesehene, Präsentation durch Goldhagen, hätte genug Stoff zur Diskussion geboten.

Im Kern ging es in ‚Hitlers willige Vollstrecker’ (im Folgenden: HWV) um die Frage der individuellen Motivation der Exekutoren des Holocaust. Jener ganz normalen Männer, welche tatsächlich den Finger am Abzug hatten. Deren Intention zu begreifen konnte der historischen Aufarbeitung und dem Verstehen der grausamen Geschehnisse um die Massenvernichtung von Menschen in der zweiten Hälfte der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland nur dienlich sein. Dass Goldhagens Ausführungen diesem wichtigen Ansatz der Holocaust-Forschung nur bedingt Rechnung trugen, lag daran, dass seine Studie als Grundlage weiterführender wissenschaftlicher Arbeit denkbar ungeeignet war. Eine mangelhafte, einseitige Quellenarbeit, methodische Diskrepanzen und ein scheinbar intentional emotionalisierender Schreibstil machten dies deutlich, was im Verlauf dieser Arbeit zu zeigen sein wird. Der Mangel an Wissenschaftlichkeit führte zu einer breiten, überwiegend negativen Kritik von HWV von deutschen Historikern. Jedoch war die Resonanz in der deutschen Öffentlichkeit, gemessen an den Verkaufszahlen des Buches ungeheuer groß.[2] Die in der Presse stattfindende Debatte zwischen dem Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe, Ende März 1996, und der translierten Ausgabe, am 08.August 1996, trug maßgeblich zu diesem Erfolg bei.[3] Initiiert wurde sie hauptsächlich durch Publikationen in der ‚Zeit’.[4]

Um sich den in HWV getroffenen Aussagen kritisch zu nähern, ist es unumgänglich sich mit der Arbeit Christopher Brownings auseinanderzusetzen.[5] Dieser stützte sich bei seinen Untersuchungen des Polizeibatallions 101 auf dieselbe Quellengrundlage welche Goldhagen zur Verfügung stand; dabei handelte es sich vornehmlich um die Akten der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg (ZstL). Bei der Untersuchung nahezu identischen Materials erzielten beide Arbeiten aber durchaus unterschiedliche Ergebnisse.

Bei Ruth Bettina Birn und Volker Rieß handelt es sich um dezidierte Kenner o.g. Quellen. Aufgrund langjähriger Forschungen in den Archiven der ZStL und der daraus resultierenden Kenntnis von deren Beständen, entwickelten sie eine differenzierte Einschätzung der Qualität von Goldhagens Quellenarbeit.[6] Aus der Zusammenlegung zweier Arbeiten von Ruth Birn und Norman G. Finkelstein entstand die Studie „Eine Nation auf dem Prüfstand“. Diese stellte die kontroverseste Antwort auf Goldhagens Werk dar. Deutlich zeigte sich dies in Form einer Klageandrohung gegen Birn, als Reaktion Goldhagens auf ihren darin wieder veröffentlichten Artikel.[7] Finkelstein, seinerseits der wohl schärfste Kritiker von Goldhagens Werk, warf diesem an anderer Stelle vor im Rahmen der Veröffentlichung von HWV „Vortragstourismus“ zu betreiben.[8]

Eine sehr aufschlussreiche Analyse von HWV lieferte ein Aufsatz von Dieter Pohl.[9] Ausgehend von einem umfangreichen Abriss der Holocaust-Forschung, von den ersten Veröffentlichungen der Nachkriegszeit bis hin zu den Forschungsansätzen der späten 1990er Jahre, setzte Pohl sich fundiert mit den in HWV aufgestellten Thesen auseinander. Pohl lobte Goldhagens Ansätze, kritisierte aber deutlich den offensichtlichen Mangel an Wissenschaftlichkeit in dessen Arbeit.[10] Im Hinblick auf die methodische Herangehensweise stellte Pohl die Frage, ob Antisemitismus und nationalsozialistische Ideologie als einzig hinreichende Erklärungen für ein Phänomen wie den Massenmord an den Juden in Europa angesehen werden könnten.[11]

Anhand der Kritiken von Birn, Finkelstein, Pohl und Hans Mommsen – der sich ebenso eingehend mit der NS-Vergangenheit beschäftigte und zudem ein persönliches Verhältnis zu Goldhagen und dessen Familie unterhielt – soll gezeigt werden, dass HWV mehr einen Aufschrei als eine wissenschaftliche Arbeit darstellte. Eine Aufforderung dahingehend, sich intensiv mit der individuellen Schuld der deutschen Täter zu befassen; ein Feld der historischen Forschung, welches nach Meinung von Daniel Goldhagen bis dato nahezu gänzlich vernachlässigt worden war. Das die von Goldhagen aufgeworfenen Fragen nach der Individualschuld der - insbesondere – deutschen Vollstrecker des Holocaust auch heute noch immer wissenschaftliche untersucht werden müssen, steht außer Frage. Veröffentlichungen neueren Datums versuchen diesem Anspruch gerecht zu werden.[12] Doch wird die Suche nach den tatsächlichen Ursachen, bis zur allseitigen Zufriedenheit und Beantwortung aller noch immer drängender Fragen, sobald nicht umfassend abzuschließen sein. Zumindest in diesem Punkt gaben und geben selbst die Kritiker Goldhagen unisono Recht.

2. Kritik an Goldhagens Arbeit

2.1 Quellenarbeit

Grundsätzlich war Goldhagen ein mangelhafter Umgang in Bezug auf die von ihm für seine Arbeit herangezogene Literatur vorzuwerfen. Ruth Birn kritisierte besonders die stark selektive Nutzung von Quellen.[13] Grade für Untersuchungen der Handlungsweisen nicht stationärer Einrichtungen, wie den mobil operierenden Polizeibatallionen, enthalten die Bestände der Archive von Staatsanwaltschaften und dem ZstL, zumeist die einzig verfügbaren Dokumente. Birn wies darauf hin, dass Goldhagen seinen Schlussfolgerungen in HWV eine viel zu geringe Anzahl von Gerichtsakten, und diese teils auch nur fragmentarisch, zugrunde gelegt habe.[14] Beispielsweise sei es, laut Goldhagen, „aus methodischen Erwägungen notwendig“ gewesen, bei seiner Arbeit Prozessakten, die „apologetische Aussagen“ von Tätern enthielten, nicht zu beachten.[15] Doch um die Frage nach Tätermotivation und individueller Schuld klären zu können, ist es unabdingbar, auch Falschaussagen und die Anlässe dafür in die Gesamtbewertung einzubeziehen.[16] An dieser Stelle aber hätten Aussagen von Angehörigen der Polizeieinheiten, die sich zu entlasten suchten, weil sie sich eventuell selbst nicht an Greueltaten beteiligt hatten, Goldhagens monokausalen Erklärungsansatz, des eleminatorischen Antisemitismus als Ursache deutschen Mordens, gestört. Zweischneidig ist in diesem Zusammenhang auch die Anmerkung Goldhagens in HWV im Anhang I zu bewerten, er hätte Fallbeispiele ausgewählt, weil sie „geeignet schienen, bestimmte Antworten zu liefern“.[17]

An einem anderen Beispiel lässt sich aufzeigen, wie sehr Goldhagen die von ihm aus den Quellen gewonnenen Erkenntnisse seiner zielgerichteten Untersuchung unterwarf. Er übernahm, vollkommen unkritisch, die Aussagen zweier Kommandoführer. Diese hatten vor Gericht ausgesagt, sie hätten zusammen mit dem sog. Kommissarbefehl, im Juni 1941, einen allumfassenden Befehl zur Massentötung von Juden erhalten. Birn und Rieß wiesen aber nach, dass diese Aussagen Teil einer „Verteidigungsstrategie“ waren, um Verantwortung innerhalb der NS-Hierarchie nach oben zu verlagern.[18] Damit waren sie durchaus als rein apologetisch anzusehen.

2.2 Methode

Die vergleichende Gegenüberstellung von Quellenmaterial ist ein grundlegendes Element der historischen Forschung. Grade bei der Untersuchung kollektiver Verbrechen, wie der der NS-Diktatur und ihrer Exekutive, ist diese Methode unverzichtbar, um zu verifizierbaren Ergebnissen zu gelangen.[19] Vergleiche einer möglichst großen Anzahl von Aussagen zum selben - oder vergleichbaren - Sachverhalt sind unumgänglich, um aus der Nüchternheit o. g. juristischer Aufzeichnungen Rückschlüsse auf eventuell vorhandene kollektive Motivationen oder Gesinnungen ziehen zu können. Goldhagen räumte selbst ein, es wäre ihm unmöglich gewesen „die Gefühle zu rekonstruieren“, welche die Täter durch die Ergebnisse ihrer Handlungen erfuhren.[20] Auch eine komparative Herausarbeitung der hinreichenden Bedingungen für den Holocaust, um zu erklären, warum diese einzig in Deutschland und zu einem bestimmten Zeitpunkt auftraten, fand in HWV nicht statt.[21]

[...]


[1] Ullrich, Volker: Die Deutschen – Hitlers willige Mordgesellen. Ein Buch provoziert einen neuen Historikerstreit: Waren doch alle Deutschen schuldig?, online in: http://www.zeit.de/1996/16/thema.txt.19960412.xml, 12.04.1996 (Stand: 15.08.2010).

[2] Frei, Norbert: Goldhagen, die Deutschen und die Historiker. Über die Repräsentation des Holocaust im Zeitalter der Visualisierung, in: Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus (Hgg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003, S. 144f.

[3] ebd. S. 142, „PR-Aktion“. Mommsen, Hans: Die Goldhagen-Debatte. Zeithistoriker im Öffentlichen Konflikt, in: ZfG, 54.3, 2006, S. 1063, „Goldhagens öffentliche Werbekampagne“.

[4] vgl. dazu Anm. 1 als „Startschuss“ der Debatte und Goldhagen, Daniel Jonah: Das Versagen der Kritiker, online in: http://www.wiso-net.de/webcgi?START=A60&DOKV_DB=ZEIT&DOKV_NO=
9E1E37864524A8A65366034B9DB8FEEC&DOKV_HS=0&PP=1, 02.08.1996 (Stand: 06.09.2010). Goldhagen wendet sich hier erstmalig an sein deutsches Publikum und ruft quasi zum Kauf seines Buches auf (S. 6).

[5] Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibatallion 101 und die „Endlösung“ in Polen, Hamburg 2002. Deutsche Erstveröffentlichung: 1993.

[6] Birn, Ruth Bettina: Eine neue Sicht des Holocaust, in: Birn, Ruth Bettina; Finkelstein, Norman G.: Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit, Hildesheim 1998, S.137-192. Zuerst veröffentlicht in: The Historical Journal, 40, 1, 1997, S. 195-215.

[7] Hergeht, Andreas: Der beleidigte Daniel J. Goldhagen fühlt sich diffamiert. Er droht Kritikern mit Klage, online in: http://www.wiso-net.de/webcgi?START=A60&DOKV_DB=TAZ&DOKV_NO=
T971108.13&DOKV_HS=0&PP=1 , 08.11.1997 (Stand: 30.08.2010).

[8] Finkelstein, Norman G.: Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird, München 2001, S. 71.

[9] Pohl, Dieter: Die Holocaust-Forschung und Goldhagens Thesen, in: VfZ., 45 (1997), S. 1-48.

[10] Pohl, Dieter: Die Holocaust-Forschung, S. 41 f.

[11] Pohl, Dieter: Die Holocaust-Forschung, S. 35f.

[12] Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt a.M. 2005 und Smith, Helmut Walser: Fluchtpunkt 1941. Kontinuitäten der deutschen Geschichte, Stuttgart 2010. Welzer zur Frage der Tätermotivation, Smith zur Entwicklung des Antisemitismus innerhalb der deutschen Gesellschaft.

[13] Birn: Eine neue Sicht des Holocaust, S. 143, 170.

[14] Birn: Eine neue Sicht des Holocaust, S. 143 und Birn, Ruth Bettina; Rieß, Volker: Nachgelesen. Goldhagen und seine Quellen, in: Heil, Johannes; Erb, Rainer (Hgg.): Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen, Frankfurt/M. 1998, S. 54.

[15] HWV, S. 547.

[16] Birn; Rieß: Nachgelesen, S. 48.

[17] HWV, S. 541.

[18] Birn; Rieß: Nachgelesen, S. 53.

[19] Jäger, Herbert: Makrokriminalität. Studien zur Kriminologie kollektiver Gewalt, Frankfurt a.M. 1989, S.40.

[20] Goldhagen: HWV, S.310.

[21] Finkelstein, Norman G.: Daniel Goldhagens „Wahnsinnsthese“. Hitlers willige Vollstrecker – eine Kritik, in: Birn, Ruth Bettina; Finkelstein, Norman G.: Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit, Hildesheim 1998, S. 30f.

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Details

Titel
Die Frage nach der Motivation der Täter in Daniel J. Goldhagens "Hitlers Willige Vollstrecker"
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Historiographische Kontroversen in der BRD
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V346609
ISBN (eBook)
9783668359635
ISBN (Buch)
9783668359642
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, motivation, täter, daniel, goldhagens, hitlers, willige, vollstrecker
Arbeit zitieren
Jürgen Bartels (Autor), 2010, Die Frage nach der Motivation der Täter in Daniel J. Goldhagens "Hitlers Willige Vollstrecker", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346609

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