Die deutschsprachige Troja-Rezeption in literarischen Werken lässt sich bis spät ins 12. Jahrhundert zurückdatieren, als Heinrich von Veldeke den „Eneasroman“ verfasste. Er gilt als inhaltliche Fortsetzung des von Herbort von Fritzlar geschaffenen „Liet von Troye“ und legte den Fokus auf den Titelhelden Aeneas. In diesen Zeitraum verortet man auch die Versdichtung „Mauritius von Craûn“ eines anonymen Urhebers.
Im Zuge der Arbeit soll unter Berücksichtigung der mittelalterlichen Texte erschlossen werden, welche Rolle der Trojamythos für das Selbstverständnis des ritterlichen Standes spielte. Dazu wird der Trojanische Krieg auf die Attraktivität bezüglich ritterlicher Motive untersucht. Weiter soll erörtert werden, ob und auf welche Weise diese ihren Weg in die mittelalterlichen Texte gefunden haben. Hier ist es spannend herauszufinden, auf welches antike Werk man sich beruft - Homer oder jüngere Vorlagen? Auf einer Metaebene soll außerdem erschlossen werden, welchen Wert die Rückbesinnung auf den Trojanischen Krieg dem Werk bietet. Und Troja somit als Wiege des Rittertums angesehen werden kann.
In diesem Zusammenhang gilt es zu klären, wie präsent der Trojastoff im Gedächtnis der zeitgenössischen Rezipienten war. Hierbei sollte man auch die Rolle des damaligen Geschichtsbewusstseins nicht unterschätzen, daher erfolgt auch eine Auseinandersetzung mit diesem. Unvermeidbar ist es, sich über die Grenzen der Geschichtswissenschaft hinauszubewegen, denn das Eindringen in den mediävistischen Bereich der Germanistik gestaltet sich als unausweichlich, um Rittertum, Minne und Heldentaten besser greifen zu können. In das Feld der Romanistik wird sich diese Arbeit hingegen nicht weit hineinwagen, doch sollte man nicht außer Acht lassen, dass deutsche, literarische Werke meistens auf französische Vorbilder zurückzuführen sind; die Leistung des deutschen Dichters lag nicht in einer Neuschöpfung, sondern in der Übersetzung, welche im Mittelalter eher eine Adaption war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Trojamythos im Mittelalter
2.1 Idee der translatio imperii
2.2 Legitimation der weltlichen Adelsherrschaft
3. Die Quellen des den Trojamythos im Mittelalter
3.1 Homer
3.2 Die römischen Dichter
3.3 Die vermeintlichen Augenzeugenberichte
3.3.1 Ephemeris belli Troiani
3.3.2 Acta diurna belli Troiani
4. Literarisches Potenzial im Kampf um die ideelle Ritterschaft
4.1 Die antiken Helden des Krieges
4.2 Das ritterliche Heldenideal
5. Troja in der mittelhochdeutschen Versdichtung anhand von drei Beispielen
5.1 Mediaevalisierung - das Geschichtsbewusstsein in der Literatur im hohen Mittelalter
5.2 Heinrich von Veldekes Eneas
5.3 Herbort von Fritzlars Liet von Troye
5.4 Mauricius von Craûn
5.4.1 Das die Idee der translatio militiae im Promythion
5.4.2 Die parodierte Trojahandlung im Hauptteil
6. Schlussfazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Trojamythos für das Selbstverständnis des mittelalterlichen Kriegeradels. Ziel ist es, zu analysieren, wie antike Stoffe in mittelhochdeutsche Verserzählungen adaptiert wurden, um ritterliche Identität, politisch-genealogische Ansprüche und ethische Verhaltensmodelle zu konstruieren und zu kritisieren.
- Rezeption des Trojanischen Krieges als identitätsstiftendes Bildungsgut.
- Funktionalisierung des Trojastoffes für die "translatio imperii" und die Legitimation von Herrschaft.
- Das Ideal der "translatio militiae" als Übertragung ritterlicher Werte.
- Die kritische Auseinandersetzung mit höfischer Minne und Ritterschaft anhand von exemplarischen Werken wie "Mauricius von Craûn".
- Der Einfluss mittelalterlichen Geschichtsbewusstseins auf die Literatur.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Ephemeris belli Troiani
Wer der Autor ist, der hinter dieser Fiktion steckt, kann die Forschung bis heute nicht beantworten. Sicher ist nicht einmal die genaue Datierung, wobei man einen Zeitraum zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. annimmt. Das altgriechische Original ging verloren, aber die lateinische Übertragung aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. war im Mittelalter des mittelhochdeutschen Sprachraums spätestens seit dem 11. Jahrhundert bekannt. Eine frühneuhochdeutsche Übersetzung wurde aber erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vollendet. Zusätzliche Glaubwürdigkeit erlangte damals das Werk durch dessen Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte. So wird anfangs angegeben, wie die einst verschollenen und von Diktys beschriebenen Blätter wieder aufgetaucht sind:
„Dein post multa secula conlapso per vetustatem apud Gnoson, olim Cretensis regni sedem, sepulcro eius, pastores quum eo devenissent, forte inter ceteram ruinam loculum stanno affabre clausum offendere: ac thesaurum rati, mox dissolvunt; non aurum, nec aliud quicquarum prœdœ, sed libros ex philyra in lucem prodituri.“ (Dictys, Epistula.)
Durch diesen Kniff wurde im Mittelalter die Faktizität dieser Schrift noch weniger angezweifelt, obwohl die Kriegserzählungen laut Prolog auf abenteuerliche Weise in die Hände des Kaisers Nero geraten, der sie anschließend ins Griechische übersetzen lässt. Weiter wird in einem Prolog erzählt, von wem der Kreter aus Knossos beauftragt wurde, eine Kriegschronik zu verfassen. Auf den ersten Blick wirkt der Text karg und stilistisch arm, aber Merkle durchdringt die Struktur des Textes, sodass man sehr schön erkennen kann, dass der Text vom Aufbau unverkennbar ein literarisches und kein historisches Werk ist. Die Kampfhandlungen werden in all ihrer Grausamkeit geschildert, von Ritterlichkeit und Schonung der Gegner fehlt jede Spur:
„ibi Menelaus Deiphobum, quem post Alexandri interitum Helenae matrimonium intercepisse supra docuimus, exsectis primo auribus brachiisque ablatis deinde naribus ad postremum trancatum omni ex parte foedatumque summo cruciatu necat. dein Priamum Neoptolemus sine ullo aetatis atque honoris dilectu retinentem utraque manu aram iugulat.“ (Dictys, Lib. V, XII.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den zeitlichen Rahmen der Troja-Rezeption und legt die Forschungsfrage zur Bedeutung des Mythos für das ritterliche Selbstverständnis fest.
2. Der Trojamythos im Mittelalter: Dieses Kapitel erläutert die Präsenz des Mythos als Bildungsgut und seine Nutzung zur Legitimierung von Herrschaftsansprüchen.
3. Die Quellen des den Trojamythos im Mittelalter: Es werden die antiken Quellen und die fiktiven Augenzeugenberichte analysiert, die das mittelalterliche Bild von Troja maßgeblich prägten.
4. Literarisches Potenzial im Kampf um die ideelle Ritterschaft: Hier wird untersucht, wie antike Heldenkonzepte in ein ritterliches Ideal überführt wurden.
5. Troja in der mittelhochdeutschen Versdichtung anhand von drei Beispielen: Eine detaillierte Analyse der Troja-Rezeption in spezifischen Werken, inklusive der kritischen Reflexion über "Mauricius von Craûn".
6. Schlussfazit: Das Fazit fasst die Funktionalisierung des Trojamythos über das Mittelalter hinweg zusammen und hinterfragt die Nachhaltigkeit der Instrumentalisierung.
Schlüsselwörter
Trojamythos, Mittelalter, Ritterschaft, translatio imperii, translatio militiae, Heinrich von Veldeke, Herbort von Fritzlar, Mauricius von Craûn, Minne, Geschichtsbewusstsein, Troja, Antike, Heldenideal, Literaturwissenschaft, Adaption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, welche zentrale Funktion die Rezeption des Trojanischen Krieges für das Selbstverständnis des mittelalterlichen Adels hatte und wie dieses antike Erbe in deutschsprachige Literatur integriert wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die Legitimation adliger Herrschaft, die Entwicklung ritterlicher Verhaltenskodizes, die Theorie der "translatio" (Übertragung von Kultur/Herrschaft) und die literarische Auseinandersetzung mit Gewalt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erschließen, wie Troja als "Wiege des Rittertums" konstruiert wurde und ob die literarische Adaption der antiken Stoffe lediglich zur Traditionsbildung diente oder auch als kritisches Instrument fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literatur- und mediävistik-orientierte Analyse, die Primärquellen (Trojaromane) im Kontext historischer Überlieferungen und zeitgenössischer Ideologiebildung untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert neben den antiken Quellen (Homer, römische Dichter, Dares/Diktys) insbesondere drei mittelhochdeutsche Verserzählungen ("Eneasroman", "Liet von Troye" und "Mauricius von Craûn") hinsichtlich ihrer spezifischen Troja-Rezeption.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie translatio imperii, translatio militiae, Mediaevalisierung, Minne und der Trojamythos sind zentral für das Verständnis des Textes.
Welche Rolle spielt der Text "Mauricius von Craûn" in dieser Arbeit?
Das Werk dient als wichtiges Beispiel für eine parodistische Auseinandersetzung mit dem ritterlichen Ideal, da es die "translatio militiae" nutzt, um Kritik an der zeitgenössischen höfischen Minne zu üben.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in "Mauricius von Craûn" von klassischen Trojaerzählungen?
Im Gegensatz zu den anderen Werken nutzt das "Promythion" des Textes das Troja-Motiv, um Ritterschaft positiv zu begründen, während die Haupthandlung durch eine parodistische Darstellung diese Ideale wieder dekonstruiert.
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- Anonym (Author), 2016, Der Trojamythos in mittelhochdeutschen Verserzählungen und seine Bedeutung für den mittelalterlichen Kriegeradel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347044