Der Trojamythos in mittelhochdeutschen Verserzählungen und seine Bedeutung für den mittelalterlichen Kriegeradel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

32 Seiten, Note: 1,00

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung..

2. Der Trojamythos im Mittelalter
2.1 Idee der translatio imperii
2.2 Legitimation der weltlichen Adelsherrschaft

3. Die Quellen des den Trojamythos im Mittelalter
3.1 Homer
3.2 Die römischen Dichter
3.3 Die vermeintlichen Augenzeugenberichte
3.3.1 Ephemeris belli Troiani
3.3.2 Acta diurna belli Troiani

4. Literarisches Potenzial im Kampf um die ideelle Ritterschaft
4.1 Die antiken Helden des Krieges
4.2 Das ritterliche Heldenideal

5. Troja in der mittelhochdeutschen Versdichtung anhand von drei Beispielen
5.1 Mediaevalisierung - das Geschichtsbewusstsein in der Literatur im hohen Mittelalter
5.2 Heinrich von Veldekes Eneas
5.3 Herbort von Fritzlars Liet von Troye
5.4 Mauricius von Craûn
5.4.1 Das die Idee der translatio militiae im Promythion
5.4.2 Die parodierte Trojahandlung im Hauptteil

6. Schlussfazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die deutschsprachige Troja-Rezeption in literarischen Werken lässt sich bis spät ins 12. Jahrhundert zurückdatieren, als Heinrich von Veldeke den Eneasroman verfasste. Er gilt als inhaltliche Fortsetzung des von Herbort von Fritzlar geschaffenen Liet von Troye und legte den Fokus auf den Titelhelden Aeneas. In diesen Zeitraum verortet man auch die Versdichtung Mauritius von Craûn eines anonymen Urhebers. Im Zuge der Arbeit soll unter Berücksichtigung der mittelalterlichen Texte erschlossen werden, welche Rolle der Trojamythos für das Selbstverständnis des ritterlichen Standes spielte. Dazu wird der Trojanische Krieg auf die Attraktivität bezüglich ritterlicher Motive erschlossen werden. Weiter soll erörtert werden, ob und auf welche Weise diese ihren Weg in die mittelalterlichen Texte gefunden haben. Hier ist es spannend herauszufinden, auf welches antike Werk man sich beruft - Homer oder jüngere Vorlagen? Auf einer Metaebene soll außerdem erschlossen werden, welchen Wert die Rückbesinnung auf den Trojanischen Krieg dem Werk bietet. Und Troja somit als Wiege des Rittertums angesehen werden kann. In diesem Zusammenhang gilt es zu klären, wie präsent der Trojastoff im Gedächtnis der zeitgenössischen Rezipienten war.1 Hierbei sollte man auch die Rolle des damaligen Geschichtsbewusstseins nicht unterschätzen, daher erfolgt auch eine Auseinandersetzung mit diesem. Unvermeidbar ist es, sich über die Grenzen der Geschichtswissenschaft hinauszubewegen, denn das Eindringen in den mediävistischen Bereich der Germanistik gestaltet sich als unausweichlich, um Rittertum, Minne und Heldentaten besser greifen zu können. In das Feld der Romanistik wird sich diese Arbeit hingegen nicht weit hineinwagen, doch sollte man nicht außer Acht lassen, dass deutsche, literarische Werke meistens auf französische Vorbilder zurückzuführen sind; die Leistung des deutschen Dichters lag nicht in einer Neuschöpfung, sondern in der Übersetzung, welche im Mittelalter eher eine Adaption war.

2. Der Trojamythos im Mittelalter

Der Trojamythos genoss im hohen Mittelalter nicht nur einen hohen Stellenwert, sondern auch eine hohe Präsenz. Als in der Schule gelehrtes Bildungsgut und historische Wahrheit wurde er am Leben gehalten und erweitert. So zählten die wichtigsten Ereignisse, wie der Raub der Helena, und die wichtigsten Figuren zur Allgemeinbildung.2 Dies geschah in den verschiedensten verschrifteten Formen. So berichteten Chroniken und Enzyklopädien von den Kriegsereignissen. Auf den mittelalterlichen Weltkarten durfte die Markierung der Stadt Troja nicht fehlen.3 Lieder und Gedichte rühmten die Heldentaten und Mühen der Kriegsparteien. Es stellt sich die Frage, warum der Stoff nicht nur so weit verbreitet, sondern in den Köpfen der Zeitgenossen quasi omnipräsent war. Dass der Trojastoff im Mittelalter vor Popularität nur so strotze, hatte mehrere Faktoren: Troja ± der Ort lud wegen seiner exotischen Entfernung den Rezipienten zum Träumen ein. Das hohe Alter war auch ein wesentlicher Faktor, warum der Stoff großes Interesse auf sich zog. Die enge Verflechtung mit der römischen Geschichte machte den Trojanischen Krieg zu einem identitätsstiftenden Merkmal, zumal man sich als Nachfolger des Weströmischen Reiches sah. Im hohen Mittelalter waren Ansätze eines Zeit- und Geschichtsbewusstseins durchaus vorhanden. Dieses war jedoch mehr heilsgeschichtlich als historisch ausgeprägt.4 Man trennte nicht wie seit Ende des 17. Jahrhunderts üblich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, sondern gliederte die Geschichte nach Hieronymus in vier Reiche bzw. nach Augustinus in sechs Weltzeitalter.5 Nach beiden Einordnungen wäre der hochmittelalterliche Mensch am Ende der jeweiligen Periodisierung angelangt, woraufhin das Jüngste Gericht folgen würde.6 Der Untergang der einst mächtigsten Stadt der Welt, wie man glaubte,7 bekam nun die außerordentliche Rolle des Hauptdatums der Weltgeschichte bzw. des ersten beglaubigten Ereignisses der nichtbiblischen Geschichte überhaupt zuteil. Ein weiterer Fixpunkt, mit dem der Mythos in Verbindung stand, war die Stadtgründung Roms. Der Mythos brachte auch dort Licht ins Dunkle, wo die Bibel es nicht vermochte zu erhellen wie die Lawine an Ereignissen, die mit dem Krieg losgetreten wurde, und Stammestradition, die die Ansprüche der Franken schützen sollte.8

2.1 Idee der translatio imperii

Die translatio imperii setzt das Reich der Merowinger und das Alte Reich (römisch-deutsche Reich), das mit der Kaiserkrönung Reichsteilung ansetzt und mit dem Verzicht Franz II. auf die Kaiserkrone 1806 zu Grabe getragen wird, in direkte Nachfolge mit dem Römischen Reich. In der Prämisse mochte zwar der Träger des Reiches wechseln, aber das Reich bleibt nach wie vor bestehen.9 Diese Idee hatte nicht nur eine heilsgeschichtliche Wirkung, da man so das Weltende hinauszögerte, sondern auch eine genealogische, da man durch die Verwandtschaft mit den Römern ebenfalls von den sagenumworbenen Trojanern abstamme.10 Dabei griff man auf die Schrift des Fredegarus Scholasticus zurück, eine Weltchronik, welche die angebliche Abstammung der Franken von den Trojanern dogmatisiert. So kamen die Franken auch zu ihrem Namen. Dieser leitete sich von dem Trojaner Francio (Franko) ab,11 welcher viele Kriege von Troja auf den Weg ins damalige Stammland führte und nie besiegt werden konnte.12 Die für die heutige Historiographie wirre Fabel wurde dennoch als ein wichtiger Baustein für das Selbstverständnis der fränkischen Herrscher.13 Sie wurde im Laufe des frühen Mittelalters fester zementiert. Die spätmerowingische Chronik, Liber Historiae Francorum, aus den Jahren 727-734 lieferte einen Stammbaum der Frankenkönige, sodass die Genealogie bis zurück nach Troia verfolgt werden konnte.14 Nach der Teilung in ein Ost- und Westfrankeich beanspruchte der deutsche Teil die translatio imperii für sich alleine.15 Im Jahr 1080, im hohen Mittelalter, griff das Annolied den Mythos erneut auf und erweiterte die Trojafabel um den Namen Gaius Julius Caesar, welchem Verwandtschaft mit den fränkischen Germanen angedichtet wurde; und das im wahrsten Sinne des Wortes. Bei dem Werk eines namentlich nicht bekannten Mönches handelt es sich um eine sehr ungewöhnliche Gattung, ein in frühmittelhochdeutschen Reimpaarversen verfasstes Geschichtsbuch. Genau 200 Jahre später entwarf der Kanoniker Alexander von Roes das Prosatraktat, Memoriale de prerogativa imperii Romani, in einer Zeit, in der das durch das Interregnum geschwächte Alte Reich, also das römisch-deutsche Reich, seine Vormachtstellung zugunsten Frankreichs einbüßte.16 In dem Werk vertritt der Urheber den Standpunkt, dass das Alte Reich der legitime Nachfolgerstaat des Weströmischen Reiches sei und somit auch einen Anspruch auf die Herrschaft über Frankreich habe. In den Ausführungen baut Priamus mit seinem Heer Xanten (ein neues Troja) und Bonn. Sie nehmen einheimische Frauen, die von Riesen abstammen, zu Gemahlinnen. Somit werden sie schließlich assimiliert. Diese Version war im deutschsprachigen Raum weit verbreitet.17 Nicht das letzte Geschichtswerk, das die Idee der translatio imperii am Leben erhält, ist Küchlins Reimchronik von ca. 1437. Seine Intention war es, die Stadt Augsburg und somit die Bürger mit den Trojanern in Verbindung zu bringen, nachdem schon früher die Städte am Niederrhein sich trojanischen Ursprungs rühmten.18 Weitere Städte wie Nürnberg folgten diesem Beispiel, fanden jedoch keine große Beachtung, weil ein anderer Stand sich bereits unentwirrbar mit der Abstammung vom trojanischen Geschlecht verbunden hatte.19

2.2 Legitimation der weltlichen Adelsherrschaft

Der Ursprung des Kriegswesens wurde als alttestamentarisch angesehen, aber „[d]as Thema [Troja] war insbesondere für den weltlichen Adel interessant: Dessen Selbstverständnis beruhte ganz im wesentlich auf Waffentaten, mit denen Ruhm und Ehre erworben werden konnten.“20 Weiter konnte das Christentum keine Rechtfertigung der herausragenden Stellung des Adels leisten. Nicht die Stammreihe, sondern der Stammvater war von Bedeutung. Da Christus, ohne Nachkommen gezeugt zu haben, am Kreuz endete, konnte man sich nicht auf ihn als Stammvater berufen. Adam und Eva galten als Ahnen des gesamten Menschengeschlechts, eine Berufung auf die ersten Menschen würde also mehr auf eine Gleichstellung als auf eine Sonderstellung hindeuten. Dies würde dem Streben nach Exklusivität zuwiderlaufen. Die Bestrebung, Nobilität durch gute Herkunft zu legitimieren, herrschte schon seit der griechischen Antike, was die altgriechische Vokabel „eugeneia“ bezeugt. So bot der Trojamythos einen Schlüssel in die Zeit der mythischen Heroen, um mit diesen einen genealogischen Zusammenhang herzustellen. Dadurch konnte man an deren Ruhm und Ritterschaft nicht nur anknüpfen, sondern auch daran teilhaben.21 Aeneas, Antenor, Priamus, Francio, Brutus und viele andere wurden in genetischen Zusammenhang gebracht. Ein ihnen gemeinsamer Urahn konnte jedoch nicht ausgemacht werden.22 Abseits der Literatur verfasste der Geschichtsschreiber Gottfried von Viterbo eine Weltgeschichte gegen Ende des 12. Jahrhunderts, als die ersten Adelsgenealogien entstanden. In dieser kleidete er nicht nur Troja in ein ritterliches Gewand, sondern fügte auch noch eine trojanische Herkunftsfabel hinzu. Weiter ging der Reichsgelehrte Peter von Andlau 1460 in seiner Libellus de Cesarea Monarchia. So bezeugte er die Abstammung des gesamten deutschen und germanischen Adels von den Trojanern und Römern. Auf diese Weise war zwar ein Unterschied zu der nichtadeligen Bevölkerung legitimiert, womit man ihnen die Vormachtstellung plausibel machen konnte. Weiterhin problematisch war es jedoch, wenn man sich gegen einen anderen Adeligen durchsetzen wollte, denn argumentativ konnte man somit keinen Stich setzen. Noch dazu wandelte sich der Interessenschwerpunkt der trojanischen Herkunftsfabel mit dem Fortschreiten des Mittelalters. Auf internationaler Ebene waren nun die Ureinwohner wichtig, die sich mit den Trojanern vermischten. So blickte der englische Adel stolz zurück, da sie vermeintlich die direkten Nachkommen von Trojanern und Riesen waren, die das Eiland seit Urzeiten bewohnten und nach der Landnahme der Trojanern von diesen besiegt wurden. Der französische Adel, der große Widersacher im 100-Jährigen Krieg, hatte hier schon größere Sorgen, da die Gallier in der mittelalterlichen Historiographie als Primitivlinge bekannt waren.23 Ein Herrschaftsbereich konnte sich aber nicht auf Troja berufen: das griechische Byzanz.24

Der Dualismus, Griechenland ± Troja, blieb auch so in den Köpfen der Zeitgenossen haften. Ein spektakuläres Beispiel bietet die historische Rechtfertigung für die Plünderung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug im Jahre 1204 durch christliche Kreuzritter. So kann man in der Chronik des Robert de Clari lesen, Troja habe den eigenen Ahnen gehört. Als jetzt lebende Nachfahren der Geflüchteten sei man nun zurückgekehrt, um Vergeltung für die Zerstörung zu üben. Die bei der blutigen Brandschatzung Konstantinopels gemachte Kriegsbeute wurde nach eigener Ansicht quasi nicht requiriert, sondern sei an den rechtmäßigen Besitzer zurückgegangen. Eine andere Ansicht vertrat in dieser Sache natürlich der byzantinische Chronist Niketas Choniates, der von Barbaren schimpft, welche die Stadt überfallen haben und nie und nimmer im Stande gewesen waren die Gesänge des Homers zu lesen. Die Hauptstadt des Oströmischen Reiches konnte sich von der Plünderung nie mehr richtig erholen. So gelang es den Osmanen im Jahr 1453 die Stadt für immer zu erobern. Auch hier sprachen die Invasoren von einem Racheakt der Nachfahren Trojas.25

Dass die Osmanen sich auch auf Troja beriefen, ist war eines von drei Problemfeldern, die die trojanische Abstammung mit sich brachte, nämlich die nahe Verwandtschaft mit den damals nicht gerade populären turki, welche als die schlimmsten Feinde des Christentums galten. Der Name turci geht auf Turcus, dem Enkel des Priamos, zurück.26 Weiter zeugte die Abstammung von Flüchtlingen nicht gerade von Ruhm, welche zugleich noch als Verräter gebrandmarkt waren.27 In der Ilias des Homers findet man aber nichts von Verrat. Was die Frage aufwirft, wie kam man auf die Idee, Troja sei durch Verrat gefallen?28

3. Die Quellen des Trojamythos im Mittelalter

3.1 Homer

Der Name Homer war im Mittelalter mit viel anerkennender Ehrfurcht im Gedächtnis verankert, was erstaunt, denn niemand im Alten Reich des lateinischen Mittelalter las die Epen im Original. Griechischkenntnisse waren nicht vorhanden;29 so blieben die Werke abseits des Byzantinischen Reiches nichts weiter als eine vage, fragmentarische Vorstellung von einem Dichter, den man mit Adjektiven wie verbosus, facundus und doctiloquus hoch in den literarischen Olymp hob. Und auch das ist erstaunlich, schließlich treten in den Epen Götter als dramatis personae auf, was nahezu Blasphemie für das monotheistische Christentum darstellt.30 Er galt zwar als großer Meister, aber gerade die auftretenden Götter kratzten an der Historizität seines Kriegsberichtes, sodass man ihm keine Faktizität zusprach. So wurde die schon von Platon geäußerte Homerkritik wieder aufgegriffen.31 Auch wusste man, dass Homer kein Augenzeuge des monumentalen Ereignisses gewesen war. Ebenso stand in der Kritik, dass er als Grieche die Partei seiner Landsleute ergriffen habe.32 Erst sehr spät, nämlich im Jahr 1488, gingen die griechischen Originale der beiden Epen Homers im Alten Reich in Druck. Im Zuge der Renaissance existierten in Italien schon gegen Ende des 14. Jahrhunderts lateinische Übersetzungen der Werke. Die erste Verschriftlichung in frühneuhochdeutscher Sprache wurde 1537 in Prosaform publiziert, jedoch umfasste diese nur die Odyssee. Es floss noch viel Wasser die Lech hinunter, ehe in Augsburg 1610 auch eine deutsche Versausgabe der Ilias veröffentlicht wurde.33 Den historischen Kern wollte man Homers Schriften nicht absprechen, doch als Quelle für den Trojanischen Krieg wurden diese nicht angesehen. Die folgenden Werke lassen sich hauptsächlich anführen, wenn man auf die Trojakenntnisse des Mittelalters verweisen möchte.

3.2 Die römischen Dichter

Wenig Aufmerksamkeit zu Lebzeiten, im 1. Jahrhundert n. Chr., genoss Italicus Baebus mit seinem Werk der Ilias Latina. Aber dafür avancierte es im 9. Jahrhundert zu den lateinischen „Bestsellern“, zumindest was die Schulbildung betraf. Baebus fasste die Ilias des Homers auf kompakte 1070 Hexameter zusammen. Dabei schaut er auf den Trojanischen Krieg von seiner römischen Perspektive zurück, dies äußert sich, indem er den Aeneas mehr Aufmerksamkeit widmet als der griechische Dichter.34 Bei dieser Reduktion wurden Schwerpunkte gesetzt, so bietet sich Italicus in einem Zehntel seines Gedichtes dem Kampf zwischen Hektor und Achilles. Es bleiben viele Leerstellen, die die mittelalterlichen Dichter eigenständig füllen mussten, besonders wenn es um die Begründung der Personenhandlung ging.35

Vergil schuf sein opus magnum, die Aeneis, mit dem er zum Homer der römischen Welt emporstieg. Den ersten Federstrich setzte er 29 v. Chr. an, in der Blütezeit des Augustus Octavian. Elf Jahre, bis zu seinem Tode, widmete Vergil dem Epos sein Leben und hinterließ es unvollendet. Der Homervergleich bietet sich an, da die ersten sechs Bücher der Aeneis die römische Odyssee und die letzten sechs Bücher die römische Ilias sein wollten, wobei der Hauptheld auch von Homer besungen wird, wenngleich er in der Ilias eher als Statist sein Dasein fristet.36 Aeneas wird als Gründer Roms geradezu zum Heiligen stilisiert; er folgt in der mythischen Vorgeschichte Roms dem Willen der Götter. Ziel des göttlichen Plans ist die Herrschaft des Augustus.37 Die mittelalterlichen Rezipienten konnten wegen fehlender Bekanntheit der Homerischen Epen die vielen intertextuellen Bezüge der Aeneis nicht verstehen, auch die vielen kleinen der Homers Werken nachempfundenen Motive wurden nicht auf deren Ursprung bezogen. Vergil griff das Trojanische Pferd, in dessen Inneren sich die Griechen versteckten, auf. Die List des Odysseus war im Mittelalter zwar geläufig, aber nicht so stark mit dem Fall Trojas verknüpft wie heutzutage.38 1515 wurde die erste deutsche Übersetzung des Epos veröffentlicht.39

Die 8 n. Chr. vollendeten Metamorphosen des Ovid sind ein wahres Lehrbuch für antike Mythologie und Geschichte, zumindest im Mittelalter. Die historische Zeit beginnt mit dem Bau der sagenumwobenen Stadt, führt den gleichnamigen Krieg aus, erzählt von Aeneas und endet bei Augustus. Die Verse von den Verwandlungen haben das Mittelalter geprägt, so wurde die Vorstellung von absteigenden Weltzeitaltern beeinflusst. Einzelne Motive des Trojanischen Krieges, wie der Tod des Herakles, fanden weite Verbreitung, auch im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Literatur. Im Ganzen konnte man das 15 Bücher umfassende Werk in der Landessprache erst ab ca. 1200 auf dem Boden des Alten Reiches lesen. Interessant scheint die Rezeption des Werkes, so wurden die Götter dämonisiert und das Opus in einen christlichen Rahmen verpackt. Die einzelnen mythologischen Geschichten blieben abseits davon auch nicht unberührt, so werden unbekannte durch bekannte Wesen, wie Zwerge, ersetzt und exotische werden von heimischen Tieren abgelöst. Eine frühneuhochdeutsche Übertragung ließ gut 350 Jahre auf sich warten, jedoch stand diese dem Original in keinster Weise näher, da sich Wickram, der Bearbeiter, zwecks fehlender Lateinkenntnisse an die mittelhochdeutsche Variante wagte. Dies sogar mit großem Erfolg, da der Stoff der Metamorphosen in der bildenden Kunst deutlich an Bedeutung gewann.40

[...]


1 Gemeint ist der für die Arbeit wichtige Zeitraum von 1160 bis 1450.

2 Vgl. Jan-Dirk Müller: Das höfische Troia des deutschen Mittelalters, in : Martin Zimmermann, (Hrsg.): Der Traum von Troia. Geschichte und Mythos einer ewigen Stadt, München 2006, S. 135-148, hier S. 135. Abgekürzt: Müller, 2006.

3 Vgl. Michael Borgolte: Europas Geschichten und Troia. Der Mythos im Mittelalter, in: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg u.a. (Hrsg.): Troia. Traum und Wirklichkeit, Stuttgart 2001, S: 190-203, hier S. 191. Abgekürzt: Borgolte, 2001.

4 Vgl. Andreas Hammer: Stadtgründungsmythos und Frühhumanismus. Wandel und Kontinuität im Geschichtsbewusstsein des 15. Jahrhunderts, in: Manfred Eikelmann/ Udo Friedrich (Hrsg.): Praktiken europäischer Traditionsbildung im Mittelalter. Wissen ± Literatur ± Mythos, Berlin 2013, S. 205-227.

5 Die Vier-Reiche-Lehre geht auf die Interpretation einer Bibelstelle aus dem Buch Daniel zurück. Die vier Reiche erachtete man als Nebukadnezars Babylon, Perserreich, das Reich Alexanders und das Römische Reich.

6 Vgl. Christoph Horn: Geschichtsdarstellung, Geschichtsphilosophie und Geschichtsbewußtsein (Buch XII 10 XVIII), in: Ders. (Hrsg.): Augustinus. De civitate dei (= Klassiker Auslegen 11), Berlin 1997, S. 171-195, hier S. 183.

7 Müller, 2006, S. 135.

8 Vgl. Horst Brunner: „Die in jeder Hinsicht sch|nste und beste Stadt“. Deutsche Troialiteratur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, in: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg u.a. (Hrsgg.): Troia. Traum und Wirklichkeit, Stuttgart 2001, S. 212-225, hier S. 212. Abgekürzt: Brunner, 2001.

9 Vgl. Jörg Garber: Trojaner ± Römer ± Franken ± Deutsche >>Nationale Abstammungstheorien im Vorfeld der Nationalstaatsbildung, in: Ders. (Hrsg.): Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit (= Frühe Neuzeit 1), Tübingen 1989, S. 108-163, hier S. 119f.

10 Vgl. Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich (= Urban-Taschenbücher 392), Stuttgart/ Berlin/ Köln 31997, S. 87.

11 Vgl. Müller, S. 136.

12 Vgl. Borgolte, 2001, S. 193.

13 Vgl. Reinhard Schneider: Das Frankenreich (= Oldenbourg Grundriß der Geschichte 5), München/ Wien 1982,

S. 9.

14 Vgl. Kordula Wolf: Troja ± Metamorphosen eines Mythos. Französische, englische und italienische Überlieferungen des 12. Jahrhunderts im Vergleich (= Europa im Mittelalter 13), Berlin 2009, S. 163f.

15 Vgl. Frank-Rutger Hausmann: Translatio militiae sive retranslatio - Crétin de Troyes‘ „Cligés” im Lichte eines altbekannten Topos, in: Maria Lieber/ Willi Hirdt (Hrsg.): Kunst und Kommunikation. Betrachtungen zum Medium der Sprache in der Romania. FS für Richard Baum, Tübingen 1997, S. 417-426, hier S. 425. Abgekürzt: Hausmann, 1997.

16 Vgl. Borgolte, 2001, S. 194.

17 Vgl. Graus, 1987, S. 40f.

18 Vgl. Hammer, 2013, S. 210-212.

19 Vgl. Graus, 1987, S. 41f.

20 Knut Görch: Troia im Mittelalter ± der Mythos als politische Legitimation, in :Martin Zimmermann (Hrsg.): Der Traum von Troia. Geschichte und Mythos einer ewigen Stadt, München 2006, S. 120-134, hier S. 120.

21 Timo Reuvekamp-Felber: Genealogische Strukturprinzipien als Schnittstelle zwischen Antike und Mittelalter. Dynastische Tableaus in Vergils >Aeneis<, dem >Roman d’Eneas <und Veldekes >Eneasroman<, in: Manfred Eikelmann/ Udo Friedrich (Hrsg.): Praktiken europäischer Traditionsbildung im Mittelalter. Wissen ± Literatur ± Mythos, Berlin 2013, S. 57-74, hier S. 59. Abgekürzt: Reuvekamp-Felber, 2013.

22 Vgl. Borgolte, 2001, S. 197.

23 Vgl. Graus, 1987, S. 37-39.

24 Vgl. Borgolte, 2001, S. 197.

25 Vgl. Cobet, 2010, S. 44f.

26 Vgl. Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter. Studien zur Geschichte des Reisens, Göttingen 2014,

S. 71.

27 Hammer, 2013, S. 221.

28 Mit „Homer“ ist der überlieferte Name des Verfassers (oder der Verfasser) gemeint, der vermutlich aus dem kleinasiatischen Jonien stammte und etwa im 8. oder 7. JH. v. Chr. die Epen dichtete. Vgl. Joachim Lacacz: Art. „Homer“, in Kai Broderson/ Bernd Zimmermann (Hrsg.): Antike Mythologie, Stuttgart/ Weimar 2005, S. 76-78, hier S. 76.

29 Eine griechische Tragödie durchlebte Petrarca, als er im 14. Jahrhundert ein vollständiges Manuskript der Epen in den Händen hielt, nachdem er darauf sehnlicher als Penelope auf ihren Mann Odysseus warten musste, diese dann aber nicht lesen konnte, da er der Verfassersprache nicht mächtig war.

30 Vgl. Reichert, 2014, S. 59-61.

31 Vgl. Garber, 1989, S. 125.

32 Dies wurde ihm zu Unrecht angedichtet, da Homer auch die Taten der besiegten Trojaner würdigte. Dieser Respekt vor dem Gegner wurde im Geiste weitergetragen. So schrieb Herodot seine Geschichte, um die großen und wundervollen Taten der Griechen und Barbaren zu schildern. Weiter wurde die Schlacht bei Salamis aus der Sicht der unterlegenen Perser von Aischylos dem Athener Publikum vorgeführt. Vgl. Dahlheim, 1997, S. 106.

33 Vgl. Horst Brunner: Der Gebrauch deutscher Geschichtsliteratur im Wandel vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, in: Ders. (Hrsg.): Annäherungen. Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (= Philologische Studien und Quellen 210), Berlin 2008, S. 310.

34 Vgl. Büchner, 1980, S: 448.

35 Vgl. Elisabeth Heyse: Art. „Ilias latina“, in: Robert-Henri Bautier (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band V Hiera-Mittel bis Lukanien, München/ Zürich 1991, Sp, 379.

36 Vgl. Karl Büchner: Römische Literaturgeschichte. Ihre Grundzüge in interpretierender Darstellung (= Kröners Taschenausgaben 247), Stuttgart 51980, S. 300f. Abgekürzt: Büchner, 1980.

37 Vgl Lienert, Berlin 2001, S. 75.

38 Vgl. Peter Kern: Der Gang durch die Unterwelt in Vergils ,Aeneis‘, im , Roman d’Eneas‘ und in Veldekes Eneasroman, in: Katharina Boll/ Katrin Wenig (Hrsg.): kunst und saelde. Festschrift für Trude Ehlert, Würzburg 2001, S. 115-130, hier S. 117.

39 Vgl. Lienert, Berlin 2001, S. 101.

40 Vgl. ebd., S. 20-23.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der Trojamythos in mittelhochdeutschen Verserzählungen und seine Bedeutung für den mittelalterlichen Kriegeradel
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Troja: Mythos, Wissenschaft, Fiktion
Note
1,00
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V347044
ISBN (eBook)
9783668363595
ISBN (Buch)
9783668363601
Dateigröße
1297 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trojanischer Krieg, Rittertum, Heinrich von Veldeke., Homer, Dares, Diktys, Vergil, Ilias Latina, Ovid, Achilles, Kektor, Hektor, Tugenden, Mauricius von Craûn, Heribort von Frizlar
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Der Trojamythos in mittelhochdeutschen Verserzählungen und seine Bedeutung für den mittelalterlichen Kriegeradel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347044

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