Catulls "Carmen 22" als Beispiel neoterischer Dichtkunst


Hausarbeit, 2004

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der zugrunde liegende Textcorpus (nach Christian J. Fordyce)
1.1. Die Überlieferungsgeschichte
1.2. Konjekturen

2. Übersetzung
2.1. Metrische Analyse

3. Entstehungsgeschichte
3.1. Anordnung der Gedichte und eine mögliche Veröffentlichung

4. Interpretation

5. Catulls Vorbilder und philosophischer Hintergrund

6. Literaturverzeichnis

1. Der zugrunde liegende Textcorpus (nach Christian J. Fordyce)

Suffenus, iste Vare, quem probe nosti,

homo est uenustus et dicax et urbanus,

idemque longe plurimos facit uersus.

puto esse ego illi millia aut decem aut plura

perscripta, nec sit ut fit in palimpseston 5

relata: cartae regiae, noui libri,

noui umbilici, lora rubra membranae,

decreta plumpo et pumice omnia aequata.

haec cum legas tu, bellus ille et urbanus

Suffenus unus caprimulgus aut fossor 10

rursus uidetur: tantum abhorret ac mutat.

hoc quid putemus esse? qui modo scurra

aut si quid hac re scitius uidebatur,

idem infaceto est infacetior rure,

simul poemata attigit, neque idem umquam 15

aeque est beatus ac poema cum scribit:

tam gaudet in se tamque se ipse miratur.

nimirum idem omnes fallimur, neque est quisquam,

quem non in aliqua re uidere Suffenum

possis. suus cuique attributus est error, 20

sed non uidemus manticae quod in tergo est.

1.1. Die Überlieferungsgeschichte

Die Leithandschrift, an der sich die heutigen Textausgaben zu orientieren haben, ist der so genannte Codex Veronensis. Diese Handschrift wurde in Catulls Heimatstadt Verona am Ende des 13. Jahrhunderts im Zuge des wiedererwachten Interesses für lateinische Autoren entdeckt. Bezeugt wird dies durch das Epigramm des Benvenuto de Campesani (1255-1323) „ de resurrectione Catulli poetae Veronensis “, welches er zwischen 1303 und 1307 verfasst hat. Ob die Handschrift wirklich aus Verona stammt ist dagegen fraglich. Zwar will Bischof Ratherius von Verona im Jahr 965 aus dieser Handschrift gelesen haben („er lese den noch nie vorher gelesenen Catull“). Nach den Arbeiten von Ullmann (1960) und Skutsch (1970) wird aber allgemein die Meinung vertreten, dass das Manuskript im späten 12. Jahrhundert in Frankreich erstellt und von dort nach Verona gekommen ist. Auf jeden Fall sind dieser Codex sowie einige direkte Abschriften im Jahre 1375 verloren gegangen. Allerdings sind drei Handschriften aus dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts erhalten geblieben, darunter auch die Leithandschrift V, die eine direkte Abschrift des Codex Veronensis darstellt. Die beiden anderen sind Zwischenstufen. Zum einen der Codex Oxoniensis Bodleianus Canonicianus (O), der um 1375 wohl in Verona entstanden ist, zum anderen der Codex Sangermanensis (Parisinus, G). Diese Abschrift ist auf den 19.10.1375 datiert und ebenfalls in Verona entstanden. Eng mit G verwandt ist die Handschrift R, der Codex Vaticanus Ottobonianus. Beide enthalten das Epigramm des Benvenuto de Campesani. Eine Editio princeps erscheint 1472 in Venedig. Auch alle jüngeren Handschriften gehen allein auf V zurück, offenbar über O, G und R (aus dem 15. Jahrhundert sind 120 Codices bekannt).

1.2. Konjekturen

Die Anzahl der Konjekturen in Carmen 22 ist ebenso ausgeprägt wie in allen anderen Gedichten Catulls. Einen umfangreichen Apparat mit einer Vielzahl an Hinweisen auf textliche Veränderungen bietet Fordyce. Neben kleineren Abweichungen einzelner Quellen voneinander gehen die Meinungen vor allem in Vers 13 über die Vokabel scitius auseinander. Überliefert ist tristius. Fordyce schlägt, wie Michael von Albrecht und Lucian Mueller, scitius vor. Dafür scheine auch der Sprachgebrauch zu sprechen, so H. P. Syndikus: Während „ scitus nicht selten zur Bezeichnung eines schlauen, scharfsinnigen, witzigen Menschen verwendet werde, … überwiegt bei tritus eher der Aspekt des allzu oft und allzu viel Benützten, was dem von Catull gemeinten Sinn zuwiderliefe.“ Peiper favorisiert die Variante tersius. Gustav Friedrich denkt dagegen, „das ergibt durchaus tritius“, und verweist im Anschluss auf zahlreiche Stellen in der römischen Literatur, wo tritus und tristis ebenfalls verwechselt wurden und bis heute umstritten sind. Er entspricht damit in seiner Darstellung Pontanus. Meiner Meinung nach sind sowohl die Argumentation Friedrichs als auch die der „ scitus -Fraktion“ stichhaltig. Dennoch tendiere ich zu scitus, weil es Catulls Absicht deutlicher zum Vorschein bringt. Im Übrigen halte ich eine Konjektur an dieser Stelle nicht unbedingt für nötig.

2. Übersetzung

Diesen Suffenus da, Varus, den Du recht gut kennst,

ist ein feiner, witziger und geistreicher Mensch

und derselbe produziert bei weitem die meisten Verse.

Ich glaube, dass jener (eigentlich dat.) zehntausend oder noch mehr (Verse)

abgefasst hat, und nicht so, wie es (normalerweise) geschieht, 5

auf einem Palimpsest überlieferte (Verse): Prächtige Papyrusblätter, frischer Bast, neue Buchrollenköpfe, rote Riemen aus Pergament,

mit Blei gerade gemacht und alles mit Bimsstein geglättet.

Wenn Du dies liest, scheint jener schöne und weltmännische

Suffenus eher ein Ziegenmelker oder Landmann 10

zu sein: So sehr widerspricht und verändert er sich (selbst).

Was sollen wir davon halten? Der, der eben noch als Possenreiser

oder als etwas Geistreicheres in einer Sache erschien,

derselbe ist plumper als das abgeschmackteste Land,

sobald er sich mit Gedichten beschäftigt; und doch ist derselbe niemals 15

so glücklich, als wenn er ein Gedicht schreibt:

Dann erfreut er sich an seinem Können und bewundert sich selbst.

Dennoch täuschen wir uns (medial) zweifellos alle, und es gibt keinen,

in dem Du nicht in irgendeiner Weise den Suffenus sehen

könntest. Und jedem ist sein (eigener) Fehler zugeteilt; 20

Aber wir sehen das Päckchen nicht, da es auf dem Rücken ist.

2.1. Metrische Analyse

Carmen 22 weist ein jambisches Versmaß auf, genauer gesagt den so genannten Hinkjambus, der auch mit den Begriffen Choliambus oder Skazon bezeichnet wird. Dieses Versmaß gebraucht der Autor ferner in den Gedichten 8, 31, 37, 39, 44, 59 und 60. Der von dem Jambographen Hipponax von Ephesos (6. Jh. v. Chr.) „erfunde“ (deshalb gelegentlich auch „trimeter Hipponacteus“ genannte) und von den Alexandrinern erneuerte Vers wird in Rom, nach Laevius und Matius, von Varro in seinen Menippeischen Satiren und von den Neoterikern allgemein gepflegt. Cinna, Vergil, Petron, Martial, Persius und die Carmina Priapea beleben das Maß erneut. Catulls Praxis schließt sich an Kalimachos an, der die Hephthemimeres seltener als Hipponax zulässt (und also meist durch die Penthemimeres gliedert) und die ersten und dritten Metren zumeist mit kurzer Silbe beginnen lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Entstehungsgeschichte

Ernst A. Schmidt (1985) kommt in seiner Arbeit zu der Überzeugung, dass wir zwar die genauen Lebensdaten des römischen Dichters nicht wissen, aber über eine Hand voll schlagkräftiger Indizien verfügen, die verschiedene Interpretationen offen lassen. Aus der Chronik des Hieronymus (~345-419 n. Chr.) entnehmen wir das Geburtsjahr 87 v. Chr. und das Todesjahr 57 v. Chr. Während das erstere Datum ziemlich sicher scheint kann das Todeszeitpunkt jedoch nicht richtig sein, da Catull in seinen Gedichten historische Tatsachen anspricht, die später passiert sind, wie den Rheinübergang Caesars und dessen Überfahrt nach Britannien (c. 11 und 29) oder das zweite Konsulat des Pompeius (c. 113). Numerische Fehler bei der Überlieferung zu Hieronymus hin sind dabei genauso möglich wie unwahrscheinlich. Schmidt schätzt demnach den Todeszeitraum auch unter Berücksichtigung der Worte Ovids, wonach Catull früh verstorben sei, auf die späten 50er vor Christi Geburt. Der Vater des Poeten war ein begüterter, hoch angesehener Bürger aus Verona, der eine Villa in Sirmione (c. 31) und eine in Tivoli (c. 44) hatte, vielleicht besaß er auch ein Haus in Rom. Caesar ging im Elternhaus Catulls ein und aus. Des Weiteren ist noch bekannt, dass er im Frühling des Jahres 57 v. auf ein Jahr in die kurz zuvor von Pompeius neu eingerichtete Provinz Bithynien ging. Catulls Freiheitssinn und seine gesicherte finanzielle Situation bewahrten ihn vor Abhängigkeiten, vor denen seine Vorgänger und später die augusteschen Dichter nicht immer gefeit waren. Ansonsten sind nur wenig gesicherte Daten aus dem wahrscheinlich kurzen Leben des Dichters bekannt. Fest steht dagegen, dass der passionierte Caesargegner jede erdenkliche literarische Möglichkeit nutzte, um gegen den Diktator zu wettern und lediglich auf Grund dessen Freigiebigkeit keine Repressalien zu fürchten hatte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Catulls "Carmen 22" als Beispiel neoterischer Dichtkunst
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Catull (Proseminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V347140
ISBN (eBook)
9783668365803
ISBN (Buch)
9783668365810
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
catulls, carmen, beispiel, dichtkunst
Arbeit zitieren
M. A. Marc Andre Ziegler (Autor), 2004, Catulls "Carmen 22" als Beispiel neoterischer Dichtkunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347140

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