Ich möchte die Aufmerksamkeit für ein eher seltenes Thema gewinnen. In Zeiten knapper ökonomischer Ressourcen, geprägt von „Sparmaßnahmen“ allerorts und primär im Sozial- und Gesundheitswesen, wird oftmals die Versorgungslage und Existenz von scheinbar unheilbaren Schwerstkranken zuerst in Frage gestellt. Menschen im Wachkoma oder ähnlich schwierigen Lebenssituationen wird in zunehmendem Maße das Recht auf Leben und adäquater Versorgung streitig gemacht - sie gelten als vermeidbarer Kostenfaktor und finden kaum Beachtung in unserer Gesellschaft. Dabei gibt es für die neuerdings immer wieder aufkommenden Forderungen nach Behandlungsabbruch („ Sterbehilfe“) weniger ärztliche oder medizinische Gründe als wirtschaftliche.
Mir ist es ein großes Anliegen auf diesen spannenden Themenbereich näher einzugehen, ihn in seiner Komplexität zu behandeln und damit Aufklärungsarbeit zu leisten. Dem breiten Umfang der Themenstellung wird im Aufriss vorliegender Arbeit Rechnung getragen:
Zunächst gilt es, im ersten Kapitel das vielschichtige Krankheitsbild aus medizinischer Sicht angemessen zu beschreiben, umfasst die Diagnose „Wachkoma“ doch eine Fülle unterschiedlicher Symptome und Krankheitsverläufe. Das zweite Kapitel greift die Rehabilitationsmöglichkeiten der betroffenen Personen auf. Menschen im Wachkoma benötigen dringend eine qualifizierte Behandlung, um mit der Krankheit leben zu lernen und sich mit den Realitäten zu Recht finden zu können. Abschnitt drei der Arbeit rückt die schwierige Situation der Angehörigen Schädel-Hirn-Verletzter ins Blickfeld. Ohne Frage sind nicht nur die Patienten selbst, sondern auch nahe stehende Personen aus ihrem sozialen Umfeld, sprich Familienmitglieder, Freunde und Bekannte betroffen. Die ethischen Überlegungen des vierten Kapitels zeigen auf, wodurch das Leben der Kranken bedroht ist und wie ein angemessener Umgang auf der ethisch-moralischen Ebene möglich ist. Der analytische Teil der Arbeit mündet im fünften Kapitel in eine Sichtung des Entwicklungsstandes einer sich professionalisierenden Sozialen Arbeit im Umgang mit Wachkoma-Patienten und deren Angehörigen. Sozialpädagogische Erkenntnisse aus dem Bereich der klinischen Sozialarbeit bilden die literarische Basis der Untersuchung. Die Arbeit schließt im sechsten Kapitel mit einer Veranschaulichung praktischer Herangehensweisen im stationären Umgang mit den Adressaten.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 Das apallische Syndrom
1.1 Entstehungsursachen des apallischen Syndroms
1.2 Symptome von Menschen im Wachkoma
1.3 Heilungschancen von Wachkoma-Patienten
1.4 Anzeichen einer möglichen Remission
1.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
2 Die Rehabilitation des Wachkoma-Patienten
2.1 Überlebenssicherung durch Intensivversorgung im Krankenhaus
2.2 Die Frührehabilitation
2.3 Bewusstseinsförderung durch gezielte Stimulation
2.4 Schulische, berufliche und soziale Wiedereingliederung
2.5 Die Langzeitversorgung schwerst-hirngeschädigter Menschen
3 Die Mitwirkung der Angehörigen
3.1 Beziehungs- und Kommunikationsaufbau mit dem Wachkoma-Patienten
3.2 Belastungen
3.3 Entlastung der Angehörigen
3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
4 Ethische Aspekte im Umgang mit Wachkoma-Patienten
4.1 Biomedizinisches Denkmodell als Gefahr für Wachkoma-Patienten
4.2 Die Beachtung der Menschenwürde als Grundprinzip für ethisch handelnde Menschen
4.3 Die Ethik der Achtsamkeit: mögliche Orientierung für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen im Umgang mit Wachkoma-Patienten
5 Soziale Arbeit mit Wachkoma-Patienten und deren Angehörigen in stationären Einrichtungen
5.1 Ausgangspunkt der Sozialen Arbeit: Das Prinzip der Ganzheitlichkeit
5.2 Die psychosoziale Beratung der Leidtragenden
5.3 Angehörigenarbeit
5.4 Zusammenarbeit mit anderen Personen und Diensten
5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
6 Konzeptionelle Überlegungen im stationären Umgang mit Wachkoma-Patienten am Beispiel von Einrichtungen der aktivierenden Dauerpflege
6.1 Definition, Funktion und Inhalt von Konzepten
6.2 Notwendigkeit von Konzepten
6.3 Die Konzeptentwicklung
6.4 Möglichkeiten der Betreuung und Begleitung apallischer Bewohner innerhalb einer Altenpflegeeinrichtung
6.5 Konzeptionelle Überlegungen einer Fachpflegeeinrichtung für Menschen mit erworbenen Schädel-Hirnverletzungen
6.6 Fazit
7 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Betreuung von Menschen im Wachkoma (apallisches Syndrom) und deren Angehörigen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch ganzheitliche Ansätze, psychosoziale Beratung und fachlich fundierte Konzeptionen in stationären Einrichtungen die Lebensqualität und Reintegration der Betroffenen gefördert werden kann.
- Medizinische Grundlagen des apallischen Syndroms
- Rehabilitationsmöglichkeiten und soziale Wiedereingliederung
- Psychosoziale Unterstützung für Angehörige
- Ethische Reflexion über Lebensrecht und Würde
- Konzeptionelle Gestaltung der stationären Langzeitpflege
Auszug aus dem Buch
1.2 Symptome von Menschen im Wachkoma
Im Vollbild des apallischen Syndroms befindet sich der Patient in einer charakteristischen Bewusstseinslage: Er ist wach, öffnet gelegentlich die Augen, fixiert jedoch nicht und zeigt keinerlei Bewusstseinstätigkeit. „Er blickt, aber er erblickt nicht.“ (Delank/Gehlen 2004, S.134) Aufgrund der defizitären Deutungsmöglichkeiten seiner Umgebung ist der apallische Patient zu keinerlei Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt fähig, d.h. gerichtete emotionelle Reaktionen fehlen. Der Schlaf-Wach-Rhythmus richtet sich nach der Ermüdung der Betroffenen und ist unabhängig vom Tag-Nacht-Rhythmus. Auf intensive akustische (z.B. Musik) und visuelle (z.B. Bilder, Gegenstände etc.) Reize sowie auf Schmerzreize reagiert der Schwerkranke mit unkoordinierten Massenbewegungen der Extremitäten und des gesamten Körpers. Gelegentlich stößt der Patient unverständliche Laute wie z.B. Stöhnen oder Schreie aus. Wie bei einem neugeborenen Kind zeigen sich motorische Primitivreflexe, die in Form von Saugreflexen oder einfachsten Greifaktionen auftreten. (vgl. Häusler 2001, S.13) Häufig kommt es zu spastischen Tonuserhöhungen (Tonus = Spannungszustand) der Muskulatur und einer daraus resultierenden fixierten bzw. gekrümmten Körperhaltung (Spastik). Trotz vorhandenen Kau- und Schluckbewegungen ist die Nahrungsaufnahme meist nur über eine Sonde möglich.
Entsprechend der beschriebenen Symptomatik ist der apallische Patient völlig hilflos und in höchstem Maße auf die Unterstützung seiner Umwelt angewiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Das apallische Syndrom: Beschreibt das medizinische Krankheitsbild, die Ursachen sowie die Symptomatik des Wachkomas und dessen Abgrenzung zu anderen Zustandsbildern.
2 Die Rehabilitation des Wachkoma-Patienten: Erläutert die verschiedenen Phasen der medizinischen und sozialen Rehabilitation von der Akutversorgung bis hin zur Langzeitpflege.
3 Die Mitwirkung der Angehörigen: Analysiert die zentrale Rolle der Angehörigen für den Heilungsprozess und beleuchtet deren psychosoziale Belastungen sowie Entlastungsmöglichkeiten.
4 Ethische Aspekte im Umgang mit Wachkoma-Patienten: Diskutiert den Gegensatz zwischen biomedizinischen, defektorientierten Sichtweisen und einer beziehungsethischen Haltung, die die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt.
5 Soziale Arbeit mit Wachkoma-Patienten und deren Angehörigen in stationären Einrichtungen: Untersucht die Aufgaben und Methoden der klinischen Sozialarbeit sowie das Prinzip der Ganzheitlichkeit in der Beratung.
6 Konzeptionelle Überlegungen im stationären Umgang mit Wachkoma-Patienten am Beispiel von Einrichtungen der aktivierenden Dauerpflege: Präsentiert und reflektiert Konzeptentwicklungen anhand von Praxisbeispielen in der Langzeitpflege.
7 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Fasst die Kernergebnisse der Arbeit zusammen und plädiert für einen weiteren Ausbau qualifizierter Versorgungsangebote sowie verstärkte Öffentlichkeitsarbeit.
Schlüsselwörter
Wachkoma, apallisches Syndrom, Soziale Arbeit, Rehabilitation, Angehörigenarbeit, Menschenwürde, klinische Sozialarbeit, basale Stimulation, Langzeitpflege, Ethik, psychosoziale Beratung, ganzheitliche Betreuung, Lebensqualität, Schädel-Hirn-Trauma, Konzeptentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Situation von Menschen im Wachkoma und der Rolle der Sozialen Arbeit bei der Begleitung dieser Patienten und ihrer Angehörigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf medizinischen Grundlagen, rehabilitativen Ansätzen, der Unterstützung von Angehörigen, ethischen Fragestellungen und konzeptioneller Arbeit in stationären Einrichtungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Sozialen Arbeit in diesem Bereich aufzuzeigen und Strategien für eine humane Begleitung der Patienten zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Analyse von Fachliteratur sowie auf der Untersuchung von Konzeptionen zweier spezifischer Pflegeeinrichtungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in medizinische Grundlagen, die verschiedenen Rehabilitationsphasen, die Einbindung der Angehörigen, eine ethische Reflexion über die Patientenwürde sowie eine Analyse der konzeptionellen Arbeit der Sozialdienste.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Diplomarbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Wachkoma, apallisches Syndrom, Soziale Arbeit, Angehörigenarbeit, Rehabilitation und Ethik der Achtsamkeit beschreiben.
Wie unterscheidet sich das biomedizinische Denkmodell von der beziehungsethischen Sichtweise?
Das biomedizinische Modell betrachtet Patienten primär als „defekte Maschinen“ ohne Recht auf Leben, während die beziehungsethische Sichtweise sie als lebende, empfindsame Personen sieht, die ein Recht auf ganzheitliche Unterstützung und Wahrung ihrer Würde haben.
Warum spielt die Biografiearbeit eine so wichtige Rolle für den Sozialdienst?
Die Biografiearbeit ermöglicht es, den Patienten als Individuum mit eigener Geschichte zu verstehen, was den Mitarbeitern hilft, einen Sinn im Verhalten des Kranken zu erkennen und eine individuell angepasste Betreuung zu leisten.
Welche Herausforderungen ergeben sich durch Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen?
Die ökonomischen Ressourcenknappheit führt oft zu einer Unterversorgung und stellt die stationäre Rehabilitation von Schwerstkranken vor das Problem, eine qualitativ hochwertige, ganzheitliche Betreuung trotz Kostendrucks zu gewährleisten.
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- Thomas Zarfl (Author), 2004, Gefangen im eigenen Körper - Der Wachkoma-Patient in der Sozialen Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34714