Ist Nelson Mandela während seiner Inhaftierung zum Charismatiker nach der Definition Max Webers geworden?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charisma nach Max Weber
2.1 Merkmale von Charisma
2.2 Veralltäglichung von Charisma

3. Nelson Mandela
3.1 Nelson Mandelas erster Gefängnisaufenthalt auf Robben Island
3.2 Der Rivonia-Prozess
3.3 Die langjährige Haftstrafe Nelson Mandelas und die Frage nach Charisma

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Aufsatz „Politik als Beruf“ fragt der Soziologe Max Weber „was für ein Mensch man sein muss, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen“1. Er spielt dabei auf die charismatische Eigenschaft bestimmter Persönlichkeiten an. Das Konzept Webers wurde von verschiedenen Soziologen abgeändert und/oder weiterentwickelt. In dieser Arbeit wird jedoch nur der Charismabegriff Webers betrachtet.

Unzählige Menschen werden im Alltag, in der Politik und in der Presse als charismatisch bezeichnet, unter ihnen ist immer wieder Nelson Mandela. Schon vor Mandelas Tod wurde er als Held gefeiert, er hat einen Gedenktag, den Nobelpreis verliehen bekommen, unzählige andere Preise und hat eine 27-jährige Haft für seinen Kampf gegen das Apartheidsregime in Südafrika in Kauf genommen, obwohl er oft das Angebot der Freilassung bekommen hatte. Er wurde und wird noch heute als charismatische Person beschrieben.

Durch den Regierungswechsel im Jahr 1948 kam die National Party2 an die Macht. Südafrika wurde von rassistischen Gesetzesänderungen überschwemmt, die Apartheid-Gesetze stellten eine Diskriminierung der farbigen Bevölkerung dar und schränkten diese in jeglichen Lebensbereichen enorm ein. Schwarzafrikaner wurden als Menschen zweiter oder dritter Klasse eingestuft, es kam zu einer systematischen Rassendiskrimierung. Durch die Kolonialisierung fand eine Entwurzelung der afrikanischen Bevölkerung statt, ihre Kultur wurde als minderwertig angesehen und sie mussten sich der weißen Kultur unterordnen. Durch diese Entwurzelung und Europäisierung in Südafrika wurde jegliche soziale Identität der Farbigen in Frage gestellt. Mandela war durch seine Herkunft und seinen Intellekt eine Mischung aus der afrikanischen Kultur und der europäischen Identität. So konnte er den Südafrikanern eine Orientierung bieten, um ihnen bei der Suche nach ihrer sozialen Identität zu helfen.

Während des Rivonia-Prozesses zeigte Mandela durch die traditionelle Xhosa-Kleidung deutlich, dass er sich mit der afrikanischen Tradition weiterhin definierte, auch wenn er eine Anwaltskanzlei in Johannesburg hatte und eine eher typisch moderne europäische Ausbildung genossen hatte.3 Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, ob es sich bei Mandela um einen Charismatiker wie Weber ihn beschrieben hat, handelt. Aufgrund der Kürze dieser Arbeit wird sich auf den Rivonia-Prozess und die Inhaftierung Mandelas beschränkt. Vorerst wird der Begriff des Charisma erläutert, die Merkmale werden dargestellt und die Veralltäglichung des Charisma wird kurz angeschnitten. Daraufhin wird kurz Mandelas Biographie dargestellt und der entscheidende Rivonia-Prozess wird erläutert. Dabei wird auf die Fakten eingegangen, um darauf aufbauend Mandelas Rolle während des Prozesses zu erläutern. Weiter wird auf die Inhaftierung Mandelas auf Robben Island eingegangen, es werden verschiedene Situationen dargestellt und anhand des Charismabegriffs nach Weber untersucht. Auch die Verlegung in das Gefängnis Pollsmoor wird kurz angeschnitten. Im Fazit wird aufgezeigt, ob Mandela dem Charismabegriff Webers gerecht wird. In dieser Arbeit spielt die Hautfarbe der Menschen eine wichtige Rolle, nach Recherchen ist es leider nicht gelungen, einen passenden Ausdruck für die verschiedenen Hauttypen zu finden. Aufgrund dessen werden Begriffe wie „Weiße“, „Schwarze“, „Schwarzafrikaner“ etc. synonym für die Menschen verschiedener Herkunft genutzt, dabei handelt es sich ganz klar um keine rassistische Abgrenzung.

2. Charisma nach Max Weber

Das Konzept des Charisma nach Max Weber ist das bekannteste und stellt die Grundlage für andere Konzepte und Definitionen. Weber beschreibt Charisma als eine Gnadengabe Gottes, die „Qualität einer Persönlichkeit“4, etwas, was den Charismatiker „als auserwählt scheinen lässt“5, welches eine zugeschriebene Eigenschaft darstellt. Persönlichkeit beschreibt Weber mit der Leidenschaft für die Sache, immer das Ziel vor Augen zu haben und Kreativität, die sich durch alle Lebensbereiche zieht.6

2.1 Merkmale von Charisma

Bei Charisma handelt es sich um einen Zuschreibungsprozess der Außeralltäglichkeit, der grundsätzlich irrational ist. Die Irrationalität erklärt sich durch die Kraft Dinge/Menschen zu bewegen ohne, dass es etwas Übermenschliches gibt. Diese Irrationalität ist sinnstiftend, Charisma entzieht sich der Struktur und ist individuell. Somit wird deutlich, dass es sich bei Charisma nicht um eine berufliche Qualifikation handelt, eher ist es das Vertrauen, was der Charismatiker als persönliche Eigenschaft besetzt.7 Die Anhänger vertrauen dem Charismatiker, es entsteht eine emotionale Bindung. Da diese Eigenschaft etwas außergewöhnliches ist, ist es damit abweichendes Verhalten, ein Stigma. Nach Weber ist der Begriff des Charisma wertneutral, die Eigenschaft kann jedoch positiv (z.B. Jesus) oder negativ (z.B. Hitler) eingesetzt werden. Charisma, welches in dieser Arbeit betrachtet wird, leitet sich von dem genuinen, also reinen Charisma ab. Dieses ist vorhanden, wenn es eine unmittelbar persönliche Beziehung zwischen dem Charismaträger und seinen Anhängern gibt, ebenfalls muss diese zwischen dem Charismatiker und seinem Verwaltungsstab, seinen Jüngern, vorhanden sein. Aufgrund der Anzahl der Anhänger kann man das genuine Charisma oftmals bei Naturvölkern beobachten.8 Die Ausstrahlung des Charismatikers wird zu einer der wichtigsten Ressourcen, um so eine individuelle Macht bilden zu können. Da der Charismatiker nur durch seine Zuschreibung zu diesem wird, muss er sich ununterbrochen beweisen, um so seine Anhänger nicht zu verlieren. Bildet ein Charismatiker eine Anhängerschaft um sich, handelt es sich um eine charismatische Herrschaft. Diese ist sehr instabil, da die Anhänger nur aufgrund der charismatischen Zuschreibung gehorchen. Im Laufe der Geschichte gab es unzählige charismatische Herrschaften. Interessant ist, dass sie grundsätzlich aus einer Krisen- /Notsituation entstanden sind. Durch die Anerkennung der Herrschaftsansprüche des Charismatikers, aufgrund der Außeralltäglichkeit, wird so die Herrschaft legitimiert. Es entsteht das Problem der Bewährung, der charismatische Herrscher muss dem hohen Erwartungsniveau der Beherrschten standhalten. Wie die Geschichte zeigt, tritt die charismatische Herrschaft in Krisensituationen auf, durch ihre „spezifisch schöpferische revolutionäre Macht“9 schafft sie neue Strukturen: das heißt Charisma wirkt zuerst strukturzerstörend und darauf strukturbildend. Es ist nicht normkonform, durch das abweichende Verhalten des Herrschers ist die Zerstörung der alten Struktur möglich. Durch den sozialen Wandel wird eine neue Wertorientierung geschaffen. Nach Weber hat die charismatische Herrschaft auch ihre Schwächen, sie ist wirtschaftsfremd, da sich die Bedarfsdeckung meist durch z.B. Spenden oder Bestechung finanziert, und besitzt labile Strukturen. Diese lassen sich durch den niedrigen Institutionalisierungsgrad erklären. Unter dem charismatischen Herrscher steht ein Verwaltungsstab, Jünger, die ebenfalls nicht nach beruflichen Qualifikationen ihre Stellung erhalten haben. Sie werden vom dem Charismaträger ernannt bzw. berufen.

In dieser Arbeit wird nur das personenbezogene Charisma betrachtet, damit stellt sich das Problem der Nachfolge. Stirbt der Charismatiker, findet eine Umbildung des Systems statt und die Veralltäglichung tritt ein.

2.2 Die Veralltäglichung von Charisma

Entsteht zwischen dem Charismaträger und seiner Gefolgschaft eine Dauerbeziehung, so spricht Weber von der Veralltäglichung des Charisma. Die zuvor doch sehr strukturlose Herrschaft bildet neue Strukturen, diese werden wiederum institutionalisiert. Es findet ein Rationalisierungsprozess statt, dabei handelt es sich zumeist um einen Kreislauf. Die Krisensituation macht es möglich, dass eine charismatische Herrschaft entsteht; diese durchbricht die alten Strukturen und bildet neue. Die neue Ordnung ist unter der charismatischen Herrschaft instabil und wirtschaftsfremd. Allein das macht sie sehr kurzlebig. Betrachtet man das personale Charisma, welches an eine Person gebunden ist, so entsteht das Problem der Nachfolge. Stirbt der Charismaträger, löst sich das Charisma auf. Die Lösungsansätze für das genannte Problem sind für diese Arbeit nicht von Bedeutung und werden aufgrund dessen auch nicht weiter erläutert. Die charismatische Herrschaft gilt immer nur als Übergangstypus, sie geht in einen anderen Typus von Herrschaft über. Weber benennt drei Herrschaftsformen, wobei klar ist, dass es sich dabei um Idealtypen handelt, welche in der Realität so fast nie auftauchen. Neben der charismatischen Herrschaft gibt es die traditionale und legal- rationale Herrschaft. Die traditionale Herrschaft ist gekennzeichnet durch ihre Beständigkeit und die konservative Vorgehensweise (z.B. Monarchie). Der Herrschaftsanspruch ergibt sich im Normalfall aus der Erbfolge. Die legal-rationale Herrschaft hingegen ist bürokratisch aufgebaut, sie ist unpersönlich und rational, was durch die Amtshierarchie gefestigt wird (z.B. EU). Die charismatische Herrschaft kann in beide Typen von Herrschaft übergehen und das Charisma kann in bestimmten Elementen weiterhin auftreten, selbstverständlich entstehen in der Realität Mischformen.10 Als treibende Kraft für die Veralltäglichung der charismatischen Herrschaft nennt Weber die materiellen und ideellen Interessen der Anhänger und besonders der Jüngern. Zum einen geht es um die Absicherung und Versorgung der Familie und zum anderen um den Status quo in dem System. Die Jünger wollen selbstverständlich die Festigung im System so, dass sie genau diesen Status nicht verlieren. Weber nennt als Grundvoraussetzung für die Veralltäglichung der charismatischen Herrschaft die Abschaffung der Wirtschaftsfremdheit, die Herrschaft muss an die wirtschaftlichen Bedingungen angepasst werden, um so die Bedarfssicherung zu decken.11

3. Nelson Mandela

Nelson Rolihlahla Mandela wurde am 18. Juni 1918 in Mvezo, Transkei geboren und stammt aus einer Adelsfamilie. Sein Vater starb früh und Mandela wurde von einem Thembu-Regenten und seiner Familie wie ein eigener Sohn aufgenommen. Nachdem Mandela seinen Schulabschluss an einer britisch-methodistischen Schule gemacht hatte, begann er sein Jurastudium in Fort Hare, der einzig höheren Bildungsanstalt für Schwarzafrikaner zu dieser Zeit. Während seines Aufenthaltes an der Universität traf Mandela auf verschiedene langjährige politische Weggefährten. Er genoss eine britische Ausbildung, jedoch brach er sein Studium 1949 aufgrund seines politischen Engagements ab. Seit 1942 war Mandela ein Mitglied des African National Congress12. Nach dem ersten Mitgliedsjahr gründete Mandela die African National Congress Youth League13, welches die Jugendorganisation des ANC bildet, er wird kurz nach der Gründung Präsident des ANCYL. Der ANC ist eine südafrikanische Organisation, die gegen die Apartheid in Südafrika kämpfte. Seit den ersten freien Wahlen 1994 lässt sich der ANC aufstellen und gewann die erste Wahl.14 Durch das politische Engagement Mandelas ist er immer wieder in Konflikt mit dem Rechtsstaat gekommen, im Jahr 1964 folgte die lebenslange Inhaftierung auf Robben Island. Dabei handelt es sich um ein Gefängnis für farbige politische Gefangene. Nachdem Mandela sich vor Ort für humanere Bedingungen eingesetzt hatte, war es ab 1971 sogar möglich, während des Aufenthalts auf Robben Island zu studieren. Mandela schloss sein Jurastudium während der Inhaftierung ab.15 Der Rivonia-Prozess richtete sich gegen die gewaltsamen Widerstandskämpfer gegen die Apartheid. Obwohl es diverse Angebote zur Freilassung gab, lehnte Mandela diese ab. Sie waren an die Bedingung geknüpft, keinen gewaltsamen Kampf von Seiten des ANC gegen die Apartheid- Regierung zu führen. Am 11.02.1990 wurde Mandela entlassen.16 Zuvor gab es Kritik für sein Handeln, er wurde unter anderem von dem damaligen US-Präsident Ronald Reagan als Terrorist bezeichnet und auf die sogenannte Wacht List gesetzt. Für seinen Anti-Apartheidskampf wurden Mandela und Frederik Willem de Klerk, Südafrikas Präsident von 1989-1994, im Jahr 1993 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.17 Am 10. Mai 1994 ist Mandela der erste schwarze Präsident von Südafrika geworden, zuvor hat der ANC die erste demokratische Wahl gewonnen. Fünf Jahre später endete die Amtszeit Mandelas. Vor 10 Jahren verkündete Mandela, dass er sich aus dem politischen und öffentlichen Leben zurückziehen wolle. Nur sechs Jahre nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit wird der internationale Nelson-Mandela-Tag ins Leben gerufen, er findet jährlich am 18. Juni, dem Geburtstag Mandelas, statt. Am 5. Dezember 2013 verstirbt Nelson Mandela an den Folgen einer Lungenentzündung.18 Aufgrund der Kürze dieser Arbeit wird sich nur mit der Inhaftierung auf Robben Island beschäftigt. Genauer betrachtet werden die Jahre 1962 bis 1986.

[...]


1 Max Weber: Politik als Beruf, Tübingen 1994, S.73.

2 Wird im weiteren Verlauf mit NP abgekürzt.

3 Bacher, Georg: Nelson Mandela. Political Leadership im s ü dafrikanischen Transformationsprozess, Frankfurt am Main 2011, S.233ff.

4 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1922, S.140.

5 Jeremias, Ralf: Vernunft und Charisma. Die Begr ü ndung der Politischen Theorie bei Dante und Machiavelli - im Blick Max Webers, Konstanz 2005, S.31.

6 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1922, S.140.

7 Bacher, Georg: Nelson Mandela. Political Leadership im s ü dafrikanischen Transformationsprozess, Frankfurt am Main 2011, S.233.

8 Jeremias, Ralf: Vernunft und Charisma. Die Begr ü ndung der Politischen Theorie bei Dante und Machiavelli - im Blick Max Webers, Konstanz 2005, S.60.

9 Ebd. S.57.

10 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1922, S.124.

11 Ebd. S.145f.

12 Wird im weiteren Verlauf mit ANC abgekürzt.

13 Wird im weiteren Verlauf mit ANCYL abgekürzt.

14 Sampson, Anthony: Nelson Mandela. Die Biographie, Stuttgart 1999, S.17ff.

15 Ebd. S.221ff.

16 Ebd. S.562ff.

17 http://www.nobelpreis.org/frieden/mandela.html.

18 http://www.nelsonmandela.org/content/page/biography.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ist Nelson Mandela während seiner Inhaftierung zum Charismatiker nach der Definition Max Webers geworden?
Hochschule
Universität Passau  (Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V350580
ISBN (eBook)
9783668372436
ISBN (Buch)
9783668372443
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nelson, mandela, inhaftierung, charismatiker, definition, webers
Arbeit zitieren
Jennifer Pietsch (Autor), 2014, Ist Nelson Mandela während seiner Inhaftierung zum Charismatiker nach der Definition Max Webers geworden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350580

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