Individualisierung und Differenzierung in der Moderne. "Sociale Differenzierung" von Georg Simmel und "Über den Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
14 Seiten, Note: 1,7
Vic Zen (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung
1.1 Über den Prozess des Zivilisation – Norbert Elias
1.2 Über Sociale Differenzierung - Georg Simmel

2 Individualisierung und Differenzierung
2.1 Individualisierung und Differenzierung in der modernen Gesellschaft bei Norbert Elias
2.2 Individualisierung und Differenzierung in der modernen Gesellschaft bei Georg Simmel

3 Fazit und Aktualität der Theorien

4 LITERATURVERZEICHNIS

Abstract

Die Soziologen Norbert Elias und Georg Simmel gehören zu den Klassikern im Kanon der soziologischen Theorien. Hauptaugenmerk beider Soziologen liegt dabei in den Wechselwirkungen von Individuen und Gesellschaft, beide Ansätze gehen davon aus, dass die Soziologie ohne den Blick auf die historische Entwicklung zu richten, die zunehmende Differenzierung und Individualisierung nicht erklären kann. Georg Simmel begründet mit der Soziologie der sozialen Wechselwirkungen und dem methodologischen Interaktionismus eine Soziologie mit der auch der Individualisierungsprozess als sozialer Tatbestand behandelt wird, also als ein durch die gesellschaftliche Entwicklung hervorgerufener Prozess. Norbert Elias geht einen Schritt weiter und wagt den Ansatz einer Erklärung für die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft. Durch die „Psychogenese“ passt sich das Individuum an die Gesellschaft an, die „Soziogenese“ bezeichnet den Wandel sozialer Strukturen in denen sich der Einzelne bewegt. Damit begründet Elias den Ansatz der „Prozess- und Figurationssoziologie“. Ähnlich dem Ansatz von Georg Simmel, der die Individualisierung aufgrund konzentrischer, sich überschneidender Kreise, an deren Schnittpunkt jeder Einzelne sich befindet zu erklären versucht. Die Individualisierung und Differenzierung in der Moderne, als Grundlage dienen die Werke von Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ und Georg Simmel „Über Sociale Differenzierung“. Zielsetzung ist es Parallelen in den Theorien zu ergründen sowie die Aktualität hinsichtlich dieser Grundlagentexte der Soziologie zu untersuchen. Auch die negativen Auswirkungen, wie Aubeutung und Entfremdung werden behandelt aber nicht weiter ausgearbeitet. Mit kurzen Beispielen hinsichtlich der Individualisierung und Differenzierung in der Moderne komme ich in dieser Arbeit zu dem Schluss, dass die Theorie und daraus resultierenden Soziologien von Simmel („Soziologie der sozialen Wechselwirkungen“) und Elias („Figurations- und Prozesssoziologie“) aktueller denn je, für die aktuelle soziologische Theorie, sind.

1 Einleitung

Die Entwicklung der Gesellschaft, vor allem der zivilisierten Gesellschaft im Sinne einer Zivilisation ist Ausgangspunkt dieser soziologischen Betrachtung und Gegenüberstellung der Theorien von Norbert Elias und Georg Simmel. Die Differenzierung und Individualisierung stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Es wird versucht zu zeigen, dass es einen Meilenstein für die damalige Soziologie war, die Gesellschaft für die Verhaltensweisen der Individuen heranzuziehen, auch die Akzeptanz der Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft sollten die Soziologie als Wissenschaft nachhaltig prägen. Die Entwicklung der Gesellschaft geht demnach einher mit der immer weiter ausdifferenzierten Art der Beschäftigungen und sozialen Verbindungen im gesellschaftlichen Kontext. Der Einzelne formt sich selbst innerhalb von nach Elias als „Figurationen“ bezeichnet, bei Simmel ist es die Anzahl der Schnittpunkte der Kreise, in denen sich der Einzelne befindet. Durch diese Formung des Einzelnen, formt sich durch gewisse Verhaltensweisen auch eine „Gesellschaft“ in der gewisse Verhaltensweisen Vorraussetzung sind um dieser „Gesellschaft“ anugehören. Es zeigt sich also, dass die Wechselwirkungen und Prozesse des gesellschaftlichen Zusammenlebens, nicht nur Auswirkungen beim Einzelnen hervorrufen, sondern gleichzeitig auch die Gesellschaft dem Einzelnen, Verhaltensweisen abverlangt, die Jeder selbst für sich bestimmt, denn niemand muss einem Ideal entsprechen, Ideale bilden sich aus persönlichkeitspsychologischen Aspekten und gerade dieses „nicht müssen aber trotzdem tun um zu, gefallen, nicht verachtet zu werden, usw.“ haben Auswirkungen auf die Gesellschaft.

1.1 Über den Prozess des Zivilisation – Norbert Elias

Norbert Elias beginnt seine soziologische Perspektive zur Erklärung der Gesellschaft bzw. der Zivilisation in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (Elias 1997) mit einer Retrospektive der Verhaltensweisen in den verschiedenen Gesellschaften vom Mittelalter über die Renaissance bis hin zur modernen Gesellschaft. Die Fähigkeit der Individuen sich zu organisieren und zu koordinieren über einen sehr großen Zeitraum hinweg beflügelte Elias zu dessen Theorie: („Über den Prozess der Zivilisation“. Elias 1997). Die schriftlichen Überlieferungen aus dem Mittelalter und der Renaissance, wie zum Beispiel die „Manierbücher“ die im Mittelalter die Verhaltensweisen der höfischen Gesellschaft vorgaben bzw. beschrieben was zu Hofe getan bzw. nicht getan werden darf, um die Etikette nicht zu verletzen, sind der Ausgangspunkt seiner Theorie. Elias beschäftigt sich mit den Tischsitten, wie das Essen mit Gabel und Löffel, das Spucken und weitere Verhaltensweisen die durch Historiker bzw. Hofschreiber niedergeschrieben wurden. Für Elias ist es unumgänglich für die Entstehung einer „Zivilisation“ die Geschichte einzubeziehen.

Die geschichtliche Aufarbeitung auf Grundlage von Niederschriften früherer Geschichtsschreiber im engeren Sinne, deren „literarische Bedeutung“ von Elias als eher limitiert eingeschätzt wird, inhaltlich jedoch als Fundus von Verhaltensweisen die, die Möglichkeit besaßen den Einzelnen auf eine Weise zu konditionieren, dass er sich am Hofe zu verhalten wusste. (vgl. Elias 1997)

Mit dem Buchdruck begannen diese „Manierbücher“ und Tischsitten, in denen unter anderem die „Verwendung des Löffels zu Tisch, das Essen an einer Tafel, die Verwendung der Gabel oder das Verhalten im Schlafraum“ beschrieben wurden, in die bürgerliche Gesellschaft einzufließen und durchdrangen diese wiederum so, dass auch bürgerliche Kreise immer mehr mit dem Ideal, welches vom Adel und der höfischen Gesellschaft vorgelebt wurde, einhergingen und diesem entsprechen wollten.

Diese „unmittelbaren Zeugnisse der Vergangenheit“ deuten für Elias auf einen Prozess im Wandel der Verhaltensweisen hin, sie sind für ihn nicht einfach gegeben, sondern kristallisieren sich nach und nach im Laufe der Jahrhunderte von Oberschicht und Adel über das Bürgertum bis hin zu den untersten Schichten heraus.

Gerade die Entwicklung der Verhaltensweisen die nach und nach die gesamte Gesellschaft durchdringen sind es, die nach Elias´s Theorie in einem Prozess münden der weder einen bestimmten Anfang noch ein konkretes Ende hat. (vgl. Elias 1997)

Er schreibt, dass es sich bei den Manierbüchern im Mittelalter um „Instrumente der Konditionierung und Fassionierung, der Einpassung des Einzelnen an jene Verhaltensweisen handelt, die der Aufbau und die Situation seiner Gesellschaft erforderlich macht“ (Elias, 1997:201).

Eine „Einpassung“ die jedoch ohne einen institutionellen Zwang vor sich geht, sondern jeder Einzelne zwingt sich zu dem Verhalten was Ihn in dem Sinne von Elias Theorie gesellschaftsfähig macht.

Auch der Aspekt des Sprachgebrauchs in diesen Manierbüchern ist Bestandteil seiner umfassenden Analyse. So bezieht er zum Beispiel den Begriff der „Höflichkeit“ auf das Verhalten zu Hofe zurück. Nach Elias hatte man sich „höflich“ zu verhalten wenn man zu Hofe geladen war oder Waren angeliefert hat, oder sonstige Beziehungen zum Hofe der Adligen pflegte. Dieser Begriff hat sich im Laufe der Jahrhunderte bis in die Unterschichten verfestigt, so dass man in der heutigen Zeit weiß, dass man unter höflichem Verhalten ein freundliches und zuvorkommendes Verhalten versteht und auch weiß wo dieses zur Anwendung kommt. Auch die unterschiedlichen Konditionierungsarten „in den verschiedenen Phasen der Gesellschaftsentwicklung“ (Elias, 1997:277) lässt Elias nicht außer acht, sondern legt besonderes Augenmerk auf die Eigenarten der jeweiligen Gesellschaft und die Herausbildung eines Gesellschaftscharakters.

Nach Elias sind diese Strukturen nicht vorn vornherein gegeben, eher ergeben sich Diese aus dem Zusammenspiel von individuellen sowie gesellschaftlichen Präge- und Bildungsprozessen. Die Verflechtungen welche nach Elias in der modernen Gesellschaft ein fast unüberschaubares Maß annehmen werden durch den Begriff der „Figurationen“ näher erklärt. Menschen befinden sich immer in einer „Figuration“ von Geburt an ist jeder Einzelne Mitglied einer Figuration, der Familie. In traditionellen Gesellschaften wäre die nächste Etage der Figurations – Sphäre das Dorf, dann die Religion das Herzogtum und abschließend das Königreich. (vgl. Elias 1997)

In der modernen Gesellschaft, durch die zunehmende Differenzierung und Affektkontrolle nehmen auch die Sphären der Figurationen zu in der sich der Einzelne Zeit seines Lebens bewegt.

Der Beruf in einer großen Firma, zieht ggf. eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nach sich, im Skatverein, mit Kollegen oder Bekannten aus dem Haus oder der Nachbarschaft zieht ebenso neue Strukturen hervor und somit ist das „Maß an Verflechtungen“ ein enormes, je ausdifferenzierter eine Gesellschaft ist.

Die Gruppengröße ist für die Figuration irrelevant da es Elias um die „interdependenten Verflechtungszusammenhänge“ geht, wie also das Handeln von Individuum zu Individuum wirkt und wie sich dieses Handeln gegenüber der Gruppe auswirkt sowie im gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden kann. Elias unterstreicht die Notwendigkeit der Betrachtung von historischen Tatsachen und Niederschriften sowie die Analyse der Prozesse Ihrer Auswirkungen auf die jeweiligen Gesellschaften.

Soziale Prozesse sind nach Elias; „kontinuierliche, langfristige , d.h. gewöhnlich nicht weniger als drei Generationen umfassende Wandlungen der von Menschen gebildeten Figurationen oder ihrer Aspekte in einer von zwei entgegengesetzten Richtungen“ (Elias 1986b, 234)

Nach Elias ist jeglicher Versuch einen kausalen Zusammenhang oder gar kausale Gesetzmäßigkeiten zu finden von vornherein sinnfrei, da es in der Soziologie keine „einfachen Wirkungsketten gibt“ (vgl. Elias 1970).

Die Geschichte gehört für Elias zur Soziologie und ist für ihn untrennbar mit ihr verbunden, denn seiner Ansicht nach ist ohne die Betrachtung der Geschichte und ihrer Ereignisse, Gebräuche und ihrer jeweiligen Sprache eine Erklärung für den sozialen Prozess der Modernisierung von vornherein nicht möglich. Die Geschichte ist für Elias untrennbar mit seiner „Prozess und Figurationssoziologie“ verbunden. Ohne diese Betrachtungen der Historie sind gesellschaftliche Ereignisse und Mechanismen für Elias nicht erklärbar.

1.2 Über Sociale Differenzierung - Georg Simmel

Georg Simmel begründet mit seinen Vorstellungen einer formalen Soziologie eine Soziologie die auf historischen Entwicklungsgesetzen der Vergesellschaftung fusst, also fundamentale und universale Formen der Wechselwirkung zwischen handelnden Individuen in Augenschein nimmt.

Die Struktur der Gruppen ändert sich im Laufe der Zeit, auch die Gruppengröße hat auf diese Veränderung, laut Simmel, eine fundamentale Auswirkung. Simmel hält es für ein „Gesetz der Geschichte“, dass die Größe der Gruppe im Laufe der Zeit zu oder abnimmt, keine Gruppe, kein Kreis ist nach Simmel konstant bzw. homogen. (vgl. Simmel 1989)

Die Kreise in den traditionellen Gesellschaften ohne hochgradige Arbeitsteilung bzw. Differenzierung wo jeder Einzelne sich in überschaubaren Gruppen bewegt (Familie, Dorf, Christentum) verlangen nach Simmel dem Einzelnen kaum Individualität ab, bzw. erkennen die Menschen in den traditionellen Gesellschaften kaum das Ausmaß ihrer möglichen Individualität, da die Gruppen, in denen sich der Einzelne befindet hochgradig statisch sind und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Gruppen (Familie, Dorf, Religion) kaum stattfinden.

Im Gegensatz zur modernen Gesellschaft in der, nach Simmel, der Einzelne im Schnittpunkt von Familie und Beruf, Religion und Gesellschaft steht. Diese Entwicklung geht laut Simmel auf die zunehmende Verstädterung und die Abkehr vom dörflich-bäuerlichen Leben zurück. In seinem Aufsatz „Philosophie des Geldes“ (Simmel;1900) stellt er ein ruhiges Dorfleben dem schnelllebigen Leben in der Großstadt gegenüber.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Individualisierung und Differenzierung in der Moderne. "Sociale Differenzierung" von Georg Simmel und "Über den Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias im Vergleich
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Human und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologie Klassiker I
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V351250
ISBN (eBook)
9783668381803
ISBN (Buch)
9783668381810
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Simmel, Elias, Hausarbeit, soziale Differenzierung, Theorien, Vergleich
Arbeit zitieren
Vic Zen (Autor), 2015, Individualisierung und Differenzierung in der Moderne. "Sociale Differenzierung" von Georg Simmel und "Über den Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351250

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