Persönlichkeits- und Gesundheitsförderung durch aerobe Bewegung

Planung, Durchführung und Evaluation eines Kurskonzeptes für Mitarbeiter/innen


Masterarbeit, 2008
103 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungs-/Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arbeit und Gesundheit
2.1 Gesundheit und Gesundheitsförderung
2.2 Gesundheitsbildung und Persönlichkeitsförderung
2.3 Prävention in der Arbeitswelt
2.4 Evaluation von Gesundheitsprogrammen

3 Bewegungsprogramme im betrieblichen Kontext
3.1 Coopers "Pionierarbeit"
3.2 Evidenzbasierte Ergebnisse: Effekte körperlicher Aktivität
3.3 Laufspezifische Auswirkungen auf berufliche Tätigkeit
3.4 "Lauf-Coaching"

4 Aerobe Bewegung und "Therapeutisches Laufen"
4.1 Aerobe vs. anaerobe Bewegung
4.2 Medizinische Forderungen an Präventionsmaßnahmen
4.3 Effekte des langsamen Dauerlaufs
4.3.1 Körperliche Wirkungen
4.3.2 Einflüsse auf die Psyche
4.3.3 Veränderung von Persönlichkeitseigenschaften
4.4 Ansatz des therapeutischen Laufens ("Lauftherapie")
4.5 Exkurs: Laufen - eine Therapie?

5 Projektbeschreibung "Betriebliche Laufgruppe"
5.1 Betriebliche Rahmenbedingungen
5.2 Belastungen im Gesundheits-, Sozial- und Erziehungssektor
5.3 Zielgruppe und Teilnehmer/innen
5.4 Fragestellung/Zielsetzungen
5.5 Kursablauf und Laufparameter
5.5.1 Zeitrahmen und Gelände
5.5.2 Laufprogramm
5.5.3 Belastungspuls
5.5.4 Unterstützende Maßnahmen

6 Untersuchungsdesign
6.1 Instrumente und Verfahren - Übersicht
6.2 Anmeldegespräch und Anamnesebogen
6.3 Messinstrumente - halbstandardisierte Verfahren
6.4 Interview
6.5 Physiologische Parameter
6.6 Dokumentenauswertung

7 Fallbericht
7.1 Fallbeispiel Frau N.
7.1.1 Angaben zur Person - Motive und Ziele
7.1.2 Erfolgsmessung
7.1.3 Interviewaussagen
7.2 Bewertung des Laufprozesses
7.2.1 Physio-psychische Wirkungen
7.2.2 Auswirkungen auf Berufssituation
7.2.3 Lebensstiländerungen
7.3 Einschub: Lauf-Effekte bei weiteren Kursteilnehmerinnen

8 Diskussion und Kritik
8.1 Gesamtbetrachtung der Ergebnisse
8.2 Möglichkeiten und Grenzen der Fallstudienarbeit
8.3 Gütekriterien und "Fallen" der Ergebnisinterpretation
8.4 Qualitätssicherung und Transfer

9 Implementierung des therapeutischen Laufens
9.1 Projektmanagement und Gesundheitsförderung
9.2 Laufen als Projekt
9.3 Leitfaden Kurs "Therapeutisches Laufen".
9.4 Grenzen der Planbarkeit und didaktische Kompetenz
9.5 Laufen als Angebot auf dem Gesundheitsmarkt

10 Laufen - unspektakulär, kostengünstig und effektiv

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang

Abstract

Um Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Beschäftigten zu erhalten, setzen Unternehmen zunehmend auf gesundheitsfördernde Maßnahmen. Am Beispiel „aerober Bewegung“ in Form des langsamen ausdauernden Laufens wird ein Weg zu körperlich-seelischem Wohlbefinden aufgezeigt. Die im Rahmen einer betrieblichen Laufgruppe erfahrenen Effekte werden exemplarisch an einer Fallstudie dokumentiert – ebenso damit einhergehende Persönlichkeitsentwicklungen und Einflüsse auf das berufliche Tätigkeitsfeld.

Der Pilotstudie liegt der Ansatz des „Therapeutischen Laufens“ zugrunde, wie er vom Deutschen Lauftherapiezentrum (DLZ) propagiert wird. Die konkrete Umsetzung mit Hinweisen zur Planung, Durchführung und Evaluation eines Laufkurses als Maßnahme betrieblicher Gesundheitsförderung ist in einem „Leitfaden“ dargestellt. Das Konzept lässt sich mit wenigen Modifikationen auch auf die Arbeit in der Rehabilitation, in Therapieeinrichtungen, Kliniken, Schulen und anderen Institutionen übertragen – vorausgesetzt, der Kursleiter besitzt eine entsprechende sportpädagogische bzw. sporttherapeutische Qualifikation.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Anteil aerober und anaerober Kapazität an der Energie-bereitstellung bei Maximalbelastungen unterschiedlicher Dauer (nach Wessinghage 2004, 36)

Abb. 2 Psychische Wirkungen des Laufens (vgl. Sachs/Buffone 1984; Bartmann 1992, 95ff; ders. 2003, 23; Ziemainz 2000)

Abb. 3 Beziehungsgefüge „Gesundheit“ im ganzheitlich orientierten Konzept des DLZ

Abb. 4 DLZ-Anamnesebogen für Laufkursteilnehmer nach Weber (1999, 33f.)

Abb. 5 Herzfrequenzmesser: Brustgurt und Pulsmessuhr (nach UNILIFE Trainingscomputer POLAR)

Abb. 6 Vergleich der PFzS-Dimensionen (vor/nach der Teilnahme am Laufkurs)

Abb. 7 Ablaufplan/Zeitraum Laufkurs (Wochen 1-16)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Auszug „DLZ-Laufprogramm“ für Anfänger (vgl. Weber 1999, 40)

Tab. 2 Rechenbeispiel zur Ermittlung der Pulsfrequenz für Untrainierte (vgl. Wöllzenmüller 1993, 44)

Tab. 3 Pulsfrequenzen für Untrainierte während sportlicher Belastung (nach Wöllzenmüller 1993, 45)

Tab. 4 Übersicht Datenquellen

Tab. 5 Überdrusswerte Frau N. (vor und nach LT-Kurs)

Tab. 6 Itemauswahl aus Überdrussskala (Fallbeispiel Frau N.)

Tab. 7 Variablen des PFzS zu Beginn (a) und am Ende (b) des Laufkurses

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Tu Deinem Leib Gutes,

damit Deine Seele gerne in ihm wohnt!“

Teresa von Avila (1515 – 1582)

1 Einleitung

Der Wettbewerb auf dem (globalen) Markt setzt Unternehmen einem permanenten Anpassungsdruck aus, was für die Beschäftigten nicht folgenlos bleibt: Personalabbau, Zeit- und Leistungsdruck, Überlastung und die Vorgabe, hohe Qualität bei sinkenden Kosten zu liefern, führen im täglichen Arbeitsprozess bei immer mehr Menschen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, deren Ausmaß und Wirkungen noch nicht abzuschätzen sind.

Es sind nicht mehr schwere körperliche Arbeit oder negative Umgebungseinflüsse, welche die Gesundheit am Arbeitsplatz beeinflussen, es sind vielmehr „unspezifische“ Belastungskonstellationen, die als psychosozialer Stress ganz unterschiedliche Beschwerdebilder hervorrufen, für die keine naturwissenschaftlich bestimmbaren Schädigungsgrenzen angegeben werden können (Lenhardt 1994, 23).

Statistiken der Rentenversicherungsträger belegen, dass etwa zwei Drittel aller Beschäftigten – und davon wieder ein großer Teil aus gesundheitlichen Gründen – vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze in den Ruhestand treten. Diese Angaben spiegeln zwar Auswirkungen aller Lebensbereiche, Arbeits- und Umweltbedingungen wider, der beruflichen Tätigkeit kommt jedoch eine besondere Bedeutung zu, immerhin verbringt der erwachsene Mensch im Schnitt ein Drittel seines Lebens am Arbeitsplatz.

Eine bemerkenswerte Entwicklung zeigt sich bei den Ursachen der „Frühberentung“:

Psychische Erkrankungen infolge von Arbeitsstress sind in den letzten Jahren exponentiell gestiegen. Ihr Anteil an den Rentenfällen erhöhte sich von 8 Prozent im Jahr 1983 auf rund 24 Prozent in 2003. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern sind psychische Erkrankungen inzwischen Hauptursache für den frühen Eintritt in den Ruhestand (RKI 2006, 15; vgl. Anhang 1).

Auch Daten der Krankenkassen sprechen eine deutliche Sprache. Auf Deutschland bezogen ergibt sich für 2006 ein Ausfall von acht Millionen Arbeitstagen, weil sich Beschäftigte überfordert, unwohl und müde fühlten. Dies ist ein Plus von zehn Prozent bei den psychisch bedingten Fehlzeiten gegenüber dem Vorjahr.

Die Kosten für die Allgemeinheit, um Angststörungen, Depressionen, Herzinfarkte oder Hörstürze zu kurieren, verdoppelten sich nahezu binnen eines Jahrzehnts (Sueddeutsche vom 09.09.2007). Als Indikator bilden diese Zahlen die sich ausweitenden psychosozialen Belastungen in Arbeitswelt und Gesellschaft ab. Dennoch sinken Krankenstände in den Betrieben auf das niedrigste Niveau seit Einführung der Lohnfortzahlung. Das Phänomen des Präsentismus ist jedoch nicht als Zeichen besserer Gesundheit zu werten, es weist darauf hin, dass viele Arbeitnehmer immer öfter krank zur Arbeit gehen, aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.

Neben der Zunahme psychischer Anspannungen stellt der zunehmende Bewegungsmangel ein weiteres Kennzeichen unserer Zivilisation dar.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgrund mangelnder Bewegung sind schon bei unseren Schulkindern weit verbreitet; außerhalb des Unterrichts bringen sie im Schnitt 3,4 Stunden täglich vor Fernseher und Computer zu – für viele von ihnen wird Sitzen zur dominierenden Körpererfahrung. Auch Menschen, die im Arbeitsprozess stehen, sind in ihrem Bewegungsspielraum oft so eingeschränkt, dass die Fähigkeit verkümmert, den Körper als Grundlage gesunder Lebensführung anzusehen. Insgesamt verbringen Frauen am Tag durchschnittlich 6,7 Stunden und Männer 7,1 Stunden im Sitzen (vgl. BMG 2005, Nr. 190). Bereits jeder zweite Erwerbstätige arbeitet vorwiegend am Computer, Muskelkraft und Bewegung sind in der Arbeitswelt immer seltener gefragt.

Die Entfremdung des Menschen von seinem Körper verlangt geradezu danach, den Körper wieder neu wahrzunehmen. Entfremdung heißt nämlich in letzter Konsequenz, dass der Mensch den Kontakt zu sich selbst verliert. A. Lowen umschreibt dies so: „Das Gefühl der Identität wurzelt in einem bestimmten Körpergefühl. Um zu wissen, wer man eigentlich ist, muss man sich dessen bewusst sein, was man fühlt. Man muss wissen ... wie man sich bewegt“ (1985, 10). Die Forderung, die sich daraus ableitet: Arbeit mit dem Körper – also Bewegung – muss wieder stärker in den Alltag der Menschen integriert werden.

Wie ernst das Problem eingeschätzt wird dokumentiert eine gemeinsame Erklärung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Weltverbandes der Sportmedizin (FIMS), in der das Gesundheitsrisiko durch Bewegungsmangel mit dem Risiko durch Nikotinmissbrauch verglichen wird.

Den Anstoß zu vorliegender Pilotstudie gab eine Ausbildung zum Kursleiter für „Therapeutisches Laufen“ (Lauftherapie) am Deutschen Lauftherapiezentrum (DLZ). Dem Vorhaben liegt die Absicht zugrunde, im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung ein Angebot „aerobe Bewegung“ zu konzipieren und umzusetzen (vgl. Eppinger 1995). Eine Gruppe von Beschäftigten des „bfw – Unternehmen für Bildung“ konnte für die Teilnahme an einem Laufkurs gewonnen werden. Die daran Beteiligten stimmten zu, über persönliche Veränderungen im Kurszeitraum zu berichten sowie in Gesprächen Auskunft darüber zu geben, welche Einflüsse das Laufen auf ihr Leben genommen hat und welche Wirkungen damit verbunden waren.

Im Mittelpunkt des Projekts steht die konkrete Praxis des therapeutischen Laufens. Die Effekte langsamer ausdauernder Bewegung werden exemplarisch an einer Fallstudie dargestellt. Ergänzend sind Einflüsse aerober Bewegung auf Gesundheit und persönliche Entwicklung weiterer Teilnehmer/innen am Laufprogramm dokumentiert.

Es wird aufgezeigt, wie Laufen als Maßnahme der Gesundheits- und Persönlichkeitsförderung im Unternehmen erfolgreich implementiert werden kann. Theoretischer Bezug, Planungs-, Durchführungs- und Auswertungsschritte sind dabei beschrieben. Erfahrungen bei der Projektrealisation und Evaluationsergebnisse zeigen schließlich Konsequenzen für ein Kurskonzept auf, das modellhaft in einem Leitfaden zusammengefasst ist. Dabei wird zum Teil auf frühere Studien des Autors zurückgegriffen.

2 Arbeit und Gesundheit

2.1 Gesundheit und Gesundheitsförderung

Die Umschreibung von Gesundheit als Zustand eines „umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ (WHO 1986) hat wegen des Einbezugs sozialer und psychischer Dimensionen viel Zustimmung, aber auch berechtigte Kritik erfahren, nicht zuletzt wegen ihres „statischen und perfektionistischen Anspruchs“ (Hörmann 1998, 441). Trotz der Bedeutung, die der Gesundheit in individueller und gesellschaftlicher Perspektive zukommt, existiert keine wissenschaftlich begründbare, eindeutige Definition (Hoh/Barz 1999, 293).

Im Sinne einer konsensfähigen Leitvorstellung betrachtet Hurrelmann (2000, 94) Gesundheit als „Stadium des Gleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren (körperlichen und psychischen) als auch der äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen gelingt ... und Wohlbefinden sowie Lebensfreude vermittelt“.

Auf die Arbeitsplatzsituation bezogen bedeutet dies, nach Möglichkeit individuelle mit betrieblichen Bedingungen in Einklang zu bringen.

Arbeiten in einem Unternehmen heißt, in einem besonderen psychosozialen Umfeld zu agieren: Führungsstil, hierarchische Strukturen, Rollen- und Statusbewusstsein, Prestige, Rivalität, Aggressivität, Sympathie, Umgangston, Teamarbeit ... sind dabei maßgebliche Faktoren. Die Auswirkungen dieser Umgebung auf Wohlbefinden und Leistungsverhalten können ausgesprochen positiv sein, aber auch emotionalen Stress, psychosomatische Beschwerden oder im ungünstigsten Fall psychische Erkrankung bedeuten. Die Gesundheit von Mitarbeitern ist damit zu einem gewissen Grad vom psychosozialen Milieu „Arbeitsplatz“ abhängig.

In der Ottawa-Charta der WHO (1986) heißt es hierzu programmatisch:

„Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft die Arbeit, die Arbeitsbedingungen und die Freizeit organisiert, sollte eine Quelle der Gesundheit und nicht der Krankheit sein. Gesundheit zielt auf Arbeits- und Lebensbedingungen, die sicher, anregend, befriedigend und angenehm sind“ (www.euro.who.int). Mit dieser Hinwendung zu Public Health steht auch die Berufs- und Arbeitswelt in der besonderen Verpflichtung, eigene und auf ihre besonderen Bedingungen abgestimmte Ansätze zu entwickeln.

Daneben stellt der salutogenetische Ansatz eine zweite Säule der Gesundheitsförderung dar. Durch den Paradigmenwechsel - von einer kurativen Pathogenese hin zur präventiv orientierten Salutogenese – interessiert vor allem die Frage, welche Faktoren es einem Menschen ermöglichen, trotz einer Vielzahl von Gesundheitsrisiken gesund zu bleiben. Nach Antonovsky (1997) bleiben Individuen und Gruppen eher gesund, wenn sie

- Anforderungen und Zumutungen einordnen können und diese vorhersehbar und durchschaubar sind (comprehensibility),
- Einfluss nehmen können sowie Ressourcen für die Bewältigung von Herausforderungen vorhanden sind (manageability) und
- Ziele anstreben können, die als sinnvoll erlebt werden (meaningfulness).

Zusammen bilden die drei Faktoren Vorhersehbarkeit, Beeinflussbarkeit und Sinnhaftigkeit den „Sense of Coherence“, das Gefühl, sich in einer verstehbaren und beeinflussbaren Welt zu bewegen. Das sich daraus entwickelnde Vertrauen in eigene Fähigkeiten und ein gesundes Selbstwertgefühl erleichtern den Umgang mit beruflichen Belastungen. Damit ist eine entscheidende Basis für gesundheitsförderliche Bedingungen geschaffen – auch bei hohen Arbeitsanforderungen.

2.2 Gesundheitsbildung und Persönlichkeitsförderung

Das Modell der Salutogenese erlangte auch für die Konzepte der Gesundheitsbildung Bedeutung (vgl. Bengel et al. 1989). Gesundheitsbildung betont die Selbstbestimmung und Eigenaktivität im Bildungsprozess und weist auf Einbeziehung – gegebenenfalls auf Veränderung – der sozialen, ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen hin.

Menschen, deren Überdruss in beruflichen Situationen wächst, die sich erschöpft fühlen und ihre Tätigkeit nicht mehr befriedigend finden, stehen in der Gefahr, negative Einstellungen zu sich selbst, zur Arbeit und zum Leben allgemein zu entwickeln. Wer sich dagegen als Person wahrgenommen und geschätzt fühlt, wer Anerkennung erfährt und Partizipationsmöglichkeiten hat, wird auch mit seiner Arbeit zufriedener sein. Ein Unternehmen, das erfolgreich am Markt bestehen möchte, kann von der Pflege der Humanressourcen nur profitieren, denn „gesunde verantwortungsbewusste Menschen bauen mit großer Wahrscheinlichkeit gesunde und produktive Unternehmen auf“ (Rosen, zit. n. Psychologie Heute 1995, 18). Unternehmen als lebendige soziale Systeme tun also gut daran, auch zur Gesundheitsentwicklung und -bildung ihrer Mitarbeiter beizutragen.

Die Sozialisationstheorie verweist darauf, dass sich der Mensch in der gesamten Lebensspanne in einer ständigen intensiven Auseinandersetzung und im Austausch mit inneren und äußeren Ressourcen befindet, um die eigene Persönlichkeit, die „Gesamtheit aller Wesenszüge und Äußerungen“ (Wahrig 1991, 982), aufzubauen und weiter zu entwickeln.

Die zentrale These, dass sich Persönlichkeit maßgeblich i n der Auseinandersetzung mit der Arbeitstätigkeit verändert (Hurrelmann 2000, 61), unterstreicht neben dem ökonomischen Aspekt die besondere Bedeutung des Arbeitsplatzes für jeden Einzelnen. Arbeitsbedingungen – so die Sozialisationstheorie –- beeinflussen den gesamten übrigen Lebensstil (ebd., 27). Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung müssen konsequenterweise auch Zielsetzungen präventiver Arbeitsgestaltung in den Unternehmen sein.

2.3 Prävention in der Arbeitswelt

Die Begriffe Gesundheitsförderung, Gesundheitsvorsorge und Prävention wurden in der Vergangenheit häufig nebeneinander verwendet (Laaser 1993, 307). Heute werden unter der gesundheitlichen Prävention in der Arbeitswelt alle Maßnahmen zusammengefasst, die der Stabilisierung der körperlich-seelischen Gesundheit und Mobilisierung der Leistungsfähigkeit dienen, alle betriebs- und arbeitsorganisatorischen Maßnahmen sowie die Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten (Arbeitsschutz) (vgl. IGA 2005, 7). Mit einem klaren Bekenntnis zu betrieblicher Gesundheitsförderung bekräftigen Betriebe und Organisationen, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen (vgl. BKK o. J).

Arbeits- und Gesundheitsschutz sind Bestandteile einer umfassenden Personal- und Organisationsentwicklung und Teil der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, so wie auch Beschäftigte selbst in der Pflicht stehen, für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Sorge zu tragen. Neben der betriebsärztlichen Betreuung und dem Einsatz von Fachkräften für Arbeitssicherheit haben sich die Arbeitskreise Gesundheit, Gesundheitszirkel und Arbeitsschutzausschüsse zur Umsetzung von Zielen zur Erhaltung und Förderung von Gesundheit und Arbeitszufriedenheit bewährt. Eine Bestandsaufnahme der Belastungen, von Gefährdungsbeurteilungen und die Erstellung eines Gesundheitsberichtes gehen im Idealfall der Entwicklung von Konzepten voraus.

Gesundheitsprogramme lassen sich grundsätzlich danach unterscheiden, ob sie eher an Verhältnis- oder Verhaltensprävention orientiert sind. Schwerpunkte der Verhältnisprävention sind Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit oder zur Schaffung eines humanen Arbeitsplatzes. Hierzu zählen die ergonomische Gestaltung der unmittelbaren Arbeitsumgebung, arbeitsorganisatorische Maßnahmen aber auch Führungsverhalten und Betriebsklima. Verhaltensprävention schließt dagegen solche Aktivitäten ein, die die Gesundheitskompetenz der Beschäftigten in den Bereichen Bewegung, Entspannung, Ernährung und den Umgang mit Genussmitteln (Nikotin, Alkohol) zu stärken suchen. Anti-Stressseminare, Ernährungskurse, Rückenschulung, Raucher-entwöhnung und sportmedizinisch überwachte Trainings stehen stellvertretend hierfür.

2.4 Evaluation von Gesundheitsprogrammen

Qualitätssicherung und Evaluation nehmen infolge von Legitimationszwängen immer mehr zu (vgl. BKK News 6/2005, 5). Betriebliche Präventionsangebote haben den Vorteil, dass Lern- und Veränderungsprozesse umfassender evaluiert werden können. Für Inputevaluierung, Prozessevaluation, Output- und Transferevaluierung bieten sie leichteren Zugang zu den beteiligten Personen, weil vorhandene betriebliche Kommunikationskanäle genutzt werden können (Arnold 1996, 228).

Da die komplexen Interventionen der Gesundheitsförderung meist auf einzelne Betriebe ausgerichtet sind, werden allerdings vergleichende Aussagen über den Kosten-Nutzen-Faktor erschwert. Ein zusätzliches Manko liegt darin, dass Programme in den allermeisten Fällen nicht theoriegeleitet sind, d. h. sie sind ohne Bezug auf sozialwissenschaftliche Modelle zur Verhaltensänderung konzipiert (Kreis/Bödecke 2003, 38).

Allein 2005 wurden in Deutschland 440 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage verzeichnet. Der mit dem demografischen Wandel einsetzende Alterungsprozess in den Belegschaften könnte die Situation langfristig weiter verschärfen. Studien zeigen, dass mit jedem in gesundheitsfördernde Maßnahmen investierten Euro Krankheitskosten zwischen 2,50 Euro und 4,80 Euro eingespart werden können (vgl. BKK 2007). Investitionen der Unternehmen in Gesundheitsförderung lohnen also in jedem Falle.

Fehlzeitenreduzierung und Senkung des Krankenstandes sind zwar legitimer Ansatz, können aber nicht alleiniges Ziel betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention sein. Zusätzliche immaterielle Vorteile – z. B. persönliche Entwicklungen von Mitarbeitern - bleiben oft unerwähnt (vgl. Hoh/Barz 1999, 307). Mitarbeiter, die sich wohlfühlen sind motivierter und leistungsbereiter. Nicht zuletzt ist ein positives Betriebsklima auch nach außen sichtbar und führt zu zufriedenen Kunden.

Dennoch ist festzustellen, dass viele Betriebe (noch) nicht hinreichend gelernt haben, dass Defizite der betrieblichen Gesundheitspolitik nicht nur zu vermeidbarem Leid und gesundheitsgefährdenden Belastungen der Mitarbeiter führen, sondern auch zu „verringerter Arbeitsleistung, suboptimaler Arbeitsqualität und zu hohen direkten und indirekten Kosten“ (Rosenbrock, zit. n. BKK 2/2006, 2f.).

Hemmende Bedingungen liegen primär darin, dass Sachkapital nach wie vor höhere Aufmerksamkeit genießt als das „Humanvermögen“, obwohl nachweisbar Unternehmen mit gesunden Beschäftigten über ein höheres Kreativitäts- und Innovationspotential und damit über einen Wettbewerbsvorteil verfügen (vgl. BKK 2007).

3 Bewegungsprogramme im betrieblichen Kontext

3.1 Coopers „Pionierarbeit“

Es ist ein Verdienst des Sportmediziners Kenneth H. Cooper, des wohl namhaftesten Befürworters eines aeroben Bewegungstrainings, dass Ausdauerleistungen als Bestandteil jeglichen Fitnesstrainings ins Bewusstsein rückten.

In Deutschland war es der Arzt Ernst van Aaken, der ebenfalls schon früh den langsamen Dauerlauf als Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden propagierte (vgl. van Aaken 1974).

Die bereits als „historisch“ zu bezeichnenden Ergebnisse eines Fitnessprogramms mit 5000 Angehörigen der U.S. Air Force, bei dem Cooper neben dem Laufen auch die ausdauerfördernden Sportarten Schwimmen, Radfahren und schnelles Gehen einbezog, zeigten einen merklichen Anstieg der Arbeitsleistung. Die Arbeit wurde in besserer Stimmung durchgeführt, da die Beteiligten ihre Spannungen durch körperliche Tätigkeit abreagieren konnten.

Coopers Fazit: „Ich möchte diese Erfahrung jedem Geschäftsleiter oder Verwaltungsboss, der um die Produktivität und die gute Stimmung seiner Leute besorgt ist, wärmstens ans Herz legen“ (Cooper 1970, 158).

Aufgrund der Analyse verschiedener Studien kommt Cooper zum Schluss, dass „das Bewusstsein einer guten körperlichen Kondition stets ein gewisses Maß an Selbstvertrauen verleiht, und schon dies die Aussicht auf Erfolg im Leben erhöht“ (ebd., 117f.).

3.2 Evidenzbasierte Ergebnisse zu Effekten körperlicher Aktivität

Befunde, die sich gezielt mit Wirkungen des Laufens auf Beschäftigte in Unternehmen beziehen, liegen kaum vor. Vielfach wird über Ausdauerbewegungen allgemein berichtet.

Shepard (1996) wertete zweiundfünfzig Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung aus, bei denen jeweils körperliche Aktivitäten im Zentrum standen. Dabei handelte es sich um Fitnesskurse, die zwei- bis dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von dreißig bis fünfundvierzig Minuten durchgeführt wurden.

Als direkte Folgen neben den physiologischen Effekten (Verbesserung der muskulären Ausdauer und Flexibilität, Abnahme des Body Mass Index, Senkung des Cholesterinspiegels und Reduktion von Herzrisikofaktoren), stellte Shepard eine Abnahme der Zahl der Raucher sowie eine deutliche Senkung des Absentismus fest. Die Bewegungsprogramme führten zur Verminderung medizinischer Kosten um einhundert bis fünfhundert Dollar pro Arbeiterjahr (Kreis/Bödecker 2003, 16f.).

Zusammenstellungen zum gesundheitlichen und ökonomischen Nutzen von Förderprogrammen verweisen auf eine Reduzierung der Krankheitskosten um rund fünfunddreißig Prozent sowie eine Verringerung der Fehlzeiten im Umfang von zwölf bis sechsunddreißig Prozent (ebd., 30).

Partiell wurde von mehr Arbeitszufriedenheit, verbessertem Wohlbefinden und weniger Stress bei den Beschäftigten berichtet.

3.3 Laufspezifische Auswirkungen auf berufliche Tätigkeit

In einer Studie von Mertens (1992) schätzten sich Mitarbeiter in Unternehmen, die in ihrer Freizeit Ausdauersport (Langstreckenlauf) betrieben, als belastbarer, flexibler und konzentrationsfähiger ein als Nichtsportler. Läufer entwickeln ein besseres Selbstkonzept, sie sehen ihre berufliche Leistungsfähigkeit deutlich gestärkt und zeigen sich von einer verbesserten Kooperationsfähigkeit und Kollegialität überzeugt. Das Fazit: “Wer läuft, traut sich auch beruflich mehr zu“.

Bartmann (2003) stellte in Untersuchungen mit Krankenpflegepersonal fest, dass Läufer/innen über eine deutlich höhere Arbeitszufriedenheit verfügten. Er zitiert Fiegenbaum (1987) mit einer Arbeit über Persönlichkeitsmerkmale von Langstreckenläufern: danach empfinden diese nicht nur während des Laufens größeres Wohlbefinden, sie sind auch „bei der Arbeit, unter Freunden oder während der Freizeit ... deutlicher zufriedener“ (Bartmann 2003, 28).

Den sozialen Aspekt des Laufens hebt Bonnemann (2001) hervor. Laufen in der Gruppe kann seiner Ansicht nach ein Erproben und Gestalten sozialer Kompetenzen im Beruf fördern. Die Konstellation des langsamen Laufens stelle eine ideale Situation dar, um über „aktuelle berufliche Ereignisse, über Alltagsreste ... , über anstehende Planungen und künftige berufliche Perspektiven mit- und untereinander zu sprechen ... (bis hin zum) Finden von Lösungen bei aktuellen persönlichen Arbeitsproblemen“ (ders., 39). Bonnemann hält es für wahrscheinlich, dass bei Teilnehmern, die einen als betriebliche Weiterbildungs-maßnahme konzipierten Laufworkshop besuchen, aufgrund einer gestärkten Befindlichkeit entsprechende positive Übertragungen auf das berufliche Umfeld stattfinden.

Insgesamt fühlen sich Läufer bei der Arbeit zufriedener und entspannter, sie halten sich für belastbarer, konzentrationsfähiger und nach eigener Einschätzung auch für kooperationsfähiger.

3.4 „Lauf-Coaching“

Als zeitlich begrenztes Weiterbildungs- und Personalentwicklungs-instrument dient Coaching der Stärkung und Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz; es stellt eine Form der Managementberatung dar, bei der Führungskräfte alle für sie relevanten Fragestellungen mit einem Coach „verhandeln“ (vgl. Schreyögg 2004, 8). Allgemein wird darunter die Beratung von Menschen verstanden, die „ihre berufliche Situation und ihren persönlichen Umgang mit beruflichen Herausforderungen reflektieren wollen“ (Lauterbach 2005, 15).

Im Gesundheitscoaching (Lauterbach 2005; Joder 2005) strukturiert der Coach den Rahmen gesundheitsbezogener Aktivitäten, begleitet, unterstützt und berät gezielt bei deren Umsetzung. Das Konzept des Gesundheitscoachings vermag einen Weg aufzeigen, wie durch systematisches Beschäftigen mit der Frage der Gesunderhaltung konkrete Verhaltensänderungen angestoßen werden können (vgl. Lauterbach 2008, 21).

Damit ist nicht die Hinwendung zu einem Gesundheitskult gemeint, in dem der Körper zum Gegenstand unerschöpflicher Leistungsfähigkeit hochstilisiert wird, denn würde eine „verbissene Sucht nach unaufhörlicher Fitness oder ein ständiger Kampf gegen den Körper“ daraus resultieren (Hörmann 1998, 444), wäre dies kontraproduktiv.

Besonders bei Führungskräften, die aus einem stark leistungsorientierten Kontext kommen, weist eine gemeinsam mit dem „Lauf-Coach“ durchgeführte Ausdauerbewegung (Laufen) gute Ergebnisse auf. Durch den Coach kann die meist notwendige „Anleitung zur Verminderung von Leistungsdruck, d. h. zur Entschleunigung, direkt gegeben und anschließend reflektiert“ werden (Lauterbach 2005, 139). Durch regelmäßige Bewegung – mit entsprechender Verbindlichkeit und Feedback – erhält der Klient Impulse für Themen wie Lebensbalance und Umgang mit Stressreaktionen, die sehr oft aus aufgestauter Bewegungsenergie resultieren.

Das Prinzip der „Achtsamkeit“ stellt in diesem Zusammenhang ein wesentliches Element dar. Dies geschieht durch Beobachtung und Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper, denn so wie Menschen sich bewegen, durch Haltung und Körpersprache, teilen sie immer auch etwas über ihre Person, ihr Lebensgefühl und ihre Lebenssituation mit.

Bewegung kann – im übertragenen Sinne – zur „Veränderung von Standpunkten“ und damit zu neuen Sichtweisen führen. Im Idealfall entwickelt der Klient mit dem Coach über den Weg des Laufens einen veränderten Arbeits- und Lebensstil.

4 Aerobe Bewegung und „Therapeutisches Laufen“

4.1 Aerobe vs. anaerobe Bewegung

Die dynamische Bewegung großer Muskelgruppen wie sie beim Radfahren, Laufen, Walken, Schwimmen, Rudern, Skilanglauf usw. auftreten, setzen Adaptionsmechanismen in Gang, die aus medizinischer Sicht wegen ihrer gesundheitsfördernden Wirkung als nahezu ideal empfohlen werden. Voraussetzung hierfür ist, dass die Energie für diese ausdauernden Bewegungsarten im Organismus „aerob“ gewonnen wird.

Aerob (griech.: mit Sauerstoff) bedeutet, dass aus Muskelzucker unter Verwendung von Atemsauerstoff Energie erzeugt wird. Dabei halten sich Aufnahme und Verbrauch von Sauerstoff die Waage. Diese Prozesse herrschen beim langsamen Dauerlauf vor. Sie halten lange an und durch das vermehrte Sauerstoffangebot im Organismus kommt es zu gesundheitlich positiven Effekten.

Anaerobe Prozesse (ohne Luftsauerstoff) laufen bei hoher Muskelintensität ab - wie beim Sprinten oder bei der Kraftarbeit. Die Muskeln sind jedoch nach kurzer Zeit schon erschöpft.

Die folgende Abbildung bezieht sich auf Menschen (Sportler) mit hoher aerober und anaerober Kapazität. Auf der Abszisse ist die Belastungsdauer und die Übertragung auf entsprechende (Lauf-) Strecken markiert. Sie zeigt, dass bei Belastungen, die über zwei Minuten andauern, der aerobe Stoffwechsel zur dominierenden Energiequelle wird. Bei kurzfristigen Belastungen, insbesondere bei Belastungsformen, die beispielsweise einem 100-m-Lauf oder Kraftarbeit entsprechen, „wird der überwiegende Anteil des Energiebedarfs unmittelbar anoxydativ bestritten, sei es durch den Abbau der vorhandenen energiereichen Phosphatspeicher oder aber über die Glykolyse“ (Wessinghage 2004, 36).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Anteil aerober und anaerober Kapazität an der Energiebereitstellung bei Maximalbelastungen verschiedener Dauer (nach Wessinghage 2004, 36)

Relativ zuverlässige Aussagen über den jeweiligen Fitnesszustand erlaubt ein Laktat-Test. Über die Bestimmung der Milchsäurekonzentration aus dem am Ohrläppchen entnommenen Blut, lässt sich der individuell günstigste Belastungsbereich ermitteln. Überschreitet der Laktatspiegel, z. B. bei zu hoher Laufgeschwindigkeit, die aerob-anaerobe Schwelle, führt dies zu einem Anstieg der Milchsäurekonzentration und zur Übersäuerung des Muskels, was zum Reduzieren oder zum Abbruch der Belastung zwingt. Bis zur aeroben Schwelle findet eine reine aerobe Energieherstellung statt. Die aerobe Schwelle selbst stellt den Punkt der günstigsten Sauerstoffverbrennung bei niedrigster Laktatproduktion dar (vgl. Geiger 1988, 76). Der Punkt der anaeroben Schwelle entspricht der größtmöglichen Belastungsintensität, bei der Laktatbildung und Laktatabbau gerade noch im Gleichgewicht stehen. Belastungen oberhalb der anaeroben Schwelle führen zu einem kontinuierlichen Milchsäureanstieg.

Aus der Beziehung von Laktatwert, Herzfrequenz und Lauf-geschwindigkeit ergibt sich der aktuelle, individuelle Stand der eigenen Leistungsfähigkeit (Wessinghage 2004, 39). Jedem Laktatwert entspricht ein Herzfrequenzwert, der mit Hilfe eines Pulsmesssystems kontrolliert werden kann, um den Organismus optimal zu belasten.

Für Gesundheitssportler gilt eine einfache Faustregel: Wer sich während des Laufens problemlos mit andern Läufern unterhalten kann, bewegt sich in der Regel im gesundheitsförderlichen aeroben Bereich.

4.2 Medizinische Forderungen an Präventionsmaßnahmen

Gesundheitlich relevante Effekte lassen sich mit einem erhöhten Energieumsatz durch vielfältige Formen körperlicher Aktivität erreichen. Es sind nicht nur umfangreiche Trainingsprogramme, die über Bewegung die gewünschten gesundheitlichen Wirkungen erzielen. Entscheidend ist, dass die Belastung eine gewisse Mindestintensität aufweist:

„Niederschwellige Anstrengungen reichen zwar aus, um präventive Effekte zu erreichen“, Anpassungen der Organe sind allerdings nicht zu erwarten (vgl. Braumann 2005, 213).

Im Deutschen Ärzteblatt haben Dickhut und Löllgen (1996, 31) Empfehlungen für ein aerobes körperliches Präventionstraining gegeben:

- Schwerpunkt des Trainings: Ausdauertraining; d. h., es sollte eine dynamische Belastung größerer Muskelgruppen sein, wie dies beim Joggen oder Walken der Fall ist – ergänzt durch Training von Flexibilität, Koordination und Kraft.
- Energieumsatz: wöchentlicher Umsatz von 1500 bis 2000 Kcal, was etwa zwei bis drei Stunden Laufen oder drei bis vier Stunden Rad fahren entspricht; ein geringerer Trainingsumfang ist jedoch auch präventivmedizinisch wirksam.
- Belastungsintensität: unterhalb der Ausdauerleistungsgrenze (aerob-anaeroben Schwelle), etwa bei 75 bis 85 Prozent der Dauerleistungsgrenze oder 50 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz bzw. der maximalen Sauerstoffaufnahme (vgl. auch Abschnitt 5.5.3).
- Belastungsdauer: länger als 20 Minuten pro Trainingseinheit, möglichst zwei- bis dreimal wöchentlich.
- Trainingsbeginn: Belastung zunächst über fünf Minuten, dann Erholung von ein bis drei Minuten; die Belastungssteigerung sollte fünf bis zehn Prozent pro Monat betragen.
- Vorsorgeuntersuchung: eine sportärztliche Untersuchung vor Trainingsbeginn wird dringend geraten, danach einmal jährlich – mindestens aber alle zwei Jahre.

Ausdrücklich wird auf die Gefährdung bei Aufnahme oder Wieder-aufnahme sportlicher Aktivität mit zu starker Intensität und fehlendem dosierten Trainingsaufbau hingewiesen. Bei Beachtung der Empfehlungen und unter fachgerechter Betreuung sind die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Laufen gegeben. Krankenkassen, Sportvereine, Gesundheitseinrichtungen u. a. bieten entsprechende Einführungskurse an.

4.3 Effekte des langsamen Dauerlaufs

4.3.1 Körperliche Wirkungen

Die körperlichen Wirkungen des ausdauernden Laufens sind hinlänglich bekannt. Das Training hat eine hervorragende Wirkung auf Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel (vgl. Kleinmann 1990, 63), es wirkt bestimmten Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie der Osteoporose entgegen und selbst gewisse Asthmaformen können erheblich gebessert werden (Bergmann 1999, 209).

Anpassungseffekte des Ausdauertrainings für den menschlichen Organismus lassen sich so zusammenfassen: Thrombose- und Arterioskleroseschutz werden erhöht, aerobe Kapazität, Sauerstoffausnutzung der Muskelzellen und Fettsäureverbrennung steigen, ebenso nimmt die Wirksamkeit von Insulin und Leistungshormonen zu und durch den dämpfenden Einfluss auf das vegetative Nervensystem werden weniger Stresshormone ausgeschüttet. Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffverbrauch des Herzens verringern sich, das Schlagvolumen wird dagegen erhöht; schließlich ist der Blutspiegel von Cholesterin und Triglyzeriden sowie die Milchsäureproduktion reduziert (vgl. Wessinghage 2004, 34).

Untersuchungen über immunbiologische Auswirkungen von Ausdauersport lassen ebenfalls günstige Einflüsse erkennen. Der Kölner Psycho-Neuro-Immunologe Prof. G. Uhlenbruck (vgl. 2003) – Arzt und Läufer – beschäftigt sich seit Jahren mit der Wirkung von Sport und Bewegung auf Stoffwechsel und Immunsystem. Durch moderaten Ausdauersport und Bewegung wird das Immunsystem stimuliert bzw. gestärkt und scheint dadurch auch eine „Schutzwirkung gegenüber der Entstehung von Krebs zu haben“.

Aus Tierversuchen ist bekannt, „dass Ausdauerbelastung das Anwachsen experimenteller Tumoren verzögert oder verhindert, das Größenwachstum von Tumoren signifikant hemmt und den Metastasierungsprozess ... beträchtlich reduziert“ (Uhlenbruck/ Ledvina 1990, 14).

Eine Senkung des Risikos für Brust- und Darmkrebs ist statistisch bestätigt. Bei weiteren Tumorarten besteht ebenfalls ein Zusammenhang, wenn auch weniger ausgeprägt (vgl. KID/DKFZ 2007). Nach Ausbruch der Krankheit können angepasste sportliche Aktivitäten das Immunsystem unterstützen und zur Heilung beitragen. Damit erhält sportliche Betätigung auch in der rehabilitativen Nachsorge von Krebserkrankten eine wichtige Funktion (Uhlenbruck/Ledvina 1990, 15).

Körperliche Aktivität normalisiert nicht nur die biochemischen Kreisläufe, sie lässt auch – wie jüngste Forschungen bestätigen –, im Gehirn neue Zellen entstehen: „Fitnesstraining verbessert (offenbar) die Wirksamkeit und Leistung von Nervenzellen“ (Spiegel 5/2006, 142). Mit kernspintomografischen Untersuchungen konnte bei älteren Menschen, die bei Tests auf dem Laufband besonders gut abschnitten, eine erhöhte Neubildung von Neuronen festgestellt werden. Um diese zu erhalten, müssen sie anschließend jedoch beansprucht werden. Zwar starben auch bei diesen Menschen Zellen ab, Verluste durch Abbau waren aber deutlich vermindert. Es mehren sich die Hinweise, dass ein Mindestmaß an körperlicher Betätigung auch vor Demenz und Alzheimererkrankung schützen kann.

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Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Persönlichkeits- und Gesundheitsförderung durch aerobe Bewegung
Untertitel
Planung, Durchführung und Evaluation eines Kurskonzeptes für Mitarbeiter/innen
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
103
Katalognummer
V35251
ISBN (eBook)
9783638352260
ISBN (Buch)
9783638853446
Dateigröße
2551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
2., überarbeitete Auflage 2008
Schlagworte
Gesundheitsförderung, Arbeit, Betrieb, Stressbewältigung, betriebliche Gesundheitsförderung, Persönlichkeitsförderung, Laufen, Bewegung, aerobe Bewegung, Fallstudie, Laufkurs, Planung, Evaluation, Gesundheitsbildung, Gesundheit, Bewegungsprogramm, Kurskonzept, Deutsches Lauftherapiezentrum, DLZ, Therapie, bfw, Jogging, Lauftherapie, Gesundheitscoaching, Laufen als Therapie, Laufgruppe, Laufprogramm, Prävention, Persönlichkeit, Laufeffekte, Joggen, Laufen und Psyche, Berufsfortbildungswerk
Arbeit zitieren
Franz Eppinger (Autor), 2008, Persönlichkeits- und Gesundheitsförderung durch aerobe Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35251

Kommentare

  • D.F. Eppinger M.A. am 8.8.2010

    Interessanter Beitrag, wie mit einer "einfachen Methode" (langsames Laufen) die Gesundheit optimal positiv beeinflusst werden kann!

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Titel: Persönlichkeits- und Gesundheitsförderung durch aerobe Bewegung


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