Der Eunuch als Mischwesen. Das Eingeschlechtermodell zur Beschreibung von Eunuchen in al- Ǧāhiz‘ "Kitāb al-Hayawān"


Hausarbeit, 2016
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Al-Ǧāḥiẓ im Kontext seiner Zeit
2.2 Männlichkeitskonzepte in der arabischen Spätantike
2.3 Analyse: Kitāb al-Hayawān

3. Schlussbetrachtung

4. Literatur
4.1 Quellenverzeichnis
4.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als „paradigmatische Schwellenfigur“1 wurde der Eunuch bezeichnet, oder auch als „chimärenhaftes Mischwesen.“2 Letzteres entstammt dem Werk Kitāb al-Hayawān des Schriftstellers ʿAmr Ibn Baḥr al-Ǧāḥiẓ (gest. 869). Dieser beschäftigte sich unter anderem mit der Einordnung des Eunuchen in eine Geschlechterkategorie. Die folgende Arbeit setzt sich hierzu mit der Frage auseinander, ob das von Galen (gest. 199) geprägte „Eingeschlechtermodell“ sich noch in al-Ǧāḥiẓ‘ Beschreibung über Eunuchen wiederspiegelt.

Hierzu beschäftige ich mich im Folgenden mit den gesellschaftlichen Hintergründen des Autors und anschließend mit den Männlichkeitskonzepten in der Spätantike. Darauf aufbauend komme ich zu einer Analyse eines Kapitels aus dem ersten Band des Kitāb al-Hayawān, um die These argumentativ zu stützen, dass al-Ǧāḥiẓ in Anlehnung an das „Eingeschlechtermodell“ in seinem Buch ein gewisses Männlichkeitsideal inszeniert und von diesem ausgehend den Eunuchen in einer Art hierarchisch geordneten, vertikalen Skala unterordnet.

Trotz der bedeutenden gesellschaftlichen Stellungen, die Eunuchen in der Abbasidenzeit einnahmen, prägte ein „düstere(s) Bild“3 die westliche Forschungsliteratur im neunzehnten Jahrhundert, die sich vereinzelt mit dem Thema befasste.4 Autoren, die ihren Ekel gegenüber Eunuchen zum Ausdruck brachten und diese als „weibische“ oder nicht vollständige Männer darstellten, gab es seit der Antike.5 Überwiegend wurden Eunuchen in historischen Erzählungen hinsichtlich ihrer verschiedenen Ämter, die sie bekleideten, erwähnt. Auf ihre Kastration wurde dabei aber meistens nicht eingegangen.6 Arabische Schriftsteller problematisierten darüber hinaus nicht selten die Positionierung von Hof-Eunuchen zwischen der weiblichen und männlichen Sphäre in reichen Haushalten.7 Diese Diskurse beeinflussen zum Teil heute noch das kulturelle Verständnis von Eunuchen „as wicked and greedy schemers oft the harem“8. Erst in jüngster Zeit begann die Forschung das Phänomen der Eunuchen kulturhistorisch zu untersuchen. Die sogenannten „men’s studies“ begreifen dabei den „Mann“ eher als einen unbeständigen sozialen Status, anstatt einer an den geschlechtlichen Körper gebundenen Kategorie.9 Studien, wie beispielsweise die von Mathew Kuefler10, beschäftigen sich mit Eunuchen vor dem Hintergrund einer Analyse von Männlichkeitsbildern in der islamischen Welt seit der Spätantike. Historiker wie Hans-Peter Pökel11, oder auch Abdallah Cheikh Moussa12 untersuchen insbesondere die Darstellung des Eunuchen im Werk von al-Ǧāḥiẓ.

Vor dem Hintergrund der Fragestellung ist das Kitāb al-Hayawān (Das Buch der Lebewesen) als Quelle geeignet. Das von al-Ǧāḥiẓ verfasste Buch der adab-Literatur13 war eins seiner über 200 Werke, von denen ein Großteil nicht überliefert wurde.14 Im ersten der sieben Bände widmet sich al-Ǧāḥiẓ dem Geschlecht der Eunuchen, beschreibt deren Stellung in der abbasidischen Gesellschaft und setzt sich mit ihrer Sexualität und den Eigenschaften auseinander. Das Kitāb al-Hayawān gilt nicht nur als das älteste, sondern auch als das „umfangreichste uns erhaltene zoologische Werk in arabischer Sprache“.15

2. Hauptteil

2.1 Al-Ǧāḥiẓ im Kontext seiner Zeit

Über die frühen Jahre von al-Ǧāḥiẓ, der im Jahr 776 geboren wurde,16 ist nicht viel bekannt. Vermutlich stammte er aus einer Familie mit äthiopischen Wurzeln.17 Obwohl die südirakische Hafenstadt Basra, in der al-Ǧāḥiẓ aufwuchs, im achten Jahrhundert im Schatten der neu gegründeten Hauptstadt Bagdad lag, war sie doch kommerzielles Zentrum und Ort „vielfältiger theologischer und intellektueller Auseinandersetzungen […] von zahlreichen Gelehrten unterschiedlicher Disziplinen.“18 In diesem kosmopolitischen Klima genoss der junge al-Ǧāḥiẓ Unterricht und setzte sich in seinen ersten literarischen Produktionen mit dem Imamat und der Herrschaftslegitimation der Abbasiden auseinander.19 Im Jahr 817/18 zog er nach Bagdad und wurde Verteidiger der Politik des abbasidischen Hofes.20 Überwiegend lebte er aber von der Zuwendung seiner am Hofe ranghohen Gönner, die seine Werke maßgeblich unterstützten.21

Bis zur Regierungszeit al-Mutawakkils war das intellektuelle Leben in Bagdad geprägt von „rationalistisch-theologischen Diskussionen“.22 Zum Höhepunkt seines Erfolges prägte besonders die rationalistische Strömung „mu’tazila“ die gesellschaftliche Elite Bagdads, in der sich al-Ǧāḥiẓ den größten Teil seines Lebens bewegte.23 Unter dem Kalifen al-Maʾmūn war die „mu’tazila“ zum Staatsdogma erklärt worden.24 In den sechziger Jahren des neunten Jahrhunderts bröckelte mehr und mehr die abbasidische Staatsgewalt, unter anderem durch den Einfluss der türkischstämmigen Garden am Hof.25 Auf die Ermordung Al-Mutawakkils im Jahr 861 durch türkischstämmige Prätorianergarden, folgte eine Zeit der Instabilität.26 Dem Erfolg al-Ǧāḥiẓ‘ tat dies jedoch unter der sunnitischen „Orthodoxie“ keinen Abbruch. Seine „pro- abbasidischen Tendenzen“27 bescherten ihm weiterhin eine breite Leserschaft. Im Jahr 869 starb der Literat, der wieder in seine Geburtsstadt zurückgekehrt war.28

2.2 Männlichkeitskonzepte in der arabischen Spätantike

Für die Betrachtung von Eunuchen im Werk von al-Ǧāḥiẓ ist es sinnvoll sich von modernen Männlichkeitskonzepten zu lösen. Eunuchen, welche nicht als solche geboren, sondern erst durch den kulturellen Eingriff und durch die damit verbundene Transformation ihres Körpers „geschaffen“ wurden, wichen in ihrer Physiognomie vom männlichen Idealkörper ab.29 Ähnlich wie in spätantiken Körperdiskursen, in denen sich der „perfekte Körper“ durch die Attribute „Symmetrie (symmetria) und Harmonie (harmonia)“ auszeichnete,30 wurde Männlichkeit auch in der vorislamischen altarabischen Kultur „mit einem Tugendkatalog (muru‘a) verknüpft, der sich etymologisch von mar‘ (Mann) ableitete“31. Er umfasste Qualitäten wie „Tapferkeit und Mut im Kampfe (hamâsa) und bei der Jagd, Standhaftigkeit (sabr) im Ertragen des Unabwendbaren, Vertrauensseligkeit (sidq), Ehrhaftigkeit (‘ird) und Großzügigkeit (karam), sowie Schutz gegenüber den Schwachen, Loyalität und Treue gegenüber dem eigenen Stamm.“32

Seine Devianz warf im klassischen arabischen Schrifttum Fragen nach der Verortung des Eunuchen in der der Schöpfungsordnung auf und besaß nicht selten einen warnenden Charakter für jeden Mann.33 Als männlich geborenes Individuum unterlag der Eunuch, auch wenn er nach der Modifikation seines Körpers nicht mehr eindeutig der geschlechtlichen Kategorie des Mannes zugeordnet werden konnte, dem Vergleich mit dem „virilen Mann“ und „erfuhr seine moralische Bewertung, die sowohl Lob, als auch Tadel umfasste“.34 Die spätantike Medizin ging bei der anatomischen Betrachtung grundsätzlich vom männlichen Körper als Standardkörper aus35 und vermutete hinter der Ausbildung geschlechtlicher Merkmale einen „Entwicklungsgrad.“36

Das durch Galen (gest. 199) geprägte „Eingeschlechtermodell“ korrespondierte auch mit der gesellschaftlich-sozialen Stellung der Geschlechter.37 Bis auf Aristoteles (gest. 322 v. Chr.) reichte die Annahme einer durch die Physiologie bedingten Geschlechterhierarchie zurück.38 Seine Vorstellung, dass an der Spitze aller Lebewesen der Mensch und das männliche Geschlecht stünden, waren weit über den Zeitraum der Antike hinaus wirksam.39 Aristoteles erkannte außerdem eine, dem männlichen Körper innewohnende „generative Wärme“.40 Diese stellte nach seinen Ansichten die Voraussetzung für den Prozess der Samenproduktion dar.41 Je mehr generative Wärme vorhanden war, desto vollkommener der Mann. Zwar konnte man umgekehrt durch ihre Abnahme nicht vollständig zu einer Frau werden,42 trotzdem war die „flackernde Hitze“ eine instabile Kraft. „Es genügte nie, daß man männlich war: ein Mann mußte bestrebt sein, „‘viril‘ zu bleiben“, ständig in der Angst lebend, in der Öffentlichkeit als „weibisch“ oder effeminiert zu gelten.43

[...]


1 Geisenhanslüke, Mien, Overthun, Einleitung, S. 10.

2 Al-Ǧāḥiẓ, Kitāb al-ḥayawān (Buch der Lebenwesen: Einige Passagen über den Eunuchen), S. 108, zitiert aus Pökel, Der unmännliche Mann, S. 212.

3 Sievert, Der schwarze Obereunuch Morah Besir Aga Resmi Efendi, S. 345.

4 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 13.

5 Vgl. Höfert, Court Eunuchs Between the Intersections of Power, Networks, Sacredness and Gender, S. 17.

6 Vgl. Ebenda.

7 Vgl. Ebenda.

8 Ebenda.

9 Vgl. Ortner, Whitehead, Introduction. Account for Sexual Meanings S. 8.

10 Vgl. Kuefler, The Manly Eunuch.

11 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann.

12 Vgl. Moussa, Gahiz et les eunuques ou la confusion du même et de l’autre.

13 Vgl. Pellat Al-Jahiz, S. 93.

14 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 38.

15 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 39.

16 Vgl. Pellat, Arabische Geisteswelt, S. 14.

17 Vgl. Ebenda.

18 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 30.

19 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 31.

20 Vgl. Pellat Al-Jahiz, S. 83.

21 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 32.

22 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 33.

23 Vgl. Schoeler, Writing for a Reading Public, S. 58.

24 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 33.

25 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 36.

26 Vgl. Ebenda.

27 Schoeler, Writing for a Reading Public, S. 58.

28 Vgl. Pellat, Arabische Geisteswelt, S. 23.

29 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 18.

30 Vlahogiannis Disabling Bodies S. 21.

31 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 22.

32 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 24.

33 Vgl. Geisenhanslüke, Mien, Overthun, Einleitung, S. 10.

34 Pökel, Der unmännliche Mann, S. 18.

35 Vgl. Strohmaier, Galen als Vertreter der Gebildetenreligion seiner Zeit, S. 95.

36 Laqueur, Auf den Leib geschrieben, S. 20.

37 Ebenda.

38 Vgl. Althoff, Warm, kalt flüssig und fest bei Aristoteles, S. 25.

39 Vgl. Tuana, Der schwächere Samen. Androzentrismus in der Aristotelischen Zeugungstheorie und der Galenschen Anatomie, S. 203.

40 Althoff, Das Konzept der generativen Wärme bei Aristoteles, S. 181.

41 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 112.

42 Vgl. Pökel, Der unmännliche Mann, S. 16.

43 Brown, Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Eunuch als Mischwesen. Das Eingeschlechtermodell zur Beschreibung von Eunuchen in al- Ǧāhiz‘ "Kitāb al-Hayawān"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Körper und Geschlecht im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V352984
ISBN (eBook)
9783668390584
ISBN (Buch)
9783668390591
Dateigröße
996 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eunuchen, Ǧāḥiẓ‘ Kitāb al-Hayawān, Eingeschlechtermodel, Mittelalter, arabisch, Mittelmeerraum
Arbeit zitieren
Gesa Born (Autor), 2016, Der Eunuch als Mischwesen. Das Eingeschlechtermodell zur Beschreibung von Eunuchen in al- Ǧāhiz‘ "Kitāb al-Hayawān", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352984

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