Der Gemeinwille bei Jean-Jacques Rousseau unter identitätstheoretischer Perspektive


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Du contract soziale

3.Volonté générale

4.A Theory of Justice

5.Identitätstheoretische Verknüpfung

6.Historische und zeitgenössische Deutungen

7.Schlussfolgerung und Fazit

8.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jegliche Formen moderner Demokratie haben eine gemeinsame Kernfrage an ihre Existenz gebunden. Diese ist die Frage, wie und durch welche Organe der Wille des Volkes zum Ausdruck gebracht werden soll. Dies ist die Frage nach der Verwirklichung der Volkssouveränität. Innerhalb dieser Fragestellung liegt jedoch ein historischer Diskurs zwischen der Dichotomie von direkter und repräsentativer Demokratie verborgen. Auch wenn heute in modernen Demokratien durch die politische Ordnung ganzer Repräsentationssysteme diese Dichotomie nicht mehr genügt um die Gesamteinheit aller Elemente moderner Repräsentationsstrukturen zu erklären (vgl. Lembcke 2016: 23), soll in der vorliegenden Arbeit auf einen Philosophen eingegangen werden, der seine Vorstellungen des Volkswillens und wie dieser zum Ausdruck gebracht werden solle, vollkommen von einem Konzept der Repräsentation abgespalten hat. Der benannte Philosoph soll der französisch-schweizerische Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau sein. Dieser wird als Urheber des modernen Gedanken der Volkssouveränität angesehen, welchem sowohl die antiken Formen der unmittelbaren Demokratie, wie auch die repräsentative Wahl bekannt waren (Rohmberg 2009: 175). In seinem 1762 erschienen Werk „Du contact social ou principes du droit politique“ oder übersetzt „Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts“ entwirft Rousseau ein gesellschaftliches Modell, welches, nach seiner Ansicht, die einzig wahre gesellschaftliche Ordnung ist, um die Souveränität des Volkes zu gewährleisten und diese zum Ausdruck zu bringen. Dabei lehnt dieser jegliche Form von Repräsentation kategorisch ab, da diese die Souveränität des Volkes untergraben oder gar zerstören würden. Seine Lösung ist die „volonté générale“ oder der „Gemeinwille“. Dieser ist nach Rousseau der einzig wahre Ausdruck Körperschaftlicher Souveränität. Dieser Gemeinwille ist dabei höchst umstritten und soll Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit sein.

Ich werde versuchen die „volunte generale“ unter einer identitätstheoretischen Perspektive zu betrachten, welche im Rahmen der Entscheidungstheorie ebenfalls bei John Rawls wiederzufinden ist. Theoretisch werde ich daher auf John Rawls Werk „A theory of justice“ zurückgreifen um anhand des „Schleiers des Nichtwissens“ eine Identitätstheoretische Brücke zwischen Rawls liberaler Gerechtigkeitstheorie und Rousseaus republikanischem Staatsverständnis zu schlagen. Die Fragestellung der Arbeit soll deshalb lauten „Wie kann das Individuum den Gemeinwillen als Ausdruck seiner selbst annehmen und so in Rousseaus Gesellschaftsvertrag aufgehen?“. Dazu werde ich jedoch zunächst kurz auf Rousseaus Gesellschaftsvertrag eingehen bevor im speziellen auf den Gemeinwillen eingegangen werden kann und eine Verbindung mit Rawls und einem Identitätstheoretischen Ansatz weitergeführt wird.

2. Du contract soziale

Der Gesellschaftsvertrag von 1762 gilt als Rousseaus wirkungsmächtigstes Werk in der Politikwissenschaft. In diesem Werk konstruierte Rousseau seine Vorstellung einer „république véritable“, in welcher jegliche Art von Repräsentation abgelehnt wird. Während Rousseau in seinem 1755 erschienenen Werk „économie politique“ eine Vereinbarkeit von Republik und Repräsentation als durchaus möglich ansah, nur in ihrer Umsetzung Schwierigkeiten identifizierte, vertrat Rousseau nun die radikale Gegenposition zu einem Modell politischer Repräsentation. Dieses Werk und Rousseaus Argumentation einer Notwendigkeit dieser Radikalität soll im folgendem kurz erläutert werden bevor explizit auf den Gemeinwillen und seine Verwirklichung der Volkssouveränität eingegangen wird.

„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Einer hält sich für den Herrn der anderen und bleibt doch mehr Sklave als sie“ (Rousseau 1762: 1). Dieser oft zitierte Satz beschreibt wie kein anderes das Welt- und Gesellschaftsbild von Rousseau im 18 Jahrhundert. Er spricht hier von dem Zustand der „république de riches“, welche durch einen ersten unrechtmäßigen Vertrag aus dem Naturzustand der Menschen hervorgegangen wurde. Dieser Zustand entspricht nicht der menschlichen Natur und ist auch nicht anthropologisch aus diesem hervorgegangen. Vielmehr waren es kontingente Ereignisse und daraus resultierende Herrschaftsverständnisse, welche zu einer gesellschaftlichen Ungleichheit unter den Menschen geführt haben. Diesen Zustand versucht Rousseau wieder aufzuheben. Damit legt Rousseau seinem Vertrag einen Dreiklang zu Grunde. Erstens geht Rousseau davon aus, dass der Mensch von Natur aus gleich ist; hierzu entwirft Rousseau einen fiktiven Naturzustand um zu verdeutlichen wie sehr der Mensch sich von seiner ursprünglichen Form entfremdet hat (vgl. Rousseau 1762: 1 / Bachhofen 2015: 103f.). Zweitens, dass die Gesellschaft für die Ungleichheit der Menschen verantwortlich ist, denn diese macht es möglich, dass Menschen so viel Privateigentum besitzen, dass sie Herrschaft über andere ausüben können (vgl. Ramos 2015: 141f.). Drittens, dass das Volk einstimmig mit sich selbst einen Vertrag vereinbaren muss, um diesen Zustand zu überwinden. Rousseau drückt dies wie folgt aus „Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor“ (Rousseau 1762: 17). Hier lassen sich vier Dimensionen des Gesellschaftsvertrags identifizieren. Der Schutz, die Sicherheit, die Freiheit und die Gleichheit des Volkes. Fokus der vorliegenden Arbeit sollen hier die Aspekte der Freiheit und der Gleichheit sein. Nach Rousseau sind jene jedoch nur in der „république véritable“ wirklich gegeben, welche jedoch erst durch den Gesellschaftsvertrag entsteht. Diesen Akt beschreibt Rousseau wie folgt: „Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens; und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf“ (Rousseau 1762: 18). Dieses kontraktualistische Modell des Gesellschaftsvertrages bildet die Grundbedingung von Freiheit und Gleichheit. Das souveräne Volk schließt hier einstimmig einen Vertrag mit sich selbst, um seine Souveränität , seine Freiheit und Gleichheit zu manifestieren.

Dies ist Rousseaus Grundgedanke eines Gesellschaftsvertrages und nicht eines Herrschaftsvertrages, denn indem jeder Einzelne als Teil des Ganzen sich nur unter den Gemeinwillen der Körperschaft stellt herrscht dieser über sich selbst. Er schließt einen Vertrag mit sich selbst. Somit wird jeder Einzelne Bürger, indem er Gesetze beschließt und ebenso Untertan, indem er sich selbst an diese Gesetze bindet. Doch beschließt natürlich nicht jeder Einzelne seine Gesetze. Das souveräne Volk gibt die Gesetze durch den Gemeinwillen. Die Ausübung des Gemeinwillens ist demnach nicht anderes, als die Souveränität des Volkes. Doch wie kann ein Volk als Ganzes eine Körperschaft bilden, welche einen Gemeinwillen bildet? Dieser Frage und ihrer historischen Auslegung werde ich im Folgenden Rechnung tragen.

3. Volonté générale

Nach Rousseau lassen sich drei Formen des Willens identifizieren. Die volonté particulière, die volonté de tous und die volonté générale. Die volonté particulière stellt den Individuellen Einzelwillen eines jeden dar. Dieser ist nach Rousseau nicht repräsentierbar. Hier wird das Paradox der Repräsentation deutlich, denn nach Rousseau ist ein abwesender Wille nicht anwesend zu machen. Er ist auch nicht delegierbar, da ein anderer nicht den Willen eines anderen zum Ausdruck bringen kann. Daher gründet Rousseaus Ablehnung der Repräsentation, denn wenn ein Einzelner seinen individuellen Willen über einen Anderen Ausüben kann, dann herrscht er über diesen und jener ist nicht mehr frei. Daher gilt bei Rousseau das direktdemokratische Gebot der politischen Teilhabe eines jeden Teils der Körperschaft.

Die volonté de tous bildet die Summe aller individuellen Einzelwillen und stellt ihre Gesamtzahl dar. Dieser Gesamtwille ist dann als Wille der Gesetzgebung zulässig, wenn ein Mehrheitsentscheid zustande kommt. Jedoch nur wenn sich alle einstimmig unter einen Vertrag daran gebunden haben auch einer Mehrheitsentscheidung zu folgen.

Die volonté générale hingegen stellt den Gemeinwillen dar. Dieser steht über der Summe aller individuellen Einzelwillen und bildet die Souveränität der politischen Gemeinschaft. Demnach definiert Rousseau den Unterschied zwischen dem Gesamtwillen und dem Gemeinwillen wie folgt. „Es gibt oft einen beträchtlichen Unterschied zwischen dem Gesamtwillen und dem Gemeinwillen; dieser sieht nur auf das Gemeininteresse, jener auf das Privatinteresse und ist nichts anderes als eine Summe von Sonderwillen: aber nimmt von eben diesem das Mehr und das Weniger weg, das sich gegenseitig aufhebt, so bleibt als Summe der Unterschiede der Gemeinwille (Rousseau 1762: 32). Dieser ist nach Rousseau der Ausdruck der Souveränität des Volkes und damit unveräußerlich, unteilbar, irrtumsunfähig und unzerstörbar (vgl. Rousseau 1762: 28ff.).

Eine weitere Unterscheidung die Rousseau trifft, um den Gemeinwillen zu begründen ist die, zwischen dem Staatsbürger, dem „citoyen“, und dem Bürger, dem bourgeois. Der Staatsbürger orientiert sich dabei in seinen Präferenzen und seiner Willensbildung am Wohl der Gemeinschaft. Er versucht seinen Willen von egoistischen und individualistischen Präferenzen zu befreien und sich selbst als Teil des Ganzen unter den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Der Bürger hingegen unternimmt diesen Schritt nicht, er ist nur an der Durchsetzung seiner Partikularinteressen interessiert. Der Einzelwille des Individuums kann zwar gelegentlich mit dem Gemeinwillen übereinstimmen, dies wird normalerweise aber nicht der Fall sein, da das Individuum immer nach Vorzug und Ausnahmeregelung drängt, während der Gemeinwille auf die Gleichheit zielt (Reese-Schäfer 2011: 128).

Jedoch liegt jener Zweiteilung der Bürger eine weitere Frage zu Grunde: Wie kann der Bürger, der in den Gesellschaftsvertrag vor allem aus Habgier und dem Verlangen nach Eigentum eingewilligt hat, eine Umwandlung vom egoistischen Individuum in den tugendhaften Staatsbürger als Glied und Mitgestalter des Gemeinwillens vollziehen (vgl. Hornung 1996: 75f.)? Rousseau setzt seine grundlegende Argumentation einer Transformation des Individuums wie folgt an: „Wer sich daran wagt, ein Volk zu errichten, muss sich imstande fühlen, sozusagen die menschliche Natur zu ändern; jedes Individuum, das von sich aus ein vollendetes und für sich bestehendes Ganzes ist, in den Teil eines größeren Ganzen zu verwandeln, von dem dieses Individuum in gewissem Sinn sein Leben und sein Dasein empfängt; die Verfasstheit des Menschen zu ändern, um sie zu stärken; an die Stelle eines physischen und unabhängigen Daseins, das wir alle von der Natur erhalten haben, ein Dasein als Teil und ein moralisches Dasein zu setzen“ (Rousseau 1762: 45).

Diese Transformation soll nach Rousseau durch die Tugend der Zivilreligion erreicht werden. Rousseau sieht die Zivilreligion als Garant für politische und ideologische Einheitlichkeit des Volkes an. „Es gibt daher ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis, dessen Artikel festzusetzen dem Souverän zukommt, nicht regelrecht als Dogmen einer Religion, sondern als Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Gemeinwille bei Jean-Jacques Rousseau unter identitätstheoretischer Perspektive
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V353036
ISBN (eBook)
9783668392793
ISBN (Buch)
9783668392809
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean Jaque Rousseau, Rousseau, John Rawls, Rawls, volonté générale, Theory of justice
Arbeit zitieren
Maximilian Krause (Autor), 2016, Der Gemeinwille bei Jean-Jacques Rousseau unter identitätstheoretischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353036

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Gemeinwille bei Jean-Jacques Rousseau unter identitätstheoretischer Perspektive


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden