Im Werk des französischen Theoretikers Michel Foucault nimmt die Beschäftigung mit Rassismus auf den ersten Blick eine eher untergeordnete Rolle ein. Nur in einem Buch und zwei Vorlesungen wurde von ihm das Thema explizit behandelt. Warum also bei der Analyse von Rassismus ausgerechnet Foucault befragen?
Rassismus ist ein etabliertes und immer wieder anschwellendes Phänomen, seine angebliche Rolle als „randständiger Rest überholter Irrationalität inmitten unserer eigentlich toleranten modernen Gesellschaft“ (Angelika Magiros) ist jedoch ebenso etabliert. Die ständige und überdauernde Präsenz dieses 'Randphänomens' nicht nur in Gestalt rechtsextremer Gewalt, sondern in jeder subtilen abwertenden Geste gegenüber dem 'Fremden' und 'Anderen' im Alltag, ist verdächtig. Es stellt sich die Frage, ob Rassismus nicht womöglich auf bestimmte Weise in den heutigen gesellschaftlichen Machtverhältnissen und -mechanismen verwurzelt sein könnte.
Diese Analyse von Macht, ihren verschiedenen historischen Erscheinungsformen und Techniken, ist das zentrale Thema im Werk Foucaults. Demzufolge stellt diese Arbeit Foucaults direkte Bezüge zu Rassismus vor und sucht darüber hinaus in seinen restlichen Arbeiten nach jenen 'Werkzeugen', die auf den Rassismus und sein Verständnis angewandt werden können. Die Politikwissenschaftlerin Angelika Magiros unternahm mit ihrem 1995 erschienen Buch Foucaults Beitrag zur Rassismustheorie erstmals diesen Versuch und dient dabei als wichtiger Bezugspunkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kurze Einführung in Foucaults Denken
2.1. Diskurs
2.2. Macht
2.3. Rassismus
3. Die Geschichte des Rasse-Begriffs
3.1. Das revolutionäre Potenzial des Rasse-Diskurses
3.2. Geburt des Staatsrassismus
4. Die Konstituierung des Menschen in der abendländischen Kultur
5. Gouvernementalisierung
5.1. Die Künste des Regierens
5.2. Die Souveränitätsmacht
5.3. Erste Anpassung: die Disziplin
5.4. Zweite Anpassung: die Gouvernementalität
5.5. Disziplin und Regulierung
5.6. Norm und Sexualität
5.7. Staatsrassismus und Bio-Macht
6. Aktuelle Rassismusdiskurse: Psychologisierung und Marginalisierung
7. Rassismusphänomene: Verwurzelung, positiver Rassismus und Kulturalismus
8. Ausblick: Möglichkeiten des Widerstands gegen Rassismus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der Machtanalytik von Michel Foucault für ein tieferes Verständnis von Rassismus. Dabei wird analysiert, wie rassistische Mechanismen in moderne Machtformen eingebettet sind und wie durch die Diskurse der Aufklärung, der Gouvernementalisierung und der Bio-Politik die Konstruktion des "Anderen" ermöglicht wurde.
- Analyse der Begriffe Diskurs und Macht bei Foucault.
- Historische Herleitung des Staatsrassismus aus dem Rasse-Begriff.
- Zusammenhang zwischen Bio-Politik, Normierung und Rassismus.
- Kritik an aktuellen psychologisierenden Rassismusdiskursen.
- Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen des Widerstands gegen rassistische Machtmechanismen.
Auszug aus dem Buch
2.2. Macht
„Man muß aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur 'ausschließen', 'unterdrücken', 'verdrängen', 'zensieren', 'abstrahieren', 'maskieren', 'verschleiern' würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“23 Überwachen und Strafen
Foucaults Machtanalyse, die er vor allem in Wahnsinn und Gesellschaft24, Überwachen und Strafen25, Der Wille zum Wissen26 und Die Sorge um sich27 entwickelt, richtet sich, so die Frauen- und Rechtsextremismusforscherin Birgit Rommelspacher, zuallererst gegen das in den europäischen Sprachen vorherrschende Verständnis von Macht als ein Vermögen oder ein Besitz (vergleiche „potenz“, „power“, „pouvoir“) einiger weniger Personen, die repressiv, sanktionierend – kurz gesagt: negativ – auf die machtlose Masse einwirken, diese beherrschen und sie für ihre Interessen einsetzen.28 Dieser Repressionshypothese, die „vereinfachend zwischen den Mächtigen und Ohnmächtigen polarisiert“29 [Herv. i. O.], setzt Foucault laut Rommelspacher ein komplexes Netz von Machtbeziehungen entgegen:
„Es gibt nicht etwa nur die Mächtigen auf der einen Seite und die Machtlosen auf der anderen, da die Vielfalt der Machtquellen meist nur in Extremfällen eine solch eindeutige Zuordnung erlaubt. Selbst ein Kind kann seinen Eltern gegenüber zum Beispiel in bestimmter Hinsicht machtvoll sein. […] Natürlich haben Eltern eine übergreifende Macht, und das Kind ist weitgehend von ihnen abhängig; indem das Kind sich jedoch zum Beispiel weigert, den Ansprüchen der Eltern nachzukommen, kann es sie unter Druck setzen. Das gelingt ihm, weil die Eltern sich im Kind eigene Erwartungen erfüllen und weil sie bestimmten Normen genügen wollen. Daran kann das Kind sie hindern“30.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung begründet das Vorhaben, Rassismus mittels Foucaults Machtanalytik zu untersuchen, und stellt die theoretische Ausrichtung der Arbeit dar.
2. Kurze Einführung in Foucaults Denken: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Konzepte Foucaults – Diskurs, Macht und Rassismus – als grundlegende Werkzeuge für die weitere Untersuchung.
3. Die Geschichte des Rasse-Begriffs: Hier wird der historische Wandel vom Rasse-Diskurs als Gegendiskurs hin zur Entstehung des Staatsrassismus im 19. Jahrhundert aufgezeigt.
4. Die Konstituierung des Menschen in der abendländischen Kultur: Es wird dargelegt, wie die Aufklärung durch die Definition des Menschen als erkennendes Subjekt den Boden für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens bereitete.
5. Gouvernementalisierung: In diesem umfangreichen Kapitel werden die Machttechnologien Souveränität, Disziplin und Gouvernementalität (Bio-Politik) detailliert analysiert und deren Verhältnis zueinander sowie zur Norm erläutert.
6. Aktuelle Rassismusdiskurse: Psychologisierung und Marginalisierung: Dieses Kapitel kritisiert aktuelle Ansätze, die Rassismus auf psychologische Störungen reduzieren oder als Randphänomen abtun.
7. Rassismusphänomene: Verwurzelung, positiver Rassismus und Kulturalismus: Die Arbeit untersucht hier die Verankerung des Rassismus in der Moderne und die Verschiebung vom Rasse-Begriff hin zum Kulturalismus.
8. Ausblick: Möglichkeiten des Widerstands gegen Rassismus: Zum Abschluss wird diskutiert, wie Widerstand gegen rassistische Machtmechanismen in einer Gesellschaft ohne "Außen" gedacht werden kann und welche Rolle die Soziale Arbeit dabei spielt.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Machtanalytik, Rassismus, Gouvernementalisierung, Bio-Politik, Diskurs, Disziplin, Staatsrassismus, Subjektivierung, Normalisierung, Kulturalismus, Soziale Arbeit, Widerstand, Norm, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Theorien von Michel Foucault über Macht, Diskurse und die Gouvernementalisierung dazu beitragen können, Rassismus als ein strukturelles und integraler Bestandteil moderner Gesellschaften zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Rasse-Begriffs, der Wandel von Souveränitätsmacht zu Bio-Politik, die Bedeutung von Normierungsprozessen sowie die Verbindung von Wissen und Macht in modernen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Rassismus nicht nur als individuelle Meinung oder Randphänomen zu begreifen, sondern seine Verwurzelung in den Machtmechanismen und der "politischen Rationalität" der Moderne aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die diskursanalytische Methode nach Michel Foucault, um die Produktion von Wissen über den Menschen und die damit verknüpften Machtausübungen historisch nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Exkurs über die Entstehung des Staatsrassismus und eine Analyse der modernen Machttechnologien (Disziplin und Regulierung), gefolgt von einer kritischen Betrachtung aktueller Rassismusdiskurse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Foucault, Machtanalytik, Rassismus, Bio-Politik, Gouvernementalisierung und die kritische Auseinandersetzung mit der "Norm".
Inwiefern spielt das Konzept der "Bio-Macht" eine Rolle für den Rassismus?
Bio-Macht fokussiert auf die Optimierung der Bevölkerung und des Lebens. Der Rassismus dient in diesem System dazu, Zäsuren zu ziehen und zu rechtfertigen, welches Leben schützenswert ist und welches durch "indirekten Mord" oder Ausschluss gefährdet werden darf.
Warum hinterfragt die Arbeit die psychologisierende Sicht auf Rassismus?
Die Arbeit argumentiert, dass eine psychologische Erklärung rassistisches Handeln pathologisiert und dadurch die Wirkmächtigkeit des Rassismus als gesellschaftliche "Technologie der Macht" verdeckt, anstatt ihn politisch zu adressieren.
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- Florian Boss (Author), 2012, Michel Foucaults Machtanalytik und deren Bedeutung für das Verständnis von Rassismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353132