Michail Gorbatschows Perestroika. Die sowjetische Wirtschaftsreform und ihre politischen Auswirkungen auf die Sowjetunion


Hausarbeit, 2016
31 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

2 Michail Gorbatschow - Herkunft und Werdegang

3 Die Perestroika - Eine Reform entsteht
3.1. Die Vorbereitung
3.2. Die Ursachen für die Perestroika
3.3. Der wirtschaftliche Aspekt der Perestroika:

4 Die Ausweitung des Reformprogramms - von Ergänzung der Perestroika bis zum politisch- wirtschaftlichen Chaos
4.1. Die Flankierung der Perestroika durch die Glasnost und weitere Reformen
4.2. Die Probleme der Perestroika

Fazit

Literatur und Quellen
Primärquellen
Sekundärquellen

Einleitung

Seit den 1960er Jahren stand die Sowjetunion, wie viele anderen Staaten des Ostblockes, vor der Aufgabe, dem ständigen Abschwung des Wirtschaftswachstums entgegen zu wirken. So gab es schon unter der Regierung von Nikita Chruschtschow, über die von Leonid Breschnew bis zu den beiden kurzlebigen Generalsekretären Juri Andropow und Konstantin Tschernenko Versuche, die sowjetische Planwirtschaft zu reformieren. Jedoch waren die Versuche in der Regel zu halbherzig beziehungsweise wurde durch den überblähten Bürokratie torpediert, was meist dazu führte, dass die Wirtschaftsreformen abgebrochen oder durch die Nachfolge-Regierung zurückgenommen wurden, wie es z. B. auch nach dem Wechsel von Chruschtschow zu Breschnew der Fall war.

Die ersten ernstzunehmenden, aber vorsichtigen Wirtschaftsreformen wurden erst in den frühen 1980er Jahren unter Andropow und Tschernenko ins Leben gerufen. Jedoch führte ihre kurze Amtsdauer als Generalsekretäre dazu, dass sie sich nicht etablieren konnten. Erst mit der Wahl des relativ jungen Michail Gorbatschow als Generalsekretär kam in den Reformversuchen neuer Wind auf. Obwohl Gorbatschow zum Amtsantritt 54 Jahre alt war gehörte zu einer gänzlich anderen Generation von Sowjetpolitikern, welche ein anderes Verständnis vom Sowjetsystem hatten als ihre Vorgänger. Mit ihm kam nicht nur ein Wandel in der internationalen Politik, sondern auch ein Wandel im Inneren der Sowjetunion, welche dazu führte, dass sich nicht nur die Grundfesten eines Landes erschütterten, sondern auch das globalpolitische System änderte.

Fragestellung

In diesem Zusammenhang stellen sich folgenden Fragen in Bezug auf Gorbatschow und seine Reformpolitik, welche im Verlauf der folgen Hausarbeit beantwortet werden sollen:

- Inwiefern spielte Gorbatschows Herkunft und Charakter eine Rolle für die sowjetische Reformpolitik unter seiner Amtszeit als Generalsekretär?
- Welche politischen Folgen hatten seine anfängliche explizite Wirtschaftsreform auf die Sowjetunion?
- Haben anderen Reformansätze wie Glasnost dazu beigetragen, dass die Reformen im ökonomischen Bereich in den Hintergrund traten?
- Was waren die größten Hemmnisse im sowjetischen Reformprozess?

Forschungsstand; Quellen- und Literaturlage

Da der von Gorbatschow ins Leben gerufenen Reformprozess, die Perestroika, eine unerwartete Kettenreaktion sowohl in der Innen- als auch der Außenpolitik auslöste, begann man schon sehr früh in der Publizistik und in den Wissenschaften die Politik Gorbatschows beziehungsweise die Verfasser dieser Politik näher zu porträtieren und zu analysieren. So befassen sich zahlreiche Institute wie das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam oder das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit der Politik Gorbatschows. Aber auch Einrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) befassen sich ausgiebig mit der Reformpolitik der Gorbatschow-Administration und deren Hauptakteure.

In diesem Zusammenhang entstanden im Laufe der Zeit verschiedenen Studien, Analysen, und Fachliteratur, welche sich explizit mit der Reformpolitik und insbesondere mit der Wirtschaftsreform unter Gorbatschow und ihren geistigen Vätern befassen und somit den Ablauf und die Ursachen der Gorbatschowschen Reformen näher darstellen. Hier ist das Werk von Frank Hoffer („Perestroika“) zu nennen, welches ein detailliertes Gesamtbild der von Gorbatschow ins Leben gerufenen Reformpolitik bietet. Dabei setzte der Autor auch besonderes Augenmerk auf den wirtschaftlichen Aspekt der Perestroika und ihre Folgen in der sowjetischen Gesellschaft und Politik. Obwohl das Buch kurz nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlicht wurde, zeigt es einen analytischen Ansatz, welcher auch noch heute in der Erforschung dieses Themengebiet aktuell ist.

Sowohl in der Wissenschaft als auch in den zeitgenössischen Medien fand die Perestroika Resonanz. So finden sich zahlreiche Quellen zu jener Zeit, zeitgenössische und aktuelle, welche sich mit den Vätern der Perestroika befassen sowie mit den Reformprozessen im Allgemeinen und auch im Spezifischem. Hier sind besonders die Mediatheken der öffentlich- rechtlichen Sendekanäle zu nennen beziehungsweise die Online-Archive gängiger Zeitschriften und Zeitungen wie die des „Spiegels“, des Focus sowie der Zeitung „Die Zeit“.

Methodisches Vorgehen

Die Arbeit wird sich erst mit der Herkunft und der Person Michail Gorbatschows befassen. Im weiteren Verlauf konzentriert sie sich auf die Perestroika und ihre politischen Folgen für den sowjetischen Staat. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem wirtschaftlichen Teil der Reformen und ihren politischen Folgen sowie den Hemmnissen, welche es für die Reformen Gorbatschows gab.

2 Michail Gorbatschow - Herkunft und Werdegang

Mit Michail Gorbatschow kam ein Mann an die Spitze, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und seine Karriere nicht unter Stalins Regentschaft begonnen hatte. Den „Großen vaterländischen Krieg“ hatte Gorbatschow als Kind erlebte. Des Weiteren hatte er auch einen anderen Bezug auf das bestehende System, da er anders als seine Vorgänger in der Sowjetunion geboren beziehungsweise aufgewachsen war und somit zu einer komplett anderen Generation von Sowjetbürgern gehörte.1 Daher ist es wichtig, von seiner Herkunft und Inspiration Kenntnis zu nehmen.

Als ein Kind2, in der Stadt Priwolnoje nahe Stawropol geboren und aufgewachsen, musste er schon früh mit zwei Hindernisse zurechtkommen, welche später in seine Politikkarriere mit großer Wahrscheinlichkeit hinderlich sein konnten: So war die Stawropoler Region während des Zweiten Weltkriegs von den Streitkräften Nazi-Deutschlands besetzt, was unter dem Stalin-Regime ausreichte, als Verräter gebrandmarkt zu werden. Außerdem war sein Großvater väterlicherseits im sowjetischen System in Ungnade gefallen und wurde in sibirisches Exil verbannt. Der Großvater mütterlicherseits wurde 1937 aus politischen Gründen verhaftet.3 Wie es in der Sowjetunion für viele allgemein Brauch war, verheimlichte er diese Aspekte im Zuge seiner Politkarriere.

Nichtsdestotrotz prägten nicht allein diese negativen Ereignisse in seiner Familie sein Leben. Sein besonders gutes Verhältnis zu seinem Vater, mit welchem er als heranwachsender Mann zusammenarbeitete, beide wurden sogar für ihre Arbeit gemeinsam geehrt, war ein herausstechender Faktor seiner Entwicklung.4 Dies lag besonders daran, dass sein Vater ihn gleichberechtigt behandelte. Zudem pflegte Gorbatschow mit seinem Vater eine angeregte Diskussionskultur, was seiner Rhetorik zugutekam.

Auch akademisch erwies sich Gorbatschow als ein hart arbeitender Schüler, was sich darin zeigte, dass in fast allen Fächern mit „Sehr Gut“ benotet wurde. Lediglich im Fach Deutsch bekam er „Gut“. Durch seine schulischen Leistungen und seine Ehrungen, welche er bei der Arbeit mit seinem Vater bekommen hatte, hatte er Chance an einer der prestigereichsten Universitäten der Sowjetunion zu studieren, an der Lomonossow-Universität in Moskau, wo er sich in die juristische Fakultät einschrieb. Dort lernte er auch seine spätere Frau Raissa kennen, die er 1953 heiratete. Hier zeigte sein Charakter Bereitschaft zur harten Arbeit, welcher er auch schon in seiner Jugend als Sohn einer Arbeiterfamilie bewies. Im Gegensatz zum Großteil seiner Mitstudenten, welche einen anderen das heißt vorteilhaftere Hintergrund für das Studium hatten, musste er die akademischen Defizite aufholen, was er in kurzer Zeit auch schaffte.5

Es zeigte sich, dass Gorbatschow während seines Studiums sowohl Professoren als auch Studenten durch seine Eloquenz begeisterte und in seinen Bann zog. Er vermochte es auch seinen Kommilitonen den Unterschied zwischen der Realität und der dargestellten Tatsachen vom Staat darzustellen, obwohl er sich selbst als Marxist-Leninist sah. So zeigte er Zdeněk Mlynář, welcher eine wichtige Rolle im Prager Frühling spielte, die Unterschiede der staatlichen Darstellung und der eigenen Erlebnisse der sowjetischen Landbevölkerung auf:

“Mlynář, who got know Gorbachev in his first year in Moscow University […], has noted that it was Gorbachev who, in their student years, opened his eyes to some of the discrepancies between Soviet propaganda and real life. When they studied the law relating to collective farms, Gorbachev told him how remote this was from what actually happened in the countryside and what role was played by <common violence> in guaranteeing worker discipline on the farms […]”6

An der Lomonossow-Universität begann auch seine eigentliche politische Karriere, in dem er sich beständig an der Leiter der Reihen der Komsomol an der Universität hocharbeitete, aber auch in seinen Semesterferien in seiner Heimatregion im politischen Bereich tätig wurde. In diesem Zusammenhang beschrieb Archie Brown in seinen Werk „The Gorbachev Factor“ die Eindrücke welche Gorbatschow während seiner Sommerferien in seiner Heimat sammelte:

“As a student, Gorbachev took a dim view of the manners and political style of the typical Soviet bureaucrat. Throughout the summer vacation of 1953 he worked in the office of a district procurator […] in his home district of Kranogvardeysk in the Stavropol region. In a letter to Raisa Titorenko, […], Gorbachev described his surroundings as <disgusting>, especially <the manner of life of the local bosses>. He particularly disliked <the acceptance of convention, subordination, with everything predetermined, the open impudence of officials and the arrogace>. He added: <When you look at one of the local bosses you see nothing outstanding apart from his belly>.”7

Spätestens hier zeigt sich, dass sich seine abwertende Einstellung gegenüber jenen Missständen etablierte, welcher er später als Generalsekretär zu bekämpfen suchte. Diese Einstellung zeigte sich auch in seiner Karriere nach seinen Abschluss an der Lomonossow-Universität.

Nach seinem Universitäts-Abschluss ging Gorbatschow wieder in seiner Heimat, wo er eine Stelle in der Staatsanwaltschaft Stawropol bekam. Jedoch missfiel ihm seine Stelle und er wechselte auf Geheiß eines alten Bekannten in die Organisation der Komsomol der Region Stawropol. Er bekam aufgrund seiner Erfahrungen, welche er schon zu Schul- und Universitätszeiten gesammelt hatte, die Stelle des stellvertretenden Leiters für die Abteilung Propaganda und Agitation.

Dies war sein nächster großer Schritt zum Generalsekretär. In seiner heimatlichen Region war es auch, wo er sein politisches Geschick verfeinert hatte. Es war in der Region Stawropol, wo er auch Verbindungen und Beziehungen zu einflussreicheren Kreisen der KPdSU knüpfte, welche für seine spätere Karriere wichtig waren. Es dauerte nicht lange bis er in den höheren Reihen der KPdSU aufgenommen wurde und somit die Voraussetzung für seinen Weg zum Generalsekretär geschaffen wurde. Gorbatschow stieg beständig die Karriereleiter auf, so dass er im Jahr 1968 der zweite Sekretär der Region Stawropol wurde. Später wurde Gorbatschow der Sekretär jener Region und 1971 Mitglied des Zentralkomitees.8

Es war auch jene Region in der die Idee der Perestroika geboren wurde. Dies lag auch daran, dass sowohl Andropow als auch Tscherenenko diese Region in der Breschnew-Ära oft besuchten und es auch zu Informationsaustausch mit Gorbatschow kam, welcher sich oft auf die Zukunft der Sowjetunion bezog. Insbesondere Andropow war ein wichtiger Ansprechpartner, jener spätere Generalsekretär, welch er Gorbatschow im Parteiapparat unterstützten sollte.9

Es waren diese Erfahrungen, die er auf seinen Stationen bis zum Generalsekretär sammelte, welche die Initialzündung für seine Reformprogramme werden sollten. Nicht nur die Entstalinisierung in der Chruschtschow-Ära, sondern auch Kontakte zu Persönlichkeiten, welche seinen Werdegang zum Generalsekretär begleiteten, waren es, die ihn zur Idee der Perestroika brachten, welche er auch später als Generalsekretär auch umsetzte.

3 Die Perestroika - Eine Reform entsteht

3.1. Die Vorbereitung

Als Gorbatschow am 11. März 1985 Generalsekretär wurde, begann auch die Zeit des Umbruches für die Sowjetunion. Schon relativ früh in seiner Amtszeit begann er die Missstände in Gesellschaft und Wirtschaft anzuprangern. Jedoch bedurfte es Zeit bevor Gorbatschow die Reformpläne in die Tat umsetzen konnte.

Als neuer Generalsekretär war es für Gorbatschow zunächst wichtig, seine Machtstellung in den Reihen des Politbüros, des Zentralkomitees und in der KPdSU allgemein zu konsolidieren. Insbesondere war es für den neuen Chef der KPdSU notwendig, vertrauenswürdige Anhänger seiner Politik in den engeren Kreisen zu sammeln. Dies hieß zugleich, ältere Kader beziehungsweise konservative Kräfte, die hinderlich werden könnten mundtot zu machen:

„Gorbatschow verfügte bei seinem Machtantritt über Verbündete, aber nicht über einer eigene <Seilschaft> und damit eine engere Gefolgschaft. Das lag hauptsächlich daran, daß er bis dahin Führungsfunktionen lediglich in seinen Heimatgau Stawropol und in der Mauskauer Parteizentale, wo er zunächst nur mit der Landwirtschaft befaßt war, ausgeübt hatte. Erst unter Andropow und Tschernenko wurde er mit anderen Bereichen der Parteiarbeit vertraut. Sie boten ihm die Möglichkeit, persönliche Beziehungen zu knüpfen, die ihm eine Mehrheit im Politbüro sicherten. Die Erfahrungen, die er unter seinen Vorgängern gesammelt hatte, nutzte er, um nach dem Führungswechsel mit erstaunlicher Schnelligkeit wichtiger personelle Entscheidungen auf Bundeseben zu treffen und damit seine Machtstellung auszubauen.“10

In diesem Zusammenhang stützte sich Gorbatschow auf zwei Gruppen: Die „Uraler“11, auf welche Andropow seine Machtbasis aufbaute, sowie die Gruppe der „Großrussen“, zu welchen Ligatschow und Ryshkow12 gehörten. Eine weitere Gruppe, die „Kaukasier“13, bekam unter Gorbatschow auch größeres Gewicht, was durch die Ernennung Schewardnadses zum Vollmitglied des Politbüros auf dem JuliPlenum sowie seine Ernennung zum Außenminister untermauert wurde. Dadurch wurden insbesondere die konservativen Gruppen geschwächt, da man Persönlichkeiten wie den langjährigen Außenminister Gromyko aus den höheren Machtkreisen verbannte.14

Gorbatschow räumte bei den höheren Parteikreisen auf, um so neugewonnen Machtposition in der Partei und im Staat zu sichern. Dies war auch nötig, insbesondere da die Perestroika unter Gorbatschow einem Angriff auf das alte System gleichkam. Bevor die Perestroika in die Tat umgesetzt wurde, begann Gorbatschow zum Beispiel im April-Plenum im Jahr 1985 von Neuerung und Veränderungen in den Wirtschaftssektoren zu sprechen.

So sprach er auf dem April-Plenum: „Unter großzügiger Ausnutzung der Erkenntnis der wissenschaftlichen Revolution […] müssen wir eine wesentliche Bescheinigung des sozialökonomischen Fortschritts erreichen. Einen anderen Weg gibt es einfach nicht.“15 Dabei bezog er sich schon auf die Wirtschaftsprogramme seiner Vorgänger Andropow und Tschernenko, in der er sie als „Linie der beschleunigten sozial-ökonomischen Entwicklung des Landes, der Vervollkommnung aller Aspekte im Leben der Gesellschaft“16 definierte.

Ferner betonte er, dass man den gesamten Wirtschaftsapparat von der Investitionspolitik bis zur gesamten Funktionsweise umzugestalten. Das April-Plenum war ein wichtiger Schritt in Bezug auf die Reformpolitik Gorbatschows. So liest man bei Boris Meissner: „Das April-Plenum 1985 gilt als die entscheidende ZK-Tagung, auf der das wirtschaftspolitisch Strategie beschlossen wurde. Die Festlegung der Beschleunigungsstrategie stellt den Beginn der Reformpolitik Gorbatschows dar, die erst später die Bezeichnung Perestrojka erhielt.“17

Mit dem XXVII. Parteitag am 27. Februar 1986 debattierte Gorbatschow erneut über die Reformprogramme, welche das sowjetische System ändern sollten. Dort wurde dem Programm sein berühmter Name gegeben und zwar Perestroika.18

3.2. Die Ursachen für die Perestroika

Die Führung um den neuen Generalsekretär wusste schon früh, dass das sowjetischen Wirtschaftssystem Ungereimtheiten aufwies. In diesem Zusammenhang liest man in Gorbatschows Buch „Perestroika“ folgende Aussage:

„Zu einem bestimmten Zeitpunkt - es wurde in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre besonders deutlich - geschah etwas was auf den ersten Blick unerklärlich schien: Die Antriebskraft, der Schwung im Land wurden immer geringer. Ökonomische Mißerfolge nahmen zu. Schwierigkeiten häuften und verschlimmerten sich, ungelöste Probleme nahmen überhand. Anzeichen dessen, was wir Stagnation nennen, und andere Phänomene, die dem Sozialismus wesensfremd sind, tauchten im gesellschaftlichen Leben auf. Eine Art <<Bremsmechanismus>> lähmte die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung, und das zu einer Zeit, als die wirtschaftlich-technische Revolution dem ökonomischen und sozialen Fortschritt neue Perspektiven eröffnete.“19

Vielmehr zeigte es sich das die sowjetische Führung was unternehmen musste um mit den westlichen Staaten mitzuhalten beziehungsweise die Fehler zu finden und sie zu beheben. So erfährt man weiter aus Gorbatschows Werk, dass seine Administration schon früh mit Analysen des Wirtschaftssystems begonnen haben. Dabei kamen sie zum Ergebnis, dass nicht nur der „ökonomische Wachstum“ rückläufig waren, sondern auch im wirtschaftlichen Bereich, gegenüber westliche Industrieländer, an Boden verloren.20 Weiter erkannte man das es „kostspielige Projekte, die nie den höchsten wissenschaftlichen und technologischen Standards gerecht wurden.“21

Vielmehr kam man zur Einsicht, dass die momentane Produktion und Verarbeitung in der Sowjetunion eher von aufwendigen und veralteten Methoden bestand, welche eher die Ressourcen des Landes schröpften ohne eine Steigerung des Wirtschaftswachstums zu garantieren. Es zeigte sich für die Gorbatschow-Administration, dass die alten Vorgehensweisen in der Wirtschaft schon seit langen nicht mehr tragbar waren und dass man in diesen Bereich weitläufige Veränderung einleiten musste.22 In diesem Zusammenhang schrieb Gorbatschow:

„Eine typische Haltung bei vielen unserer Verantwortlichen in der Wirtschaft war, daß sie nicht mehr darüber nachdachten wie das nationale Vermögen vermehrt werden kann, sondern wie man mehr Material, Arbeitskräfte und Arbeitszeit auf einen Posten berechnet, um ihn zu einem höheren Preis zu verkaufen. Als Folge davon kam es zu einer Güterverknappung. Wir verbrauchten und verbrauchen in der Tat noch immer mehr Rohmaterial, Energie und andere Mittel als andere entwickelte Länder für eine Produktionseinheit. Der Reichtum unseres Landes an Rohstoffen und Arbeitskräften hat uns verdorben, manche sagen sogar er hat uns korrumpiert. Er ist in der Tat der Hauptgrund, warum sich unsere Wirtschaft über Jahrzehnte extensiv entwickelt hat.“23

Mit jener Aussage gesteht Gorbatschow, als Generalsekretär, offiziell ein, dass einer der Hauptgründe für den Jahrelangen Wirtschaftswachstum wie auch dessen Abschwung, die Vielfallt und die Quantität an Ressourcen waren, welche die Ineffizienz des gesamten sowjetischen Wirtschaftssystems gedeckt hatten und sich in Verschwendung zahlreichen Ressourcen24 äußerte. Dies zeigte sich besonders als es aufwendiger wurde die Rohstoffe im Land zu fördern was gleichzeitig auch die Kosten im Bezug der Produktion steigerte.

Im Weiteren zeigt es auch, dass das „Reichtum“25 des Landes auch ein Entwicklungshemmnis für die eigene Wirtschaft war. Gepaart mit den starren und unübersichtbaren Wirtschaftssystem sowie die dazugehörige Bürokratie war es für die Sowjetunion unausweichlich, dass sie mit hoher Sicherheit in die Wirtschaftskrise gerieten.

[...]


1 Vgl. Archie Brown, The Gorbachev Factor, Oxford 1996, S.25

2 Er ist am 2. März 1931 geboren

3 Vgl. Archie Brown, a.a.O., S.25 ff

4 Es war der Orden des Roten Banners der Arbeit (Орден Трудового Красного Знамени), welche er für die gemeinsame Arbeit mit seinen Vater bekam

5 Vgl. Archie Brown, a.a.O., S.29

6 Archie Brown, a.a.O.,S.31

7 Archie Brown, a.a.O., S. 36

8 Vgl. Archie Brown, a.a.O., S.36 ff

9 Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, Stuttgart 1988, S. 77 ff.

10 Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, a.a.O., S.103

11 Eine Gruppierung von Reformern unter der Führung von Andropow

12 Beide ZK-Sekretäre auf dem April-Plenum von Gorbatschow zu Politbüromitglieder befördert

13 Eine weitere Gruppierung von reformbereiten Politiker aus dem Kaukasus-Region wie der damalige Außenminister Eduard Schewardnadse

14 Vgl. Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, a.a.O., S.104 ff.

15 Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, a.a.O., S 109

16 Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, a.a.O., S 109

17 Boris Meissner, Die Sowjetunion im Umbruch, a.a.O., S.111

18 Alexander Schubin, Deutschland - Russland, Bonn 2014, S.309

19 Michail Gorbatschow, Perestroika, Stuttgart 1987, S.19

20 Vgl. Michail Gorbatschow, a.a.O., S.19ff

21 Michail Gorbatschow, a.a.O., S.20

22 Vgl. Michail Gorbatschow, a.a.O., S.20ff.

23 Michail Gorbatschow, a.a.O., S.20

24 Gemeint sind nicht nur Material, sondern auch die Ressource Mensch welche in zahlreichen Aktion von den Führen der Sowjetunion verheizt wurden

25 Michail Gorbatschow, a.a.O., S.20

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Michail Gorbatschows Perestroika. Die sowjetische Wirtschaftsreform und ihre politischen Auswirkungen auf die Sowjetunion
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Wirtschaftlicher Niedergang des Ostblocks
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V353940
ISBN (eBook)
9783668404182
ISBN (Buch)
9783668404199
Dateigröße
950 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Perestroika, Gorbatschow
Arbeit zitieren
Victor Steglich (Autor), 2016, Michail Gorbatschows Perestroika. Die sowjetische Wirtschaftsreform und ihre politischen Auswirkungen auf die Sowjetunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353940

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