Schuleintrittskrisen


Hausarbeit, 2003
14 Seiten, Note: sehr ordentliche Arbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schwierigkeiten mit anderen Kindern

3. Schulanfang als kritisches Lebensereignis
3.1. Kritische Lebensereignisse aus der Sicht des Symbolischen Interaktionismus

4. Krisen des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls am Schulanfang
4.1. Das Selbstbild von Grundschulkindern
4.2. Selbsteinschätzung und Leistung
4.3. Schule als Korrektur der bisherigen Selbsteinschätzung

5. Schulphobie als Ausdruck eines Mutterablösungskonfliktes
5.1. Schulphobie psychologisch betrachtet
5.2. Pädagogische Reaktionen auf Schulphobie

6. Weitere Schwierigkeiten von SchulanfängerInnen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auch wenn sich die meisten Kinder auf den Schulbeginn freuen und sich schnell in dem neuen „sozialen Kontext Schule“[1] einleben, so treten doch bei einigen SchulanfängerInnen in den ersten Wochen Anpassungsschwierigkeiten auf. Diese können sich äußern als Unausgeglichenheit, Unruhe, Anschmiegsamkeit oder Aggressivität. Es kann zu Schwierigkeiten mit den Geschwistern kommen, oder das Kind kann uninteressiert, passiv und still wirken. Solche Anpassungsschwierigkeiten an den Lebensraum Schule können Symptome für Schuleintrittskrisen sein.

Zwar lösen sich viele dieser Probleme im Laufe der Zeit wie von selbst, sie können jedoch auch zu dauerhaften Schulschwierigkeiten, Aggression oder Überanpassung usw. führen.

Kinder, die von Schuleintrittskrisen betroffen sind, erleben den Schulanfang häufig als Brucherfahrung. Manche Kinder kommen schon mit einer negativen Erwartungshaltung in die Schule, die auf unterschiedlichen Wegen entstanden sein kann. Wenn diese Erwartungshaltungen eine subjektive Bestätigung in der Schulerfahrung finden, so bleiben Schwierigkeiten in den wenigsten Fällen aus.[2]

Es lassen sich verschiedene Arten von Schuleintrittskrisen feststellen. Im Folgenden werde ich einige Krisenfelder am Schulanfang darstellen. In diesem Rahmen ist es mir jedoch nicht möglich, die gesamte Bandbreite von mit dem Schulanfang verbundenen Problemfeldern darzustellen.

2. Schwierigkeiten mit anderen Kindern

Ein großes Problem stellen für viele SchulanfängerInnen Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern, vor allem älteren, dar, die sich in Streitereien, Hänseleien und Rempeleien äußern. Bei Jungen kommt es dabei eher zu Rangkämpfen, bei den Mädchen spielt die Zugehörigkeit zu einer Clique die größte Rolle, bei den Jungen werden diese Konflikte meist auf körperlicher Ebene ausgetragen, bei den Mädchen hingegen eher verbal.[3]

Viele Kinder kennen sich in der Schule nicht, alte Gemeinschaften, die im Kindergarten entstanden sind, werden auseinandergerissen und die neuen Klassengemeinschaften müssen sich erst einspielen. Solange dies nicht geschehen ist, haben manche Kinder im Umgang mit Schulkameraden große Probleme, die sich oft bis zum Ende des 2. Schuljahres halten können und das Verhältnis des Schulanfängers zur Schule negativ beeinflussen.[4]

3. Schulanfang als kritisches Lebensereignis

Kritische Lebensereignisse sind solche Situationen, die mit den bisher gelernten Handlungsmustern und Routinen nicht mehr bewältigt werden können und evtl. tiefgreifende emotionale Umstellungen erfordern. Hierzu zählen der „Auszug aus dem Elternhaus, Berufseintritt und Berufswechsel, das Zusammenziehen und die Trennung von einem Partner, das erste Kind, [...], Tod des Lebenspartners, Pensionierung“[5] usw. Auch der Schulbeginn kann zu einem solchen kritischen Lebensereignissen werden. Kritische Lebensereignisse weisen drei Merkmale auf:

1. Sie heben sich von normalen Lebensalltag ab und haben einen Charakter des Außergewöhnlichen.
2. Sie stellen neue Anforderungen an den Betroffenen.
3. Sie sind von begrenzter Dauer.

In solchen Situationen muss meist – auch bei positiver Bewertung - eine Phase durchlaufen werden, die mit Stress und negativen Gefühlen einhergeht.[6]

Die Entwicklung vom Kindergartenkind zum Schulkind erfordert die Übernahme neuer Rollen, den Erwerb neuer Bezugspersonen, Vergleichsgruppen und –normen, es müssen neue Anpassungs- und Lernleistungen erbracht werden und die Normen und Werte wandeln sich.[7] Der Schuleintritt gehört somit eindeutig zu den kritischen Lebensereignissen.

3.1. Kritische Lebensereignisse aus der Sicht des Symbolischen Interaktionismus

Aus der Perspektive des Symbolischen Interaktionismus muss ein kritisches Lebensereignis als Identitätskrise aufgefasst werden. Bezogen auf die Schule bedeutet dies, dass das Kind seine Identität neu finden muss, weil seine bisherige Identität durch die neuen sozialen Erwartungen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.[8]

Identität im Sinne des Symbolischen Interaktionismus ist nichts Festes, sondern Identität bildet sich immer wieder neu aus in der Interaktion mit anderen. Sie kommt „zustande, wenn es zu befriedigenden sozialen Interaktionen kommt, in denen sämtliche Interaktionspartner auf ihre Rechnung kommen und die Interaktion als befriedigend erleben.“[9]

In der Interaktion zwischen LehrerIn und SchülerIn werden nun bestimmte Rollenerwartungen an den Schüler herangetragen. Diese neue soziale Identität, die dem Schüler angetragen wird, macht es diesem jedoch eventuell unmöglich, seine eigene Identität, seine durch Erfahrung gewonnene, einmalige Persönlichkeit in die Interaktion einzubringen. Hinzu kommt noch, dass die Lehrperson evtl. eigene Vorstellungen von der Persönlichkeit des Kindes an dieses heranträgt. Das Kind muss nun diese beiden Erwartungen ein Stück weit zurückweisen und eine Balance finden zwischen seiner eigenen Einmaligkeit und die an es herangetragenen Erwartungen, damit das Kind einerseits sich selbst treu bleiben, andererseits aber auch befriedigende soziale Beziehungen zur Lehrperson aufrecht erhalten kann.[10]

Dieser Balanceakt kann jedoch misslingen. Es kann passieren, dass das Kind sich den von ihm gewünschten sozialen Erwartungen widersetzt, ebenso kann es aber auch zu einer Überanpassung kommen, bei der die Einmaligkeit des Kindes von ihm selbst verleugnet wird.

Für eine ausgewogene Balance zwischen Rollenerwartungen und persönlicher Einmaligkeit sind vier Kompetenzen vonnöten:

1. Rollendistanz (Fähigkeit, sich von den eigenen Vorstellungen und der eigenen Rolle ein Stück weit distanzieren zu können)
2. Empathie (Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, ermöglicht es herauszufinden, was LehrerIn und KlassenkameradInnen erwarten)
3. Ambiguitätstoleranz (Fähigkeit, „in Interaktionen auszuharren, die nicht voll befriedigend sind“[11], hierzu gehört auch die Fähigkeit, auszuhalten, dass man nicht allen sozialen Erwartungen gerecht werden kann)
4. Kommunikative Kompetenz, Fähigkeit zur Ichpräsentation (Kompetenz, sich in Interaktionen einzubringen und seinen Standpunkt klarzumachen, hierbei spielt die sprachliche Kompetenz eine große Rolle)

Der Schulanfänger besitzt diese Kompetenzen oft noch nicht in ausreichendem Maß, woraus sich bei manchen Kindern eben größere Schwierigkeiten ergeben als bei anderen. Dennoch werden diese Kompetenzen in der Interaktion mit anderen zunehmend entwickelt, so dass die Schwierigkeiten meist mit zunehmender Reife abnehmen.[12]

4. Krisen des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls am Schulanfang

Wie in mehreren Untersuchungen gezeigt wurde, schätzen die meisten SchulanfängerInnen ihre eigenen Fähigkeiten selbst sehr hoch ein. Im Verlauf der ersten Schuljahre kommt es jedoch zu einem Absinken der Selbsteinschätzung, es gibt in der Statistik gewissermaßen einen Knick nach unten.[13] Von Anfang an sind die SchülerInnen jedoch sehr viel realistischer, wenn sie die Leistungen von Mitschülerinnen einschätzen sollen.[14]

Das Selbstbild ist das Bild des Menschen von sich selbst, von seiner Persönlichkeit. Mittels seines Selbstbildes beantwortet er sich die Frage „wer bin ich?“ Das Selbstbild ist eine kognitive Repräsentation des Wissens über die eigene Person. Es ist kein einheitliches System, sondern eines, das vielschichtig und hierarchisch geordnet ist.[15] Es spiegelt die Vorstellungen über die eigene Person wider und ist somit wertend. Somit wird das Selbstbild zur Grundlage des Selbstwertgefühls. Wenn nun das Selbstbild negativ beurteilt wird, kommt es somit auch zu einer Minderung des Selbstwertgefühls.[16]

Das Selbstbild erfüllt zwei Funktionen. Zum einen hilft es, Unsicherheit zu reduzieren und unbekannte Situationen adäquat zu meistern, zum anderen sichert es das Gefühl der Kontinuität, d.h. dass z.B. bestimmte Verhaltensweisen nur aufgrund eines bestimmten Selbstbildes schlüssig erscheinen. Das Selbstbild hilft also, sich selbst als eine kontinuierliche, gleichbleibende Persönlichkeit in verschiedenen Situationen zu erleben.[17]

Laut Fillip lassen sich verschiedene Quellen des Selbstbildes feststellen, nämlich

[...]


[1] Knörzer, Wolfgang/ Grass, Karl: Den Anfang der Schulzeit pädagogisch gestalten. Studien- und Arbeitsbuch für den Anfangsunterricht. Weinheim und Basel: Beltz, 2000., S. 151.

[2] Vgl. Schneider, Ilona K.: Zur Problematik des Schulanfangs aus der Sicht von Schulanfängern. In: Grundschule Heft 6, 1999, S. 23 – 26, S. 24f.

[3] Vgl. Knörzer/ Grass, S. 156 f.

[4] Vgl. ders., S. 157.

[5] Ders., S. 151 f.

[6] Vgl. ders., S. 151 f.

[7] Vgl. Helmke, Andreas: Entwicklung des Fähigkeitsselbstbildes vom Kindergarten bis zur dritten Klasse. In: Petrun, Reinhard/ Fend, Helmut (Hg.): Schule und Persönlichkeitsentwicklung. Ein Resümee der Längsschnittforschung. Stuttgart: Enke,1991; S. 83.

[8] Vgl. Knörzer/ Grass, S. 152.

[9] Ders., S. 152 f.

[10] Vgl. ders., S. 153.

[11] Ders., S. 153.

[12] Vgl. ders., S. 153 f.

[13] Vgl. z.B. Rosenfeld, Heidrun/ Valtin, Renate: Zur Entwicklung schulbezogener Persönlichkeitsmerkmale bei Kindern im Grundschulalter. Erste Ergebnisse aus dem Projekt NOVARA. In: Unterrichtswissenschaft, Heft 4, 1997. S. 316 – 330.

[14] Vgl. Helmke, S. 88.

[15] Vgl. Rosenfeld/ Valtin, S. 318.

[16] Vgl. Knörzer/ Grass, S. 166.

[17] Vgl. ders., S. 172.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Schuleintrittskrisen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Der Unterricht im 1. Schuljahr - zeitgemäßer Erstunterricht
Note
sehr ordentliche Arbeit
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V35428
ISBN (eBook)
9783638353465
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schuleintrittskrisen, Unterricht, Schuljahr, Erstunterricht
Arbeit zitieren
Jana Becker (Autor), 2003, Schuleintrittskrisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35428

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