Kultur der Lebendigkeit. Andreas Weber zwischen Naturphilosophie und gesellschaftlicher Utopie


Examensarbeit, 2016
111 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Erkenntnisinteresse und Fragestellung
2. Aufbau und Inhalt
3. Methodik

II. Enlivenment als fundamentale Veränderung der Konzepte von Natur, Kultur und Politik
1. Andreas Weber - Hintergründe und Einordnung
2. Enlivenment
2.1. Poetik der Wirklichkeit
2.2. Anthropozän
2.3. Poetik, Lebendigkeit und Beziehungen
2.4. Dualismus und Aufklärung
2.5. Biosphäre - empirische Subjektivität und poetische Objektivität
2.6. Nachhaltigkeit
2.7. Sinnverlust
2.8. Allmende und Commons
2.9. Freiheit, Utopie und Kultur
2.10. Romantik
2.11. Ziele von Enlivenment

III. Was ist Natur? - Historische Naturbilder
1. Naturbegriff
1.1. Naturalismus
1.2. Kulturalismus
1.3. Naturbegriff in Praxis: Wissenschaft
1.3.1. Konsequenzen für die Gegenwart
2. Naturphilosophische Entwicklungen
3. Jahrhunderte in Transformation - Formation - Transformation

IV. Zeitgenössischer Diskurs von Natur-Kultur-Konzepten
1. Philippe Descola: Anthropologie der Natur
2. Hartmut Rosa: Resonanz
3. Bruno Latour: Akteur-Netzwerk-Theorie
4. Auswertung

V. Commons - Gemeinschaft, Demokratie, Utopie

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis I

VIII. Tabellenverzeichnis XI

I. Einleitung

1. Erkenntnisinteresse und Fragestellung

„Platon hat sich getäuscht. Das Reich der Ideen ist nicht in einer jenseitigen Welt verborgen. Es ereignet sich im Hier und jetzt, in den Körpern der Tiere und Pflan-zen, im Summen der Bienen und in der Silhouette des in den Lüften kreisenden Raben.“1

Die Debatten lokaler als auch globaler Konflikte und Krisen ökologischer, politischer und öko- nomischer Art sind gegenwärtig zahlreich vorhanden und existieren oft scheinbar unabhängig voneinander. Dass diese Sichtweise nicht zuletzt aufklärerischen wissenschaftlichen Konzep- ten in ihrer Allgemeingültigkeit geschuldet ist, die sich in allen gesellschaftlichen Bereichen getrennt voneinander entfalten, wird deutlich, wenn man die Abgrenzung der Begriffe Natur und Kultur und deren Entwicklung in verschiedenen historischen Kontexten betrachtet. Andre- as Weber diskutiert diese Entwicklung aus naturphilosophischer Perspektive und bietet neue kritische Ansätze, diese allgemeingültigen Strukturen aufzubrechen, indem er mit dem Begriff des Enlivenment Theorien der Aufklärung erweitert. Mit Konzept versucht er eine Brücke zu schaffen, Abgrenzungen aufzulösen und so Zusammenhänge zwischen Phänomenen erkennbar werden zu lassen, die oft getrennt erscheinen. Praktischen Bezug bekommt Webers Ansatz in den Modellen der Commons-, einer Gemeingüterökonomie, die als politische Bewegung von unten gesellschaftliche Transformation fordert und entsprechende lokale Projekte hervorbringt. Der Frage, wie sich Andreas Weber mit seinem Konzept Enlivenment im zeitgenössischen Kontext solcher auf Natur bezogenen kapitalismus- und globalisierungskritischen Bewegungen einordnet und welche Relevanz seine Ansätze in diesen haben, soll in der Arbeit nachgegangen werden.

Eingebettet wird die Diskussion in den Kontext historischer Entwicklungen, welche seit der Aufklärung das abendländische Verständnis von und den Umgang mit Natur geprägt haben. Verfolgt man den Diskurs, so geht daraus hervor, dass die ökologische Krise mit ihren Ursa - chen und Konsequenzen in deren Breitenwirksamkeit einer materialistischen Weltsicht und der Logik des Kapitalismus einen Punkt erreicht hat, der in vielen Konzepten ein unumgängliches Umdenken einfordert. Dabei werden Ansätze unterschiedlicher Couleur zur Sprache gebracht, deren verschiedene Akzentuierungen den Perspektiven und Interpretationen der jeweiligen Be - reiche geschuldet sind. Es soll versucht werden, die Schnittstellen bzw. Differenzierungen die- ser Positionen herauszuarbeiten. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erfüllt werden kann und es sich aufgrund des Umfangs der Arbeit um eine fragmentarische Analyse handelt. Hauptaugenmerk wird daher auf eine exemplarische Aus- wahl von Autoren gelegt, die begrifflich das Konzept von Andreas Weber aufgreifen. Im Mit- telpunkt dieser Konzepte steht die naturphilosophische Betrachtung der Frage danach, was Na- tur ist, ihr Verhältnis zur Kultur und die Polarisierung bzw. Antipolarisierung der beiden Be- griffe. Wenngleich Natur als solches, als das Gegebene gedacht wird, so ist sie doch als Be - griff im Diskurs eine menschliche Schöpfung und somit Gegenstand kulturspezifischer Sym- bolsysteme, deren Idee in den Kultur- und Sozialwissenschaften von Ernst Cassirer in einer weitgefassten Weise vermittelt wird. In diesen seien alle Objekte und Handlungen mit Bedeu- tungen aufgeladen, die der symbolischen Konstruktion von Wirklichkeit dienen und mithilfe derer sich der Mensch die Realität zugänglich macht. Diese symbolische Schöpfung der Welt beziehe sich nicht nur auf gegenwärtig kulturspezifische, sondern auch auf historische Deutun- gen. Werte, Normen und Symbole müssten so jederzeit im entsprechenden Kontext interpre- tiert werden. Darüber hinaus ist der Mensch in seiner Symbolfähigkeit imstande, künftige Er- eignisse und Bedürfnisse vorauszusehen und eine symbolische Zukunft zu denken. Dies sei eine Bedingung, ohne die Utopie und Transformation nicht möglich ist.2 Im Kontext der ökolo- gischen Krise und und den damit in Zusammenhang stehenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen, gewinnt dieser Aspekt besondere Relevanz. Die spezifischen Bedeutungen, der Sinn von Symbolen, Werten und Normen erscheinen erst in Rückbindung an soziale Praktiken, ihre Akteure und Handlungsbedingungen. Sie stehen in Beziehung zu dem hermeneutischen Prozess, aus dem sich ein historisches Verstehen eröffnet. Dabei „handelt es sich um eine kulturelle Leistung, mit der sich die Geschehnisse der Vergangenheit im Zuge ih- rer historischen Interpretation zu einem Sinnzusammenhang transformieren, d.h.: Sie werden in eine Ordnung gebracht, die eine kulturelle Orientierung in der Gegenwart ermöglicht.“3, und die aus einer solchen Perspektive heraus in der Lage ist, in die Zukunft zu weisen.

Aus diesem thematischen Umriss ergeben sich folgende ineinandergreifende Fragestellungen:

- Mit welchen kulturellen Deutungsmustern wird das westliche Entwicklungsmodell themati- siert und mit welchen Prinzipien und Praktiken wird ein gesellschaftlicher Wandel für möglich erachtet?
- Wie ordnet sich Andreas Weber im wissenschaftlichen Diskurs ein und inwieweit auch in zeitgenössische Bewegungen? Welche Position nimmt sein Konzept dort ein? Wie wird er rezipiert bzw. kritisiert? Ist sein Konzept praxisrelevant und wird dort auch übertragen?
- Inwieweit wird diese Möglichkeit des Wandels in den analysierten Texten thematisiert bzw. wie wird dieser diskursiv verhandelt? Übergeordnet ist dabei die Frage der Bestimmung eines Selbstverständnisses des Menschen angesichts der globalen Krise in seinem historischen Kontext. Speziell betrachtet werden soll dabei der Umgang mit seinem der Natur verbundenem Wesen. Was konkret verbindet die jeweilige Sichtweise der Deutungsmuster mit Webers Theorie und worin unterscheidet bzw. gleicht sie sich möglicherweise von der der anderen diskutierten Autoren? Welche Fragen ergeben sich daraus?
- Inwieweit sind die Praktiken der Commons repräsentativ für eine radikale Änderung der wis- senschaftlichen Sichtweise und gesellschaftlichen Strukturen, welche Weber einfordert? Wer- den sie als Randerscheinungen oder Beginn eines Paradigmenwechsels wahrgenommen?
- Ist die globale Krise eine ökologische Krise? Welche Begriffe, Strukturen und Prozesse sind dafür bezeichnend? Wo liegen für die exemplarisch ausgewählten Autoren der Debatte ihre Kernzonen?

2. Aufbau und Inhalt

Im Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, soll im Folgenden so vorgegangen werden, dass nach einer Einführung der Methode in Kapitel I, zunächst Andreas Weber und sein Kon- zept in Kapitel II detailliert vorgestellt werden. Im Anschluss sollen in Kapitel III die hier dar- gestellten Prozesse in einem historischen Kontext eingebettet werden, der sich auf die Zeit zwischen Aufklärung bis zur Gegenwart als für das Thema relevanten zeitlichen Rahmen be - zieht. Hier werden als zentrale Aspekte die Entwicklungen in der Wissenschaft sowie die ver- schiedenen Perspektiven auf den Naturbegriff in diesem Zeitraum behandelt. Gleichzeitig wer- den die Auswirkungen dieser Prozesse auf die heutige globale ökologische Krise einbezogen. Ein weiterer Schritt ist dann in Kapitel IV eine kurze Einführung von drei zeitgenössischen Autoren, deren Konzepte sich ebenfalls mit dem Mensch-Natur-Verhältnis vor dem Hinter- grund jener Krise befassen. Inwieweit deren Ansätze mit dem Konzept Weber korrespondieren, wird im anschließenden analytischen Teil untersucht. Abschließend soll der Bereich der Com- mons als praktischer Bezug der Enlivenment -Idee im Allgemeinen in Kapitel V vorgestellt werden.

3. Methodik

Für die Bearbeitung des Themas eignet sich als Methode in besonderer Weise die Diskursana - lyse nach Michel Foucault. Die Begriffe, mittels derer er diese Methode entwirft, werden gleichsam von den in der vorliegenden Arbeit behandelten Autoren aufgegriffen. Somit bietet sich hier die Möglichkeit, das Material analytisch in sinnvoller Weise zu untersuchen. Eine Darstellung Foucaults Diskursanalyse in ihren prägnantesten Aspekten soll nun im Folgenden gemacht werden. Darüber hinaus wird kurz Bezug auf das Verhältnis von Foucault und Darwin genommen, da dieses für das Thema eine Perspektive von einiger Bedeutung ist. Die tiefen Einschnitten im Verständnis von Natur und Umwelt etwa ab Mitte des 20. Jahrhun- derts entfalten sich mit revolutionärer Kraft im Zuge der gesellschaftspolitischen Veränderun - gen. Die Entstehung der Umweltbewegung der 70er und 80er Jahre verfolgt revolutionäre Ab- sichten, die sich jedoch nicht nur auf ökologische Ziele beziehen. Über den Umweltschutz hin- aus werden gesellschaftliche Probleme und alternative Lebensstile fokussiert. Gleichzeitig kommt es auch zu einer Erneuerung der Geistes- und Ideengeschichte, die unter anderem einen Wandel auf wissenschaftsmethodischem Feld auslöst. Im Zentrum dieser Praxis stehen Hand- lungen und Prozesse, welche die soziale und historische Kontextualisierung von kulturellem Wissen in diskursiver Form erfassen. Dabei geht es nach wie vor „um die zentrale und für die Geschichte des abendländischen Denkens so altehrwürdige Frage, wie wir überhaupt etwas wissen können und wie Sicherheit über die Konstitution der Wirklichkeit zu erlangen ist.“4 Im Zusammenhang mit der historischen Form von Wissen und Wirklichkeit ist die Frage maßgeblich, was zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen als die gegebene Wirklichkeit erscheint. Anders als die tradierten geschichtswissenschaftlichen Me- thoden tragen moderne methodische Konzepte einer mit der bürgerlichen Revolution einherge- henden „enorme[n] Dynamisierung sozioökonomischer, politischer, technischer und kultureller Entwicklungen, die zur Historisierung der Vorstellungen von Mensch und Welt zwangen.“5 Rechnung und leiten die wissenschaftliche Auffassung ein, in denen der Mensch als Gestalter der Wirklichkeit auftritt. Aber erst im Anschluss an Ferdinand de Saussures zentralem Postulat der sozialen Dimension von Sprache Mitte des 20. Jahrhundert werden Wissen und Wirklich- keit als Ergebnisse sozialer Konstruktionsprozesse behandelt. „[...D]as heißt Gesellschaften statten ihre Umwelt mit bestimmten Bedeutungsmustern aus, erkennen bestimmte Sichtweisen auf diese Umwelt als Wissen an […] und objektivieren Elemente zu einer Wirklichkeit, der man nicht ansehen kann, dass sie historisch entstanden und alles andere als naturnotwendig ist.“6 Dass solche Elemente keineswegs ausschließlich sprachlicher Natur sind, sondern jegli- che Elemente soziokultureller Wirklichkeit umfassen, wird in Michel Foucaults viel rezipier- tem Diskursbegriff deutlich. Er bestimmt hier objektivierte Elemente (Aussagen) als Diskurse konstituierende Bestandteile funktional. „[E]twas sagen ist ein Ereignis. Einen wissenschaftli- chen Diskurs halten, das ist nichts, was in einen Bereich oberhalb oder außerhalb der Ge- schichte fiele, sondern gehört zur Geschichte ebenso wie eine Schlacht, die Erfindung der Dampfmaschine oder eine Epidemie. Natürlich sind das Ereignisse unterschiedlichen Typus, aber es sind Ereignisse. Wenn irgendein Arzt dummes Zeug über den Wahnsinn äußert, gehört das ebenso zur Geschichte wie die Schlacht von Waterloo.“7 Auf dieser materiellen Basis ist ein Diskurs ein historischer Gegenstand und konstituiert in seiner situativen, institutionellen, medialen und historischen Verankerung Wirklichkeit, die zum jeweiligen Zeitpunkt legitime Weltbilder zu etablieren in der Lage ist. Somit erscheint es sinnvoll, die Allgemeingültigkeit der seit der Aufklärung etablierten Strukturen und Denkweisen sowie die gegenwärtigen Be- strebungen, diese aufzubrechen, mit einer solchen Methode zu untersuchen. „Mit dem Diskurs- begriff wurde es möglich, den Zweifel an Modernisierungsversprechen, die Kritik an ideologi- schen Verhärtungen, die Unsicherheiten angesichts politischer und ökonomischer Turbulenzen, die Auflösung etablierter Hierarchien und generell die Pluralisierung von Weltdeutungen zum Ausdruck zu bringen. Da man sich auf Ordnungsvorstellungen, auf die man sich insbesondere in der Folge der politischen und industriellen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts ge- stützt hatte, offensichtlich nicht mehr verlassen konnte, musste dieser neue Blick auf die Wirk- lichkeit zum Ausdruck gebracht werden.“8

Nimmt man das Wissen, welches sich diskursiv etabliert, zu einem gegebenen Zeitpunkt in ei - ner gegebenen Kultur in den Blick, lässt sich feststellen, dass es den Diskurs betreffend unter diesen Bedingungen eine „wohldefinierte Regelmäßigkeit“9 gibt, welche das Sagbare, Denkba- re und Machbare organisiert und somit Wirklichkeit gestaltet. Nach diesen dem Diskurs als In- strument zugrundeliegenden und ihn identifizierenden Regeln wird in seiner Analyse gesucht; gleichzeitig legitimieren sie ihn zum wissenschaftlichen Gegenstand. „Die historische Perspek- tive gewinnt hierbei besondere Relevanz, weil Diskurse keine andere Basis haben als ihre eige - ne Historizität."10 Mit diesem Gedanken im Hinterkopf soll in der Arbeit versucht werden, das Augenmerk auf diejenigen Aspekte der ausgewählten Texte zu legen, welche die Fäden zu „Konstitution von Wissensformen, sozialen Beziehungen und kulturellen Bedeutungsnetzen“11 aufnehmen, in welcher Form diese miteinander verwoben werden und welche Stoffe daraus entstehen. Von besonderer Bedeutung ist dabei der reziproke Konstruktionscharakter von Dis- kurs und Wirklichkeit, welche sich im Prozess von Reproduktion, Transformation und erneuter Produktion miteinander und gegenseitig verändern. Das Moment der Veränderung erscheint nun aber nicht als Bruchstelle im Diskurs, während die durch gesellschaftlich etablierte Macht- strukturen übertragene Stabilität als normal wahrgenommen wird, „sondern dass umgekehrt die systemeigene Irritation dafür sorgt, dass Wandel als genereller Modus hegemonialer Dis- kurse zu verstehen ist - als Regel und nicht als Ausnahme. […] Gerade durch die Kopplung mit dem Moment der Macht lassen sich Diskurse kaum anders als umkämpfte, mithin immer in Bewegung befindliche Einheiten denken.“12 Der Machtbegriff in der Diskurstheorie ist fraglos in beide Richtungen denkbar, denn „Diskurse definieren Wahrheit und üben somit gesellschaft- liche Macht aus.“13 Indem sie durch ihre gesellschaftliche Kontextualisierung in einem wech- selseitigen Verhältnis mit Macht stehen, werden sie davon bedingt und produzieren gleichzei- tig neue Machtstrukturen. Dieser Aspekt hat zweierlei grundlegende Bedeutung. Einerseits ge- raten mit der Fixierung von Wissen in Diskursen, in denen Machtverhältnisse immer eine Rol- le spielen, etablierte Wissenssysteme der Moderne als erklärte Instrumente der Freiheit des Menschen ins Wanken, denn diese selbst seien Gegenstand von Herrschaft und Unterwerfung; dass Wahrheit zur Befreiung führt sei illusorisch14, „da Wahrheit selbst Macht ist“15. Gegebenes Wissen als Produkt sozialer Konstruktionsprozesse ist in diesem Sinne die Umwandlung von Machtverhältnissen in Wissensformen, über welche „Wahrheiten“ generiert werden, die ihrer- seits wieder diese Machtstrukturen stärken. Andererseits bricht die Verbindung von Wissen und Macht die abgeschlossene diskursive Struktur auf und verortet den Diskurs konkret jenseits ei- ner Autonomität. „Der Diskurs wird nicht von einer übermächtigen Zentrale gesteuert, sondern zeichnet sich durch eine Vielzahl von Urhebern aus; er bekommt Risse und Lücken, die ein handelndes Eingreifen ermöglichen.“16 Die „Pluralität von Mikro-Mächten“17 macht den Dis- kurs zu einem Instrument der Veränderung mit höchst transformativem Potential. Macht er- scheint in dieser Lesart gesellschaftlich produktiv und konstitutiv. Der aus gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgegangene Diskurs, der Einfluss in ebensolcher Weise auf die Gesellschaft nimmt, kann gerade deswegen niemals abgeschlossen sein, genauso wenig wie die Gesamtheit aller Entitäten, die ihn ausmachen und welche er ausmacht. Er ist das Produkt zahlreicher Kon - struktionsprozesse. „Dieser symbolische Charakter gesellschaftlicher Verhältnisse kann nicht auf ein letztlich fundierendes Prinzip zurückgeführt werden, es gibt also hinter ihnen keinen ei - gentlichen Kern aufzudecken, sondern das Soziale besteht aus nicht mehr oder weniger als den relativen und prekären Formen der Fixierung, die die Errichtung einer Ordnung mit sich bringt und die auch immer wieder angezweifelt und verändert werden können.“18 Diese Produktivität und die Materialität von Diskursen, welche sich aus der Auflösung eines Denkens in diskursi- ven und nicht-diskursiven Praktiken ergibt, führt in der Konsequenz zu einer Aufhebung des Gegensatzes zwischen Denken und Wirklichkeit, „woraus sich eine erhebliche Erweiterung hinsichtlich der Kategorien ergibt, die für eine Erklärung sozialer Verhältnisse in Betracht kommen.“19 Der Diskurs als Produkt von Wirklichkeit legitimiert Weltsichten, die im zeitli- chen Wandel jeweilige Wirklichkeiten bilden, dabei „gelingen immer nur vorübergehende und partielle Fixierungen in Knotenpunkten - und dieser Spannung nachzugehen, dürfte sich vor allem unter Verzicht thematischer Selbstbeschränkung geschichtswissenschaftlich noch als fruchtbar erweisen.“20

Die Diskursanalyse nach diesen Beschreibungen methodisch in der hier vorliegenden Studie anzuwenden, liegen also folgende Überlegungen zugrunde. Dazu sollen explizite Phänomene, welche das zu analysierende Material mit grundlegenden Eigenschaften, die die diskursanalyti - sche Methode kennzeichnen, bereitstellt, im Folgenden noch konkretisiert werden. Ein Diskurs ist aufgrund seiner ihn konstituierenden Elemente nach Foucault ein historisches Ereignis. Zentral für den Kontext des Themas der Arbeit sind die Ereignisse des 18. Jahrhunderts mit ei- ner Zuspitzung in den gegenwärtigen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Problemen der globalen Krise, welche in direktem wie indirektem Zusammenhang stehen und mit der na- hezu zeitgleichen digitalen und politischen Revolution des ausgehenden 20. Jahrhunderts enor- me Beschleunigung erfahren. Umso unausweichlicher wird unter diesen zeithistorischen Be- dingungen eine Historisierung der Weltsicht mit impliziten Selbstverständnissen, welche ange- sichts der Komplexität historischer Zusammenhänge - auch begründet durch die Auflösung von Weltbildern und ihre daraus resultierende Pluralisierung - für Rückbezüge und Voraussich- ten in besonderer Weise Symbolsysteme notwendig werden lassen. Die zahlreichen Deutungs- muster in der Geschichte, die bis dahin wechselnde Gewissheiten lieferten, haben sich ebenso oft widerlegen und ihre Glaubwürdigkeit untergraben lassen bzw. in ihrer Interpretation plura- lisiert. Die große >Frage des Menschen<21 in ihrer allumfassenden Dimension des Verhältnis- ses von Mensch und Kultur sei demnach nur als >offene Frage<22 zu stellen. „Konsequent sind daher im Diskurs des 20. Jahrhunderts sowohl die Gewissheit darüber, was der Mensch ist, als auch das verlässliche Wissen darum, wer der Mensch ist, weitgehend zerrieben und als unbe- zweifelbare Grundlagen allemal verschwunden, ohne dass aber Anthropologie als überhaupt unsinnig abgewiesen werden könnte.“23 Indem der Diskurs als ein Ort der Aushandlung gleich- wohl als konstruierte als auch konstruierende Wirklichkeit begriffen wird, verflechten sich hier Diskurs und Wirklichkeit, Theorie und Praxis miteinander. „Denn wenn „Diskurs“ der Name ist, den wir derjenigen Analyseeinheit geben, mit der historisch bestimmbare und soziokultu- rell geprägte Formen des Wissens und der Wirklichkeit erfasst werden, dann ist nach meinem Dafürhalten nicht einzusehen, wo und wie man einen Bereich bestimmen könnte, der nicht dazu beitrüge, diese Wissensformen und diese Wirklichkeit zu formen. Praktiken tun dies ebenso wie Gegenstände oder Texte […]. Die Gefahr der Hypostasierung vermag ich insofern nicht zu erkennen, als die Diskursforschung ja nicht behauptet, dass alles ausnahmslos nur noch mit Hilfe des Diskurses zu erklären wäre. Vielmehr handelt es sich um eine Form der Perspektivierung. […] Diskurs ist nicht alles, aber Diskurs ist überall.“24

Die Diskursanalyse allerdings kann nur eine Momentaufnahme sein. Zudem wird durch den wechselseitigen Machtaspekt im Diskurs durch seinen konstruktiven statt repressivem Charak- ter Transformation realistisch möglich. Diskurse werden durch Machtverhältnisse gesteuert, üben ihrerseits aber auch Macht aus. Dieser Aspekt gewinnt so in beiderlei Hinsicht Bedeu- tung. „Macht ist nach Foucault nicht etwas, das man sich aneignen, besitzen oder vererben kann; sie ist nicht lokalisierbar, also beispielsweise nicht einfach in der Spitze einer politischen Struktur konzentriert; sie funktioniert auch nicht durch einfache Unterordnung. […] Macht müssen wir uns also mit Foucault als geschmeidiges, verborgenes und untergründig wirksames Medium vorstellen, das nicht erst durch die Institutionen in die Welt kommt, sondern dort le- diglich zentralisiert und strukturiert wird. Die Normierung ist deshalb wirksam, weil sie unbe - merkt bestimmt, was und wie wir sein wollen.“25 Diesbezüglich sind im Zuge der Entwicklun- gen der letzten Jahrhunderte die Machtverhältnisse zwischen Staat und Bevölkerung nicht auf - gelöst worden. Ursprünglich wurde dies als Leitgedanke der liberalistischen Bewegung26 for- muliert. Mit industriellem Fortschritt und seinem immensen Bedarf an menschlicher Arbeits- kraft, betrachten die Regierungen, ihrerseits in wirtschaftliche Abhängigkeiten verwickelt, seit- dem das Subjekt als steuerbare Biomasse „das zu funktionieren hat“27 und objektivieren den Leib in staatlicher Politik28. Insofern sei der Liberalismus nicht als Verwirklichung bürgerlicher Freiheitsrechte zu verstehen, sondern zum gouvernementalen Instrument avanciert, welches nicht zuletzt von den Wissenschaften bedient wird. „Dies führt auch zu einem ganz neuen Ver- ständnis des Liberalismus. Der Liberalismus als große Geistesströmung der Aufklärung hat sich immer als Wegbereiter der Freiheit gesehen. Freiheit bedeutete hier: Einschränkung staat- licher Macht durch bürgerliche Freiheitsrechte und ökonomische Handlungsfreiheit. Nach Fou- cault ist der Liberalismus jedoch lediglich eine governementale Steuerungstechnik für komple- xe Gesellschaften.“29

Ein in ähnlicher Weise prägendes Paradigma der Neuzeit ist seit dem 18. Jahrhundert der Evo- lutionsbegriff30 mit den Entwicklungsgedanken als seinem Kernstück. Dieser existiert schon seit Beginn der philosophischen Frage nach dem Grund des Seienden, wurde jedoch erst im modernen Wissenschaftsverständnis einer Empirie zugeführt. Darwins Theorie verhalf der Evolutionslehre zum Durchbruch und wurde entgegen seiner Ambitionen hinsichtlich einer materialistischen Weltdeutung interpretiert, was den „Evolutionsbegriff zunehmend zum Ge- genbegriff der göttlichen Schöpfung“31 werden ließ. Seine biologische Interpretation beein- flusste auch die Kultur- und Geisteswissenschaften bezüglich Rechts- und Ethikfragen. Eine Ausweitung hat der Begriff außerdem oft in Parallelisierungen sozialer Phänomene erfahren. Bezüglich Foucaults Diskurstheorie - so die Argumentation Sarasins - ist der dem Evolutions- begriff implizite Begriff der Kontinuität und der Genealogie vielmehr in einem Verständnis zu begreifen, welche der Rekonstruktion der Vergangenheit keine ungebrochene Identität verlei- hen kann, sondern diese vielfältig und widersprüchlich erscheinen lässt: „Im Ursprung, so wa - ren Darwin wie Foucault überzeugt, liegt keine »Idealität« und keine »Wahrheit« - und weder die Geschichte der Evolution noch die Geschichtsschreibung menschlicher Gesellschaften be- richten daher von einer irgendwie sinnvollen, »logischen«, vernunftmäßigen oder zielgerichte- ten Entwicklung, von einem Fortschritt, gar von einer zunehmenden Vervollkommnung oder einer Annäherung an die Wahrheit. Die Genealogie als Methode des Denkens erweist sich da- mit als fundamental kritisch und radikal modern: Was der Genealoge in Säurebad seiner Kritik taucht, verliert sein prätendiertes Sosein und erweist sich als Zusammengesetztes, als Kon- strukt, als Gewordenes; der Genealoge führt, mit Nietzsche gesprochen, jedes Sein wieder dem Werden zu.“32 in dem Sinne, „dass alles, was existiert, der Unerbittlichkeit einer von unbe- kannten Anfängen her auf einen offenen Horizont sich zubewegenden Historizität unterworfen ist.“33 Auf einer horizontalen und einer vertikalen Achse führen beide Theorien unterschiedli- che Objekte zusammen, die in ihrer Struktur und Funktionsweise als auch ihrer Genese Serien bilden. Als diese aber „entziehen sie sich strenger Quantifizierbarkeit und sind daher nicht sta- tistisch berechenbar. […] Ihre Elemente sind in ihrem historischen Auftreten immer kontin - gent. Hier regieren, wie Foucault mit Darwin, aber auch mit François Jacob feststellt, der Zu - fall und die Diskontinuität. […] Es gibt keinen »Großen Plan« und keine dialektischen Syn- thesen, durch die hindurch sich die Geschichte zu einem wie auch immer konzipierten ver - nünftigen Ziel hinbewegen würde. Dennoch halten beide Autoren auf scheinbar paradoxe Wei- se daran fest, dass in diesem historischen Geschehen strenge Notwendigkeit herrsche:“34 im Kampf ums Dasein wie in gesellschaftlichen Verhältnissen sind für sie Kräfteverhältnisse be- stimmend. „Auf eine paradoxe Weise war Foucault in dieser Hinsicht und zusammen mit Nietzsche darwinistischer als Darwin selbst: menschliche Gesellschaften sind strukturiert durch Kräfteverhältnisse (in denen auch der Zugang zu oder der Einsatz von Wissen eine stra - tegische Bedeutung hat), sie sind letztlich nichts als das Produkt kleiner Kämpfe und blutiger Schlachten, von Listen und Hinterlisten, Niederlagen und Überwältigungen.“35

II.Enlivenmentals fundamentale Veränderung der Konzepte von Natur, Kultur und Politik

1. Andreas Weber - Hintergründe und Einordnung

Andreas Weber, 1967 geboren, lebt mit Familie in Berlin und Italien. Nach seinem Studium der Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris promovierte er mit dem Titel „Natur als Bedeutung. Versuch einer semiotischen Theorie des Lebendigen“ bei Frances- co Varela und Hartmut Böhme. Ersterer prägte in Zusammenarbeit mit Humberto Maturana den Begriff der Autopoiese im Zusammenhang der Selbstschöpfung eines Systems. Böhme forscht unter anderem zu naturphilosophischen Problematiken. Weber arbeitet als freier Autor und Journalist. Er publiziert in verschiedenen Tageszeitungen und Fachzeitschriften, haupt- sächlich in GEO, Merian, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, National Geographic, mare, Greenpeace Magazin und Oya. In den Jahren 2001 bis 2004 war er Redakteur bei der Zeitschrift Merian, 2003 und 2004 Lehrbeauftragter im Fach Journalistik an der Universität Hamburg und derzeit arbeitet er als Dozent an der Leuphena Universität Lüneburg und der Universität der Künste in Berlin. Beratend ist er als Mitglied im Sachverständigenbeirat für Naturschutz und Landschaftspflege Berlin und im Kuratorium des Institutes für Theologische Zoologie an der Universität Münster tätig. In seinen literarischen Sachbüchern kritisiert er die mechanistische Weltsicht, die er mittels der Entwicklung einer Ökologie des Schöpferischen und Lebendigen im Hinblick auf den fühlenden Selbstausdruck des Menschen als Realisierung seiner Natur zu überwinden versucht. Dabei stellt er klassische Deutungsmodelle verschiede- ner Sphären neuen Begriffen in transformativer Weise konzeptuell gegenüber (biologische Ideologie: Darwinismus - Biosphäre, gesellschafts-politisch-ökonomisches Modell: Liberalis- mus - Commons, Zeit-Bewegung: Aufklärung - Enlivenment). In seinem Konzept nimmt er neben verschiedenen Künstlern Bezüge auf z.B. Polanyi36, Latour37, Derrida, Édouard Glissant38, Manfred Max-Neef39 und Maurice Merleau-Ponty40.

Eine Rezeption seiner Schriften erfolgt vor allem durch die Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen der Commons-Forschung. In diesem Zusammenhang ist er als Teil einer Bewegung zu sehen, welche für ökologische und gesellschaftliche Erneuerung steht und sich kapitalismus- und glo- balisierungskritisch engagiert. Auch in Webers Arbeiten, wo seine Ansätze diese Positionen vertreten, erscheint er in aktivistischer Weise. Er arbeitet nicht traditionell wissenschaftlich, was im Kontext seines Konzeptes zu sehen ist, in dem er teils sehr wissenschaftskritisch argu- mentiert. Insofern nimmt er auch keinen Bezug auf gängige Kultur- oder Symboltheorien, ver- wendet kein Literaturverzeichnis und trifft teilweise sehr normative Aussagen zu Begriffen und Theorien. Somit erscheint Weber als Protagonist, der etwas Neues schaffen möchte. Zentral da- bei sind Veränderungen in den Wissenschaftsmethoden und - philosophisch betrachtet - im Mensch-Natur-Verhältnis auf einer nicht nur materiellen, sondern ideologischen Ebene.

2. Enlivenment

2.1. Poetik der Wirklichkeit

Im anthropozänen Zeitalter entwirft Andreas Weber ein Konzept, welches es möglich machen soll, der globalen ökologischen Krise neue Lösungen entgegenzustellen. Dieses grenzt er vom bisherigen Menschen- und Naturbild insofern ab, dass er alle Wesen als Teilnehmer eines ge- meinsamen Haushaltes von Stoff, Begehren und Imagination versteht - einer Ökonomie der metabolischen und poetischen Verwandlungen - und generiert damit ein alternatives Weltbild einer untrennbaren Verbundenheit des Menschen mit der Natur, denn sie sind „lebendige Ge- schöpfe auf einer lebendigen Erde, können […] diese Prinzipien fühlen, schlicht und allein deshalb, weil wir aus ihnen gemacht sind.“41

Mehr im Anschluss als in Abgrenzung zur Aufklärung ´Enlightenment´ nennt er dieses Konzept Enlivenment - Verlebendigung - und versteht diese als „Aufklärung der Aufklärung“42, „als wahres Erbe einer Aufklärung, die von ungerechtfertigten Dogmen wegführen und die Freiheit jedes Subjekts stärken wollte.“43.

Wenn der Mensch sein Selbstsein in phänomenologischer Weise als Natursein wahrnimmt, sein Ich als eingelassen in die Antriebskräfte des Körpers erfährt, mag es sein, dass er sich bereit findet, diese Naturkräfte in sich nicht nur zu disziplinieren und zu sublimieren, sondern sie auch in ihrer Selbsttätigkeit in einem stärkeren Maße gewähren zu lassen, als dies vor dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte geschehen ist. Eine von der inneren Natur gezähmte Vernunft wäre ein gegenüber dem Herrschafts- und dem Ehrfurchtsverhalten neues Paradigma für den Umgang mit unserer endlichen Existenz in einer endlichen Welt.“ vgl. Pätzold, Hartmut (Zugriff am 08.10.2016)

Was Weber an der dualistischen Perspektive der modernen Wissenschaft als gegenwärtige Pra- xis der Aufklärung kritisiert, ist der Ausschluss gelebter Realität, des Erlebens und des damit verbundenen Gefühls. „Science has erected a metaphysis of the non-living to analyse the most remarkable aspect of our being in the world, namely our being alive.“44 Der Mensch sei da- durch als ein lebendiger Teil der Natur und als Subjekt, welches als tierische Spezies im mate - riellen Austausch mit der natürlichen Welt steht, negiert. Leben und Lebendigkeit als funda- mentale Kategorien und signifikante Realitäten eines Ökosystems lägen auch dem Menschen als Teil dessen in Form von Denken, individueller Erfahrung und Bedeutung zugrunde. Enli-venment als eine neue Sichtweise könne dazu beitragen, die globale Krise in ihrer Ganzheit- lichkeit zu verstehen und nicht nur partielle Ursachen für einzelne Probleme zu identifizieren, sondern ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass ökologische, ökonomische und soziale Schwierigkeiten in einem globalen Kontext unweigerlich miteinander verflochten sind.

Wodurch Enlivenment den Aufklärungsgedanken erweitert, ist die ´empirische Subjektivität´ von Lebewesen und die ´poetische Objektivität´ von bedeutungsvollen Erfahrungen. Naturalis- mus versteht Weber in einem Sinn, dass Natur im Gegensatz zur Wissenschaft absolut nicht effizient, neutral und frei von Bedeutung ist, sondern deren Quelle, welche sich fortwährend in Beziehungen zwischen Individuen produziert und Verbundenheit schafft. Und mehr noch: die Verflechtung der inneren Erfahrung der Menschen mit der äußeren natürlichen Ordnung zu entdecken, sieht Weber als die Chance, die Beziehung von belebter Natur und Mensch zu ver- ändern. Denn was beides verbindet, ist das Fühlen von Lebendigkeit und Leben. „But nature is not outside of us, it is inside of us - and we are inside of it.“45. Um diese Perspektive zu ver- stehen, schlägt er vor, die menschliche Spezies zusammen mit allen anderen belebten Wesen in ein Boot zu setzen und „life as embodied beings“ als gemeinsamen Nenner aller lebenden Or- ganismen anzunehmen. „Life is what we all share. And life is what we all can feel: The emo - tional experience of feeling our needs and having them satisfied is a direct sign of how well we realise (or fail to realise) our aliveness.“46. Was den Menschen aber von anderen Lebewesen unterscheide, ist seine Wahrnehmung von Natur und Geschichte auf der Ebene von symboli- scher Kultur. Deren schöpferische Prozesse sind dem künstlerischen Ausdruck gleich, indem sie „in Durchdringung erfahren“47 werden. Nicht ihr Abbild der Welt, sondern deren symboli- sche Verlebendigung sei das, was erfahren und geteilt werden kann. Mit dieser Spezifizierung greift Weber auf eine Symboltheorie zurück, welche Parallelen zu Cassirers Philosophie der symbolischen Formen aufweist, zu der er sich jedoch nicht offenkundig bekennt respektive Be- zug darauf nimmt. Alle Erscheinungen der menschlichen Welt sind nach Cassirer bedeutungs- immanent und interpretationsgebunden und nur im Hinblick auf den jeweiligen Kontext ver- stehbar. In subjektiver Weise sind alle Organismen zur Wahrnehmung fähig, hingegen ist Sym- bolik eine dem Menschen eigene Art und notwendige Fähigkeit, sich die Welt zu erschließen. Die Welt und ihre Wahrnehmung sind in ihrer Wechselwirkung nicht fest und starr, sondern stets anders und neu, unterliegen sich wandelnden Bedingungen und einer Interpretation, wel- che immer schöpferisch ist. Der bezeichnende Aspekt an Webers Enlivenment -Konzept ist da- bei, in die objektive Sichtweise das Moment der subjektiven Wahrnehmung zu integrieren. Ebenso sei eine solche Integration auch in umgekehrter Weise notwendig, um zu einem Welt- verständnis in seiner Ganzheit zu gelangen. Dabei scheint dies nicht dieselben, aber möglicher - weise anders gelagerte Schwierigkeiten zu bereiten. Hervorzuheben ist jedoch, dass Weber alle Dimensionen in einer realen, materialistischen Weise betrachtet, das Reich der Ideen und der Natur gleichermaßen.

2.2. Anthropozän

Mit seinem Konzept will Weber einen Beitrag zum Anthropozän-Diskurs leisten. In ihm sieht er das Gegenstück zur Idee vom Anthropozän als eine „Epoche einer Menschen-Erde […], in der unsere Spezies de facto alles steuere und kontrolliere und Mensch und Natur dadurch auf dem gleichen Level stünden.“48 Das ´Wilde´ jedoch wird von ihm als ein Prozess gedeutet, der außerhalb menschlicher Kontrolle liegt. Diesezüglich referiert er auf Gary Snyder - Schriftstel- ler und Philosoph der Beat Generation - welcher behauptet, dass es ein Anthropozän nie geben wird, denn „Die Vorstellung des Anthropozäns, den Menschen mit dem unbewusst Organi - schen in sich selbst, aber auch in den anderen noch verbliebenen Wesen zu versöhnen, dass er ihre Existenz der Macht seiner Kultur anvertraut, ist ein erneuter Versuch der Zähmung. Wir können in ihr einen weiteren Akt der Aufklärung erblicken, die Welt durch Kontrolle zu ver- bessern und zu beherrschen.“49 Der Mensch als „zutiefst von Natur durchzogen, von unkontrol- lierbarer Wildnis, von schöpferischer Selbstorganisation“50 sei aber selbst das Unkontrollier- bare, trägt es etwa in Form von „Assoziationen der Fantasie, Verdauung, Komplexität der Sprache, Absolutheit der Gefühle und Instinkte“ in sich und liefert damit „die Instrumente [...], mit denen wir versuchen, Kontrolle herzustellen.“51

In jüngster Zeit deute sich jedoch ein Paradigmenwechsel in Disziplinen wie z. B. Biologie, Psychologie, Physik und Wirtschaftswissenschaften an, infolgedessen natürliche Aspekte eines Selbstverständnisses wiederentdeckt und anerkannt werden, „in denen Organismen nicht län- ger nur als miteinander konkurrierende Maschinen angesehen werden, sondern als natürliche Subjekte, die sich selbst erschaffen, entwickeln, dabei fortwährend Erfahrungen machen und diese wiederum materiell erfahrbar nach außen tragen.“52 und das ist „nicht eine Angelegenheit von Ursache und Wirkung, sondern resultiert aus einer komplexen Wechselwirkung von leib- haftigen Interessen und Gefühlen.“53 in Form von stofflichen, geistigen und emotionalen Aus- tauschprozessen des Menschen mit der Natur, wie viele Forscher zeigen. Newtons Theorie wurde bereits von der Quantenphysik in ein anderes Licht der »impliziten Ordnung«54 des Kosmos gestellt. Das »egoistische Gen«55, dessen Konzept Erfahrung, Subjektivität und Kultur als Illusion wahrnimmt, wurde zugunsten der kulturellen Vielfalt in Analogie zur biologischen Wirklichkeit in Frage gestellt und öffnet das biologische Denken der Erforschung von Subjek- tivität. Besonders bemerkenswert ist dieses Umdenken aber im ökonomischen Bereich, wobei hier die Commons-Ökonomie besonders signifikant ist: hier wird Haushalten als Praxis be- griffen, in welcher Sinn und Gerechtigkeit im Vordergrund stehen und in biosphärischen Kon - text gestellt werden, worin sie sich von einer bioliberalen Ökonomie unterscheidet.

2.3. Poetik, Lebendigkeit und Beziehungen

Die Herrschaft des liberalistischen Marktsystems produziert eine Trennung von Ressourcen und Subjekten, welche in einer Kontrolle mit einer kontrollierenden und einer zu kontrollieren- den Sphäre mündet. „Die Welt wird aber nicht durch Kontrolle besser, sondern durch Teil- nahme.“56 Soll die eigene Identität und die Wirklichkeit nicht einer Verleugnung gleichkom- men, ist ein Perspektivwechsel von einer Sicht des Menschen als Einflussfaktor auf die Natur zu einer Sicht des Menschen als Teil der Natur und der Natur als Teil des Menschen dringend notwendig. Nur in dieser Denkweise könne das Anthropozän fortbestehen bzw. überleben: „dass auch uns selbst etwas ausmacht und erfüllt, was keiner kulturellen Kontrolle und Steue- rung unterworfen werden kann, weil es etwas ist, aus dem sich diese überhaupt erst speist: un - sere sich selbst organisierende, unhintergehbare, in die Opazität der Wirklichkeit von Ökosys- temen, emotionalen Impulsen und poetischer Imagination mündende Lebendigkeit.“57

Lebendigkeit als den blinden Fleck des modernen wissenschaftlichen Denkens zu sehen und somit als etwas nicht rational Verstehbares, enthalte Sinn und Schönheit insofern, dass jegli- cher Austausch biologisch kommunikativer und menschlich expressiver Bedeutungen sowohl Äußeres und Materielles als auch Inneres und Existentielles beinhaltet. Die fortwährende und sich wechselseitig beeinflussende Entfaltung von Beziehungen, die Weber als ein Gewebe be- schreibt, kann aktuell deswegen nicht wirklich wahrgenommen werden, weil es weder in den offiziell favorisierten Weltbeschreibungen noch in der privaten Lebensführung einen nennens- werten Platz hat.

Die Wirklichkeit natürlicher Existenz in ihrer schöpferischen, ausdruckhaften Weise und im Kern auf Lebendigkeit beruhend, fehle dem Konzept vom Anthropozän. Weil alle Prozesse er - fahrener Wirklichkeit auf bedeutungsvermittelnden Beziehungen beruhen, könne sich diese Lebendigkeit „inklusive seines natürlichen Werdens, inklusive seiner sozialen Transformation, inklusive unserer materiellen Versorgung, letztlich nur als Poetik formulieren“58 lassen. Die Bedeutungen seien für alle Subjekte - für Menschen, Tiere und Pflanzen - emotional erfahrbar, weil sie lebendig sind und deswegen in prozesshaften sowohl materiellen als auch semioti- schen Beziehungen stehen. Dieser Prozess „erfährt sich selbst emotional und pflanzt sich schöpferisch fort, erschafft damit immer komplexere Grade von Freiheit, aber auch von Ab- hängigkeit. Zugleich sei dieser existentielle Verwirklichungsprozess stets eine Imagination, also ein Ausdrucksprozess.“59 Hier kommt der Aspekt der Kontrolle zum tragen insofern, dass Natur nicht als unabänderlich vom Menschen domestiziert betrachtet werden sollte, denn diese Sichtweise habe sich als sehr unfruchtbar erwiesen. Vielmehr sollte der Mensch aus einer um- gekehrten Perspektive verstehen, dass die Natur ebenso in ihm ist und die Quelle seiner Leben- digkeit bereitstellt.

Die Idee der Aufklärung in ihrer aktuellen Fassung eines Anthropozäns mit seinem Bewusst- sein um technische Allmacht muss für Weber um eine Poetik ergänzt werden: nur durch sie werden Beziehungen ausdrückbar gemacht. In einer solchen Praxis bestehe die Chance, die un - wirklichen Trennungen aufzuheben und dadurch Sphären von Sachen und Ideen, Ressourcen und Verbraucher, sogar Kultur und Natur gemeinsam denken zu können. Weber bezieht sich hier auf den Poetikbegriff wie ihn Édouard Glissant postuliert, der menschliche Identität einem Reichtum an Beziehungen zuschreibt, anstatt sie in einer klassischen Definition in ethnischer Abstammung zu verorten.60 In diesem poetischen Sinn lässt sich das metaphorische Gewebe auch als „Fleisch der Welt“61 beschreiben bzw. als Akt der Imagination einer gesteigerten Le- bendigkeit, der sich als ein künstlerischer Ausdruck und als geteilte Erkundung auf kultureller Ebene begreifen lässt: „Das Bild der Realität, das Künste und Wissenschaften heute erkunden, zeichnet ein in seinen tiefsten Wesenszügen empfindsames Universum. Es ist poetisch - pro- duktiv in der Erfindung neuer Lebensformen und immer neu verkörperter Erfahrungen. […] Es erschafft Gegenwärtigkeit, die in der Überwindung unlösbarer Paradoxien von Augenblick zu Augenblick besteht, gleich ob in der Ökologie, der Kultur, der Ökonomie oder den Künsten.“62 Der Schlüssel für die Überwindung dieser Gegensätze liegt nach Weber schlicht in der Aner - kennung ihrer Existenz. Darin, dass Natur in ihrem Wesen widersprüchlich ist und gleichsam vereinend wirkt. Anstatt Energie darin zu investieren, diese aufzulösen, bezeichne das Pro - zesshafte, Kreative und Schöpferische alles, was lebendiges Sein ausmacht und Kraft spendet. „Wir dürfen die Gegensätze nicht bekämpfen oder einebnen. Sie bezeugen die Kreativität des stofflichen Daseins und sind der Wirkstoff für die individuelle Improvisation am uralten Mate- rial der Lebendigkeit. Diese Improvisation nennen wir Kultur.“63 Wieder wird hieraus Webers Kulturbegriff deutlich, der in der Tradition von Cassirers Symboltheorie steht. Erst durch die Symboltätigkeit findet der Mensch Zugang zur Ideenwelt, die sich ihm durch Kunst, Sprache, Religion, Geschichte und Wissenschaft nach verschiedenen Seiten hin öffnet. Die ´theoretische ´ Idee bezeichnet die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorherzusehen und sich auf künftige Ereig- nisse vorzubereiten und diese nicht bloß zu erwarten, sondern mit einem Imperativ als symbo- lische Zukunft zu gestalten.

2.4. Dualismus und Aufklärung

Dieses Verständnis der Welt , welches die Grundpfeiler der modernen Kultur - rationales Denken und empirische Beobachtung - keineswegs ausschließt, sondern mit den zentralen Begriffen von Enlivenment - ´empirische Subjektivität´ und ´poetische Objektivität´ - durch die immanente Kontrastierung dieser Bezeichnungen vielmehr verwandelt. Der Ansatz geht von Subjekten-in-Beziehung als Verbindung zwischen menschlicher Rationalität und Handlungsfähigkeit mit Subjektivität und Empfindsamkeit in psychischen und stofflichen Beziehungen zur »mehr als menschlichen Welt«64 sowohl belebter als auch unbelebter Natur aus. „ Enlivenment […] stellt sich den Widersprüchen, die aus dieser Durchdringung entspringen, und macht gera - de sie zum Thema einer neuen poetischen Handlungspraxis.“65

Mit fortschreitender Technisierung und der Ausbreitung evolutionärer Prinzipien nach den Prä - missen von Neoliberalismus66 und Neodarwinismus67 sei eines aus dem Blick geraten: ein Interesse am Verständnis für die Existenz des Menschen und der aller Organismen in ihrer Ge - fühlswelt und realen Lebenspraxis. Seit Descartes Teilung der Welt in Geist und Materie habe diese Denkgewohnheit die Wissenschaften zu einer legitimierten Zergliederung der Realität geführt. „Zugespitzt könnte man sagen, dass rationales Denken eine Ideologie darstellt, die um tote Materie kreist. Die Realität gelebter Erfahrung zu verstehen, ist den Prämissen dieses Den- kens zufolge ausgeschlossen. So verwundert es nicht, dass das Überleben auf unserem Plane- ten zu einem vordringlichen Problem geworden ist.“68 Aus biologischer und wirtschaftsprakti- scher Perspektive verteidigt Weber die Unverzichtbarkeit der Schlüsselfaktoren in der wissen- schaftlichen Betrachtung von Biosphäre, namentlich „gelebte Erfahrung, verkörperte Bedeu- tung, Stofftausch und Subjektivität“69. Der traditionelle Umgang mit Wissenschaft „eliminiert letztlich die Existenz jener Akteure, die diese Auffassung propagieren - und wendet sich somit gegen uns selbst.“70, wie bereits Horkheimer und Adorno in ihrer im Anschluss viel rezipierten Kritik am Vernunftbegriff der Aufklärung, welcher als Herrschaft über die innere und äußere Natur des Menschen instrumentalisiert wird, bemerkt haben. Was ihre Theorie aber entbehren müsse, sind wegbereitende Alternativen aus dem nun schon identifizierten Dilemma. „Sie konnten nur warnen, nur weiteren Verdacht gegen das Humane aussprechen, und mussten so als mahnende Misstrauische noch schärfere Aufklärer werden. Die Kritiker aufklärerischen Denkens haben vor allem die Willkür unserer »Sprachspiele« und das generell Konstruierte al- ler Wahrnehmung betont. Die gängige Aufklärungskritik ersetzte damit die Technokratie der Machbarkeit durch eine Diktatur des setzenden Geistes und der Körperferne. Diese aber sind selbst Spielarten aufklärerischer Ideale, wie sie noch in den Maschinenträumen des modischen »Posthumanismus« zur Geltung kommen.“71 Beide, sowohl die klassischen Aufklärer als auch ihre Kritiker stellen in ihren Grundsätzen die „an den lebendigen Leib gebundene Erfahrung“72 infrage. Dabei spielen sowohl die biologische als auch die ökonomische Optimierungstheorie einander in die Hand und herrschen mit „einer schwer zu durchdringenden normativen Gewalt, deren Gültigkeit wir oft fraglos voraussetzen. […] Diese bioliberalistische Superwissenschaft liefert die unsere Zeit in die Tiefe prägende Metaphysik. Sie ist eine Metaphysik des Toten.“73 Wie tiefreichend und deshalb geradezu unsichtbar diese Herrschaft geworden ist, wird in der »absoluten Metapher«74 Blumenbergs deutlich: die Wirklichkeit habe eine solche Tönung, dass diese getönte Wirklichkeit als die Wirklichkeit selbst erscheint. „Es ist erstaunlich, wie wenig die gängige cultural history bislang die fundamentale Ökonomisierung des Denkens »dekon - struiert« hat.“75 Die Vermischung von ökonomischen und biologisch-physikalischen Modellen, zu einer diesen Prozess begünstigenden Zeit in Gang gesetzt, schafft das Menschenbild als ein „maschinengleiches egoistisches Wesen […] - wurde zum impliziten, aber ausschlaggebenden Modell menschlicher Werte und menschlichen Verhaltens.“76. Begonnen haben diese Entwick- lungen jedoch schon in vorviktorianischer Zeit mit der Beraubung der Bevölkerung von ihrer Lebensgrundlage durch Adlige in Form von Feldern und Wäldern - von Allmende - und setz- ten die „Einhegung des Bewusstseins - eine Kontrolle der legitimen existentiellen und emotio- nalen Bedürfnisse“77 in Gang. Die Abhängigkeit der Mehrheit der Menschen von dem Ausbau der Industrialisierung löst die „Große Transformation“78 des „Selbstverständnis des Menschen, materiell wie seelisch Teil einer Gemeinschaft des Lebendigen zu sein.“79 aus. Durch die Los- lösung von allen Sphären mit dem einhergehenden Verlust der Bezogenheit zur Natur wird die Biosphäre zur irrelevanten Dimension des Denkens und mündet im gegenwärtigen Dilemma mit seinen spezifischen Problemen in ihrer ökologischen, sozialen, politischen und ökonomi- schen Verflechtung, denn „das Dogma des Bioliberalismus […] ist niemals sdnd in den Massenmedien vulgarisiert wird, beherrscht die Köpfe.“80

2.5. Biosphäre - empirische Subjektivität und poetische Objektivität

Dabei erliege der Bioliberalismus81 vielen Vorurteilen. Vergleicht man die ökonomischen Axio- me wie Effizienz, Wachstum, Konkurrenz, Knappheit und Eigentum mit der belebten Wirk- lichkeit und ihrem Verhältnis zu diesen Eigenschaften, dann sei festzustellen, dass diese meist ganz und gar nicht analog sind. Mit Blick auf die Lebendigkeit biete ein anderes ökonomisches Prinzip Zugang zum Herzstück alles Natürlichen: die Biosphäre82. Die Handlungsfähigkeit hierbei unterstellt Weber einem Verstehen der Begriffe ´poetischer Objektivität´ und ´empiri- scher Subjektivität´.

Von empfindungsfähigen Wesen wird diesem Empfinden auch Ausdruck verliehen. Die Tatsache der lebendigen Existenz zwingt sie geradezu dazu, das zu tun und manifestiert sich in inne - ren Erfahrungen und äußerem Verhalten. Die Annahme, dass Verhalten genetisch manipuliert sei, kehrt sich in dieser Denkweise also um und wird durch Erkenntnisse z.B. zur Epigenese und Forschungen wie etwa zu kulturspezifischer Erziehung und Erfahrungen über Generationen belegt. Als biologisches Subjekt sei ein Organismus genetisch nie nur in seiner eigenen Art identifizierbar, sondern vielmehr als ein »Metabiom» zu begreifen, „als eine Gesellschaft die Tausende miteinander symbiotisch lebender Wesen enthält.“83.

Ausgehend von einer sich wandelnden biologischen Sichtweise, die sich derzeit noch in Ni - schen der Fachdisziplin vollzieht, werden Zellen als kleinste Einheit mit einem eigenständigen ´Selbst´ angenommen, sodass ein Organismus als Ökosystem gesehen wird, das aber nicht als Folge kausaler Zusammenhänge entsteht, sondern nach dem Prinzip von Autopoiese, dessen Organisation sich aus sich selbst heraus erschafft und erhält. Auch darwinistische Ansätze un- terliegen einem Wandel: „Genetische Verschlüsselung, Entwicklungs- und Steuerungsprozesse werden mehr und mehr als Fähigkeit eines Organismus definiert, biologischen Sinn und Sub- jektivität zu interpretieren und zu erfahren.“84 Organismen und ihre Einzelteile nicht als funk- tionale Maschinen zu betrachten, sondern als sich selbst hervorbringendes System und materi- ellen Prozess, lässt sie in ihrer Selbsterhaltungskraft und der diesem Prozess immanenten Pro- duktion und Bewahrung von Identität als verkörperte Subjekte mit mitteilbaren Interessen, in - dividuellen Erfahrungen und spezifischen Weltbildern erscheinen. „Subjektivität ist keine Il - lusion, die Organismen in der Evolution zur Erfolgsmaximierung verhilft, sondern sie ist die Kraft, die biologische Existenz überhaupt erst ermöglicht. Wir können sie in Körpern sehen und an uns selbst erfahren. Erst mit dieser Erfahrung wird die naturwissenschaftliche Perspek- tive komplett. Um verkörperte Existenz objektiv zu erfassen, ist es nötig, ein Subjekt zu sein.“85 Alle Lebewesen haben teil an einer gemeinsamen fundamentalen Erfahrung, der ´Con- ditio Vitae´; sie alle sind ´am Leben´.

Für die Wissenschaftspraxis macht Weber angesichts dieser Gedanken den Vorschlag, der ob- jektiven Realität als Perspektive in der dritten Person „eine Ökologie in der ersten Person hinzufügen, ein Erleben aus dem bedeutungsvollen Inneren des Organismus heraus.“86. Diese nennt er ´empirische Subjektivität´, welche die allgemein gültige ´empirische Objektivität´ er- weitert und die als „[...i]m Körper geteilte Objektivität […] von allein einen poetischen Aspekt [besitzt].“87. Diese Poetik lässt Einsichten im subjektiven Sinn gültig werden, welche im objek- tiven Sinn nicht wahr, „im materiellen, physischen Sinn nicht »wirklich«“88 sind. Die organische Existenz, die von allen Lebewesen geteilt wird und deren verbindendes Glied ist, ist diese poetische Dimension, der Grund des Seins. Weber nennt sie daher ´poetische Ob- jektivität´. In Zeiten der bioliberalen Dominanz verleugne der Mensch diese Dimension resp. muss er diese Dimension verleugnen. „Es ist die Welt unserer Gefühle, unserer sozialen Bin- dungen und von allem, was wir als bedeutsam und sinnvoll erleben. Das Poetische ist deshalb untrennbar mit der alltäglichen Kommunikation, mit Austausch und Interaktionen verbunden, mit Lachen und Betroffenheit, mit unserem Fleisch. Es ist die Welt, in der wir auf intimste Weise zuhause sind, und es ist die Welt, für die wir unterschiedlichste politische Vorkehrungen ersinnen. Auch der wirtschaftliche Austausch, der nichts anderes ist als ein stofflicher und so- zialer Austausch zwischen Lebewesen, findet in dieser Welt statt.“89 Diese innere Dimension wird in der ´empirischen Subjektivität´ und der ´poetischen Objektivität´ mit der äußeren Di- mension vereint. Sie sind in der Schöpfung von Sinn und Bedeutung ihrer verkörperten Exis - tenz unweigerlich miteinander verknüpft. „Enlivenment befähigt zur individuellen und kollek- tiven Identität, indem es sowohl der biophysischen Notwendigkeit, als auch der in ihr einge - schriebenen poetischen Freiheit Anerkennung zollt.“90 Bezieht man diesen Aspekt auf Bedürf- nisse, die alle Lebewesen aufgrund ihrer Lebendigkeit haben, so wird im Kontext des aufkläre- rischen Dualismus deutlich, dass diese real existenten Bedürfnisse zwar nicht zum Tragen kommen, aber doch da sind, was zu einer Unfähigkeit des lebendigen Ausdrucks führe. „Sie [die Bedürfnisse] lassen sich nicht unterdrücken, weil sie die Wirklichkeit sind. Man kann sie nur einsperren. Sind Gefühle eingesperrt, werden sie toxisch, das heißt der Schmerz der Unter- drückung wird zur unbewussten Legitimation einer Unterjochung der anderen. […] Die Befrei- ung des Fühlens aus dem Gefängnis effizienter Kontrolle ist somit das erste Ziel eines Strebens nach poetischer Objektivität.“91 Eine Möglichkeit, diesem Ziel näher zu kommen, sieht Weber in einer Praxis von Lebendigkeit, in welcher Objektivität über das herkömmliche wissenschaft- liche Verständnis hinaus, den lebendigen Organismus als den Ort, an dem sich existentielle Er- fahrungen und eigene Emotionalität manifestieren, einbezieht. Bedürfnisse stehen hier „nicht mehr im Dienste der Kontrolle und des eigenen Genügens“.92 Verstand und Körper werden als Beziehungssystem begriffen, welches in jeglichen sozialen Gefügen Gültigkeit hat. Eine solche Sicht auf das Subjekt und seinen Körper als nun das Subjekt als sein Körper setzt Descartes´ »Cogito ergo sum« außer Kraft. „In der Akzeptanz des Körpers nicht als »Grab« und bekla- genswerte Einschränkung der Freiheit, sondern als Bedingung aller Möglichkeiten zur Freiheit gebiert sich das Enlivenment. Ein Körper sein, Gefühle haben und sich mittels verbaler und nonverbaler Interaktionen beständig zu verwandeln, ist das empirische Begehren von Wesen. Es prägt die Voraussetzungen und Gestaltmuster subjektiver und existentieller Erfahrung. Poe- tische Objektivität hat mit dem innersten Selbst zu tun, das immer ein materieller Körper ist: mit der existentiellen Bedeutung, die organisches Leben aus dem Begehren, seine Individuali- tät immer neu zu imaginieren, hervorbringt.“93 Poetische Objektivität sei die Erwiderung auf die Emotionen, die Bedeutungen und das Verstehen, welche sich aus innerer Erfahrung produ- zieren, „weil in dieser Selbsterfahrung als Freude der Schlüssel zur Verbindung von Materie und Bedeutung liegt, die unaussprechliche Verschwisterung von Sein und Sinn, an der sich nur teilnehmen lässt.“94 Insofern unterscheidet sich poetische Objektivität von wissenschaftlicher Objektivität. Sie erscheint schwach, denn sie ist weder messbar noch kontrollierbar. In ihrer Fühlbarkeit jedoch nimmt sie jenseits des bewussten Verstandes Einfluss auf das Handeln und ist darin „stärker als alles wissenschaftliche Denken“.95 Durch diesen „verkörperten »Be- weis«“96 forme sich das Individuelle durch das Ganze und verleihe so den inneren Dimensio - nen aller Subjekte eine Stimme. Es bedeute, eine jenseitige Perspektive einzunehmen; zu »den- ken wie ein Berg«: „Nur der Berg hat lange genug gelebt, um dem Heulen eines Wolfs auf ob - jektive Weise zu lauschen.“97 Ein weiterer Aspekt auf diese andere Perspektive wird im Begriff des »erweiterten Blicks« deutlich, den Pantea Lachin - eine Berliner Künstlerin - prägte und dessen Inhalt aussagt, dass wahrgenommen werden eine Voraussetzung für Existenz ist: „Ein Selbst aber, das sich selbst unsicher ist und Schutz in einer uneinnehmbaren Souveränität sucht, wird den anderen nicht willkommen heißen können. Die Lebendigkeit des Selbst ist nur möglich, indem es einem anderen »Du« seinen Platz einräumt, welchem wiederum daran gele- gen ist, Leben zu geben und das Aderwerk gegenseitiger Abhängigkeit und gegenseitigen Schenkens zu speisen. In dieser Konstellation wird nicht das eigene Ego, und auch nicht das Du als Ort absoluter Normen und dem Über-Ich verhafteter Verbindlichkeiten, sondern die Verbindung selbst zum Zentrum gegenseitiger Transformation und gemeinsamer Imaginati- on.“98

Es bedeutet, die Perspektiven der ersten Person zu teilen und zu transformieren und sie so ob - jektiv werden zu lassen. „Die Idee der poetischen Objektivität, die den unbeseelten Blick von außerhalb (empirische Rationalität) in die Erfahrung von innen (empirische Subjektivität) verwandelt, verlangt nach einer Wissenschaft in der ersten Person.“99 Die Wissenschaft nach konventionellen Maßstäben könne Bedürfnissen wie sozialer Gerechtigkeit, fairem Handel und gesundem Klima nicht entsprechen, eben weil sie die Perspektive der ersten Person aus- schließt. Mit der Erweiterung um die poetische Objektivität wird dieser Mangel überwunden und verbindet sich mit dem materiellen Aspekt der dritten Person. „So aus einem Moment un - wiederholbarer Verbindung geboren, wird jede sorgfältige poetische Beschreibung eines Le- bensphänomens zu einer wissenschaftlichen Beobachtung.“100 Das ´Nature Writing´ und die `Eco Art´ sind zeitgenössische Beispiele einer solcher Wissenschaftsperspektive. Weitere in diese Richtung weisende Beispiele sind die Kombination von Praktiken der Hirnforschung mit budddistischer Meditation, die gefühlte Erkenntnisse ohne identitätsbezogene Verankerung ermöglicht, das Medizinrad amerikanischer Ureinwohner oder die Entwicklung eines Lernstils ´Mentoring´, der angelehnt an Praktiken archaischer amerikanischer Kulturen ist. Inwieweit diese Praktiken repräsentativ für eine radikale Änderung der wissenschaftlichen Sichtweise sind, welche Weber einfordert, - Randerscheinungen oder Beginn eines Paradigmenwechsels - bleibt zu beobachten.

2.6. Nachhaltigkeit

Das Nachhaltigkeitsdilemma101 als neues zeithistorisches Paradigma und „selbst dehnbarer Be- griff mit vielfältigen Bedeutungen“102 gäbe den Anstoß für die Entfaltung eines neuen Ver- ständnisses für die Biosphäre mit dem sich unweigerlich eine neue kulturelle Orientierung ver- schränke. Im Mittelpunkt davon steht Lebendigkeit, deren Erfahrung ebenso unausweichlich sei wie die Notwendigkeit eines Bewusstseins dessen. An sich gegeben einerseits bekommt sie in einer bewussten Wahrnehmung andererseits eine neue Qualität, welche notwendig für eine nachhaltige Zukunftsfähigkeit der Menschheit ist. „Dass wir außerstande sind unser »Leben- digsein« in Wirtschaftswissenschaften, Politik und Justiz als ebenso reiche wie belastungsfähi- ge Kategorien des Denkens und Handelns zu würdigen, blockiert den Weg zu einer nachhalti - gen, lebensfördernden und belebten Gesellschaft.“103 Eben diese Blockade als in der modernen Kultur tief verwurzelte strukturelle Prinzipien der Aufklärung ökonomisch-politischer Han- dels- und Entscheidungsmechanismen macht Weber verantwortlich für das Scheitern der Nach- haltigkeitspolitik seit ihrem Aufkommen in den 80er Jahren und den damit verbundenen fort- schreitenden sozioökologischen und global wirkmächtigen Problemen. „Deren Dynamik zeigt sich am stärksten in der Karriere des Wortes »Nachhaltigkeit«. Dieses ist vom ehrgeizigen ökosozialen Konzept Gro Harlem Brundtlandts zum Catchword in Firmenbroschüren abge- sunken.“104 Die Entwicklungen der Wissenschaft haben in einem Maß Einfluss auf soziale, politische und ökonomische Prozesse genommen, dass daraus resultierende Annahmen sich derart in Mechanismen zementiert haben und infolgedessen alle bisher vorliegenden Lösungs- ansätze nach Weber einen entscheidenden Fehler im Denken bergen, welche die Probleme verschieben, jedoch einer tatsächlichen Nachhaltigkeit nicht zuträglich seien. Es wird sich fälschlicherweise auf jene Denkweise der sich seit dem 17. Jahrhundert in den westlichen Ge- sellschaften legitimierten Etablierung wissenschaftlicher Methoden und ihrer Ergebnisse bezo- gen. In dem Bestreben, die Menschheitsgeschichte voranzubringen, hat sie Homo Economicus produziert. Mit dem modernen Humanismus der Aufklärung und mit dem Werkzeug der Wis- senschaft ist der Mensch darum bemüht, die Welt auf rationalen Grundlagen zu verstehen, sie überhaupt nur so verstehbar machen zu können, somit Veränderung und Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen zu ermöglichen und darin Freiheit zu empfinden. Die Nor- men der Aufklärung beherbergen zutiefst strukturelle Prinzipien moderner Kultur und sind all- mächtig über die Wahrnehmung, das Denken und Handeln, welche in Wirtschaft und Politik fest verankert sind. Ihre Aufmerksamkeit liege dabei auf verbesserter Technologie und der Schonung knapper Ressourcen, wobei aber Ausgangspunkt solcher Lösungen eine Wissen- schaft mit dem Gegenstand einer Welt der Objekte ist und die in darwinistischer Tradition ge- sellschaftliche Vorstellungen des Mangelprinzips und des Wettkampfs als einem bioökonomi- schen Narrativ generiert.

Die Nachhaltigkeitspolitik nehme Fortschritt insofern für sich in Anspruch, dass in Gesetzen und Verordnungen Ziele von ökologischer Effizienz verfolgt werden. Doch damit „ist der ei- gentliche Widerspruch nicht aus der Welt, dass wir die Biosphäre, der wir angehören und von der wir abhängig sind, aufzehren.“105. Programme wie beispielsweise der ´Green New Deal´ versuchen in einem herkömmlichen Verständnis von Nachhaltigkeit natürliche Leistungen für das ökonomische System zu nutzen und Natur somit zu integrieren, tun dies allerdings nach Prinzipien von Effizienz, Auslese, Sparsamkeit, Innovation. „Aber dieses Modell ist falsch.

[...]


1 Weber, Andreas (2016) S. 140

2 Ausführlich behandelt bei Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. Darmstadt 1994.

3 Jaeger, Friedrich (2004) S. 520

4 Landwehr, Achim: http://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte, Zugriff 23.05.16

5 Jaeger, Friedrich (2004) S. 519

6 Landwehr, Achim (2008) S. 18. Die Ausführungen in diesem Kapitel stützen sich hauptsächlich, soweit nicht anders angegeben, auf die Einführung zum Thema von Achim Landwehr, 2008. Basis seiner Rezeption ist Foucaults Konzept zur Diskursanalyse, er nimmt aber auch in Erweiterung dieser Bezug auf weitere Autoren.

7 Foucault (1997) S. 87

8 Landwehr, Achim http://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte, Zugriff 23.05.16

9 Foucault, Michel (1997) S. 9

10 Landwehr, Achim (2008) S. 98f.

11 Landwehr, Achim (2008) S. 106

12 Landwehr (2010) S. 381

13 Landwehr (2008) S. 73

14 Landwehr (2008) S. 74

15 Foucault (2003) S. 213

16 Stäheli (2000) S. 52f., zit. nach Landwehr (2008) S. 76

17 Landwehr (2008) S. 76

18 Landwehr (2008) S. 87, in Anlehnung an den Diskursbegriff von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

19 Landwehr (2008) S. 87

20 Landwehr http://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte, Zugriff 23.05.16 21

21 Derrida, Jaques (1988), vgl. Ricken, Norbert (2004) S. 154

22 Plessner, Helmuth (1980), vgl. Ricken, Norbert (2004) S. 154

23 Ricken, Norbert (2004) S. 154

24 Landwehr, Achim (2010) S. 383 Diese Erweiterung der diskursanalytischen Sichtweise bezieht sich auf Ernesto Laclau und Chantal Mouffe.

25 Schaal/Heidenreich (2009) S. 257

26 Der Liberalismus ist als Begriff widersprüchlich belegt. Zum einen für positiv besetzte Verhaltensweisen und Ziele wie Urteilsfreiheit und Großzügigkeit verwendet, werden damit andererseits negative politische Haltungen wie Unentschiedenheit und Egoismus benannt. „Möglich war dies aufgrund der Tatsache, daß einerseits liberale Ideen und Vorstellungen, Institutionen und Praktiken selbstverständliche Elemente der modernen Welt geworden sind, auf die von keiner politischen Partei ausschließlicher Anspruch erhoben werden kann, andererseits sich im Liberalismus alles vereinigte, was zunächst traditionalistische und konservative, zunehmend aber auch radikale Kräfte ablehnte [...]“ Vierhaus, Rudolf (1982) S. 741

27 Schaal/Heidenreich (2009) S. 258 Dieser Paradigmenwechsel ist auch für Foucault zentral. Dazu bildet er den Begriff der „Biomacht“. Foucalt, Michel (1977)

28 Ebend. S. 259

29 Ebend. S. 259

30 „Evolution bezeichnet eine unumkehrbare, stufenweise, allmähliche Veränderung in der Zeit, wobei der Aspekt der Kontinuität des Evolutionsbegriffs ebenso bedeutsam ist wie der des Wandels. [...] Im Zusammenhang mit dem Aufblühen der modernen biologischen Wissenschaften erhielt der Evolutionsbegriff zu Beginn des 19. Jh. seine bis heute dominante Bedeutung als allmähliche Entwicklung vom einfach Belebten hin zum komplexen Lebewesen.“ Wittkau-Horgby, Annette (2002) S. 88

31 Wittkau-Horby, Annette (2002) S. 89

32 Sarasin, Phillipp (2009) S. 415f.

33 Sarasin, Phillipp (2009) S. 416

34 Sarasin, Philipp (2009) S. 414

35 Ebend. S. 419

36 In dem Klassiker „The Great Transformation“, 1944 behandelt Karl Polanyi unter anderem die Folgen des Angriffs der rationalen Ökonomie auf das Lebendige.

37 Zu seinem Konzept ausführlich in Kapitel IV

38 Vgl. Kapitel II 2.3.

39 Mitglied des Club of Rome und Entwickler einer Bedürfnismatrix, , deren zentrales Postulat es ist, Entwicklung beziehe sich auf Personen und nicht auf Dinge, Indikator für das qualitative Wachstum der Personen sei deren Lebensqualität, die von den Möglichkeiten abhänge, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

40 „Die von Philosophen wie Sartre, Merleau-Ponty, G. Schulte und vor allem Schmitz ausgearbeitete ›Leibphilosophie‹ versucht Schluss zu machen mit der von der Tradition vorgegebenen Auffassung von der Natur als demjenigen Seinsbereich, der dem Menschen als Vernunftwesen äußerlich ist.

41 Weber, Andreas (2016) S. 17

42 Ebend. S. 27

43 Ebend. S. 28f.

44 Weber, Andreas (2013) S. 14

45 Ebend. S. 18

46 Ebend. S. 17

47 Weber, Andreas (2016) S.41

48 Ebend. S. 11 Weber teilt damit die Definition, wie sie Akeel Bilgrami vorschlägt, In: Akeel Bilgrami u.a.: Das Anthropozän-Projekt - Eine Eröffnung. Programmheft, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 10. - 13. Januar 2013

49 Ebend. S. 12

50 Ebend. S. 12

51 Ebend. S. 12

52 Ebend. S. 38

53 Ebend. S. 39

54 Basierend auf David Bohm: Wholeness and the Implicate Order. 1980. werden die Erscheinungen der Welt nicht fragmentiert, sondern als bruchloses Ganzes angenommen.

55 Vgl.Richard Dawkins: The Selfish Gen. 1976

56 Weber, Andreas (2016) S. 13

57 Ebend. S. 13

58 Ebend. S. 14

59 Ebend. S. 14

60 Vgl. Glissant, Édouard: Kultur und Identität. 2005

61 Vgl. Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare. 1994

62 Weber, Andreas (2016) S. 42

63 Ebend. S. 126

64 Diesen Begriff prägte David Abram (2012).

65 Weber, Andreas (2016) S. 28

66 Ursprünglich als staatlich geregelte Freiheit des Marktes und als Alternative zu sowohl antikapitalistischen als auch antikommunistischen Konzepten begriffen, erfuhr der Begriff seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Bedeutungswandel. Bezeichnet werden damit seitdem alle Erscheinungen mit negativ-wertender Konnotation in marktwirtschaftlichem Zusammenhang wie z.B. auch kontroverse politische Konzepte. Wegen der abwertenden Bedeutung weichen Befürworter von Konzeptionen des Freien Marktes auf andere Begriffe aus, was letztendlich eine wissenschaftliche Debatte darüber erheblich erschwert.

67 Neodarwinismus bezeichnet eine Weiterführung und Korrektur der von Darwin entwickelten Evolutionstheorie, welche auf August Weismann zurückgeht. Die zentrale Neuerung ist die Ablehnung der Vererbung von erworbenen Eigenschaften, wie sie Darwin postuliert. Er konnte nachweisen, dass Variabilität durch Fortpflanzung entsteht und natürliche Selektionen die Folge von Umweltveränderungen sind. Diese Kernthesen Weismanns wurden weiterentwickelt und sind heute integrale Bestandteile der Evolutionsbiologie. Neodarwinismus gilt dementsprechend nunmehr als historischer Begriff.

68 Ebend. S. 16

69 Ebend. S. 16

70 Ebend. S. 17

71 Ebend. S. 27

72 Ebend. S. 28

73 Ebend. S. 46f.

74 Weber, Andreas (2016) S. 144, vgl. Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metamorphologie. (1997)

75 Ebend. S. 144

76 Ebend. S. 50

77 Ebend. S. 52

78 Vgl. Polanyi, Karl (1944)

79 Weber, Andreas (2016) S. 52

80 Ebend. S. 59

81 Ebend. S. 51, Weber stellt diesen Begriff kritisch dem Kapitalismus gegenüber und meint damit eine „Allianz zwischen Biologie und Wirtschaft“.

82 Damit wird der Raum eines kosmischen Körpers bezeichnet, in dem sich organisches Leben befindet. Nach heutigem Kenntnisstand ist die Erde der einzige Himmelskörper, für den das zutrifft. Ihre Biosphäre reicht in etwa bis 60 km über die Erdoberfläche.

83 Ebend. S. 60

84 Ebend. S. 61

85 Ebend. S. 62f.

86 Ebend. S. 65

87 Ebend. S. 66

88 Ebend. S. 66

89 Ebend. S. 67

90 Ebend. S. 68

91 Ebend. S. 104

92 Ebend. S. 105

93 Ebend. S. 106

94 Ebend. S. 107

95 Ebend. S. 108

96 Ebend. S. 108

97 Vgl. Leopold, Aldo (1992)

98 Weber, Andreas (2016) S. 124

99 Ebend. S. 109

100 Ebend. S. 111

101 Der Nachhaltigkeitsbegriff hat seine aktuelle Bedeutung durch den Brundtland-Bericht Ende der 80er Jahre erhalten, in dem maßgebliche Perspektiven für Entwicklungs- und Umweltpolitik mit langfristigen Zielen unter Einbeziehung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten formuliert wurden, um globale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit zu gewährleisten. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff eine Ökologisierung bzw. Ökonomisierung, welche teils zu einer Verfälschung seines eigentlichen Verständnisses führt. Ursprünglich geht der Begriff auf die Stabilität und Regeneration eines jeglichen Systems hinsichtlich seiner Ressourcennutzung im Sinne traditioneller Wirtschaftsformen zurück. Aktuell ist im Zusammenhang mit ´Nachhaltigkeit´ eine gewisse definitorische Unschärfe zu beobachten, der Begriff wird zum „Gummiwort“ (Wullenweber, Katrin (2000) S. 23f.). Er wird viel und kontrovers interdisziplinär, aber auch über die Wissenschaft hinaus diskutiert und hat in Politik und Wirtschaft erhebliche Bedeutung erlangt. Ähnlich wie die Begriffe Globalisierung, Modernisierung oder Neoliberalismus ist Nachhaltigkeit ein neues zeithistorisches Paradigma.

102 Ebend. S. 16

103 Ebend. S. 18

104 Ebend. S. 21

105 Ebend. S. 33

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Kultur der Lebendigkeit. Andreas Weber zwischen Naturphilosophie und gesellschaftlicher Utopie
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Abschluss
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
111
Katalognummer
V354622
ISBN (eBook)
9783668406766
ISBN (Buch)
9783668406773
Dateigröße
921 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökologie, Aufklärung, Kapitalismus, Commons, Natur, Kultur, Philosophie, Geschichte, Umwelt, Diskursanalyse, Utopie, Foucault, Enlivenment, Politik, Nachhaltigkeit, Anthropozän, Demokratie, symbolische Kultur, Bruno Latour, Hartmut Rosa, Philippe Descola, Andreas Weber
Arbeit zitieren
Grit Tuchscheerer (Autor), 2016, Kultur der Lebendigkeit. Andreas Weber zwischen Naturphilosophie und gesellschaftlicher Utopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354622

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