Kulturelle Stereotype in der Literatur


Seminararbeit, 2002

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Stereotypbegriffs
2.1 Der Begriff des Stereotyps in der Sozialwissenschaft
2.2 Der Begriff des Stereotyps in der Linguistik
2.3 Kulturelle Stereotype

3. Entstehungsmechanismus von Stereotypen 9

4. Funktion von Stereotypen
4.1. Stereotype im soziologischen und psychologischen Bereich
4.2. Stereotype in der Literatur

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wird sich mit verschiedenen Aspekten des Stereotypbegriffs befassen. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte des Begriffes soll zuerst seine ursprüngliche Bedeutung in der Sozialwissenschaft und weiterhin die wichtigsten Bedeutungsaspekte erläutert werden.

Nach der Präsentation der von Quasthoff und Wenzel formulierten Definitionen des Stereotyps in der Linguistik soll der Begriff insbesondere in Verhältnis zu den Begriffen der Kategorie oder der Verallgemeinerung gesetzt und der Zusammenhang zwischen diesen Begriffen dargestellt werden. In der Erläuterung des Entstehungsmechanismus von Stereotypen soll dies sichtlich gemacht werden.

Weil einzelne Autoren von einem unterschiedlichen Verständnis des Stereotyps ausgehen, werden auch seine Funktionen unterschiedlich bestimmt. Mit der Frage danach, wie und wozu kulturelle Stereotype in den literarischen Darstellungen verwendet werden, wird sich das letzte Kapitel dieser Arbeit befassen.

In der Schlußbetrachtung sollen die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefaßt werden.

2. Definition des Stereotypbegriffs

2.1 Der Begriff des Stereotyps in der Sozialwissenschaft

Der Begriff "Stereotyp" ist auf den Publizisten und Sozialwissenschaftler Walter Lipmann zurückzuführen. Den aus der Buchdrucksprache entnommenen Begriff hat Lippmann zum ersten Mal 1922 in seinem Buch "Public Opinion" verwendet. In der Buchdrucksprache bezeichnet "Stereotypie", wie Angelika Wenzel erläutert, ein Verfahren zur Vervielfältigung von Hochdruckformen, dessen Ergebnis Schriftsätze sind, die aus unbeweglich verbundenen Druckzeilen bestehen.[1] Die Gleichförmigkeit und die Unveränderlichkeit der in diesem Verfahren entstandenen Sätze kommen als wichtige Charakteristika des Begriffes hinzu. Der Begriff wird umgangsprachlich auch im Sinne von "feststehend", "unveränderlich" und "sinnentleert" gebraucht. Die eigentliche Bedeutung dieses Begriffes in der Sozialwissenschaft geht jedoch über die umgangssprachliche Verwendung hinaus. Lippmann verwendet ihn für die Benennung der Prozesse der sozialen Urteilsbildung.

Diverse Autoren interpretieren den Lippmannschen Stereotypbegriff auf verschiedene Art und Weise. Nach Waldemar Lilli bezeichnet Lippmann als Stereotyp "Bilder in unserem Kopf", worunter er die Vorstellungen versteht, die wir über die äußere Welt haben, die jedoch mit dieser Welt nicht übereinstimmen müssen, unser Verhalten aber stärker beeinflussen als die wirklich bestehenden Bedingungen. Lilli unterstreicht, daß Lippmann in seiner Theorie auf die Diskrepanz zwischen den inneren Vorgängen des Wahrnehmens und Denkens und den äußeren Vorgängen in der Umwelt hinweist sowie darauf, daß die im Kopf entstehenden Bilder Vorstellungen sind, die noch vor der wirklichen Erfahrung entstehen.[2]

Eine andere Interpretin des Lippmannschen Stereotypbegriffs, Uta Quasthoff, weist auf weitere Aspekte seiner Definition hin. Stereotypensysteme sind, zitiert sie Lippmann, "ein geordnetes mehr oder minder beständiges Weltbild, dem sich unsere Gewohnheiten, unser Geschmack, unsere Fähigkeiten, unser Trost und unsere Hoffnung angepaßt haben. Sie bieten vielleicht kein vollständiges Weltbild, aber sie sind das Bild einer möglichen Welt, auf das wir uns eingestellt haben." Stereotypensysteme sind weiterhin laut Lippmannschen Wortverwendung "nicht neutral" und nicht nur "eine Methode, der großen, blühenden, summenden Unordnung der Wirklichkeit eine Ordnung unterzuschieben", sondern auch "die Projektion unseres Wertbewußtseins, unserer eigener Stellung und unserer Rechte auf die Welt." Die stereotypisierte Welt ist "nicht wie sie uns wünschenswert erscheint", sondern "die Welt unserer Erwartungen". Quasthoff faßt den Lippmannschen Stereotypbegriff als Bezeichnung für ein System von Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen, das die Wahrnehmung strukturiert und selektiv steuert.[3]

Angelika Wenzel faßt den Stereotypbegriff bei Lippmann als Ausdruck für die von der Kulturgemeinschaft vorgeprägten und vom Einzelnen übernommenen Konzepte auf, mit denen der Mensch die Welt wahrnimmt. Diese Konzepte werden dem Menschen von der bildenden Kunst, Literatur, Philosophie und Religion vermittelt, mit deren Hilfe er die Welt betrachtet und interpretiert. Stereotype sind "Bilder in unseren Köpfen", die der Welt ihre Form aufprägen. Diese Bilder entstehen nicht aufgrund eigener Erfahrungen, sondern werden in der Sozialisation als fertige Bilder übernommen.[4] Die Eigenart des Menschen, in Stereotypen zu denken, habe für Lippmann, sagt weiterhin Wenzel, positive und negative Aspekte. Einer der negativen Aspekte liegt darin, daß dieses vorgeformte Denken es dem Menschen erschwert, aus sich selbst herauszusehen. Es besteht die Gefahr, daß der Einzelne seine Umwelt nur noch typisiert wahrnimmt und sie auf ein paar Schemata reduziert. Die Neigung des Menschen in Stereotypen zu denken, führe nach Lippmann auf das Verlangen nach Vereinfachung und Bequemlichkeit zurück. Anderseits erkennt Lippmann im Denken in Stereotypen zwei positive Funktionen, nämlich die der Ökonomie und der Verteidigung. Typisierungen erweisen sich nach ihm bis zu einem gewissen Grad als notwendig, um den Einzelnen überhaupt handlungsfähig zu machen. Um zu allgemeinen Schlüssen und Theorien zu gelangen, ist es notwendig, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zu erkennen. Neben der ökonomischen Funktion sieht Lippmann in dem Stereotyp die Funktion der Verteidigung des Einzelnen. Stereotype geben dem Einzelnen Kategorien in die Hand, an denen es sich orientieren kann und die seine Position in der Gesellschaft bestimmen. In dem, was Lippmann die Verteitigungsfunktion nennt, wird sehr deutlich der Aspekt der Orientierung sichtbar.[5]

Zusammnefassend bedeutet Stereotyp bei Lippmann in der Auffassung von Wenzel die Konzepte, mit denen der Mensch die Welt wahrnimmt und interpretiert. Diese Konzepte erfassen das in den verschiedenen Lebensbereichen für den Menschen relevante Wissen, seine Einstellungen, Überzeugungen und Meinungen. Sie erfüllen eine denkökonomische Funktion, eine Verteidigungs- und eine Orientierungsfunktion.[6]

Aus diesem, wie Quasthof bemerkt, unscharfen Begriff des Stereotyps kristallisiert sich im Laufe der Entwicklung der Sozialwissenschaften ein engerer Begriff heraus, der sich auf Typisierung von Menschen und Gruppen und damit auf die entsprechende Erwartungshaltung bezieht.[7] Den Unterschied zwischen dem Lippmannschen und dem gegenwärtigen Begriff des Stereotyps in der Sozialwissenschaft benennt Wenzel deutlicher. Während sich der Begriff bei Lippmann auf konstante, überdauernde Strukturen einer Kulturgemeinschaft bezog, beschränkt sich der gegenwärtige Begriff auf das Typische und Auffällige von Gruppen von Menschen verschiedener Herkunft, die miteinander in Interaktion treten.[8]

Die Anzahl von Definitionen des Stereotyps in der Sozialwissenschaft ist jedoch beträchtlich. Verschiedene Autoren gehen von unterschiedlichem Verständnis des Stereotyps aus. Quasthoff versucht hierfür eine grobe Systematisierung vorzunehmen. Nach ihrer Einteilung qualifizieren einige Autoren das Stereotyp als Überzeugung, andere als Urteil oder als bildhafte Vorstellung.[9] Als besondere Eigenschaften, die das Stereotyp von anderen Kategorien der genannten Klassen unterscheidet, werden am häufigsten, laut Quasthoff, das übermäßig Vereinfachende, Verallgemeinernde, das Unzutreffende und ihre wertend-emotionale Natur genannt. Einige Autoren sehen den Verbreitungsgrad als konstitutives Merkmal des Stereotyps an. Es gibt schließlich eine Gruppe von Autoren, die bei der Bestimmung des Begriffes von dem Moment der Generalisierung ausgehen und Stereotyp als eine überstarke Überzeugung definieren, die mit einer Kategorie verbunden ist.[10]

Schließlich bemerkt Quasthoff, anders als Wenzel, daß die Sozialpsychologie den Begriff des Stereotyps auf der Bewußtseinsebene angesiedelt hat, ohne die Ebenen des Bewußtseins und des Äußerns analytisch zu trennen.[11] Wenzel sagt dagegen, daß das Stereotyp in der Sozialwissenschaft auch als verbaler Ausdruck einer Vorstellung von einer sozialen Gruppe verstanden wird. Sie schreibt also dem sozialwissenschaftlichen Verständnis des Stereotyps auch den verbalen Aspekt zu.[12]

Zusammenfassend ist es wichtig an dieser Stelle vor allem auf zwei Aspekte des Stereotypbegriffs hinzuweisen. Bei Lippmann sowie bei seinen Interpreten wird unter Stereotyp sowohl eine Projektion unseres Wertbewußtseins verstanden, in der die Welt nicht so wie sie wirklich ist, sondern als die Welt unserer Erwartungen dargestellt wird, als auch eine Methode, der Welt eine Ordnung zu geben. Diese zwei Aspekte, der negative Aspekt einer von der Wirklichkeit entfernten Projektion und der positive Aspekt einer Orientierung, sorgen für unterschiedliches Umgehen mit Stereotypen. Quasthoff und Wenzel grenzen den Begriff des Stereotyps in der Linguistik genau ein.

[...]


[1] Wenzel, Angelika: Stereotype in gesprochener Sprache. Form, Vorkommen und Funktion in Dialogen. München: Max Hueber Verlag 1978. S. 19.

[2] Lilli, Waldemar: Grundlagen der Stereotypisierung. Göttingen [u.a.]: Verlag für Psychologie Hogrefe 1978. S. 3.

[3] Quasthoff, Uta: Soziales Vorurteil und Kommunikation - Eine sprachwissenschaftliche Analyse des Stereotyps. Ein interdisziplinärer Versuch im Bereich von Linguistik, Sozialwissenschaft und Psychologie. Frankfurt am Main: Athenäum Verlag 1973. S. 18.

[4] Wenzel, A.: Stereotype in gesprochener Sprache. S. 19f.

[5] Ebd., S. 20.

[6] Ebd., S. 21.

[7] Quasthoff, U.: Soziales Vorurteil und Kommunikation. S. 19.

[8] Wenzel, A.: Stereotype in gesprochener Sprache. S. 21.

[9] Quasthoff, U.: Soziales Vorurteil und Kommunikation. S. 19.

[10] Ebd., S. 20.

[11] Ebd., S. 27.

[12] Wenzel, A.: Stereotype in gesprochener Sprache. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kulturelle Stereotype in der Literatur
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar Ib im Übergang zum Hauptstudium: Migration, Fremdheit und kulturelle Differenz in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V35545
ISBN (eBook)
9783638354318
ISBN (Buch)
9783638817967
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturelle, Stereotype, Literatur, Seminar, Hauptstudium, Migration, Fremdheit, Differenz
Arbeit zitieren
Barbara Piechota-Lutum (Autor), 2002, Kulturelle Stereotype in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35545

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