Zu Recht werden die Jahre 1914-1924 als „unruhiges Jahrzehnt“2
bezeichnet. Die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ereignisse wurden von anfänglicher Euphorie begleitet, welche durch Hunger, Not, Teuerung und Mangel bald in Verzweiflung, Friedenssehnsucht und Radikalität umschlug. In der Folge kam es immer öfter zu Protesten, Unruhen, Streiks und Krawallen. Die Revolution beendete zwar das deutsche Kaiserreich und den Krieg, doch das Elend der Bevölkerung wurde durch die Jahre der nun folgenden Inflation eher noch verschärft, und erst Ende 1923, mit der Einführung der Rentenmark und dem Übergang in die Stabilisierungsphase, trat eine Besserung ein. Einen Aspekt dieser Unruhen stellte die Frauenkriminalität dar. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurde eine ungewöhnliche Zunahme der Frauenkriminalität, insbesondere der Eigentumsdelikte, konstatiert. Diese Zunahme verlief bis zum Ende der Hyperinflation 1923 zwar ungleichmäßig, aber doch auf einem deutlich höheren Niveau als vor dem Krieg. Die zeitgenössischen Erklärungen und Reaktionen waren sehr unterschiedlich und auch widersprüchlich - aber einig war man sich darin, dass dieser Zustand eine moralische Gefahr für das deutsche Volk sei. Schließlich sei die Frau „als Hausfrau und Mutter“ in ihrer „Stellung innerhalb der sozialen Ordnung so wichtig, dass sie als asozial handelndes Subjekt höchste Beachtung verdient“.3[...]
2 Scholz, Robert, Ein unruhiges Jahrzehnt: Lebensmittelunruhen, Massenstreiks und Arbeitslosenkrawalle in Berlin 1914-1923, in: Gailus (Hg.), Pöbelexzesse und Volkstumulte in Berlin. Zur Sozialgeschichte der Straße (1830-1980), Berlin 1984, S. 79-123. Karin Hartewig betont statt dessen mehr die Unberechenbarkeit der Zeit als Ursache für die Unruhen und bezeichnet die Jahre daher als „unberechenbares Jahrzehnt“: Hartewig, Karin, Das unberechenbare Jahrzehnt. Bergarbeiter und ihre Familien im Ruhrgebiet 1914-1924, München 1993. Letztendlich haben beide Bezeichnungen ihre Berechtigung und Gültigkeit.
3 Bayrisches Statistisches Landesamt (Hg.), 50 Jahre Frauenkriminalität 1882-1932, bearb. von Josef Krug, München 1937, S. 3. Dass diese Sichtweise bis heute Aktualität behalten hat, zeigen: Andriessen, Margo/Japenga, Caren, Die großen Männer der Kriminologie und ihr Frauenbild, in: MschrKrim 68 (1985), S. 313-325; Lamott, Franziska, Der Risikofaktor >Frau<. Kriminalprävention und Mütterlichkeit, in: MschrKrim 68 (1985), S. 325-339.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Strukturfaktoren der Frauenexistenz 1914-1924
1.1. Vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zur Stabilisierung
1.2. „Wann mag dieses Elend enden?“: Hunger, Teuerung und Not
1.2.1. Materielle Grundlagen: Kriegsunterstützung und Löhne
1.2.2. Rationierung und Teuerung der Nahrungsmittel
1.2.3. Wohnungsverhältnisse und Wohnungsnot
1.2.4. Gesundheitszustand und seelische Befindlichkeit
1.3. Frauenerwerbsarbeit
1.3.1. Die Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit bis 1918
1.3.2. Die Rückkehr der Männer und die Demobilmachung der Frauen
2. Frauenkriminalität 1914-1924
2.1. Allgemeine Entwicklung der Kriminalität
2.2. Die Kriminalität nach Hauptdeliktgruppen
2.2.1. Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen
2.2.2. Diebstahl
2.2.3. Außerhalb der Reichskriminalstatistik: Die Übertretungen
2.3. Zeitgenössische Erklärungen für die Frauenkriminalität
2.3.1. ‘Die Eigenart der Weibesnatur’. Biologistische Erklärungen
2.3.2. ‘Vermännlichung’ oder vermehrte Gelegenheit: Das Vordringen der Frauen in die Öffentlichkeit
2.4. Reaktionen auf die veränderte (Frauen-) Kriminalität
2.4.1. Rechtsprechung: Zwischen Sanktionierung und Bagatellisierung
2.4.2. Anzeigeverhalten der Bevölkerung
3. Alltag, Not und Kriminalität
3.1. Frauen und Recht: Zur Analyse der weiblichen Kriminalität
3.2. Zur ökonomischen Bedingtheit von Kriminalität
3.3. Kriminalität und Sozialer Protest
3.3.1. Zur spezifischen Ausprägung der weiblichen Protest- und illegalen Selbsthilfeaktionen 1914-1924
3.3.2. Kriminalisierung von Selbsthilfe und Protest
3.4. ‘Not kennt kein Gebot’ - Rechtsbewusstsein und Existenzlogik
4. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die verstärkte Zunahme der Frauenkriminalität in Deutschland zwischen 1914 und 1924 vor dem Hintergrund der allgemeinen Alltagsnot und der wirtschaftlichen Krisen zu untersuchen und zu analysieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Spannungsfeld zwischen staatlicher Normsetzung, der kriegsbedingten Radikalisierung weiblicher Versorgungsrollen und der Entwicklung eines eigenständigen Rechtsbewusstseins innerhalb der betroffenen Bevölkerungsschichten.
- Analyse von Strukturfaktoren der Frauenexistenz wie Hunger, Rationierung und Wohnungsnot.
- Untersuchung der quantitativen und qualitativen Entwicklung der Frauenkriminalität unter Berücksichtigung historischer Kriminalstatistiken.
- Kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen biologistischen und soziologischen Erklärungsmodellen der Frauenkriminalität.
- Diskussion der Zusammenhänge zwischen sozialem Protest, illegaler Selbsthilfe und strafrechtlicher Kriminalisierung.
Auszug aus dem Buch
‘Not kennt kein Gebot’ - Rechtsbewusstsein und Existenzlogik
Und nun frage ich die Männer. Wie lange wollt Ihr es noch aushalten mit dem schlechten Lohn? Wie lange noch mit trockenem Brot mit Marmelade oder Kriegsmus? Wie lange soll es noch dauern, daß Ihr Euch bei der langen Arbeitszeit die letzte Kraft aus den Knochen heraussaugen läßt? ... Ich wage frei heraus zu sagen: Die Not, die durch die heutigen Verhältnisse geschaffen ist, zwingt den Arbeiter, sich etwas hinzuzustehlen.
Wie gezeigt wurde, konnten alle Maßnahmen - von Aufklärung bis Repression - nicht verhindern, daß die Frauen die Verantwortung für die Versorgung ihrer Angehörigen ernster nahmen als die allgemeine Volkswirtschaft, als die Beachtung allgemeiner oder kriegswirtschaftlich bedingter Regelungsmechanismen, und daß sie damit sowohl zu den Trägerinnen und Verbreiterinnen einer kriegs- und staatsüberdrüssigen Stimmung als auch zu den Ausführenden der illegalen Methoden der Selbstversorgung, bis hin zur Kriminalität, wurden. Spätestens ab 1916 wurde „die gesetzliche, moralische und politische Regelverletzung sozusagen konstitutiver Bestandteil der Unterhaltsarbeit“. Das diesem Verhalten zugrundeliegende Rechtsbewußtsein und die Existenzlogik der Frauen resultierte teils aus ihrer Rolle als Mutter, als Versorgende der Familie.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt das Forschungsthema vor, definiert den Untersuchungszeitraum und legt die These dar, dass die Notzeiten der Jahre 1914-1924 eine kritische Haltung und ein neues Wertebewusstsein bei den Frauen hervorbrachten, die den staatlichen Normen widersprachen.
1. Strukturfaktoren der Frauenexistenz 1914-1924: Dieses Kapitel analysiert die materiellen Lebensbedingungen während des Krieges und der Inflation, wobei Hunger, Rationierung und die Doppelbelastung der Frauen im Zentrum der Betrachtung stehen.
2. Frauenkriminalität 1914-1924: In diesem Teil wird die statistische Entwicklung der weiblichen Kriminalität detailliert ausgewertet und die Unzulänglichkeit zeitgenössischer Erklärungsmodelle kritisch hinterfragt.
3. Alltag, Not und Kriminalität: Hier wird der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem krisengeprägten Alltag, den Protesten und der daraus resultierenden Kriminalität als Form der Existenzsicherung aufgezeigt.
4. Schlußbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die kriminellen Handlungen der Frauen keine rein individuellen Taten, sondern Reaktionen auf die soziokulturelle Geschlechtsrolle und die unerträgliche Lebensnot waren.
Schlüsselwörter
Frauenkriminalität, Erster Weltkrieg, Inflation, Sozialer Protest, Selbsthilfe, Hungerkrawalle, Eigentumsdelikte, Kriminalisierung, Lebensbedingungen, Rechtsbewusstsein, Existenzlogik, Geschlechterrollen, Strafrecht, Weimarer Republik, Not.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die Zunahme der Frauenkriminalität in Deutschland im Jahrzehnt zwischen 1914 und 1924, einer Zeit, die maßgeblich durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Inflation geprägt war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Auswirkungen der kriegsbedingten Not auf den Frauenalltag, den statistischen Entwicklungen der Kriminalität und der juristischen sowie gesellschaftlichen Reaktion auf dieses Phänomen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das kriminelle Verhalten der Frauen als direkte Folge der existenziellen Not und der erweiterten Verantwortungsbereiche der Frauen während des Krieges zu deuten, statt es lediglich auf biologische Faktoren zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine sozial- und alltagsgeschichtliche Herangehensweise, wertet Kriminalstatistiken aus und bezieht zeitgenössische sowie neuere kriminologische Literatur ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Strukturfaktoren (Alltag, Arbeit), die detaillierte Analyse der Kriminalitätsdaten und die Verknüpfung von kriminellen Handlungen mit Formen des sozialen Protests und der Selbsthilfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Frauenkriminalität, Kriegsgesellschaft, soziale Not, Eigentumsdelikte, Kriminalisierung und Geschlechterrollen.
Warum ist die „Mundraub“-Regelung für die Autorin von besonderem Interesse?
Der Paragraph 370.5 (Mundraub) illustriert die Verbindung zwischen Hunger und illegaler Aneignung von Lebensmitteln und zeigt die Schnittstelle zwischen strafrechtlicher Norm und gelebter sozialer Realität.
Welche Rolle spielt die „Kohlrübe“ in dieser Untersuchung?
Die Kohlrübe dient als symbolhaftes Beispiel für die Mangelernährung und die qualitativen Verschlechterungen im Ernährungssektor während der Hungerwinter des Ersten Weltkrieges.
- Quote paper
- Manuela Azzolini (Author), 1998, 'Not kennt kein Gebot' - Frauenalltag und Frauenkriminalität zwischen 1914 und 1924, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35593