Thomas Manns "Buddenbrooks: Verfall einer Familie". Eine Analyse der Verfallsphänomene


Bachelorarbeit, 2015

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Buddenbrooks - Beginn einer großen Erzählkunst

2. Die Handlung des Romans: Niedergang einer reichen und angesehenen Familie

3. Leben, Leiden, Dekadenz: Literatur der Jahrhundertwende
3.1. Definition des Begriffs „Dekadenz“
3.2. Was ist Dekadenzliteratur?
3.3. Der historische Kontext: Warum erlebte die Dekadenzliteratur ihren Höhepunkt um 1900?
3.4. Motive der Dekadenzliteratur

4. Das „Dreigestirn“: Der Einfluss von Nietzsche, Schopenhauer und Wagner auf die Schaffensperiode Thomas Manns

5. „Die Geschichte einer Familie, die zugrunde geht“: Eine Analyse der Verfallsphänomene
5.1. Leitmotive und Symptome des Verfalls
5.2. Die männlichen Erbfolger im Verfall
5.3. Der Erzähler

6. Fazit: Eine vielschichtige und anspruchsvolle Schrift

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Buddenbrooks - Beginn einer großen Erzählkunst

„Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen. Mit einem Roman von elfhundert Seiten hat Thomas Mann einen Beweis von Arbeitskraft und Können gegeben, den man nicht übersehen kann.“1

Buddenbrooks- Verfall einer Familie “- Romandebüt eines großartigen Schriftstellers, welcher ein einzigartiges Werk geschaffen hat. Thomas Manns Erstling verzeichnete anfangs in Deutschland, nachfolgend gar weltweit einen immensen Erfolg beim Lesepublikum - es kam überdies zur mehrfachen Verfilmung der Erzählung.2 Dennoch sieht die Thomas- Mann- Forschung die späteren Texte wie beispielsweise Der Zauberberg oder Doktor Faustus als beachtlicher und interpretatorisch anspruchsvoller an. Literaturwissenschaftlich wird der Welterfolg Buddenbrooks als „jugendlich-geniale, realistisch-pessimistische Familiensaga“3 eingeordnet, welcher „es jedoch an der philosophischen, literarischen und mythologischen Tiefendimension der späteren Romane“4 fehle. Hinter dem eher unauffälligen und bescheidenen Auftreten „versteckt“ sich jedoch tiefsinniges Gedankengut, ein bemerkenswerter Gehalt:

„Hier wird dem Leser nicht beim Titel beginnend im Meister- Stil Seite für Seite signalisiert, dass wieder einmal auf Bedeutsames aus dem reichen Fundus der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte angespielt wird. Vielmehr muss der Interpret […] die unauffällige stoffliche Einkleidung erst einmal durchschauen, ihre Funktion als poetische Verhüllung erkennen, um die darunter verborgenen Anspielungsebenen wahrnehmen und aufschlüsseln zu können. Unter diesen Perspektiven neu gelesen, stehen die frühen Texte Thomas Manns den späteren in nichts nach. Im Gegenteil stellen sie an ihre Leser besonders hohe Ansprüche.“5

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit geht - wie auch beispielsweise eine Studie Herbert Antons zur Romankunst Thomas Manns (1972) - von einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Romane aus.6 Es wird sich zeigen, dass die Frühwerke des Autors bereits dieselbe gehaltliche Dimension aufweisen wie seine späteren Schriften. Ende Mai 1897, im Alter von 22 Jahren, wurde Thomas Mann von seinem Verleger S. Fischer beauftragt, ein „größeres Prosawerk“ zu verfassen, welches anschließend veröffentlicht werden sollte.7

„Bei der Umschau nach einem Stoff, der mir taugen könnte, lag naturgemäß am nächsten meine individuelle Kindheitserfahrung, die Geschichte meiner eigenen Familie; als Milieu: meine Heimatstadt.“8

Der junge Mann bediente sich somit der Geschichte seiner eigenen Familie und schuf einen Roman, welcher von den Lebensumständen, vom Handlungsgefüge und von den Gestalten her seinen Ursprung im realen Leben hatte und in der Wirklichkeit vorgebildet wurde. Die wichtigsten Hilfsmittel für seine Arbeit stellten alte Familienpapiere, Aufzeichnungen, Briefe, Festerinnerungen und Urkunden dar.9 Anfang Oktober 1901 erschien das „Goldstück“ der Literatur schließlich, „ein vom Verfallsgedanken überschattetes Kulturgemälde“, „ein außerordentlich deutsches Buch“, in dem zum ersten Mal „der deutsche Roman seine Ansprüche auf Weltfähigkeit anmeldete.“10

Den anfänglichen Untertitel Abwärts änderte der Schriftsteller nicht ohne Grund in Verfall einer Familie, denn sein Werk erzählt den kontinuierlichen Degenerationsprozess einer Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen (1835 - 1877).11 Diese Thematik war zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich - die Literatur um 1900 war geprägt durch Verfall, Untergangsstimmung und Degeneration. Die Buddenbrooks sind im Kontext der Epoche des Fin de si è cle (Ende des Jahrhunderts) entstanden; die Schrift lässt sich ihrer Komplexität wegen allerdings nicht exakt einer literarischen Strömung zuordnen. In Thomas Manns Erstling finden sich jedoch zahlreiche Charakteristika, welche für die Dekadenzliteratur typisch waren.

Im Zentrum dieser wissenschaftlichen Arbeit stehen somit hauptsächlich die Verfallsphänomene des Romans: Warum zerbricht die Familie Buddenbrook? Welche Symptome der Dekadenz lassen sich ausmachen? Woran genau werden die Erscheinungen des Niederganges sichtbar? Welche Entwicklung durchlaufen die Figuren des Werks? Um diese Fragen klären zu können, erfolgen eine Analyse und zugleich eine Interpretation ausgewählter Textstellen des Buches, wobei verschiedene Positionen von Autoren wie beispielsweise Ernst Keller, Claudia Bahnsen, Helmut Koopmann und weitere hinzugezogen werden, die sich in ihren Werken intensiv mit der Thematik der Dekadenz beschäftigt haben. Als Primärtext, auf den sich die folgenden Auseinandersetzungen beziehen, dient die 64. Auflage des Fischerverlages aus dem Jahre 2013. Ziel der Untersuchungen ist es, den fortschreitenden unaufhaltsamen Zerfall der Familie an verschiedenen Aspekten aufzuzeigen und zu erläutern.

Zu Beginn der Bachelorarbeit werden der Handlungsverlauf sowie die Romanfiguren grob skizziert, um dem Leser den Einstieg in das Thema zu erleichtern. Darüber hinaus wird auf die literarische Décadence, ihre typischen Merkmale und Vertreter Bezug genommen. In diesem Zusammenhang sind auch Wagner, Schopenhauer und Nietzsche von großer Wichtigkeit - die letzten beiden gelten als Philosophen der Dekadenzwelche Thomas Mann in seiner Periode des Schaffens beeinflusst haben: Lassen sich im Roman philosophische Elemente finden?

Darauf folgt die Analyse der Verfallsphänomene, welche, wie bereits angegeben, den Schwerpunkt der Arbeit bildet: Zunächst werden die Symptome und Leitmotive des Niedergangs untersucht; anschließend werden die einzelnen Romanfiguren einer genaueren Betrachtung unterzogen. Ferner wird auf die Funktion des Erzählers im Bezug auf die Dekadenz eingegangen. In einem Fazit finden sich noch einmal die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse sowie ein Forschungsausblick.

2. Die Handlung des Romans: Niedergang einer reichen und angesehenen Familie

Im Folgenden werden die bedeutsamsten inhaltlichen Informationen des Romans zusammengefasst, um dem Leser einen Überblick über das Geschehen zu geben. Die Auseinandersetzung mit dem Geschehen dient außerdem dem Verständnis der in der Analyse der Verfallsphänomene hervorgebrachten Anspielungen auf bereits Vergangenes oder sich in der Zukunft Ereignendes.

Thomas Manns Meisterwerk Buddenbrooks- Verfall einer Familie gliedert sich in elf Teile mit einer jeweils unterschiedlichen Anzahl an Unterkapiteln. Die Zeitspanne der Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von 42 Jahren, von 1835- 1877, und spielt sich an zwei Schauplätzen ab: zum einen Lübeck, die Heimatstadt des Schriftstellers und zum anderen Travemünde. Die Erzählung setzt im Jahre 1835 ein, es war „um die Mitte des Oktober“12:

„Man saß im Landschaftszimmer, im ersten Stockwerk des weitläufigen alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann Buddenbrook vor einiger Zeit käuflich erworben hatte.“13

Die Familie Buddenbrook feiert die Einweihung des neuen Hauses in der Mengstraße; die zentralen Personen werden eingeführt: der alte M. Johann Buddenbrook, sein Sohn Johann Buddenbrook (Jean), dessen Frau Elisabeth (Bethsy) sowie die Kinder des Paares: Thomas, Christian und Antonie (Tony).14

Nach den Feierlichkeiten händigt Jean Buddenbrook seinem Vater einen Brief seines Stiefbruders Gotthold aus erster Ehe aus, welcher sich im Vergleich zu den Kindern aus zweiter Ehe nicht gerecht behandelt fühlt und eine „Entschädigungssumme für den Anteil am Hause“15 fordert.16 Das strenge Familienoberhaupt lässt sich jedoch nicht erweichen; er verachtet seinen Sohn, da Gotthold eine nicht standesgemäße Frau, „diese Demoiselle Stüwing“17, heiratet, welche lediglich eine Leinenhandlung, Siegmund Stüwing & Comp.18, mit in die Ehe bringt.

1838 wird Clara, das vierte Kind der Eheleute Jean und Elisabeth (Bethsy), geboren. Vier Jahre später scheidet Madame Antoinette, die zweite Ehefrau des alten Johann Buddenbrook, aus dem Leben; ein paar Monate darauf verstirbt auch das Familienoberhaupt. - Konsul Jean wird zum Leiter der Firma. Noch im selben Jahr tritt auch Thomas, zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre, in das familiäre Geschäft ein. Tonys Eltern versuchen ihre Tochter zu einer Heirat mit dem Hamburger Kaufmann Grünlich zu bewegen, welche sie zunächst jedoch ablehnt; das junge Mädchen fühlt sich zu dem Studenten Morten Schwarzkopf hingezogen. Trotz ihrer Liebe entscheidet sie sich ihres Pflichtgefühls wegen zur Eheschließung mit Grünlich19 und bringt ein Mädchen namens Erika zur Welt.20 Nach der Scheidung Tonys von dem immer wieder mit Selbstmord drohenden Grünlich, welcher insolvent gegangen ist und den Konsul geschäftlich betrogen hat, kehrt die junge Frau ins Haus ihrer Eltern zurück. Jean beklagt das stagnierende Wachstum seiner Firma; im Alter von 55 Jahren stirbt er.21 Gotthold übernimmt nun das Amt seines Halbbruders; nach seinem Tode 1856 wird sein Neffe Thomas der Konsul und steigt in das Familienunternehmen ein. Im selben Jahr noch heiratet Thomas die reiche Gerda Arnoldsen und stimmt darüber hinaus der Heirat seiner jüngsten Schwester Clara mit dem lettischen Priester Tiburtius zu.22

„Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das gesellschaftliche Leben in der Mengstraße erloschen […].“23 Thomas bezieht mit seiner Gattin ein Haus in der Breiten Gasse; Erika besucht ein Internat.

Das angespannte Verhältnis zwischen Thomas und Christian erreicht seinen Höhepunkt, nachdem letzterer seinen Bruder mit der Aussage „Alle Kaufleute seien Gauner“ im Klub blamiert. Der Streit eskaliert; der Konsul bietet Christian seinen Erbteil von 50.000 Courantmark, damit er sich in Hamburg selbstständig machen kann.24

Der gemütliche Bayer geht aufgrund der Heiratsmitgift in den Ruhestand und betrügt seine Ehefrau mit der Köchin des Hauses. Tony fühlt sich zutiefst gedemütigt; sie kann den Seitensprung nicht verzeihen und lässt sich zum zweiten Male scheiden.25 1861 feiern Gerda und Thomas Buddenbrook die Geburt ihres erstens Kindes Justus Johann Kaspar (Hanno). Christian ist inzwischen Vater von drei Kindern. Es geht ihm gesundheitlich nicht gut; er beschließt seine schlecht laufende Firma aufzugeben und erneut nach London zu ziehen.26

Nach dem Tode des Senators James Möllendorpf konkurrieren Thomas Buddenbrook und Hermann Hagenström um dessen Nachfolge; Thomas setzt sich schließlich durch und übernimmt das hohe Amt des Verstorbenen. Daraufhin wird ein neues Haus an der Fischergrube errichtet.27 Clara ist an einer Gehintuberkulose erkrankt und verstirbt kurze Zeit später. Auch Christian geht es zunehmend schlechter; aufgrund eines Gelenkrheumatismus fallen ihm die kleinsten Bewegungen schwerer und schwerer. Thomas beklagt sehr hohe Vermögensverluste.28

Erika, welche mittlerweile eine Tochter zur Welt gebracht hat, ist in ihrer Ehe mit Hugo Weinschenk unglücklich. Nach einem Versicherungsbetrug ihres Gatten, muss dieser ins Gefängnis. Senator Thomas leidet unter depressiven Verstimmungen; darüber hinaus missfällt ihm Gerdas und Hannos Liebe zu Wagners Musik. Er wünscht sich einen starken Sohn, welcher, wie er selbst, den Beruf des Kaufmanns erlernt.29 Bethsy, Ehefrau des alten Konsuls, erkrankt an Lungentuberkulose und scheidet nach einem schweren Kampf mit dem Tode aus dem Leben. Nach der Vermögensaufteilung der Mutter kommt es erneut zu Streitigkeiten zwischen den beiden Brüdern Thomas und Christian. Letzterer offenbart seine Heiratspläne mit Aline Puvogel; der Senator ist außer sich vor Wut, da es sich um eine nicht standesgemäße Frau handelt. Er droht, seinen Bruder für unmündig erklären zu lassen. Das Haus in der Mengstraße wird verkauft; der Konkurrent Hagenström erwirbt das Anwesen der Familie Buddenbrook. Tony, Erika und deren Tochter beziehen eine Mietwohnung.30

Thomas beklagt eine erneute Gewinnflaute, was seine Depressionen verstärkt; er versucht die innere Leere durch Arbeitszwang zu kompensieren. Darüber hinaus bemüht er sich, Hanno Stärke beizubringen und kümmert sich um die Erziehung seines Sohnes. In den Sommerferien reisen Gerda und Hanno gemeinsam zur Kur nach Travemünde. Der Senator und seine Gattin entfremden sich immer mehr voneinander; Thomas beginnt über Leben und Tod zu philosophieren und liest im Werk Schopenhauers.

Auch Christian und sein Bruder fahren gemeinsam zur Erholung nach Travemünde.

1875 sucht Thomas aufgrund von starken Zahnschmerzen einen Arzt auf. Auf dem Heimweg stürzt er, fällt unglücklich und scheidet kurz darauf aus dem Leben. Tony ist in tiefer Trauer; sie ist untröstlich.31 In seinem Testament kündigt der Senator die Auflösung der Firma an. Christian, der nun Aline Puvogel geheiratet hat, wird aufgrund von Wahnvorstellungen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Hanno erhält die Diagnose Typhus und stirbt einige Zeit später. Gerda kehrt nach dem Verlust ihres Ehemannes und Sohnes nach Amsterdam zurück. Die Überlebenden der Familie Buddenbrook sind die Frauen Tony mit Tochter und Enkelin sowie die drei Töchter Gottholds.32

3. Leben, Leiden, Dekadenz: Literatur der Jahrhundertwende

3.1. Definition des Begriffs „Dekadenz“

Der Terminus „Dekadenz“ bezeichnet im literarischen Sinne „einen Themenkomplex, die Darstellung des Verfalls und Untergangs in aller Spielarten und Differenzierungen. Dem zentralen Thema des Verfalls ordnen sich viele Motive zu, mit denen seine Symptome beschrieben, seine Erscheinungsweisen dargestellt werden. In Lockerungen und Auflösungsmomenten der politischgesellschaftlichen Ordnung kann der Verfall der Staaten sichtbar werden, in verminderter Vitalität, in der Schwächung der Lebensenergien, der Lähmung des Willens der Verfall der Familien und Personen.“33

Fin de siécle (Ende des Jahrhunderts) , eine im Verfall geltende Bezeichnung, beschreibt, wie bereits erwähnt, eine Atmosphäre, die geprägt war von Endzeitstimmung und Melancholie. Darüber hinaus ist auch der Ä sthetizismus von Bedeutung und der Künstler und sein Schaffen rücken in den Mittelpunkt. Die literarische Dekadenz thematisiert den Verfall, geschwächte Vitalität, gebrochene Lebenskraft34 ; gleichzeitig hat die Degeneration jedoch ebenso positive Aspekte, die sich an erhöhter Sensibilität, Verfeinerung und künstlerischer Begabung zeigen.35

Der Begriff „Décadence“, welcher sowohl als Kennzeichnung literarischer und künstlerischer Erscheinungen als auch als Ausdruck für die vitale Schwächung von Individuen bekannt ist, wurde ursprünglich in Zusammenhang mit dem Untergang des römischen Reiches verwendet. Der Zusammenbruch Roms ist seit der Antike über Jahrhunderte immer wieder zum Thema gedanklicher Auseinandersetzungen geworden36:

„Das Phänomen der Niedergangsstimmung lässt sich […] bereits bei zahlreichen Schriftstellern des antiken Rom nachweisen […], die im moralischen und politischen Verfall des Weltreiches erste Anzeichen für dessen späteren Untergang erkannten und ihre apokalyptischen Vorstellungen in prophetische Worte zu fassen verstanden.“37

Von Polybios bis Montesquieu und Gibbon finden sich stets neue Gründe und Motive für den Zerfall des Imperium Romanum:

„Moralische, religiöse, politische unterschiedlicher Art, Verfall der Sitten oder Verlust der republikanischen Freiheit, Abwelken der antiken Religion - oder so sah es Gibbon - das Christentum als auflösende Macht werden verantwortlich gemacht.“38

Ermöglicht wird die Verfallsdarstellung erst durch die Umwertung der Décadence; ihr positiver Aspekt wird freigelegt. Charles Baudelaire, Wegbereiter der Dekadenz, hat letzteren geltend gemacht; er schreibt der Dekadenz eine neue Bedeutungsnuance zu: Im Zuge des Degenerationsprozesses findet gleichzeitig auch eine gesteigerte Sensitivität des Individuums statt.39

3.2. Was ist Dekadenzliteratur?

In der Forschung herrschen Differenzen bezüglich der Definition der Dekadenzliteratur: Handelt es sich hierbei um eine Erscheinung stilistischer Art oder sind es inhaltliche Aspekte und Motive, welche die Dekadenzliteratur näher beschreiben?40 Der Schwerpunkt liegt bei der Begriffsbestimmung zumeist auf den Merkmalen des Inhalts. Dieter Borchmeyer gibt dazu an, die Dekadenz sei „weniger ein Form- als ein Inhaltsphänomen und „ihre Innovationen waren weniger formaler als stofflicher Art.“41 In Dekadenter Wagnerismus definiert Koppen Dekadenz als „eine Haltung dem Leben und der Gesellschaft gegenüber, deren literarische Phänomene weniger in der Sprache als in bestimmten gehaltlichen Charakteristika in Erscheinung treten.“42 Darüber hinaus bezieht sich Koppen auch auf das Verhältnis der Dekadenz zu Sprache und Stil. Dementsprechend existieren nicht nur typisch dekadente Inhalte, sondern gibt es auch eine charakteristische Art der Sprache und des Stils.43

Wolfdietrich Rasch teilt sein Werk Die literarische Décadence um 1900 in Kapitel ein, deren Überschriften ausschließlich auf inhaltliche Merkmale der Dekadenz Bezug nehmen und lehnt sich damit an Borchmeyer und Koppen an. Warum Rasch das Stilistische außer Acht lässt, gibt er in seinem Aufsatz „Die Darstellung des Verfalls und Untergangs“ an:

„Es wird vielleicht auf Bedenken oder Widerspruch stoßen, dass ich die literarische Décadence so einseitig von ihren Motiven her bestimme und nicht von ihren Strukturen aus. Doch scheint mir das von ihrer definitorischen Klarheit und Eindeutigkeit nötig, auch wenn man sich bewusst bleibt, dass eine Trennung von Form und Inhalt im Kunstwerk nicht möglich ist. Es wird auch nicht behauptet, dass es etwas möglich sei, die Werke der Décadence allein von ihren inhaltlichen Motiven her zu interpretieren. Selbstverständlich hat die Décadence- Literatur ihre besondere Formensprache entwickelt.“44

Erwin Koppen formuliert eine zusammenfassende Bestimmung:

„Décadence- Literatur ist nichts anderes als eine literarische Reaktion, eine ästhetische Opposition gegen die bürgerliche Industriegesellschaft der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Als Komplementärbegriff zu dem des Fortschritts (in seinem bürgerlich- technokratischen Verständis) bezeichnet der Terminus eine Literatur, die Verhaltensweisen, Ideale und Leitbilder aufzeigt, die denen des zeitgenössischen Bourgeois ins Gesicht schlagen.“45

3.3. Der historische Kontext: Warum erlebte die Dekadenzliteratur um 1900 ihren Höhepunkt?

Um das Jahr 1900 existierte eine Vielfalt literarischer Stile. Die Strömung der Dekadenz entwickelte sich um 1890 bis dann Ende 1910 der Expressionismus vorherrschte. Welche geschichtlichen Ereignisse waren der Auslöser für die zunehmende Auseinandersetzung und Thematisierung des Niedergangs in literarischen Werken?

Im deutschsprachigen Raum findet sich die Dekadenz- Literatur erst später wieder als im benachbarten Frankreich. Aus diesem Grunde ist die Zeit nach 1870/71 von Interesse.46

Im Deutsch- Französischen Krieg ging das Deutsche Reich zwar als Sieger hervor, dennoch war die Grundstimmung recht gedrückt, da einige Teile der Gesellschaft dem glanzvollen Aufschwung und Fortschritt mit Skepsis entgegensahen. Während in Frankreich Regierungsumstürze und Revolutionen stattfanden, gab es in Deutschland wirtschaftliche Probleme. Von 1873 bis 1879 wurde das Land durch eine Finanz- und Wirtschaftskrise geschwächt. Nach einer kurzen Phase der Besserung war wieder eine Depression zu verzeichnen, welche von 1882 bis 1886 andauerte. Nach einer weiteren Periode des Niedergangs in den Jahren 1890 bis 1895 herrschte dann bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Hochkonjunktur.

Des Weiteren vollzog sich die Entwicklung Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat in raschem Tempo; auch diese Veränderung wurde nicht von der gesamten Bevölkerung als positiv angesehen. Während und nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Gesellschaft von einer erneuten Depressionsphase heimgesucht. Diese Krisenzeiten, die unergründlichen gesellschaftlichen Entwicklungen, sowie die zunehmende Technisierung hatten zur Folge, dass Schriftsteller begannen, sich mit dieser Wirklichkeit künstlerisch zu beschäftigen: In der Literatur benannten sie den Untergang in seinen Spielarten, beschrieben das Leiden an ihm und suchten nach Möglichkeiten ihm zu entkommen.47

Es existiert eine Vielzahl von motivlichen Kennzeichen, welche für die Dekadenzdichtung charakteristisch sind. Im Folgenden werden einige ausgewählte Motive genannt und näher erläutert.

3.4. Motive der Dekadenzliteratur

Die Literatur des Verfalls hat selten den politischen, gesellschaftlichen oder geistigen Niedergang eines geschichtlichen Zeitalters thematisiert.

[...]


1 Rilke, Rainer Maria: Thomas Manns Buddenbrooks (1902). In: Thomas Manns „Buddenbrooks“ und die Wirkung. 1. Teil, hrsg. v. Rudolf Wolff, Bonn 1986, S. 21, [Im Folgenden zitiert als Rilke: Buddenbrooks].

2 Vgl. Rickes, Joachim: Die Romankunst des jungen Thomas Mann. „Buddenbrooks“ und „Königliche Hoheit“. Würzburg 2006, S. 51, [Im Folgenden zitiert als Rickes: Romankunst].

3 Rickes: Romankunst, S. 11.

4 Rickes: Romankunst, S. 11.

5 Rickes: Romankunst, S. 12.

6 Vgl. Rickes: Romankunst, S.12.

7 Vgl. Moulden, Ken: Buddenbrooks- Handbuch. Stuttgart 1988, S. 3, [Im Folgenden zitiert als Moulden: Buddenbrooks- Handbuch].

8 Moulden: Buddenbrooks- Handbuch, S. 3.

9 Vgl. Ohl, Hubert: Ethos und Spiel. Thomas Manns Frühwerk und die Wiener Moderne. Eine Revision. Rombach 1995, S. 85, [Im Folgenden zitiert als Ohl: Ethos und Spiel].

10 Moulden: Buddenbrooks- Handbuch, S. 8.

11 Vgl. Moulden: Buddenbrooks- Handbuch, S. 157.

12 Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. 64. Auflage 2013. Frankfurt am Main 1989, S. 11, [Im Folgenden zitiert als Mann: Buddenbrooks].

13 Mann, Thomas: Buddenbrooks, S. 10.

14 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 7 f.

15 Mann: Buddenbrooks, S. 18.

16 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 18.

17 Mann: Buddenbrooks, S. 19.

18 Mann: Buddenbrooks, S. 72.

19 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 91 f.

20 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 175.

21 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 246.

22 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 274-290.

23 Mann: Buddenbrooks, S. 304.

24 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 317, 322.

25 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 364- 394.

26 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 395- 406.

27 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 407- 418.

28 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 426- 437.

29 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 438- 554.

30 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 555- 609.

31 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 610- 693.

32 Vgl. Mann: Buddenbrooks, S. 694- 759.

33 Rasch, Wolfdietrich: Die literarische Décadence um 1900. 1991, S. 21, [Im Folgenden zitiert als Rasch: Décadence].

34 Vgl. Rasch: Décadence, S. 38.

35 Vgl. Rasch: Décadence, S. 19.

36 Vgl. Rasch: Décadence, S. 17.

37 Kunz, Ulrike: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Ästhetischer Realismus in der europäischen Décadenceliteratur um 1900 . Hamburg 1997, S. 17.

38 Rasch: Décadence, S. 17.

39 Vgl. Rasch: Décadence, S, 23.

40 Wild, Ariane: Poetologie und Décandence in der Lyrik, Baudelaires, Verlaines, Trakls und Rilkes. Würzburg 2002, S. 43, [Im Folgenden zitiert als Wild: Poetologie und Décadence].

41 Wild: Poetologie und Décadence, S. 43.

42 Wild: Poetologie und Décadence, S. 43.

43 Vgl. Wild: Poetologie und Décadence, S. 43.

44 Rasch: Décadence, S. 21.

45 Rasch: Décadence, S. 22.

46 Vgl. Wild: Poetologie und Décadence, S. 42.

47 Vgl. Wild: Poetologie und Décadence, S. 42.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns "Buddenbrooks: Verfall einer Familie". Eine Analyse der Verfallsphänomene
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V356391
ISBN (eBook)
9783668421721
ISBN (Buch)
9783668421738
Dateigröße
798 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Buddenbrooks, Verfall, Dekadenz, Décadence, Literaturanalyse, Ernst Keller, Claudia Bahnsen, Helmut Koopmann
Arbeit zitieren
Laura Kutscheit (Autor), 2015, Thomas Manns "Buddenbrooks: Verfall einer Familie". Eine Analyse der Verfallsphänomene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356391

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