Sprachliche Kommunikation im Wahlkampf: Phonetische Merkmale des politischen Diskurses


Magisterarbeit, 2004
155 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprache und Politik
2.1 Sprache als Voraussetzung der Politik
2.2 Wahlen
2.3 Der Wahlkampf
2.4 Kommunikation, Medien und Wahlkampf
2.5 Instrumentarium des Wahlkampfes
2.5.1 Anfänge
2.5.2 Sprache
2.5.3 Schrift
2.5.4 Hörfunk
2.5.5 Fernsehen
2.5.6 Internet
2.5.7 Fazit

3 Wahlkampf 2002: Personalisierung und Fernsehkonzentrierung
3.1 Zur Geschichte der TV-Duelle
3.2 Vorläufer des Fernsehens
3.3 TV-Duelle im US-amerikanischen Fernsehen
3.4 TV-Duelle im deutschen Fernsehen vor der Wiedervereinigung
3.5 TV-Duelle im deutschen Fernsehen nach der Wiedervereinigung
3.6 TV-Duelle 2002
3.7 Mediale Darstellung der Politiker als Redner
3.7.1 Mediale Darstellung Schröders
3.7.1.1 Mediale Darstellung Schröders nach dem 1. TV-Duell
3.7.1.2 Mediale Darstellung Schröders nach dem 2. TV-Duell
3.7.2 Mediale Darstellung Stoibers
3.7.2.1 Mediale Darstellung Stoibers nach dem 1. TV-Duell
3.7.2.2 Mediale Darstellung Stoibers nach dem 2. TV-Duell

4 Theoretische Grundlagen
4.1 Verzögerungsphänomene
4.1.1 Pausen
4.1.1.1 Definition
4.1.1.2 Phonetischer Aufbau
4.1.1.3 Funktionen
4.1.1.4 Pausenlänge
4.1.2 Häsitationen
4.1.2.1 Definition
4.1.2.2 Problematik der Abgrenzung: Pausen vs. Häsitationen
4.1.2.3 Phonetischer Aufbau
4.1.2.4 Funktionen
4.2 Sprechtempo
4.2.1 Definition
4.2.2 Funktionen
4.3 Silbe
4.3.1 Definition
4.3.2 Aufbau und phonologische Merkmale
4.3.3 Silbenabgrenzung
4.4 Akzent
4.4.1 Wortakzent
4.4.2 Satzakzent
4.4.3 Phonologische Eigenschaften
4.5 Flüssigkeit der Sprache
4.6 Grundfrequenz
4.6.1 Definition
4.6.2 Anatomisch-phonetische Voraussetzungen

5 Durchführung
5.1 Vor- und Aufbereitung der Sprachproben
5.2 Untersuchung der Pausen
5.3 Untersuchung der Flüssigkeit der Sprache
5.4 Untersuchung der Häsitationen
5.5 Untersuchung der Sprechgeschwindigkeit
5.5.1 Untersuchung der mittleren Sprechgeschwindigkeit pro Sequenz
5.5.2 Untersuchung des Sprechgeschwindigkeitsverlaufs
5.5.3 Untersuchung der Sprechgeschwindigkeitsbeschleunigung
5.6 Untersuchung der Grundfrequenz
5.6.1 Untersuchung der mittleren Grundfrequenz pro Sprachsequenz
5.6.2 Untersuchung des Grundfrequenzverlaufs
5.6.3 Untersuchung der Grundfrequenzschwankung
5.7 Akzentuntersuchung
5.7.1 Wortakzentuntersuchung
5.7.2 Untersuchung des Satz- bzw. Phrasenakzents

6 Auswertung der Ergebnisse und Diskussion
6.1 Pausen
6.1.1 Pausen von Schröder
6.1.2 Pausen von Stoiber
6.1.3 Zusammenfassung der Pausenuntersuchung
6.2 Häsitationen
6.2.1 Häsitationen von Schröder
6.2.2 Häsitationen von Stoiber
6.2.3 Zusammenfassung der Häsitationsuntersuchung
6.3 Sprechtempo
6.3.1 Sprechtempo von Schröder
6.3.2 Sprechtempo von Stoiber
6.3.3 Zusammenfassung der Sprechtempountersuchung
6.3.3.1 Zusammenfassung der Sprechtempountersuchung Schröders
6.3.3.2 Zusammenfassung der Sprechtempountersuchung Stoibers
6.4 Grundfrequenz
6.4.1 Grundfrequenz von Schröder
6.4.2 Grundfrequenz von Stoiber
6.4.3 Zusammenfassung der Grundfrequenzuntersuchung
6.4.3.1 Zusammenfassung der Grundfrequenzuntersuchung Schröders
6.4.3.2 Zusammenfassung der Grundfrequenzuntersuchung Stoibers
6.5 Wortakzent
6.5.1 Wortakzent von Schröder
6.5.1.1 Wortakzent in Funktionswörtern von Schröder
6.5.1.2 Wortakzent in lexikalischen Wörtern von Schröder
6.5.2 Wortakzent von Stoiber
6.5.2.1 Wortakzent in Funktionswörtern von Stoiber
6.5.2.2 Wortakzent in lexikalischen Wörtern von Stoiber
6.5.3 Zusammenfassung der Wortakzentuntersuchung
6.6 Satzakzent
6.6.1 Satzakzent von Schröder
6.6.2 Satzakzent von Stoiber
6.6.3 Zusammenfassung der Satzakzentuntersuchung

7 Schlussbetrachtung

8 Quellenangaben
8.1 Monographien, Sammelbände und Fachzeitschriften
8.2 Tages- und Wochenpresse
8.3 Internet

Abkürzungsverzeichnis

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Anhangsverzeichnis

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Diagramme:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellen:

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1 Einleitung

„ Das Verständnis an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern der Ton, Stärke, Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Wörtern gesprochen wird - kurz, die Musik hinter den Worten, die Leidenschaft hinter der Musik, die Person hinter der Leidenschaft. Alles das also, was nicht geschrieben werden kann. “

Friedrich Nietzsche

Die vorliegende Arbeit hat die Untersuchung phonetischer Merkmale zum Ziel, die während einer Fernsehauseinandersetzung zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber im Bundestagswahlkampf 2002 aufgetreten sind. Die Beweggründe für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik resultieren aus dem Interesse des Verfassers, die häufig vernachlässigten Berührungspunkte zwischen den Disziplinen Phonetik und Politikwissenschaft zu beleuchten und verständlich zu machen. Die natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden der Phonetik eignen sich in hervorragender Weise dazu, um Untersuchungsfelder anderer, scheinbar mit der Phonetik unvereinbaren universitären Fachrichtungen zu verknüpfen und ihre Forschungstechniken dadurch zu unterstützen. Neben den traditionellen akademischen Fächern Politologie, Soziologie und Psychologie sollen auch neue Disziplinen wie Medienwissenschaften, Kommunikationspsychologie sowie Kommunikations- und Politikmanagement an dieser Stelle erwähnt werden. So stellt die vorliegende Untersuchung zwar einen weiteren Beitrag zur Analyse sprachlicher politischer Kommunikation dar, der sich aber durch die Auswahl der Untersuchungsinstrumente von dem Gros anderer wissenschaftlicher Abhandlungen unterscheidet. Der auf der lautsprachlichen Komponente des Informationsaustausches gesetzte Schwerpunkt ist zudem insofern bewusst gewählt worden, als dass bisher kaum phonetische Arbeiten zu dieser Thematik vorliegen. Existierende Untersuchungen aus anderen Disziplinen weisen naturgemäß abweichende Schwerpunkte und Sichtweisen auf, wodurch die Forschungsergebnisse mit den in dieser Arbeit nicht unmittelbar vergleichbar sind. Dementsprechend ist die vorliegende Untersuchung auch als eine Ergänzung bisheriger Bemühungen um eine wissenschaftliche Erklärung sprachlicher Eigenschaften in politischen Diskursen zu betrachten.

Im ersten Abschnitt der Arbeit wird zunächst die Bedeutung der Sprache, vor allem der „gesprochenen Sprache“ für die Politik und für den Wahlkampf erläutert. Dabei werden Bezüge zum Fundus der alten und modernen Rhetorik hergestellt, um die Relevanz der Phonetik aufzuzeigen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Medien und ihrer Darstellungsweise von politischen Akteuren. Es wird eine kurze historische Übersicht zur Entwicklung der Fernsehdebatten vorgestellt, der eine Betrachtung der beiden im Jahr 2002 stattfindenden TV-Duelle folgt. Ergänzt wird sie durch eine Zusammenfassung ausgewählter Berichte aus den Printmedien, in denen die sprachlich-rhetorischen Fähigkeiten Schröders und Stoibers bewertet wurden.

Im darauf folgenden Abschnitt werden die wissenschaftlich-theoretischen Grundsätze der Untersuchungsgegenstände erläutert.

Die Auswertung und Diskussion setzt sich mit den Untersuchungsergebnissen und ihrer Interpretation auseinander.

Zum Schluss erfolgen ein resümierender Vergleich der Ergebnisse Schröders und Stoibers und eine Gegenüberstellung mit der medialen Darstellung/Bewertung des sprachlichen Potentials beider Politiker.

2 Sprache und Politik

2.1 Sprache als Voraussetzung der Politik

Der Sprache, vor allem aber dem Sprechen, kommt in der Politik eine elementare Bedeutung zu (KIRCHNER 2000: 60). Das politische Handeln wird nach GRÜNERT (1974: 1) durch Sprache vorbereitet, verursacht, von Sprache begleitet, beeinflusst, gesteuert, organisiert, durch Sprache beschrieben, erläutert, gerechtfertigt, beurteilt, verantwortet, kontrolliert und kritisiert. Insofern wird Politik durch Sprache begründet.

Die Bedeutung des Gesprochenen wird verständlicher, wenn man das politische Geschehen anhand seiner elementaren, nahezu immer währenden Bestandteile konkretisiert:

Interessen von Personen oder Gruppen müssen bekundet, also artikuliert werden; politische Versammlungen bedürfen einer organisierten Form, denn Zeit und Ort des Treffens müssen vereinbart werden; ein politischer Kompromiss setzt eine Diskussion, eine Besprechung voraus; der Einigung müssen die Beteiligten zustimmen oder sie ablehnen (KIRCHNER 2000: 59f).

Soll Politik praktizierbar sein, muss ein Forum existieren, das einen repräsentativen und legitimen Rahmen darstellt und in dem nach einem geordneten Verfahren diskutiert wird. Dieses Forum wird in demokratischen Strukturen von einem Parlament verkörpert. Der Begriff „Parlament“, der aus dem Mittellateinischen stammt, bedeutet bezeichnenderweise so viel wie Gespräch (WAGENKNECHT 1995: 67).

2.2 Wahlen

Die Übertragung der Wahrnehmung der politischen Rechte an gewählte Vertreter ist eine Grundvoraussetzung für das Schaffen eines gemeinsamen, praktikablen Forums, des Parlaments. Über dessen Zusammensetzung wird in Wahlen entschieden.

Wahlen stellen ein grundlegendes demokratisches Recht und ein unverzichtbares Element der parlamentarischen Demokratie dar. Sie dienen im Allgemeinen der Entstehung politischer Repräsentation und damit der Sicherung von Legitimation: Wähler drücken ihre Partei- und/oder Kandidatenpräferenz in Wählerstimmen aus, wodurch Stimmenzahlen in Mandate übertragen werden. Wahlen sind aber zugleich Rekrutierungsprozesse von Macht (MERTEN 1991: 189). Für Parteien, insbesondere für die in den Parlamenten vertretenen, sind Wahltage „Zahltage“. Wahlniederlagen können schnell zur Existenzfrage werden, wenn politischer Einfluss und staatliche Ämter eingebüsst und dadurch sogar berufliche Karrieren abrupt beendet werden können. Es ist daher nicht überraschend, dass in den westlichen Demokratien den Wahlen lange Wahlkämpfe vorausgehen, in denen unter enormem finanziellen und organisatorischen Aufwand um Wählerstimmen gebuhlt wird.

2.3 Der Wahlkampf

Der Wahlkampf ist die politische Auseinandersetzung von Wählervereinigungen und Parteien um Zustimmung der Bürger zu Personen und Programmen. Die vereinfachte Grundidee eines jeden Wahlkampfes ist die gleiche: emotionale und/oder argumentative Überzeugung einer möglichst großen Bevölkerungsgruppe von der Richtigkeit der eigenen politischen Konzepte mit der einhergehenden Herabsetzung des politischen Gegners samt seinen Vorschlägen (STAßNER 1991: 125). Formal gesehen entsprechen alle Wahlkämpfe, unabhängig von Zeit und Ort, dieser inhaltlichen Regel.

Nichtsdestotrotz unterscheiden sich Wahlkämpfe untereinander erheblich. Die politische Relevanz einer Wahl - Wahlen auf Bundesebene misst man eine größere Bedeutung bei als Kommunalentscheiden - und die zur Verfügung stehenden finanziellen und organisatorischen Mittel spielen eine wichtige Rolle. Letztere unterliegen aufgrund des technischen Fortschritts einer ununterbrochenen Weiterentwicklung, was eine stetige Veränderung bzw. Weiterentwicklung der Wahlkampfmethoden zur Folge hat.

2.4 Kommunikation, Medien und Wahlkampf

Jeder Wahlkampf basiert auf der Kommunikation zwischen den sich zur Wahl stellenden Personen und der sie wählenden Bevölkerung. Um über größere Distanzen, situationsunabhängig und bevölkerungsgerecht kommunizieren zu können, bedienen sich die politischen Akteure der Medien.1 GOPPEL (2000: 17) ist der Ansicht, dass zu allen Zeiten Politiker die zu ihrer Zeit existierenden Medien nutzten, um ihre Meinungen, Standpunkte und Programme zu verbreiten. Demnach verkörpert jedes Medium ein potentielles Wahlkampfinstrument.

Die Medien und damit auch Wahlkampfmethoden entwickelten sich simultan mit der Fähigkeit des Menschen, zu kommunizieren bzw. Informationen zu verarbeiten und sie mittels eines Mechanismus zu speichern (MÜLLER 1990: 236). Jedes Medium stellte eine Weiterentwicklung dar. Die heutigen Massenmedien sind das Resultat eines langen gesellschaftlichen und technischen Prozesses. Der Beginn dieses Fortschritts liegt in den Anfangstagen der menschlichen Evolution. Anhand der folgenden, vereinfachten und nicht auf Vollständigkeit pochenden Darstellung wird aber offenkundig, dass alle Medien im Grunde aus einigen wenigen, wenn nicht gar aus einem Element der menschlichen Kommunikation bestehen: der Sprache.

2.5 Instrumentarium des Wahlkampfes

2.5.1 Anfänge

Würde man den menschlichen Urahnen die Bereitschaft und Fähigkeit zur politischen Auseinandersetzung und vor allem friedlichen Mehrheitsentscheidung zugestehen, so wären gewiss Gestik, Mimik und das Artikulieren von einfachsten Lauten ausschließliche Bestandteile der primären und zugleich primitivsten aller politischen Auseinandersetzungen gewesen. Sie waren die originären Verständigungsmittel (MÜLLER 1990: 75f). Folgte man der weiteren evolutiven Entwicklung des Menschen, so hätte das gesprochene Wort, das Artikulieren von Lauten einer Sprache, eine der nächsten Entwicklungsstufen dargestellt.

2.5.2 Sprache

Die menschliche Fähigkeit des Sprechens ist, so trivial es klingen mag, in einem mündlichen Prozess entstanden und hat sich auch auf diese Weise weiterentwickelt (FRANCESCHINI 2003: 17). Dieser Prozess beruht auf einem von KIRCHER (2000: 77) erläuterten sog. mutualen Verhältnis von Sprache und Gemeinschaft: Sprache konnte sich nur dort weiterentwickeln, wo eine bestehende Gemeinschaft sie praktizierte - die menschliche Gemeinschaft war wiederum nur dort möglich, wo sprachliche Kommunikation existierte. Sprache wirkt daher gemeinschaftskonstituierend, sie war und ist nach STAßNER (1991: 124) Voraussetzung für gemeinschaftliches Handeln, für das Kooperieren von Individuen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. KIRCHNER (2000: 73) sieht in der Sprache ein Politikum, weil sie von Menschen und Institutionen dazu gemacht wird.

Immer neuere Bestandteile des stetig größer werdenden lautsprachlichen Kommunikationsrepertoires erweiterten die Möglichkeiten, mit denen die Vorfahren des heutigen Menschen in der Lage waren, sich unter- und miteinander zu verständigen. Die zunehmende Verfeinerung der artikulatorischen Fähigkeiten erlaubte ein konstant wachsendes, detaillierteres, verbales Darlegungspotential von Sachverhalten, Ansichten und Interessen. Das Sprechen verkörpert infolgedessen den zentralen Vorgang des Machterwerbs, denn Sprache stellt auch ein Medium von Herrschaft und Macht dar (GEIßNER 1986: 194). Für ARENDT (1960: 29f, 164f) ist Sprechen die zentrale politische Tätigkeit.2 Mit Hilfe des Sprechens ist man folglich in der Lage ist, individuelle Vorteile zu erzielen.

Dieser Zusammenhang wurde früh erkannt und gezielt funktionalisiert. Während beispielsweise der chinesische Philosoph Konfuzius der Sprache einen maßgeblichen Einfluss bei der Schaffung und Erhaltung eines Staates zuschrieb (BERGSDORF: 1978: 12), gründeten die Griechen gar Schulen, in denen das Sprechen und Überzeugen, die Kunst der Rhetorik3, erlernt werden konnten (KOLMER & ROB-SANTER 2002: 21f).

Bereits der Begriff Rhetorik kennzeichnet den artikulatorischen Charakter der Redekunst: den Sprecher und Antragsteller in der Vollversammlung nannte man rhetor (FUHRMANN 1995: 11).

Die rhetorische Schule umfasste bereits in der Antike nicht nur die Lehre von Gliederungsformen, Argumentationstypen und Stilmitteln, sondern auch die Vermittlung von phonetischen Kenntnissen, darunter das Verständnis für Laute, Betonung, Rhythmus und Silben (KOLMER & ROB-SANTER 2002: 54f) sowie Umfang, Festigkeit und Geschmeidigkeit der Stimme (GÖTTERT 1991: 73). Während Cicero lediglich die besondere Bedeutung der Stimmführung hervorhob (MEYER-KALKUS 2001: 223) und Quintilian das sofortige Wecken der Aufmerksamkeit mit der Stimme verknüpfte, befasste sich Platon eingehend mit phonetischen Aspekten wie Geschwindigkeit, Tonhöhe und Lautstärke sowie ihren gegenseitigen Wechselbeziehungen (LANDFESTER 1997: 30). Das stimmliche pronuntatio, der mündliche Vortrag also, sollte zudem durch Klarheit und Fehlerfreiheit der Aussprache gekennzeichnet sein.

Die moderne Rhetorik beinhaltet einen breiten Katalog von sprecherischen Ausdruckmitteln, zu dessen Inhalten u. a. Tonhöhe, Satzmelodie, Klangfülle, Klangfarbe, Betonung, Lautstärke, Geschwindigkeit, Pausendauer und -Art, sowie artikulatorische Deutlichkeit, Lautbindung und Lautungsstufen gehören.

Diese phonetischen Kenntnisse sollen den Redner in die Lage versetzen, sie zusammenführend und zweckmäßig in Sprechhandlungen einzusetzen (GEIßNER 1986: 102, 106). KNOWLES (1984: 227; zitiert nach MÜLLER 1999: 51) erkennt beispielsweise in der prosodischen Bedeutung der Intonation eine Strategie, mit der man eine Botschaft wirksam überbringen kann.

Unabhängig von Zeitalter und der vorherrschenden gesellschaftlichen Ordnung hatte die Redekunst in allen politischen Auseinandersetzungen elementaren Charakter, denn nach PTASSEK et. al. (1992: 156) eröffnet Rhetorik den Zugang zur Macht. Daran hat sich trotz tief greifender historisch- sozialer Umwälzungen auch in der Moderne nichts gerändert. KOLMER & ROB- SANTER (2002: 34) sind der Ansicht, dass es ein Kennzeichen des 20. Jahrhunderts ist, dass sich Propagandaformen und -formeln mit Werbung und Politik vermengen. Gleichwohl war dem unmittelbaren Sprechvorgang, der Artikulation, die Bedeutung als das zentrale Kommunikationsinstrument der Politik vorbehalten. Der Grund hierfür liegt nach wie vor in der oben dargelegten Begründung der Politik durch Sprache und der damit zusammenhängenden sozialen Interaktion.

Sprache bzw. das Gesprochene bildeten auch in den vergangenen Dekaden das zentrale Medium der Politik. Ungeachtet aller technischen Neuerungen und den daraus resultierenden Einwirkungen auf die einzelnen Kommunikationsinstrumente, bleibt die Artikulation als Verständigungs- und Überzeugungsmittel vor allem im Wahlkampf dominierend. Politik und folglich der Wahlkampf sind Sachen des Wortes, des Redens und Überzeugens (KLAGES 2001: 166).

2.5.3 Schrift

Die Sprachfähigkeit war eine Grundvoraussetzung für das Entstehen der Schrift (MÜLLER 1990: 236f). Die Schrift im heutigen Sinne, sowie alle ihr vorausgegangenen grafischen Zeichensysteme stellten ein neues und herausragendes Kommunikationsinstrument dar, mit denen eine neue Ebene der Verständigung geschaffen und ein Visualisierungsprozess sprachunabhängiger Begriffe eingeleitet werden konnte (HAARMANN 2002: 41). Die Schriftgeschichte reicht ca. 7000 Jahre zurück (HAARMANN 2002: 41, 113), während die Ursprünge der Sprachfähigkeit auf 4 bis 8 Millionen, die der heutigen Sprachen auf 40.000 Jahre datiert werden (MÜLLER 1990: 85).

Was die Schrift ausgelöst hat, hat der Buchdruck intensiviert. Die Erfindung der Drucktechnik im Jahr 1450 war eine wesentliche Erleichterung in der 7 Verbreitung der schriftlichen und damit in der Folge auch der politischen Botschaften. Ursprünglich als eine schlichte Schönschreibmaschine zur Vervielfältigung von formvollendeten Handschriften erdacht, entwickelte sich die Drucktechnik zu einem einflussreichen Kommunikationsmittel. Die Politik wurde im 16. Jahrhundert von gedruckten Informationen stark beeinflusst und „die Ideen der amerikanischen und französischen Revolution erreichten über Druckpressen die Öffentlichkeit (GOPPEL 2000: 17). Beinah 300 Jahre lang blieben Zeitungen praktisch ohne Konkurrenz, obwohl der Wahlkampf neue Formen, wie z.B. Plakate, entwickelte. Diese Neuerungen beruhten letztendlich aber auf der Schrift, die auch in den neuen Wahlkampfmitteln einen festen Bestandteil vorweisen konnte.4

Ungeachtet der einschneidenden Veränderungen in der politischen Kommunikation darf die Bedeutung der Schrift nicht über- und die der Artikulation nicht unterbewertet werden. Die Verdienste der Schrift und des Buchdrucks waren sekundärer Natur, wenn man bedenkt, dass jede Ideologie, jedes politische Programm seinen Ursprung im zwischenmenschlichen Dialog, im Austausch von Ideen in einer Diskussion, kurz, in der lautsprachlichen Kommunikation hatte. Erfolgte die Ausbreitung von politischen Ideologien in schriftlicher Form, so war deren Vermittlung nach wie vor über das Gesprochene notwendig, sei es, weil ein politischer Auftritt samt Rede(n) emotional gestaltet werden konnte und dadurch mehr Wirkung erzielte, sei es, weil große Teile der Bevölkerung des Lesens nicht mächtig waren.

Mit fortschreitender Alphabetisierung wuchs der Kreis der potentiellen Leser. Die Schrift ist zu einem unersetzlichen Kommunikationsmittel des modernen Wahlkampfes geworden: Plakate, Broschüren (sog. „Flyer“) und Leitartikel in Zeitungen basieren auf dem Schriftsystem bzw. der Schrifttechnologie. Den Effekt einer guten Rede konnte und kann aber kein noch so brillanter Text überbieten, denn ohne sprachliche Vermittlung ist Politik nicht möglich (KLAGES 2001: 166).

2.5.4 Hörfunk

Mit der Einführung des Hörfunks in den 1920er Jahren wurde ein Medium kreiert, das mit steigender Popularität eine ähnliche, wenn nicht gar größere Wirkung erzielen konnte als Zeitungen (NEUBAUER 1993: 14). Dieses Kommunikationsmittel wurde zu Wahlkampfzwecken gezielt eingesetzt: Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potential des Hörfunks bereits vor der Machtübernahme (REIMANN 1971: 228). Obwohl es nach 1933 keine freien, wenige Jahre später überhaupt keine Wahlen und somit keine Wahlkämpfe gegeben hat, wurde der Hörfunk dennoch als Mittel im Kampf um die Stimmen der Bevölkerung eingesetzt: Die Reden Hitlers und Goebbels, zweier rhetorisch begabter Hetzer, entfalteten eine ungeheure, im Sinne des NS- Staates motivierende Wirkung auf die Hörer. Obwohl Hitler und Goebbels Vorreiter eines diktatorischen Systems waren, befanden sie sich im ständigen Kampf um die Gunst und Zustimmung der deutschen Bevölkerung - vor allem mit Hilfe der artikulatorischen Rhetorik (REIMANN 1971: 295f), die über das gleichgeschaltete und einheitliche Rundfunkprogramm nahezu jeden Haushalt in Deutschland erreichte. Die Wahlagitation im Hörfunk war aber letztendlich mit der direkten sprachlichen Propaganda, wie sie aus Veranstaltungen bekannt war, nahezu identisch, zumindest, was das Artikulatorische angeht.

Die Nutzung des Hörfunks hat sich seit der Popularisierung des Fernsehens in Deutschland verändert. Politische Debatten und Wahlwerbung sind kaum noch zu hören, was an der inhaltlichen Entwicklung der Rundfunk-Programme, vor allem aber an der gestiegenen Bedeutung des Fernsehens liegt.

2.5.5 Fernsehen

Das Medium Fernsehen eröffnete eine vollkommen neue Art der Informationsvermittlung: Sprache, Schrift und Bild konnten simultan eingesetzt bzw. gebündelt werden (GEIßNER 1986: 14). Auch wenn die Ursprünge des Fernsehens in den 30er Jahren liegen, begann seine Popularität erst nach dem 2. Weltkrieg zu wachsen (PROKOP 2001: 344f). Aufgrund der unausgereiften Technik und vor allem des hohen Anschaffungspreises der Empfangsgeräte war das Fernsehen für den politischen Bereich lange Jahre uninteressant. Die gezielte Inanspruchnahme des Mediums Fernsehen setzte erst mit der politischen Wahlwerbung bei der Bundestagswahl 1957 ein (HOLTZ-BACHA 2001: 124). Mit Wahlwerbespots beispielsweise konnten Zuschauerzahlen erzielt werden, die das Publikum anderer Wahlkampfkanäle oft deutlich übertrafen. Aufgrund der im Laufe der Zeit sich ändernden Kommunikationsformen gewann das Fernsehen zunehmend an Relevanz. Der Bundestagswahlkampf 1969 entwickelte sich erstmals zum Fernsehwahlkampf (ALTENDORF 2000: 68). Das führte unweigerlich zu einer intensiveren Nutzung dieses Mediums in Folgejahren. Das Fernsehen verkörpert eine Weiterentwicklung der bisherigen politischen Kommunikationsinstrumente: Sprache, Schrift und bewegte Bilder konnten gebündelt und über weite Entfernungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Das eröffnete neue Möglichkeiten, die Denkweisen, das Verhalten und die sozialen Gewohnheiten durch sprachliche und bildliche Symbole zu prägen (UEDING 2000: 98). Die Anfang der 1970er Jahre sich in den Parteien durchgesetzte Auffassung vom Fernsehen als Hauptwahlkampfmedium (KLEIN 1990: 13) führte zu einem breiteren Angebot mit politischen Inhalten. Kennzeichnend dafür waren Wahlwerbespots, denen die Wahlmanager der Parteien eine elementare Bedeutung beimaßen, und große Fernsehdebatten zwischen den Spitzenkandidaten der Parteien.

Wenngleich das Fernsehen eine nahezu revolutionäre Technologie darstellt, übermittelt es letztendlich wiederum, ähnlich dem Hörfunk, das bedeutendste Kommunikations- und Wahlkampfmittel der Politik, die Sprache. Der Vorteil gegenüber dem Hörfunk besteht in der Sichtbarmachung der artikulierenden Personen. Auch wenn Sprache in der politischen Auseinandersetzung entscheidend ist, so entfalten Bilder eine eigene, zusätzliche Wirkung. Das Fernsehen deckt sprachliche Schwächen und hölzernes Auftreten schonungslos auf, es erfordert situationsgerechten Gefühlsausdruck, Witz, Prägnanz und Anschaulichkeit, denn Maskenhaftigkeit und emotionale Kälte verzeiht kein Publikum (KLAGES 2001: 59). Gerhard Schröder offenbarte einmal: „ Man kann vielleicht mit einer rhetorischen Figur noch das unmittelbar zuhörende Publikum täuschen, aber niemals das Fernsehen. Das ist das unbestechlichste Medium, das es gibt. Fernsehen straft jede Lüge. “ (MENG 2002: 89). Der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan verkürzte die Wirkung des Fernsehens auf die These „ The medium is the message “ (MCLUHAN 1967) und brachte damit zum Ausdruck, dass mehr die Art und Weise des Mediums über die Aufnahme beim Zuschauer entscheidet, als der Inhalt der ausgestrahlten Botschaft selbst.

Das Fernsehen ist durch seine Audiovisualität wie geschaffen, dem sprachlichen Ausdruck Farbe zu geben (KLAGES 2001: 160) und wird vermutlich auch in den nächsten Jahren der Hauptträger des Wahlkampfs sein.

2.5.6 Internet

Das Internet ist ein relativ junges Medium, das erst in den 1990er Jahren einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Vereinfachend dargestellt, basiert es auf weltweiter Vernetzung und Digitalisierung von Inhalten jeder Art. Dadurch eignet es sich, um Sprache, Schrift und Bild rasch über beliebige räumliche Distanzen übertragen zu können. Das Potenzial des Internets ist aufgrund technischer Barrieren noch nicht vollends ausgeschöpft. So sind der Darstellung von Sprache und Bild (insbesondere bewegten Bildern) oftmals noch Grenzen gesetzt. Langfristig dürfte es aber neben dem Fernsehen durch seine weit reichenden Möglichkeiten zum führenden Wahlkampfmittel aufsteigen (ALTENDORF 2000: 65f).

Bereits im Bundestagswahlkampf 1998 war die digitale Vernetzung eine neue Kommunikationsstruktur, mit der beispielsweise die SPD alle Verbände bundesweit und einheitlich mit aktuellen Informationen versorgen konnte (SCHOPPE 2001: 48), während die CDU über das Chat mit der interessierten Bevölkerung in direkten Kontakt getreten ist (KOLARZ 2000: 271).

Der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2000 zeigt auf, welche Wahlkampfplattform das Internet bereits schon bietet. Die Internetauftritte der beiden Präsidentschaftskandidaten waren umfangreiche und ausgeklügelte Projekte, sowohl was Inhalt als auch technische Umsetzung angeht.

In Anbetracht der Anlehnung deutscher an US-amerikanische Wahlkampfmethoden ist zu erwarten, dass das Internet zukünftig noch stärker als Wahlkampfinstrument in Deutschland genutzt werden wird. Der technische Fortschritt wird zukünftig eine weitgehend reibungslose Multimedialität ermöglichen, die nicht nur die Verknüpfung von Schrift, Bild und Sprache, sondern voraussichtlich auch die artikulatorische Kommunikation zwischen politischen Akteuren und der Bevölkerung beinhalten wird.

2.5.7 Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass auch im 21. Jahrhundert die lautsprachliche Artikulation eines der wichtigsten Instrumente ist, um ein Publikum zu erreichen beziehungsweise Menschen für sich und seine Ideen zu gewinnen (WIEBEN 2000: 143). Trotz neuer technisch-medialer Methoden stellt die phonetische Kommunikation nach wie vor das zentrale Informations- und Verständigungsmittel im politischen Handeln dar. Sowohl die Auseinandersetzungen zwischen den politische Kontrahenten als auch das Werben um potentielle Wähler sind ohne den Sprechakt nicht vorstellbar, denn dieser bildet einen essentiellen, vor allem aber unersetzbaren Bestandteil der sozialen Interaktion.

3 Wahlkampf 2002: Personalisierung und Fernsehkonzentrierung

Das Wahljahr 2002 stellt aufgrund mehrerer herausragender Ereignisse ein Novum der deutschen Politikgeschichte dar. Zwar war der spannende Wahlabend mit einem durch den CSU-Kanzlerkandidaten Stoiber voreilig verkündeten Sieg der Höhepunkt dieser Bundestagswahl, der Wahlkampf, vor allem aber einige seiner Methoden bildeten herausragende Besonderheiten, die es bis dahin in solcher Form nicht gegeben hatte.

Bereits der Bundestagswahlkampf 1998 stellte durch Vorrang der Kandidaten vor der Partei, Leitung des Wahlkampfes durch professionelle Spezialisten und Bevorzugung der elektronischen Wahlkampfführung vor der unmittelbaren Ansprache der Wähler einen Höhepunkt in der Amerikanisierung der Wahlkampfmethoden dar (OBERREUTER 2001: 27). Während die SPD Ratschläge bei den Wahlkampfteams von Clinton und Blair eingeholt hatte, orientierte sich die CDU an der in den Vereinigten Staaten bewährten Technik von Personalisierung und TV-Fixierung („FAZ“ vom 24.06.1997: 3).

Das Jahr 2002 bot eine noch weitaus stärkere Anlehnung an USamerikanische Strategien. Neben der Intensivierung des Wahlkampfes im Internet wurden zum ersten Mal direkte Fernseh-Duelle zwischen den beiden Spitzenkandidaten veranstaltet.

3.1 Zur Geschichte der TV-Duelle

Fernsehdebatten während Wahlkämpfen gab es in Deutschland bereits vor dem Jahr 2002, wenn auch in anderer Form. Die verbale Auseinandersetzung politischer Gegner vor TV-Kameras ist seit Jahren ein weltweit verbreitetes Instrument im Wahlkampf (MAURER & REINEMANN 2003: 13). In europäischen Nachbarstaaten gab es Fernsehduelle beispielsweise in Frankreich zwischen dem Präsidenten François Mitterand und seinem Herausforderer Jacques Chirac („FAZ“ vom 27.08.2002: 35) oder bereits vor dreißig Jahren in Österreich, zwischen dem Regierungschef Bruno Kreisky und seinem Kontrahenten Josef Taus („FAZ“ vom 09.09.2002: 36). Ihren unmittelbaren Ursprung haben sie in den TV-Duellen der USA.

3.2 Vorläufer des Fernsehens

Das Format der Wahlkampfduelle reicht in den Vereinigten Staaten bis ins Jahr 1858 zurück (MAURER & REINEMANN 2003: 10). Damals wurden die Debatten vor einem großen Publikum ausgetragen5 und es handelte sich um „klassische“, politische, verbale Auseinandersetzungen. Im Verlauf der Debatten mussten die Diskutanten nicht nur ihre argumentativen, sondern auch artikulatorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, da technische Unterstützung in Form von Mikrophonen und Lautsprechern zum damaligen Zeitpunkt noch nicht existierte. Die Verwendung bestimmter artikulatorischer Kenntnisse war daher eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Selbstdarstellung. Die phonetischen Fertigkeiten sollten die politischen Ausführungen in ein akustisch verständliches und rhetorisch wirksames Gewand hüllen.

3.3 TV-Duelle im US-amerikanischen Fernsehen

Mit der Einführung des Fernsehens und dessen schnell steigender Popularität in den USA wurde ein Wahlkampfduell zum ersten Mal 1956 bei Vorwahlen und 1960 erstmalig in einem Präsidentschaftswahlkampf via TV übertragen. Das erste der damals veranstalteten vier Duelle, den sog. Great Debates (TAPPER & QUANDT 2002: 243), zwischen Richard Nixon und seinem Widersacher John F. Kennedy ist unter anderem deshalb in die Geschichte eingegangen, weil Nixon während der Debatte häufig die Stimme versagte.

Zu weiteren Fernsehdebatten im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfes kam es erst 1976 und ab diesem Zeitpunkt wurden sie zu einer beinah obligatorischen Veranstaltung. Da in allen bis dahin ausgetragenen Fernsehdiskussionen die Präsidentschaftskandidaten lediglich Fragen beantworteten, jedoch nie miteinander diskutierten, werden diese Duelle abfällig als „ double public press conference “ bezeichnet (AUER 1962: 147).

Am Beispiel des Duells Nixon vs. Kennedy wird deutlich, dass aus rhetorischphonetischer Sicht das Fernsehen Vor- und Nachteile in sich vereint. Zwar wird den Sprechern durch Einsatz von Übertragungstechnik eine akustische Stütze geboten, die sie stimmlich entlastet, zugleich aber wird nahezu jede ihrer artikulatorischen Unzulänglichkeiten vor dem Publikum entlarvt.

3.4 TV-Duelle im deutschen Fernsehen vor der Wiedervereinigung

Die ersten politischen Fernsehdebatten in Deutschland fanden vor der Bundestagswahl 1969 statt. Sie entsprachen freilich nicht dem Format des US- amerikanischen Duells, an dem zwei politische Gegner beteiligt waren. Es handelte sich vielmehr um Diskussionsrunden von Spitzenvertretern aller im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, die die Bezeichnung „ Elefantenrunden “ erhielten.6

Weitere dieser Fernsehdebatten folgten in den Bundeswahlkämpfen 1972, 1976, 1980, 1983 und 1987 (MAURER & REINEMANN 2003: 13f). Die Sendungen bestanden größtenteils aus zuvor abgesprochenen Fragen, die jeweils an einen der Teilnehmer gerichtet wurden (WEIß 1976: 52, 61f). Dies führte dazu, dass die beteiligten Politiker ihre Redebeiträge nicht nur inhaltlich bis ins Details ausarbeiteten, sondern auch den gesamten Vortrag unter rhetorisch- artikulatorischen Gesichtspunkten einstudieren konnten. Einige wenige Ausnahmen, in denen offene Diskussionen entstanden sind, arteten in gegenseitigen Beschimpfungen aus.7 Aus heutiger, vor allem phonetischer Sicht mag dies interessant erscheinen, unter politisch-medialen Gesichtspunkten der damaligen Zeit aber war es ein Debakel, das heftige journalistische Kritik auf sich zog.

Die deutschen Fernsehdebatten unterlagen nicht nur inhaltlichen, sondern auch formalen Auflagen, wie der Beschränkung der Rededauer pro Thema und Teilnehmer. Bis 1980 wurde die Redezeit der einzelnen Politiker erfasst, um eventuelle Ungleichgewichte am Ende der Sendung noch ausgleichen zu können (MAURER & REINEMANN 2003: 14). Dieses Reglement wurde von den Fernsehsendern aber nicht konsequent eingehalten. In den 1972 veranstalteten Debatten verbuchte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt insgesamt die längste Redezeit für sich (WEIß 1976: 64). Der Grund hierfür lag nicht nur im „Regierungsbonus“ Brandts und der daraus resultierenden Tatsache, dass er der Hauptadressat von Fragen war, sondern in unterschiedlichen Sprechtempi der beteiligten Politiker. Während Franz Josef Strauß eine hohe Sprechgeschwindigkeit aufwies, sprach Willi Brandt am langsamsten.8 Daraus kann man schlussfolgern, dass seitens der Fernsehsender Rücksicht auf die unterschiedlichen Artikulationsverhalten der teilnehmenden Politiker genommen und ihnen mehr Bedeutung beigemessen wurde, als einem starren zeitlichen Gerüst, das langsamere Sprecher benachteiligt hätte.

Das Jahr 1987 markiert das vorläufige Ende der politischen Fernsehdebatten. Die Gründe hierfür waren das sinkende Interesse der Zuschauer (MAURER & REINEMANN 2003: 15) und die veränderte politische Lage in Deutschland. Der Bundeswahlkampf 1990 war aufgrund des Mauerfalls und der Deutschen Wiedervereinigung anders geartet als die vorhergehenden; die mediale Aufmerksamkeit konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt mehr auf die neue, gesamtdeutsche Situation als auf den aus der Vergangenheit bekannten, zwischenparteilichen Wettbewerb.

3.5 TV-Duelle im deutschen Fernsehen nach der Wiedervereinigung

Zur ersten Fernsehdebatte nach 1987 und gleichzeitig zum ersten tatsächlichen TV-Duell kam es 1996 vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg 1996. Zwei Jahre später duellierten sich der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder und sein Herausforderer Christian Wulff (der 1998 erneut ein Duell gegen den Schröder-Nachfolger Sigmar Gabriel in Niedersachsen bestritt).

Zu einem Duell auf der Bundesebene kam es jedoch nicht: der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl lehnte die Herausforderung Schröders im Wahlkampfjahr 1998 ab (MAURER & REINEMANN 2003: 15). Erst 2002 wurden auf Bundesebene zwei TV-Duelle zwischen Gerhard Schröder und seinem Herausforderer Edmund Stoiber veranstaltet.

3.6 TV-Duelle 2002

Die beiden Fernsehdebatten fanden am 25. August und 8. September 2002 in einem speziell dafür errichteten Studio (URL: http://morgenpost.berlin1.de/ archiv2002/020825/wirtschaft/story544216.html) auf dem ehemaligen DDRFernsehgelände im Ostberliner Stadtteil Adlershof statt. Es handelte sich um zwei je 75-minütige Live-Sendungen, die von SAT.1 und RTL bzw. ARD und ZDF ausgestrahlt und von jeweils zwei Journalisten moderiert wurden.

Die Organisation der Duelle, wie Kulisse, Kameraführung, Diskussionsregeln und Themen, wurde zwischen den Verantwortlichen der SPD- und CDU- Wahlkampfzentralen sowie den Sendeanstalten bis ins kleinste Details ausgehandelt, nichts wurde dem Zufall überlassen (URL: http://www.n-tv.de/ 3059971.html).

Die vereinbarten Regeln, die die mündliche Auseinandersetzung unmittelbar betrafen, sind hier von besonderem Interesse, da sie möglicherweise Auswirkungen auf einige phonetische Aspekte entfalteten.

So wurde bestimmt, dass jede Frage in höchstens 90 Sekunden zu beantworten sei. Mittels eines am Rednerpult angebrachten Lichtes sollte den Kandidaten zehn Sekunden vor Ablauf ihrer Redezeit ein optischer Hinweis gegeben werden. Bei Überschreitung der Redezeit war eine Unterbrechung durch die Moderatoren erlaubt (URL: http://www.abendblatt.de/daten/ 2002/08/24/61435.html). Nach jeder Frage waren bis zu vier journalistische Nachfragen möglich („Der Spiegel“ 33/2002: 62), für deren Beantwortung den Kandidaten 60 Sekunden zur Verfügung standen. Für jedes Thema waren maximal sieben Minuten vorgesehen. Wortwechsel zwischen den Politikern waren offiziell nicht vorgesehen. Beide Diskutanten verfügten über ein elektronisch geführtes Zeitkonto, um eine möglichst gleiche Rededauer pro Frage sowie Gesamtsprechdauer am Ende der Sendung zu gewährleisten („Frankfurter Rundschau“ vom 27.08.2002: 2).

Dieses Regelwerk führte im Duell vom 25. August zu einer Atmosphäre, die „ so steril ist wie in einem Operationssaal “ (URL: http://www.phoenix.de/ ereig/exp/11235/), was Kritik aus den Medien und der Wissenschaft hervorrief (URL: http://www.grimme-institut.de/scripts/archiv/schriften/duell_fr.html). Als Reaktion darauf wurden die Regeln im Duell vom 8. September von den Moderatorinnen großzügiger ausgelegt (MAURER & REINEMANN 2003: 43). In der Presse war die Rede vom „ Endspiel “ („FAZ“ vom 27.08.2002: 1). Das Resultat waren einige kontroverse Wortwechsel zwischen Schröder und Stoiber. Das zweite Duell erscheint daher für eine phonetische Analyse interessanter.

Schröder und Stoiber hatten in der Vergangenheit reichlich Erfahrung im Umgang mit Fernsehkameras und politischen Debatten sammeln können. Es ist bei beiden Politikern von einer entsprechenden Professionalität auszugehen. Die TV-Duelle waren aufgrund der ihnen nachgesagten Wahlwirkung, insbesondere auf unentschlossene Wähler („Stern“ 35/2002: 134), für beide Seiten von erheblicher Bedeutung. Vor dem wahltaktischen Hintergrund und in Anbetracht der Anlehnung an US-amerikanische Wahlkampfstrategien (OBERREUTER 2001: 27) kann man annehmen, dass Schröder und Stoiber ihre Auftritte trainiert haben; genauere Informationen sind hierzu nicht erhältlich.9 In den USA zumindest wird die Vorbereitung der Diskutanten von sog. debate coaches “ durchgeführt, die eine Debatte bis ins kleinste Detail einüben (URL: http://www.politprofi.de/Debatten.html). Diese Unterweisungen beinhalten Erkenntnisse aus der Wirkungsforschung, darunter Erfahrungen zu Punkten wie Blickkontakt, Mimik, Gestik und situativer Sprechweise. Der letztgenannte Aspekt ist im Hinblick auf unterschiedliche Debattenteile und verschiedene, oft emotionsbesetzte Themen von nicht unerheblicher Tragweite.

Trotz fehlender Angaben zur Art der Vorbereitung Schröders und Stoibers lassen sich Schlussfolgerungen aus dem Duell-Reglement gewinnen. Die Begrenzung der Redezeit erforderte die Fähigkeit, relativ kurze, inhaltlich verständliche und artikulatorisch klare Äußerungen zu produzieren - kein leichtes Unterfangen in der Gewissheit, vor einem Millionenpublikum zu sprechen. Aus phonetischer Sicht stellten diese Beschränkungen nicht nur eine Verzerrung der Realität dar (da Politiker üblicherweise dazu neigen, sich nur ungern in ihrem Redefluss unterbrechen zu lassen), sondern ein psychologisches Bedrängnis, das sich z.B. auf die Sprechgeschwindigkeit ausgewirkt haben könnte.

Das relativ starre Regelkorsett bot zugleich aber den Vorteil der inhaltlichen und akustischen Überschaubarkeit. Dadurch wird eine Unterteilung des Duells möglich. Im Rahmen einer groben Gliederung lassen sich eine Einleitung zu Wahlkampf 2002: Personalisierung und Fernsehkonzentrierung Beginn, zahlreiche Angriffe und Defensiven im Hauptteil sowie ein Statement zum Schluss erkennen.

3.7 Mediale Darstellung der Politiker als Redner

Der Publizistikwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger behauptet, der allgemeine Eindruck bei den Zuschauern werde weniger durch Sachargumente geprägt, als vielmehr durch Gestik, Mimik und Sprechweise. Er führt ein phonetisches Beispiel vor, anhand dessen man die Zuhörer beeinflussen könne. Wird die Stimme am Ende eines Satzes gesenkt, so signalisiere das Sicherheit und den logischen Abschluss einer Aussage. Hebt sie sich, öffne „ der Redner damit der Gegenargumentation des Gesprächspartners Tür und Tor “ („FAZ“ vom 24.08.2002: 2).

Das Magazin „Die Zeit“ erstellte eine Art rhetorische Beurteilungshilfe vor dem 1. TV-Duell („Die Zeit“ 35/2002: 11), anhand derer die Zuschauer in die Lage versetzt werden sollten, das Verhalten und die Sprechweise der Diskutanten beurteilen zu können. Es handelte sich dabei allenfalls um einzelne und zudem verallgemeinernde Beispiele, die auf psychologischen, soziologischen und phonetischen Erkenntnissen beruhten. Eine effektive und präzise Analyse des Gesehenen und Gehörten war damit nicht möglich.

Daneben war die gesamte Aufmachung der beiden Fernsehsendungen eine Inszenierung, was bereits am Titel deutlich wird. Der Begriff „Duell“ suggeriert, dass am Ende ein Sieger feststünde und ein Verlierer „erledigt“ zurückbleiben würde. Die Entscheidung, wer eine Debatte für sich entschieden hat, trafen ohnehin die zahlreichen Pressevertreter und ausgewählten „Experten“. Auf diese Weise war die Bildung einer öffentlichen Meinung hauptsächlich von der journalistischen Einschätzung abhängig.

3.7.1 Mediale Darstellung Schröders

Schröder wird in den Medien häufig als politischer Spieler beschrieben: „ von schneller Auffassung, flexibel, pointiert, charmant - und flatterhaft “ („FAZ“ vom 10.09.2002: 1). Er gilt als „Medienkanzler“, der über Intuition, Entschlossenheit sowie Selbst-, Macht- und Instinktsicherheit verfügt („FAZ“ vom 22.08.2002: 2). Dazu gehöre seine Eloquenz („Frankfurter Rundschau“ vom 26.08.2002: 3). Der Politiker verfüge über eine Rhetorik, die sich in Gesprächen und Vorträgen gleiche, weshalb es ihm leicht falle, in allen Situationen sprachgewandt zu sein. Er spreche langsam und nutze Pausen effektiv, um das Gesagte wirken zu lassen („Welt am Sonntag“ vom 25.08.2002: 7). Schröder laufe dann zu seiner Hochform auf, wenn ihm die Gelegenheit geboten werde, „ die Atmosphäre mit einem Sp äß chen aufzulockern “ („FAZ“ vom 27.08.2002: 1). Zudem wird ihm - durch diverse Umfragen bestätigt - größere Sympathie gegenüber seinem bayerischen Herausforderer zugestanden.

3.7.1.1 Mediale Darstellung Schröders nach dem 1. TV-Duell

Schröder wurde nach dem 1. TV-Duell vorgeworfen, in mehreren Situationen nervös und weniger locker als sonst gewesen zu sein („FAZ“ vom 27.08.2002: 2). Er sei zudem mürrisch und schlecht vorbereitet gewesen. Es gab Stimmen, die ihm Nachhinein ein offensiveres Verhalten von ihm erwartet haben. Die negativen Meinungen wurden seitens der Presse auf das notariell beaufsichtigte Regelwerk zurückgeführt, das von den beiden männlichen Moderatoren strikt angewendet worden sei. Dadurch habe Schröder keinen Raum für Spontaneität und zur Ausspielung seiner medialen Überlegenheit erhalten („FAZ“ vom 27.08.2002: 1). Der Politiker habe sich anschließend mehr Gelegenheit zur direkten Intervention gewünscht („Frankfurter Rundschau“ vom 27.08.2002: 1). Das vermeintlich schlechtere Abschneiden des Kanzlers sei zudem durch die Voreingenommenheit der meisten Zuschauer zustande gekommen, Schröder werde besser abschneiden als Stoiber („FAZ“ vom 24.08.2002: 2).

3.7.1.2 Mediale Darstellung Schröders nach dem 2. TV-Duell

Schröders Verhalten in der zweiten Fernsehauseinandersetzung wurde dagegen gelobt. Dem Politiker sei es gelungen, sich so zu präsentieren, wie auch sonst („FAZ“ vom 10.09.2002: 38). Er habe an diesem Abend die „ vertraute Rolle des Kanzlerdarstellers zurückgefunden “ und sei verständlicher sowie konzentrierter gewesen („Süddeutsche Zeitung“ vom 10.09.2002: 3). Schröder habe einen Mittelweg zwischen staatsmännischer Zurückhaltung und Angriffslust gesucht, habe dabei ruhiger und selbstsicherer als Stoiber gewirkt („Frankfurter Rundschau“ vom 09.09.2002: 1, 3). Von Seiten der Union sei zu hören gewesen, dass der Kanzler präsenter, also schlagfertiger gewesen sei, während Stoiber lediglich ein Unentschieden erreicht habe („Frankfurter Rundschau“ vom 10.09.2002: 2).

3.7.2 Mediale Darstellung Stoibers

Stoiber wird in der Presse als steif („FAZ“ vom 28.08.2002: 2), etwas unbeholfen und stimmungstötend beschrieben („Frankfurter Rundschau“ vom 26.08.2002: 3). Ihm haftet das Bild eines Verwaltungsmenschen an, der fleißig, diszipliniert, kompetent aber auch trocken ist („FAZ“ vom 10.09.2002: 1). Seine Fähigkeiten als Redner und Rhetoriker liegen nach Einschätzung der Medien unter denen Schröders („Stern“ 35/2002: 137). So brachte ihm sein im Frühjahr 2002 absolvierter Auftritt in der Sendung von Sabine Christiansen Kritik und Spott ein: Stoibers verbale Präsenz wurde mit dem schriftlichen Unvermögen eines Legasthenikers verglichen („FAZ“ vom 10.09.2002: 3). Der Politiker wird in den Printmedien als ein schnell artikulierender, stotternder und für zahlreiche Häsitationen bekannter Sprecher dargestellt („Süddeutsche Zeitung“ vom 27.08.2002: 3; 17), wodurch er mit dem höhnischen Spitznamen „ Big Ä h Edi “ bedacht wurde („Stern“ 36/2002). Stoiber falle das freie Reden schwer, da er ein Vortragsredner sei. Vorformulierte Aussagen gestalte er dagegen durch präzise und richtig betonte Äußerungen. Dahinter stecke kein Charisma, sondern viel Fleiß („Welt am Sonntag“ vom 25.08.2002: 7). Fand ein Auftritt statt, bei dem es ihm gelungen ist, diese sprachlichen Unzulänglichkeiten relativ unauffällig zu halten, war es Thema in Nachrichten.

Darüber hinaus wird Stoiber nachgesagt, seine Gedanken nicht in kurzen Äußerungen darlegen zu können und stattdessen endlose Bandwurmsätze von sich zu geben („Süddeutsche Zeitung“ vom 27.08.2002: 43). Die an der Organisation der Duelle beteiligten SPD-Politiker Anda und Machnig hätten angeblich deshalb auf den strikten zeitlichen Regeln bestanden, weil sie Stoiber nicht zutrauten, er könne seine Aussagen auf den verabredeten Zeitrahmen begrenzen („FAZ“ vom 27.08.2002: 3). Auch beherrsche er nicht wie Schröder den Umgang mit Medien. Stoiber wird vorgeworfen, er sei in seiner Rolle als Kanzlerkandidat nicht authentisch und würde schauspielern („FAZ“ vom 22.08.2002: 2).

3.7.2.1 Mediale Darstellung Stoibers nach dem 1. TV-Duell

Stoibers Auftritt im 1. TV-Duell wurde von der Presse überwiegend positiv bewertet. Der Politiker habe souverän gewirkt („FAZ“ vom 10.09.2002: 3), wenn auch seine Gestik und sein Kommunikationsverhalten einen befremdlichen Eindruck hinterlassen hätten („Süddeutsche Zeitung“ vom 10.09.2002: 3). Vermutlich habe auch die Erwartung, er sei Schröder rhetorisch völlig unterlegen, zu dem überraschenden Ergebnis geführt („FAZ“ vom 27.08.2002: 31). Das relativ starre Regelwerk habe Stoiber vermutlich geschützt, weil er nicht zu spontanen Rededuellen mit Schröder gezwungen gewesen sei („Süddeutsche Zeitung“ vom 27.08.2002: 43). Das war auch womöglich der Grund, dass er über weite Strecken der Diskussion „ die aufgeregte Hektik und viele Verhaspler “ vermieden habe („Frankfurter Rundschau“ vom 29.08.2002: 4).

3.7.2.2 Mediale Darstellung Stoibers nach dem 2. TV-Duell

Das Verhalten des bayerischen Ministerpräsidenten in der zweiten Fernsehauseinandersetzung wurde als „ rhetorisches Mäusetennis “ bezeichnet und unter dem des ersten Duells bewertet („Süddeutsche Zeitung“ vom 10.09.2002: 4). Stoiber habe viel geredet und zwischendurch nervös gewirkt („Frankfurter Rundschau“ vom 09.09.2002: 3). Das habe sich auf die Präzision und Vollständigkeit seiner Artikulation nachteilig ausgewirkt. Anschließend sei zwar von seinem Berater Michael Spreng versucht worden, das als bayerische Spracheigenheit zu deuten, was aber in der Presse als die „ spezifische Stoibersche Sprachbeschleunigung auß erhalb der rhetorischen Fahrbahn “ bezeichnet worden sei („Süddeutsche Zeitung“ vom 10.09.2002: 3).

4 Theoretische Grundlagen

4.1 Verzögerungsphänomene

Während des spontanen Sprechens treten vor Erreichen eines Abschlusses häufig Kontinuitätsstörungen auf, die den Redefluss unterbrechen bzw. verzögern. Zu den Verzögerungsphänomenen gehören Pausen, Häsitationen und Sprechstörungen (CRYSTAL & QUIRK 1964; MAHL 1959; zitiert nach HELFRICH 1973: 31). Die in dieser Arbeit vorgenommene scharfe Trennung der ersten beiden Begriffe erfolgt bewusst in der Absicht, eine möglichst verständliche theoretische Erläuterung und Unterscheidung sowie Untersuchung beider Phänomene vornehmen zu können.

4.1.1 Pausen

4.1.1.1 Definition

Es existieren zahlreiche phonetische Erklärungen dessen, was als Pause verstanden werden soll.

Als Pause benennt man allgemein das Nicht-Lautliche, die Stille (KOHLER 1995: 13). Unter artikulationsphonetischen Gesichtspunkten wird darunter ein wahrnehmbares und meist auch akustisch feststellbares Resultat vorübergehender, ganzer oder teilweiser Artikulationspassivität (DROMMEL 1974: 2) definiert. Pausen lassen sich daher als Unterbrechungen des Artikulationsstromes oder als Zeitabschnitte der Sprechruhe (VON ESSEN 1979: 220) bezeichnen. Ebenso werden Pausen als die Intervalle innerhalb des Sprechvorganges charakterisiert, „ in denen für eine perzeptuell oder instrumentell erfasste Mindestdauer keine Artikulation einer bestimmten Mindestintensität zu beobachten ist “ (KOWAL 1991: 34).

Daran knüpft die signalphonetische Beschreibung an, die in der Pause die Abwesenheit eines akustischen Signals bzw. dessen Absetzen im physikalischen Sinne sieht (KOHLER 1995: 16). Daneben lassen sich in der Literatur Begriffe wie Signallücke (POMPINO-MARSCHALL 1995: 238) und stumme Schallform (NEPPERT 1999: 92) finden.

Ebenfalls unter Pausen werden in einigen Publikationen „ hesitation pauses “ subsumiert (z.B. CRYSTAL 1991: 253). Diese „gefüllten Pausen“ werden an dieser Stelle bewusst nicht als Pausen definiert, da sie dem oben dargelegten Kriterium der Abwesenheit eines akustischen Signals widersprechen.

Der auditiven Wahrnehmung einer Pause muss aber nicht zwangsläufig eine solche zugrunde liegen. Durch die präpausalen Längung, die eine lokale Verlangsamung der Sprechgeschwindigkeit darstellt, entsteht der subjektive Eindruck einer Pause, ohne dass eine „Signallücke“ vorliegt (POMPINO- MARSCHALL 1995: S. 237).

4.1.1.2 Phonetischer Aufbau

Aufgrund der artikulatorischen Passivität ist es schwierig, bei Pausen von einem „phonetischen Aufbau“ zu sprechen. LOCAL & KELLY (1986: 195) unterscheiden zunächst zwischen Einheiten internen Halte- und beendende Auslauf-Pausen. Erstere werden anhand eines gehaltenen Glottalverschlusses angekündigt, der erst mit der Artikulation des nächsten Lautes nach einer solchen Pause gelöst wird. Ferner werden die Laute der so angeschlossenen Fortführung der Einheit häufig hinsichtlich ihres präzisen Artikulationsortes an den Laut vor der Halte-Pause assimiliert. Der gehaltene Glottalverschluss kündigt die Fortsetzung der begonnenen Einheit, was auch durch die Assimilation retrospektiv signalisiert wird.

Mit den beendenden Auslauf-Pausen wird keine Fortsetzung projektiert, sondern eine Grenze bzw. ein Ende der Einheit angezeigt. Diese Pausen sind durch ein hörbares Ausatmen ohne Glottalverschluss, oftmals zentralisierte Vokale sowie leisere und langsamere Sprechweise in den auslaufenden Konjunktionen gekennzeichnet. Darüber hinaus beginnt der Sprechakt nach der Pause mit artikulatorischen Brüchen, d.h. die nächsten Laute werden nicht projektiert (LOCAL & KELLY 1986; zitiert nach SELTING 1995: 51/52).

4.1.1.3 Funktionen

Pausen stellen als Gliederungsmerkmal einen entscheidenden Bestandteil des Sprechaktes dar. Sie erfüllen mehrere, zum Teil simultane Aufgaben.

Primäre Biologische Funktionen

Eine wichtige Funktion der Pausen besteht in der Atmung. Durch Atmung motivierte Pausen werden als Atempausen bezeichnet (HEILMANN & KÜNZEL 2001: 177).

Pulmonal-Inspiratorische Funktionen10

Die Voraussetzung für die Phonation, d.h. die kontrollierte Stimmtonerzeugung, ist die Atmung (POMPINO-MARSCHALL 1995: 31). Das Einströmen von Luft in die Lungen ermöglicht die myoelastisch-aerodynamischen Phonationsvorgänge im Kehlkopf und das Aufrechterhalten eines konstanten mittleren atmosphärischen Überdrucks unterhalb der Stimmlippen (KOHLER 1995: 42f). Im Gegensatz zum Ausatmen, das parallel zum Sprechvorgang verläuft, ist ein simultanes Einatmen und Sprechen aus physiologischen Gründen nahezu unmöglich.11 Pausen im Sprechvorgang sind daher unumgänglich. Sie werden genutzt, um den aufgrund des Sprechens entstandenen Luftverlust und Druckunterschied durch Einströmen von Luft auszugleichen.

Pulmonal-exspiratorische Funktion

Neben der Nutzung von Pausen zur Einatmung können diese aber auch zur Ausatmung genutzt werden (DROMMEL 1974: 15). Dies tritt in einem Sprechakt aufgrund der oben dargestellten Simultanität von Sprechen und Ausatmen recht selten auf.

Sekundäre Biologische Funktionen Speichelregulierende Funktion

Das Speichelsekret schützt den Mund-Rachenraum vor Austrocknung und macht ihn beim Sprechen gleitfähig. Die Produktion dieses Sekrets variiert im Tagesverlauf und ist von Reizen und Sinneswahrnehmungen abhängig. Um ein Gleichgewicht an Speichelmenge und -Verteilung bei langem und intensivem Sprechen zu erreichen, bedient man sich der Pausen. Diese Unterbrechung der Artikulation wird dazu genutzt, um einen Schluckvorgang auszuführen. Bei Speichelmangel wird die Oberfläche der Mundhöhle mit einer dünnen Schicht des Sekrets überzogen, wodurch die Gleitfähigkeit verbessert wird. Bei Speichelüberfluss hingegen wird ein Teil der Flüssigkeit in den Verdauungstrakt geleitet.

Andere biologische Funktionen

Es lassen sich weitere körperliche Faktoren aufzählen, die in der Lage sind, den Sprechvorgang zu unterbrechen. Es kann sich dabei um momentan auftretende Störungen handeln, wie z.B. kurzfristige Über- oder Unterproduktion des Speichelsekrets, Kloßgefühl, Räusperzwang, Niesen, Schluckauf oder Gähnen (DROMMEL 1974: 16). Auch dauerhafte stimmliche Fehl- und Hyperfunktionen (HABERMANN 1986: 204f) können die Ursache für Unterbrechungen des Sprechvorganges sein.

In den o. g. Fällen werden Pausen als bewusst initiierte Maßnahmen eingesetzt, um beispielsweise durch Abhusten oder Räuspern die Missempfindung zu beseitigen, oder sie erfolgen als natürliche Reaktion auf einen Stimulus.

Die Pausenfunktion könnte ferner auf nichtsprachliche Lautäußerungen wie Weinen und Lachen ausgedehnt werden, wenn man die signalphonetische Definition außer Acht lässt und Pausen lediglich als Unterbrechungen des eigentlichen Artikulationsstromes betrachtet. Zudem können Gefühlsregungen, wie Zorn oder Überraschung, ihren Ausdruck in Pausen finden (VON ESSEN 1979: 220).

Phrasierungsfunktion

Jedem Sprachakt liegen bestimmte Gliederungsmuster zugrunde, die die Bedeutungsdifferenzierung sicherstellen sollen (NEPPERT 1999: 291). Pausen sind dabei eines von mehreren Mitteln der Zeitstrukturierung (KOHLER 1995: 192).

Aufgrund der Komplexität des Sprechvorganges ist eine allgemeingültige Zuordnung von Pausen in klar abgegrenzte sprachliche Ebenen nicht möglich.12 KOHLER (1995: 194) merkt an, dass die prosodische und syntaktische Gliederung getrennte Systeme sind, die sich gegenseitig unterstützen, aber auch getrennt voneinander agieren können.

Die hier vorgenommene Darstellung und Beschränkung auf drei Hauptebenen hat daher lediglich Übersichtscharakter.

Prosodische Funktion

Prosodische Merkmale der gesprochenen Sprache werden erst dann nachweisbar, wenn ein Vergleich mit den vorangehenden und/oder nachfolgenden Teilen eines Signals stattfindet (NEPPERT 1999: 155f) . Nur durch diese Verbindung erhalten sie eine sprachliche Funktion. Die zur Prosodie gehörende Intonation wird unter anderem durch Pausen bestimmt.

Aufgrund des im Verlauf einer Intonationseinheit sinkenden Lungenluftdrucks fällt die Frequenz der Glottiszyklen und somit auch die Grundfrequenz. Durch den Einschub von Pausen und die damit zusammenhängende Einatmung wird ein Intonationsneuensatz mit höherer Grundfrequenz ermöglicht. Aus dem Verlauf der sinkenden und steigenden Grundfrequenz entstehen Tonhöhenveränderungen, die als Melodie das wichtigste Element der Intonation bilden. Diese Erklärung berücksichtigt auch die Tatsache, dass ein intonatorischer Neueinsatz auch ohne Pausen möglich ist. KOHLER (1995: 194) präzisiert diese Aussage, indem er anmerkt, dass Pausen einen intonatorischen Neueinsatz verstärken können.

POMPINO-MARSCHALL (1995: 237) führt eine andere prosodische Möglichkeit der Pausenfunktion an. Er behauptet, dass einzelne Phrasierungseinheiten durch wahrnehmbare Grenzsignale dem Gehör als Einheiten zugänglich sind. Diese sog. Junktoren13, d.h. Erscheinungen, die eine abgrenzende Funktion haben, werden aber selten durch echte Pausen, also durch das Fehlen eines akustischen Signals über einen bestimmten Zeitabschnitt, bestimmt.

Syntaktische Funktion

Die syntaktische Gliederung des Lautkontinuums dient der besseren Identifizierung der darin übermittelten Informationen sowie der Segregation nach Inhalt und Relevanz. Sie stellt zudem ein Abbild der orthographischen Konventionen dar. Pausen lassen sich nach ihrer Position einordnen, d.h. entweder in syntaktische und nicht-syntaktische Pausen (DROMMEL 1974: 39). Eine weitergehende Unterscheidung ist in verbindende und abgrenzende bzw. Innen- und Endpausen möglich.

BUTCHER (1975: 170f) sieht in Pausen das Ergebnis des Zusammenwirkens von akustisch beschreibbaren Faktoren mit anderen phonologischen und grammatikalischen Erscheinungen. Er bewegt sich dabei nicht nur auf der signalphonetischen Funktionsebene, sondern verknüpft diese mit phonologischen und syntaktischen Fragestellungen. Nach DROMMEL signalisieren syntaktisch motivierte Pausen entweder syntaktische Bindungen oder Grenzen. Bereits MARTIN (1967; zitiert nach DROMMEL 1974: 13) zeigte auf, dass Pausen die Bedeutung eines phonologischen und syntaktischen Einschnittes haben können. ABERCROMBIE (1968: 98; zitiert nach DROMMEL 1974: 11) misst Pausen wenig Bedeutung bei. Er sieht darin ein idio- synkratisches Phänomen, das syntaktisch irrelevant ist und von Sprecher sowie Hörer kaum wahrgenommen wird. DROMMEL (1974: 8) stellt fest, dass Pausen dort realisiert werden können, wo sie vom Hörer aufgrund ihrer phonetisch- linguistischen Norm, beispielsweise an makro-syntaktischen Grenzen, erwartet werden.

Semantisch-lexikalische Funktion

Die lautsprachliche Kommunikation vollzieht sich nicht in voneinander abtrennbaren Wörtern, sondern in einem wechselseitigen Redefluss (KOHLER 1995: 23). Pausen treten VON ESSEN (1979: 220) zufolge nach der Beendigung sprachlicher Phrasen, die denkinhaltlich in sich abgeschlossen sind. Sie werden vom Sprecher genutzt, um die folgende Phrase zu entwerfen. NEPPERT (1999: 291) wendet ein, dass phonetische Erscheinungen des Satzes und höherer Redeeinheiten vom Sprecher in den wenigstens Fällen bewusst wahrgenommen werden. Während der Hörer aus dem gesamten Sprechakt und dem darin enthaltenen Lautkontinuum Merkmale sucht, mit denen er in die Lage versetzt wird, die semantischen Inhalte zu identifizieren, folgt der Sprecher aufmerksam dem semantischen Inhalt seiner Äußerung. Die inhaltliche Dekodierung bzw. die Informationsgewinnung aus dem Sprechakt ist nur dann möglich, wenn der Sprechschall so strukturiert ist, dass seine hörbaren Muster den auditiven Formvorstellungen des Hörers genügen. Die strukturierenden Merkmale, sog. prosodische Phrasierungsmarken, werden nach KOHLER (1995: 191f) semantisch gesteuert. Die sinngemäße, die thematische Abgrenzung der Gedanken berücksichtigende Gliederung der Äußerungen ist mit den zu übermittelnden lexikalischen Inhalten verknüpft bzw. von ihnen abhängig. Die Phrasierungssetzung macht sich beispielsweise zwischen koordinierten und subordinierten Sätzen und an der aus der Rechtschreibung bekannten, Aussagen ordnenden Interpunktion bemerkbar. Eine Funktion der semantischen Unterstützung ist ebenfalls möglich, indem Unterbrechungen als Betonungsmittel bzw. Element, mit dem die Wirkung von Informationen verstärkt werden soll, eingesetzt werden. Pausen zählen aufgrund ihrer lautkontinuumbrechenden Eigenschaft zu den prosodischen Mitteln, mit denen eine semantische Gliederung in ein Thema und eine Aussage darüber ermöglicht wird (KOHLER 1995: 194). MACLAY & OSGOOD (1959; zitiert nach HELFRICH 1973: 23) sehen in der Notwendigkeit semantischer Entscheidungen die Verantwortung für das Auftreten von Pausen. Danach sind Pausen häufiger vor Inhalts- als vor Funktionswörtern zu finden.

Pausen lassen sich unter semantisch-lexikalischer Betrachtung auch als Planungseinheiten definieren. Dieser Aspekt wird aus Darstellungsgründen im Folgenden beschrieben.

Andere Theorien zur Funktion

Es existieren noch andere Erklärungsmodelle der Pausenfunktion, die über die phonetisch-phonologische Typisierung hinausgehen oder disziplinübergreifender Natur sind. Häufige Erläuterungen des Pausenphänomens findet man in Untersuchungen, die die psychologischen Komponenten des Sprechvorganges berücksichtigen.

Aus psycholinguistischer Sicht stellen Pausen in den meisten Fällen Planungseinheiten dar. Diese Planungseinheiten sind konzeptuelle Ideen, die noch nicht sprachlich sind, aber in Sprache übersetzt werden können (KOWAL 1991: 71). HEILMANN & KÜNZEL (2001: 176) erkennen in freiem Sprechen eine Planungskomponente, von der u. a. das Pausenverhalten abhängt. Sie sprechen daher von der Planungspause. Wenn während der Realisierung einer einleitenden lautlichen Sequenz der Ton- und Satzrahmen für den weiteren Fortgang des Sprechvorganges offen bleibt, vollzieht das Sprachdenken die Planung und Ausarbeitung des weiteren Sinnschrittes. Dieser Prozess setzt sich fort, bis der vollständige Ausspruchssinn artikuliert worden ist. Aus diesem Grund nimmt die Pausenhäufigkeit mit dem Anspruch der Formulierung und dem Denkaufwand zu (HEILMANN & KÜNZEL 2001: 172, 175).

HEGEDÜS stellte fest, dass Pausen elementare Bestandteile in bedeutenden Abschnitten sprachlicher Äußerungen darstellen. Folglich sind sie beim Prozess des Verstehens ebenso wichtig (HEGEDÜS 1953: 33; zitiert nach KÜNZEL 1974: 10). GOLDMAN-EISLER (1958: 96; zitiert nach KOWAL 1991: 75) sieht in Pausen, sofern sie innerhalb eines Satzes auftreten, Manifestationen der Ungewissheit, die entsteht, wenn die Entscheidung über das nächste Ereignis eine Auswahl erfordert. Danach machen Sprecher manchmal Pausen, um nach einem passenden Wort zu suchen. Es handelt sich dabei entweder um die Wahl zwischen mehreren Lexemen und die Suche nach einem speziellen Lexem, wie z.B. einem Namen (KOWAL 1991: 76).

Die sprachliche Gliederungsfunktion der Pausen erstreckt sich auf die Ebene der Informationsverarbeitung im Gehirn. Pausen erhöhen die Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses während einer Sprechhandlung. Dabei wird das Gesprochene phonetisch gegliedert, damit eine Bündelung der Botschaften zwecks effektiverer Informationsaufnahme und -verarbeitung besser gelingt.

[...]


1 Zur Definition von Medien siehe PROKOP (2001: 10f).

2 Auch in FOUCAULTS (1997: 37, 59, 92f) diskursiver Machtkonzeption stellt das Sprechen ein konstitutives Element der Macht dar.

3 Zu den unterschiedlichen Definitionen der Rhetorik vgl. GEIßNER (1986: 11f).

4 Auch Plakate mit stark reduziertem schriftlichen Gehalt wiesen zumindest ein Mindestmaß von Schrift auf, um die Erkennung des Urhebers zu gewährleisten (vgl. GRIESWELLE 1972: 24).

5 Das erste Duell stellte eine Debatte zwischen Abraham Lincoln und Stephan Douglas zu einem einzigen Thema dar, der Zukunft der Sklaverei.

6 Unter den offiziellen Bezeichnungen wie „Deutschland vor der Wahl“, „Journalisten fragen - Politiker antworten“ oder „Drei Tage vor der Wahl“ fanden mehrere Debatten statt, die aufgrund der Teilnahme sog. politischer Schwergewichte als „Elefantenrunden“ bezeichnet wurden.

7 So z.B. die Sendung „Drei Tage vor der Wahl“ im Jahr 1980 mit den daran teilnehmenden Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher (“Der Spiegel“ 42/1980: 278).

8 Genaue phonetische Messungen hat WEIß (1976) nicht vorgenommen. Es handelte sich vielmehr um einen Vergleich der textlichen Länge der Diskussionsbeiträge aller beteiligten Politiker.

9 Während Schröder angab, keinerlei Vorbereitungen benötigt zu haben, war von Seiten Stoibers zu erfahren, dass er den ehemaligen „Ran“- und „Beckmann“-Redakteur Boris Starck sowie den früheren „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Michael Spreng zu Rate zog (“Stern“ 35/2002: 137).

10 Es existieren mehrere Untersuchungen, die sich mit der So z.B. JESPERSEN (1904), JONES (1949), HEGEDÜS (1953), HENDERSON ET. AL (1965), LIEBERMAN (1967), ADAMS & MUNRO (1973) oder GROSJEAN & COLLINS (1979).

11 Beim Versuch, während des Einatmens zu sprechen, würde der von oben bzw. außen hereinfließende Luftstrom die in adduzierter (=geschlossener) Stellung befindlichen Stimmlippen zusammen pressen, anstatt sie von unten zu sprengen. Das Resultat wäre eine verzerrt klingende, unnatürlich wirkende Stimme, die rasch ermüden würde und deren Modifikationsfähigkeit gering wäre.

12 Man bedenke beispielsweise die grundlegenden Schwierigkeiten bei der Trennung zwischen Phonetik und Phonologie. Eine weitergehende Kategorisierung anhand unterschiedlicher phonetisch-phonologischer und grammatischer Beschreibungssysteme würde nicht nur den Rahmen sprengen, sondern auch die inhaltliche Zielsetzung dieser Arbeit verfehlen.

13 POMPINO-MARSCHALL (1995: 237) spricht von “Junktoren”. In der Literatur ist aber die Bezeichnung „Junktur“ geläufiger.

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Kommunikation im Wahlkampf: Phonetische Merkmale des politischen Diskurses
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
155
Katalognummer
V35832
ISBN (eBook)
9783638356374
Dateigröße
901 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des zweiten TV-Duells zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber aus dem Bundestagswahlkampf 2002 mit einer historischen Darstellung der Entwicklung von Fernsehduellen, Zusammenfassung der Sprechstilbeschreibungen der beiden Politiker in den Printmedien, Analyse phonetischer Merkmale der Kanzlerkandidaten, Charakterisierung der Sprechstile der Kontrahenten und einem anschließenden Vergleich der rhetorischen Wirkung.
Schlagworte
Sprachliche, Kommunikation, Wahlkampf, Phonetische, Merkmale, Diskurses
Arbeit zitieren
Arkadius Neumann (Autor), 2004, Sprachliche Kommunikation im Wahlkampf: Phonetische Merkmale des politischen Diskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35832

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