Ethik ist der kritische Teil des sittlichen Denkens, welcher sich damit befassen muss, ob moralische Grundsätze und Überzeugungen einer Gesellschaft der Zeit angemessen sind oder aber, ob der gesellschaftliche Ethos überhaupt eine Berechtigung hat als moralisch angesehen zu werden. Diese kritische Hinterfragung, die sich letztendlich auf die allgemein üblichen Handlungsweisen der Menschen bezieht, kann allerdings höchst unterschiedlich ausfallen, je nachdem, nach was genau gefragt wird. Unterschiedliche ethische Ansätze, werden auch immer unterschiedliche Antworten hervorbringen.
Richtet der Utilitarismus (z.B.) sein Augenmerk allein auf den Nutzen den eine Handlung hervorzubringen vermag, so wenden sich andere ethische Prinzipien eher der Handlung selbst zu und hinterfragen die Verallgemeinerungsfähigkeit der Handlungen, ohne auf deren Absichten oder Folgen zu schauen. Verallgemeinerung von Handlungen, besagt nun, dass eine einmal gefundene ethisch korrekte Handlungsweise auch immer Gültigkeit haben muss bzw. dass Handlungen, die nicht verallgemeinerungsfähig sind, auch generell als moralisch falsch anzusehen sind. Andere Prinzipien (wie der angesprochene Utilitarismus, als wohl stärkster Gegensatz zur Pflichtmoral) gehen davon aus, dass es zwar Handlungen gibt, die man allgemein als gut bezeichnen kann („du sollst nicht lügen...“), dass aber diese Handlungen nicht in jeder Situation als moralisch angebracht gelten können. Nicht zu lügen am falschen Zeitpunkt, kann durchaus fatale Folgen für mich selbst, aber auch andere haben.
Anders als der Utilitarismus, schaut die Werteethik nicht direkt auf die Folgen von Handlungen, sondern auf die Qualität der Werte, die in diesen Handlungen liegen. Nach diesen Wertequalitäten gilt es Handlungen gegeneinander abzuwägen, um anschließend Handlungsweisen vorzuziehen bzw. zurückzustellen. In dieser Arbeit sollen zwei dieser ethischen Prinzipien gegenübergestellt und die Unterschiede in der Betrachtungsweise von menschlichen Handlungen deutlich gemacht werden. Das ist zum einem der „kategorische Imperativ“ von Kant als Vertreter der Pflichtenethik und zum anderen die Werteethik von Scheler. Scheler versucht mit seiner (durchaus auch religiös motivierten) Ethiktheorie, ein Gegenstück zur Ethik Kants zu finden, welche für ihn unzureichend ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der kategorische Imperativ
2.1 Vernunft und Freiheit
2.2 Das „wahrhaft Gute“
2.3 Die Pflicht
2.4 Die Formeln des kategorischen Imperativs
2.4.1 Die erste Formel
2.4.2 Die zweite Formel
2.4.3 Die dritte Formel
2.4.4 Die vierte und fünfte Formel
3. Materiale Werteethik
3.1 Die Werte bei Scheler
3.1.1 Die Rangordnung der Werte und moralisches Handeln
3.1.2 Die Rangordnung als Lösung des Problems der Pflichtenkollision
3.2 Scheler und die Pflicht
3.3 Das Problem des „Wertfühlens“
4. Resümee
Zielsetzung und thematische Einordnung
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der moralphilosophischen Bewertung menschlicher Handlungen durch den Vergleich zweier gegensätzlicher ethischer Ansätze: der Pflichtenethik Immanuel Kants mit ihrem Fokus auf den kategorischen Imperativ und der materialen Werteethik von Max Scheler. Ziel der Arbeit ist es, die Unterschiede in der methodischen Herangehensweise darzulegen und kritisch zu prüfen, welche Theorie besser geeignet ist, menschliches Verhalten zu regulieren, insbesondere im Hinblick auf das Problem der Pflichtenkollision.
- Gegenüberstellung von Kants formaler Pflichtenethik und Schelers materialer Werteethik.
- Analyse der Begriffe Vernunft, Freiheit, Pflicht und "guter Wille" bei Kant.
- Erläuterung der "Welt der Werte", der objektiven Wertrangordnung und des "Wertfühlens" bei Scheler.
- Kritische Diskussion der Lösungsansätze für Pflichtkonflikte in beiden ethischen Systemen.
- Hinterfragung der Voraussetzungen zur objektiven Wahrnehmung von Werten.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Rangordnung der Werte und moralisches Handeln
Werte werden also durch ein intentionales Fühlen wahrgenommen und verstanden, sodass als nächstes gesagt werden kann, dass Werte in ihrer Qualität unterschiedlich wahrgenommen werden können, ja sogar müssen. Werte werden demnach sowohl an sich selbst, als auch in Beziehung zu anderen Werten wahrgenommen und stellen untereinander qualitativ unterschiedlich starke Ausprägungen dar. Diese Ausprägungen erlauben es nun den Menschen bestimmte Werte vorziehen und andere Werte zurückstellen zu können, was die unterschiedlichen Werte in eine „Rangordnung der Werte“ einordnet, welche eine objektive Rangordnung ist, da das „Reich der materiellen Werte“ ein vom menschlichen Subjekt unabhängiges ist. Diese Werteordnung ist bei Scheler eine unwandelbare Ordnung, da sie nach ihm eine intuitiv eindeutige ist, die keiner Begründung bedarf, da jeder, der die Werte, welche er wahrnimmt, richtig analysiert, diese genauso deuten müsse wie jeder andere auch bzw. wie Scheler selbst.
Bei der Rangordnung der Werte, billigt Scheler den Personenwerten einen unbedingten Vorrang vor den Sach- und Güterwerten zu. Im Ganzen gliedert er den „Wertekosmos“ in folgende Klassen, die von ihm selbst als Wertmodalitäten bezeichnet werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die moralphilosophische Fragestellung ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Pflichtenethik von Kant und die Werteethik von Scheler gegenüberzustellen.
2. Der kategorische Imperativ: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Begriffe Kants wie Vernunft, Freiheit und den guten Willen sowie die fünf Formeln des kategorischen Imperativs als Instrumente zur moralischen Prüfung von Handlungen.
3. Materiale Werteethik: Dieser Hauptteil analysiert Schelers Ansatz, der moralische Handlungen nicht über formale Gesetze, sondern über die Qualität von Werten und eine objektive Wertrangordnung bestimmt, und diskutiert Probleme wie das "Wertfühlen".
4. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Vor- und Nachteile beider Ansätze zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Werteethik eine hilfreiche Perspektive zur Lösung von Pflichtenkollisionen bietet, jedoch die subjektive Komponente der Wertwahrnehmung stärker berücksichtigen sollte.
Schlüsselwörter
Ethik, kategorischer Imperativ, Pflichtenethik, materiale Werteethik, Immanuel Kant, Max Scheler, menschliches Handeln, Moral, Pflichtenkollision, Sittengesetz, Wertordnung, Wertfühlen, Freiheit, Vernunft, Phänomenologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die philosophische Frage nach der Moral menschlicher Handlungen und vergleicht dazu zwei grundverschiedene ethische Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Pflichtenethik von Immanuel Kant, mit ihrem Fokus auf formale Gesetze, und die materiale Werteethik von Max Scheler, die den Fokus auf die objektive Qualität von Werten legt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung beider Theorien, um ihre Unterschiede in der Handlungsbewertung aufzuzeigen und zu prüfen, wie sie jeweils mit dem Problem umgehen, wenn moralische Pflichten miteinander kollidieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die Literaturanalyse und einen komparativen Ansatz, um die ethischen Theorien von Kant und Scheler systematisch darzustellen und kritisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Erläuterung des kategorischen Imperativs bei Kant (Kapitel 2) und die Ausarbeitung der materialen Werteethik sowie der Wertrangordnung bei Scheler (Kapitel 3).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind der kategorische Imperativ, das Sittengesetz, die Pflicht, die materiale Werteethik, die objektive Wertrangordnung und das "Wertfühlen".
Wie löst Scheler das Problem der Pflichtenkollision?
Scheler schlägt vor, Handlungen nach einer objektiven Wertrangordnung zu bewerten; in einer Konfliktsituation ist diejenige Handlung moralisch vorzuziehen, die den höheren Wert realisiert.
Warum kritisiert der Autor Schelers Ansatz?
Der Autor hinterfragt Schelers Voraussetzung, dass alle Menschen Werte qualitativ gleich wahrnehmen, da dies in der Realität aufgrund unterschiedlicher Lebensentwürfe und Überzeugungen oft nicht der Fall ist.
- Arbeit zitieren
- Marko Tomasini (Autor:in), 2005, Die Frage nach der Moral menschlicher Handlungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36019