Chinas Weg zur Marktwirtschaft


Seminararbeit, 2005
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwei Systeme: Plan- und Verkehrswirtschaft
2.1 Planwirtschaft
2.2 Verkehrswirtschaft
2.2.1 Konstituierende Prinzipien
2.2.2 Regulierende Prinzipien

3. China: Planwirtschaftliche Phase
3.1 Probleme der Planwirtschaft in China

4. China: Marktwirtschaftliche Reformen
4.1 Die Idee der Sonderwirtschaftszonen
4.2 Kritik der Reformen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Internetquellen

1. Einleitung

1,28 Mrd. Menschen und eine Fläche von 9.597.995 Quadratkilometern, das ist China in statistischen Dimensionen ausgedrückt.[1] Zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von ca. 357.000 Quadratkilometern und eine Einwohnerzahl von ca. 82 Mill. Menschen.[2] Allein diese Zahlen machen schon deutlich welch ein Gigant China ist, und dennoch gehörte das Land über lange Zeit zu den wirtschaftlichen Entwicklungsländern. Dies hat sich grundlegend geändert. China ist auf dem besten Wege auch wirtschaftlich ein Gigant zu werden.

Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 8% in den letzten 5 Jahren nimmt es die Spitzenposition unter den Industrieländern ein. China ist durch sein reichhaltiges Angebot an billigen Arbeitskräften mittlerweile zur Werkbank der Welt geworden. Jede zweite Digitalkamera, jedes dritte Handy und jede vierte Waschmaschine kommen aus China. 80% aller DVD Spieler, 70% aller Spielwaren und 50% aller Schuhe werden in China produziert. 2003 flossen ca. 53 Mrd. $ an Direktinvestitionen in die chinesische Wirtschaft. Im Verbrauch von Stahl, Kohle und Zement belegt China weltweit Platz 1. Im Erdölverbrauch rangiert nur noch die USA vor dem „Reich der Mitte“.[3]

Wie aber kam es zu dieser Entwicklung, und wo nahm diese ihren Ursprung? Um diese Frage zu klären, ist es notwendig Chinas Wirtschaftsordnung einer genaueren Analyse zu unterziehen. Unter einer Wirtschaftsordnung versteht man die Rahmenbedingungen, die bestimmen, wie man als Akteur in einer Volkswirtschaft agiert bzw. wie man mit anderen Akteuren interagiert. Akteure schließen hierbei Produzenten bzw. Unternehmer, Konsumenten als auch den Staat mit ein.

Es kann zwischen zwei Grundformen von Wirtschaftsordnungen unterschieden werden, nämlich zwischen der Planwirtschaft[4] und der Marktwirtschaft[5]. Dabei ist zu beachten, dass die Planwirtschaft dem politischen System des Marxismus/Leninismus zugeordnet wird, während die Marktwirtschaft ihre Entsprechung in freiheitlich, demokratischen Verfassungen findet.[6]

1949 rief Mao Tse-Tung China nach Jahren des Bürgerkriegs zur sozialistischen Volksrepublik aus. Vor allem für die USA war es ein Schock, dass China sich für den Kommunismus nach sowjetischem Vorbild entschieden hatte. Damit einher ging die Installierung des wirtschaftlichen Systems der Planwirtschaft ebenfalls nach sowjetischem Vorbild.

Diese Arbeit soll den Prozess der Hinwendung Chinas zu mehr Marktwirtschaft und weg von der Planwirtschaft seit 1949 nachzeichnen. Welche Maßnahmen wurden ergriffen, und was waren die Auslöser für diese Schritte? Zum besseren Verständnis wird dieser Prozess zumindest ansatzweise in seinen historischen Hintergrund eingebettet. Als Einführung werden die beiden Systeme der Plan- und Verkehrswirtschaft im folgenden Kapitel 2 vorgestellt und erläutert. Des Weiteren soll untersucht werden, inwiefern es China gelungen ist, planwirtschaftliche und marktwirtschaftliche Elemente zu vereinen, und welche Schwierigkeiten sich daraus ergeben haben. Kann China den Spagat zwischen Kommunismus und Marktwirtschaft tatsächlich auf Dauer aufrechterhalten? Dieser Aspekt soll in einem abschließenden Fazit näher beleuchtet werden.

2. Zwei Systeme: Plan- und Verkehrswirtschaft

2.1 Planwirtschaft

Als zentrales Element der Planwirtschaft gilt der wirtschaftliche Gesamtplan. Dieser wird von einer zentralen Verwaltung unter Berücksichtigung möglichst vollständiger volkswirtschaftlicher Daten aufgestellt. Diese Daten umfassen Bedarfe, Güter- und Rohstoffvorräte, Produktionskapazitäten und Investitionskapazitäten. Zur Erfassung dieser Daten ist eine umfangreiche Bürokratie erforderlich, die in der Lage ist, Teilpläne zu erstellen, die sich dann zu einem Gesamtplan zusammenfügen, und die Ziele der Volkswirtschaft für eine bestimmte Planperiode formulieren.[7] Dies geschieht in der Regel in so genannten Jahresplänen, die sich über mehrere Jahre erstrecken können. Nach Ablauf dieses Plans wird überprüft, inwiefern die Ziele erreicht worden sind, und auf dieser Basis ein neuer Gesamtplan entworfen.

Zur Durchsetzung ihrer Ziele benötigt die Zentralverwaltung ökonomische Machtmittel. Ein wesentlicher Punkt ist hier die Verstaatlichung aller Produktionsmittel, da nur so eine Lenkung der Produktion in staatlichem Sinne erfolgen kann. Andere Möglichkeiten sind Belohnungen wie z.B. Prämien für Betriebe, die die Vorgaben erfolgreich umsetzen, aber auch Sanktionen für Nichteinhaltung bzw. Nichterreichung der Vorgaben.

Wie schon in der Einleitung angesprochen, besteht zwischen der Philosophie des Marxismus/Leninismus und der Wirtschaftsordnung der Planwirtschaft eine hohe Affinität. Dies erklärt sich im Wesentlichen daraus, dass die beiden Systeme sich gegenseitig ergänzen. Zum Beispiel wird im Marxismus/Leninismus die Ausbeutung der Arbeiter durch das mögliche Privateigentum an Produktionsmitteln kritisiert. In der Planwirtschaft gibt es diese Gefahr nicht, da es kein Privateigentum an Produktionsmitteln gibt. Dazu wiederum passt die Forderung des Marxismus/Leninismus nach einer „Erhebung der Arbeiterpartei in den Stand der Staatspartei“ (Lampert/Bossert S.39), wobei diese Partei zum Entscheidungsträger in allen wichtigen gesellschaftlichen Fragen wird.[8]

Außer, dass eine wirtschaftliche und soziale Ausbeutung durch eine klassenfreie Gesellschaft unmöglich gemacht wird, ergeben sich aus Sicht dieser Sozialphilosophie noch einige weitere Vorteile der Planwirtschaft: Der erwirtschaftete Mehrwert fließt direkt wieder in die Volkswirtschaft und kommt so der breiten Masse zu Gute, und nicht nur Einzelnen. Eine Entfremdung der Menschen, wie sie durch die Unterschiede von Arbeitern zu Produktionsmittelbesitzern aufkommt, wird beseitigt. Der Staat kann Vollbeschäftigung gewährleisten, sowie eine Stabilisierung der Kaufkraft des Geldes. Außerdem ist es möglich eine langfristige Planung der wirtschaftlichen Entwicklung und der Wirtschaftsstruktur vorzunehmen, und die Volkswirtschaft ganz auf das Erreichen der wichtigsten Staatsziele auszurichten.[9]

Die Geschichte hat jedoch bei Staaten wie der ehemaligen DDR und der Sowjetunion gezeigt, dass diese Vorteile mit diversen Nachteilen erkauft werden. Dies beginnt schon mit dem großen Bürokratie-Apparat, der zur Erfassung der wirtschaftlichen Plandaten unterhalten wird. Dieser ist kostspielig und in vielerlei Hinsicht inneffektiv. So ist es schwierig den Willen der Gesamtbevölkerung ohne die Anwendung von Knappheitsindikatoren, also schwankenden Preisen je nach Angebot und Nachfrage, zu erfassen.[10] Des Weiteren gestaltet sich eine Anpassung an veränderte wirtschaftliche Gesamtdaten als zu schwerfällig, da diese von der Bürokratie und nicht von Entscheidungsträgern vor Ort und in den Betrieben ausgehen. Eine effektive Planung kann sich ebenfalls als schwierig erweisen: Einmal aus den schon oben erwähnten Gründen, aber auch da diese Planungsstellen personell überaus kompetent besetzt sein müssen, da von ihnen die Zukunftsfähigkeit der Volkswirtschaft abhängt. Daten, die falsch interpretiert oder schlicht fehlerhaft sind, können hier zu den falschen Entscheidungen führen, die die Konkurrenzfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft beeinflussen. Als eines der größten Probleme einer Planwirtschaft hat sich jedoch die mangelnde technische Innovationsfähigkeit erwiesen. Dies ergibt sich daraus, dass die Betriebe untereinander nicht in einem Wettbewerb um Marktanteile, sondern nur um Planerfüllungsziele stehen, und deswegen nicht versuchen, sich gegenseitig durch die Entwicklung neuer und besserer Produkte zu überflügeln. Technische Neuentwicklungen können hier wiederum nur vom Staat in der Planung berücksichtigt werden, was aber in der Praxis nicht dieselbe Dynamik und Effizienz ergibt, wie man sie in einer Marktwirtschaft vorfindet.[11]

2.2 Verkehrswirtschaft

Das zentrale Element der Marktwirtschaft ist das System von Angebot und Nachfrage und der daraus resultierende Knappheitsindikator Preis. Die Nachfrager sind die Privathaushalte, die jeweils ihren wirtschaftlichen Einzelplan verfolgen. Als Anbieter treten Unternehmen auf, die um die Gunst der Konsumenten am Markt konkurrieren, und selbständig über die Deckung der Nachfrage entscheiden.[12] Dies soll „zur mengenmäßig, qualitätsmäßig und preislich besseren Versorgung der Nachfrager [führen]“ (Lampert/Bossert, S.45).

Der Knappheitsindikator Preis stellt einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem planwirtschaftlichen System da. Dieser ersetzt nämlich die kostspielige und sich häufig als ineffizient erweisende Bürokratie. Es findet eine dezentrale Informationsfindung direkt vor Ort von den einzelnen Anbietern statt. Diese entscheiden selbständig über ihr Produktionskontingent, und da sie ein Interesse an einem möglichst hohen Absatz ihrer Produkte haben, um einen Profit zu erzielen, wird die Produktion flexibel an die Stellen des dringendsten Bedarfs gelenkt.[13] Durch dieses System der Flexibilität und des Wettbewerbs unter den Unternehmern wird auch ein weiteres Problem der Planwirtschaft gelöst, nämlich das des technischen Fortschritts. Jeder Unternehmer am Markt wird ständig nach Lösungen suchen, um sich von seinen Konkurrenten abzusetzen, und noch besser, effizienter und damit kostengünstiger zu produzieren. Dies führt in der Theorie zu einem Wettbewerb um die besten Produktionsmethoden, einer ständigen Verbesserung der Produkte und damit letztendlich zu technischem Fortschritt.

Aus der Sicht einer liberalen Sozialphilosophie lassen sich noch weitere Vorteile benennen. Die Macht des Staates über seine Bürger in wirtschaftlichen Fragen wird begrenzt. Auch hier findet eine Dezentralisierung statt, die dem Individuum einen wesentlich größeren Handlungsspielraum in Bezug auf seine wirtschaftlichen Entscheidungen gibt. Der Staat tritt mehr in den Hintergrund und fungiert als ein Rahmengestalter, weniger als ein Akteur bzw. Kontrolleur bestimmter vorgegebener Plandaten.[14]

In einigen Bereichen jedoch muss der Staat gewisse Mängel des marktwirtschaftlichen Systems ausgleichen. Es gibt Leistungen und Güter, die nicht auf einem Markt gehandelt werden können, die aber dennoch elementare Bestandteile eines Staates sind. Dazu gehören z.B. öffentliche Sicherheit, Bildung, Gesundheitswesen und Umwelt. Dies sind so genannte Kollektivgüter. Keiner ist von der Nutzung dieser Güter ausgeschlossen, aber da sie nicht am Markt direkt handelbar sind, ist es Aufgabe des Staates, für eine Finanzierung über Abgaben der Bürger zu sorgen.[15]

2.2.1 Konstituierende Prinzipien

Walter Eucken hat in seinem ordnungspolitischen Ansatz sieben konstituierende Prinzipien aufgezeigt, die erfüllt sein müssen um eine funktionierende Marktwirtschaft zu gewährleisten.[16]

Des Weiteren hat er auch vier regulierende Prinzipien genannt, die diese ergänzen sollen, und einen Rahmen für eine unterstützende Wirtschaftspolitik vorgegeben.[17] Dieser Ansatz ist ein Entwurf bzw. Idealtyp, der sich nicht auf empirische Daten stützt, sondern „einen Reißbrettentwurf dar[stellt], welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Staat in einer Marktwirtschaft zu ergreifen hat (und welche nicht).“ (Stoetzer, S.212). Euckens Entwurf kann jedoch dazu dienen, um zu untersuchen, wie nah ein Staat in seiner wirtschaftlichen Ordnung diesem Idealbild kommt, also wie viel Marktwirtschaft in diesem Staat realisiert ist. Deswegen sollen hier einige von Euckens Prinzipien näher erläutert werden, die in einer späteren Analyse und Bewertung Chinas von Nutzen sind.

(1) Funktionsfähiges Preissystem vollständiger Konkurrenz: Dies stellt den Grundpfeiler einer funktionierenden Marktwirtschaft dar. Der Preis pendelt sich unbeeinflusst durch staatliche Eingriffe auf einem marktgerechten Niveau ein, und dient sowohl Produzenten, als auch Konsumenten als Knappheitsindikator. Bestandteil eines funktionsfähigen Preissystems ist auch eine vom Staat unabhängige Notenbank. Das Modell vollständiger Konkurrenz ist vom Staat aktiv durch eine entsprechende Wirtschaftspolitik zu verfolgen. Anzeichen eines Systems in dem keine vollständige Konkurrenz herrscht sind unter anderem Dumpingpreise, Rabatte und Subventionen.

[...]


[1] http://www.hk24.de

[2] http://www.statistik-portal.de

[3] Der Sprung des Drachen; in: Spiegel Nr. 42 (2004) , 110-127.

[4] Im Folgenden sind die Begriffe „Planwirtschaft“ und „Zentralverwaltungswirtschaft“ gleichgesetzt. Beide beziehen sich auf die wirtschaftliche Ordnung, in der von einem zentralen durch den Staat vorgegebenen Plan ausgegangen wird.

[5] Im Folgenden sind die Begriffe „Verkehrswirtschaft“ und „Marktwirtschaft“ gleichgesetzt. Beide beziehen sich auf das Konzept eines Marktes als wirtschaftlichen Knappheitsindikator.

[6] Lampert H./Bossert A. (2001): Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Europäischen Union (München: Olzog), 40.

[7] Lampert/Bossert, 35.

[8] Ibid 38-39.

[9] Ibid 42-43.

[10] Eucken, W. (1957), Die Grundlagen der Nationalökonomie (Berlin: Springer) daraus: Die Wirtschaftssysteme, 80.

[11] Lampert/Bossert, 43.

[12] Lampert/Bossert, 44-45.

[13] Ibid 46.

[14] Ibid 49.

[15] Schubert/Klein (1997), Das Politiklexikon (Bonn: Dietz).

[16] Stoetzer, M-W. (2001): Die Ordnungspolitik Euckens als Theorie der Wirtschaftspolitik; in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium; H.4, 208-210.

[17] Ibid 209.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Chinas Weg zur Marktwirtschaft
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar - Wirtschaftsordnungen im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V36045
ISBN (eBook)
9783638357920
ISBN (Buch)
9783638653381
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeichnet den Weg Chinas von der Plan- in die Marktwirtschaft nach, und beleuchtet diesen mit Hilfe der Euckenschen Prinzipien für eine Marktwirtschaft.
Schlagworte
Chinas, Marktwirtschaft, Seminar, Wirtschaftsordnungen, Vergleich, Walter Euken, China
Arbeit zitieren
Robert Schwanitz (Autor), 2005, Chinas Weg zur Marktwirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36045

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