Denkstil "Konträre Sexualität". Reform der Sexualwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhundert

Ausgehend von Magnus Hirschfeld


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sexual- und Homosexualitätsverständnis des 19. Jahrhundert

3. Magnus Hirschfeld - Mediziner und Revolutionär
3.1 Biografische Einordung
3.2 Beitrag und Einfluss Hirschfelds wissenschaftlicher Laufbahn

4. Anerkennung der Homosexualität als wissenschaftliche Tatsache

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als sich ein Seufzer meiner Brust entrang
in trauter Nähe meines schönen Knaben,
beschwor er mich bei allen Himmelsgaben:
Mein armer Freund, warum ist Dir so bang?

Gezwungen sprach ich? Dir sei es gestanden,
Lieb' ist die Schwermut, die mich heimlich quält,
Lieb' ist das Glück, das meinem Herzen fehlt.
Ach, Liebe, Lieb allein hält mich in Banden!

Wer ist, sprach er, das Wunder aller Frauen?
Drauf ich: Ihr reizend Bildnis ruht versteckt
in diesem Spiegel, den ein Vorhang deckt.

Er hofft, ein seltsam Blendwerk zu erschauen.
Doch wie das Tuch er auseinander schlug,
sah er im Bild sich selbst und weiß genug.

Barnfield, Richard (1599)
In: Hirschfeld (1901): "Was muß das Volk vom dritten Geschlecht wissen", S.10f.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

"Konträre Sexualität" steht in der Überschrift dieser Hausarbeit. Ein eher unüblicher Terminus, der trotzdem mit allerhand Abweichungen von der heterosexuellen Norm unserer Gesellschaft in Verbindung gebracht wird. VieleNormabweichlerbenutzten heute absichtlich keinen exakten Begriff um ihr Begehren, ihre sexuellen Vorlieben und Praktiken nicht in ein (negativ) konnotiertes Konzept pressen zu müssen. Zwar ist Schwul-sein mittlerweile kaum noch ein gesellschaftliches Problem, doch auch heute sind alte, traditionelle Stereotypen in vielen Alltagssituationen präsent. "Das Wortpaar heterosexuell/homosexuell ist gerade einmal 100 Jahre alt und diktiert doch souverän unsere Sichtweise von Liebe, Beziehung und Sexualität." (Schmidt 2001: 227)

Woher kommen unsere Identitätskonzepte? Woher kommen die Vorurteile gegen Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht in die üblichen Schubladen passen? Wann sind sie entstanden? Birgit Bauer kritisiert, dass diese Konzepte als "natürlich" hingenommen und nicht reflektiert werden. Homogene Gruppen, die "Ausschlussmechanismen aufgrund normierten und eng definierter Identitäten" tradieren, existierten "transhistorisch" und "transkulturell" (Bauer 2001: 332-334). Unser Denken, Verhalten und die Art wie wir sind, ist stetig geprägt vom Diskurs um identitätsstiftende Rollenzuschreibungen. "Wissen ist Macht" und es beeinflusst die Normen einer Gesellschaft zu Gunsten der Mehrheit. Im 19. Jahrhundert kriminalisierte die legale politische Agenda männliche Homosexualität als Verbrechen, später als psychische Krankheit. Die Effekte des "Power-Knowledge" (Foucault 1980) reichten so weit, dassSodomitengesellschaftlich ausgestoßene waren, sich sogar aus Sorge vor ihren eigenen Gefühlen umbrachten. Zu dieser Zeit entstand in der Wissenschaft, vor allem der Medizin und Psychiatrie, die Bezeichnungen "Konträr Sexuelle" geprägt durch den Berliner Psychiater Carl Westphal (1833-1890), "Urning" durch Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895), um von der negativen Wertung der Homosexuellen abzulenken. Selbst Foucault zeugte den beiden Tribut, da sie den Beginn einer neuen Ära in der Beschäftigung mit gleichgeschlechtlicher Liebe und ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit einleiteten: "The sodomite had been a temporary aberration; the homosexual was now a new species" (Foucault 1980: 43). Sie setzten also den Grundstein der aufkommenden Sexualwissenschaften und dem politischen Kampf um die Legitimation der Homosexualität. Doch wie konnte ein so prekäres Thema zum wissenschaftlichen Diskurs werden? Wie erreichten die Intellektuellen eine Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft?

Um diese Fragen zu beantworten werde ich zuerst die gesellschaftlich-normative Haltung zu Sexualität und besonders Homosexualität beschreiben. Am Beispiel von Magnus Hirschfeld rekonstruiere ich den wissenschaftlichen Diskurs von der Pathologisierung der Homosexualität bis zur Institutionalisierung der Sexualwissenschaften. Anhand von Ludwig Flecks Konzept einer wissenschaftlichen Tatsache werde ich erklären, wie der Diskurs zu einem spezifischen Denkstil innerhalb einer Expertengruppe Berliner Wissenschaftler wurde, welcher eine Aufklärung in der Gesellschaft beförderte.

2. Sexual- und Homosexualitätsverständnis des 19. Jahrhundert

In einer gründlichen Untersuchung historischer, vor allem anatomischer Diskurse, hat Thomas Laqueur, die verschiedenen kulturellen Vorstellungen des biologischen Geschlechts untersucht und in "Making Sex" 1990 veröffentlicht. Seine These vom "Ein-Geschlechter-Modell" bezieht sich auf Galen von Pergamon, der bereits 130-200 v.Chr. die Ähnlichkeit der Geschlechter erkannte. Die Geschlechtsorgane der Frau wurden analog zu den männlichen als ins Körperinnere umgedreht gedacht. "Mit anderen Worten, Frauen sind nach innen gekehrte und also weniger vollkommene Männer" (Laqueur 1990: 40). Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verliefen mehr oder weniger fließend und die verschiedenen Körpercharakteristika wie Temperatur, Blut und Samenerguss konnten beiden Geschlechtern zugesprochen werden.

"Erst im 18. Jahrhundert erfand man das Geschlecht wie wir es kennen." (Laqueur 1990: 96)

Zuvor gingen die Menschen also von einem GeschlechtMenschaus. Mann oder Frau zu sein hieß, eine gesellschaftliche Rolle einzunehmen. Geschlecht sei keine kulturell bedingte "ontologische Kategorie" des Biologischen gewesen, wovon wir, sondern soziopolitische Realität (Vgl. ebd.: 8, 19). Erst als die Medizin im 18. Jahrhundert die strikte Trennung von Mann und Frau forderte, lernten die Menschen biologische und geschlechtliche Unterschiede wahrzunehmen und deren Grenzen zu definieren (Kämmerer 2011: 38). Die Gründe für den Wandel zum Zweigeschlechtermodell zur Zeit der Aufklärung sieht Laqueur in der Austreibung des philosophischen Analogiedenkens aus der Naturwissenschaft einerseits und neuartigen Machtkämpfen zwischen den Geschlechtern wegen der politischen Trennung bei der Einführung des Wahlrechts andererseits (Laqueur 1990: 148-243).

Allmählich löste der Begriff "Sexualität" das geschlechtliche Verhalten des Menschen von seinem Sein, macht es zu einem eigenständigen Phänomen. Staat und Kirche hatten die Scham erfunden und zur bürgerlichen Moral gemacht, welche durch Selbstdisziplinierung noch heute in den Köpfen der Menschen verankert ist. Für den protestantischen Bürger des 19. Jahrhunderts war der Körper eine Maschine, ein Arbeitsinstrument, dessen Funktionieren über das wirtschaftliche Wohl der Gesellschaft entschied. Sinnlichkeit, Spontaneität, Lust lenkten ab und galten daher als subversiv. Alle geschlechtlichen Körperfunktionen wurden tabuisiert.

Auch das akademische Feld blieb von der Vermischung von Wissenschaft und Ideologie nicht verschont. Durch wertendes Klassifizieren sexueller Ungewöhnlichkeiten entstanden aus heutiger Sicht absurde Diagnosen: Krafft-Ebing, einer der populärsten Gerichtsmediziner und Psychiater dieser Zeit, untersuchte in seinem einschlägigen Werk "Psychopathia sexualis" weniger Sexualität als ihre Abarten. Wie schon viele vor ihm sah er Masturbation als das Grundübel zahlreicher Krankheiten.

Marcel Proust sagte einst: "Es scheint, als sei heute sogar das Laster zur exakten Wissenschaft geworden."[1]Und genau das trifft auf die Sexualwissenschaft zu: Die Empirie und der damit einhergehende Objektivitätsanspruch erlangte mehr und mehr Bedeutung. Im 19. Jahrhundert war die positivistische Physiologie zur Leitwissenschaft aufgestiegen, auch hier wurde der menschliche Körper als Maschine aufgefasst. Empirisch erhobene deskriptive Ergebnisse wurden normativ umgedeutet (Reinhard 2004:55). Statistisch zusammengestellte Datenmengen über das Zusammenwirken der Vorgänge in Zellen, Organen und Geweben, Genen etc. dienten als Definitionsgrundlage für dasnormalebiologische ("mechanische") Funktionieren des Körpers.

An Menschen mit homosexuellen Verhaltensweisen waren zu dieser Zeit viele Sexualnormierer interessiert. Gisela Bleibtreu-Ehrenberg untersucht die historische Entstehung der Vorurteile gegen Homosexualität: In unserer abendländischen Kulturgeschichte prägten demnach seit jeher Derivationen unser Bild des Homosexuellen als "Unhold", "Tunte" oder "Verräter". Angefangen bei den Seidr, "transvestitischen Besessenheitsschamanen", die nicht der ethnozentrischen Norm der Germanen entsprachen (Bleibtreu-Ehrenberg 1978: 55 - 172), über die "Pönalisierung" der Homosexualität[2]und klerikaler Verfolgung der "Sündenböcke" im Mittelalter (ebd.: 183 - 237) bis hin zur institutionellen Verankerung des Vorurteils in der Gesetzgebung nach der Aufklärung (ebd.: 297 - 340). Ethnozentrismus, "Defensives Glauben" und Sprache im Sozialisationsprozess, sowie der Mechanismus der "self-fulfilling prophecy"[3]seien die Ursachen sozialer Ausstoßung. Exklusion geschehe indem die spezifische "Ingroup" die "Sündenböcke" verfremdet und menschungleich machte. "Teeren und federn" zur Abschwächung der Ähnlichkeiten zwischen Denunzianten und Minderheit (ebds.: 351–359).

Im 18. Jahrhundert begannen erwachsene Männer offiziell andere, jetzt auch gleichaltrige Männer zu begehren und zu lieben. Homosexuelle Kontakte waren nun nicht mehr rein sexueller Natur, sondern ähnelten zunehmend zweigeschlechtlichen Partnerschaften. In den wachsenden Großstädten bildete sich eine regelrechte Subkultur, der Männer aus allen Schichten angehörten. Mit zunehmender Sichtbarkeit, steigerte sich aber auch die Furcht vor dem "lasterhaften Treiben der Sodomiten" zu einer Massenhysterie und eine Welle juristischer Maßnahmen folgte (Kämmerer 2011: 37). Die Betroffenen begannen sich gegen die Vorwürfe der Unmoral und Triebhaftigkeit zu wehren und von einem angeborenen Verhalten zu sprechen. In Deutschland rief als erster der Jurist Karl Heinrich Ulrichs dazu auf, die Verfolgung der "Uranier"[4]zu beenden[5]. Er trug dazu bei, das Bewusstsein für die Häufigkeit der Homosexuellen, in der Bevölkerung des 19. Jahrhunderts, zu schärfen (Kennedy 1993: 35f). Im medizinischen Diskurs beschäftigten sich Ulrichs und seine Fachgenossen nun mit dem Ursprung der Homosexualität und untersuchten, ob dieses Verhalten angeboren oder erworben sei und ob es zu verurteilen oder zu entschuldigen sei (Kämmerer 2011: 39). Das interdisziplinäre Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, eine Organisation mit dem Ziel der gesellschaftlichen Anerkennung homosexueller Lebensweisen, war maßgeblich an der akademischen, v.a. biologischen Erforschung der Homosexualität beteiligt und zudem kommunizierendes Medium im Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit.

Durch Magnus Hirschfeld und seine Kollegen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees beschäftigte sich das Plenum des Reichstages am 13. Januar 1898 das erste Mal mit der Streichung des § 175 RStGB[6]. Sie gelten als Begründer der ersten Homosexuellenbewegung.

3. Magnus Hirschfeld - Mediziner und Revolutionär

"Gelingt es uns, dem Volke unzweifelhaft zu beweisen, daß niemand homosexuell werden kann, der es nicht ist, daß äußere Umstände weder einen Homosexuellen normal noch einen Normalsexuellen konträr machen können, daß die Urning ihrer ihnen eingeborenen Natur nach nicht widernatürlich handeln, so wird sich, wie es bereits vielfach geschehen, Haß und Hohn in Milde, Mitleid und Achtung verwandeln." (Hirschfeld 1903, S. 71)

3.1 Biografische Einordung

Magnus Hirschfeld wurde 1868 als siebtes von acht Kindern einer jüdischen Familie in Kolberg geboren. Er studierte ab 1887 Philologie in Breslau, wechselte aber schon ein Jahr später - in die Fußstampfen seines Vaters tretend - zur Medizin[7]. 1896 zog er nach Charlottenburg bei Berlin. Von hier aus widmete er sich leidenschaftlich seinem Credo "Per scientiam ad justiciam" (Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit). Hirschfelds Strategie war es, mit seinenobjektivenForschungen als Naturwissenschaftler Einfluss auf die Politik seiner Zeit zu nehmen, und somit für die Legitimation der (männlichen) Homosexualität auf der öffentlichen Ebene, sowie auf der juristischen durch die Streichung des "Schwulenparagraphen" zu plädieren. Schon in seinem ersten Buch "Sappho und Sokrates" lasse sich sein Bewusstsein für die wissenschaftliche Deutungsmacht der Medizin, besonders der Psychiatrie, über die Sexualität erkennen (Herrn 2002, S. 320).

Hirschfeld sei maßgeblich daran beteiligt gewesen, die Sexualpathologie in eine eigenständige, naturwissenschaftlich orientierte medizinische Disziplin, die Sexualwissenschaft, zu überführen (Herrn 2009, S. 286). Zusammen mit dem Verleger Max Spohr[8], dem Juristen Eduard Oberg und dem Schriftsteller Franz Joseph von Bülow gründete sich 1897 dasWissenschaftlich-humanitäre Komitee(WhK) als organisatorische Absicherung für die Propaganda und Mobilisierung der Öffentlichkeit für die Streichung des § 175. Eine der ersten Aktivitäten war der Versand einer "Petition an die gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Reiches"[9]an Politiker, Künstler und Wissenschaftler, die am 13. Januar 1898 zum ersten Mal das Plenum des Reichstages beschäftigte. August Bebel, den Hirschfeld noch aus Studienzeiten kannte und zu dieser Zeit Vorsitzende der Sozialdemokraten geworden war, machte als einer der 200 Mitunterzeichner in seiner Rede auf die Diskrepanz zwischen den tatsächlich stattfindenden homosexuellen Handlungen und zur Anzeige kommenden Fällen aufmerksam (Herrn 2002, S. 321).

Durch zahlreiche Publikationen[10], die private Gründung des weltweit ersten Instituts für Sexualwissenschaft, seine Funktion als Vorstandvorsitzender des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, sowie als Berater vor Gericht wurde Hirschfeld als "wissenschaftliche Autorität - welche die objektive Wahrheit verkörperte" (Herrn 2002, S. 320) anerkannt und gehörte zu den einflussreichsten und produktivsten Forschern auf dem Gebiet der Sexualwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch Hirschfeld machte mit seiner Wissenschaft Politik, sein Theoretisieren sei immer unter politisch-strategischem Gesichtspunkt zu sehen (Herrn 2009, S. 319f.). Hierin liege das wissenschaftliche Novum und der große sexualpolitische Nutzen seiner Arbeit (Lindemann 1993, S. 94). Es ist üblich seine wissenschaftlichen Leistungen getrennt von seinen Verdiensten als Kopf und intellektuelles Sprachrohr der sich formierenden homosexuellen Emanzipationsbewegung zu sehen. Herrn resümiert:

"Als Sexualreformer mutig und einmalig; als Sexualwissenschaftler anspruchslos, ein schlichter Denker, weder originell noch originär." (Herrn 2002, S. 318f)

3.2 Beitrag und Einfluss Hirschfelds wissenschaftlicher Laufbahn

Wissenschaftliche Theoreme, insbesondere aus der Biologie, fand Hirschfeld bei Darwin, Mendel und Haeckel. Seine Konstitutionslehre baute auf biologische Ansätze in der Konfrontation mit herrschenden Lehrmeinungen. Die Natur jedoch geriet ihm gleichsam zur Norm (Baumgardt 1993, S. 119). Hirschfelds Lehrer während des Studiums waren geprägt vom naturwissenschaftlichen Paradigma der wilhelminischen Kaiserzeit. Objektivität und Empirie[11]waren zwei der konsequent verinnerlichten Tatsachen in Hirschfelds sonst eher inkonsistenten wissenschaftlichen Standpunkten[12].

Auch der Uranismus ist eine Erscheinung, die sich nicht bei der Studierlampe, sondern nur am Objekt ergründen läßt. (Hirschfeld 1903: 3f)

Hirschfeld sollte Inhaber einer umfangreichen Sammlung nichtklinischer Fragebögen werden - d.h. die sich nicht auf Schilderungen sich als krank bezeichnender "Perverser" bezogen -, von denen er im Laufe seines Lebens mehrere tausend sammelte. Sein Interesse galt in den ersten fünf Jahren seiner publizierenden Tätigkeit ausschließlich der Vielfältigkeit der männlichen Homosexuellen und ihrer Lebensführung. Durch die Fragebögen, sowie Beobachtungen im Alltag und die Sprechstunden im Institut für Sexualwissenschaft studierte er den physischen und psychischen Habitus der Urninge. Hirschfeld stellte die Ergebnisse im Geiste des naturwissenschaftlichen Objektivitätsanspruchs des angehenden 19. Jahrhunderts systematisch dar. Als Mediziner sei es sein Ziel gewesen, die Unhaltbarkeit der Verallgemeinerung mit Fallbeispielen zu belegen (Lindemann 1993, S. 97). Seine quantitativen Studien ermöglichten es ihm Bezug auf die individuellen Biografien vieler Homosexueller zu nehmen, sie selbst zu Wort kommen lassen, um seine medizinischen Fakten mit authentischen Bildern ihrer Lebenswelten zu untermauern. Somit ist sein Argumentationsschema ein Wechselspiel aus biografischen Berichten und pathologischen Deutungen; setzt aber voraus, dass sich alle menschlichen Charakteristika in der binären Opposition der Zweigeschlechtlichkeit fassen lassen. Von jedem Merkmal nahm er an, dass es eine männliche oder eine weibliche Ausprägung aufweise: Nicht nur primäre und sekundäre Geschlechtsorgane auch Knochen, Schädel, Fettverteilung, Schulter- und Beckendurchschnittsverhältnis, Muskeln, Hautbeschaffenheit, Behaarung, Wärmebedürfnis, Gang, affektive Mimik, Stimme, Handschrift, Denkweise, Ästhetik uvm. All diese Merkmale wurden in der Theorie der Zwischenstufen als Indizien für die individuelle Kombination von anatomischen und charakterlichen Eigenschaften eines jeden Menschen zusammengefasst:

"Der Vollmann und das Vollweib sind in Wirklichkeit nur imaginäre Gebilde, die wir nur zu Hilfe nehmen müssen, um für die Zwischenstufen Ausgangspunkte zu besitzen. Einen hundertprozentigen Mann gibt es nicht, solange noch jeder die Brustwarzenrudimente und den uterus masculinus aufweist, wohl aber einen der zu 95, 94, 93 etc. % männlich, zu 5, 6, 7 etc. % weiblich ist, die männlichen Qualitäten nehmen ab, und wir erreichen die Stelle, wo 50% männliches und 50% weibliches in einem Körper verbunden sind, von nun ab überragen die weiblichen Chraktere die männlichen bis wir ganz allmählich dicht an den Typus des Vollweibes gelangen, an dem vielleicht nur noch die Paradidymis an den Mann erinnert. Es ist durchaus nicht gesagt, daß ein Individuum, das zu 75% weiblich, zu 25% männlich ist "ein Weib sein muß, es kann ebenso gut "ein Mann" sein, an dem alles abgesehen von dem Membrum und seinen Adnexen, weiblich ist. Was von dem Ganzen gilt, gilt auch von seinen Teilen." (Hirschfeld 1903, S. 139)

Hirschfeld ging - wie einige vor ihm - davon aus, der uranische Mensch bilde das dritte Geschlecht. In Anlehnung an die cartesianische Philosophie suchte er nach dem "wahren Wesen"[13]des Uranismus und den Ursachen für die gesellschaftlich angenommene Disharmonie im Wesen der Homosexuellen. Seine grundlegendste These war das mangelnde Naturverständnis, die Unwissenheit der Öffentlichkeit über die uranische Persönlichkeit (Hirschfeld 1903, S. 68).

So publizierte er 1901 die Broschüre "Was muß das Volk vom dritten Geschlecht wissen?" und beteiligte sich an der Produktion mehrerer Sexualaufklärungsfilme[14], um die breite Öffentlichkeit über sein Konzept der sexuellen Zwischenstufen aufzuklären und mit der damit einhergehenden Objektivierung der Homosexuellen das Vorurteil zu relativieren.

4. Anerkennung der Homosexualität als wissenschaftliche Tatsache

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wie in 2. beschrieben alle möglichen Ungewöhnlichkeiten in Anatomie und Sexualtrieb des Menschen klassifiziert. Ausnahmen traten ins Bewusstsein der Wissenschaftler und die Doppelmoral aus äußerlichem Selbstzwang und innerlicher, triebgesteuerter Begierde ließ Frustration und Aggressionen entstehen. Dercommon senseder Scham, bürgerlicher Prüde und dem Verständnis des Körpers als Arbeitsinstrument, sowie die Vorurteile gegen Homosexuelle, waren im Denken der Menschen als "Uridee"[15]fest verankert. Es folgt die Epoche der "Komplikationen" (Fleck 1980, S. 42). Mit dem wissenschaftlich-humanitären Komitee setzten sich einige progressive Wissenschaftler - wenn auch aus einer Außenseiterposition heraus - dafür ein, das Volk aufzuklären und für die Legitimation derKonträrsexuellenzu kämpfen. Mit dem Institut für Sexualwissenschaften war die (inter-)disziplinäre Grundlage geschaffen. Hier hatte das WhK seinen Sitz, es gab eine Abteilung für "Kriminalpolitische Einflussnahme", welches mit dem Leiter der "Päderastenabteilung" der Berliner Polizei zusammenarbeitete, um von Erpressern bedrohten homosexuellen Männern zu helfen (Lindemann 1993, S. 100); ebenso entstand eine öffentliche Beratungsstelle, in der nicht nur vorurteilsfrei Fragen beantwortet wurden, sondern auch Vorträge und Kurse angeboten wurden; außerdem eine Poliklinik für die ärmste Bevölkerung. Kurz: Das Institut wurde einerseits ein Zufluchtsort fürKonträrsexuelle, der zu dieser Zeit einmalig war, andererseits zum Ort des offenen und interdisziplinären Erkenntnisaustauschs[16]über jegliche psychischen und physischen Sexualleiden (Vgl. Baumgardt 1993, S. 118 - 121). Hier konnte eine "Denksolidarität im Dienste einer überpersönlichen Idee" (Fleck 1980, S. 140) entstehen. Diese ist das Produkt einer an die Gruppe gebundenen Tätigkeit und folgte somit "wie die soziale Organisation" ihren "eigenen Gesetzlichkeiten". Durch den Austausch untereinander im Rahmen ihres durch "Gewöhnung" entstandenen kollektiven Denkstils bildete sich ein Identitätskern aus Spezialisten der Sexualwissenschaft heraus. Die Wissenschaftler um Hirschfeld würden demnach die "Bereitschaft für stilgemäßes, d.h. gerichtetes und begrenztes Empfinden und Handel" (Fleck 1980, S. 14f) zeigen. In Flecks "Zur Krise der 'Wirklichkeit'" betont er, dass "weder dem 'Subjekt' noch dem 'Objekt' selbständige Realität" zukomme: "jede Existenz beruht auf Wechselwirkung und ist relativ" (S.426) (Vgl. Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXIII). Diese Aussagen lassen darauf schließen, dass sich im interdisziplinären Austausch unter den Mitgliedern des WhKs ein spezifischer Blickwinkel auf den Forschungsgegenstand und -objekte, sowie eine Art und Weise mit diesen umzugehen und gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten, etablierte.

Auf die relationale Erkenntnistätigkeit des WhKs und IfSs als Denkkollektiv wirken nach Ludwik Fleck drei determinierende Faktoren ein: (1) Kenntnis besteht nicht aus neu Erkanntem sondern aus Erlerntem; sie entsteht in einem Lernprozess der Erkenntnisweitergabe. Fleck nennt diesen Punkt "das Gewicht der Erziehung". (2) Weiter spielt "die Last der Tradition" eine entscheidende Rolle: bisher Erkanntes dispositioniert das Denken und prägt somit das Verständnis für etwas neu zu Erkennendes. (3) Was einmal konzeptionell formuliert sei, schränkte den Spielraum darauf aufbauender Konzeptionen immer schon ein. Zur Analyse des Erkenntnisprozesses müssen "die Wirkung der Reihenfolge des Erkennens" sowie die sozialen und kulturellen Bedingungen mitgedacht werde (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXII). So tragen also die oben beschrieben Einflüsse dazu bei Hirschfelds Denk- und Argumentationsstruktur in die spezifische denksolidarische Richtung zu lenken:

Erst über den Vergleich der eigenen Arbeitsweise mit anderen Forschern des Kollektivs ergebe sich so etwas wie wissenschaftliche Tatsachenerkenntnis. "Aber auch das Mißlingen vieler Versuche und die begangenen Irrtümer gehören zum Baumaterial der wissenschaftlichen Tatsache" (Fleck 1980, S. 128): Mit seinen Theoremen blieben Hirschfeld und seine Kollegen in dem zeitgenössischen Formulierungen der Psychiatrie und erklärten "Homosexualität als einen von der Natur eingerichteten Schutz der Menschheit vor Degeneration, weil sich Homosexuelle nicht fortpflanzten" (Herrn 2002). Das Kollektiv reproduzierte also verschiedene, vorher gedachte Konzepte und entwickelte diese auf eine öffentlichkeitstaugliche Art weiter.

"Wie aber, wenn hier gar kein Naturgesetz verletzt würde, wenn es im Plane der Natur gelegen hätte, Wesen hervorzubringen, für die es nicht normal ist, sich fortzupflanzen? [...] Die schöpferische Natur geht mit dem Zeugungsstoff allüberall in ungemein verschwenderischer Weise um. Es genügt ihr, wenn von diesem Stoff nur ein ganz ungeheuer geringer Prozentsatz der Befruchtung dient."
(Hirschfeld 1903, S. 154)

Zunächst erklärte Hirschfeld das Angeborensein der Homosexualität mit einer Vielzahl von Annahmen aus der Naturphilosophie, der Ethnologie und Kulturgeschichte, der Vererbungslehre und Evolutionstheorie sowie der Embryologie, um damit die These vom Angeborensein zu stützen. Mit dem Aufkommen der Hormonlehre nach 1910 erkannte Hirschfeld nur noch die Hormone als Ursache für die sexuelle Vielfalt an. Ab 1919 ließ er sich stark von Eugen Steinach beeinflussen, welcher vermutete, zwittrige Hoden seien die Ursache der Homosexualität und durch operatives Kastration des "homosexuellen" Hodens und dessen Substitution durch einen "heterosexuellen" wäre eine Umkehrung des Geschlechtstriebs möglich (Herrn 2002, S. 323f). Dies war für Hirschfeld die zentrale Erklärungsmöglichkeit für sein am Phänotyp orientiertes Zwischenstufenschema (Lindemann 1993, S. 95).

Die glorifizierte Hormonlehre, das Beharren auf der Naturtheorie, Pathologie und dem Mann-Frau-Dualismus, das Vertrauen auf die Objektivität der empirischen Forschung und dem progressiv-experimentellen Umgang mit den Forschungsobjekten, sind aus heutiger Sicht allesamt höchst "fragwürdige Aspekte" des "vom Kollektiv selbstbeanspruchten Standard[s] wissenschaftlicher Genauigkeit"; trotzdem sind sie die "Konstituentien" des Denkstils des sexualwissenschaftlichen Kollektivs. Sie bestimmten die Arbeit und verbanden sie mit der spezifischen Tradition. Ihre Fragwürdigkeit mache sie keineswegs überflüssig oder irrelevant (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXXV).

Hirschfeld war - wie man sieht - unwissentlich gezwungen, im Denkstil seiner Epoche zu verharren, "systemfähige"[17]Thesen hervorzubringen, um mit seiner Theorie Anerkennung zu erlangen.

Der Begriff der konträren Sexualempfindung sei durchaus noch nicht allgemein anerkannt und wo er es sei, scheide sich die Theorie in zwei Gruppen, von der die eine den gleichgeschlechtlichen Verkehr aus erworbene, die andere auf angeborene homosexuelle Neigungen zurückführt. (Hirschfeld 1902, S. 696)

Es kamen für das Denkkollektiv der Sexualmediziner und deren pathologische Betrachtung der Homosexualität also nur vier Grundanschauungen[18]in Frage. Es ist das vordisponierte gerichtete Wahrnehmen, das "entwickelte unmittelbare Gestaltsehen" (Fleck 1980, S. 15), welches den Wissenschaftlern dieser Zeit anhaftet.

"Die allgemeine Richtung der Erkenntnisarbeit ist also:
Größter Denkzwang bei kleinster Denkwillkürlichkeit." (Fleck 1980, S. 124)

Das Erkenntnisinteresse Hirschfelds ist, wie bei (fast) allen Medizinern, durch zwei Faktoren bestimmt: Einerseits ist es auf von der Norm abweichende Erscheinungen gerichtet, andererseits ist das Ziel nicht die bloße Wissenserweiterung, sondern das pragmatische Theoretisieren der Erklärungen zu den beobachteten Krankheitskonzeptionen und modellen. Es wird ein hoher Abstraktionsgrad erfordert um die Einheit von Krankheitsphänomenen theoretisch - und dadurch auch statisch - zu definieren, was jedoch zur Folge hat, dass sich viele Aussagen in der Medizin als ungenügend herausstellen (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XIX). Für Hirschfeld war dies die historische Tatsache, Homosexualität wäre eine zu bestrafende Krankheit. Er war also gezwungen die bisherige Krankheitsdefinition, durch den Nachweis neuer Kausalzusammenhänge zur Erklärung des Phänomens zu verändern.

"Nur stilgemäß erklärte Beziehungen haften im sozialen Gedächtnis und sind entwicklungsfähig" (Fleck 1980, S. 5).

Auch Hirschfeld schafft es nicht der "Harmonie der Täuschung" (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXXIII) zu widerstehen. Er akkumulierte empirische Daten aus seiner gerichteten Wahrnehmung heraus. Trotzdem ging er den entscheidenden Schritt in Richtung Denkstilveränderung: Dies geschehe, indem sich der Wissenschaftler "para-"Namen ausdenke und diese in ein "Untertypen"-System der bisher als gültig angenommenen Erklärungsmuster eingliedere (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XX), was Hirschfeld durch die Konzeption des Urnings tat.

5. Fazit

Was bringt nun die Rekonstruktion der Tatsachen des frühen 20. Jahrhunderts für uns heute? Um es mit Fleck zu sagen: "Sie sind fördernd gewesen, sie haben befriedigt. Sie sind überholt worden, nicht weil sie falsch waren, sondern weil sich das Denken entwickelt." (Fleck 1980, S. 85)

Auch wenn Hirschfelds wissenschaftliche Methoden aus heutigen Sicht sehr umstritten sind[19]und seine Theorie der Zwischenstufen nur eine Weiterentwicklung der Arbeit von Karl Heinrich Ulrich darstellt; war er doch maßgeblich daran beteiligt, die Sexualpathologie in eine eigenständige, naturwissenschaftlich orientierte medizinische Disziplin zu überführen. Er war der weltweit erste, der die Sexualwissenschaft akademisch institutionalisierte und leistete mit seinem Engagement im Rahmen des wissenschaftlich-humanitären Komitees wichtige solidarische Arbeit im Emanzipationskampf der "Konträrsexuellen"[20]für die Entkriminalisierung ihres sexuellen Begehrens.

Durch Hirschfelds zahlreiche Funktionen wurde er zum Medium zwischen Marginalisierten und der Öffentlichkeit, sowie zwischen wissenschaftlichem und politischem Feld. Er ermöglichte den "intrakollektiven Denkverkehr" im Meinungssystem, in dem sich der "kleine esoterische Zirkel" aus Spezialisten und der "exoterische Kreis, in dem die 'gebildeten Laien' am wissenschaftlichen Wissen teilhaben" gegenseitig beeinflussen (Fleck 1980, S. 140). Die Grundlage des exoterischen Wissens sei das Vertrauen auf die Kompetenz der Fachleute, welches Einzelheiten weglasse und verallgemeinere, um für den Laien verständlich zu sein. Umgekehrt treffe aber das exoterische Wissen selbigen als populäre, öffentliche Meinung entgegen und diene ihm als Ressource seiner Legitimation. Es entstehe ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Elite und Masse, ein "Meinungssystem", das den Anspruch erhebe, ihren Gegenstandsbereich umfassend zu erklären. "Je stärker solche Denkstile sind, desto suggestiver ihre Macht über die Kollektivmitglieder." (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXXVIII)

Literaturverzeichnis

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Schmidt, Gunter (2001):Gibt es Heterosexualität?In: Ulf Heidel, Stefan Micheler, Elisabeth Tuider (Hg.): Jenseits der Geschlechtsgrenzen. Hamburg: Männerschwarm Skript Verlag.

[...]


[1]Porter,Roy/ Teich, Mikulás (Hg.) Sexual Knowledge, Sexual Science. The History of Attitudes to Sexuality, Cambridge 1994. S. 251. In: Reinhard 2004, S. 543.

[2]Damals wurde gleichgeschlechtliche Liebe zusammen mit Analverkehr, Masturbation und Sex mit Tieren als Sodomie verteufelt, da sie nicht der Fortpflanzung dienten.

[3] Dies ist ein Verhalten diskriminierter Vorurteilsopfer, wonach diese sich mit der negativen Haltung, die ihnen entgegengebracht wird identifizieren und dementsprechend verhalten. Einerseits geschehe dies als Selbstschutz, um den Demagogen weniger Chancen für aggressives Verhalten zu bieten, andererseits als Angstreaktion vor dem Verlust der eigenen Identität (Bleibtreu-Ehrenberg 1978, S. 358). Die Theorie geht auf Robert K. Merton zurück: The Antioch Review. Band 8, 1948. S. 193-210.

[4]Diesen Ausdruck für Männer die Männer lieben machte sich Ulrich in Anlehnung an Pausanias Rede im Symposium von Plato zu eigen.

[5]In einer öffentlichen Rede forderte er die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher Liebesakte das erste Mal auf dem deutschen Juristentag 1867.

[6] "Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.", vom 01.01.1871 bis 11.06.1994 in Kraft (Bleibtreu-Ehrenberg 1978, S. 340) Es wurden also im "Schwulenparagraphen" nur sexuelle Handlungen unter Männer wie etwa der Analverkehr verboten und mit einer Gefängnisstrafe von einem Tag bis fünf Jahren verurteilt. Während wechselseitige Onanie und "beischlafähnliche Handlungen" zwischen zwei Frauen nicht strafbar waren. Weiterhin schreibt Lindemann: "Wichtiger als die gerichtliche Verurteilung war bei diesem Prozess die moralische Ächtung, der die Angeklagten ausgesetzt waren." (Lindemann 1993, S. 99), denn fakultativ wurden auch die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.

[7]Studienorte Straßburg, München, Heidelberg, Berlin (Bekanntschaften mit Henrik Ibsen, Frank Wedekind, August Bebel); Promotion "Über Erkrankungen des Nervensystems im Gefolge der lnfluenza", 1892 in Berlin. http://www.hirschfeld.in-berlin.de/, 11.07.2014, 17:25 Uhr.

[8]Spohr ermöglichte es Hirschfelds erstes Buch, sowie die Petitionen gegen den § 175 und alle nachfolgenden Publikationen und Kampfschriften, zu veröffentlichen. Er war auch schon vorher für seine Pionierarbeit als Verleger homosexueller Schriften bekannt geworden.

[9]Zu finden in Hirschfeld (1901): "Was muß das Volk vom dritten Geschlecht wissen?", S. 15-20.

[10]Zu den bedeutendsten Erscheinungen gehören: Das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" von 1899-1922, "Sappho und Sokrates" 1896 unter dem Pseudonym Th. Ramien, "Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem kasuistischem und historischem Material." 1910 (Seitdem wird mit Transvestitismus Kleidertausch assoziiert), "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" 1914, danach folgten vor allem Lehrbücher.

[11]Der Leitsatz seines Straßburger Lehrers in Pathologie, Friedrich Daniel "Beobachten, meine Herren, beobachten!" soll maßgeblich dazu beigetragen haben. (Vgl. Herrn 2009, S. 285)

[12]Er nahm "in den vierzig Jahren seiner Beschäftigung bereitwillig jede Hypothese in seine "Beweiskette" auf, die eine biologische Ätiologie der Homosexualität enthielt.."( Herrn 2002, S. 323f)

[13]Vermutlich ist es kein Zufall, dass sein erster Aufsatz im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen die prägnante Überschrift "Die objektive Diagnose der Homosexualität" (1899, S. 4-35) trägt und ein weiteres "Ursachen und Wesen des Uranismus" (1903, S. 1-193).

[14]Zum Beispiel "Anders als die Anderen" aus dem Jahr 1919, zu finden unter: http://www.youtube.com/watch?v=eDxBF4mHILY

[15]Flecks Konzept der Uridee "bezeichnet in großer zeitlicher Distanz entstandene Vorstellungen, die trotz aller Veränderungen der Denkstile weiterbestanden." (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXXI)

[16]Es gab eine neurologische, dermatologische, physiologische, psychoanalytische, graphologische und eine ethnologische Abteilung. Leiter der ethnologischen Abteilung war Frhr. Ferdinand von Reitzenstein, der zu Fruchtbarkeitskulten, sexuellen Mythen und Beschneidungs- und Entjungferungsriten forschte.

[17]Schäfer und Schnelle verweisen auf die holistische Position, dass die "Angemessenheit des Redens von Wahrheit und Falschheit zugunsten der "Systemfähigkeit" zurückgewiesen" werden müsse. (Schäfer, Lothar und Thomas Schnelle, S. XXI

[18](1) Erworbenes Laster,(2) Erworbene Abnormalität, (3) Angeborene Abnormalität, (4) Angeborene natürliche Erscheinung.Hirschfeld 1902, S. 705

[19]Menschenexperimente wie die Kastrationen mit Steinach sind hier zu nennen (siehe S.9f). Vor allem wird aber immer wieder die Kritik an seiner positive Haltung zur eugenischen Ideologie, v.a. der Höher- und Minderwertigkeit des genetischen Materials, geäußert. Siehe z.B.: Herrn, R.: "Phantom Rasse. Ein Hirngespinst als Weltgefahr". Anmerkungen zu einem Aufsatz Magnus Hirschfelds, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (M-MHG) Nr. 18, 1993; Seeck, A.: Aufklärung oder Rückfall? - Das Projekt der Etablierung einer "Sexualwissenschaft" und deren Konzeption als Teil der Biologie, in: M-MHG, Nr. 26/27, 1998.

[20]Hierzu zählte Hirschfeld übrigens jegliche sexuellen Ausprägungen: nicht nur die Homosexualität; auch die Bisexuellen, die Transvestiten, die Intersexuellen, die Androgynen, die Hermaphroditen, die Asexuellen und Fetischisten fanden bei ihm - nach damaligen Verhältnissen vorurteilsfreie - Beachtung.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Denkstil "Konträre Sexualität". Reform der Sexualwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhundert
Untertitel
Ausgehend von Magnus Hirschfeld
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V364787
ISBN (eBook)
9783668445208
ISBN (Buch)
9783668445215
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Geschlecht, Sexualwissenschaft, Hirschfeld, Körper
Arbeit zitieren
Sinja Lange (Autor), 2014, Denkstil "Konträre Sexualität". Reform der Sexualwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/364787

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