Sind Tucholskys Schnipsel Aphorismen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Biographie von Kurt Tucholsky

3. Kurt Tucholskys Schnipsel

4. Woran erkennt man einen Aphorismus?

5. Können die Schnipsel Aphorismen genannt werden?
5.1 Definitionsaspekt 1: ein nichtfiktionaler Text
5.2 Definitionsaspekt 2: Prosa, in einer Serie gleichartiger Texte
5.3 Definitionsaspekt 3: von den Nachbartexten isoliert
5.4 Definitionsaspekt 4: in einem einzelnen Satz oder in konziser Weise formuliert oder sprachlich pointiert oder sachlich pointiert

6. Tucholskys Schnipsel als Aphorismen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Suche nach einem Thema für diese Hausarbeit blätterte ich in der Anthologie der Aphorismen und blieb bei Kurt Tucholsky hängen, der kurze Textstücke mit der Bezeichnung Schnipsel überschrieben hat. „Schnipsel“ ist kein literaturwissenschaftlicher Begriff. Ich möchte daher untersuchen, ob Tucholskys Schnipsel der Gattung Aphorismen zuzuordnen sind. Dazu werde ich zunächst einen Überblick über die Entstehung seiner Schnipsel geben. Dann werde ich die Gattung Aphorismus definieren um schliesslich den Bezug zwischen der Definition eines literarischen Aphorismus` und seiner Schnipsel zu untersuchen und damit die Frage zu beantworten, ob es sich um Aphorismen handelt oder nicht.

Die Aufnahme einiger von Tucholskys Schnipseln in die Anthologie Deutsche Aphorismen[1] legt die Vermutung nahe, dass es sich um Aphorismen handelt. Dennoch möchte ich genau untersuchen und begründen, warum sie dieser Gattung zuzurechnen sind.

2. Biographie von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky, 1890 als erstes Kind des Kaufmanns und Direktors der Berliner Handelsgesellschaft Alex Tucholsky und der Lehrerin Doris Tucholsky geboren, veröffentlicht bereits als 17-jähriger seine ersten Texte im „Ulk“ einer Satirezeitschrift.[2] Seine allgemeine Hochschulreife legt er 1909 als Externer ab und studiert daraufhin Jura an der Friedrichs-Wilhelm-Universität Berlin. 1915, nach einem wechselvollen Studium, promoviert er an der Universität Jena und darf sich Dr. jur. nennen.

Nur 2 Monate später kommt er zum Militär – als Schipper an der nördlichen Ostfront. Doch wird er bereits 1916 versetzt und arbeitet in der Fliegerschule Alt-Autz/ Kurland an der Zeitung „Der Flieger“ mit. In dieser vorsichtig kriegskritischen Zeitung veröffentlicht er eine Reihe von Artikeln, Buchempfehlungen und Gedichten. Doch zunehmend wird die Zeitschrift vom Militär zur Kriegspropaganda benutzt und er schreibt schließlich sogar Werbung für Kriegsanleihen.

Im November 1918, nach Abdankung des Kaisers und Beendigung des ersten Weltkriegs, tritt er in die USPD ein und wird Chefredakteur der Zeitschrift „Ulk“. 1920 bis 1924 ist er mit Else Weil verheiratet, heiratet aber gleich nach der Scheidung Mary Gerold, die er schon in der Fliegerschule kennen lernte. 1922 tritt Tucholsky aus der wiedervereinigten SPD aus, weil er zutiefst enttäuscht ist, dass „die SPD nicht in der Lage war, die Verhältnisse grundlegend zu ändern.“[3]

Er macht sich einen Namen als Verfasser einer Reihe von Satiren, politischen Artikeln und Gedichten, in denen er das politische Tagesgeschehen kritisierte.

1926 übernimmt er die Chefredaktion der Wochenschrift Weltbühne, in der er seit 1922 viele Artikel auch unter seinen Pseudonymen veröffentlicht hat, bittet aber im folgenden Jahr Carl von Ossietzky darum, sie weiterzuführen. 1929 siedelt Tucholsky nach Schweden über und wohnt bis zu seinem Tod bei Göteborg. 1933, im Jahr der Machtübernahme Hitlers, lassen sich Mary Gerold und Kurt Tucholsky wegen zunehmender Entfremdung scheiden. Ihm wird die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Am 21.12.1935 stirbt Kurt Tucholsky, ein Selbstmord wird vermutet, die Todesursache ist aber noch unklar.

3. Kurt Tucholskys Schnipsel

Seit Kurt Tucholskys erstmaliger Veröffentlichung 1907 als 17-jähriger, sind bis kurz vor seinem Tod 1935 eine Vielzahl von Zeitungsartikeln und Artikelserien, Briefe, Rezensionen, Romane, Satiren und vieles mehr entstanden[4]. Darunter sind auch seine kurzen Texte mit (mehrheitlich) dem Titel „Schnipsel“. In den Jahren 1925, 1928, 1929, 1930, 1931 und 1932 sind sie zuerst veröffentlicht worden. Einen Teil der 1930 erschienenen Kurztexte sind er allerdings mit „Schnitzel“ betitelt, einer lautlichen Anlehnung an den sonst von ihm gewählten Titel Schnipsel.

An der Anzahl seiner Schnipsel lässt sich eine deutliche Entwicklung ablesen: 1925 veröffentlicht Tucholsky seine ersten 10 Schnipsel in der Zeitschrift Weltbühne[5], deren Chefredakteur er 1926 wird. Die meisten seiner Schnipsel veröffentlicht er in dieser Zeitschrift, alle unter dem Pseudonym Peter Panther, das er auch für andere Beiträge benutzt. Tucholsky erklärt seine Pseudonyme so: „Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden – das war damals, als meine ersten Arbeiten in der >Weltbühne< standen. Eine kleine Wochenschrift darf nicht viermal denselben Mann in einer Nummer haben.“[6]

1928 erscheinen 13 kurze Texte unter dem Titel „So verschieden ist es im menschlichen Leben“ in der Weltbühne.1930 veröffentlicht er in der Weltbühne 20 Kurztexte unter dem Titel „Schnitzel“ und 24 unter dem gewohnten Titel „Schnipsel“. 1931 erscheinen in der Weltbühne 77 Schnipsel, darunter 34 unter der Überschrift „So verschieden ist es im menschlichen Leben“ und im Jahr 1932 ganze 137 Schnipsel. Außerdem erscheinen 1929 vier Schnipsel unter dem Namen Kurt Tucholsky im Sammelband „Das Lächeln der Mona Lisa“[7].

Damit hat er insgesamt 285 Schnipsel veröffentlicht. Auffällig ist dabei die deutliche Steigerung in der Anzahl von Jahr zu Jahr und auch die Pause in den Jahren 1926 und 1927. Da die meisten dieser vom äußeren Aufbau her gleichartigen Texte unter dem Titel Schnipsel erschienen, will ich diesen Titel in dieser Arbeit verwenden und damit die unter den Überschriften Schnitzel und So verschieden ist es im menschlichen Leben erschienenen Texte mitmeinen.

Der Herausgeber seiner gesammelten Werke, Fritz J, Raddatz, bemerkt zu Tucholskys Schnipseln: „In der >Weltbühne< erscheinen die >Schnipsel<, jene Aphorismen, mit denen Tucholsky die Mosaiksteine seiner Lebenserfahrung gab. Diese Ideensplitter sind oft poetische Einfälle – aber sie sind nicht mehr zu Mosaiken zusammengefügt worden.[8]

Über direkte Äußerungen Tucholskys zu seinen eigenen Schnipseln habe ich nichts finden können; Tucholsky hat sich aber zu dem großen Aphoristiker Lichtenberg (1742-1799) in der Weltbühne Nr. 26 /1932 wie folgt geäußert: „(...) dieser Lichtenberg ist ein herrlicher Prosa-Schriftsteller gewesen, ein bewundernswerter Beobachter, und noch viel, viel mehr.“, „(...) ein Geist, der Aphorismen geschaffen hat, wie sie dann ein Jahrhundert lang nicht mehr wiedergekommen sind.“[9] Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass Tucholsky in der nur eine Woche später erscheinenden Ausgabe 27 selbst wieder 15 Aphorismen veröffentlichte. Ebenfalls fiel mir der Sachverhalt auf, dass Tucholsky etwa 90 Jahre nach Lichtenbergs Tod geboren wurde – meint Tucholsky mit „wie sie [die Aphorismen] dann ein Jahrhundert lang nicht mehr wiedergekommen sind“ gar sich selbst als Verfasser? Wahrscheinlicher ist jedoch, dass hier eine Anspielung auf Karl Kraus (1874-1936) vorliegt, den scharfzüngigen österreichischen Aphoristiker.

[...]


[1] Fieguth, Gerhard (Hrsg.): Deutsche Aphorismen, Stuttgart 1978, Ausgabe 1998, S. 252 ff

[2] Diese und die folgenden Informationen in diesem Abschnitt sind entnommen aus: Hepp, Michael: Kurt Tucholsky, Biographische Annäherungen, Reinbek bei Hamburg 1993 und Grenville, Bryan P.: Kurt Tucholsky, München 1983

[3] Hepp, Michael: Kurt Tucholsky, Biographische Annäherungen, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 179

[4] vgl. Grenville, Bryan P.: Kurt Tucholsky, München 1983, S.9, S. 144

[5] Ort –und Mengenangaben der Veröffentlichungen: Gerold-Tucholsky, Mary; Raddatz, Fritz J.: Kurt Tucholsky Gesammelte Werke, Hamburg 1975, Ortsangaben aus Band 10 S.199 ff

[6] Seidel, Gerhard (Hrsg.): Tucholsky, Kurt: Mit 5 PS durch die Literatur, Berlin und Weimar 1973, S.6

[7] vgl. Grenville, Bryan P.: Kurt Tucholsky, München 1983, S. 143

[8] Gerold-Tucholsky, Mary; Raddatz, Fritz J.: Kurt Tucholsky Gesammelte Werke, Hamburg 1975, Band 1, S. 31

[9] Gerold-Tucholsky, Mary; Raddatz, Fritz J.: Kurt Tucholsky Gesammelte Werke, Hamburg 1975, Band 10, S. 101fa

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Sind Tucholskys Schnipsel Aphorismen?
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Kleine Formen - Aphorismen, Anekdoten, Parabeln
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V36497
ISBN (eBook)
9783638361040
ISBN (Buch)
9783656450320
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sind, Tucholskys, Schnipsel, Aphorismen, Kleine, Formen, Anekdoten, Parabeln, Aphorismus, Tucholsky
Arbeit zitieren
Sabine Storm (Autor:in), 2003, Sind Tucholskys Schnipsel Aphorismen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36497

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