Die Themenzentrierte Interaktion in der Schule - Wie wichtig ist die Kommunikationskompetenz beim lebendigen Lernen


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung

2. Das Grundkonzept der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn
2.1. TZI und kommunikationstheoretische Erkenntnisse
2.2. TZI in der Anwendung: Lebendiges Lernen in der Schule

3. Ausblick: Die Aktualität dieser Überlegungen für die Gegenwart

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die vorliegende Seminararbeit soll im wesentlichen den Ansatz der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn unter Berücksichtigung von zwei Hauptaspekten betrachten: In einem ersten Schritt wird die Methode der TZI zunächst ausführlich erläutert und gleichzeitig deutlich gemacht, dass Ruth Cohn ihren Ansatz fest in der Humanpsychologie verankert sieht. Des weiteren ist in diesem Zusammenhang der Frage nachzugehen, warum TZI als Gruppenkonzept aufgefasst werden kann.

Weil themenzentrierte Interaktion notwendigerweise Kommunikation mit einschließt, wird es anschließend darum gehen, die kommunikationsspezifischen Aspekte der TZI mit neuen kommunikationspsychologischen Erkenntnissen abzugleichen. Sowohl die Axiome nach Paul Watzlawick als auch das Modell des vierohrigen Empfängers nach Friedemann Schulz von Thun werden an dieser Stelle dazu dienen, die Bedeutung der Kommunikationskompetenz für die themenzentrierte Interaktion herausstellen zu können.

Nach einer stark theoretisch geprägten Betrachtungsweise findet im folgenden der Aspekt der Anwendung von TZI in der Schule nähere Betrachtung. An dieser Stelle wird vor allem im Vordergrund stehen, warum diese „Technik zum Zwecke der Führung von Erziehungs- und anderen Kommunikationsgruppen“[1] lebendiges Lernen und Arbeiten möglicht macht....

Im sich daran anschließenden Ausblick bleibt die Frage, inwiefern die vorherigen Überlegungen auch Aktualität für die Gegenwart aufweisen und ob ältere Ansätze auch in der neueren Schulmethodik Berücksichtigung finden. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf Heinz Klippert verweisen, der inzwischen im Rahmen „nordrhein-westfälischer Reformanstrengungen [...] im Auftrag des Ministeriums Lehrer nach seinen Methoden unterrichten ‚darf’“[2].

2. Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) Ruth Cohns

Die themenzentrierte Interaktion ist eine Methode, die gruppentherapeutischen und psychoanalytischen Theorien entspringt. Mit dem Ziel eine größere Bandbreite von Menschen und vor allem das Erziehungswesen psychologisch zu erreichen, hat Ruth Cohn die gruppentherapeutischen Techniken, die ihr aus zahlreichen Vergleichen bekannt waren, u.a. durch erfahrungsorientierte Methoden so modifiziert, dass thematische Gruppeninteraktion auch außerhalb der Analyse sinnvoll Anwendung finden kann. In diesem Sinne ist die TZI als Handlungskonzept zu verstehen, das durch Axiome, aus ihnen abgeleitete Postulate und anhand von weiteren Hilfsregeln Strukturen für Gruppenprozesse festlegt. Im folgenden möchte ich zunächst nur auf die Axiome und die Postulate eingehen, während die unterstützenden Hilfsregeln erst im zweiten Hauptteil im Zusammenhang mit Kommunikation näher betrachtet werden.

Die folgenden Axiome sind existenzielle Grundlagen für das System der themenzentrierten Interaktion:

1. „Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).“[3]
2. „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das humane ist wertvoll; Inhumanes ist wertbedrohend.“[4]
3. „Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich. Unser Maß an Freiheit ist, wenn wir gesund, intelligent, materiell gesichert und geistig gereift sind größer, als wenn wir krank, beschränkt oder arm sind und unter Gewalt und an mangelnder Reife leiden. Bewusstsein unserer universellen Interdependenz ist die Grundlage humaner Verantwortung.“[5]

Diese für die TZI konstitutiven Grundgedanken zeugen zusammengenommen zum einen von einer holistischen Weltsicht und zum anderen verdeutlichen sie, dass Ruth Cohn ihr Konzept fest in der humanistischen Psychologie verankert sieht. Das erste, aus einem ganzheitlichen Prinzip abgeleitete, existenziell politische Axiom unterstreicht vor allem die Autonomie in der Interdependenz, wobei an dieser Stelle des weiteren deutlich wird, dass der Mensch angewiesen ist auf Welt, um seinem Leben Sinn zu verleihen und um seine Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben zu können: „Menschsein bedeutet nicht, sinnlos in die Welt geworfen zu sein, sondern Sinn zu finden, in der Verwirklichung des individuellen Selbst, das ein Teil der Gemeinschaft aller ist.“[6] So wird das Individuum seine Anlagen am ehesten verwirklichen können, wenn es sich dieser Zusammenhänge und Abhängigkeiten bewusst ist und sich auf diese einlässt. Gleichzeitig spricht aus der Allverbundenheit des Menschen als Teil des Universums auch eine wertschätzende Haltung, der es bedarf, um mit den Mitmenschen umgehen zu können, auf die er angewiesen ist. Jedoch wird die Wertschätzung im zweiten, philosophisch ethischen Axiom sehr viel deutlicher herausgehoben und lässt sich folgerichtig rational aus dem ersten ableiten: Weil das Individuum sich seiner Eingebundenheit in den Kosmos bewusst sein muss, ist es der Wertschätzung gegenüber dem System verpflichtet und muss bewertend über seine Handlungen entscheiden, um so den Wert des Lebendigen zu berücksichtigen. Dabei würde er im Falle einer Nichtachtung seine eigene Lebensgrundlage bedrohen. Die geforderte humane Weltsicht lehnt sich hierbei wesentlich an die zentrale These der Humanpsychologie an, deren Achse die Wertschätzung ist, die erst bewirkt, dass positive Selbstentfaltungssignale freigesetzt werden.

Das dritte pragmatisch-politische, oder auch pädagogisch-politische Axiom postuliert die „Freiheit in Bedingtheit“[7]. Die potentiellen Veränderung der Grenzen als Herausforderung und Chance, stellt den Menschen als geschichtliches Wesen dar, dem es möglich ist, an individuellen und gesellschaftsbezogenen Veränderung im Rahmen bedingter Freiheit beteiligt zu sein. Mit dem Zusatz, dass die Bewusstheit der Allverbundenheit als Basis humaner Verantwortung anzusehen ist, sind im Falle neuer Veränderungen also auch neue Verantwortungsbereiche zu übernehmen. Auf diese Art werden alle drei Axiome untrennbar miteinander verbunden und gleichzeitig lässt sich abschließend formulieren, dass diese Grundsätze nicht als bloße Technik, sondern als allgemeine Haltung aufzufassen sind.

Die Handlungsprinzipien in Form von Postulaten leiten sich, wie bereits erwähnt, aus den Axiomen ab. Hierbei sind vor allem die Freiheit in Bedingtheit und die Interdependenz wiederkehrende Momente. Das erste Postulat, „Sei dein eigener Chairman“[8], ist als Balanceakt ein zwischen Altruismus und Egoismus zu verstehen, weil sich das Individuum seiner Anlage und seiner Umwelt bewusst selbst leiten muss und die Verantwortung nur für sich selbst übernimmt, gleichzeitig aber schon nach dem zweiten Axiom gegenüber allem Lebendigen zu Respekt verpflichtet ist. Folgerichtig ist jeder Mensch im Sinne der TZI dazu aufgefordert, sowohl die Grenzen als auch die Möglichkeiten des menschlichen Wesens zu begreifen, was durch das Zitat von Ruth Cohn „Ich bin nicht allmächtig; ich bin nicht ohnmächtig; ich bin partiell mächtig.“[9] noch einmal unterstrichen wird. Zusammenfassend ist also Eigenverantwortung gefragt, nicht aber Fremdverantwortung.

Das zweite Postulat, „Störungen haben Vorrang“[10], verdeutlicht noch einmal die Interdependenz. Weil Störungen Abwesenheit implizieren, muss jede Störung so thematisiert werden, dass der Gruppenprozess wieder fortgesetzt werden kann. In diesem Zusammenhang gilt in besonderem Maße Ruth Cohns Appell, die Teilnehmer eines jeden Interaktionsgefüges „dort abzuholen, wo sie stehen“[11]. Dies bedeutet aber nicht das in der TZI der Anspruch erhoben wird, Widerstände restlos aufzulösen, sondern nur, dass Betroffenheiten solange Aufmerksamkeit geschenkt wird, bis eine Konzentration auf das eigentliche Thema wieder möglich wird.

Nachdem die Grundvoraussetzungen der TZI erläutert worden sind, wird in einem nächsten Schritt die „definitiven Struktur“[12] dieser Methode im Vordergrund stehen. Diese Strukturen, die TZI im Gruppenprozess setzt, beruhen auf den Leitgedanken als Axiome und Postulate und streben ein dynamisches Gleichgewicht (dynamic balance) zwischen den verschiedenen Bedürfnissen des einzelnen, der Interaktion der Gruppe und deren Aufgabe an. Dabei wird das Umfeld im engsten und im weitesten Sinne stets mitberücksichtigt.[13] Sinnvoll müssen sich die Strukturen an der Realität ebendieser orientieren, die folglich vier Dimensionen aufzeigt.

Als erster Punkt ist das ICH zu betrachten, das die einzelne Person mit ihrem Anliegen verkörpert, während die zweite Position, das WIR, die Zwischenbeziehung aller Gruppenmitglieder und deren Interessen betrachtet. Die dritte Eckkoordinate beschreibt mit dem ES das Thema oder Anliegen der gesamten Gruppe und betrifft jede individuelle Person, die am Gruppenprozess teilnimmt, unmittelbar. Bildlich kann man sich diesen Sachverhalt als ein Dreieck vorstellen, das von einer transparenten Kugel umgeben ist, die dann den vierten Faktor, den GLOBE verkörpert. Der Globe als Kugel stellt die Umgebung dar und mit ihr alle „historischen, sozialen und teleologischen Gegebenheiten“[14].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Darstellung zeigt zweidimensional das idealtypische Gleichgewicht der Ich-Wir-Thema-Faktoren im Globe[15]. So soll in der TZI Gruppenarbeit und die Balance dieser drei Gegebenheiten gefordert werden, wobei diese nie vollkommen ist.[16] Vielmehr stehen die konstitutiven Größen in einer „beweglichen und veränderbaren Ausgeglichenheit“[17], was mit dem Begriff der dynamischen Balance umschrieben wird.

In einer interaktionellen Gruppe ist es besonders wichtig die dynamische Balance anzustreben, in dem Sinne, dass durch ein qualitatives Nicht-Zuviel und Nicht-Zuwenig weder das Individuum, noch die Gruppe und auch die Aufgabe nicht zu kurz kommen. So ist es die Ich-Wir-Thema-Balance, die die thematisch interaktionelle Methode von anderen Kommunikationsmethoden unterscheidet. „Das akademische Lernen bezieht sich fast nur auf das [...]THEMA, das psychologische auf das ICH, die Gruppentherapie auf das ICH-WIR“[18]

[...]


[1] Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion, Stuttgart 1980 (4. Auflage), S. 111.

[2] Etzold, Sabine (1999): Der Prophet im Klassenzimmer, in: die Zeit [WWW-Dokument, entnommen am 19. September 2004], URL http://zeus.zeit.de/text/archiv/1999/25/199925.reformer1_.xml

[3] Cohn: 1980, S. 120.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Farau, Alfred; Cohn, Ruth C.: Gelebte Geschichte der Psychotherapie: 2 Perspektiven, Stuttgart 1984, S. 444.

[7] Cohn: 1980, S. 120.

[8] Ebd., S. 121.

[9] Farau; Cohn: 1984, S. 360.

[10] Cohn: 1980, S. 122.

[11] Cohn: 1980, S. 123.

[12] Ebd. S. 113.

[13] Vgl. Ruth Cohn Institut für Themenzentrierte Interaktion (Hrsg.); Verein WILL Schweiz: Werkstatt Institut für lebendiges Lernen (Hrsg.): Was ist Themenzentrierte Interaktion (TZI) ? [WWW-Dokument, entnommen am 19.09.3004] URL http://www.tzi.ch/html/tzi/tzi.html.

[14] Cohn, Ruth C.: 1980 (4. Auflage), S. 114.

[15] An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass ich das ES durch das THEMA ersetzt habe, um eine stärkere Abgrenzung zur Psychoanalyse vorzunehmen also um einer Verwechslung mit der Einteilung in „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ vorzubeugen.

[16] Vgl. Cohn: 1980, S. 115.

[17] Muche, Jürgen: Lebendiges Lernen im Literaturunterricht: Ein Beitrag zur fachdidaktischen Rezeption der Themenzentrierten Interaktion (TZI), St. Ingbert 1989, S.30.

[18] Cohn: 1980, S. 115.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Themenzentrierte Interaktion in der Schule - Wie wichtig ist die Kommunikationskompetenz beim lebendigen Lernen
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V36521
ISBN (eBook)
9783638361224
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Themenzentrierte, Interaktion, Schule, Kommunikationskompetenz, Lernen
Arbeit zitieren
Anneke Veltrup (Autor), 2004, Die Themenzentrierte Interaktion in der Schule - Wie wichtig ist die Kommunikationskompetenz beim lebendigen Lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36521

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