Adolf Stoecker und der politische Antisemitismus. Das Stoeckersche Programm


Seminararbeit, 2017

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

I). Voraussetzungen für die Entstehung des politischen Antisemitismus

III. Adolf Stoecker und der politische Antisemitismus
III.1. Adolf Stoecker
III.2. Das Stoeckersche Programm
III.3. Weitere Antisemitenparteien

IV. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Spricht man in der heutigen Zeit in Deutschland von Antisemitismus, so denkt man sofort an die zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft, aktuelle Äußerungen von rechtsextremen Politikern oder religiösen Fanatikern. Dabei wird aber oft übersehen, dass der Antisemitismus kein spezielles Phänomen des Nationalsozialismus im Dritten Reich war, sondern seinerzeit mit dem Holocaust die schlimmsten Perversionen offenbarte. Tatsächlich ist der Judenhass fast ebenso alt wie das Judentum selbst, anfänglich wurde er von religiösen Motiven, wie etwa der Schuldzuweisung an der Kreuzigung Christi, getragen. Seit der damaligen Entstehung von verschiedenen Glaubensrichtungen zieht sich ein sogenannter Antijudaismus wie eine Konstante nicht nur durch die christliche Geschichte. Das 19. Jahrhundert brachte hierin einen Wandel hervor der Judenhass wurde in seiner modernen Form zur Zeit des Kaiserreiches Allerdings sollte man auch beachten, dass die Rechtslage der Juden bereits vor 1871 im deutschsprachigen Raum angespannt und aufgrund der seit jeher föderalen Strukturen in den deutschen Staaten sehr unterschiedlich geregelt war.

Ich beschäftige mich in dieser Arbeit mit den Voraussetzungen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft um 1871, unter denen sich der politische Antisemitismus im Kaiserreich entwickeln konnte. Zugleich werde ich anhand des Lebenslaufes eines frühen Verfechters dieser Ideologie, Adolf Stoecker, evangelischer Theologe und Hofprediger Kaiser Wilhelms II., die Transformation des alten religiösen Antijudaismus unter Einfluss von Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts zu der uns heute bekannten Form des rassischvölkischen Antisemitismus aufzeigen.

II. Voraussetzungen für die Entstehung des politischen Antisemitismus

Für das Entstehen des politischen Antisemitismus müssen im Wesentlichen zwei verschiedene Themenkomplexe mit ihrer Wechselwirkung im Lauf des 19. Jahrhunderts betrachtet werden: Zu einem gibt es eine jüdische Emanzipationsbewegung mit ihren Auswirkungen auf die Gesellschaftsstruktur, auf der anderen Seite steht die allgemeine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage im Kaiserreich um das Jahr 1871.

Die Emanzipationsbewegung kann man als konsequente Fortführung von Ideen aus der Zeit der Französischen Revolution ansehen, insbesondere die Forderung nach rechtlicher und wirtschaftlicher Gleichheit. Zuvor1 waren Juden von der Partizipation am politischen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Daneben wurden ihnen scharfe Restriktionen hinsichtlich einer Teilnahme am Wirtschaftsleben auferlegt, die sich beispielsweise im Ausschluss der Juden von den Zünften der Städte zeigten. Ihnen blieben daher oft nur die Tätigkeit als Kleinhändler oder das Geschäft des Geldverleihs, um ihr Überleben zu sichern. Sie bildeten in ihren vom christlichen Umfeld abgetrennten Wohnvierteln eine Art Parallelgesellschaft und wurden allenfalls geduldet. Dazu kam, dass die Juden schon mehrfach im Lauf der Geschichte in die Rolle des Sündenbocks gedrängt wurden, etwa bei Missernten oder der Pestepidemie im 14. Jahrhundert. Eine weitere Hypothek stellte der klassische Antijudaismus dar, der sich insbesondere auf die Religion konzentrierte und den Juden die Schuld an der Kreuzigung Jesu zugeschrieb, und der von jeher mit Vorurteilen (so etwa die Durchführung von Ritualmorden und Opferung christlicher Kinder) verknüpft war.

Ein erster Hoffnungsschimmer für ihre Emanzipation war Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, welcher den Rheinbundstaaten zunächst eine Gleichstellung der Juden empfahl - zwar verwarf er die Idee wieder, doch kam es innerhalb der deutschen Staaten unter Einfluss des Code Civile in unterschiedlichem Maße zu einer Besserung der rechtlichen Situation.

Der Wiener Kongress von 1815 mit der Wiederherstellung der alten Ordnung ist hier als Zäsur zu sehen, denn in der Zeit danach kam von lokalen Ausnahmen abgesehen erneut zu rechtlichen Beschränkungen für die jüdischen Bevölkerung2 3.

Die Märzrevolution des Jahres 1848 brachte neue Aussichten auf Verbesserung, sodass sich die Juden aktiv an ihr beteiligten und energisch für ihre Rechte fochten4.

Damit verbunden war auch die Entwicklung eines Nationalgefühls - anstatt sich wie bisher vor allem als Angehörige des Volkes Israel zu sehen begriff man sich nunmehr auch als Deutsche. Doch das Scheitern der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und die Rückkehr der alten Machthaber zerschlugen auch diese Hoffnungen auf Emanzipation5.

Im Zuge der Reichsgründung 1871 erfolgte dann die rechtliche Gleichstellung der Juden sowohl in Deutschland als auch im Großteil des Auslandes6. Zuvor hatte der Norddeutsche Bund 1867 im Freizügigkeitsgesetz einen ersten Schritt zur rechtlichen Emanzipation der Juden getan. 1869 folgte das "Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung", welches nach 1871 in die Verfassung des Kaiserreiches übernommen wurde.

Diese schrittweise rechtliche Emanzipation darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass parallel zu dieser Entwicklung ein gegenläufiger Trend einsetzte, der althergebrachte Vorurteile gegenüber den Juden mit den neuen geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts - insbesondere Nationalismus, rassisch-völkisches Gedankengut und der Sozialdarwinismus - und dem Neid der alten Eliten auf den Erfolg jüdischer Personen in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft verband. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, dass es Juden trotz rechtlicher Gleichstellung verwehrt blieb, die Offiziers- oder höhere Beamtenlaufbahn einzuschlagen7.

Dennoch wirkte sich die Entwicklung bis in die 1870er Jahre für die Juden, abgesehen von den bereits genannten Hemmnissen, insgesamt positiv aus. Zählten sie um 1800 - entgegen dem alten Klischee vom Wucherer - noch zur armen Bevölkerungsschicht, so gelang es vielen in den Folgejahren, gesellschaftlich aufzusteigen.

Die Forschung nimmt an, dass um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bereits zwei Drittel der deutschen Juden dem mittleren und gehobenen Bürgertum angehörten. Sehr zahlreich vertreten waren sie in den freien Berufen, es fanden sich unter ihnen viele Lehrer, Ärzte, Notare bzw. Anwälte. In vielen künstlerischen Bereichen, etwa in der Musik oder der Schriftstellerei, aber auch in den Wissenschaften dominierten zum damaligen Zeitpunkt Menschen jüdischer Herkunft. Man kann daher sagen, dass die Juden eine wichtiger Faktor im damaligen Kulturleben gewesen sind8.

Bedeutsam war auch aber ihre Rolle in der Wirtschaft des Kaiserreichs. Besonders unter Kleinfabrikanten (etwa im Bereich der Textilverarbeitung), Ladenbesitzern (die Kaufhauskette Gebrüder Tietz AG, die heutige Galeria Kaufhof GmbH, sei hier als ein bekanntes Beispiel genannt) und Verlegern (z.B. Ullstein-Verlag) fanden sich zahlreiche Juden.

Ebenso wichtig - und für die spätere Anfeindung wohl hauptverantwortlich - ist die Tatsache, dass zahlreiche Privatbanken dieser Zeit Eigentum weitverzweigter jüdischer Familien mit hervorragenden Beziehungen zu ausländischen Wirtschaftseliten waren, so etwa das Bankhaus der Rothschild-Familie.

Erfolgreiche jüdische Geschäftsleute fanden so trotz dieser Anfeindung Zugang zu höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Als Beispiel sei hier der Bankier Gerson von Bleichröder (1822 - 1893) genannt.

Bismarck nutzte Bleichröders Geschäftsbeziehungen zu Banken in den europäischen Hauptstädten für die Informationsgewinnung über die politische und wirtschaftliche Lage.

Zugleich profitierte er aber auch von dem gesellschaftlichen Umgang des Bankiers mit den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Auslandes, mit denen er auf diesem Wege unabhängig von der offiziellen Diplomatie in Kontakt treten konnte.

Doch auch für innerdeutsche Angelegenheiten war Bleichröder für Bismarck von Bedeutung - er organisierte maßgeblich die Staatsanleihe zur Finanzierung des Deutsch-Deutschen Krieges 1866 und war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 führend an den Verhandlungen zu den französischen Reparationsleistungen beteiligt. Bleichröder galt aus diesem Grund in Öffentlichkeit schon frühzeitig als "Bankier Bismarcks"9.

Ein anderer herausragender Geschäftsmann jüdischen Glaubens ist der als "Reeder des Kaisers" bekannte Albert Ballin (1857 -1918), der maßgeblich für den Aufstieg der HAPAG10 zu einer der führenden Schifffahrtsgesellschaften verantwortlich war. Ballin gehörte ebenfalls zu jenen prominenten Juden, die Umgang mit Wilhelm II. pflegten, und darin eine Garantie für die Gleichberechtigung sahen. Obwohl der Reeder als leidenschaftlicher Patriot bekannt war11, gelang es ihm ebenfalls nicht, vollends von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, da er sich stets zu seiner jüdischen Herkunft bekannte und eine Konversion ablehnte12. Der Gründerkrach (ab 1873) verstärkte antisemitische Haltung in deutschen Bevölkerung. Diese wirtschaftliche Krise legt den eigentlichen Grundstein für den modernen Antisemitismus.

Grundlegend muss man zuerst eine Kritik an der bisherigen liberalen laissez-faire-Haltung des Staates in Wirtschaftsfragen festhalten - die Nichteinmischung sollte entscheidend für die Ausweitung der Krise sein.

[...]


1 Gidai, Tim Na chum: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Könemann, Köln 1997.

2 Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 1997.

3 Volkov, Shulamit: Die Juden in Deutschland 1780-1918 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte. Bd. 16). 2. Auflage. Oldenbourg, München 2000.

4 Kapp, Heinz: Revolutionäre jüdischer Herkunft in Europa 1848/49. Hartung-Gorre, Konstanz, 2006.

5 Hertz, Deborah: Wie Juden Deutsche wurden. Die Welt jüdischer Konvertiten vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Campus, Frankfurt am Main 2010.

6 Einzig das Russische Reich bildete hierin eine Ausnahme. Diese führte in der Folge zu einer Migration der Juden aus dessen Gebieten (vor allem Polen). Diese als sogenannte "Ostjuden" bezeichneten Migranten sollten ein Faktor für das Aufkommen des Antisemitismus in Deutschland werden.

7 Lediglich das Königreich Bayern bildet hier eine bemerkenswerte Ausnahme.

8 Mosse, Werner: Jews in the German economy. The Germon-Jewish economic élite, 1820-1935. Clarendon Press, Oxford 1987.

9 Stern, Fritz: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.

10 Hamburg-Amerika-Paketfahrt-Actien-Gesellschaft, eine 1847 in Hamburg gegründete Reederei.

11 So versuchte er, über seine Kontakte vor dem Ersten Weltkrieg das gefährliche Wettrüsten zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich zu verhindern. Während des Krieges wiederum bemühte er sich, die USA vom Kriegseintritt abzuhalten. Der Kaiserselbst, der vordem Krieg mehrmals bei Ballin in Hamburg zu Gast gewesen war, erwiderte dessen Loyalität nicht und behauptete nach 1918, nichts von der jüdischen Herkunft des Reeders gewusst zu haben.

12 Schölzel, Christian: Albert Ballin. „Ein Schiffsherr ist es... Ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann...". Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2004.

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Details

Titel
Adolf Stoecker und der politische Antisemitismus. Das Stoeckersche Programm
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Politik und Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V366380
ISBN (eBook)
9783668452121
ISBN (Buch)
9783668452138
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsches Reich 1871-1914, Antisemitismus, 19. Jahrhundert, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Falk Schwab (Autor), 2017, Adolf Stoecker und der politische Antisemitismus. Das Stoeckersche Programm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366380

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