Die Gottesbilder in Koran und Bibel

Eine vergleichende religionswissenschaftliche Untersuchung


Examensarbeit, 2017
65 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religionswissenschaft
2.1. Entwicklung der Religionswissenschaft
2.2. Religionsgeschichte
2.3. Rolle der Religionswissenschaft
2.4. Religionswissenschaft und Religion
2.5. Religionswissenschaft und Theologie

3. Der Koran
3.1. Entstehung des Korans
3.2. Aufbau des Korans
3.2.1. Die Suren
3.2.2. Die Verse
3.3. Gottesbild
3.3.1. Gott als Schöpfer
3.3.2. Der Barmherzige Gott
3.3.3. Der Allmächtige Gott
3.4. Die Offenbarung

4. Die Bibel
4.1. Entstehung der Bibel
4.1.1. Entstehung des Alten Testaments
4.1.2. Entstehung des Neuen Testaments
4.2. Aufbau der Bibel
4.2.1. Aufbau des Alten Testaments
4.2.1.1. Der alttestamentliche Kanon der Lutherbibel
4.2.1.2. Der Aufbau des rabbinischen Kanons (Tenach)
4.2.1.3. Der Aufbau des griechischen Alten Testaments (Septuaginta, LXX)
4.2.2. Der Aufbau des Neuen Testaments
4.3. Gottesbilder
4.3.1. Gott als Schöpfer
4.3.2. Der gerechte Gott
4.3.3. Gott als Vater
4.4. Die Offenbarung

5. Vergleich zwischen Islam und Christentum
5.1. Vergleich der Heiligen Schriften
5.1.1. Vergleich zwischen Koran und Alten Testament
5.1.2. Vergleich zwischen Koran und Neuen Testament
5.2. Vergleich der Gottesbilder

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ Worte, die Bundespräsident a. D. Christian Wulff am 03. Oktober 2010 sagte. Worte, die in Deutschland geteilte Meinung einnehmen. Aber eine Religion, die in der deutschen Gesellschaft immer zentraler wird.

In Deutschland leben laut einer Hochrechnung, die die Deutsche Islam Konferenz in Auftrag gegeben hat, Ende 2015 zwischen 5,4 und 5,7 Prozent muslimische Glaubensangehörige.1 Zum Vergleich gehören in Deutschland ca. 60 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Glaubensgemeinschaft an.2 Religionen sind also immer noch ein zent- rales Thema in der Gesellschaft, doch der Islam nimmt in den Medien eine viel größere Resonanz ein als das Christentum. Terroranschläge oder die aktuelle Flüchtlingssituation werden oft mit der islamischen Religion in Verbindung gebracht, welche interkulturelle Konflikte in der deutschen Gesellschaft schaffen, da negative Ereignisse mit der Reli- gion verbunden werden, die das Zusammenleben von unterschiedli- chen Kulturen erschwert. In den letzten Jahren sind immer mehr Mo- scheen oder muslimische Glaubenshäuser und Gemeinschaften in Deutschland entstanden, die es oft schwer haben Anerkennung in der Bevölkerung zu erlangen. Oft ist es die Angst vor etwas Fremden, wodurch Konflikte wachsen. Vorurteile und fehlendes Wissen er- schweren das Miteinander. Doch was ist es eigentlich, was die Chris- ten gegenüber den Moslems unterscheidet? Viele vermuten der Un- terschied ist groß und die Religionen sind extrem unterschiedlich. Doch woher kommt der Glaube daran? Es ist das Anders sein und das Fremde, eine neue, fremde Kultur, eine fremde Religion, die die west- liche Welt nicht kennt. Der Mensch reagiert zögernd gegenüber Neuem und geht nur distanziert auf Ungewohntes ein. So könnte man auch den Umgang zwischen den Religionen beschreiben. Eine Dis- tanz zwischen Religionen, die das Leben in einem Land beeinflussen. Das Wachstum der muslimischen Gemeinden zeigt, dass sich Deutschland mit dem Islam auseinander setzten muss und Wege fin- den muss ein gemeinsames Leben zu ermöglichen. In Deutschland garantiert das Grundgesetz die Religionsfreiheit, die es jedem Men- schen ermöglicht seine Religion frei auszuüben, so hat auch jeder Moslem oder jede Muslima das Recht ihre Religion in Deutschland auszuüben. Das Thema der Integration ist in Deutschland seit Jahren ein großes Thema. Von ausländischen Mitbürgern wird verlangt, sich der deutschen Kultur anzupassen und sich in diese zu integrieren. Doch sollte es nicht auch an der Zeit sein, dass sich die deutsche Be- völkerung, die sich durch ihre wachsende multikulturelle Erscheinung verändert, auch bereit sein sollte, sich auf Neues einzulassen!?

Das fehlende Wissen über die eigene Religion und die der fremden Religion erschwert nicht nur einen interreligiösen Dialog, sondern auch das einfache Leben miteinander. Doch woher soll man dieses Wissen erlangen, wenn man sich nicht selbst damit auseinandersetzt und sich für das Gegenüber interessiert!? Es heißt der Mensch lernt nie aus und kann jeden Tag etwas neues lernen, doch es liegt an einem selbst, ob man dies auch will.

Der Religionsunterricht in deutschen Schulen ist durch das Grundge- setz ein ordentliches Schulfach und muss im Stundenplan berücksich- tigt werden. Religionsunterricht findet in den meisten Bundesländern nach Konfessionen getrennt statt, d.h. die Schulen müssen einen evangelischen und einen katholischen Religionsunterricht ermögli- chen, sowie das Fach Ethik. Doch was ist mit den rund 650.000 mus- limischen Schülerinnen und Schülern in Deutschland!?3 Bisher saßen diese Schüler meist im Evangelischen Religionsunterricht oder im Ethikunterricht. Ein islamischer Religionsunterricht wurde erst verein-

zelt in den letzten Jahren in deutschen Schulen eingeführt. Eine Maß- nahme, die längst überfällig ist. Eine Maßnahme, die es ermöglichen würde Einfluss auf die Einstellungen von Schülerinnen und Schülern gegenüber ihrer eignen Religion und der einer Anderen zu nehmen. In der Schule ist es vor allem Möglich die ersten interreligiösen Dialoge zu knüpfen und eine Bindung zwischen den Religionen aufzubauen, um ein Verständnis gegenüber der anderen Kultur aufzubauen. Fremdheit könnte so überwunden werden und Wissen über die Reli- gionen und eine Zugänglichkeit zueinander könnte wachsen. Grund- lagen, die ein Zusammenleben heute enorm bereichern würden und so manche Konflikte vermeiden könnte.

Diese Arbeit soll auch einen kleinen Teil zum religiösen Dialog zwischen Muslime und Christen beitragen. Sie soll religionswissenschaftlich zeigen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede die Religionen in ihren Heiligen Schriften, die als Fundamente der beiden Religionen dienen, aufweisen.

Zunächst wird die wissenschaftliche Disziplin der Religionswissenschaft vorgestellt, wie sie sich entwickelt hat und aus welchen Teildisziplinen sie besteht. Da diese Arbeit eine religionswissenschaftliche Untersuchung beinhaltet, werden auch die Arbeitsschritte der Religionswissenschaft demonstriert und angewandt.

Um einen Überblick über die Heiligen Schriften des Islams und des Christentums zu bekommen, werden die Bibel und der Koran genauer betrachtet. Die Arbeit soll einen Überblick über die Entstehungsge- schichte der Schriften und den Aufbau ermöglichen. Zudem werden die unterschiedlichen Gottesbilder der beiden Religionen vorgestellt und meist mit Angaben des Korans oder der Bibel erläutert.

Abschließend erfolgt ein Vergleich der Heiligen Schriften und deren Gottesbilder.

2. Religionswissenschaft

„Religionswissenschaft ist die empirische, historische und systemati- sche Erforschung von Religion und Religionen.“4 Das bedeutet, dass sich die Religionswissenschaft mit vielen einzelnen Disziplinen ausei- nandersetzt. Meist wird zwischen Historischer Religionswissenschaft und Systematischer Religionswissenschaft unterschieden.5 Diese wis- senschaftliche Arbeit wird sich mehr mit der Historischen Religions- wissenschaft beschäftigen.

„Die religionsgeschichtliche Forschung ist am geschichtlichen Werden interessiert und konzentriert sich auf die Untersuchung und Beschreibung des Besonderen, oft in Gestalt historischer Längsschnitte.“6

2.1. Entwicklung der Religionswissenschaft

Die Arbeit wird die geschichtlichen Entwicklungen des Islams und des Christentums im Bezug auf deren Heiligen Schriften, des Korans und der Bibel, und deren unterschiedlichen Gottesbilder untersuchen und wird durch einen Vergleich abgerundet, um die Beziehung der beiden Religionen noch genauer herauszuarbeiten.

Erste Ansätze der Religionswissenschaft finden sich in der Antike. Die kritische Distanz zur eigenen Religion war die Voraussetzung für die Entwicklung dieser Wissenschaft.7

„Vor allem drei Bereiche sind es, in denen derartige Ansätze begegnen: a) die früheà Religionskritik , b) die neue Deutung des à Mythos und c) die Ursprungs- und Gestaltungsfrage der Religionen (Mensching 18ff.).“8

Die moderne Religionswissenschaft entwickelte sich in der Epoche der Aufklärung, die im 17. und 18. Jh. in England, Frankreich und Deutschland aktiv war.9

2.2. Religionsgeschichte

Bis ins 17. Jh. hinein bezog sich die Religionsgeschichte allein auf die jüdisch-christliche Religionsgeschichte, erst Ende des 17. Jahrhun- derts wurden außerchristliche Religionen in das Teilgebiet der Religi- onsgeschichte mit aufgenommen.10 Man könnte durch den Begriff Re- ligionsgeschichte vermuten, dass sich dieser Forschungszweig nur mit der Geschichte, also mit der Vergangenheit, beschäftigt. Jedoch wächst Geschichte immer weiter und reicht über die Vergangenheit in die Gegenwart hinaus.11 Die Religionsforschung wird oft als Synonym für die Religionsgeschichte verwendet, ist aber nur eine Teildisziplin der Religionsgeschichte.12 Die geschichtliche Betrachtungen der Reli- gionen beginnt allerdings nicht erst mit der wissenschaftlichen Diszip- lin.

„Die Historische Religionswissenschaft ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die ‚Entdeckung der Religi- onsgeschichte’ (H. Kippenberg) die Entdeckung der Dimen- sion der Geschichte spiegelt. Dabei gibt es zwei bedeut- same Voraussetzungen für das Aufkommen der Religions- geschichte und für ihre baldige Verfestigung als akademi- sche Disziplin: Zum einen hatte sich inzwischen der Religi- onsbegriff von seiner christlich-dogmatischen Identifikation mit dem Christentum befreit, zum anderen wird Religion nun als konkrete historische Größe aufgefasst; anstelle abstrak- ter Spekulationen über ,die Religion’ soll mit der geschichtli- chen Analyse die ,tatsächliche’ Religionsgeschichte rekon- struiert werden - die Geschichte der Religion, ,wie sie wirk- lich gewesen ist’. Religionsgeschichte und Religionswissen- schaft fallen in eins.“13

Im Zentrum der religionsgeschichtlichen Forschung stehen die Hoch- religionen, die durch Untersuchung der schriftlichen Dokumente untersucht werden.14

„Was ich frage, welche Religion ich befrage und welche Quellen mir zur Verfügung stehen - das sind drei Faktoren , die in äußerst dynamischer Weise aufeinander bezogen sind und sich wechselseitig bedingen.“15

Die Religionsgeschichte arbeitet hauptsächlich mit Quellen. Die bedeutsamsten religionsgeschichtlichen Quellen sind demnach die Heiligen Schriften selbst, mit denen sich die Arbeit auch hauptsächlich auseinandersetzt. Diese Schriften haben für die jeweiligen Religionen grundlegende, konstitutive Bedeutungen.16

„Viele religiöse Traditionen kennen Offenbarungsschriften - also Texte, die nach dem Verständnis der jeweiligen Religi- onsgemeinschaft von einer höheren Macht offenbart und nach längerer oder kürzerer mündlichen Überlieferung schließlich schriftlich festgehalten wurden. Hierzu gehören etwa das Avesta, der Koran, die Tora, das Neue Testament, das Buch Mormon [...].“17

Die Schriften unterscheiden sich allerdings erheblich im Offenba- rungsverständnis. In dieser Arbeit wird das Augenmerk auf den Koran und auf die Bibel gelegt, wie diese sich Unterscheiden und wie das jeweilige Gottesbild der Religion dargestellt und verstanden wird. Re- ligionsgeschichte bedient sich aber auch an sogenannten „Averbale

Quellen“.18 Dies sind Quellen der kulturellen Schöpfung, also der Mu- sik und Kunst.

„Zu diesem Typ averbaler, wortloser religionsgeschichtlichen Quellen gehören aber nicht nur künstlerisch und ästhetisch besonders anspruchsvolle oder kostbare Werke, sondern auch ,einfache’ Gerätschaften, religiöse Gebrauchsgegenstände sozusagen: Orakelstäbchen, Schamanentrommeln, Abendmahlkelche usw. - schier unendlich ist die Zahl solcher Gegenstände.“19

Aber auch Handlungen und Bewegungen oder Rituale gehören zu dieser Art von Quellen, die sich die Religionsgeschichte bedient.20 Die Religionsgeschichte wird als Basis für jeden Vergleich der Religionen gesehen und ist im Gegensatz zur Theologie nicht durch glaubendgemäße Normen geprägt.21

2.3. Rolle der Religionswissenschaft

Doch wofür ist die Religionswissenschaft nützlich? Eine Frage die sich jede wissenschaftliche Disziplin stellen muss und was „sie für die aka- demische Diskussion erbringt und von welcher gesellschaftlichen Re- levanz sie ist.“22 Die Religionswissenschaft ist in erster Linie nützlich für die Kenntnis über andere Religionen, um das Fremde zu erklären. Also ist die Religionswissenschaft auch in den Schulen eine wichtige Disziplin um Religionen im Wesentlichen zu veranschaulichen. Aber auch in der Erwachsenenbildung und in Fortbildungen ist sie relevant.

Religionswissenschaftliche Kenntnisse helfen zur Orientierung um die Vielfalt der Religionen zu verstehen und zu erkennen.23

Die Religionswissenschaft nimmt aber auch eine Funktion des Ver- mittlers ein, vor allem bei Begegnungen zwischen den Religionen.

„Religionswissenschaft ist keine Religionstheologie, und deswegen kann und darf sie selbst keinen Dialog der Religi- onen führen. Ihre besondere Stellung und Kompetenz erlau- ben ihr aber durchaus, den Dialog der Religionen nicht nur zum Forschungsgegenstand zu haben, sondern an entspre- chenden Prozessen selbst als Moderatorin und Wissensver- mittlerin teilzuhaben.“24

Entscheidende Arbeit leistet die Religionswissenschaft auch im Umgang mit Vorurteilen. Vor allem in der heutigen Zeit, wo der Konflikt der Religionen immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit dringt, ist es umso wichtiger, dass Fehlinterpretationen oder Missverständnisse gegenüber anderen Religionen aufgehoben werden.25

„Beispielsweise hat das Anfang der 90er Jahre unter Feder- führung von Abdoljavad Falaturi und Udo Tworuschka abge- schlossene ,Kölner Schulbuchprojekt’ nachweislich dazu beigetragen, dass die Darstellung des Islams in deutschen Schulbüchern verbessert wurde, und das Tübinger Medien- projekt Tübinger Religionswissenschaft konnte mit seiner kritischen Analyse das Bewusstsein dafür schärfen, auf- grund welcher Mechanismen in den Massenmedien beste- hende Vorurteile häufig weiter transportiert und verstärkt werden.“26

Seit den 90er Jahren ist eine lange Zeit vergangen und man kann noch immer Missverständnisse in der Gesellschaft bezüglich der Religionen feststellen, also ist und wird die Religionswissenschaft immer ein wich- tiger Teil sein und wird weiterhin dazu beitragen, dass sich Religionen besser untereinander kennen und verstehen. Dies ist ein Versuch die- ser Arbeit, die eigene Religion besser kennenzulernen und zu Gleich mit einer anderen Religion zu vergleichen, wobei es in erster Linie erst einmal wichtig ist, diese genau zu verstehen, um interpretieren zu kön- nen.

Unmittelbar daraus folgt ein weiterer wichtiger Nutzen der Religions- wissenschaft. Durch das Vermitteln und das Erforschen anderer Reli- gionen wird man die eigene Religion kritisch reflektieren, da man „die Ergebnisse religionswissenschaftlicher Studien auf unsere eigene Kultur und Gesellschaft, in der wir leben, zurückbeziehen kann.“27 Jac- ques Waardenburg sagte dazu: „Das Studium anderer Religionen und Kulturen bewegte uns, über die unsere nachzudenken.“28

In den letzten Jahrzenten standen laut Günther Lanczkowki folgende Themen als Schwerpunkt der religionswissenschaftlichen Forschung zur Debatte:

„Gottesglaube und Mythos, Typen religiöser Autorität, Kult, Symbole sowie der religiöse Evolutionismus und seine Überwindung.“29

Diese aufgeführten Themen haben sich hinsichtlich des 20. Jh. be- achtlich entwickelt, doch die ständige Entwicklung der Welt hat inzwi- schen viele neue Themen hervorgebracht, mit der sich die aktuelle re- ligionswissenschaftliche Forschung beschäftigt. Im 21. Jh. haben sich „soziale, politische und ökonomische Wandlungsprozesse globalen Ausmaßes [ergeben], denen sich keine Religion entziehen konnte.“30 Die Globalisierung nimmt dabei auch in der Religionswissenschaft eine immer größere Rolle ein.

„Eng verbunden mit der Globalisierung ist eine andere The- matik, nämlich die Frage nach der Rolle von Religionen im Zusammenhang mit Migration und Diasporabildung.“31

Durch die umfangreiche Migrationsbewegung, die zur Zeit wieder ak- tuell ist, aber kein gänzlich neues Thema ist, verändert sich das tradi- tionelle religiöse Bild ganzer Regionen.32 Im deutschen Kontext ist in diesem Zusammenhang vor allem der Islam, durch die Einwanderung der Gastarbeiter in den 50er und 60er Jahren, sowie die aktuelle Ein- wanderung der Kriegsflüchtlinge aus Syrien zu erwähnen. Aktuell in diesem Zusammenhang steht auch die Radikalisierung religiös-politi- scher Bewegungen, die zu einem zusätzlichen Themenbereich der re- ligionswissenschaftlichen Forschung geworden ist.33 Im Zusammen- hang von Religion und Ethnizität kam und kommt es immer wieder zu Kriegen und gewalttätigen Konflikten.

„In allen diesen Fällen kann die Religionswissenschaft auf- grund der ihr eignen Sach- und Fachkompetenz maßgeblich zur Erforschung der Hintergründe dieser Konflikte und zur Einstellung des komplexen Zusammenhangs von Ethnizität und Religion beitragen.“34

2.4. Religionswissenschaft und Religion

Doch das größte Problem der Religionswissenschaft ist die Bestim- mung von Religion. Was ist Religion? Wo fängt sie an und wo hört sie auf, bzw. wie lässt sich Religion überhaupt definieren. Eine einheitli- che Definition aufzustellen erweist sich als schwierig, wie Ulrike Schröder in ihrem Artikel „Religionswissenschaft“ beschreibt:

„Es existiert schlicht kein konsensfähiger Allgemeinbegriff von Religion, der so global und kulturübergreifend ist, dass er die Vielzahl und Heterogenität der verschieden lebens- weltlichen, als Religion bezeichneten Phänomene umfasst. In der Religionswissenschaft und den angrenzenden Diszip- linen existiert daher eine große Bandbreite an Vorschlägen zu Definition von Religionen, die mit je ganz verschiedenen Zugängen zu Religion/ Religionen als Forschungsstand ver- bunden ist.“35

Es lassen sich dabei zwei Haupttypen des Begriffs Religion unterscheiden: Der substantialistische Religionsbegriff und der funktionalistische Religionsbegriff.36 Schröder beschreibt diese Hauptbegriffe folgendermaßen genauer:

„Der sogenannte substantialistische (oder essentialistische)

Religionsbegriff bestimmt Religion über essentielle Merk- male oder zentrale Inhalte. Hierzu zählt die Bestimmung von Religion als ‚Erfahrung’ oder ‚Glaube’ an etwas Bestimmtes, zum Beispiel übernatürliche Kräfte, das Heilige, Götter, Geister etc. Substantialistische Definitionen haben gemein- sam, dass in ihnen versucht wird, das allen Religionen Ge- meinsame in einem stark verallgemeinerten, formalen Sinn wiederzugeben, um das ‚Wesen’ (d.h. die Substanz oder Es- senz) der Religion an sich herauszuarbeiten. Mit einem sub- stantialistischen Religionsbegriff wird vor allem die Religi- onsphänomenologie um Rudolf Otto (1869-1937) in Verbin- dung gebracht, eine religionswissenschaftliche Strömung, die vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Religionswissenschaft in Deutschland stark bestimmt hat und von der liberalen Theologie im An- schluss an Schleiermacher beeinflusst war (Michaels, 1997; Sharpe, 2003).

Der zweite typische Ansatz, Religion zu beschreiben, ist der sogenannte funktionalistische Ansatz, bei dem Religion nicht über ihre Inhalte, sondern über ihre Funktion für die Gesellschaft bestimmt wird. Dieser vor allem in der Religi- onssoziologie verbreitete Ansatz geht vor allem zurück auf den französischen Religionssoziologen Émile Durkheim (1858-1917), der die gemeinschafts- bzw. sinnstiftende Funktion von Religion in den Vordergrund rückte (Pickel, 2011, 75-86). Funktionalistische Definitionen haben daher häufig eine große Reichweite, was aber auch beinhaltet, dass sie auf andere gesellschaftliche Teilbereiche ebenso anwendbar sind. Häufig werden funktionalistische Definitio- nen daher auch ergänzt mit substantialistischen Elementen, um sie als Definition von Religion zu spezifizieren (Pollack, 1995).“37

Eine allgemeine Bestimmung, hinsichtlich einer Definition, die inhaltli- che, vergleichende oder funktionale Kriterien berücksichtigt, ist in der Religionswissenschaft als Grundlage problematisch. Daher ist ein Ziel der Religionswissenschaft, zum Zweck der Selbstreflektion, weiter an der Frage nach einer Definition für den Begriff „Religion“ zu arbeiten.38

2.5. Religionswissenschaft und Theologie

Religionswissenschaft und Theologie sind eng mit Einander verbunden, allerdings sollte man beide Gebiete unterscheiden.

„Das Verhältnis zwischen beiden ist daher noch immer um- stritten und oft auch von gegenseitiger Infragestellung bzw. fehlender inhaltlicher Wahrnehmung gekennzeichnet. Zu- weilen wird aus dem Bereich der Theologie heraus die Reli- gionswissenschaft infrage gestellt, indem entweder die The- ologie selbst als eigentliche Religionswissenschaft gesehen wird (Herms, 1998) oder der Religionswissenschaft eine feh- lende Reflexion ihrer eigenen Normativität im Umgang mit ihrem Forschungsgegenstand vorgeworfen wird (Graf, 2004). Umgekehrt verkürzt sich die religionswissenschaftli- che Kritik an der Theologie häufig auf deren institutionelle Sonderstellung an den Universitäten und die vermeintlich fehlende kritische Reflexion ihrer eigenen Wissenschaftlich- keit.“39

Religionswissenschaft und Theologie thematisieren beide Religion, jedoch verfolgen beide Disziplinen unterschiedliche Fragestellungen. Schröder zeigt dies durch ein Zitat von Dalferth so auf:

[...]


1 Vgl.http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Magazin/Lebenswelten/Zahl- MLD/zahl-mld-node.html aufgerufen am 10.03.2017

2 https://www.ekd.de/statistik/mitglieder.html aufgerufen am 10.03.2017

3 Vgl. http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/DIK/5Religionsunterricht- Schule/Schuelerpotenzial/schuelerpotenzial-node.html aufgerufen am 14.03.2017

4 Hock, K., Einführung in die Religionswissenschaft. 4. Auflage. Darmstadt. 2011. S. 7.

5 Vgl. Ebd. S. 7.

6 Ebd. S.7.

7 Vgl. Klimkeit, H.J.: Art. Religionswissenschaft, in: Müller, G.(Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie (TRE). Bd. 16, Berlin/New York. 1998. S. 63.

8 Ebd. S. 63.

9 Vgl. Ebd. S. 64.

10 Vgl. Vgl. Hock, K., Einführung in die Religionswissenschaft. S. 23.

11 Vgl. Ebd. S. 24.

12 Vgl. Ebd. S.24.

13 Ebd. S. 24-25.

14 Vgl. Ebd. S. 37.

15 Vgl. Ebd. S. 37.

16 Vgl. Ebd. S. 31.

17 Ebd. S. 31.

18 Vgl. Ebd. S. 35.

19 Vgl. Ebd. S.35.

20 Ebd. S. 35.

21 Vgl. Klimkeit, H.J.: Art. Religionswissenschaft, in TRE. Band 28. S. 61.

22 Hock, K., Einführung in die Religionswissenschaft. S. 178.

23 Vgl. Ebd. S. 178.

24 Ebd. S. 179.

25 Vgl. Ebd. S. 179.

26 Ebd. S. 179.

27 Vgl. Ebd. S. 179.

28 Vgl. Ebd. S. 179.

29 Ebd. S. 180.

30 Vgl. Ebd. S. 181.

31 Ebd. S. 181.

32 Vgl. Ebd. S. 181.

33 Vgl. Ebd. S. 182.

34 Vgl. Ebd. S 183.

35 Klimkeit, H.J.: Art. Religionswissenschaft, in: Müller, G.(Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie (TRE). Bd. 16, Berlin/New York. 1998. S. 4.

36 Vgl. Ebd. S. 4.

37 Ebd. S. 4f.

38 Vgl. Ebd. S. 5.

39 Ebd. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Die Gottesbilder in Koran und Bibel
Untertitel
Eine vergleichende religionswissenschaftliche Untersuchung
Hochschule
Universität Augsburg  (systematische Theologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
65
Katalognummer
V367157
ISBN (eBook)
9783668457652
ISBN (Buch)
9783668457669
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bibel und Koran, Religionswissenschaft, Islam und Christentum
Arbeit zitieren
Linda Friedrich (Autor), 2017, Die Gottesbilder in Koran und Bibel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367157

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Gottesbilder in Koran und Bibel


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden