Zu Otto Ludwigs Erzählung "Zwischen Himmel und Erde" (1856). Metapher, Symbol und Allegorie

Die nackte Wirklichkeit überblumen


Hausarbeit, 2017

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der poetische Realismus
1.1. Das literarische Programm des poetischen Realismus
1.2. Otto Ludwigs Romanstudien

2. Metaphern, Symbole und Allegorie in ÄZwischen Himmel und Erde“
2.1. Definition Metapher, Symbol, Allegorie
2.2. Metaphernfelder
2.2.1. Architektur/Natur
2.2.2. Spinnenfäden/Herzensfäden
2.3. Symbole
2.3.1. Die blaue Blume
2.3.2. Der blaue Rock
2.4. Allegorie: Reise/Weg/Initiation

3. Schlussbetrachtungen

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Im Folgenden wird der Erzähltext ÄZwischen Himmel und Erde“ von Otto Ludwig untersucht, der 1856 erstmals veröffentlicht wurde. Dieser Text gehört zur Epoche des poetischen Realismus, der die Zeitspanne von 1848 bis 1890 umfasst. Die Programmatik des Realismus verlangte eine unparteiische Darstellung der diesseitigen und sinnlich erfassbaren Wirklichkeit, wobei jedoch das Unschöne und Pathologische ausgespart werden sollte und die Welt in poetischer Überhöhung ihre tieferen Sinnzusammenhänge auf zeigen sollte. Otto Ludwig wirkte maßgeblich am Programm des poetischen Realismus mit, seine Überlegungen legte er besonders in seinen Romanstudien zu Walter Scott und Charles Dickens vor. Jedoch besteht eine starke Diskrepanz zwischen seinem eigenen theoretischen Anspruch und der konkreten Praxis in seinem Erzähltext ÄZwischen Himmel und Erde“.

Dieser Text ist stark geprägt durch seine Bildlichkeit. Metaphernfelder und Symbole überziehen die narrativen Strukturen und erschaffen in herausragender Weise das Gesamtbild der präsentierten fiktionalen Welt. Besonders Architektur und Natur werden herangezogen, um die Personen in ihrer Subjektivität zu charakterisieren. Spinnenfäden und Herzensfäden tragen eine besondere Bedeutung und wirken mit an dem Beziehungsnetz zwischen den einzelnen Mitgliedern der Familie Nettenmair und den anderen Bewohnern der Stadt. Besondere Aussagekraft als verdichtete Sinnträger erhalten einzelne Symbole, wie die blaue Blume oder der blaue Rock.

Ebenso ist eine allegorische Lesart des Gesamttextes möglich, als Lebenslaufgeschichte des heimkehrenden Sohnes, der auf seinem Weg innere Konflikte durchleben muss, um schließlich seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

1. Der poetische Realismus

Als Epochenbegriff umfasst der Realismus nahezu alle europäischen Literaturen in der Zeit von ca. 1830 bis ca. 1880, wobei sich die deutsche Variante als Äpoetischer“ oder Äbürgerlicher“ Realismus auf die Zeitspanne von 1848 bis 1890 bezieht. Das Scheitern der Revolution von 1848/49 markiert den Beginn einer Literatur, die überwiegend im Bürgertum verankert ist und deren Wertevorstellungen proklamiert[1]. Wie Becker in ihrer Studie ausführt, unterteilt sich die Epoche des deutschen Realismus in die Phase des programmatischen Realismus (1848 bis 1870) und die des späten Realismus (1870 bis 1890), wobei besonders die Jahre zwischen 1848 und 1859 als die Wirkungsjahre des programmatischen Realismus bezeichnet werden. Obwohl der poetische Realismus keine geschlossene Literaturtheorie vorgelegt hat[2], entwickelte sich ein gemeinsames Programm, das überwiegend durch Diskussionen in Zeitschriften wie den ÄGrenzboten“ und der ÄZeitschrift für Politik und Literatur“ generiert wurde. Die Bezeichnung Äpoetischer Realismus“ wird gemeinhin Otto Ludwig zugeschrieben, der diesen Begriff in seinen erst posthum erschienenen Studien zum Drama verwendete[3].

1. 1. Das literarische Programm des poetischen Realismus

Die theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb des poetischen Realismus befassen sich überwiegend mit dem Verhältnis zwischen Literatur und Wirklichkeit[4]. Die fiktive Welt muss sich stets auf die reale beziehen und soll erfahrbare Lebenswirklichkeiten thematisieren. Der Mensch in seiner Arbeitswelt und seinem häuslichen Umfeld sollen im Mittelpunkt stehen. Bürgerliche Moralvorstellungen und Ideale sollen in der entworfenen Welt einen realistischen Bezugsrahmen bilden, jedoch darf dabei nicht auf romantische oder märchenhafte Elemente zurückgegriffen werden. Die fiktive Welt muss plausibel und erklärbar sein. Folglich muss die Erzählweise den Prinzipien von Chronologie und Kausalität folgen. Gleichzeitig jedoch soll jedoch die Realität nicht nur beschrieben werden, sondern sie soll in poetischem Sinn erhöht werden, das heißt, sie soll dergestalt präsentiert werden, dass die Strukturen sichtbar werden, nach denen sie funktioniert. Die sogenannte Verklärungsstrategie[5] verlangt, dass in dem Entwurf einer harmonischen bürgerlichen Welt Themen ausgespart werden, die Schatten auf die Idealisierung werfen könnten, das Unschöne hat keinen Platz. Dazu gehören insbesondere die konkreten Lebensumstände in der aktuellen Welt, die fortschreitende Industrialisierung und Kapitalisierung mit ihren Folgeerscheinungen wie Massenarmut und Proletarisierung in den Städten, ebenso verbieten sich politische Themen, die Missstände aufzeigen. Die objektive Wirklichkeit soll aus subjektiver Perspektive dargestellt werden, wobei sich der Schriftsteller das Recht herausnimmt, Äpoetisch über die Realität zu verfügen“[6]. Darin liegt bereits die Widersprüchlichkeit des poetischen Realismus begründet, da der Anspruch der objektiven Beschreibung von vorneherein den Ausschluss bestimmter Themen inkludiert. Laut Julian Schmidt, einem der Programmatiker der Frühphase, sucht der Realist Äin der Wirklichkeit die positive Seite auf“[7]. Folglich werden in der Darstellung solche Phänomene vermieden, die der ÄEinheit von Ideal und Realität zuwiderlaufen; man vermeidet ‚Zufälle‘, ‚Häßliches‘ sowie Amoralisches - es sei denn, Letzteres diene als Hintergrund oder Konturierung positiver Einstellungen der bürgerlichen, moralisch integeren Helden.“[8] Emil Homberger formuliert die Aufgabe von Literatur in der Darstellung von Wirklichkeit wie folgt:

Ä…Das Ideal ist das einzige Mittel der Erkenntnis des Realen. Das Ideal bringt Ordnung in die Wirrnis der Erscheinungen, macht das Große zum Großen, das Kleine zum Kleinen, verbindet das Zusammenhanglose, und setzt dem Schrankenlosen Schranken. … Durch das Ideal wird der Dichter frei von Unklarheit und Unordnung, frei von blindem Zufall und gesetzloser Willkür - und so sind auch hier Freiheit und Gesetz unzertrennlich.“ [9]

1.2. Otto Ludwigs Romanstudien

Otto Ludwig hat umfangreiche Studien zum Roman und zum Drama verfasst, die erst 1891 veröffentlicht wurden, fast 30 Jahre nach seinem Tod 1865[10]. Laut Lillyman zeichnete er seine Studien Äunsystematisch über eine Zeitspanne von mehreren Jahren hinweg in Form eines Tagesbuchs“ auf[11], ohne dabei eine Veröffentlichung zu beabsichtigen[12]. Als Druckvorlage für seine Herausgabe von Otto Ludwigs Romanen und Romanstudien dient Lillyman die Ausgabe von Adolf Stern[13], der die tagebuchähnliche Reihenfolge des Manuskripts nicht beibehält, sondern die Studien nach Sachgruppen ordnet. Ebenso stammen die meisten Titel der Einzelstudien von Stern[14]. In den Romanstudien äußert sich Ludwig sowohl über den Roman als auch über das Drama, wobei er immer wieder seine Sichtweise des poetischen Realismus einfließen lässt, die er komprimiert im Zusammenhang mit seinen Shakespeare-Studien ausdrückt:

ÄDer Begriff des poetischen Realismus …einer Welt, die von der schaffenden Phantasie vermittelt ist…sie schafft die Welt noch einmal…eine, in der der Zusammenhang sichtbarer ist als in der wirklichen…eine ganze, geschlossene, die alle ihre Bedingungen, alle ihre Folgen in sich selbst hat. … Eine Welt, die in der Mitte steht zwischen der objektiven Wahrheit in den Dingen und dem Gesetze, das unser Geist hineinzulegen gedrungen ist, eine Welt, aus dem, was wir von der wirklichen Welt erkennen, durch das in uns wohnende Gesetz wiedergeboren…“[15]

Das Ziel des Schriftstellers ist nach Ludwig die ÄPoesie der Wirklichkeit, die nackten Stellen des Lebens überblumend“[16] ; das heißt, die Widersprüche sollen harmonisiert werden, damit der Leser diese Poesie erspüren kann:

ÄEs liegt wahrlich eine große Quantität Poesie auch in dem wirklichen Leben unserer Zeit. Das große Lesepublikum weiß nichts von dem Schönen, das irgendwann, irgendwo anders war;“[17]

In den Romanstudien geht Ludwig besonders auf die verschiedenen Erzählweisen ein, die er dem Roman und dem Drama zuordnet. Den grundsätzlichen Unterschied zwischen beiden sieht er darin, dass das Drama die innere Welt der Personen, das heißt die psychologischen Vorgänge, wiederzugeben hat, während der Roman sich mit der äußeren Welt beschäftigen soll, mit den historischen Gegebenheiten, den Sitten und Gebräuchen[18]. ÄDer dramatischen Poesie Wesen ist Entwicklung; innrer psychologischer Zusammenhang.“[19] sagt Ludwig; während der Held im Drama ÄMacher und Produkt“ ist, ist er in der Erzählung nur ÄProdukt“[20]

[...]


[1] Becker, S.: Bürgerlicher Realismus ( 2003). Tübingen/Basel. S. 51.

[2] Ebd., S. 95.

[3] Korte, H.: Tabu und Ordnung (1989). Bonn. S. 11.

[4] Becker, S., ebd., S. 98ff.

[5] Ebd., S. 103.

[6] Ebd., S. 104.

[7] Zitat nach Becker S., ebd., S. 102.

[8] Ebd., S. 102.

[9] Plumpe, G.: Theorie des bürgerlichen Realismus (1985). Stuttgart. S. 155.

[10] Korte, H., ebd., S. 11.

[11] Lillyman, W. J. (Hrsg.): Otto Ludwig. Romane und Romanstudien. (1977). München/Wien. Nachwort, S. 732.

[12] Ebd., S. 695.

[13] Otto Ludwigs gesammelte Schriften. Band 6. Studien, hrsg. von Adolf Stern. Leipzig: F. W. Grunow, 1891. Angabe nach Lillyman, W. J.

[14] Lillyman, W. J., ebd., S. 696.

[15] Plumpe G., ebd., S. 148-150.

[16] Lillyman, W. J., ebd., S. 547. [17] Ebd., S. 646.

[18] Ebd., S. 729.

[19] Ebd., S. 567.

[20] Ebd., S. 571.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zu Otto Ludwigs Erzählung "Zwischen Himmel und Erde" (1856). Metapher, Symbol und Allegorie
Untertitel
Die nackte Wirklichkeit überblumen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (KSW)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V368050
ISBN (eBook)
9783668465145
ISBN (Buch)
9783668465152
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetischer Realismus
Arbeit zitieren
Doris Klein (Autor), 2017, Zu Otto Ludwigs Erzählung "Zwischen Himmel und Erde" (1856). Metapher, Symbol und Allegorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368050

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