Wann wurde Raetien zur römischen Provinz?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

23 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine Informationen zu römischen Provinzen
2.1 Der Begriff römische Provinz
2.2 Publicae provinciae sowie kaiserliche Provinzen
2.3 Grundstrukturen römischer Herrschaftspraktiken in den Provinzen

3 Raetien wird Provinz
3.1 Raetien als Verwaltungsgebiet
3.1.1 Die räumlichen Vorstellungen Raetiens
3.1.2 Die Verwaltungsstrukturen einer prokuratorischen Provinz am Beispiel Raetiens
3.1.3 Karlheinz Dietz
3.1.4 Ralf Grimmeisen
3.1.5 Robert Rollinger
3.2 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

4 Literatur

1 Einleitung

„Die Räter bleiben weiter rätselhaft“[1] titelte Julius Bittmann 1992, wobei er mit diesem Satz vielmehr auf die Namensgebung der Provinz Raetiens anspielt und damit gleichzeitig hinterfragen möchte, wieso die Römer gerade diesen Namen für ihre Provinz wählten, die sich über große Teile des heutigen Südbayerns, Tirol und der Ostschweiz erstreckte. Hierbei findet er die Antwort im Stamm der dort ansässigen Räter, wenngleich deren Stammesgebiet lange nicht so weitläufig war, wie die gesamte Provinz. Dabei bleibt eine ganz entscheidende Frage jedoch unbeantwortet. Wann wurde Raetien überhaupt zu einer echten, also förmlich konstituierten Provinz Roms? Bittmann spricht lediglich davon, dass Raetien durch Tiberius und Drusus im Zuge ihrer Alpenfeldzüge 15 v. Chr. erobert wurde.[2] Im weiteren Verlauf seines Artikels konzentriert sich Bittmann zudem stark auf die alltäglichen und kulturellen Aspekte des Lebens in Raetien, wie Ackerbau, Viehzucht, Götterverehrung etc.[3], so dass es vordergründig gar nicht weiter verwundern mag, dass er sich in seinen kurzen Ausführungen nicht auch noch einer so komplexen Fragestellung wie der nach dem Zeitpunkt der raetischen Provinzwerdung zuwendet. Warum sich dann überhaupt diesem kleinen Zeitungsbericht widmen, wenn er doch im Endeffekt keinerlei Bezug zu der eigentlich zu behandelnden Fragestellung zu haben scheint? Ein ganz entscheidender Satz taucht dennoch in dem Artikel auf und das ist die Überschrift, welche bereits zitiert wurde. Diese Aussage, dass die Räter weiter rätselhaft bleiben, lässt sich auch ohne Weiteres auf die Frage nach der eigentlichen Provinzkonstitution Raetiens übertragen. Gerade bei der Suche nach dem Zeitpunkt und der Frage unter welchem Kaiser Raetien endgültig den offiziellen Status einer römischen Provinz erhalten hat, gibt es doch einige Forschungsmeinungen, die sich klar voneinander abgrenzen und unter anderem die jeweils andere Meinung als nicht wirklich fundiert bezeichnen. Daher sollen im Folgenden verschiedene Forschungsmeinungen vorgestellt werden, um daraus eventuell eine eindeutige Schlussfolgerung zu ziehen oder zumindest eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zu geben. Darüber hinaus werden zuvor allgemeine Informationen zu römischen Provinzen behandelt, welche gerade bei der Frage, was eine förmliche Provinz eigentlich ist, hilfreich sein können. Zudem werden einige generelle Informationen zu dem Raum oder Gebiet Raetien an sich gegeben.

2 Allgemeine Informationen zu römischen Provinzen

2.1 Der Begriff römische Provinz

Wenn man versucht eine konkrete, allgemeingültige Definition für den Begriff Provinz zu suchen, stößt man auf mehrere Probleme, welche sich bereits darin zeigen, dass selbst die Römer verschiedene Begriffe für ihre außerhalb Roms verwalteten Gebiete benutzten.[4] Dazu kommt, dass es absolut unmöglich ist von einer typischen römischen Provinz zu besprechen, deren Struktur und Verwaltungsabläufe sich auf alle anderen von Rom okkupierten Gebiete anwenden lassen. Hierfür waren die Römer tolerant genug die jeweiligen territorialen, ethnischen und kulturellen Besonderheiten der Völker dieser besetzten Gebiete zu tolerieren, solange dies nicht hinderlich für ihre Herrschaftsausübung war.[5]

Wie bereits aufgeführt wurde der Begriff provincia von den Römern selber oftmals mehrdeutig benutzt, so dass sich eine genauere Betrachtung der unterschiedlichen Bedeutungsbereiche lohnt. Ursprünglich geht man davon aus, dass sich der Begriff auf den Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich, innerhalb dessen ein römischer Mandatsträger sein imperium ausübte, bezieht[6]. Hierzu zählten auch die per Los oder Senatsbeschluss zugeteilten Feldzüge, die die Konsuln und Prätoren während ihrer Amtszeit anzutreten hatten.[7] Dies bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass einem solchen Feldzug auch eine Annexion oder Provinzialisierung dieses Gebietes folgen musste.[8] Um der wachsenden Zahl an neugewonnen Gebiete im Laufe des 1. Jh. v. Chr. Rechnung zu tragen, versuchte der Senat mit Hilfe von Gesetzen die Kontrolle dieser Territorien zu sichern.[9] Einen ersten Schritt stellt dabei Sullas Gesetz über die Provinzen dar, welches vorsieht, dass die beiden Konsuln sowie die acht Prätoren im Anschluss an die Ausübung ihres städtischen Amtes als pro consule bzw. pro praetore die Leitung einer Provinz übernehmen sollten.[10] Mitte des 1. Jh. v. Chr. folgte das Gesetz des Gnaeus Pompeius, wodurch die Statthalterschaft endgültig als ein unabhängiges Amt angesehen wurde, welches nicht mehr in Verbindung mit der Verlängerung einer städtischen Magistratur stand.[11]

Ab dem 2. Jh. v. Chr. wird der Begriff bereits dafür benutzt ein unterworfenes Gebiet außerhalb Roms, in dem ein römischer Amtsträger seine Gewalt ausübte, zu bezeichnen.[12] Des Weiteren steht der Begriff für den jeweiligen gerichtlichen Zuständigkeitsbereich, welcher jedoch in den meisten Fällen mit dem geographischen Raum gleichzusetzen ist.[13] Solche Provinzen unterstanden direkt der römischen Ordnung und waren, wie bereits erwähnt, zivilrechtlich verwaltet, wobei der Rang des eingesetzten Statthalters ihre namentliche Klassifizierung bedeutete,[14] so dass man häufig von prokuratorischen, prätorischen oder (pro)konsularen Provinzen spricht. Von diesen aufgezählten Bedeutungen muss man vier weitere Formen von römischen Provinzen klar abgrenzen: Ein Beispiel für eine Provinz „zweiter Ordnung“ stellt die Provinz Iudaea dar, welche zunächst durch einen Präfekten verwaltet wurde, der wiederum dem Statthalter von Syrien unterstellt war.[15]

Darüber hinaus kam es auch dazu, dass während weiterer Feldzüge aus einer bereits errichteten Provinz heraus andere Gebiete okkupiert und dann der bereits bestehenden Provinz angebunden wurden. Hierbei ist von den sogenannten „Annexprovinzen“ die Rede, so wie es mit Teilen Griechenlands geschah, welche der Herrschaft des Makedonischen Statthalters unterstellt waren.[16] In dieser Reihe finden auch die Gebiete Erwähnung, in denen Rom auf eine regelmäßige Anwesenheit eines Statthalters verzichtete und sich stattdessen mit Verpachtung der Ländereien und damit verbundenen Abgaben zufrieden gab. Nichtsdestotrotz erhoben die Römer einen Anspruch auf die Herrschaft über diese Gebiete.[17] Betrachtet man Forderungen, welche von vielen Historikern unisono verlangt werden, um von „echten“ Provinzen zu sprechen, fällt schnell auf, dass hierbei immer wieder die zivilen Verwaltungsstrukturen eine entscheidende Rolle einnehmen. Umso mehr erstaunt es, dass auch Gebiete, welche relativ neu gewonnen und nicht befriedet waren, provinciae genannt wurden, obwohl die militärische Verwaltung parallel zur zivilen in Hand eines römischen Mandatars lag.[18]

2.2 Publicae provinciae sowie kaiserliche Provinzen

Die eben aufgeführten Provinzen, in denen entweder noch militärische Operationen von Nöten waren oder zumindest die Wahrscheinlichkeit bestand, dass es zu solchen kommen könnte, wurden seit der Provinzeinteilung unter Augustus vom jeweiligen Prinzeps selber verwaltet.[19] Dem Senat dagegen war die Verwaltung der befriedeten Provinzen zu Teil, indem er Prokonsuln oder Proprätoren dorthin entsandte.[20] Allerdings hatte diese Regelung zur Folge, dass der Prinzeps seine eigene Position gegenüber dem Senat weiter stärken konnte, da in fast allen Gebieten in Grenznähe und den just unterworfenen Legionen dauerhaft stationiert waren, so dass der Prinzeps den Anspruch auf diese Gebiete beanspruchen konnte.[21] Genauso darf man sich diese vorgegebene Trennung nicht so strikt und starr vorstellen, wie es in der Theorie zunächst klingt. So kam es dazu, dass die Verwaltung der Provinzen unabhängig ihrer eigentlichen Zugehörigkeit relativ flexibel von Senat und Prinzeps gehandhabt wurde und bei Bedarf wurden die Zuständigkeiten sogar gänzlich getauscht.[22] Generell kannte diese Durchlässigkeit oder Abweichung von der Regel aber nur einen echten Gewinner, nämlich den Prinzeps, der nach eigenem Belieben in die Angelegenheiten der Provinzen eingriff und die Machtbefugnisse des Senats in diesen Belangen de facto untergrub.[23] Faktisch gesehen gehörten die provinzialen Ländereien aber dennoch dem römischen Volke[24], wobei diese Theorie auch mehr einen propagandistischen Nutzen gehabt haben dürfte, wenn sich der Herrscher als großer Gönner, Schenker und Eroberer darstellte, der im Namen und zum Wohle des Volkes neue Gebiete erobert. Dass aber Theorie und Praxis immer zwei Paar Stiefel sind, zeigte sich auch darin, dass der Prinzeps selbst in Provinzen, welche nicht direkt ihm unterstanden, eigene Legaten einsetzte oder den dort stationierten Legaten eigene Anweisungen gab.[25] Wenngleich dies alles nach sehr viel willkürlichem Handlungsspielraum für den Prinzeps aussieht, war es offensichtlich trotzdem notwendig, sich für die Umformung eines eroberten Gebietes in eine Provinz oder den Anschluss weiterer Gebiete an eine bestehende Provinz die Zustimmung des Senates einzuholen.[26]

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Termini Senatsprovinzen bzw. senatorische Provinzen, wie sie in der „Wissenschaftssprache“ geläufig sind, streng genommen falsch sind.[27] Da die antiken Quellen aber von provinciae populi Romani oder publicae provinciae sprechen, wäre es korrekt, diese Provinzen dem römischen Volk und Senat gehörend zu nennen. Lediglich die entsandten Statthalter waren Senatoren, wobei die Auswahl der Kandidaten nicht völlig frei von Auflagen für den Senat war.[28]

2.3 Grundstrukturen römischer Herrschaftspraktiken in den Provinzen

Roms ursprüngliche Taktik, besiegte Völker relativ wenig direkt zu kontrollieren mit dem Hintergedanken, dass diese Art der freien Hand ihnen zufriedene Untertanen bescheren würde, musste schnell verworfen werden. Um die eigenen Interessen in den unterworfenen Gebieten auch konsequent durchzusetzen, bedurfte es meistens militärischer Anwesenheit sowie einer aktiven Einflussnahme auf das örtliche politische Geschehen.[29] Bemerkenswert waren jedoch Roms Bemühungen, bei der Beaufsichtigung weniger auf gewaltsame Unterdrückung, denn auf die Einbindung der bestehenden Herrschaftsstrukturen und politischen Organisationen zu setzen.[30] Allerdings wurde dabei nicht auf die Einsetzung hoher römischer Amtsträger und ihnen unterstellten Vasallen verzichtet. Mit der Schaffung der sogenannten civitates[31] sorgten die Römer dafür, dass in den eroberten Gebieten peu à peu urbane und politische Systeme nach römischem Vorbild entstanden.[32] Gerade die Entstehung von stadtähnlichen Siedlungen und die Übernahme der römischen Gepflogenheiten stellte für die Römer einen entscheidenden Schritt dar, um die ansässige Bevölkerung zu integrieren[33] und damit so weit zu romanisieren, dass sie sich als Teil des Imperium Romanum diesem loyal verpflichtet fühlen.

Dabei muss man sich stets im Klaren sein, dass diese Integrationspolitik[34] sehr gezielt auf die indigenen Eliten beschränkt war.[35] Diese profitierten von der neugeschaffenen Infrastruktur in den urbanen Zentren und traten wie die römischen Eliten in Rom ebenfalls als „Inhaber munizipialer oder sakrale Ehrenstellen“[36] auf, so dass dadurch eine klare Abgrenzung der vermögenden gegenüber der einfachen Bevölkerung geschaffen wurde. Diese wiederum sorgte dafür, dass die ursprünglichen Eliten immer mehr aus Eigeninteresse danach trachteten, die römischen Standards zu übernehmen, wodurch die Romanisierung[37] weiter voranschritt.[38] Neben der Integration der dort lebenden Eliten dienten die urbanen Zentren auch als Dreh- und Angelpunkt des stetigen Austauschs römischer Bürger und der ursprünglichen Bevölkerung sowie als Kommunikationsplattform zwischen den römischen Vertretern und der Provinzbevölkerung.[39] Für eine reibungslose politische Kontrolle vieler Gebiete außerhalb Roms war der Ausbau der Infrastruktur, der Verkehrswege im Besonderen, ganz essentiell.[40]

[...]


[1] Bittmann, Julius, Die Räter bleiben weiter rätselhaft, in: Chiemgau-Blätter 11, Tauenstein 1992, S.1.

[2] Bittmann, 1992, S.1.

[3] Bittmann, 1992, S.1-3.

[4] Wesch-Klein, Gabriele, Provincia-Okkupation und Verwaltung der Provinzen des Imperium Romanum von der Inbesitznahme Siziliens bis auf Diokletian, Berlin 2008, S.2.

[5] Wesch-Klein, 2008, S.2.

[6] Meyer-Zwiffelhoffer, Eckard, Imperium Romanum-Geschichte der römischen Provinzen, München 2009, S.13.

[7] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.13.

[8] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.13.

[9] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.13.

[10] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.13-14.

[11] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.14.

[12] Wesch-Klein, 2008, S.5.

[13] Wesch-Klein, 2008, S.6.

[14] Wesch-Klein, 2008, S.6.

[15] Wesch-Klein, 2008, S.6.

[16] Wesch-Klein, 2008, S.6-7.

[17] Wesch-Klein, 2008, S.7.

[18] Wesch-Klein, 2008, S.7.

[19] Wesch-Klein, 2008, S.10.

[20] Wesch-Klein, 2008, S.10-11.

[21] Wesch-Klein, 2008, S.11.

[22] Wesch-Klein, 2008, S.11.

[23] Wesch-Klein, 2008, S.11.

[24] Wesch-Klein, 2008, S.12.

[25] Wesch-Klein, 2008, S.12.

[26] Wesch-Klein, 2008, S.12-13.

[27] Wesch-Klein, 2008, S.13.

[28] Wesch-Klein, 2008, S.13.

[29] Wesch-Klein, 2008, S.14.

[30] Wesch-Klein, 2008, S.14.

[31] Wolff, Hartmut, Einige Probleme der Raumordnung im Imperium Romanum, dargestellt an den Provinzen Obergermanien, Raetien und Noricum in Ostbair.Grenzmarken 28 1986, S.162.

[32] Wesch-Klein, 2008, S.14-15; Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.110-11.

[33] Wesch-Klein, 2008, S.18f.

[34] Vgl. Hölkeskamp, Karl-Joachim, Herrschaft, Verwaltung und Verwandtes in Heinrichs, Johannes und Haensch, Rudolf, Herrschen und Verwalten-Der Alltag der römischen Administration in der Hohen Kaiserzeit, Köln 2007, S.9f.

[35] Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.110f.

[36] Wesch-Klein, 2008, S.18.

[37] Vgl. Meyer-Zwiffelhoffer, 2009, S.108 ff.

[38] Wesch-Klein, 2008, S.18f.

[39] Wesch-Klein, 2008, S.19.

[40] Wesch-Klein, 2008, S.19.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wann wurde Raetien zur römischen Provinz?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V368108
ISBN (eBook)
9783668465831
ISBN (Buch)
9783668465848
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wann, raetien, provinz
Arbeit zitieren
Fabian Zschiesche (Autor), 2009, Wann wurde Raetien zur römischen Provinz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368108

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