Tradition und Moderne in der brasilianischen Kultur. Eine exemplarische kulturelle und geografische Verortung des Bundesstaates Bahia


Essay, 2012

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 KULTUR UND RAUM IN BAHIA: EINFÜHRUNG & FRAGESTELLUNG

2 BEGRIFFLICHSTEN UND EXEMPLARISCHE ANALYSE
2.1 Begriffsabgrenzung: Volkskultur und Populärkultur
2.2 Räumliche und kulturelle Differenzierung: Fallbeispiel Bahia
2.2.1 Küstenregion - Ein Überblick
2.2.2 Küstenregion - Elemen te der Volkskultur: Karneval und Afoxé-Musik
2.2.3 Hinterland („Sertdo") - Ein Überblick
2.2.4 Hinterland (Sertdo) - Elemente der Volkskultur: Sertanejo-Kultur - choradinho, baido und cantoria
2.3 Von der Volks- zur Populärkultur
2.3.1 Afoxé, Mocos afro und Samba-Reggae
2.3.2 Der Aufstieg des Baido und der Musica Sertaneja

3 CONCLUSIO - ZUSAMMENHÄNGE MIT DER RÄUMLICHEN VERORTUNG

1 Kultur und Raum in Bahia: Einführung & Fragestellung

Brasilien ist einer der größten und bevölkerungsreichsten Staaten der Erde. Noch bemer­kenswerter jedoch als die nüchternen Fakten und Zahlen rund um dieses, flächenmäßig na­hezu die Hälfte des südamerikanischen Kontinents ausmachenden Staates, ist die kulturelle Vielgestaltigkeit, die in einer kaum zu erfassenden Vielfalt einen immensen Stellenwert im alltäglichen Leben der zahlreichen Bevölkerungsgruppen, Ethnien, Subkulturen und deren Vermischungen einnimmt (Vgl. Nitschack 2010: 444 ff). Doch nicht nur Ethnizität und kulturelle Manifestationen, auch die Wirtschaft und somit sozioökonomische Faktoren sowie die Geographie, mithin räumliche Aspekte, zeigen sich hier wie in nur in nur weni­gen anderen Staaten von Disparitäten oder gar Gegensätzlichkeit geprägt (Ebd.). So herrscht beispielsweise in Teilen Amazoniens und dem Großteil des Nordostens teils bitte­re Armut, während in den Küstenregionen des Südostens das Entwicklungsniveau nahezu an das Europas heranreicht. Man braucht den Blick aber nicht auf die Makroebene der Re­gionen zu richten, denn schon innerhalb geographisch eng gefasster Gebiete wie den Groß­städten liegen in unmittelbarer Nähe zu gehobenen Wohnvierteln die als „Favelas“ be- zeichneten Armutssiedlungen.

Doch welche Auswirkungen haben diese Sozioökonomisehen und räumlichen Disparitäten auf die Kultur? Fußball, Samba, Karneval und Capoeira gelten heute weltweit als Bestand­teile der brasilianischen Kultur, mithin jedoch auch als Teil der Massenkultur (Vgl. Brie- senmeister 1994: 379). Es stellt sich daher die Frage, ob ursprünglichere Kulturelemente ausgemacht werden können, die eine Entwicklung im Zeitverlauf aufweisen, anhand wel­cher der Einfluss von äußeren Faktoren untersucht werden kann. Im Rahmen dieser Arbeit soll dies vornehmlich unter Bezug auf die Kategorie des Raumes geschehen.

Anhand des Beispiels des Bundesstaates Bahia soll daher, nach vorheriger Begriffsabgre- zung und -kategorisierung von „Kultur“, die Darstellung naturräumlicher und kultureller Unterschiede sowie Gegensätzlichkeit erfolgen sowie anschließend untersucht werden, inwiefern die kulturellen Elemente eine Transformation von ursprünglichen hin zu moder­nen Formen der brasilianischen Kultur durchlaufen haben. Abschließend soll bewertet werden, welches soziologische Raumkonzept möglicherweise auf die Ergebnisse ange­wendet werden kann.

2 Begrifflichkeiten und exemplarische Analyse

Wie im einleitenden Teil erläutert, soll die Untersuchung kultureller Elemente einen Groß­teil dieser Arbeit ausmachen. Es wurde bereits festgestellt, dass Brasilien auch und vor allem im kulturellen Bereich als ein Multiversum von hoher Komplexität zu begreifen ist. Will man einen Blick darauf werfen, ob und wie sich die Kategorien Kultur und Raum gegenseitig beeinflussen oder gar bedingen, ohne sich vorab auf ein soziologisches Raum­konzept festzulegen, müssen beide mithin zumindest potentiell als veränderliche Variablen aufgefasst werden. Es scheint somit einleuchtend, dass vor allem der Begriff der Kultur in diesem Rahmen einer genaueren Spezifizierung bedarf.

2.1 Begriffsabgrenzung: Volkskultur und Populärkultur

Beschäftigt man sich wissenschaftlich mit dem Thema Kultur, so stößt man unmittelbar auf das Postulat der „Unschärfe“ dieses Begriffes (Knoblauch 2007: 21). Definitionen von Kategorisierungen von Kultur wie zum Beispiel (z.B.) „Populärkultur“ oder „Massenkul­tur“ variieren je nach dem ihnen zugeordneten Kontext und überschneiden sich teilweise beträchtlich. Ebenfalls häufige Erwähnung findet eine gängige und zumindest vordergrün­dig trennscharfe Differenzierung von Kultur, nämlich jene in Hochkultur und Populärkul­tur, welche jedoch aufgrund ihres historischen Entstehungskontextes und ihrer daraus re­sultierenden eingeschränkten Anwendungsfähigkeit auf heutige komplexere Gesellschafts­verhältnisse und der Tatsache, dass heute via Massenmedien Kulturerzeugnisse jeglicher Qualität vermittelt werden, an Deutungsmacht eingebüßt hat (Vgl. Lischka 2009: 9 ff).

Eine Differenzierung beziehungsweise (bzw.) Definition von Kultur jedoch, welche (er­stens) die Bewertung der Qualität ihrer Erscheinungsformen (und zweitens jene) anhand der Zugangsmöglichkeiten stratiflkatorisch voneinander getrennter Gesellschafsteile zu ihnen vornimmt, ist für diese Arbeit von eher geringerem Interesse. Wie bereits erwähnt ist hier zuvörderst das Ziel, zu untersuchen, inwiefern kulturelle Manifestationen, denen eine gewisse Ursprünglichkeit (im Sinne von Originalität) zugeschrieben werden kann, insbe­sondere unter Berücksichtigung der Kategorien Raum und Zeit, entstanden sind, sich fort­entwickelt und eventuell aufeinander Einfluss genommen oder sich gar zu neuen Formen vermischt haben. Unter dieser Prämisse ist es als zweckmäßig zu betrachten, eine Dicho­tomie zwischen einer eher ursprünglicheren, räumlich begrenzten „Volkskultur“ und einer eher jüngeren, räumlich unbegrenzteren „Populärkultur“ einzuführen. Trotz der Nähe in der reinen Wortbedeutung beider Begriffe lassen sich jeweils Definitionen finden, die den gegensätzlichen Charakter bestätigen: „Volkskultur, unter Berücksichtigung der geschichtl. Dimension, regionaler Unterschiede und der unteren sozialen Schichten (sog. »einfache« bzw. »kleine Leute«) die Gesamtheit der kulturellen Ausdrucks- und Lebensformen eines Volkes, Stammes oder einer ethnischen Minderheit: [...] Formen des sozialen Zusammen­lebens, Bräuche, Feste, Feiern und Tanz, Volkskunst (Erzählungen, Volksdichtung und - musik) (Hillmann et al. 2007: 947). Hingegen ist beim Begriff der „Populärkultur“

von „[...] Alltagskultur, die Gesamtheit der in einer Gesellschaft für die Mehrheit der Be­völkerung üblichen »alltäglichen« Verhaltensformen, Bedarfsstrukturen und sozialen Ge­wohnheiten.“ die Rede, welche „[...] gewöhnlich über Analysen der Massenmedien, der Kunst [...] und des Konsum- und Freizeitverhaltens ermittelt“ werde (A.a.o.: 691). Auf die im späteren Teil der Arbeit vorgestellten kulturellen Manifestationen sollen diese beiden ทนท eingeführten Definitionen angewendet und auf sie zurückverwiesen werden.

2.2 Räumliche und kulturelle Differenzierung: Fallbeispiel Bahia

Innerhalb des Landes gilt der Nordosten noch immer als die am wenigsten entwickelte Region und „Armenhaus Brasiliens“ (Kohlhepp 1994: 79; Vejmelka 2010: 493) und stellt bei den bereits erwähnten sozioökonomischen Disparitäten in vielerlei Hinsicht das untere Ende der Skala dar (Vgl. zu Indikatoren des Entwicklungsstandes des Nordostens: Pape 2007: 4). Nichtsdestotrotz gilt er als die gesellschaftliche und vor allem (v.a.) kulturelle Wiege Brasiliens, was hauptsächlich daran festgemacht wird, dass die portugiesische Ko­lonisation von hier ihren Ausgang nahm. Mit seiner Hauptstadt Salvador (bis 1763 Haupt­stadt Brasiliens) bildet Bahia den größten Bundesstaat und das wirtschaftliche Zentrum der Region (Schaeber 1996: 30). Trotz der Schaffung einer eigenen „Planungs- und Koordinie­rungsbehörde für die Entwicklung des Nordostens (SบDENE)“ 1959 (Holzborn 1978: 290) und umfangreicher wirtschaftspolitischer Strukturmaßnahmen (v.a. hinsichtlich Indu­strialisierung), macht das für die interregionale Perspektive geltende Postulat gravierender Ungleichheitsstrukturen nicht halt vor den Regionen und Bundesstaaten selbst und gilt mithin auch für Bahia (Vgl. BTI 2003 für Brasilien: 8). Vielmehr hat die Förderung des „Agrobusiness“ (Kohlhepp 1994: 79f) und mit ihm der Lebensmittel- und Chemieindustrie starke sozialstrukturelle Auswirkungen auf Bahia: „So gibt es hochspezialisierte und gut­bezahlte Chemiefacharbeiter einerseits und andererseits Familien, die sich mit dem Sam­meln von Abfällen über Wasser halten. - Folgen des Versuchs, aus einem feudalistischen Agrarland innerhalb kurzer Zeit ein Industrieland zu machen“ (Schaeber 1996: 30).

Neben dieser wirtschaftlichen und sozialen Disparität kennzeichnet den Nordosten und insbesondere Bahia aber ein weiteres Charakteristikum, das stets Erwähnung findet, weil es viel ursprünglicher und für viele der beschriebenen Entwicklungen ein entscheidender Faktor, wenn nicht gar die Ursache bildet. Die Rede ist von einer naturräumlichen Diffe­renzierung im Sinne der Existenz zweier bzw. dreier deutlich voneinander unterscheidbarer und einer scharfen geographischen Trennung unterliegender Naturräume. Verantwortlich dafür ist ein klimatisches Phänomen (Vgl. Anhuf 2010: 22f), das sich insbesondere auf die Niederschlagsmenge auswirkt und so die „Ost-West-Gliederung“ in „tropisch- immerfeuchte“, großteils urban geprägte Küstenregion („zona da Mata“ ~ Waldzone) und , eher rurales Hinterland („sertäo“) bedingt, welche sich wiederum auch auf Wirtschaftsfor­men und soziale Verhältnisse auswirkt (Kohlhepp 1994: 79). Dass wirtschaftliche, soziale und sozioökonomische sowie naturräumliche Disparitäten in Bahia herrschen, sei ทนท dar­gelegt. Was den Bundesstaat aber für das oben erläuterte Erkenntnisinteresse quasi präde­stiniert, ist die Tatsache, dass einerseits zwar in kultureller Hinsicht extreme Vielfältigkeit vorzufinden ist, sich andererseits jedoch innerhalb der eben vorgestellten Naturräume zwei ebenso gegensätzliche Kulturen und somit Kulturräume manifestiert haben.

2.2.1 Küstenregion - Ein Überblick

Die Küstenregion des Nordostens und mithin Bahias wird gemeinhin als „Streifen“ be­zeichnet. Entlang des Atlantik bildet er eine cirka 50 bis 100 Kilometer schmale Zone, die ursprünglich bis in die Anfangszeiten der portugiesischen Kolonisation von tropischem Regenwald eingenommen wurde (Vgl. Kohlhepp 1994: 79). Innerhalb kurzer Zeit musste dieser jedoch großteils extensiver Plantagenlandwirtschaft, vor allem im Zuckerrohranbau, weichen, welcher mittels der Verschleppung und Ausbeutung hunderttausender afrikani­scher Sklaven ermöglicht wurde (Ebd.). Neben der Hauptstadt, dem Wirtschafts- und Kul­turzentrum Salvador entwickelten sich in der „zona da mata“ weitere Großstädte, weshalb hier das Zentrum der bahianischen Urbanisierung zu lokalisieren ist. Allein vier der sechs größten Städte des Bundesstaates beheimatet die Region, in welchen gut ein Drittel der 14 Millionen (der zu 80% afrikanischstämmigen) Bahianer leben (Vgl. IBGE: Contagem 2007). Nachdem sich im Ausgang des 18. Jahrhunderts das wirtschaftliche und politische Zentrum Brasiliens in Richtung Südosten zu verschieben begann, folgte für die Region eine Phase der Stagnation in der Wirtschaftsentwicklung, die erst Ende der 1960er Jahre aufgrund der Entdeckung und Ausbeutung von Erdölvorkommen und der infolgedessen sich entwickelnden Chemieindustrie sowie weiterer, großteils strukturpolitisch motivierter Ansiedlung von Komplexen der verarbeitenden (Lebensmittel-)Industrie (v.a. Zucker) beendet und ein Aufschwung eingeleitet wurde (Vgl. Schaeber 2003: 166). Diese Entwicklung stellte zusätzlich zu den klimatischen Bedingungen und der generellen Anziehungskraft städtischer Gebiete einen Zuwanderungsmagneten dar, der im Verlaufe technischer Modernisierung und Spezialisierung jedoch sein Beschäftigungspotential einbüßte. Armut und insbesondere die Entstehung prekärer Wohnverhältnisse sowie eines kaum überschaubaren informellen Wirtschaftssektors waren die Folge (Vgl. Schaeber 1996: 30). Aktuell zeigt sich die Küstenregion in wirtschaftlicher Hinsicht geprägt von der eben erwähnten Industrie, einem immer mehr an Bedeutung gewinnenden Tourismus (Vgl. Schaeber 2003: 168) und der Produktion und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die jedoch im Vergleich zum Südosten kaum mehr nennenswert erscheint.

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Tradition und Moderne in der brasilianischen Kultur. Eine exemplarische kulturelle und geografische Verortung des Bundesstaates Bahia
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V368293
ISBN (eBook)
9783668466791
ISBN (Buch)
9783668466807
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brasilien, Musica Sertaneja, Sertao, Samba, Bahia, Kultur und Raum, Raumsoziologie, Naturraum, Volkskultur, Populärkultur, Afoxé
Arbeit zitieren
B.Sc. Stefan Herber (Autor), 2012, Tradition und Moderne in der brasilianischen Kultur. Eine exemplarische kulturelle und geografische Verortung des Bundesstaates Bahia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368293

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