"Der Kammersänger" und die Kunst. Wie aktuell ist Frank Wedekinds Kritik am kommerziellen Kunstbetrieb heute?


Seminararbeit, 2017

13 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autor und Entstehungsgeschichte

3. Aufbau und Inhalt des Dramas

4. Themen und Motive
4.1 Autobiographische Bezüge der Figuren
4.2 Kritik am Kunstbetrieb
4.3 “Wagnerismus”

5. Alles steht und fällt mit dem Sch(l)uss

6. Der Kammersänger - immer noch aktuell?

Literatur

1. Einleitung

Der Kammersänger (1897) von Frank Wedekind ist nicht nur der erste Bühnenerfolg des Autors, sondern gleichzeitig bereits eine Abrechnung mit dem kommerziellen Kunstbetrieb. Sie wird jedoch nicht die einzige bleiben, wenn man beispielsweise an Der Marquis von Keith (1901) und Till Eulenspiegel (1908) denkt.

Das Stück speist sich zu einem großen Teil, aus Wedekinds eigenen Erfahrungen. Deshalb wird im folgenden ein besonderer Wert auf eine Verknüpfung der Entstehungsgeschichte mit dem Werk selbst gelegt. Es folgt eine kurze Zusammenfassung von Aufbau und Inhalt des Dramas, sowie eine eingehende Analyse einiger wichtiger Themen und Motive des Stücks. Ein weiteres Kapitel ist einer rezeptionsgeschichtlich sehr interessanten Variante des Schlusses gewidmet, die Wedekind selbst zu einem nachträglichen, für die vornehmlichen Adressaten wenig schmeichelhaften Vorwort für den Kammersänger bewegt hat. Im Schluss soll dann der Bogen zum hier und jetzt gespannt werden mit der Frage, wie aktuell die Kritik im Kammersänger noch immer ist.

2. Autor und Entstehungsgeschichte

Frank Wedekind wurde 1864 geboren und war somit zur Entstehungszeit des Kammersängers (1897) Anfang Dreißig. Er war in dieser Zeit vor allem für den 1896 gegründeten und schnell erfolgreichen “Simplicissimus” tätig. Viele humoristische und satirische Gedichte und Geschichten von ihm wurden darin veröffentlicht, doch Wedekind war mit der Bezahlung und der ungleichen Behandlung von Schreibern und Illustratoren unzufrieden. Ein Thema, über dass er mit dem Verleger Albert Langen - nicht nur der Herausgeber des Simplicissimus sondern auch der sonstigen Arbeiten Wedekinds bis dato - in Streit geriet (vgl. Regnier: S. 164/165).

Doch alle anderen Versuche, seine Arbeiten zu Geld zu machen, scheiterten. Er versuchte es nicht nur in München, sondern auch in Berlin und in Leipzig - ohne nennenswerten Erfolg. So gerne Frank Wedekind dem Simplicissimus und Albert Langen den Rücken gekehrt hätte, blieb ihm doch keine andere Wahl. Schließlich musste er sein täglich Brot verdienen. Privat schaffte es Wedekind immerhin, ein Kind mit Frida Strindberg zu zeugen. Mit Liebe hatte diese Beziehung jedoch für Wedekind nichts zu tun und so zog er sich aus der Verantwortung. In Julie Rickelt fand er schließlich eine neue Geliebte (vgl. Regnier: S. 169/170).

Vor diesem Hintergrund aus enttäuschten Hoffnungen und Frust schreibt Wedekind innerhalb weniger Wochen den Kammersänger, der zu diesem Zeitpunkt noch “Das Gastspiel” heißt (vgl. Regnier: S. 170). Autobiographische Züge lassen sich hier sowohl in einigen der Figuren, als auch in der generell hinterlegten Kritik am Kunstbetrieb wiederfinden.

3. Aufbau und Inhalt des Dramas

“Der Kammersänger” ist ein Einakter mit 10 Auftritten. In der Regel wird er mit “Drei Szenen” untertitelt, was auf die drei längsten und wichtigsten Auftritte Bezug nimmt. Namentlich der vierte, siebte und neunte Auftritt, in denen der Protagonist auf die drei großen Nebenfiguren Miss Coeurne, Professor Dühring und Helene Marowa trifft. Die meisten anderen Auftritte sind sehr kurz und dienen in erster Linie dazu, die Handlung zu rahmen und die großen “Szenen” zu verbinden.

Schauplatz des Stücks ist ein geräumiges Hotelzimmer mit einem Flügel. Diesen möchte der Protagonist, ein berühmter Wagner-Sänger (sowie gelernter Tapezierer) namens Gerardo, nutzen um sich auf seine Rolle des Tristan am morgigen Tag in Brüssel vorzubereiten. Dabei wird er jedoch immer wieder unterbrochen, weil verschiedene Personen am Vorabend seine Darbietung des Tannhäuser gesehen haben und nun diverse Anliegen an ihn herantragen. Das Hotelzimmer ist übersät mit Blumenbuketts und anderen Geschenken, sowie einer Reihe von Briefen - Fanpost würde man heute sagen.

Von Beginn an steht Gerardo unter Zeitdruck. Er muss noch für den Tristan üben und unbedingt den Zug erwischen, um rechtzeitig in Brüssel anzukommen. Er hat deshalb dem Hoteldiener die Aufgabe gegeben, jegliche Besucher abzuwimmeln. Die Besucher, die dennoch auf die ein oder andere Art und Weise in sein Zimmer gelangen, versucht der Kammersänger selbst zügig wieder hinaus zu geleiten.

Die erste Begegnung dieser Art stellt Miss Couerne dar, eine etwa sechzehnjährige Amerikanerin, die sich hinter einem Vorhang verborgen hatte. Sie ist eine jugendliche Schwärmerin, die sich blindlings in die Darbietung des Tannhäuser verliebt hat. Gerardo versucht sie abzuwimmeln, indem er auf seine Professionalität und die Fassadenhaftigkeit seiner Darbietung verweist:

“Trage ich die Schuld daran, daß Sie sich in mich verliebt haben? Das tun alle. Dazu bin ich ja da. Mein Impresario verlangt von mir, daß ich mich dem Publikum in dieser Erhabenheit zeige. Das Singen allein tut es nicht. Als Tannhäuser kann ich nicht anders erscheinen." (K 16)

Der Sänger schafft es schließlich, sie fort zu schicken. Daraufhin bestellt er den Hoteldiener zu sich und weist ihn an, besser aufzupassen, damit er nicht gestört werde.

Trotzdem steht kurze Zeit später der siebzigjährige Professor Dühring, eine zwar äußerlich nicht heruntergekommene aber doch mitgenommen wirkende Figur, im Zimmer. Unter dem Arm trägt er eine Opernpartitur, die er vor vielen Jahren selbst geschrieben hat. Er hat sich stundenlang auf der Toilette versteckt und auf seine Gelegenheit zum Vorsprechen gewartet. Nun versucht er, fast schon bettelnd, Gerardo von der einzigartigen Qualität seiner Oper zu überzeugen.

Es entsteht ein Gespräch, in dem der Sänger sich als bloßes Werkzeug ohne Entscheidungsmacht auf Intendanten darzustellen versucht, während der Professor vom hohen Wert der Kunst schwärmt und sein eigenes Schicksal als unentdecktes Genie beklagt. Was einer Aufführung der neuen Oper vor allem im Wege steht ist, dass sie nicht den allseits bekannten Stil der beliebten Wagner-Opern imitiert, sondern etwas Neues darstellen will. Der Kammersänger hat dafür kein Verständnis und auch ein Vorspiel des Professors scheitert kläglich, sodass auch dieser unverrichteter Dinge abziehen muss.

Der neunte Auftritt beginnt mit dem stürmischen Eintritt der, als blendende Schönheit beschriebenen, Helene Marowa. Von dem postierten Hoteldiener hat sie sich nicht aufhalten lassen, sondern diesen mit einer Ohrfeige abgespeist. Ohne große Umschweife kommt sie zur Sache: Sie hat sich in Gerardo verliebt und möchte diesen um keinen Preis ziehen lassen. Wie der Zuschauer bald erfährt, war sie während des Aufenthalts des Sängers seine Geliebte. Und das, obwohl sie selbst verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Helene droht sogar damit, sich etwas anzutun, wenn der Sänger sie nicht auf seine Reisen mitnimmt. Der pflichtbewusste Gerardo jedoch pocht auf seinen Vertrag, laut dem er sich an keine Frau binden und keine mit auf seine Reisen nehmen darf. Für ihn ist sie lediglich eine der Mätressen, von denen er bei jedem Gastspiel mehrere haben könnte. So sachlich wie möglich versucht er ihr das nahezubringen, doch ihre Leidenschaft ist nicht zu bremsen. Schließlich erkennt sie, wie aussichtslos ihre entbrannte Liebe ist, zückt einen Revolver und erschießt sich.

Der Kammersänger ist schockiert und bestürzt, aber er weiß auch noch um seine Verpflichtungen. Ebenso wichtig wie ein Arzt für die sterbende ist ihm nämlich, dass die Polizei rechtzeitig eintrifft und ihn verhaftet. Andernfalls müsste er sofort aufbrechen, um seinen Zug noch zu erwischen und nicht vertragsbrüchig zu werden. Tatsächlich geschieht genau dies: Der Sänger springt auf und eilt zum Zug mit dem Satz: “Ich muß morgen abend in Brüssel den »Tristan« singen!” (K45).

Zurück bleibt die sterbende Helene und der Hotelwirt, der seine Ruhe bewahrt: “Sowas kommt öfters bei uns vor.” (K44). Wobei dieser Tod, wie sich später in dieser Arbeit zeigen wird, nicht bei jeder Aufführung endgültig war.

4. Themen und Motive

Von besonderem Interesse sollen hier vor allem die Verknüpfung der Autobiographie Frank Wedekinds mit einigen Figuren des Kammersängers, sowie die das Stück dominierende Kritik am Kunstbetrieb seiner Zeit sein. Andere Themen, wie etwa besondere Frauenrollen (vgl. Dommes: 50-57) und andere zeitgeschichtliche Besonderheiten (vgl. Pankau: S. 118-119) bleiben unbeachtet, weil sie bestenfalls eine zweitrangige Rolle spielen.

4.1 Autobiographische Bezüge der Figuren

Anhand der Entstehungsgeschichte wurde bereits deutlich, dass Der Kammersänger stark von autobiographischen Geschehnissen geprägt ist. Es ist ein Stück, das auf verschiedene Arten und Weisen den Kunstbetrieb seiner Zeit bloßstellt und kritisiert, was sicherlich dem Frust Wedekinds zu dieser Zeit entsprach. Doch soll es in diesem Abschnitt zunächst um konkrete Personen gehen, die für einige der Figuren als Vorlage dienten.

Da ist zunächst einmal die naheliegende Ähnlichkeit des Professor Dühring mit Wedekind selbst. Eine Parallele jedoch, die ebenso von starken Unterschieden geprägt ist, weshalb verschiedene Interpretatoren dieser Analogie in unterschiedlichem Maße zugetan sind (vgl. Dommes: S. 43).

Der Professor gleicht Wedekind in seinem Willen zur Modernisierung der Kunst, seiner Zuneigung zu anspruchsvollen Inhalten und auch seiner Erfolglosigkeit die eigenen Werke zum tatsächlichen Erfolg zu bringen. Ganz klare Unterschiede liegen jedoch beim Alter, der Profession und der tatsächlichen Verzweiflung, die den Professor sogar dazu bringen, sich stundenlang auf einer Toilette versteckt zu halten, um bei einem Sänger vorzusprechen. Doch all dies sind Elemente der Überzeichnung, der Karikatur. Aus diesem Grunde wirken die Worte Anatol Regniers zu diesem Thema besonders zutreffend:

“...eine Seibstkarikatur Wedekinds. Dühring hat FÜNFZIG JAHRE an einer Oper gearbeitet, die niemand hören will, und hat, um sie dem Sänger vorzuspielen, ACHT TAGE vor dessen Hotel gewartet und sich beim Hinaufgehen in einem KLOSETT versteckt. So sieht Wedekind sich selbst.” (Regnier: S. 171)

Die Figur des Dühring ist eine Überzeichnung des Autors selbst und zwar nicht zuletzt in zeitlicher Hinsicht. Der Professor steht kurz vor dem Tod und hat für seine Kunst immer noch nichts erreicht, so wie Wedekind zum Zeitpunkt der Autorschaft des Kammersängers weitgehend erfolglos war - zumindest finanziell (vgl. Regnier: S. 163). Der Professor ist eine Art Wedekind der Zukunft, eine Fortsetzung der erfolglosen Vergangenheit.

Es ist ebenfalls Anatol Regnier, der das Vorbild für die Figur der Helene Marowa in Julie Rickelt sieht, die Frau, die zur Entstehungszeit des Kammersängers die Geliebte Wedekinds war. Allerdings ist die Liste der Gemeinsamkeiten dürftig und charakterlich lässt sich bei Julie Rickelt keinerlei blinde Verliebtheit oder gar Leidenschaft bis in den Tod hinein entdecken. Regnier selbst zitiert sie aus einem Brief an Wedekind folgendermaßen: “Unklugheiten hast □น von mir keine zu erwarten, dazu bin ich doch wohl ein bißchen zu gesund.” (Regnier: S. 173).

Es scheint viel naheliegender, auch die Geschichte mit Frida Strindberg in Betracht zu ziehen. Zwar gibt auch sie keine klare Vorlage für Helene Marowa ab, doch findet sich hier zumindest das Motiv einer entbrannten Leidenschaft, die auf kühle Zurückweisung trifft. Alles in allem speist sich die Figur der Helene Marowa zwar sicherlich aus persönlichen Erlebnissen Wedekinds, doch wenig mehr, als das wohl jede erfundene Figur eines Autors in irgendeiner Art und Weise tut. statt nach einer Vorlage für die fiktive Figur zu suchen, könnte man bei Helene Marowa eher von einer Verarbeitung prägender Erlebnisse Wedekinds sprechen.

4.2 Kritik am Kunstbetrieb

Die Kritik am Kunstbetrieb ist zweifellos das Kernthema des Stücks und zielt auf mehrere Aspekte, zu denen streng genommen auch das Thema “Wagnerismus” aus dem folgenden Abschnitt gehört. Dieser Abschnitt widmet sich jedoch der vorgeworfenen Inhaltsleere und dem Starkult - zwei kaum voneinander zu trennenden Phänomenen.

Unterhaltungskultur, die sich über die Massen finanziert und ein dementsprechend breites Publikum ansprechen muss, ist zur Jahrhundertwende noch ein relativ junges Phänomen, aber bereits auf dem Vormarsch: In den großen Städten eröffnen reihenweise Varietébühnen und Singspielhallen, die dem Kulturgenuss mitunter Gastronomie, Tanz und gesellschaftliches Schaulaufen zur Seite stellen. Es entstehen neuartige theatrale Formen, die sich aus verschiedenen Genres und Gattungen zusammensetzen - solange es die Leute unterhält, wird es gespielt (vgl. Pankau: S. 117). Die Kunst wird einem breiteren Publikum zugänglich, doch sie dient mehr und mehr dem angenehmen Zeitvertreib, als der intellektuellen Auseinandersetzung.

Ein Zusammenhang, der in der Figur des Gerardo kulminiert. Ein gelernter Tapezierer, dessen Singstimme durch Zufall entdeckt und gefördert wurde, gilt jetzt als großer Künstler.

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Details

Titel
"Der Kammersänger" und die Kunst. Wie aktuell ist Frank Wedekinds Kritik am kommerziellen Kunstbetrieb heute?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Frank Wedekinds Dramen
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V368386
ISBN (eBook)
9783668467095
ISBN (Buch)
9783668467101
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frank Wedekind, Der Kammersänger, Kunstkritik, Kritik, Kritik an der Kunst, Zensur, München, Drama, Dramen, Frank Wedekinds Dramen
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, "Der Kammersänger" und die Kunst. Wie aktuell ist Frank Wedekinds Kritik am kommerziellen Kunstbetrieb heute?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368386

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