Im Folgenden wird zunächst ein sozialisationstheorerisches Modell aus der Entwicklungspsychologie vorgestellt, welches bei der Arbeit mit den Texten nützlich sein kann. Im Hauptteil werden dann sechs Kurzgeschichten untersucht, in denen Kinder bzw. Jugendliche in Kriegs- bzw. Nachkriegssituationen vorkommen. Dabei stehen jeweils bestimmte Fragen im Hintergrund. Diese Fragen können lauten: 'Was ist oder was war die Rolle des Kindes bzw. des Jugendlichen im Krieg/ in der Nachkriegszeit?', 'Wie geht es ihm damit?', 'Wie ist/war das Umfeld des Kindes bzw. des Jugendlichen?' und 'Wie ist die Auswirkung des Krieges/ ihres Lebens im Krieg oder nach dem Krieg auf ihr (zukünftiges) Leben?'.
1 Einleitung: Böll und der Krieg
2 Eriksons Modell von 'Identität und Lebenszyklus'
3 Die Kurzgeschichten
3.1 Kinder und Jugendliche als Nebenfiguren der Geschichte
3.1.1 Auch Kinder sind Zivilisten
3.1.2 Über die Brücke
3.1.3 So ein Rummel
3.2 Kinder und Jugendliche als Protagonisten der Geschichte
3.2.1 Wir Besenbinder
3.2.2 Lohengrins Tod
3.2.3 Wanderer, kommst du nach Spa...
4 Wanderer, kommst du nach Spa... und Lohengrins Tod: Initiationsgeschichten?
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Kindern und Jugendlichen in ausgewählten Kurzgeschichten von Heinrich Böll, insbesondere im Band "Wanderer, kommst du nach Spa...". Ziel ist es, unter Einbeziehung von Eriksons Modell der psychosozialen Entwicklung zu analysieren, wie die jungen Protagonisten in der kriegerisch geprägten Welt agieren, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind und inwieweit der Krieg ihre Reifeprozesse und Kindheit prägt oder zerstört.
- Analyse der kindlichen und jugendlichen Figuren in Kriegs- und Nachkriegssituationen.
- Anwendung des entwicklungspsychologischen Stufenmodells von Erik H. Erikson auf die literarischen Charaktere.
- Untersuchung der Rolle von Erwachsenen und Institutionen (wie Schule und Familie) in Bezug auf das Kindeswohl.
- Deutung von Motiven und Symbolen (wie "Kreis", "Taufe" oder "Name") als Ausdruck der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Auch Kinder sind Zivilisten
Diese Kurzgeschichte beginnt in medias res und beschreibt den Wunsch eines verletzten Soldaten, der sich in einem Lazarett an der russischen Front befindet, einem kleinen russischen Mädchen Kuchen abzukaufen. Trotz Mahnung des strengen Wachpostens, es sei verboten Zivilisten – auch Kinder – in das Lazarett reinzulassen und trotz des Verbotes hinauszugehen, gelingt es dem Soldaten durch ein kleines Loch in der Mauer neben dem Pissoir mit dem Mädchen in Kontakt zu treten. Er kauft ihr alle Kuchen ab und zahlt mehr als verlangt wäre, nämlich zweihundert Mark.
Das Wort 'Kind' kommt hier direkt in der Überschrift vor und lenkt so den Fokus gleich auf dieses Thema. Kinder werden den Regeln nach genau wie Erwachsene behandelt, auch sie sind Zivilisten und für sie gelten die selben Vorschriften. Das kleine Mädchen übernimmt hier auf zweifacher Ebene die Rolle einer erwachsenen Person. Einerseits wird es seitens der deutschen Regelungen wie eine Erwachsene behandelt und eingestuft. Andererseits verdient es Geld, indem es Kuchen verkauft und das tut es auch trotz der gefährlichen Dunkelheit und Kälte: „[...] die leere, dunkle Straße war von Schneestaub eingehüllt [...]“ (HB, 55). Es wird keine Uhrzeit genannt, doch scheint es evident zu sein, dass die Erziehungsberechtigten des Mädchens dieses zu dieser Tageszeit und bei diesen Wetterverhältnissen nicht alleine losziehen lassen sollten, um etwas an fremde Menschen zu verkaufen. Es gibt weitere Aspekte, in welchen das Kind die Züge eines Erwachsenen aufweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Böll und der Krieg: Vorstellung von Heinrich Bölls biographischem Hintergrund und seiner Auseinandersetzung mit dem Krieg sowie Definition der Forschungsfrage.
2 Eriksons Modell von 'Identität und Lebenszyklus': Einführung in das entwicklungspsychologische Stufenmodell, das als theoretisches Gerüst für die Textanalyse dient.
3 Die Kurzgeschichten: Untersuchung von sechs Kurzgeschichten, unterteilt in Neben- und Hauptfiguren, um die Auswirkungen von Krieg auf die kindliche Identität aufzuzeigen.
3.1 Kinder und Jugendliche als Nebenfiguren der Geschichte: Analyse der Erzählungen, in denen Kinder in den Kriegskontext integriert sind, ohne die zentralen Handlungsfäden zu bestimmen.
3.1.1 Auch Kinder sind Zivilisten: Darstellung der Begegnung eines Soldaten mit einem Kind, das unter kriegsähnlichen Bedingungen wie eine Erwachsene agiert.
3.1.2 Über die Brücke: Untersuchung der zeitlosen, repetitiven Existenz eines Kindes und der Metaphorik einer instabilen Brücke als Sinnbild der Nachkriegsgesellschaft.
3.1.3 So ein Rummel: Analyse des zynischen Umgangs der Erwachsenen mit dem Krieg, der sich in den inhumanen Spielen der Kinder widerspiegelt.
3.2 Kinder und Jugendliche als Protagonisten der Geschichte: Fokus auf Kurzgeschichten, in denen die Kinder die zentrale Perspektive einnehmen.
3.2.1 Wir Besenbinder: Betrachtung der Zerstörung jugendlicher Identität durch schulische Autoritäten und das Trauma des sinnlosen Kriegstodes.
3.2.2 Lohengrins Tod: Analyse des Leidenswegs eines verletzten Kindes und der Kritik an einer Gesellschaft, die Kinder im Stich lässt.
3.2.3 Wanderer, kommst du nach Spa...: Untersuchung der Vermischung von humanistischen Werten und nationalsozialistischer Ideologie in einer Schulumgebung.
4 Wanderer, kommst du nach Spa... und Lohengrins Tod: Initiationsgeschichten?: Zusammenfassende Einordnung der behandelten Erzählungen in den Kontext des Begriffs der Initiation.
5 Fazit: Resümee über die Darstellung der zerstörten Kindheit und die Kritik an der Unmenschlichkeit der Nachkriegsgesellschaft.
Schlüsselwörter
Heinrich Böll, Kriegsliteratur, Nachkriegszeit, Kurzgeschichte, Identität, Kindheit, Erik H. Erikson, Ideologiekritik, Nationalsozialismus, Traumatisierung, Initiationsreise, Kriegsfolgen, Humanismus, Gesellschaftskritik, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser literaturwissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Heinrich Böll die Lebenswirklichkeit und Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in seinen Erzählungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen von Krieg, Ideologie und einer oft gefühllosen Erwachsenenwelt auf die kindliche Psyche sowie die Entlarvung von Bildungs- und Gesellschaftsidealen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es soll geklärt werden, wie Kinder in den Kurzgeschichten dargestellt werden und ob diese Texte als Initiationsgeschichten gelesen werden können, in denen der Reifeprozess durch den Krieg gewaltsam unterbrochen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Untersuchung verwendet?
Die Arbeit nutzt einen sozialisationstheoretischen Ansatz, insbesondere das Modell "Identität und Lebenszyklus" von Erik H. Erikson, um die Entwicklung der jugendlichen Protagonisten zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von sechs ausgewählten Kurzgeschichten, in denen Kinder teils als Nebenfiguren, teils als Protagonisten agieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Heinrich Böll, Identitätsverlust, Nachkriegszeit, Initiationsverweigerung, gesellschaftliche Grausamkeit und das Versagen des humanistischen Bildungsideals.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Schule in den untersuchten Texten?
Die Schule wird als Ort kritisiert, an dem humanistische Ideale pervertiert und Kinder ideologisch manipuliert werden, anstatt sie auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten.
Warum ist die Symbolik von Namen und Gegenständen so bedeutsam?
Symbole wie der "Kreis" oder Namen wie "Lohengrin" werden von Böll ironisch eingesetzt, um die Diskrepanz zwischen der pompösen Fassade der Tradition und der trostlosen, grausamen Realität des Krieges zu verdeutlichen.
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- Margarita Mayzlina (Author), 2017, Die verlorene Kindheit. Kinder, Jugendliche und der Krieg in den Kurzgeschichten Heinrich Bölls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368900