Oscar Wilde - Homosexualität und ihre Diskurse im 19.Jahrhundert


Magisterarbeit, 2005
106 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1 Leben und Werk des Oscar Wilde.
1.2 Motivation, Vorgehensweise und Ziel dieser Arbeit.

II. Diskurse über Homosexualität im 19.Jahrhundert .
2.1 Sozialer Diskurs: Homosexualität in der viktorianischen Gesellschaft
2.2 Von Sodomie zu Homosexualität .
2.3 Von Sünde zu Verbrechen.
2.4 Medizinische Diskurse
2.4.1 Karl Heinrich Ulrichs
2.4.2 Richard von Krafft –Ebing
2.4.3 Magnus Hirschfeld
2.4.4 Havelock Ellis.
2.4.4.1 Ellis über Oscar Wilde.
2.5 Kulturgeschichtlicher Diskurs: John Addington Symonds, Verfechter der Homosexualität

III. Wildes The Picture of Dorian Gray: Das Werk vor dem Sturz.
3.1 Dorian Gray: eine homosexuelle Liebesgeschichte als ästhetisches Kunstwerk
3.1.1 Dorian: der homosexuelle Narziß
3.1.1.1 Dorians Bildnis: die Transformation in ein Kunstwerk und Identitätsverlust
3.1.1.2 Dorian: der homosexuelle Sünder
3.1.2 Dorian, Lord Henry und Basil Hallward: eine homoerotische Dreiecksbeziehung
3.2 Autobiographische Züge in The Picture of Dorian Gray

IV. Homosexualität auf der Anklagebank: Der Sturz des Oscar Wilde55
4.1 Die gerichtlichen Verfahren von und gegen Oscar Wilde.
4.1.1 Wildes Kunst, Moral und Ästhetik auf der Anklagebank
4.1.2 Wilde, Päderastie und das griechische Ideal der Liebe
4.2 Die Schaffung eines Homosexuellen.
4.2.1 Darstellung der Prozesse in der Presse

V. Wildes De Profundis: Apologie und Anklage seines Lebens
5.1 Wildes Abrechnung mit Douglas
5.2 Wilde über seine Homosexualität und ihre Verurteilung
5.3 Als zweiter Christus auf dem Weg in ein neues Leben

VI. Schluss

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Über kaum einen Englisch sprechenden Schriftsteller ist so viel geschrieben worden wie über Oscar Wilde. Immer von neuem reizt der Versuch, die nicht endenden Widersprüche in Wildes Leben zu einem Charakter zu verbinden, der so gelebt haben könnte. Oscar Wilde wird heutzutage oft als der Schriftsteller der spät-viktorianischen Epoche gesehen, vor allem der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die Öffentlichkeit heute erinnert sich an ihn, als Stückeschreiber, Dramatiker und Kritiker. Sie denkt an seine humorvollen, brillanten und geistreichen Äußerungen. Sie liebt ihn dafür, dass er sich mit seinem extravaganten Aussehen, Lebensstil und Verhalten gegen die puritanisch eingestellte viktorianische Gesellschaft aufgerichtet hat. Nicht zuletzt denkt sie aber auch an seinen plötzlichen Sturz in der Höhe seiner Karriere, als er aufgrund seiner homosexuellen Handlungen, oder um es mit damaligen Worten zu sagen, wegen grober Unzucht, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Heute wird er als homosexueller Mann in Ehren gehalten, der einen sehr hohen Preis dafür zahlte, dass er körperliche Intimitäten mit Männern austauschte. Zurückblickend bemerkt Funke:

„In England war Wilde nach 1895, dem Jahr seiner gerichtlichen Verurteilung und seiner gesellschaftlichen Verbannung, und noch lange nach seinem Tod im Jahre 1900, ein Name, den man nicht erwähnen durfte. Und mit dem Menschen war sein Werk verdammt." (Funke, 7)

1894 sah die Gesellschaft Wilde als aufstrebenden, extravaganten, zwar gegen die Konform gerichteten, aber dennoch beliebten Autor und Wildes Werke waren die eines talentierten, erfolgreichen und modernen Schriftstellers. Nach seiner Verurteilung jedoch wurde bekannt, dass seine sexuellen Präferenzen von der Norm abwichen und die moralische Entrüstung ging in das Unermessliche. Dies hatte zur Folge, dass man im Jahre 1896 Wildes Werke als Hinterlassenschaften eines perversen und kriminellen Menschen las. Heute kommen für Leser seiner Werke folgende Probleme auf: wann und wie Wilde homosexuell wurde; ob und inwieweit seine sexuelle Identität in seinen Werken wiederzufinden ist; und ob man Wilde wirklich als homosexuell, in unserem heutigen Sinne, bezeichnen kann. Wie Sinfield treffend bemerkte: “Wilde and his writings look queer because our stereotypical notion of male homosexuality derives from Wilde, and our ideas about him.“ (Bristow: A Complex multiform creature, 195)

Heute wird oftmals angenommen, dass die Bezeichnung homosexuell ein schon immer bestehender Begriff für gleichgeschlechtliche Liebe war. Tatsächlich ist ‚Homosexualität’ jedoch eine Bezeichnung, die erst im Lauf der Zeit entwickelt wurde, um ein bestimmtes Konzept, das der gleichgeschlechtlichen Liebe, zu beschreiben. Der Begriff ‚Homosexualität’ wurde erst 1869 erfunden und war bis in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts nicht gebräuchlich. Er ist eine hybride Wortbildung von dem Arzt und Psychiater Kurt Maria Kertbeny aus griechisch homo: gleich, gleichartig und lateinisch sexus: das männliche und weibliche Geschlecht. Kertbeny definiert homosexuell wie folgt:

„Neben dem normalsexualen Triebe der gesamten Menschheit und des Tierreichs scheint die Natur in ihrer souveränen Laune bei Mann wie Weib auch den homosexualen Trieb gewissen männlichen und weiblichen Individuen bei der Geburt mit gegeben, ihnen eine geschlechtliche Gebundenheit verliehen zu haben, welche die damit Behafteten sowohl physisch als geistig unfähig macht, auch bei bestem Willen zur normal-sexualen Erektion zu gelangen, also einen direkten Horror vor dem Geschlechtlichen voraussetzt, und es den mit dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmöglich macht, sich dem Eindruck zu entziehen, welchen einzelne Individuen des gleichen Geschlechts auf sie ausüben.“ (Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, 3/4)

Der Homosexuelle ist eine Erschaffung der modernen Diskurse, der Medizin, der Sexualwissenschaft und der Psychologie. Homosexualität ist somit nicht eine überzeitliche Essenz, sondern eine Erfindung der Neuzeit. Jedoch ist damit nicht gemeint, dass die Menschen an anderen Orten und zu anderen Zeiten keinen gleichgeschlechtlichen Verkehr gehabt hätten, vielmehr bedeutet es, dass unsere heutige Auffassung von Homosexualität als sogenannte Seinsweise eine noch recht junge Konstruktion ist. Die Öffentlichkeit kannte Homosexualität in England wie in allen europäischen Ländern. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war nur das Wort noch nicht gebräuchlich. Es wurde von Unzucht, Päderastie[1], Sodomie gesprochen. Unzucht war, wie anderswo auch, strafbar, wurde jedoch selten verfolgt. Die beiden Konzepte, die damals der Homosexualität am „nächsten“ kamen, waren “buggery“ und “sodomy“. Vor allem der theologische Begriff Sodomie, der dem modernen Begriff der Homosexualität vorausging, steht zu diesem in deutlichem Gegensatz. Sodomie – als "widernatürlicher" Verkehr zwischen Männern – wurde als ein allgemeinmenschliches Laster angesehen und nicht einer bestimmten Kategorie von Personen zugeordnet. Ebenso wie der Verkehr zwischen Mann und Frau, der nicht auf Fortpflanzung ausgerichtet war. Auch die Tatsache, dass der Homosexuelle sein Leben entsprechend seiner sexuellen Gesinnung organisieren und leben kann, ist eine neuzeitliche Erscheinung. Wie man an dem Beispiel von Wilde sehen kann, war er verheiratet und musste nach außen hin in der vorgegebenen viktorianischen Familienidylle leben. Wie Weeks sagt,

“Even the most famous homosexual of the nineteenth century, Oscar Wilde, who appears to have participated in a wide range of homosexual subcultural activities, was respactably married with an upper-class family life, and indeed in many ways the only difference between him and many others of his social status was that his casual sexual encounters were with working class youths rather than young women.” (Weeks: Sex, Politics and Society, 109/110)

1.1 Leben und Werk Oscar Wildes

Oscar Wilde wurde am 16.Oktober 1854 in Dublin geboren, als Sohn eines Augen- und Ohrenarztes und der extravaganten Lady Wilde, die für ihren Geltungsdrang, ihre Betonung von Äußerlichkeiten, ihre Neigung zu theatralischen Effekten und ihrem Mangel an Respekt gegenüber dem Gesetz bekannt war. Oft wird spekuliert, dass Wildes starke Bindung an seine Mutter daran schuld war, dass Wilde später homosexuell wurde. Auch wird immer wieder erwähnt, dass sich die Mutter eine Tochter gewünscht hat, und dass sie deshalb Oscar bis zu seinem sechsten Lebensjahr als Mädchen gekleidet hat. Aber da es in Irland Tradition war, Jungen bis zu ihrem sechsten Lebensjahr als Mädchen zu verkleiden, können diese Gedanken schnell wieder verworfen werden. Außerdem kam das gewünschte Mädchen vier Jahre nach Oscar Wildes Geburt zur Welt (vgl. Funke, 8-15). Wie aus eigenen Aussagen bekannt ist, hegte Oscar Wilde eine innige Beziehung zu seiner Mutter. An einen Freund schrieb er: „Alle Dichter lieben ihre Mutter, und da ich die meinige anbete, kann ich ihre Gefühle verstehen.” (Funke, 13) Als die Mutter starb, war Wilde im Gefängnis. In seinem Gefängnisbrief, De Profundis, schrieb er:

„Ihr Tod traf mich so schrecklich, dass ich, einst Meister der Sprache, keine Worte finde, um meinen Kummer und meine Scham auszudrücken. Niemals, selbst in den vollkommensten Tagen meiner künstlerischen Entwicklung, hätte ich geeignete Worte finden können, um so eine erhabene Last zu ertragen oder um mich mit genügend musikalischer Würde durch das purpurne Schauspiel meines unaussprechlichen Schmerzes zu bewegen. (Funke, 13)

Seine Schulzeit verlebte er zuerst auf der Portora Royal School (1864- 1871) und danach auf dem Trinity College in Dublin (1871- 1874). Seine schulische Laufbahn auf der Portora Schule war nicht besonders bemerkenswert: “It was only in his last year that Oscar began to show signs of promise, when he won the school prize for Greek Testament, a Gold Medal in Classics and an entrance to Trinity College, Dublin.” (Hyde, 28) Ein Mitschüler berichtete, dass Oscar Wilde ein ausgezeichneter Redner war. Er erinnerte sich, dass bei einer Diskussion, bei der es um eine strafrechtliche Verfolgung von Seiten der Kirche ging, Oscar Wilde seinen Schulfreunden sagte, “there was nothing he would like better in a life than to be the hero of such a cause cèlèbre and to go down to prosperity as the defandant in such a case a Regina versus Wilde.“ (Hyde, 29)

Auf dem Trinity College wurde sein Interesse für die Klassik, vor allem für das alte Griechenland geweckt. Mahaffy, Professor für Alte Geschichte und zugleich ein bedeutender Gräzist, übte auf Wilde einen großen Einfluss aus und stärkte seine Liebe zur Antike. Überhaupt war Wilde gerne in der Gesellschaft von intelligenten Studenten und vor allem von Professoren und Lehrern. Er war ein recht beliebter Student, sowohl bei den Kommilitonen, als auch bei den meisten Professoren. Wilde verließ mit Auszeichnung das Trinity College und begann 1874 mit einem Stipendium im Gepäck, sein Studium in Oxford (vgl. Hyde, 30-31).

“The two great turning points in my life were when my father sent me to Oxford, and when society sent me to prison,“ schrieb Wilde später in De Profundis (Hyde, 31). In Oxford begann Wilde seine Persönlichkeit zu entfalten, vor allem aber wurde seine Liebe zur Kunst und zum Schönen erweckt und in Richtung des Ästhetizismus[2] gelenkt. Die beiden Personen, die den meisten Einfluss auf ihn ausübten, waren John Ruskin und Walter Pater, beide Verfechter des Ästhetizismus. Wilde war begeistert von der Lehre des Ästhetizismus, weil sie seinem Wesen und seiner Idee von Kunst gleichkam (vgl. Funke, 22-29). Später definierte Wilde Ästhetizismus wie folgt: “Aestheticism is a search after the signs of the beautiful. It is the science of the beautiful through which men seek the correlation of the arts. It is, to speak more exactly, the search after the secret of life.” (Ellmann, 151/152) Als Wilde am Ende seiner Oxforder Zeit von einem Freund gefragt wurde, was er aus seinem Leben machen wolle, antwortete er: ”God knows, I won’t be a dried up Oxford don. Anyhow I’ll be a poet, a writer, a dramatist. Somehow or other I’ll be famous, and if not famous I’ll be notorious. … These things are on the knees of the gods. What will be, will be.” (Hyde, 36)

Nach seiner Zeit in Oxford zog er 1878 nach London. Von da an begann die Zeit, in der er sich mit der englischen Gesellschaft, die ihm zum einen zu großen Ruhm verhalf, die ihn aber auch in sein Elend stürzte, auseinandersetzen musste. Wilde entdeckte in London sein Interesse für das Theater und die bekanntesten Schauspielerinnen dieser Zeit. Er überbrückte die ersten Jahre mit dem Schreiben von kritischen Artikeln und Gedichten. 1880 schrieb er sein erstes Stück, Vera, und publizierte kurz darauf seine gesammelten Gedichte. 1882 bekam er das Angebot eine Vortragstournee durch Amerika zu machen. Er sollte dort den Amerikanern den Ästhetizismus näher bringen, sowie die Poesie und Kunst preisen. Als er 1882 in New York das Schiff verließ, erklärte er den Zollbeamten, dass er nichts zu verzollen habe, “except my genius“ (Hyde, 42). Diese Tournee, von der er 1883 zurückkehrte, war ein voller Erfolg für Wilde.

Zurück in Europa verbrachte er die ersten drei Monate des Jahres in Paris, wo er Bekanntschaft mit den damals führenden französischen Schriftstellern, wie z.B. Victor Hugo, Zola und Verlaine machte. Heimgekehrt nach London machte er noch eine Vortragstournee durch die Provinzen Englands. 1884 heiratete Oscar Wilde Miss Constance Lloyd. 1885 wurde der erste, ein Jahr später, der zweite Sohn geboren. Wildes Ehefrau wird heute als Frau gesehen, die einen ausgeprägten weiblichen Instinkt aufwies, aber mehr Schönheit als Intelligenz besaß, zuverlässig und treu war, aber nicht sehr viel Sinn für Humor zeigte. Sie war also genau das Gegenteil von Wilde (vgl. Funke, 89). Dennoch heiratete Wilde seine Frau aus Liebe, wie man aus einem der noch übriggebliebenen Briefe von Wilde an seine Frau lesen kann:

“Here I am; and you at the Antipodes: O execrable fates that keep our lips from kissing, though our souls are one. ... The message of the gods to each other travel not by pen and ink, and indeed your bodily presence here would not make you more real: for I feel your fingers in my hair and your cheek brushing mine. The air is full of the music of your voice, my soul and body seem no longer mine, but mingled in some exquisite ecstasy with yours. I feel incomplete without you.” (Hyde, 55)

Die späten achtziger und neunziger Jahre waren wohl die erfolgreichste Schaffensperiode und die Zeit, in der Wilde Lord Alfred Douglas kennen und lieben lernte. Wilde schrieb Kurzgeschichten, die unter den Titeln Lord Arthur Savile’s Crime and Other Stories und A House of Pomegranates 1891 veröffentlicht wurden. Es wurden seine Märchen, The Happy Prince and other Tales (1888), publiziert. Er schrieb Essays, wie Intentions (1891) und The Soul of Man under Socialism (1891). Er schrieb ein Stück, dass sich mit Shakespeare beschäftigte, The Portrait of Mr. W.H. (1889). 1891 wurde sein einziger Roman, The Picture of Dorian Gray in Buchform veröffentlicht. The Picture of Dorian Gray war schon in leicht veränderter und kürzerer Form in Lippincott’s Monthly Magazine ein Jahr zuvor erschienen. Nach 1891 begann seine Karriere als Stückeschreiber. Sein erstes Theaterstück war Lady Wintermere’s Fan (1892). Darauf wurde Salome zuerst in Frankreich dann 1894 in England publiziert und A Woman of No Importance aufgeführt (1893). Anschließend kamen An Ideal Husband und sein wohl bekanntestes Stück The Importance of Being Earnest 1895 auf die Bühne. Die letzte beiden Stücke liefen noch, als Wilde 1895 verhaftet wurde und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Seine Verurteilung ruinierte ihn gesellschaftlich, finanziell und menschlich. Er verlor seine Familie und seinen gesamten Besitz (vgl. Hyde, 48-50).

1897 wurde Wilde aus dem Gefängnis entlassen und noch am gleichen Abend verließ er England. Die ersten Monate verbrachte Wilde in Berneval-sur-Mer, Frankreich, dann zog er weiter nach Neapel, um dort seine Zeit mit Lord Alfred Douglas zu verbringen. Jedoch trennten sich die beiden schon bald endgültig. Wilde verließ Neapel, um für die letzte Zeit seines Lebens ruhelos auf dem Kontinent herumzureisen. Künstlerisch gesehen gelang es Wilde lediglich sein Gedicht The Ballad of Reading Gaol zu beenden und zu veröffentlichen. Funke schreibt über Wildes letzte Jahre:

„Wenn man überhaupt einen äußeren Anlaß nennen kann, so war es nicht das Gefängnis, das Oscar Wilde, den Künstler zerbrach, sondern der Skandal, der ihn isolierte. Denn ohne die Gesellschaft als Ansporn, Korrektiv und Spannungspol konnte der Künstler Wilde nicht existieren.“ (Funke,158)

Am 30. November 1900 starb er schließlich an den Folgen einer Ohrenoperation in einem Hotel in Paris (vgl. Funke, 150-158).

Wildes Verhältnis zu Frauen ist genauso rätselhaft wie die Gründe für seine Homosexualität. Man könnte annehmen, dass seine Zwiespältigkeit im Wesen auch das Gebiet seines Sexuallebens beherrscht hat. Bis zu seiner Heirat und der Geburt seiner Söhne lebte Wilde auf jeden Fall ein konventionelles Leben. Er war dem weiblichen Geschlecht zugetan. Er war angetan von der Schönheit der Frauen, aber auch die gesellschaftliche Bedeutung der Frauen war für ihn wichtig. Als Antwort auf ihre Ablehnung seines Heiratsantrags, schrieb er: “Charlotte, I am so sorry about your decision. With your money and my brain we could have gone so far.“ (Holland/Hart-Davis, 82 Anm.2) Funke vermutet, „dass Frauen für den egozentrischen Wilde mehr Mittel zum Zweck als Selbstzweck waren, sei es als Rahmen für seine eigenen Auftritte oder als Anlaß für die Sammlung neuer Erlebnisse“ (Funke, 83). Wann Wilde homosexuell wurde, ist umstritten. Jedoch vermuten sowohl Funke, als auch Ellmann, dass es um 1886 herum gewesen sein muss, als Wilde Robert Ross in Oxford traf (Funke, 89; Ellmann, 259). Ellman schreibt: “Both Ross and Wilde told their friends that their homosexual encounter had been Wilde’s first.” (Ellmann, 161) Schon vorher verkehrte Wilde mit jungen Männern, jedoch nicht auf körperlicher Basis. Auch hegte er ein intensives Interesse für die Geschichte berühmter homosexueller Männer, wie z.B. Michelangelo oder Plato (vgl. Hyde, 56). Ellman beschreibt das Treffen mit Ross wie folgt:

“What must have astonished Wilde was that Ross, so young and yet so knowing, was determined to seduce him. Wilde acceded perhaps out of curiosity or caprice. He was not attracted to anal coition, so Ross presumably introduced him to the oral and intercrural intercourse he practiced later.” (Ellmann, 259)

Nebenbei sei erwähnt, dass sich durch die ganze Biografie von Ellmann die Behauptung zieht, Wildes freundschaftliche Beziehungen zu Männern seien schon immer in gewisser Weise homosexuell gewesen. Nach Sinfield wäre es jedoch falsch, “to read anyone [Wilde] as really homosexual from the start.” Weiter argumentiert er: “There is no reason to suppose that Wilde’s discovery of same-sex passion was less problematic than for very many people today. Our culture observes the Wilde they expect and want to see.” (Sinfield, 6) Die bedeutsamste, leidenschaftlichste und ekstatischste homosexuelle Beziehung führte Wilde jedoch mit Lord Alfred Douglas. Als sich Wilde und Lord Douglas 1891 kennen lernten, war Bosie, wie ihn Wilde liebevoll nannte, Anfang zwanzig, und ein eigenwilliger, temperamentvoller, egozentrischer und verwöhnter junger Mann. Wie Funke schreibt, war Wilde fasziniert von Douglas Schönheit und Jugend, und es beeindruckte ihn einen adligen Freund zu haben (vgl. Funke, 93). In einem Brief an Lord Douglas, schrieb Wilde:

“It is really absurd. I can’t live without you. You are so dear, so wonderful. I think of you all day long, and miss your grace, your boyish beauty, the bright sword-play of your wit, the delicate fancy of your genius, so surprising always in its sudden swallow-flights towards north or south, towards sun or moon – and, above all, you yourself.” (Holland/Hart-Davis, 594)

Die Zeit ihrer Beziehung fiel mit der fruchtbarsten Schaffensperiode Wildes zusammen. Wie man aber später noch sehen wird, nahm die Liebe zu Lord Douglas für Wilde einen fatalen Ausgang. Hinzuzufügen wäre noch, dass Lord Douglas nicht Wildes einziger Freund war, aber wohl sein engster und intimster, und derjenige, der sein Leben am meisten beeinflusste. Neben seinen Beziehungen zu Männer, pflegte er auch den sexuellen Umgang mit Jungendlichen aus anderen sozialen Klasse. In Kontakt kam er mit ihnen durch Alfred Taylor, der eine Art männliches Bordell führte und der zusammen mit Oscar Wilde 1895 angeklagt wurde. Wilde selber schrieb über seine Verurteilung,

„Meine Freunde müssen sich einmal mit der Tatsache vertraut machen, dass ... ich nicht als Unschuldiger im Gefängnis bin. Im Gegenteil, die Aufzählung meiner perversen Leidenschaften und abwegigen Romanzen würde so manchen scharlachroten Band füllen. Wenn auch das besondere, vom Gesetz geltend gemachte Delikt nicht zu meinen perversen Leidenschaften zählte, so lagen schließlich doch Perversitäten vor, oder warum wäre ich sonst hier? Der Gedanke, dass ich anomalen Leidenschaften und perversen Gelüsten nachgegangen bin, mag für meine Freunde ein furchtbarer Schock sein, aber wenn sie in der Geschichte nachlese, werden sie finden, dass ich nicht der erste Künstler bin, der diesen Fluch trägt, so wie ich auch nicht der letzte sein werde.” (Funke,142)

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis begann er schon bald wieder Briefe mit Douglas zu wechseln. Schließlich kehrte er zu Douglas zurück. Wie er einem Freund berichtet, war,

„[die] Rückkehr zu Bosie ... psychologisch unvermeidlich, und wenn man von dem inneren Seelenleben mit seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach Selbstverwirklichung um jeden Preis absieht, hat die Welt sie mir aufgezwungen. Ich kann nicht ohne die Atmosphäre der Liebe leben: ich muß lieben und geliebt werden, ganz gleich, welchen Preis ich dafür zahle.” (Funke, 155)

1.2 Motivation, Vorgehensweise und Ziel dieser Arbeit

Wie wir oben gesehen haben, ist es nicht möglich, Oscar Wilde als den Archetyp eines Homosexuellen hinzustellen. Er ästhetisierte und mythologisierte Homosexualität. Sein widersprüchlicher Charakter ermöglichte es ihm ein Paradoxon über sich selber zu formulieren. So widersprüchlich er in seinem Charakter, seinem Leben und seiner Kunst war, so unvereinbar war auch sein sexuelles Leben. Seine Person prägte eine ganze Epoche. Er lebte sein Leben in der Öffentlichkeit und gab dadurch diesem ein besondere Note. Immer wieder muss man daran denken, dass sein homosexuelles Leben am Ende des viktorianischen Zeitalters stattfand. Er brachte Werte ins Wanken, welche die puritanische Gesellschaft mühsam aufgestellt hat. Gleichzeitig fand sein homosexuelles Leben zu einer Zeit statt, in der immer mehr Diskurse über Homosexualität aufkamen. Es wurde versuchte, Homosexualität zu definieren und Homosexuellen eine Identität zukommen zu lassen.

Was verleiht nun dem homosexuellen Oscar Wilde seine Faszination und gibt Anlass über diesen Oscar Wilde eine Arbeit zu schreiben? Die Faszination liegt wohl darin, dass sein Leben voller Widersprüche war, und dass er selbst sein Leben in Mythen und Fiktionen eingehüllt hat, die es zu ergründen gilt. Seine Werke nach homosexuellen Spuren und autobiographischen Zügen zu durchforsten um dann zu erkennen, dass er nicht nur in seiner Kunst ein Meister der Verhüllung und der Inversion war, ist eine Herausforderung. Auch wenn man seine Werke und sein homosexuelles Leben mit der viktorianischen Moralvorstellung und den Diskursen über Homosexualität im neunzehnten Jahrhundert in Verbindung zu bringen versucht, wird man immer wieder mit der Komplexität von Wildes Wesen konfrontiert werden. Gleichzeitig liegt das Interesse an dieser Arbeit darin begründet, einen Rekurs in eine andere Zeitepoche zu machen, die eine entscheidende war, um das Konzept der Homosexualität neu zu bestimmen und zugleich eine tief konservative Gesellschaftsstruktur inne hatte.

In dieser Arbeit wird nun im ersten Teil Homosexualität im historisch-kontextuellen Zusammenhang betrachtet und die verschiedenen Diskurse über Homosexualität im neunzehnten Jahrhundert aufgezeigt. Diskurse die hierbei miteinbezogen werden, sind der soziokulturelle Diskurs, die medizinischen und die rechtlichen Diskurse und der kulturgeschichtliche Diskurs. Zuerst wird auf die Konstruktion von Homosexualität eingegangen. Dies beinhaltet, wie sich die Konzepte von Homosexualität im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts geändert haben und welche Diskurse dazu beigetragen haben, eine homosexuelle Identität zu schaffen. Hier wird der besondere Schwerpunkt darauf gelegt sein, wie die Einstellungen zur Homosexualität und zu den Homosexuellen waren und in welchen soziokulturellen Rahmen sie eingebettet waren. Auch die Entwicklung von Sodomie bis zur Homosexualität wird beleuchtet. Ebenso die Veränderung der Gesetzeslage, wird mit einbezogen. Anschließend werden die im neunzehnten Jahrhundert entstandenen medizinischen Diskurse, die versuchten Homosexualität neu zu konzeptualisieren näher untersucht. Als letztes wird noch einen kulturgeschichtlichen Diskurs über Homosexualität vorgestellt. Die entscheidende Frage bei allen hier vertretenen Diskursen ist hierbei: was waren die Bedingungen für die Entstehung des Konzeptes der Homosexualität zu dieser Epoche und in dieser Gesellschaft ?

Im zweiten Teil der Arbeit wird Wildes The Picture of Dorian Gray behandelt, der Roman, der die Öffentlichkeit aufgrund seines unmoralischen Inhalts entrüstete. Hier wird untersucht, wie Wilde in dem Werk mit Homosexualität umgeht, wie er Homosexuelle darstellt und inwieweit er sein eigenes Leben in das Werk mit einfließen lässt. Besonders werde ich darauf eingehen, warum Wilde eine homosexuelle Liebesgeschichte als ästhetisches Kunstwerk verpackt. Bedeutend wird auch sein, näher zu erörtern, was die Moral der Geschichte ist. Ist die moralische Aussage, dass Dorian scheitert, weil er gesellschaftliche Tabus überschritten hat? Oder müssen Dorian und Basil sterben, weil sie homosexuell waren? Oder geht es vielmehr darum, dass man Homosexualität nicht ohne die Begleiterscheinungen von Angst-, Hass- und Schuldgefühlen ausleben konnte?

Der dritte Teil der Arbeit handelt von den Gerichtsverfahren des Oscar Wilde. Hier wird geklärt werden, warum und für was Oscar Wilde angeklagt wurde. Aufschlussreich wird sein, wie der Ablauf der Verfahren war, was für Beweismittel vorgelegt wurden, und welche Beweise zur Verurteilung herangezogen wurden und vor allem, wie Wilde sich gegenüber den Vorwürfen rechtfertigte. Vor allem jedoch wird es das Ziel dieses Kapitels sein, die Verfahren in den sozialen, politischen und kulturellen Kontext einzubetten und die Ansichten und Meinungen der viktorianischen Gesellschaft aufzuzeigen. Um zu erklären, warum sich die moralische viktorianische Gesellschaft durch Wilde bedroht gefühlt hat, wird näher auf Presseberichte über die Verfahren eingegangen und anhand dieser aufgezeigt, wie durch die Verfahren ein Bild eines Homosexuellen geschaffen wurde.

Im letzten Teil der Arbeit wird Wildes De Profundis, sein Entschuldigungs- und Anklagebrief an Lord Alfred Douglas und an die Öffentlichkeit abgehandelt werden, den er nach seiner Verurteilung aus dem Gefängnis geschrieben hat. Die wichtigsten Aspekte dieses Kapitels sind, wie er sein Verhältnis zu Lord Alfred Douglas der Öffentlichkeit präsentierte, wie Wilde sich nach seiner Verurteilung gegenüber der Gesellschaft rechtfertigte, was für Aussagen er über seine Homosexualität traf und wie er sein neues Leben nach seiner Entlassung sah.

Ziel dieser Arbeit ist es, Oscar Wildes Leben und Werk in den diskursiven Kontext über Homosexualität einzubetten. Es soll geklärt werden, ob Oscar Wilde ein typischer Homosexueller des neunzehnten Jahrhunderts war, wie ihn die Mediziner und die Gesellschaft sahen.

II. Diskurse über Homosexualität im 19.Jahrhundert

Homosexualität ist ein vergleichsweise neuer Begriff. Er kam in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Umlauf. Im Ergänzungsband des Oxford English Dictionary findet sich die Aussage, dass der Begriff Homosexualität zum ersten Mal 1892 in der englischen Sprache auftauchte und zwar in der medizinischen Studie, Psychopathia Sexualis von Richard von Krafft-Ebing (Bristow: Sexuality, 4). Vorher bestimmten die Begriffe “Buggery“, was übersetzt soviel bedeutet wie Analverkehr und Sodomie das Konzept der gleichgeschlechtliche Liebe.

Es wird behauptet, dass das neunzehnte Jahrhundert, vor allem dessen letzte Jahre, entscheidend dazu beitrug, das Konzept der Homosexualität soweit zu bestimmen, dass man ihm nun eine bestimmte Art von Person zuordnen konnte (vgl. Plummer, 137). “Beginning in the late nineteenth century it was no longer the act that was stigmatized, but the state of mind.“ (Plummer, 81) Hiermit ist gemeint, dass in dieser Zeit zum ersten Mal den Homosexuellen eine Identität zugesprochen wurde. Homosexualität wurde nun als Wesensart eines bestimmten Typus von Person gesehen und nicht mehr als nur ein gegen die Natur gerichteter körperlicher Akt.

Diese sich verändernde Konzeptualisierung von Homosexualität, wird durch die Veränderung der Rechtslage, die Kampagnen für soziale Reinheit, die Entstehung einer homosexuellen Szene und nicht zuletzt durch das medizinische Interesse an Homosexualität deutlich. Es erfolgen in dieser Zeit viele Versuche Homosexualität zu klassifizieren und zu definieren. So positiv sich dies zuerst auch anhören mag, waren die neu entstandenen Konzepte nicht immer fortschrittlich und kaum mit unseren heutigen Ansichten über gleich-geschlechtliche Liebe zu vergleichen. Auch Foucault äußert sich kritisch über die Diskursivierung der Homosexualität:

„Durch eine Unzahl von Diskursen hat man die juristischen Verurteilungen der kleinen Perversionen vermehrt, hat man die sexuelle Abweichung mit der Geisteskrankheit verkettet, hat man eine Norm der sexuellen Entwicklung von der Kindheit bis ins Alter aufgestellt und sorgfältig alle möglichen Abweichungen charakterisiert, hat man pädagogische Kontrollen und medizinische Heilverfahren organisiert, und um der geringsten Phantasien willen, haben die Moralisten, aber auch und vor allem die Mediziner ein emphatisches Greuelvokabular aufgewärmt.“ (Foucault, 50)

Dennoch waren zum Beispiel die medizinischen Modelle ein entscheidender Schritt, für die Entstehung einer homosexuellen Identität. Denn nun sah man Homosexualität nicht mehr als Sünde, sondern hielt sie für eine Krankheit.

2.1 Der soziale Diskurs

Die gleichgeschlechtliche Liebe hat, wenn auch noch nicht mit dem Namen Homosexualität betitelt, schon immer in christlichen Kulturen die moralischen Verfechter der „natürlichen“ Liebe beschäftigt. Alle sexuellen Formen, die von der Norm abwichen, standen im Brennpunkt des gesellschaftlichen, politischen und vor allem des christlichen Interesses der Kulturen. Wie Foucault formulierte,

„Was nicht auf Zeugung gerichtet ist oder von ihr überformt ist, hat weder Heimat noch Gesetz. Und auch kein Wort. Es wird gleichzeitig gejagt, verleugnet und zum Schweigen gebracht. Es existiert nicht nur nicht, es darf nicht existieren, und bereits in seinen geringfügigsten Äußerungen, seien es Handlungen, seinen es Reden, sucht man es zu beseitigen.“ (Foucault, 12)

Die Regulierung von diesen Arten von Sexualverhalten war durch die gesamte englische Geschichte hindurch ein wichtiges Anliegen. Im Mittelalter verurteilte die Kirche Ehebruch und Sodomie, später der Staat Prostitution und Homosexualität. Jedoch war von allen abweichenden Sexualformen das meiste Augenmerk auf Homosexualität gerichtet. Weeks meint,

“A study of homosexuality is therefore essential, both because of its own intrinsic interest and because of the light it throws on the wider regulation of sexuality, the development of sexual categorisation, and the range of possible sexual identities.” (Weeks: Sex, Politics and Society, 96)

Wenn man Homosexualität näher untersuchen will, bleibt es unabdingbar, den sozialen Diskurs mit einzubeziehen. Die Definition von Homosexualität zu einer bestimmten Zeit kann nur verstanden werden, wenn man die dahinter stehende Kultur nicht außer Acht lässt. Ansichten und Einstellungen gegenüber Homosexualität weichen je nach Kultur und Zeitepochen gravierend voneinander ab. Homosexualität gab es zwar schon immer, nur haben sich die Ansichten darüber geändert, die moralische Bedeutung die ihr zugekommen ist und die Einstellungen, die die Homosexuellen gegenüber sich selbst gehabt haben. Folglich kann Homosexualität nicht als ein durch die ganze Geschichte hindurch feststehendes Konzept betrachtet werden. In der viktorianischen Epoche war die Homosexualität vor allem eine Frage der Bevölkerungspolitik und der Religion. Homosexuelle Handlungen galten einfach als ekelhaft und abscheulich. Was einerseits in theologischen Prinzipien und andererseits in ästhetischen Ansichten begründet lag.

Im neunzehnten Jahrhundert fand man vor allem zwei, nebeneinander existierende Erscheinungen: eine feindselige Einstellung gegenüber Homosexualität, sowohl von Seiten der Gesellschaft wie auch des britischen Staates, die man als Homophobie bezeichnen könnte; und andererseits Bemühungen, meist von Medizinern oder einigen wenigen Verfechtern der Homosexualität, selber Homosexuelle wie Symonds und Carpenter, diese in ein positiveres Licht zu rücken und neu zu definieren. “These developments can only be properly understood as part of the restructuring of the family and sexual relations consequent upon the triumph of urbanization and industrial capitalism.“ (Weeks: Coming Out, 2) Wie man diesem Zitat entnehmen kann, war das Konzept ‘Homosexualität’ und die Regulierung dieser eng verknüpft mit der moralischen Ideologie der Viktorianer, der Funktion der Familie, der geschlechtlichen Rollenverteilung und den Einstellungen der Sexualität gegenüber im allgemeinen. Schlagwörter viktorianischer Ideale waren: Häuslichkeit, Ehe und Familie. Homosexualität bedrohte das Familienideal und die vorgeschriebenen Rollen, die jedes einzelne Mitglied der Familie zu erfüllen hatte. Hinzu kommt, dass die Viktorianer der Ansicht waren, Sexualität dürfe nur innerhalb der Ehe ausgelebt werden.

„Dem Lichte sollte eine rasche Dämmerung folgen, endend in den monotonen Nächten des viktorianischen Bürgertums. Die Sexualität wird sorgfältig eingeschlossen. Sie richtet sich neu ein, wird von Kleinfamilien konfisziert und geht ganz im Ernst der Fortpflanzung auf. Um den Sex breitet sich Schweigen. Das legitime, sich fortpflanzende Paar macht das Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, indem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält. Im gesellschaftlichen Raum sowie im Innersten jeden Hauses gibt es nur einen Ort, an dem die Sexualität zugelassen ist – sofern sie nützlich und fruchtbar ist: das elterliche Schlafzimmer.“ (Foucault, 11)

Je mehr die viktorianische Gesellschaft soziale Rollen definierte und einschränkte, desto schärfer ging sie gegen Menschen vor, die von der Norm abwichen oder diese bedrohten. Weeks folgert, “Sexuality appears less a determinant of gender identity and more as the vehicle for expressing culturally determined roles.“ (Weeks, Coming Out, 2) Solche sexuellen Ideologien konnten aber nur überleben, wenn sie dem Funktionieren der Gesellschaft dienten. Die Ansichten zur Homosexualität basierten auf christlich geprägten Ideologien: Gleichgeschlechtliche Liebe übertritt die moralische und sittliche Schranke, denn sie stellte eine Sünde gegen die Natur dar.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die sich verändernde Einstellung der Homosexualität gegenüber nur unbeabsichtigte Konsequenz der sich stark wandelnden viktorianischen Gesellschaft war: “What was happening was that the ensemble of traditional assumptions was meeting new categorisations and together being transformed by a series of intersecting influences.” (Weeks: Sex, Politics and Society, 106)

Gerade die “social-purity campaigners” rückten nämlich die Homosexualität ins öffentliche Interesse. Sie beschäftigten sich mit den Gefahren der männlichen Fleischeslust und plädierten für öffentlichen Anstand. Die Befürworter der sozialen Reinheit waren der Ansicht, dass Homosexualität und Prostitution die Konsequenzen eines undifferenzierten männlichen Triebes waren (vgl. Weeks: Sex, Politics and Society, 106).

Hinzu kam das verstärkte imperialistische Denken der Viktorianer. Imperialismus und nationaler Niedergang beschäftigten sie täglich. Irland wollte sich von England abspalten. Um die imperialistische Sicherheit zu gewährleisten und die Nation vor dem Verfall zu schützen, musste unter allen Umständen die Familie aufrechterhalten werden. Vor allem Mitglieder aus den Mittelklassen mussten geschützt werden, denn die Nation brauchte viele gesunde Arbeiter und Soldaten. Eine strenge Familienpolitik sollte der sozialen Krise und der Angst vor dem Untergang entgegenwirken: “In all countries the purity of the family must be the surest strength of a nation; and virtue from above is mighty in its power over the homes below.“ (Weeks: Coming Out, 18)

Mit der Homosexualität kann sich aber nur eine Gesellschaft auseinandersetzen, wenn Sexualität im allgemeinen ein Streitthema wird. Dies geschah durch zahlreiche öffentliche Debatten über Moral, den „natürlichen“ Sex, und die Betonung auf ehelichen Geschlechtsverkehr. Durch die Diskurse über soziale Reinheit, kam es immer wieder zur Frage, wie man außerehelichen und nicht auf Fortpflanzung gerichteten Geschlechtsverkehr einschränken bzw. kontrollieren kann. Denn alle Formen von Sexualität, die sich nicht auf das eheliche Bett beschränkten, gefährdeten die heilige eheliche Verbindung. Das Streben nach Kontrolle der sexuellen Varianten hatte außerdem zur Folge, dass man sie näher definieren musste; und dies wiederum konnte man nur durch Debatten und Analysen ihrer Charakteristika erreichen. Deshalb entstanden gerade im neunzehnten Jahrhundert so viele Werke, die sich mit dem Konzept der Homosexualität auseinander setzten. So kam es, dass den verschiedenen sexuellen Abarten eine Identität zugesprochen wurde (vgl. Weeks: Sex, Politics and Society, 107-108).

Je enger die sozialen Normen definiert wurden und Sexualität mit dem Ziel der Fortpflanzung der Bevölkerung verbunden wurde, desto mehr wuchs die feindselige Einstellung gegenüber den Homosexuellen. Dies zeigt sich zum einen durch die Entstehung härterer rechtlicher Strafen für gleichgeschlechtliche Liebe. Und zum anderen durch die entstandenen Konzepte der Homosexualität als körperliche Krankheit oder geistige Abirrung. Trotz dieser Bedrohung meldeten sich in dieser Zeit immer mehr Homosexuelle zu Wor. Es entstanden sowohl eine homosexuelle Subkultur wie Gruppierungen, die für Reformen plädierten (vgl. Weeks: Coming Out, 6).

2.2 Von Sodomie zu Homosexualität

Wie man im vorherigen Teil der Arbeit gesehen hat, waren die soziokulturellen Randbedingungen des neunzehnten Jahrhunderts entscheidend für die Abkehr der Homosexualität als bloßes sexuelles Verhalten und für die Erschaffung einer homosexuellen Identität.

Das frühere, aber völlig unterschiedliche Konzept, aus dem die Homosexualität hervorging, war Sodomie oder auch “Buggery“ genannt: “The term ‚‘buggery’ derives from the religious as well as sexual nonconformity of an eleventh century Bulgarian sect.“ (Dollimore, 237) Es ist somit ein schon lange geprägter Begriff für abweichendes Verhalten. Sodomie ist ein weitläufiges Wort. Heutzutage, wie auch im neunzehnten Jahrhundert, bezieht es sich auf den Analverkehr, sowohl zwischen gleichgeschlechtlichen, wie auch andersgeschlechtlichen Paaren. Damals bezog es sich zudem noch auf alle Formen von Sex, die nicht zur Fortpflanzung dienten. Dessen ungeachtet fanden die Gesetzgebung, die Religion, die Medizin und die Literatur schnell eine Bedeutung für Sodomie beziehungsweise “Buggery“; er wurde zu einem Sexualakt, der nicht erwähnt werden durfte und konnte: „peccatum illude horribile non nominandum inter Christianos.“ (Craft, 6) Und wie es später Lord Alfred Douglas in einem Gedicht ausdrückte, “The love that dare not speak its name.“ (Craft, 6)

Wohl die damals weitverbreitetste englische Definition wird von Sir Edward Coke in Third Part of the Institutes of the Laws of England aus dem Jahre 1644 gegeben:

“Buggery [Sodomy] is a detestable, and abominable sin, amongst christians not to be named, committed by carnall knowledge against the ordinance of the Creator, and order of nature, by mankind with mankind, or with brute beasts, or by womankind with brute beasts.” (Craft, 8)

Das hier wohl entscheidende Wort ist “against nature“. Alle sexuellen Handlungen die nicht der Fortpflanzung dienten und somit Sünde waren, wurden unter dem Begriff der Sodomie zusammengefasst. Dabei spielte es keine Rolle ob sich die sexuellen Taten zwischen Menschen abspielten oder zwischen Mensch und Tier. Auch es ist nicht wichtig, wie die sexuellen Handlungen sein müssen, um gegen die Natur und eine Sünde zu sein. Weeks folgert, “Sodomy was a portmanteau for any forms of sex that did not have conception as their aim, from homosexual acts to birth control.“ (Weeks: Coming Out, 14) Sodomie bezieht sich also nicht direkt auf gleichgeschlechtlichen Sex, sondern auf das Perverse, Abweichende und das Unnatürliche. Und dies wurde bei den Homosexuellen immer mit Analverkehr in Einklang gebracht. Vor dem neunzehnten Jahrhundert bezog sich Sodomie zudem noch auf Hexen, Dämonen, Werwolfe, Fremde und Papisten; und es beinhaltete eine Fülle von sexuellen Praktiken, wie Coitus Interruptus, Prostitution, Sex von Minderjährigen etc. Gesellschaftlich war es mit Ketzerei und politischem Verrat verbunden, theologisch war es eine sexuelle Abirrung und eine Bedrohung gegen die Ordnung der göttlichen Schöpfung. Man könnte somit sagen, dass der Sodomit als ein teuflisches Wesen betrachtet wurde. (vgl. Dollimore, 238)

Ab dem neunzehnten Jahrhundert veränderte sich das Konzept der Homosexualität.

Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war es völlig unklar, was denn nun Homosexualität wirklich sei und aus was eine homosexuelle Identität überhaupt bestehen könnte. So stellt sich die Frage, wie es zu dem Prozess, durch den Homosexualität die Stelle der Sodomie einnahm und von da an das Konzept für gleichgeschlechtliche Liebe wurde, kam.

Zum einen gab es die wissenschaftliche Abteilung, die Sexologen, die Homosexualität eine Identität geben wollten. Sie versuchten, Homosexualität neu zu konzeptualisieren und zu kategorisieren. Sie diskutierten, ob Homosexualität, auch sexuelle Inversion genannt, angeboren oder erworben sei; ob sie heilbar sei oder man denn gar nichts dagegen machen könne. Ob es eine psychische Krankheit sei oder nur eine relativ harmlose Besonderheit. Was aber all den Klassifizierungsversuchen zu Grunde lag, war die Idee, dass Homosexualität ein Merkmal einer bestimmten Art von Person war. Zudem versuchten sie auch die verschiedenen sexuellen Varianten und Vorlieben neu einzuteilen. Das, was früher allgemein als Perversion zusammengefasst wurde, bekam nun einzelne Namen. Es entstanden die Masochisten, die Fetischisten, die Invertierten etc. Für Foucault ist die Medizin,

„gewaltsam in die Lüste des Paares eingedrungen: sie hat eine ganz organische, funktionelle oder geistige Pathologie erfunden, die angeblich aus den »unvollständigen« sexuellen Praktiken hervorgeht; sie hat mit großer Sorgfalt alle damit verbundene Lüste bestimmt und in die »Entwicklung« und in die »Störungen« des Trieblebens eingereiht. Sie hat ihre Verwaltung übernommen.“ (Foucault, 55/56)

Die Bemühungen von Seiten der Mediziner, Homosexualität zu verstehen und zu erklären, resultierten jedoch in der Bekräftigung alter und in der Entstehung neuer Vorurteile gegenüber Homosexuellen. Die alten Vorstellungen von Sünde wurden nicht durch die neuen wissenschaftlichen Ansichten ersetzt; vielmehr wurden sie in den neuen medizinischen Konzepten, die von Abartigkeit und Krankheit sprachen, zusammengefasst und miteinbezogen. So kam es, dass “traditional religious notions of sin suddenly carried the stamp of medical approval, and the medical concepts of insanity and sickness were demonized and pathologized by religious notions of sin, corruption and damnation.“ (Foldy, 85)

Aber nicht nur die Mediziner trugen zu neuen Konzeptualisierung von Homosexualität bei. Auch gab es die Homosexuellen selber, wie unter anderem Edward Carpenter oder John Addington Symonds, die sich in den privaten oder öffentlichen Diskurs über Homosexualität mit einbrachten. Foucault begründete diesen Vorgang damit, dass die medizinischen Diskurse über Homosexualität neue Formen von sozialer Kontrolle möglich machten. Zugleich konnten Homosexuelle nun auch selber ihr Wort erheben und verlangen, dass die Rechtmäßigkeit und Natürlichkeit der Homosexualität anerkannt werde. Sie benutzen dabei oft die gleichen Vokabularien und Kategorien wie die Mediziner (vgl. Dollimore, 225). Ihr Ziel war es zum einen, eine strikte Trennung zwischen sexuellem Akt und sexuellem Wesen zu erwirken. Zum anderen wollten sie sich dagegen verwehren, dass Homosexualität als etwas Unnatürliches angesehen wird. Sie plädierten für einen Wandel des Konzeptes der Sodomie hin zu sexueller Inversion oder Homosexualität. Sie dies drückten sie vor allem durch die Behauptung aus, Analverkehr (Sodomie)sei nicht das entscheidenste bei gleichgeschlechtlicher Liebe. Sie versuchten dadurch Sodomie von Homosexualität oder Inversion eindeutig zu trennen. Ein Homosexueller ist kein Sodomit. Symonds betonte dies nochmal in seinem Aufsatz A Problem in Modern Ethics: “It is a common belief that one, and only one, unmentionable act is what lovers seek as the source of their unnatural gratification … nothing can be more mistaken.” (vgl. Craft, 32)

Abschließend möchte ich eines der bekanntesten Zitate von Michel Foucault anführen, um noch mal den Unterschied zwischen Sodomie und Homosexualität, wie Foucault und die meisten Kritiker ihn sahen, deutlich zu machen:

„Die neue Jagd auf die peripheren Sexualitäten führt zu einer Einkörperung der Perversionen und einer neuen Spezifizierung der Individuen. Die Sodomie – so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten – war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19.Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und die schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. ... Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Foucault: Geschichte der Sexualität, 58)

Folglich wurde das alte Bild von dem Sodomiten durch die Schaffung einer neuen Vorstellung von dem Homosexuellen durch die Medizin und Wissenschaft abgelöst.

Wichtig ist es hier auch die Meinung Dollimores mit einzubeziehen. Bis jetzt wurde argumentiert, dass der Sodomit mehr oder weniger nur durch den Vollzug des sodomitischen Aktes bestimmt wurde und keine eigene Identität besaß. Dollimore behauptet aber, dass dies nicht wahr sei:

“I suggest that in early modern England the sodomite, though not an identity in the modern sense, could and did denote subject positions or types; ‘he’ precisely characterized deviant subject positions as well as denoting the behaviour of individuals. Sodomy was not thought to originate in a pathological subjectivity (the modern pervert); rather, the sexual deviant was the vehicle of a confusion never only sexual, and sexual in a way different from the sexological and psychoanalytic accounts. As such, the deviant was the point of entry into civilization for the unnatural, the aberrant, and the abhorrent, the wilderness of disorder which beleagured all civilization; a disorder in part, but rarely only ever, sexual.” (Dollimore, 239)

2.3 Von Sünde zu Verbrechen

Die neue Konzeptualisierung von Homosexualität hatte auch Auswirkungen auf die Gesetzesgebung. Die Gesetzgebung musste nun ihre bestehen Gesetze so ausgestalten, dass jede Art von homosexuellem Verhalten strafbar gemacht werden konnte.

Vor 1885 war das einzige Gesetz, welches gleichgeschlechtlichen Verkehr unter Berufung auf Sodomie unter Strafe stellte, das 1533 erlassene Gesetz unter Henry VIII. 1533 verfasste das englische Parlament die erste zivile gerichtliche Verfügung gegen Sodomie in England. Vor der Säkularisation wurde Sodomie nur von der christlichen Terminologie definiert: Sodomie als eine der größten Sünden gegen das göttliche Gesetz, dessen Name man nicht aussprechen durfte, weil dieser schon als ein Affront gegen Gott angesehen wurde.

Das nun verfasste Gesetz verdammte, “all acts of buggery, wether committed between man and man, man and woman or man and beast.” (Weeks: Sex, Poltics and Society, 99) Der springende Punkt ist hier wieder einmal, dass sich das Gesetz nicht gegen einen bestimmten Typus von Person richtete, sondern gegen verschiedene sexuelle Handlungen, die gegen die Natur waren. Die Strafe für “the abominable vice of buggery” war der Tod und dies wurde bis 1861 auch so beibehalten (vgl. Weeks: Sex, Poltics and Society, 99). Der “Offences against the Person Act” von 1861 schaffte dann die Todesstrafe ab und setzte die Strafe auf mindstens zehn Jahre Haft fest: “Whosoever shall be convicted of the abominable crime of buggery, committed either with mankind or with any animal, shall be liable, at the discretion of the court, to be kept in penal servitude for life or for any term not less than ten years.“ (White, 44)

1885 wurde ein neues Gesetz eingeführt. Durch den “Criminal Law Amendment Act“ wurden alle homosexuellen Handlungen strafbar gemacht. Die Sektion 11 des “Criminal Law Amendment Act“, der von Labouchere aufgestellt wurde, lautet wie folgt:

“Any male person, who in public or in private, commits, or is a party to the commission of, or procures, or attempts to procure the commission by any male person of, any act of gross indecency shall be guilty of misdemeanour and being convicted shall be liable at the discretion of the Court to be imprisoned for any term not exceeding two years, with or without hard labour.“ (White, 56)

Sir R. Assheton-Cross erklärte das Ziel dieses Gesetzes vor dem britischem Oberhaus: “ The Purity of the households of this country shall be maintained and … those who wish to violate them shall be punished.” (Cohen, 119) Wie hier gut zu erkennen ist, lieferte die Sorge um die Reinheit der Familie bzw. des Haushaltes den rechtlichen Kontext, um unter der Rubrik “gross indecency“ alle sexuellen Akte zwischen Männern zu verurteilen. Im Gegensatz zur Sodomie, welche einige sexuelle Aktivitäten strafbar machte, waren die „acts of gross indecency“ alleinig auf das Geschlecht der Ausübenden gerichtet. “The law before 1885 was aimed exclusively at prohibiting and preventing certain sexual acts, after 1885 the law appeared to aim at the persecution of a certain type of person.“ (Foldy, 86)

Wenn man aber die Hintergründe der Einführung dieses Gesetzes berücksichtigt, erkennt man, dass es in Übereinstimmung mit der allgemeinen Ablehnung gegenüber sexueller Dekadenz verabschiedet worden ist. Es war also nicht nur gegen einen speziellen Typus von Person gerichtet (vgl. Marshal, 139). Der eigentlich Zweck dieses Gesetztes war, die Unschuld von Kindern zu schützen. Bis 1885 war der Übergriff an Jungen nur dann strafbar, wenn sie unter dreizehn Jahren waren. Labouchere wollte also alle Übergriffe an Kindern strafbar machen. Er hatte nicht geplant, sexuelle Akte zu bestrafen, mit denen beide Parteien einverstanden waren (vgl. Marshal, 139). Auch sollte der “Criminal Law Amendment Act“ Frauen und Mädchen schützen und für eine strengere Überwachung von Bordellen sorgen (vgl.Cohen, 92). Wie Marshall betont war er ursprünglich dafür da, “to make further porvisions for the protection of women and girls, the suppression of brothels and other purposes.” (Marshhal, 138)

Eine Folge der neuen Gesetzgebung war, dass sie Skandale hervorbrachte. Der wohl bekannteste ist der von Oscar Wilde im Jahre 1895. Nur durch diese Skandale und nicht durch den Gesetzestext wurde ein öffentliches Bild des Homosexuellen geschaffen. Das homosexuelle Verhalten, stellte nach wie vor ein Bedrohung der moralischen Werte dar und somit eine Bedrohung für die Gesellschaft.

2.4 Die medizinischen Diskurse

Wie schon in den vorherigen Kapiteln erklärt, gab es verschiedene Gründe für den Bedarf, Sexualität und in diesem Fall Homosexualität neu zu definieren und näher zu bestimmen. Aus der Entstehung einer homosexuellen Identität, verstärkte sich der Druck auf den Staat, die Gesetzesgebung zu ändern. Und dies hatte zur Folge, dass Homosexualität medizinisch näher untersucht und definiert werden musste. Auch gaben die Debatten über die viktorianische Gesellschaftsordnung, und vor allem die Bedrohung der Schwulen für die Stabilität und den Fortschritt in der Gesellschaft, den Medizinern Anlass, die Natur der Homosexualität näher zu untersuchen. Ihr größtes Anliegen war dabei, die Charakteristika des sexuellen Instinktes detaillierter zu bestimmen und zu prüfen, welche sozialen Auswirkungen dies für die Gesellschaft haben könnte. Es entstanden psychologische Kategorien, die von Abweichungen, geistiger Verwirrtheit bis hin zu Krankheit reichten. Die meisten Sexologen beschäftigten sich mit der Abweichung von der Norm, was zur Folge hatte, dass sich das Konzept Homosexualität in etliche abweichende Varianten aufspaltete, und dass erst eine Norm für Homosexualität gefunden werden musste. Foucault beschreibt diesen Prozess wie folgt:

„Es dreht sich nicht mehr nur darum zu sagen, was geschehen ist – der sexuelle Akt – und wie, sondern darum, in ihm und um ihn herum die Gedanken zu rekonstruieren, die ihn verdoppelt haben, die Zwangsvorstellungen, die ihn begleiten, die Bilder, die Begehren, die Modulationen und die Qualität der Lust, denen er Raum gibt. Zweifellos zum ersten Mal hat eine Gesellschaft sich dazu herabgelassen, das Bekenntnis der individuellen Lüste anzuregen und anzuhören.“ (Foucault, 82)

Dies versuchten sie vor allem durch Hinzuziehen von Fallbeispielen zu erreichen, die sogenannten “case studies“. In den Beispielen berichten Betroffene, also Homosexuelle, Fetischisten, Masochisten etc., wie sich ihre sexuellen Vorlieben im Laufe der Zeit entwickelt und herausgestellt haben (vgl. Weeks: Sex, Politics and Society, 143-146). Foucault schreibt,

„Es hat sich eine scientia sexualis ergeben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, wahre Diskurse über den Sex zu produzieren und zwar dadurch, dass sie – nicht ganz reibungslos – das alte Verfahren des Geständnisses den Regeln des wissenschaftlichen Diskurses anpasste. Die scientia sexualis, wie sie seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts entwickelt worden ist, bewahrt in ihrem Kern paradoxerweise den eigentümlichen Ritus der obligatorischen, erschöpfenden Beichte, die im christlichen Abendland die erste Technik zur Produktion der Wahrheit des Sexes darstellte.“ (Foucault, 87)

Die Sexologen sprachen aber meist nicht von dem Homosexuellen sondern von dem Invertierten, dem dritten Geschlecht oder dem Urning. Diese Konzepte repräsentieren den Stereotyp eines Homosexuellen; nämlich einem Mann mit weiblichen Charakterzügen oder anders gesagt, einer weiblichen Seele gefangen in einem männlichen Körper. Diese Konzeptualisierung zeigte, dass sich die homosexuelle Geschlechtsnatur von der vollmännlichen im Innenleben deutlich unterscheidet. (vgl. Marshal, 133-135) Homosexualität nannte man konträre Sexualempfindung, Perversion und Inversion. Diese Bezeichnungen sollten aber nur die bestimmte Triebrichtung oder die sexualpsychologische Eigenart ausdrücken, nicht aber irgendeinen Geschlechtsakt.

Ein gemeinsames Ziel der Mediziner war herauszufinden, ob Homosexualität erworben werden kann oder ein angeborener Zustand ist. Denn falls Homosexualität angeboren ist, stellt sich die Frage, ob sie dann auch bestraft werden darf. Und falls es ein erworbener Zustand ist, wie könnte man diesen am besten regeln? Hierbei sei es egal, ob nun Homosexualität in den Bereich der Gesundheit oder Krankheit falle, denn das Wichtigste sei darzustellen, dass sie weder Verbrechen noch Laster sei. Allerdings, wenn Homosexualität den Stempel des Krankhafte trägt, wird nicht nur der Homosexuelle selbst ein Problem mit dieser Beurteilung haben, sondern auch die Umwelt, denn sie wird dies als Makel ansehen.

Vor allem die Deutschen Richard von Krafft-Ebing und sein Vorreiter Karl Heinrich Ulrichs, selbst ein Homosexueller, waren der Ansicht, dass Homosexualität ein angeborener Zustand ist und daher genauso natürlich und normal wie Heterosexualität. Es ergab sich daraus für sie, dass Homosexuelle vor dem Gesetz nicht belangt werden konnten (vgl. White, 3-5).

Aber auch der Engländer Havelock Ellis trug zu einem neuen Bild des Homosexuellen wesentlich bei. Sein Ziel war es Homosexualität als etwas völliges natürliches darzustellen und darauf hinzuweisen, dass es gleichgeschlechtliche Liebe schon zu allen Zeiten gab. Auch Hirschfeld argumentierte gegen die Unnatürlichkeit der Homosexualität, stellte diese aber als eine Varietät oder krankhafte Abart dar.

2.4.1 Karl Heinrich Ulrichs

Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895), ein Jurist aus Hannover, war vermutlich der erste, der sich zu seiner Homosexualität offenkundig bekannte und sich in der Öffentlichkeit für die Rechte der Homosexuellen einsetzte. Zwischen 1860 und 1870 veröffentlichte er zahlreiche Schriften, die in den Forschungen über das Rätsel der Mannmännlichen Liebe erschienen sind. Sie sollten eine neue Theorie der Homosexualität liefern. Er nannte sie die Theorie vom dritten Geschlecht[3]. Er forderte die Abschaffung der bestehenden Gesetze gegen Homosexuelle, auf der Grundlage, dass Homosexualität angeboren und natürlich sei. Ulrichs war kein Mediziner, jedoch bildete seine Theorie für viele Mediziner die Grundlage für ihre Erörterungen. Er war der erste, der Kategorien für verschiedene sexuelle Typen aufstellte und Wert darauf legte, dass sich gleichgeschlechtliche Liebe auf bestimmte Personen und nicht auf ein bestimmtes Verhalten bezieht (vgl. Craft, 5).

Ausgangspunkt seiner Theorie war die Erkenntnis, dass es in homosexuellen Männern ein weibliches Element gibt, das die Richtung des geschlechtlichen Antriebs steuert. Jedoch benutzte er nie die Ausdrücke Homosexualität oder homosexuell. Homosexuelle nannte er Urninge, im Unterschied zu dem Mann in der üblichen Wortbedeutung, die er Dioninge[4] taufte. Homosexualität war für ihn die Urnings-Liebe. Er behauptete, Urninge seien Männer, deren Körper zwar männlich gebaut ist, die jedoch Liebe zu Männern empfinden und geschlechtlichen Horror vor Frauen haben. Dioninge dagegen, haben einen männlichen Körper, lieben Frauen und besitzen einen geschlechtlichen Horror vor Männern. Der entscheidende Unterschied zwischen Urning und Dioning ist, dass der Urning eine andere Natur inne hat. Somit ist es für den Dioning natürlich, andere Männer, auch Dioninge, zu lieben. Man kommt nicht umhin hinter dieser Aussage die Annahme zu vermuten, dass die Liebe, die sich auf einen Mann richtet, von weiblichem Wesen sein muss (vgl. Kennedy, 43-51). Ulrichs sagte selber, „Wir sind geistig Weib.“ (Kennedy, 51) Er meinte damit, „Geschlechtlich, nämlich in der Richtung unserer geschlechtlichen Liebe.“ (Kennedy, 51)

[...]


[1] Päderastie stammt aus dem griechischen und bedeutet Knabenliebe. Man versteht darunter die sexuelle Fixierung einer männlichen Person auf Knaben und junge Männer (vgl. Foldy, 119).

[2] Definiton of Aestheticism: „A movement in the arts which developed in Britain during the later nineteenth century as a protest against te prevailing industrial emphasis on the ‘useful’ or utilitarianism. Aestheicism places art in binary opposition to life and values art at the expense of life. It privileges form over content, style over sincerity or ‘truth’, and prizes ornament, colour, intensity and pleasurable effect … . ( Varty, 235)

[3] Hirschfeld weist darauf hin, dass der Gedanke vom „dritten Geschlecht“ schon bei antiken Schriftstellern zu finden ist. In Platons Gastmahl erkärt Aristophanes dem Pausanias: „,Im Anfang gab es unter den Menschen drei Geschlechter, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche, sondern noch ein drittes Geschlecht dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden ... .’“ (Hirschfeld: Die Homosexualität, 29)

[4] Diese beiden Begriffe stammen aus Platons Gastmahl. Urnings sind Personen die das gleiche Geschlecht lieben, nach dem Vorbild des Gottes Uranus. Und Dionings sind Personen, die das andere Geschlecht lieben, benannt nach der Göttin Dione. (Bristow: Sexuality, 21)

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Oscar Wilde - Homosexualität und ihre Diskurse im 19.Jahrhundert
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
106
Katalognummer
V36957
ISBN (eBook)
9783638364447
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oscar, Wilde, Homosexualität, Diskurse, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Andrea Fischer (Autor), 2005, Oscar Wilde - Homosexualität und ihre Diskurse im 19.Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36957

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