Das Ideal des stoischen Weisen


Essay, 2017

5 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Das Ideal des stoischen Weisen

Die Grundlage der stoischen Philosophie bildet die Oikeiosis-Lehre. Anders als bei Epikur handelt es sich nicht um das Streben nach Lust und das Vermeiden von Schmerz, sondern um das Streben nach Selbsterhaltung. Diese Selbsterhaltung bildet die erste Stufe der stoischen Lehre und wird von Kindern, Tieren und sogar Pflanzen angestrebt. Darin zeigt sich, dass jedes Lebewesen sich zugeeignet ist und versucht den Tod zu vermeiden. Die zweite Stufe bezieht sich nur noch auf den Menschen selbst, in welchem sich der Logos, gemäß der Vernünftigkeit, manifestiert. Der Mensch wächst also über die Phase der Selbsterhaltung hinaus und Leben bedeutet nun, gemäß der Vernunft zu leben. Nur das vernünftige Leben stellt bei den Stoikern ein tugendhaftes Leben dar.[1] Das Ideal dieses tugendhaften Lebens bildet der stoische Weise. Dieses Ideal soll in diesem Essay genauer daraufhin untersucht werden, ob es sich um ein erstrebenswertes oder doch um ein weltfremdes und somit unerreichbares Ideal handelt.

Für die Stoiker gibt es nur ein einziges Gut für die Glücksrelevanz und dieses Gut ist zugleich das höchste. Hierbei handelt es sich um das Gut der Tugend, denn alle anderen Dinge wie Reichtum, Gesundheit, Geld, usw. sind für die Stoiker nur adiaphora [2] . Nur mit der Tugend als einzigem und höchstem Gut wird das Glück nicht zur Sache des Zufalls. Denn ob ich ein tugendhafter Mensch bin, liegt allein an mir und somit in meiner Macht. Alles andere aber, wie äußere, soziale oder leibliche Güter liegt nicht in meiner Macht. Diese Dinge können mir durch Personen oder das Schicksal entrissen werden.[3]

Neben dem Glück spielen auch die Leidenschaften in der Philosophie der Stoa eine herausragende Rolle, denn „die Leidenschaft […] ist ein Antrieb, der exzessiv ist und der gebietenden Vernunft nicht gehorcht, oder eine Bewegung der Seele, die vernunftlos und wider die Natur ist.“[4] Diese Leidenschaften werden von der Stoa in vier Hauptleidenschaften eingeteilt, nämlich Begierde, Furcht, Traurigkeit und Lust, unter die weitere Affekte klassifiziert werden, wie zum Beispiel Liebessehnsucht, Schadenfreude und Angst.[5] Wie bei Stobaeus zu lesen ist, verhalten sich die Leidenschaften ungehorsam gegenüber der Natur. Sie sind also etwas, das kontrolliert und im Zaum gehalten werden muss.[6]

In diesem Zusammenhang kommt der Begriff der Apathie auf, welcher als Charaktereigenschaft des Weisen gilt. Dies bedeutet, dass der Weise frei von Leidenschaften ist (apathisch), denn diese versuchen den Menschen in die Irre zu führen, indem sie ihm eine Sache, die eigentlich ein adiaphoron ist, als glücksrelevant vormachen. Begierde, als eine der generischen Leidenschaften, könnte Reichtum als etwas darstellen, was uns glücklich macht und wäre demzufolge ein falsches Urteil, also ein Irrtum der Vernunft.[7] Daher ist das Ziel der Stoa nicht eine Mäßigung der Affekte oder eine Unterdrückung, sondern ihre Abtötung, denn „Ist es besser, beherrschte Leidenschaften zu haben oder gar keine? […] Ich sehe nicht, inwiefern heilsam oder nützlich sein kann irgendein mittleres Maß einer Krankheit“[8] sagt Seneca und demzufolge kann es nur sinnvoll sein, den Irrtum zugunsten des Wahren aufzugeben.[9]

Es zeigt sich also, dass die Stoa die Leidenschaften ablehnt, da diese einem Irrtum zugrunde liegen. Jedoch ist es nicht so zu verstehen, dass der Weise emotionslos agiert, sondern den Leidenschaften setzten die Stoiker die Gefühle entgegen. So ist der Lust die Freude entgegenzusetzen, „da sie eine wohl begründete Erhebung ist.“ Der Furcht ist die Vorsicht und der Begierde das Wünschen entgegengesetzt.[10] Der Unterschied zwischen den Leidenschaften der normalen Menschen und den Gefühlen des Weisen liegt in der Anwendung der Vernunft. Denn wie wir bereits oben erfahren haben, verhalten Leidenschaften sich ungehorsam gegenüber der Vernunft, wohingegen die Gefühle Freude, Vorsicht und Wünschen durch die Vernunft begründet sind und ihnen daher eine rationale Überlegung innewohnt. Auch die Gefühle werden von der Stoa untergliedert, nämlich insofern, dass unter den Aspekt des Wünschens beispielsweise Wohlwollen, Freundlichkeit und Liebe fallen.

Der Weise ist nicht unbedingt ein emotionsloses und kaltes Wesen, sondern kann ebenso freundlich und auch fröhlich agieren. Voraussetzung hierfür bildet immer die vorherige Kontrolle durch die Vernunft.[11]

Galen verdeutlicht diesen Vorgang anhand eines Beispiels, indem er das Gehen und Rennen als Metapher für den Prozess der Gefühle und Leidenschaften anführt. Beim langsamen Gehen, also dem bewussten Einsatz der Vernunft, ist es immer möglich anzuhalten und seinen Weg zu ändern, falls sich dieses als notwendig herausstellt. Der von den Leidenschaften getriebene Mensch befindet sich jedoch im Status eines Rennenden, der keine Kontrolle ausüben und somit auch nicht plötzlich stehenbleiben und seine Situation überdenken kann.[12]

Der Weise ist nicht vollkommen immun gegen plötzliche Situationen, so erklärt uns Gellius so, dass auch ein lauter Knall dazu führt, dass der Weise sich erschreckt und seine Seele in Erregung versetzt wird. Auf dieses plötzliche Ereignis kann sich die Vernunft nicht vorbereiten und führt unweigerlich zu einer natürlichen Reaktion. Die Besonderheit des Weisen besteht nun darin, dass er diesen Zustand zügig übergeht und die Vorstellung zurückweist.[13] Eben diesen Aspekt greift Epiktet ebenfalls auf, wenn er sagt: „Nicht die Dinge verwirren die Menschen, sondern die Auffassungen über die Dinge. Der Tod zum Beispiel ist nichts Schreckliches […]. Was vielmehr schrecklich ist, ist die Auffassung über den Tod, daß er etwas Schreckliches sei.“[14] Wenn man diesen Argumentationen folgt und sie auf die dem Essay zugrunde liegende Fragestellung bezieht, dann scheint das Ideal eines Weisen erstrebenswert. Der stoische Weise braucht nichts zu fürchten, da er die Dinge, die nicht in seiner Macht stehen, nicht für glücksrelevant hält. Einzig die Tugend scheint ihm das höchste Gut zu sein und nicht einmal der Tod ist etwas Schreckliches. Die Konzentration auf die drei guten Gefühle würden den Weisen zudem nicht als emotionslos erscheinen lassen, sondern ihm ein freundliches Wesen bescheinigen, welches aufgrund von vernunftbasierten Überlegungen seine Handlungen vollzieht, ohne sich von Leidenschaften verführen zu lassen.

Die drei guten Gefühle bilden begründete Überlegungen im Gegensatz zu den Leidenschaften. Jedoch scheint es eine Schwäche in ihrer Formulierung zu geben, da bei den Leidenschaften vier Kategorien bestehen und mit Freude, Vorsicht und Wünschen nur drei abgedeckt werden. Es existiert kein entsprechendes Gegenstück zur Traurigkeit.

Diesem Umstand entsprechend darf der Weise keine Trauer in jeglicher Hinsicht erleiden. In einer idealen Welt wäre dies vielleicht zu begrüßen, doch in einer realen Situation würde das Verhalten des stoischen Weisen überaus kalt erscheinen. Natürlich fordert die Philosophie der Stoa, dass sich der Weise nicht zu eng an nicht zu kontrollierende Güter, wie Gesundheit, Reichtum und Familie bindet, allerdings erscheint dies sehr weltfremd und nicht umsetzbar. Ein Mensch, der nach dem Tod eine geliebten Familienmitgliedes nicht trauert, weil dies laut Definition eine Leidenschaft darstellt und nicht vernünftig zu nennen sei, kann als nicht menschlich bezeichnet werden. Diese Person wäre wie ein Felsblock, der jede Emotion abtöten würde und somit durch die Apathie jede Menschlichkeit verlieren würde.[15]

Zu diesem Aspekt führt Long das Beispiel an, dass ein stoischer Weise zwar ein Kind aus einem brennenden Haus retten würde, aber wenn der Fall eintreten würde, dass das Kind dennoch sterben würde, würde er nicht trauern, weil er frei von Leidenschaften wäre. Außerdem wäre der Tod des Kindes auch für dieses selbst kein Unheil, weil Epiktet zufolge der Tod nichts Schreckliches sei. Die Handlung des Weisen wäre darüber hinaus auch nur dadurch begründet, dass die Rettung des Kindes eine vernünftige Tat wäre und diese nicht um des Kindes willen geschehen würde.[16]

Ein weiterer Kritikpunkt an der Philosophie der Stoa findet sich in der Betrachtung des Menschen selbst. Denn in der Ethik muss es um den ganzen Menschen gehen und nicht nur um einen Teil. Der Mensch ist nicht nur Ratio, also Vernunft, nicht nur Seele, sondern zu ihm gehört auch sein Leib. Güter des Leibes gehören zum Glück des Menschen dazu, denn den Stoikern zufolge, ist der Leib nur ein adiaphoron und hat somit keinen Bezug auf die Tugend. Obwohl Gesundheit, Reichtum und Wohlbefinden laut Stoa nicht glücksrelevant sind, werden sie trotzdem bevorzugt. Also scheint es sich um eine rein künstliche Trennung von Tugend und adiaphora handeln. Aber wenn der Weise diese positiven Dinge trotzdem bevorzugt, dann müssen sie dennoch eine Art glücksrelevanz besitzen. Darüber hinaus geht es den Stoikern ja um ein Leben mit der Natur, also naturgemäß leben und Güter, wie Gesundheit und Wohlbefinden, haben mit der Natur des Menschen zu tun. Sie sind nicht einfach abzulegen oder besser gesagt, überhaupt nicht abzulegen. Es scheint sich nur um einen künstlichen, auf der Vernunft begründeten, Begriff der Natur zu handeln.

Man könnte soweit gehen zu sagen, dass die Tugend ein starkes Übergewicht gegenüber den äußeren, nicht in unserer Macht liegenden Dingen, die wir nicht kontrollieren können, hat. Das bedeutet, der Tugendhafte ist stets glücklich, weil er weiß, dass im Vergleich mit der Tugend alle Schicksalsschläge geringfügig sind.

Auch Cicero übt in seiner Schrift De natura deorum indirekt Kritik an der stoischen Philosophie, „Denn wenn nach einhelliger Meinung aller Philosophen die Dummheit ein größeres Übel ist als alle Schicksalsschläge und körperliche Gebrechen zusammengenommen, niemand jedoch in den Besitz der Weisheit gelangen kann, dann befinden wir uns alle im tiefsten Unglück, obwohl ihr doch vorgebt, die Götter hätten bestens für uns gesorgt.“[17] Ciceros Kritik liegt die Vernunft zugrunde, die als einziges Maß für Glück definiert wird. Wenn man diese nicht in ihrem vollen Umfang erreichen kann, dann befindet sich, wie er sagt, der Mensch im tiefsten Unglück.

Das vorliegende Essay hat die verschiedenen Positionen der Stoa und ihrer Kritiker dargelegt und diese im Hinblick auf das Ideal des stoischen Weisen untersucht. Es ist deutlich geworden, dass die stoische Philosophie versucht, ihren Weisen nicht als unmenschlich darzustellen, sondern ihm auch positive Gefühle zu unterstellen versucht hat. Diese Argumentation ließ sich aber im Laufe des Essays immer stärker als nicht haltbar erweisen. Der Idealtypus eines stoischen Weisen wäre weltfremd und nicht erstrebenswert, denn ein Mensch, der am Grab seiner eigenen Mutter stehen und nicht trauern würde, ist kein Ideal, was erstrebenswert wäre, weil gewisse Emotionen einen Menschen erst zu einem solchen machen würden. Alles andere wäre nicht menschlich und somit auch abzulehnen.

Literatur:

Epiktet: Handüchlein der Moral, hg., übers. von Kurt Steinmann, Stuttgart 1992.

Halbig, Christoph: Die stoische Affektenlehre, in: Guckes, Barbara: Zur Ethik der älteren Stoa, Göttingen 2004, S. 30-68.

Long, A. A.: Hellenistic Philosophy: Stoics, Epicureans, Sceptics, Bristol 1974.

Long, A. A./ D.N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, Stuttgart 2006.

L. Annaeus Seneca: Ad Lucilius, Briefe über Ethik, hg., übers. Von Manfred Rosenbach, Darmstadt 1984.

M. Tullii Ciceronis: De natura deorum, Über das Wesen der Götter, hg., übers. von Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart 1995.

[...]


[1] Stobaeus 2.77, 16-27 (in: Long, A. A./ D.N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, Stuttgart 2006, S. 470).

[2] adiaphora sind für die Stoiker alles außerhalb der Tugend, also die Dinge, die nicht in unserer Macht liegen. Diese adiaphora lassen sich in nützliche/schätzenswerte und abzulehnende Güter einteilen. Zu den Nützlichen gehören zum Beispiel Gesundheit und Reichtum, zu den Abzulehnenden Schmerz und Leid.

[3] Epiktet: Handüchlein der Moral, hg., übers. von Kurt Steinmann, Stuttgart 1992, S. 5-7.

[4] Stobaeus 2.88, 8-90,6 (in: Long, S. 490).

[5] Stobaeus 2.90, 19-91, 9 (in:Long, S. 491).

[6] Stobaeus 2.88, 8-90,6 (in: Long, S. 490).

[7] Galen, De plac. Hippocr. et Plat. 4.6.2-3 (in: Long S. 499).

[8] L. Annaeus Seneca: Ad Lucilius, Briefe über Ethik, hg., übers. Von Manfred Rosenbach, Darmstadt 1984, 116, 1

[9] Halbig, Christoph: Die stoische Affektenlehre, in: Guckes, Barbara: Zur Ethik der älteren Stoa, Göttingen 2004, S. 60.

[10] Diogenes Laertius 7.115 (in: Long, S. 492).

[11] Diogenes Laertius 7.115 (in: Long, S. 492).

[12] Galen, De plac. Hippocr. et Plat. 4.2.10-18 (in: Long S. 493).

[13] Gellius 19.1.17-18 (in: Long, S. 500).

[14] Epiktet, Enchiridion 5 (in: Long S. 499).

[15] Halbig, S. 30.

[16] Long, A. A.: Hellenistic Philosophy: Stoics, Epicureans, Sceptics, Bristol 1974, S. 197f.

[17] M. Tullii Ciceronis: De natura deorum, Über das Wesen der Götter . hg., übers. von Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart 1995, S. 351.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Das Ideal des stoischen Weisen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V370923
ISBN (eBook)
9783668488366
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stoa, Epikur, Weise, stoische Ruhe, Leidenschaftslosigkeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Das Ideal des stoischen Weisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370923

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