Atomkraft im Film. Die Godzilla-Filmreihe als Beispiel für die Widerspiegelung der Einstellung der japanischen Gesellschaft zur Atomkraft


Hausarbeit, 2016
37 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundüberlegungen zum Thema Film
2.1 Wie funktionieren Filme?
2.2 Japanische Filme in der Kriegs- und Nachkriegszeit
2.2.1 Der japanische Film während des Zweiten Weltkriegs
2.2.2 Der japanische Film zwischen 1945 und 1952

3. kaijū eiga
3.1 Hintergründe: Monster im Horror- und Science-Fiction-Film
3.2 kaijū eiga und nukleare Monsterfilme
3.2 Godzilla als Filmmonster

4. Untersuchung der Filme
4.1 Auswahl der Filme
4.2 Begriffsklärung: „gut“ vs. „böse“
4.3 Einordnung der Filme
4.4 Geschichtlicher Bezug

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Wort „Godzilla“ ist den Menschen auch heute noch recht geläufig, auch wenn es im allgemeinen Sprachgebrauch eher im Zusammenhang mit Scherzen, die auf große Menschen, riesige Lebewesen oder starke Zerstörung anspielen, Anwendung findet. Vor allem die Zerstörungskraft des Monsters und die etwas veraltete, oft auch als trashig bezeichnete Aufmachung der Filme ist den meisten in Erinnerung geblieben. Hinter dem Filmmonster, das heutzutage größtenteils auf seine Größe und zerstörerischen Fähigkeiten reduziert wird, steckt allerdings noch viel mehr – nicht zuletzt eine nunmehr 62 Jahre lange Geschichte.

Diese Geschichte begann 1954, knapp 10 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, mit dem Film „ gojira “ (ゴジラ, außerhalb Japans als „ Godzilla “ bekannt) als künstlerische Auseinandersetzung mit eben diesem Krieg, der in Japan mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki endete. Als Verkörperung des Schreckens der Atombombe steigt ein durch Wasserstoffbombentests mutiertes radioaktives Monster (gojira bzw. Godzilla) aus dem Meer und beginnt in der Bucht von Tokio seinen Zerstörungszug gegen die Menschheit. Nach unzähligen vergeblichen Versuchen, das Monster aufzuhalten, setzt letztlich eine neuartige Waffe seinem Leben ein Ende. Auch der Erfinder dieser Waffe geht freiwillig mit Godzilla zusammen in den Tod, um die Menschheit mit seinem Wissen um die Baupläne nicht zu gefährden. Der sowohl national als auch international riesige Erfolg von „ gojira “ motivierte zu einer Flut an Fortsetzungen. Offiziell endete die Filmreihe 2004 mit dem Release von „ Godzilla: Final Wars “, des 28. und letzten Teils der Saga.

Doch hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende: 2014 rückte Godzilla aufgrund des unglaublichen Erfolgs des amerikanischen Franchises „ Godzilla “ erneut in das Interesse der Öffentlichkeit. Das japanische Filmstudio Tōhō, welches alle japanischen Filme der Reihe produziert hatte, ergriff die Chance und startete eine groß angelegte Werbekampagne. Neben der Ankündigung eines neuen japanischen Godzilla-Films für den August 2016 wurde in Shinjuku, Tokio der große sogenannte Godzilla-Kopf (ゴジラヘッド, gojira heddo) und eine Pranke auf dem neuen Tōhō-Gebäude installiert. Da es so aussieht als würde Godzilla hinter diesem Gebäude stehen, wurde er 2015 offiziell zum Ehrenbürger von Shinjuku ernannt. Es wurden sogar Urkunden ausgegeben. Godzilla lebt wieder.

Für die vorliegende Arbeit sind zwei Hauptcharakteristika der Godzilla-Filme von Interesse: Zum einen spielt wie bereits angedeutet die Atomkraft und deren (falsche) Nutzung eine wichtige Rolle und wird immer wieder auf unterschiedlichste Weise aufgegriffen. Zum anderen ist im Laufe der Serie eine graduelle charakterliche Wandlung in Godzillas Wesen zu erkennen: Aus kriegerischer Nutzung der Atomkraft geboren stellt er anfänglich eine furchterregende Bedrohung für die Menschheit dar, doch entwickelt sich langsam zu ihrem Retter, indem er die Erde gegen fremde (meist außerirdische) Monster verteidigt. Später allerdings fällt Godzilla wieder in seine ursprüngliche Rolle des gedankenlosen Zerstörers zurück – doch auch das nicht konstant. Schaut man in diesem Zusammenhang auf die Kerneigenschaft Godzillas als Verkörperung der Atombombe oder im weiteren Sinne der Atomkraft, so könnte man seine charakterliche Wandlung mit der veränderten Wahrnehmung der Atomkraft in Verbindung bringen – denn Filme sind auch immer bis zu einem gewissen Grad eine Wiederspiegelung der Gesellschaft, aus der sie entstehen.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich die Leitfrage dieser Arbeit: Spiegelt die Gesinnung Godzillas (und deren Wandlung) die Einstellung der japanischen Gesellschaft zur Atomkraft wieder? Hierzu muss zunächst untersucht werden, wie genau sich das Wesen des Monsters im Laufe der Filmreihe wandelt und in einem weiteren Schritt nach Zusammenhängen zu den damals aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen gesucht werden. Diese Untersuchungen stellen das Kernstück dieser Arbeit dar und werden unter 4. Genau ausgeführt. Um jedoch eine naive Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand zu vermeiden, müssen erst einmal grundlegende Überlegungen zum Thema Film sowie dem Genre der kaijū eiga (怪獣映画, [japanische] Monsterfilme) angestellt werden. Aus diesem Grund soll eine graduelle Annäherung an die Thematik erfolgen, wobei zunächst unter 2.1 allgemeine Einflussfaktoren auf die Entstehung von Filmen erläutert und unter 2.2 der spezifisch japanische filmgeschichtliche Rahmen, aus dem „ gojira “ und thematisch ähnliche Filme entstanden sind, behandelt werden. Unter 3. folgt eine Auseinandersetzung mit dem für die Untersuchung relevanten Filmgenre – dem (nuklearen) Monsterfilm und seiner japa-nischen Variante – sowie der allgemeinen Bedeutung von Monstern. Der finale Schritt zwischen Theorie und Praxis findet unter 3.2 statt, indem eine kleine Einführung in das Godzilla-Universum und die Entwicklung der Filmreihe gegeben wird. Den Abschluss der Arbeit bildet das Fazit unter Punkt 5.

Zuletzt soll angemerkt werden, dass in dieser Arbeit bei japanischen Namen der Nach-name dem Vornamen vorangestellt wird. Des Weiteren wird der Einfachheit halber bei der Rede über das Filmmonster gojira der außerhalb von Japan gebräuchlichere Name Godzilla verwendet.

2. Grundüberlegungen zum Thema Film

Um die Inhalte der Godzilla-Filme in Hinblick auf das Forschungsthema richtig deuten zu können und um sich gegebenenfalls nicht unnötig an Dingen aufzuhalten, die durch das Medium Film und nicht die gesuchten zu untersuchenden Bezüge bedingt sind, scheinen zunächst gewisse Grundüberlegungen zum Thema Film vonnöten zu sein. Neben der eigentlichen beabsichtigten Botschaft gibt es viele anderweitige Einflussfaktoren, die auf die Entstehung eines Films einwirken und seine endgültige Form bestimmen. Somit sollen im aktuellen Kapitel Überlegungen zu den allgemeinen Hintergründen der Entstehung von Filmen sowie zum konkreten zeitlichen Rahmen, in dem das Filmmonster Godzilla entstanden ist, angestellt werden.

2.1 Wie funktionieren Filme?

Bei der Betrachtung von Filmen müssen viele verschiedene Dinge berücksichtigt werden. Stellt man sich die Frage, warum manche Filme so sind, wie sie sind, so muss dies immer im Zusammenhang mit verschiedenen Faktoren gesehen werden. Neben Fragen zu z.B. Produktionsjahr oder -land bzw. dem angesprochenen Kulturkreis mag einer der wichtigsten Einflussfaktoren der ökonomische sein: Was genau erwartet der Markt, also welche Ziel- gruppe wird angestrebt, an welchem Genre orientiert sich die Produktion? Hohe Zuschauer-zahlen und Einspielergebnisse müssen erzielt werden, und somit muss die Botschaft, die der Produzent an das Publikum senden möchte, auf die richtige Weise verpackt oder sogar auf einer unterschwelligeren Ebene platziert werden, damit der Film überhaupt Zuschauer ins Kino lockt und somit die Botschaft die Zuschauer erreichen kann. Im Folgenden soll auf ein paar solcher Einflussfaktoren, die besonders für die Betrachtung der Godzilla-Filmreihe wichtig sind, eingegangen werden.

Als erster Punkt soll hier das Produktionsjahr genannt werden. Besonders bei älteren Filmen (zu welchen auch der Großteil der Godzilla-Filme mittlerweile gezählt werden kann) ist es aus heutiger Sicht etwas schwierig für den Zuschauer, Referenzen zu geschichtlichen oder sozialen Umständen nachvollziehen oder gar erkennen zu können, besonders wenn der Film zusätzlich noch aus einer ihm eher unbekannten Kultur stammt. Abgesehen vom Inhalt kann auch die Form eines älteren Films befremdlich wirken. Das trashige Image der Godzilla-Filme ist ein sehr gutes Beispiel hierfür. 1954 war die Technik, einem riesigen Monster mithilfe eines Kostüms und Miniaturbauten Leben einzuhauchen, durchaus beeindruckend und technologisch anspruchsvoll. Allerdings ließen die Produzenten bis zum Ende der Saga nicht von dieser Technik ab, da diese für Tōhō eine gewisse Tradition in sich barg. Für den west- lichen Betrachter wirk(t)en die Filme jedoch schon früh der Zeit nicht mehr angemessen. Vor allem aus heutiger Sicht, in einer Zeit, in der technisch ausgefeilte Effekte eine Grundanforderung an moderne Filme darstellen, haben die Filme eher einen komischen als ernsthaften Charakter. Von einer solchen Sichtweise auf alte Filme muss sich der Beobachter jedoch distanzieren, um einen neutralen Blick bewahren zu können.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor auf die letztendliche Gestalt von Filmen ist das Genre, in das sie eingeordnet werden sollen. Die Zugehörigkeit eines Films zu einem klar definierten Genre bestimmt erheblich, wie dieser Film auszusehen hat und von welchen darstellerischen oder plottechnischen Elementen Gebrauch gemacht oder Abstand genommen werden sollte, um den allgemeinen Erwartungen zu entsprechen. An späterer Stelle soll hierauf noch genauer eingegangen werden. Unter diesem Punkt soll jedoch noch kurz erwähnt sein, dass auch viele Teile der Godzilla-Reihe ihrem eigenen Genre zum Opfer fielen. Das Genre der kaiju eiga, welches durch die Veröffentlichung von „ gojira “ entstanden war, entwickelte schnell eine eigene Dynamik und Charakteristik: Die Zuschauer erwarteten Action, Zerstörung und Chaos, die Handlung war dabei eher zweitrangig. Um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen, setzten die Produzenten bald ihr Hauptaugenmerk auf möglichst viel Zerstörung und rasante Kämpfe zwischen den verschiedenen Monstern; zulasten eines tiefsinnigen Plots. Einigen Teilen der Godzilla-Serie wird (teilweise zurecht) vorgeworfen, sehr oberflächlich zu sein und keine tiefergehende Botschaft zu vermitteln.

Auch die Zielgruppe spielt eine wichtige Rolle für die Produktion. Beispielsweise richten sich fast alle Godzilla-Filme primär an Japaner, auch der Schauplatz ist stets Japan – und in den beiden amerikanischen Adaptionen von 1998 und 2014 Amerika, denn hier soll ein amerika-nisches Publikum angesprochen werden. Auch relevant für die vorliegende Arbeit ist die Unterscheidung in jüngeres und älteres Publikum: In den Filmen „ kaijūtō no kessen gojira no musuko[1] und „ gojira minira gabara ōru kaijūdaishingeki[2], die beide für ein jugendliches Publikum bzw. Kinder konzipiert wurden, wurde Godzilla für eine bessere Identifizierungs-möglichkeit ein Sohn gegeben. Die Filme brechen komplett aus dem typischen Muster der Godzilla-Filme heraus und behandeln auf ganz offensichtliche Weise Eltern-Kind-Beziehungen oder auch ijime (dt.: Mobbing), ein nicht unbedeutendes gesellschaftliches Problem in Japan. Es gibt noch weitere Filme, die sich unter anderem an Kinder richten, dabei aber den Fokus wie gewohnt auf die typischen Elemente eines kaijū eiga richten.

Aufschluss über ähnliche mögliche unterschiedliche Ausrichtungen der Teile einer Filmreihe kann auch ein Blick auf die verantwortlichen Regisseure geben. Die insgesamt 28 Filme der Godzilla-Saga wurden von 11 verschiedenen Personen gedreht – alleine 8 Teile fallen in die Verantwortung von Honda Ishirō, der auch schon in „ gojira “ Regie geführt hatte. Genaueres hierzu soll in einem späteren Unterpunkt ausgeführt werden, jedoch lässt sich an dieser Stelle bereits festhalten, dass die verschiedenen Interpretationen verschiedener Menschen in unterschiedlichen Ergebnissen resultieren können. Dies ist besonders relevant bei der Betrachtung von Filmreihen, deren Teile auf irgendeine Weise in Bezug zueinander stehen.

Nicht zuletzt sind Filme auch immer Projektionen der Gesellschaft. Emotionale, geschichtliche oder anderweitige Traumata können angesprochen werden:

„Narrative is especially useful in helping people recover from trauma because it allows them to experience concurrently the trauma of the past in the present, but in a guided and safe way. A film that explores trauma metaphorically allows viewers to revisit their past trauma simultaneously with the characters on the screen, who are fictionally experiencing the emotions for the first time.” (Stevens 2015: 19)

Beispielsweise soll „ gojira “ viele Kinogänger zu Tränen gerührt haben, da sie sich mit den vielen angesprochenen Emotionen (vor allem Schuld, Wut, Schmerz, Leid, Machtlosigkeit und Angst) identifizieren konnten. (Stevens 2015: 19ff) Auch werden in Filmen Geschichte, gesell-schaftliche Probleme oder auch menschliches Verhalten auf verschiedenste Weise verarbeitet und/oder kritisiert. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Darstellungsweise dieser Inhalte auch die Meinung der Allgemeinheit wiederspiegelt. Zum einen würde ein Film, der dies nicht tut, vermutlich kaum Publikum ins Kino ziehen. Zum anderen allerdings können Filme durchaus unterschwellig zur Lenkung der Gedanken der Zuschauer gebraucht werden – sei es emotionale Manipulation, durch die am Ende selbst dem Bösewicht Sympathie entgegen-gebracht wird, oder die gezielte gedankliche Manipulation, auf die die propagandistische Nutzung des Films zurückgreift. Den Einfluss von Propaganda und Zensur auf die Inhalte von Filmen greift auch der folgende Unterpunkt, der die Lage des Japanischen Films während und nach der Kriegszeit beschreiben soll, auf.

2.2 Japanische Filme in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Der Film „ gojira “ entstand als eine Verarbeitung der Kriegsgeschehnisse und des damit verbundenen nationalen Traumas – allerdings erst ganze neun Jahre nachdem der Krieg für Japan vorbei war. Tatsächlich kamen so gut wie alle Filme, die sich mit dieser Thematik kritisch auseinandersetzten, erst in den 50er Jahren heraus. Grund dafür ist die japanische Filmpolitik, welche bis dato mehrere dramatische Veränderungen durchlaufen hatte. Nicht nur während der Kriegszeit, sondern auch während der Besatzungszeit durch die USA herrschte strikte Zensur, die jegliche Auseinandersetzung mit sensibleren Themen unterband.

Die Regelungen und Gesetze sowie die Filme, die in diesen komplizierten Zeiten produziert wurden, sind vielfältig und komplex. Da das aktuelle Kapitel jedoch lediglich als eine grobe geschichtliche Einbettung des Diskussionsgegenstandes dienen soll, soll an dieser Stelle nur kurz auf die wichtigsten Einflüsse auf die Entwicklung des Japanischen Films zur Kriegs- und Nachkriegszeit eingegangen werden.

2.2.1 Der japanische Film während des Zweiten Weltkriegs

Schon nach der Kriegserklärung an China 1937 begann der japanische Staat damit, den japanischen Filmmarkt schärfer zu kontrollieren. Besonders extrem wurde diese Kontrolle allerdings erst um 1941 aufgrund verschiedener organisatorischer Eingriffe, die letzten Endes zu der vollkommenen staatlichen Kontrolle des Filmsektors führten und somit optimale Bedingungen für offizielle Propaganda schafften. (Yamane 1985: 21f) Die Gesetze verbaten unter anderem Inhalte, die die Moral oder den Kampfgeist der Soldaten und ihrer Familien verringern könnten. Im Vordergrund der Filme sollte die Opferbereitschaft für das Vaterland und die Förderung des traditionellen Nationalstolzes sowie der japanischen Weltanschauung (mit besonderer Betonung der Großartigkeit des Familiensystems und der Wichtigkeit des Respekts gegenüber dem Vater und älteren Brüdern) stehen. (Anderson, Richie 1982: 128f) Alle Filme, die produziert werden sollten, wurden zunächst den Autoritäten vorgelegt und dann, wenn nötig, den Anforderungen entsprechend umgeschrieben. Somit ergab sich eine Art Muster, das sich durch die Filmlandschaft zog: Spielfilme wurden so gut wie gar nicht mehr produziert, dafür lag der Schwerpunkt nun auf Kriegsfilmen und nationalistischen Streifen (国策映画 , kokusaku eiga), die die Denkweise des Volkes durch das Zeigen idealer Lebens-weisen lenken sollten. So wurden zahlreiche Filme über das Leben großer Kriegshelden oder auch über vorbildliche Ehefrauen und Mütter gedreht. Hinzu kamen der Industriefilm, der den Arbeitswillen in kriegswichtigen Industrien wie Bergbau oder Stahlindustrie steigern sollte, Dokumentarfilme und Wochenschauen. Auch sollten die Filme die Antipathien gegen die USA und Großbritannien stärken. (vgl. Yamane 1985: 22)

2.2.2 Der japanische Film zwischen 1945 und 1952

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchlief der Filmsektor eine politische Kehrtwendung und weitere durch die Zensur bedingte Wandlungen. Doch neben den strengen Kontrollen war zunächst auch eine positive Entwicklung zu verzeichnen: Nachdem während des Krieges fast die Hälfte aller japanischen Kinos geschlossen oder zerstört worden waren, nahm ihre Zahl nun wieder zu und es gab sehr viele Kinogänger, bedingt durch das große Verlangen nach Unterhaltung und Ablenkung vom tristen Nachkriegsalltag. (vgl. Yamane 1985: 23)

Wie bereits angedeutet, konnte die Filmwelt noch lange nicht aufatmen, denn aufgrund der Besetzung durch die USA ab 1945 folgte eine weitere Zeit der Zensur. Zunächst wurden alle Einschränkungen der Kriegszeit aufgehoben und durch neue ersetzt. Von nun an wurden alle Filme verboten, die mit Militarismus, Rache, Nationalismus, Geschichtsverzerrung, Rassendiskriminierung, Feudalismus, Selbstmord oder nicht demokratischen Inhalten zu tun hatten. (Anderson, Richie 1982: 160) Im Zuge dessen wurden viele Samurai- oder Kriegsfilme aus der Vergangenheit zerstört, weil sie gegen diese Vorschriften verstießen. Aufklärerische Themen wie Liberalismus und Demokratie wurden gefördert, zudem hielten hauptsächlich „Tendenzfilme, die auf Drängen der Amerikaner zur Verbreitung demokratischen Gedankenguts hergestellt wurden“ (Yamane 1985: 24), und „Escape-Filme, die das Publikum durch heitere Unterhaltung von den drängenden Gegenwartsproblemen abzulenken versuchten“ (Yamane 1985: 24), Einzug in die Kinos. Auch amerikanische Produktionen, wenn auch durchgehend zahlenmäßig den japanischen Produktionen unterlegen, wurden wieder gezeigt. Ein weiterer Kernpunkt der amerikanischen Zensur war die die filmische Darstellung der Besetzung Japans an sich: Diese war nämlich verboten. Alle Anspielungen auf den Krieg, die Atombombenangriffe sowie die aktuelle Besetzung wurden gelöscht, um antiamerikanische Gefühle zu unterdrücken. Falls die Behandlung eines dieser Themen doch erlaubt wurde, so musste dabei zum einen die Kriegsschuld Japans und zum anderen die Rechtschaffenheit der Amerikaner betont werden:

„They wanted to make sure that the Japanese people’s anger toward the American atomic bombings received no encouragement. If the bombing was allowed to be portrayed, it was legitimated as a necessary strategic measure in order to save a number of lives on both the Allied and Japanese sides. The filmmakers were also requested to contextualize the bombing to convey that the Americans did not have any other solution but the atomic bomb because Japanese militarists refused to surrender. Therefore, the blame should be directed to the Japanese militarists, not the Americans.” (Hirano 1996: 104)

Nach der Aufhebung der Besatzung konnten die Filmproduzenten nun wieder frei über die Inhalte ihrer Erzeugnisse entscheiden und Elemente einbringen, die vorher verboten waren. Die bekannteren Filme aus dieser Zeit, die sich mit der Angst vor der Atomkraft befassten, waren „ genbaku no ko “ (原爆の子, „ Die Kinder von Hiroshima “) von Shindō Kaneto (1952), „ gojira “ von Honda Ishirō (1954), „ ikimono no kiroku “ (生き物の記録, „ Bilanz eines Lebens “) von Kurosawa Akira (1955) und „ daigo fukuryūmaru “ (第五福竜丸) von Shindō Kaneto (1959). Von diesen Filmen war allerdings nur „ gojira “ wirklich erfolgreich – die anderen Filme waren anscheinend zu nah an der Realität.

3. kaijū eiga

Nachdem bisher grundlegende Überlegungen zum Thema Film und zur damaligen Situation des Japanischen Films angestellt wurden, soll nun in einem weiteren Schritt näher auf das Film-genre, dem Godzilla entstammt, eingegangen werden. Zum einen setzt ein Genre Grenzen, zwischen denen sich der Inhalt eines zugehörigen Films bewegen sollte, und zum anderen beeinflusst es die Erwartungshaltung, die ein Zuschauer an das Gezeigte stellt. Aus diesem Grund ist es bei der Bewertung von Filmen sinnvoll zu wissen, welche Regeln diesem schon von vornherein auferlegt worden sind und warum manche Dinge so und nicht anders dargestellt werden oder auch nicht.

Die gesamte Godzilla-Filmreihe lässt sich nicht pauschal in kein bestimmtes klassisches Filmgenre einordnen, da sich Stil und Stimmung der einzelnen Werke mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden. Grundlegend können sie alle zunächst dem Phantastischen Film (Koebner 2002: 446f) zugeordnet werden. Dieser wiederum hat einige Subgenres, wobei sich die Godzilla-Filme zwischen Science-Fiction und Horror zu bewegen scheinen. Tatsächlich entstand mit Godzilla ein eigenständiges japanisches Filmgenre: Der kaijū eiga. An dieser Stelle soll ein kleiner Exkurs Aufschluss über diese Zuordnung geben.

3.1 Hintergründe: Monster im Horror- und Science-Fiction-Film

Die Ursprünge des kaijū eiga liegen im Horrorfilm. Der erste Teil der Godzilla-Reihe kann als der düsterste und grauenerregendste Vertreter der Reihe gesehen werden – er war durch und durch als Horrorfilm gedacht und wurde auch als solcher aufgenommen. Horrorfilme arbeiten mit der Angst der Zuschauer, welche durch die Stimulierung von Urängsten erzeugt werden soll. Im klassischen Horrorfilm waren es übernatürliche Wesen wie Dämonen, Monster oder Zombies, die als unheimliche Bedrohung in die Normalität der Protagonisten eindrangen. Um diese imaginären Wesen auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, wurden Filmtechniken wie Schnitt, Trick, Spezialeffekte, Computeranimation oder auch, wie bei den Godzilla-Filmen, Kostüme und Miniaturbauten verwendet.

[...]


[1] 怪獣島の決戦 ゴジラの息子, deutscher Titel: „ Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn“

[2] ゴジラ・ミニら・ガバラ オール怪獣大進撃, deutscher Titel: „ Godzilla - Attack All Monsters“

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Atomkraft im Film. Die Godzilla-Filmreihe als Beispiel für die Widerspiegelung der Einstellung der japanischen Gesellschaft zur Atomkraft
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
37
Katalognummer
V371432
ISBN (eBook)
9783668493391
ISBN (Buch)
9783668493407
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
atomkraft, film, godzilla-filmreihe, beispiel, widerspiegelung, einstellung, gesellschaft
Arbeit zitieren
Caroline Block (Autor), 2016, Atomkraft im Film. Die Godzilla-Filmreihe als Beispiel für die Widerspiegelung der Einstellung der japanischen Gesellschaft zur Atomkraft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371432

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