Die europäische Kolonisierung Afrikas


Seminararbeit, 2001
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

Einstieg und Vorbemerkung

Die Kolonisierung Afrikas

Der lange Schatten des Kolonialismus
a) Politische Unabhängigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeit
b) Schuldenkrise
c) Aspekte der Wiedergutmachung und Konsequenzen

Der deutsche Völkermord in Namibia und die Wiedergutmachung

Zitierte und benutze Bücher/ Endnoten

Einstieg und eine Vorbemerkung

Von vielen Autoren wird behauptet, das Afrika der vorkolonialen Zeit habe an der Geschichte nicht teilgenommen. Für Coupland beginnt die Geschichte Afrikas mit dem europäischen Forschungsreisenden Livingstone, der den Süden des Kontinents erkundete. Die Mehrheit der Bewohner, so Coupland, lebe seit ewigen Zeiten in tiefer Barbarei[i]. Hegel meinte aus angeblich fehlender geschichtlicher Bewegung und Entwicklung, das Befangensein der Menschen noch ganz im natürlichen Geiste konstatieren zu dürfen, daß der afrikanische Weltteil ohne Geschichte sei und unaufgeschlossen. Gaxotte wirft den afrikanischen Völkern gar vor, sie hätten keine großen Philosophen, Literaten und Wissenschaftler hervorgebracht. Andere vermissen „richtige“ Staaten oder Revolutionen und schlußfolgern daraus das Nicht-Stattfinden von Geschichte.[ii]

An den Feststellungen mag vielleicht eine Ebene richtig sein. Im vorkolonialen Afrika sind patriarchale Weltherrschaftskonzepte und andererseits die gewinnmaximierende Herrschaft des „Projektemachens“ wie in Europa nicht dauerhaft mit dem Effekt der Selbstverstärkung zum Zuge gekommen. Die vorhandenen Ansätze hatten nicht die durchschlagende Kraft wie in Europa im ausgehenden Mittelalter. Aus dieser Form von Geschichts- und Weltverständnis nun allerdings zu schließen, in Afrika hätte gar keine Geschichte stattgefunden, darf als Annahme zurückgewiesen werden, sie hat anders stattgefunden, sie speiste sich zumeist nicht aus einer expansiven Kosmologie in den tiefenpsychologischen Selbstverständlichkeiten der Kulturen.

Schon die von Cheik Anta Diop formulierte Überlegung, daß für Afrika matriarchale Gesellschaftsorganisationen kennzeichnend seien, für Europa aber das Patriarchat[iii], (spätestens seit den frühen Einwanderungswellen von asiatischen Nomadenvölkern)

verweist darauf, daß wir sehr unterschiedliche Kulturmuster vorliegen haben. Noch klarer erkennt man dies, wenn man hinzunimmt, daß es ganz andere Sozialstrukturen auf Grund dieser Matrilinearität gegeben hat. Heide Göttner-Abendroth beschreibt dies sehr umfassend in Kapiteln, die sie den verschiedenen afrikanischen Formen des Matriarchats gewidmet hat.[iv] Allerdings verweisen die 31 Dynastien Ägyptens, die wie Cheikh Anta Diop festhält, auf afrikanische Völker gegründet waren, auch hier gab es Ursprünge für eine Zivilisationsentwicklung, die stärker auf technisch-materiellen Artefakten basierte. Lewis Mumford sieht in der ägyptischen Kultur die erste Megamaschine in der Zivilisation, die er als Vorläufer der modernen heutigen Fassung sieht, Gesellschaft als Maschine zu organisieren, in der das einzelne Individuum zum Teil der Maschine wird, gesteuert durch das Programm, das der Gesamtmaschine gegeben wird.[v]

Aus nicht wenigen Reisebeschreibungen von Europäern vor der Kolonisierung Afrikas geht hervor, man konnte das ein oder andere Königreich in Afrika finden, das mit Prachtentfaltung und hoher Zivilisation beeindruckte, so zum Beispiel im Gebiet des heutigen Mosambik.[vi]

Diese wenigen Hinweise mögen genügen, um zu illustrieren, weder die arabischen Staaten noch später die europäischen Staaten treffen in Afrika auf Land, das nach ihren Vorstellungen und Vorlieben hätte modelliert werden dürfen. Der Raubcharakter dieser Einfälle ist von Anfang an unübersehbar. Es wäre der geschichtlichen Entwicklung der Gattung Mensch gewiß besser bekommen, wenn die Völker und Kulturen ihren eigenen Weg selbständig hätten beschreiten können.

Diese Arbeit will in einem ersten Schritt versuchen, die europäische Inbeschlagnahme des afrikanischen Kontinents an ein paar Eckdaten zu umreißen, und den Verlust herausarbeiten, der daraus für die ansässigen Völker entstanden ist. In einem nächsten Schritt sollen kurz auch die aktuellen Nachteile der afrikanischen Staaten in der jetzigen Weltordnung thematisiert werden, die teilweise aus dem Erbe der Kolonialzeit herrühren, andererseits aber auch neueren Datums sind. Vor diesem Kontext wird zu befragen sein, wie eine Wiedergutmachung von seiten Europas aussehen könnte, welche Aspekte zu beachten wären.

Damit dies nicht nur eine allgemeine globale Betrachtung bleibt, sei dies am Beispiel Namibias auch in einer Nahaufnahme fokussiert. Hier haben die Deutschen Schutztruppen Völkermord am Stamm der Herero aber auch anderen verübt. Bundeskanzler Kohl wies bei seinem Besuch 1995 Forderungen nach Entschädigung ab und war nicht bereit mit Vertretern der Hereros zu sprechen. Kaum diplomatischer verhielt sich Bundespräsident Roman Herzog bei seinem Besuch zwei Jahre später, war aber immerhin gesprächsbereit, Grund genug, genauer hinzusehen.

Die Kolonisierung Afrikas

1482 landen Portugiesen in Westafrika an der sogenannten Goldküste. Sie bitten einen dortigen Häuptling, eine christliche Kirche auf seinem Gebiet bauen zu dürfen. Er lehnt ab, die Portugiesen bauen ein Fort und setzen sich fest. Dies ist nun kaum als Akt christlicher Nächstenliebe zu verstehen, sondern hat den Zweck, den Sklavenhandel in Gang zu bringen. So sehen die ersten Spatenstiche für das Zeitalter des Kolonialismus in Afrika aus. Die Portugiesen waren von den Europäern als erste am Zug.[vii]

Auf Vorschlag des Dominikaners B. De Las Casas hob der Kaiser Karl der V. 1517 das 1503 erlassene Verbot auf, schwarze Sklaven aus Westafrika in die spanischen Kolonien der neuen Welt zu transportieren. Bis Ende des 17. Jahrhunderts blieb der Sklavenhandel in den Händen privilegierter Handelskompanien, seitdem betrieben private Kaufleute der seefahrenden Nationen Europas das lukrative Geschäft.[viii]

Die Sklavenwirtschaft wurde zum Motor des Dreieckshandels. Alkohol, Tand und Waffen wurden nach Afrika für die Sklavenbeschaffer gebracht. Von dort wurden die Sklaven unter unwürdigsten Bedingungen auf den amerikanischen Kontinent verschifft. Nach Europa gelangten: Zucker, Kaffee, Baumwolle, Tabak, Rum. Diesem Dreieckshandel verdankte Europa eine ungeheure Zunahme seines Wohlstandes. Ohne diese Gewinne, so Gerd v. Paczensky, wäre der Start zur industriellen Revolution und der Ausbau der westlichen Überlegenheit über die anderen Kontinente nicht so schwungvoll, vielleicht überhaupt nicht möglich gewesen.[ix]

Im 16. Jahrhundert gelangten im Schnitt jedes Jahr 1800 Sklaven auf den amerikanischen Doppelkontinent, im 17. Jahrhundert 13400, im 18. Jahrhundert 55000, im 19. Jahrhundert bis 1870 31600. Dies bedeutet eine Zwangsverschiffung von fast 10 Millionen Afrikanern. Die Sterblichkeit auf der Überfahrt lag zwischen 10 und 20 Prozent. Der Sklavenhandel brachte zwar den afrikanischen Zwischenhändlern Profite und stabilisierte einige Militärstaaten, destabilisierte aber die Demographie West- und Äquatorialafrikas auf Dauer.[x] Überdies ist bei den oben gemachten Angaben der Brockhaus-Enzyklopädie zu berücksichtigen, Opfer, die die Sklavenjagd vor der Fahrt über den Atlantik kostete, sind da erst mal gar nicht drin. Nicht jeder läßt sich friedlich von den arabischen und schwarzen Sklavenhändlern gefangennehmen, es gibt Widerstand. Die Toten dieser Auseinandersetzungen wird niemand zählen. Verschiedene Stämme geraten durch die Praktiken dieses Handels direkt oder indirekt in kriegerische Auseinandersetzungen. Der amerikanische Historiker du Bois meint, für jeden lebendig in Amerika Angekommenen, müsse man fünf rechnen, die unterwegs umgekommen seien. Dies sieht schon ganz anders aus, wie die obige Statistik.

Wieviel Menschen verlor Afrika durch den Sklavenhandel nun wirklich über die Jahrhunderte? Paczensky führt eine Reihe Schätzungen an, die von verschiedenen Autoren vorgenommen wurden: Die Antworten liegen zwischen 40 bis 100 Millionen Menschen, Rolf Italiander sprich in seinem Buch „Der ruhelose Kontinent“ sogar von 200 Millionen. Paczensky selbst nimmt an, daß bei Berücksichtigung der Randfolgen, von einer Zahl auszugehen ist, die über 100 Millionen liegt.[xi] Natürlich hapert es an der Abgangsstatistik in Afrika. Einige Unterlagen der Portugiesen sind noch erhalten, einige amerikanische Städte haben einigermaßen vollständige Register über die Sklaveneinfuhr, aber vieles andere ist nur sehr schwer zu rekonstruieren. War jedoch im 17. Jahrhundert noch ein Fünftel der Weltbevölkerung afrikanisch, so sind es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur noch ein Fünfzehntel. Immerhin ein deutliches Indiz, nicht mehr und nicht weniger.

Auch die ungeheure Sterblichkeit der Afrikaner im neuen Land wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, der hygienischen Unzulänglichkeiten, hohen Selbstmordraten und der Brutalität der Sklavenhalter, gehört mit zu diesem dunklen Kapitel der Kolonialgeschichte.[xii]

Insgesamt gibt es Gründe genug für Europa, aber auch für Nordamerika, darüber nachzudenken, wie man mit dieser geschichtlichen Schuld umgehen will, ohne sich immer wieder erneut mit der eigenen Unwissenheit zu vertagen, zumal die Folgewirkungen massiv bis in unsere Zeit hineinreichen.

Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert ging es bei den kolonialen Zugriffen darum, neben dem Menschenhandel die Reichtümer anderer Länder und Kulturen in Beschlag zu nehmen, Gold und Silber zusammenzuraffen ohne Rücksicht auf Verluste. Begehrte Waren wie Elfenbein, Gewürze, Pelze u.a. wurden beschafft durch die Eroberung von Gebieten oder die Anlage von Handelsstützpunkten.

Diese erste Phase des Kolonialismus wurde seit dem 18. Jahrhundert abgelöst durch stärker imperiale Ziele. Es ging um die Ausdehnung des eigenen Machtbereichs in Konkurrenz zu den jeweils anderen europäischen Mächten. Militärisch begründete Flotten- und Versorgungsstützpunkte wurden eingerichtet. Die billige Rohstoffbeschaffung für die sich entwickelnde Industrie in Europa bekam einen wichtigen Stellenwert. Es ging um günstige Absatzmärkte für deren Erzeugnisse, vorteilhafte Kapitalinvestitionen und die Sicherung von Arbeitsplätzen und Lebensstandard der eigenen Bevölkerung.[xiii] In diesem Kontext wurde Afrika auch immer mehr ein ökonomischer Sicherheitsfaktor. Man teilte den schwarzen Kontinent in von Europa diktierte Ländergebilde auf und zog die Grenzen ganz wie es den ökonomischen Interessen der „Mutterländer“ entsprach. Besonders die vom 15.11.1884 bis 26.2.1885 in Berlin einberufene sogenannte Kongokonferenz besiegelte endgültig die Aufteilung der Interessenssphären der europäischen Mächte und verwandelte die afrikanische Landkarte in ein Harlekingewand bzw. einen Flickenteppich, wie Ki-Zerbo festhält.[xiv]

Im Jahre 1880 hatten die Europäer noch nicht mal 10 Prozent des afrikanischen Kontinents okkupiert, jedoch wurde dieser Schritt bis zur Jahrhundertwende innerhalb von 20 Jahren fast gänzlich vollzogen.[xv] Nur Liberia, Äthiopien und Marokko kamen erst 1912 dazu.[xvi] Dieser Prozeß war nicht zuletzt durch den technischen und militärischen Entwicklungsstand, den Europa erreicht hatte, möglich geworden, der sicher auf einer beträchtlichen Kreativität und überdies dem Sieg des „Kaufmannsprinzips“ über die übrige Gesellschaft möglich wurde, aber eben auch, wie Ki-Zerbo referiert, durch die ungeheuren Reichtümer, die den kolonisierten Erdteilen entrissen worden waren.[xvii] Dazu muß man ja sehen, daß dies auf der anderen Seiten einen enormen Verlust von Entwicklungspotentialen bedeutet, ja in vielen Regionen auch eine totale Auslöschung von Kulturen. Dennoch konnte Europa viele Kolonien in Afrika nicht einfach besetzen, sondern traf trotz seiner Waffenüberlegenheit auf einen erheblichen Widerstand, mußte viele Ländereien regelrecht erobern. Die traditionellen afrikanischen Gesellschaften brachten viele herausragende Führer im Widerstandskampf hervor, und das Bestreben nach Unabhängigkeit flammte an vielen Stellen in Afrika auch die ganze Kolonialzeit hindurch auf.[xviii]

[...]


[i] Joseph Ki-Zerbo; Die Geschichte Schwarzafrikas, Wuppertal, 1979, S.24

[ii] ebenda, S.24-26

[iii] Cheikh Anta Diop; Afrika – Mutter und Modell der europäischen Zivilisation (Herausgegeben von Leonhard Harding, Brigitte Reinwald), Hamburg, 1990, S.170

[iv] Heide Göttner-Abendroth; Das Matriarchat II, Band 2, Stuttgart, 2000, S.173-277

[v] Lewis Mumford; Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. Die umfassende Darstellung der Entdeckung und Entwicklung der Technik, Frankfurt am Main, 1986, S.606-614

[vi] Gerd v. Paczensky; Teurer Segen. Christliche Mission und Kolonialismus, München, 1994, S.72

[vii] Gerd v. Paczensky; Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Frankfurt am Main, 1982, S.25,26

[viii] Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden, Band 20, Mannheim, 1993, S.357

[ix] Gerd v. Paczensky; Teurer Segen. Christliche Mission und Kolonialismus, München, 1994, S.36

[x] Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden, Band 20, Mannheim, 1993, S.358 und Band 1, Mannheim, 1986, S.189

[xi] Gerd v. Paczensky; Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Frankfurt am Main, 1982, S.165

[xii] ebenda, S.165

[xiii] Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden, Band 12, Mannheim, 1990, S.185

[xiv] Joseph Ki-Zerbo; Die Geschichte Schwarzafrikas, Wuppertal, 1979, S.450; Imanuel Geiß; Nur konsequente Gleichheit kann Spannungen abbauen. ...zum 100. Jahrestag der Berliner „Kongokonferenz“ und dem heutigen Erbe des Kolonialismus, Frankfurter Rundschau, 3.12.1984

[xv] Joseph Ki-Zerbo; Die Geschichte Schwarzafrikas, Wuppertal, 1979, S.444

[xvi] ebenda, S.450

[xvii] ebenda, S.450

[xviii] Gerd v. Paczensky; Teurer Segen. Christliche Mission und Kolonialismus, München, 1994, S.193

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die europäische Kolonisierung Afrikas
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Proseminar 15109: Einführung in die politische Geschichte des afrikanischen Kontinents. Überblick von den Anfängen bis zur Gegenwart (Politik und Geschichte)
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V3720
ISBN (eBook)
9783638123020
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die europäische Kolonisierung Afrikas und Fragen der Wiedergutmachung *** Unter Einbezug des deutschen Völkermordes an den Herero und Nama als konkretes Beispiel*** Buchveröffentlichungen vom Autor unter www.umweltdebatte.de
Schlagworte
Kolonisierung, Afrikas, Proseminar, Einführung, Geschichte, Kontinents, Anfängen, Gegenwart, Geschichte)
Arbeit zitieren
Marko Ferst (Autor), 2001, Die europäische Kolonisierung Afrikas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3720

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