Metabolically Healthy Obesity. Ein narrativer Review


Bachelorarbeit, 2017
66 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung
1.1 Hintergrund
1.2 Begriffsbestimmung
1.2.1 Adipositas
1.2.2 Metabolisches Syndrom

2 Zielsetzung
2.1 Entwicklung von „gesundem zu ungesundem“ Übergewicht
2.2 Gesundes Übergewicht und das Risiko Typ-2-Diabetes
2.3 Gesundes Übergewicht und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen
2.4 Fragestellung der Arbeit

3 Gegenwärtiger Kenntnisstand
3.1 Physiologische Bedeutung des Fettgewebes
3.2 Definition und Diagnose von Adipositas
3.3 Prävalenz von Übergewicht/Adipositas
3.4 Ursachen und mögliche gesundheitliche Konsequenzen von Übergewicht/Adipositas

4 Methodik
4.1 Such- und Auswahlkriterien der Studienlage und Ergebnissein der Übersicht
4.2 Velho/Paccaud (2010)
4.3 Calori et al. (2011)
4.4 Hamer/Stamatakis (2012)
4.5 Phillips et al. (2013)
4.6 Kramer/Zinman/Retnakaran (2013)
4.7 Hinnouho/Czernichow (2014)
4.8 van Vliet-Ostaptchouk/ Nuotio (2014)
4.9 Muñoz-Garach/Cornejo-Pareja/Tinahones (2015)

5 Zusammenfassung

6 Ergebnisse
6.1 Definition „Metabolically Healthy Obesity“
6.2 Physiologische Gegebenheiten bei „gesundem Übergewicht“
6.3 Unterschiede zwischen metabolisch gesunden und kranken Übergewichtigen
6.4 Gesundheitliche Langzeitprognose bei gesundem Übergewicht

7 Diskussion
7.1 Kritische Betrachtung der Analysemethode
7.2 Kritische Betrachtung der Ergebnisse
7.3 Interpretation der Ergebnisse
7.4 Weiterführende Empfehlungen

8 Zusammenfassung

9 Literaturverzeichnis

10 Abbildungs-, Tabellen-, Abkürzungsverzeichnis
10.1 Abbildungsverzeichnis
10.2 Tabellenverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

1.1 Hintergrund

Fehl- und Überernährung sowie mangelnde körperliche Aktivität zählen zu den typischen Kennzeichen des modernen Lebensstils und begünstigen die Entstehung von Übergewicht und Adipositas. Dass starkes Übergewicht einen wichtigen Risikofaktor für gesundheitliche Komplikationen wie Typ-2-Diabetes-mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen und eine erhöhte Gesamtsterblichkeit darstellt, ist bekannt. Allerdings gibt es zunehmend wissenschaftliche Hinweise darauf, dass „dick“ nicht zwangsläufig mit „krank“ einhergehen muss. So weisen schätzungsweise bis zu 30% der adipösen Menschen keine metabolischen Auffälligkeiten und dementsprechend ein vermindertes Risiko für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes-mellitus und kardiovaskulären Erkrankungen auf (Seo & Rhee, 2014). Das Konzept des „Metabolically Healthy Obesity“ (zu Deutsch: metabolisch gesundes Übergewicht) stößt in der Wissenschaft bislang noch nicht auf allgemeine Zustimmung, gewinnt aber dennoch zunehmend an Bedeutung. Was sind die typischen Merkmale der gesunden Übergewichtigen und was unterscheidet sie von jenen mit krankhaftem Übergewicht? Diese und weitere bedeutsame Fragen sollen im Rahmen der Arbeit untersucht und beantwortet werden.

Im Jahre 1947 fand Vague et al. (1996) heraus, dass Fettsucht beim Mann, die sich überwiegend auf die obere Körperpartie und deutlich hervortretender Muskelentwicklung erstreckt, immer mit metabolischen und kardiovaskulären Störungen einhergeht. Im Gegensatz dazu zeichnet sich die weibliche Fettleibigkeit, mit einer Konzentration der Fettmasse auf die unteren Körperpartien und einer geringeren Muskelentwicklung aus, was hauptsächlich zu mechanischen und ästhetischen Problemen führt. Sieben Jahre später berichtete Albrink (1954), dass die Fettleibigkeit der oberen Körperpartien die auf Basis der Messung der Hautdicke ermittelt wurde, stets mit einer Erkrankung der Blutfette zusammenhing. 1968 konnte durch die Forschung von Salans et al. (1973) nachgewiesen werden, dass die Größe der Fettzellen (Adipozyten) umgekehrt proportional zu ihrer Insulinsensitivität sind. Fettleibigkeit mit normal großen Fettzellen wurde zu Beginn nur in jungen Jahren festgestellt.

Über die Jahre hinweg, konnte die Forschung klare Erkenntnisse zur Relation zwischen Insulinresistenz und metabolischen Funktionsstörungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Gicht und erhöhten Plasminogenaktivatorenhemmern (PAI-1) bestätigen. Dieser Symptomenkomplex, wurde schlussendlich als metabolisches Syndrom der Insulinresistenz bezeichnet (Reaven, 1988). Ruderman et al. (1982) zeigten, dass normal gewichtige Individuen ebenfalls eine Insulinresistenz aufweisen können und die Störungen eines metabolischen Syndroms auftreten können. Die Forscher bezeichneten solche Individuen als metabolisch fettleibig Normalgewichtige (metabolic healthy obesity = MHO).

Bereits im Jahre 1973 wurde bei der „International Conference on Obesity in Perspective“ von Keyes (1973) über sieben verfügbaren epidemiologischen Studien berichtet, die sich mit der Relation zwischen Übergewicht und Herzinfarkt beschäftigten. Keyes Schluss, dass massives Übergewicht schlecht ist. Zudem würde die allgemeine Meinung zu Übergewicht „heruntergespielt“, was in einer schlechten wissenschaftlichen Bewertung und unangemessenen therapeutischen Programmen münden würde. Kurz darauf im Jahre 1980 präsentierte Andres et al. (1980) eine Populationsstudie zum Thema Übergewicht, die Fettleibigkeit in Relation zu den Sterberaten setzte. Die Empfehlung, die aus diesen Ergebnissen resultierte war, dass es eine Menge von vollkommen unbekannten Vorteilen von leichtem oder moderatem Übergewicht gibt. Er forderte, dass die allgemeine Abnehm-Kultur mit Vorsicht zu genießen sein müsse.

1997 analysierten Ferrannini et al. Daten einer Insulinresistenzstudie aus der Europäischen Union. Diese inkludierte 1.146 Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 85 Jahren, die normotensiv und diabetesfrei lebten. Dabei wurde herausgefunden, dass bei einer „einfachen“ Fettleibigkeit die Insulinresistenz nicht so vorherrschend ist, als ursprünglich angenommen. Daraus konnte geschlossen werden, dass das Risiko an nicht insulinpflichtigem Diabetes mellitus (NIDDM) und kardiovaskulären Störungen zu erkranken unterschiedlich war. Die unterschiedliche Sensitivität, die durch Kalorienrestriktion mithilfe von Diäten oder medikamentöser Behandlung, entstanden, bedeutete ein Überdenken der Standardstrategien bei Follow-up Untersuchungen.

Bereits ein Jahr später konnte bei einer Studie in Italien zum Thema Atherosklerose und den damit zusammenhängenden Risikofaktoren die Vermutungen untermauert werden. 888 Personen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren wurden von einem Forschungsteam um Bonora et al. (1998) untersucht. Dabei versuchte man festzustellen, mit welcher Häufigkeit eine Insulinresistenz in Relation zu den vier bekannten Haupterkrankungen des metabolischen Syndroms (beeinträchtigte Glukosetoleranz oder Diabetes Typ II, Dyslipidämie, Hyperuricämie und Blothochdruck) vorkamen. Fettleibigkeit wurde dabei mit einem Body Maß Index >25 definiert. Insulinresistenz wurde nach dem homeostasis model (HOMA IR) validiert (Matthews et al., 1985).

Das Ergebnis zeigte eine klare Korrelation zwischen der Anzahl von metabolischen Störungen und der Prozent Anzahl von Individuen mit Insulinresistenz. 414 (43%) Personen waren übergewichtig und hatten einen höheren BMI als 25, was darauf schließen lässt, dass der epidemische Charakter von Fettleibigkeit in Italien ähnlich hoch war wie in den USA (23%). 45 Personen zeigten jedoch keine erhöhte Insulinresistenz. Diese Personen erfüllten somit die Kriterien eines metabolisch normalen Übergewichtigen. Im Gegensatz dazu zeigten 85 Personen keine Symptome des metabolischen Syndroms, waren jedoch Insulinresistenz. Dies kann dann vorkommen, wenn sich ein Individuum im Anfangsstadium des metabolischen Syndroms befindet, da Insulinresistenz erst im Alter von 10-20 Jahren die entsprechenden Symptome zeigen. Dies erlaubt der Medizin geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen, in einem Lebensalter der Effekt noch am höchsten ist.

Im Jahre 2001 analysierte Brochu et al. (2001) sesshafte, fettleibige, postmenopausale Frauen im Alter von 50-79 Jahren, die bereits durch vorangegangene Studien durchlaufen hatten. Dabei wurde Fettleibigkeit so definiert, dass das Körperfett mehr als 35 % betragen musste und durch eine Röntgenabsorptionsspektrometrie positiv diagnostiziert wurden. Jene, mit einer Glukoseverarbeitungsrate von 8.0 mg/min/kg wurden als abweichend klassifiziert. 26 der 43 Probanden hatten eine reduzierte Insulinsensitivität, die gemeinhin mit Fettleibigkeit assoziiert wird, während 17 zwar als Verteidiger diagnostiziert wurden, jedoch keine Symptome des metabolischen Syndroms aufwiesen. Die zwei Testgruppen ähnelten sich dabei bei der Körperfettmasse, dem subkutanen Fett, sowie der Umfangmessung (Brochu et al., 2001).

Auch wenn adipöse Frauen einen höheren Anteil an Fett im Körper aufweisen, als betroffene Männer im selben Alter, zeigen Männer eine Neigung zu einem größeren Bauchumfang und Herzverfettung. Die steht in direktem Zusammenhang mit schlechten Blutfett- und Blutzuckerwerten. Auch sind die Anzeichen für Ahterosklerose stärker ausgeprägt, was in der Zusammenschau zu einem vermehrten Auftreten des metabolischen Syndroms führt. Dieser Umstand wurde von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) nachgewiesen (Kacmaz K., 2016)

Bei einer Untersuchung wurden 76 normalgewichtige und 301 übergewichtige Personen auf das Vorhandensein des metabolischen Syndroms hin beobachtet. Dabei wurde ein metabolisches Syndrom dann diagnostiziert, wenn zumindest eines von vier Kriterien vorhanden war: (1) Taillenumfang von > 102 cm bei Männern und > 88 cm bei Frauen, die (2) Triglyzeridwerte eine Obergrenze von 150 mg/dl überschritten, (3) der Blutdruck mit > 130/85 mmHg erhöht war und (4) die Nüchternglukose über einem Grenzwert von > 110 mg/dl lag. Die Forscher deklarierten Probanden, die diese Kriterien nicht erfüllten, als „metabolisch gesund übergewichtig“. Gemäß dieser Einteilung waren die untersuchten Frauen dreimal häufiger „gesund“, als die Männer. Man darf jedoch die vermeintlich positiven Aspekte von „metabolisch gesundem Übergewicht“ nicht überschätzen, gerade in Bezug auf die Herzgesundheit. Durch die festgelegten Messkriterien waren 8.1% der untersuchten übergewichtigen Probanden zwar „meatbolisch gesund“ (11.2% der Frauen und 3.3% der Männer), wurden die „metabolische Gesundheit“ über Leberfunktion und Insulinresistenz definiert, sank der Anteil der „Gesunden“ auf 4.3% ab, wobei hauptsächlich die Frauen betroffen waren. Der Beobachtungszeitraum von 6.2 Jahren zeigte schlussendlich auf, dass 30% der als „gesund“ diagnostizierten Probanden mit Hypertonie zu kämpfen hatten und 12% ein klinisch manifester Typ-2-Diabetes entwickelt hatten. Auch das kardiovaskuläre Risiko war gestiegen.

Somit kann festgehalten werden, dass der Zustand der „metabolischen Gesundheit“ dezidiert nicht als „harmlos“ eingestuft werden kann.

1.2 Begriffsbestimmung

Die gängige Bezeichnung für ein Phänomen, das bereits seit den 1950iger Jahren bekannt ist, lautet: Wohlstandssyndrom. Im Jahre 1981 wurde dieser Zustand erstmals mit dem Begriff „metabolische Syndrom“ (MetS) wissenschaftlich zusammengefasst. Die Störung des Stoffwechsels des menschlichen Organismus, umfasst viele Dimensionen, kann aber grundsätzlich durch die Faktoren (1) abdominale Adipositas, (2) Insulinresistenz, (3) gestörter Nüchternzucker, (4) Dyslipoproteinämie, sowie (5) Hypertonie eingegrenzt werden. Die sich aus diesen Symptomen ergebenden sekundären Erkrankungen, sind mit dem Auftreten von Typ-2- Diabetes, kardiovaskulären Erkrankungen und nicht alkoholischen Fettlebern assoziiert. Als ein Resultat ergibt sich ein höheres Mortalitätsrisiko (Ströhle et al., 2012).

Wird das metabolische Syndrom eingeschränkt, indem man das Diabetesrisiko ausnimmt, ist ebenfalls das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, die tödlich enden, um das Zweifache erhöht. Das Zusammenspiel der im metabolischen Syndrom enthaltenen Erkrankungen, wird daher landläufig auch als „tödliches Quartett“ bezeichnet.

In den westlichen Industrienationen leiden etwa 20-40 % der Bevölkerung an einem metabolischen Syndrom, was gesundheitspolitisch von höchster Relevanz ist, da ein derartiger Zustand bereits als Epidemie bezeichnet werden kann. Betrachtet man die pathophysiologischen Elemente, die zum metabolischen Syndrom führen, wird klar, dass eine geregelte und gezielte Lebensstiländerung ein nachhaltig positives Ergebnis für den Verlauf der Erkrankung haben kann. Insbesondere ist der moderne Lebensstil, der durch körperliche Inaktivität und Fehlernährung (die sowohl in Qualität als auch Quantität besteht) das Hauptproblem. Die World Health Organisation (Gößwald et al., 2012) führte daher den Begriff der globalen Epidemie ein, da sich Übergewicht und Adipositas in jedem Land der Erde finden. Die im Jahr 2008 durchgeführte Verzehrstudie II brachte in Deutschland folgendes Ergebnis: 51% der Frauen und 66% der Männer sind als übergewichtig zu diagnostizieren. Dieser Umstand macht auch nicht vor Kindern halt. Darf man den Daten der Kinder- und Jugendschutzsurvey (KiGGS) glauben, so sind 15% der Kinder in Deutschland von Übergewicht betroffen. 6% werden sogar als adipös eingestuft. Zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr ist der Anteil der übergewichtigen Jugendlichen gleich mit 6.4% (Kurth et al., 2007). Mit der steigenden Häufigkeit von Übergewicht oder Fettsucht in den westlichen Industrienationen, steigt automatisch auch die Häufigkeit des Vorhandenseins des metabolischen Syndroms, die sich besonders durch die viszerale (abdominale) Adipositas widerspiegelt.

Um von einer klinisch manifesten Adipositas zu sprechen, wird bei Erwachsenen je nach Gewichtsklassifizierung anhand des Body Maß Index ein korrespondieren der Wert erhoben. Da das metabolische Syndrom in seinem gehäuften Auftreten von (1) viszeralem Fettanteil, (2)erhöhten Glukoseplasmaspiegel, (3) Dyslipidämie, die einen niedrigen HDL-Spiegel in Kombination mit einem erhöhten Triglyzeridspiegel auszeichnet, und einer (4) Hypertonie getragen wird, spricht man auch von einem metabolischen Risiko-Cluster. Die Bedeutung dieses Risikoclusters als Vorstufe für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Klassifikation von Übergewicht, Präadipositas und Adipositas lt. BMI

Quelle: Ströhle et al., 2012

Somit kann festgehalten werden, dass es metabolische Syndrom in seinen Grundzügen seit über 80 Jahren bekannt ist, jedoch erst in den 1920er Jahren durch den schwedischen Arzt Kylin als Risikocluster mit den Erkrankungen Hypertonie, Hyperglykämie und Gicht beschrieben wurde. Die Oberkörper betonte Adipositas, auch adnroide Adipositas, wurde nach Vague J.-P. zudem mit dem Krankheitsbild der Atherosklerose und vermehrte Fettansammlung im Oberschenkel- und Hüftbereich als gynoide Adipositas assoziiert. Hanefeld und Leonhardt schließlich deklariert 1981 dem Begriff metabolisches Syndrom in Deutschland, womit es dem international gebräuchlichen Begriff Syndrom X oder Insulinresistenz-Syndrom ablöste. Eine letztendlich international gültige Definition wurde jedoch erst im Jahre 1998 festgelegt, die durch weitere Untersuchungen in fünf Unterdefinitionen eingeteilt wurde.

1.2.1 Adipositas

Seit vielen Jahren in die Prävalenz für Übergewicht/Adipositas nicht nur weltweit sondern auch in Deutschland erheblich zu. Etwa 60 % der erwachsenen Bundesbürger sind als übergewichtig oder adipös diagnostiziert. Nach aktuellen Daten, lag der Anteil der übergewichtigen Menschen im Jahre 2003 bei 49,2 % (Männer) und 34,4 % (Frauen), wobei "übergewichtig" in diesem Zusammenhang als ein BMI Wert zwischen 25 und 30 kg/qm2 deklariert wurde. Der kontinuierliche Anstieg des Anteils an adipösen Personen in der Bevölkerung (BMI > 30 kg/qm2) kann mit den Zahlen aus dem Jahr 2003, mit 17,3 % (Männer) und 19,7 % (Frauen) belegt werden. Im Osten Deutschlands ist die Zunahme des adipösen Bevölkerungsanteils höher als im Westen. Betrachtet man die Studien zur Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas, so zeigt sich in allen westeuropäischen Ländern, dass Frauen in der Gesamtzahl bei Übergewicht unterrepräsentiert sind, jedoch bei Adipositas mit einem BMI > 30 kg/qm2 die Frauenquote höher ist. Besonders in den Altersgruppen ab 50 Jahren, ist diese Beobachtung sehr stark ausgeprägt. Wie in anderen europäischen Ländern nimmt auch in Deutschland die Abhängigkeit von Adipositasprävalenz in Zusammenhang mit sozialen Status, wobei Einkommen und Schulbildung mit eingerechnet werden, sowie körperliche Aktivität, einen besonderen Stellenwert ein (Blüher M., 2009).

1.2.2 Metabolisches Syndrom

Das metabolische Syndrom wurde in den letzten Jahren durch epidemiologische Studien vermehrt kontrolliert. Dabei stellte sich eine deutliche Zunahme und eine Verschiebung hin zu immer jüngeren Patientinnen und Patienten da. Auch bei Kindern und Jugendlichen lässt sich mittlerweile eine Häufigkeit von 5-10 % des metabolischen Syndroms nachweisen. Das Robert-Koch-Institut führt eine repräsentative Studie durch, bei der 7.124 Personen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren befragt wurden. Dabei zeigte sich eine Häufigkeit des metabolischen Syndroms von 23,8 %. Davon betroffen waren 21 % Frauen und 26.6 % Männer. Eine prospektive Studie, die von Universitätsklinikum Münster durchgeführt wurde (PROCAM) zeigte zudem eine Häufigkeit nach Altersabhängigkeit von 10 % zwischen dem 26. und 35. Lebensjahr (13,4 % Männer und 6,5 % Frauen), sowie einen Häufigkeitsgipfel in der Altersgruppe 56 bis 65 Jahren. Hier waren 26,5 % betroffen (27,1 % Männer und 25,9 % Frauen) (DAG, 2008).

2 Zielsetzung

Basierend auf den Erkenntnissen der vergangenen Jahrzehnte kann man demnach annehmen, dass es eine Art „Theorie für gesundes Übergewicht“ gibt, das naturgemäß durch wissenschaftliche Methoden auf seine Richtigkeit hin überprüft werden muss. In diesem Zusammenhang wird das Augenmerk auf die klinisch nachweisbaren Erkrankungen gelenkt. Entsprechend des sich erweiternden Forschungsstandes des metabolischen Syndroms, entwickelt sich auch der Begriff des „gesunden Übergewichts“ weiter.

2.1 Entwicklung von „gesundem zu ungesundem“ Übergewicht

Die Nachweisbarkeit, ob das Konzept des gesunden Übergewichtigen auch von klinischem Wert ist, geht von der Annahme aus, dass es sich um einen stabilen Zustand handelt und nicht um eine vorübergehende Phase einer metabolischen Verschlechterung. Eine fundamentale Frage diesbezüglich ist, ob gesunde übergewichtige Erwachsene einen metabolisch gesunden Zustand über einen längeren Zeitraum hinweg aufrechterhalten können oder ob es eine Veränderung in Richtung ungesundes Übergewicht in einem definierten Zeitraum gibt. In den letzten Jahren haben sich nur wenige Studien mit diesem Thema auseinandergesetzt. Zwei davon (Soriguer et al., 2013; Appleton et al., 2013) wiesen nach, dass ungefähr ein Drittel der erwachsenen gesunden Übergewichtigen in einem Zeitraum von sechs Jahren in einen metabolisch ungesunden Zustand überwechselten. Interessanterweise wächst die Anzahl der gesunden übergewichtigen Erwachsenen, die in einen ungesunden Zustand wechseln, je mehr Follow-up Untersuchungen durchgeführt werden. 43 % von ursprünglich gesunden übergewichtigen Erwachsenen, traten nach sieben Jahren, 47,6 % nach acht Jahren und mehr als die Hälfte nach zehn Jahren in einen ungesunden Übergewichtszustand über. Derartige Analysen sind jedoch als beschreibende Studien nur bedingt verifizierbar, da sie nur den metabolischen Status vor Beginn einer Intervention mit dem metabolischen Status einer Follow-up Untersuchungen verglichen. Dabei wird nicht darauf eingegangen, welche Veränderungen bei Zwischenuntersuchungen geschehen sind. Dieser einfache Forschungsansatz ist dann nützlich, wenn man die Frage nach der Stabilität des Gesundheitszustandes überprüfen möchte. Wenn sich der Zustand jedoch im Laufe einer Intervention verbessert, fällt dieses Ergebnis ebenfalls aus dem Verifizierungsrahmen. Follow-up Studien haben des Weiteren einen Zeitrahmen von zehn Jahren bis dato nicht überschritten. Daher kann man die Studienlage bemängeln, denn keine Studie hat bisher die Tendenz für eine Veränderung des metabolischen Syndroms bei gesunden übergewichtigen Erwachsenen und ursprünglich gesunden normalen Erwachsenen in Relation zueinander gesetzt. Daher ist es nicht klar, ob sich gesunde übergewichtige Erwachsene in einem Risikobereich befinden, dass sich das metabolische Syndrom in einem gewissen Zeitraum verschlechtert. Gerade diese Veränderung ist es jedoch die einen eingangs gesunden normalgewichtigen Erwachsenen zu einem gesunden übergewichtigen Erwachsenen macht. Eine derartige Studie könnte nachweisen, ob es sich bei der Entwicklung von gesundem Übergewicht um einen stabilen Zustand oder eine Übergangsphase handelt. Des Weiteren ist der Zeitraum von zehn Jahren zu kurz, um ein aussagekräftiges Ergebnis vorzulegen, inwiefern die spezifischen metabolischen Risikofaktoren verantwortlich sind für die Verschlechterung des Gesundheitszustandes, was sich wiederum auf die Therapieansätze auswirkt (Bell, 2015).

2.2 Gesundes Übergewicht und das Risiko Typ-2-Diabetes

Die Häufigkeit von Typ-2-Diabetes ist enorm. Mittlerweile werden etwa 370 Millionen Diabetes Erkrankungen weltweit gezählt. Davon sind sich wahrscheinlich nur die Hälfte ihres Zustandes bewusst (IDF Diabetes Atlas, 2012). Typ-2-Diabetes hat gravierende Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit und wurde lange Zeit als Konsequenz von Fettleibigkeit diagnostiziert. Während die Charakteristiken des Fettgewebes eine direkte Rolle spielen, steht ein Erklärungsversuch im direkten Zusammenhang mit metabolischen Abnormitäten. Dazu gehören die Beta-Zellen Dysfunktion, Insulinresistenz und die daraus resultierende Hypoglykämie ebenso, wie hoch chronische systemische Entzündungsaktivitäten im Organismus. Weitere Faktoren die dazu beitragen, hängen mit einem erhöhten Level von viszeralem Fett, kaloriendichter, aber nährstoffarmer Ernährung, exzessive Zuckeraufnahme über einen langen Zeitraum, körperliche Inaktivität, sowie genetische, ethische und sozioökonomische Auffälligkeiten, zusammen (Abate et al., 2003).

Gemeinhin wird angenommen, dass gesunde übergewichtige Erwachsene einen gewissen Vorteil gegenüber Gesunden in Hinblick auf metabolischen Risikofaktoren genießen, die relevant für die Ausprägung einer Typ-2-Diabetes sein können. Diese beinhalten eine nicht-pathologische Insulinsensitivität, Normoglykämie, und niedrige systemische Entzündungszeichen (Primeau et al., 2011). Hieraus ergibt sich die Frage, ob diese Gruppe trotz alledem ein erhöhtes Risiko aufweist. Verschiedene prospektive Studien berichteten von einem substantiell erhöhten Risiko an Typ-2-Diabetes zu erkranken, jedoch wurden diese Ergebnisse nicht systematisch zusammengefasst und durch Metaanalysen bestätigt. In Anbetracht der Tatsache, dass Typ-2-Diabetes selbst ein Risikofaktor für eine Reihe weiterer kardiovaskuläre Komplikationen ist (z.B. Atherosklerose) und den direkten Zusammenhang mit einer erhöhten vorzeitigen Sterblichkeitsrate verknüpft ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Gruppe von gesunden übergewichtigen Erwachsenen ein signifikant höheres Risiko besitzen werden, über einen längeren Zeitraum hinweg an derartigen Folgeerscheinungen zu erkranken (Tobias et al, 2014).

Die benannten Studien zeigten auch auf, dass sich der Anstieg von Insulin und Glukose zu einem mehrstufigen Typ-2-Diabetes Erkrankungsverlauf entwickeln kann. In einem derartigen Modell ist das erste erkennbare Anzeichen für eine metabolische Dysfunktion eine Insulinresistenz, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt. Dies inkludiert ein gleichzeitiges Ansteigen der Beta-Zellen Funktion in der Pankreas im Bestreben mehr Insulin ausgestoßen und die beeinträchtigte Insulinsensibilität zu kompensieren. Nach dieser Stufe kommt es zu einem Abnehmen der Beta-Zellen Funktion zusammen mit einer Reduktion der Beta-Zellen Anzahl. Die verbleibenden Beta-Zellen werden überfordert und schlussendlich kommt es zu einer Apoptose, dem Absterben dieser Zellen (Prentki et al., 2006). In der letzten Stufe kommt es zu abrupten Spitzenbildungen im Blutzuckerspiegel, womit ab diesem Zeitpunkt eine Typ-2-Diabetes Erkrankung klinisch nachgewiesen werden kann. Gemäß diesen Voraussetzungen kommt es schon Jahre vor der Diagnose zu einer Veränderung in der Insulinresistenz, wodurch die Relation zwischen Insulin- und Glukose-Level in Zusammenhang mit Gewichtszunahme überwacht werden kann. Weitere Schlüsselfaktoren von denen man annimmt, dass sie im Zusammenhang mit der Entwicklung von Typ-2-Diabetes stehen, hängt mit der Fähigkeit der Beta-Zellen der Pankreas zusammen, den Insulinausstoß zu erhöhen, um einen chronischen Überabzug von Energie, sowie viszerale Fettaktivitäten zu kompensieren. Sowohl die Beta-Zellen Aktivität, als auch das akkumulierte Körperfett, sind somit maßgebliche Faktoren ob und in welchem Ausmaß eine Typ-2- Diabetes entsteht (Sattar et al., 2014).

Abgesehen von den gut untersuchten Zusammenhängen zwischen Insulinresistenz und der Entwicklung von Typ-2-Diabetes bei Adipositas, wurde nie der Versuch unternommen eine Evaluierung der Risikohöhe für zukünftige Insulinresistenzwahrscheinlichkeiten zu erheben. Darüber hinaus wurde gesundes Übergewicht immer mit der Abwesenheit von metabolischen Risiko Faktoren definiert, selbst wenn beim Start einer therapeutischen Intervention ein oder zwei Risikofaktoren vorhanden waren. Es ist möglich, dass diese sogenannten Baseline Faktoren, wie Insulinresistenz oder ein hoher Blutzuckerspiegel, bei einer klinischen Untersuchung als nicht relevant eingestuft wird, jedoch in einem anderen Setting als Prädiabetes eingestuft werden könnte. Es wäre nützlich, zu überprüfen ob metabolische Veränderungen bei übergewichtigen Erwachsenen (die grundsätzlich gesund sind) ebenfalls zu Typ-2-Diabetes führen kann. Dies würde es ermöglichen, eine Verbindung zwischen schlechter Glukosekontrolle und überschüssigen Fett zu evaluieren, was ein starker Beweis gegen die Idee von gesundem Übergewicht wäre (Tabák et al., 2012).

2.3 Gesundes Übergewicht und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen

In den letzten Jahren häufen sich die Beweise, dass gesunde übergewichtige Erwachsene im Vergleich zu normalgewichtigen Erwachsenen ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und subklinisch relevanten kardiovaskulären Erkrankungen haben. Dies inkludiert eine erweiterte Arteria carotis intima Dicke, eine erweiterte Verkalkung der Coronaarterien, sowie eine schlechte Herzkammerfunktion und -struktur. Eine an 71.527 Personen durchgeführte repräsentative Untersuchung der norwegischen Bevölkerung zeigte, dass übergewichtige Erwachsene ein signifikant höheres Risiko haben sowohl einen Myokardinfarkt als auch einen isschemischen Herzinfarkt zu erleiden, wobei dies bei einer Follow-up Untersuchung 3.6 Jahre nach dem Start einer Intervention festgestellt wurde. Diese Ergebnisse standen in keinem Zusammenhang zum allgemeinen metabolischen Gesundheitsprofil (Thomsen/Nordestgaard, 2013).

Zwei Metaanalysen demonstrierten, dass gesunde übergewichtige Erwachsene ein zweifach höheres Risiko haben an einer kardiovaskulär bedingten Erkrankung zu partizipieren, als normalgewichtige Erwachsene im selben Alter. Es ist wichtig zu erwähnen, dass in beiden Metaanalysen die eine längere Follow-up Zeitplanung hatten (länger als 15 Jahre bei Fan e al., 2013 und länger als 10 Jahre bei Kramer et al., 2013) ein größeres Risiko vorhanden war in Bezug auf die Tendenz das bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen bei gesunden übergewichtigen Erwachsene schlechter wurden. Auch wenn Kramer et al. (2013) eine Gesamtmortalität als schlussendlich Ergebnis annahm, ist es wichtig zu erwähnen dass alle Studien die länger als zehn Jahre dauerten und daher von anderen Studien unterschieden werden müssen ein übermäßiges Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufzeigten, dies unabhängig von der Gesamtmortalität.

Der Beweis dafür, dass gesunde übergewichtige Erwachsene frühzeitig versterben ist weniger konsistent, als punktuelle medizinische Zwischenfälle, die durch Erkrankungen zustande gekommen sind. Eine repräsentative Studie in Italien, die von Calori et al. (2011) an Erwachsenen mittleren Alters durchgeführt wurde zeigte, dass es kein erhöhtes Risiko für die Gesamtmortalität oder kardiovaskuläre bedingte Sterblichkeit unter gesunden Übergewichtigen gibt, im Vergleich zur normalgewichtigen Erwachsenen, wenn man davon ausgeht dass die metabolische Gesundheit die Abwesenheit einer Insulinresistenz ist. Eine weitere Studie mit Daten aus England und Schottland zeigte ebenfalls, dass es kein erhöhtes Risiko für die Gesamtmortalität oder kardiovaskuläre Mortalität zwischen gesunden übergewichtigen Erwachsenen und gesunden normalgewichtigen Erwachsenen gibt, wobei auch hier Gesundheit als die Abwesenheit der metabolischen Risikofaktoren definiert wurde. Die Erkenntnisse können als Beweis anerkannt werden unabhängig davon ob Übergewicht durch den Body Maß Index oder Bauchumfangmessung eruiert wurde (Calori et al., 2011)

Jedoch muss angemerkt werden, dass es zumindest zwei Studien gibt die anmerken dass übergewichtige Erwachsene metabolisch gesund sind trotz alledem ein höheres Risiko im Bereich der Gesamtmortalität haben im Vergleich zu normalgewichtigen Erwachsenen, wenn der Phänotyp definiert wird als: frei von metabolischen Risikofaktoren oder erhöhte Insulinsensitivität vorhanden ist. Bei einer 30-jährigen Follow-up Untersuchung schließlich wurde evaluiert, dass gesunde übergewichtige Erwachsene ein grundlegend höheres Risiko haben an einem kardiovaskulären Zwischenfall zu versterben, wie zum Beispiel akute Myokardinfarkt oder ischemischer Schlaganfall, im Vergleich zu gleichaltrigen normalgewichtigen Probanden. Es muss bedacht werden, dass je länger die Follow-up Phase dauert die Ergebnisse für erhöhte Gesamtmortalität aufgrund des Übergewichts deutlicher zutage tritt, als kürzere Follow-up Perioden, in denen medizinische Zwischenfälle aufgrund von Vorerkrankungen zum Tode führen.

2.4 Fragestellung der Arbeit

Im Folgenden versucht die vorliegende Arbeit ein Verständnis zu schaffen für den Stand den aktuellen Stand der Kenntnisse zum Thema „metabolisch gesundes Übergewicht“. Dabei wird der Fokus nicht nur auf die Analyse jener Studien gelegt, die seit 2010 am nachhaltigsten die Forschung in diesem Gebiet beeinflussten, sondern auch der Versuch unternommen eine chronologische Entwicklung der Forschung herzuleiten.

Die Fragestellung ergibt sich somit aus dem vorhandenen Literaturmaterial seit dem Jahr 2010 und kann mit folgender Formulierung beschrieben werden:„Welche Erkenntnisse wurden in den letzten Jahren zum Thema „metabolisch gesundes Übergewicht“ gewonnen und wie dienten diese Ergebnisse der laufenden Forschung in diesem Gebiet?“

3 Gegenwärtiger Kenntnisstand

3.1 Physiologische Bedeutung des Fettgewebes

Das Fettgewebe wurde lange auf die Funktion als Energiespeicher reduziert. Wissenschaftliche Erkenntnisse unterstreichen jedoch die Bedeutsamkeit als das größte endokrine Organ des menschlichen Organismus. Fettgewebe reichert sich an vielen Stellen des Körpers an. Es wird subkutanes, intramuskuläres und viszerales Fettgewebe unterschieden. Aufgrund der metabolischen und sekretorischen Charakteristik hat das viszerale Fettgewebe eine größere Bedeutung bei der Ursachenforschung eines Krankheitsgeschehens (Huber, 2015).

Das Fettgewebe besteht im Wesentlichen aus Fettzellen, die auch als adulte Adipozyten bezeichnet werden. Darunter befindet sich weißes sowie braunes Gewebe. Letzteres erhielt seine Bezeichnung, da es sich durch die zahlreichen Mitochondrien und Kapillaren unter dem Lichtmikroskop braun darstellt. Die Zellen des brauen Fettgewebes sind klein, erfüllen jedoch eine wichtige Aufgabe im Körper, denn sie erhalten die Körpertemperatur aufrecht. Das geschieht unter dem Einfluss von Schilddrüsenhormonen und Katecholaminen, die dazu führen, dass die Energie als Wärme abgegeben wird. Dieser Vorgang kann jedoch nicht therapeutisch genutzt werden, z. B. im Rahmen einer gesteigerten Thermogenese. Diese würde zu keinem relevanten Ergebnis für eine Körperfettreduzierung führen, da Menschen einen recht geringen Anteil an braunem Fettgewebe besitzen. Ganz im Gegenteil zu kleinen Säugern und Winterschläfern. Sie verfügen über eine große Anzahl an braunen Fettzellen, um die großen Wärmeunterschiede überbrücken zu können. Beim Menschen bildet sich das braune Fettgewebe hingegen nach ein paar Lebensmonaten fast gänzlich zurück (Verspohl, Weiland, 2006).

Die im Fettgewebe enthaltenden weißen Adipozyten stellen sich wesentlich größer dar und sind Speicher für Triglyzeride. Die Fette, die sich in das weiße Fettgewebe einlagern, kennzeichnet eine hohe Energiedichte. Die Fettzelle kann ihr Volumen um das 2000-Fache vergrößern, um so möglichst viel Energie für den Körper zu speichern. Die Lipogenese und Lipolyse sind die wichtigsten Abläufe und Funktion der Fettzellen. Durch eine hormonelle Regulation, wobei das Hormon Insulin eine zentrale Bedeutung einnimmt, werden Energiespeicherung (Lipogenese) und Energiebereitstellung (Lipolyse) ermöglicht. Insulin regt dabei die betreffenden Zellen zur Aufnahme von Glucose an und leitet die Lipogenese ein.

Die Glucose wird dann in den Adipozyten in drei intrazelluläre Wege des Stoffwechsels eingegliedert: Glykogenspeicherung, ATP-Synthese durch Glykolyse und die Synthese von Glyzerol-3-Phosphat aus dem Dihydroxyaceton-Phosphat kann unterschieden werden.

Das sympathische Nervensystem nimmt eine wichtige Rolle bei der Gesamtregulation der Fettspeicherung ein. Mittels α2-Rezeptoren wird die Lipolyse gebremst und über β3-Rezeptoren wird sie gefördert. Proteine wie Leptin und Adipophilin gelten dabei als zugehörige Marker für die Lipidakkumulation. Neben den Adipozyten verfügt das Fettgewebe über weitere sekretorische Zellen. Bei einer Fettleibigkeit und Lipoatrophie wird die Abgabe von praktisch allen Hormonen, die von Fettzellen freigesetzt werden, verändert. Dabei gilt es zu beachten, dass nicht alle Faktoren, die von vom Fettgewebe freigesetzt werden auch von den Fettzellen selbst stammen. Fibroblasten, Monozyten und Makrophagen zählen zu den so genannten „Nonfat cells“ und sind daher zu unterscheiden. Heute ist bekannt, dass das Fettgewebe nicht länger ausschließlich an anabolen und katabolen Vorgängen des Lipidstoffwechsels beteiligt ist. Es sichert uns nicht nur das Überleben in Zeiten von Nahrungsknappheiten, sondern wird als das größte endokrine Organ des Körpers bezeichnet, wobei die Sekretionsprodukte des Fettgewebes Einfluss auf metabolische, thromboembolische und kardiovaskuläre Ereignisse nehmen können. Bisher sind etwa 100 Sekretionsprodukte des Fettgewebes wissenschaftlich belegt worden. Die Produkte TNF-α, Leptin, Resistin und Adiponectin werden als Adipokinine und Adipozytokine bezeichnet. Einige von ihnen sorgen für die Kommunikation zwischen dem Fettgewebe und anderen Insulin-Zielorganen. Adipokininen sind bioaktive Peptide, die für autokrine, parakrine oder endokrine Effekte verantwortlich sind. Neben Nahrungsaufnahme und Energiehaushalt wird somit auch die Fruchtbarkeit beeinflusst.

Die Wissenschaft der Sekretionsprodukte und deren Auswirkungen auf den Gesamtorganismus können nicht als abschließend betrachtet werden, sodass noch weitere Erkenntnisse zu erwarten sind.

Zusammenfassend lassen sich folgende physiologische Funktionen des Fettgewebes festhalten: Energiespeicherung und Energiebereitstellung, Wärmeregulierung, Freisetzung von endokrinen Botenstoffen, Beteiligung an angeborenen unspezifischen Immunvorgängen (durch Freisetzung von Faktoren, die Entzündungen beeinflussen können) und mechanische Schutzfunktion als „Polster“ (Wirth, 2008).

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Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Metabolically Healthy Obesity. Ein narrativer Review
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
66
Katalognummer
V372179
ISBN (eBook)
9783668500655
ISBN (Buch)
9783668500662
Dateigröße
1447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metabolically, healthy, obesity, review
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Metabolically Healthy Obesity. Ein narrativer Review, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/372179

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