Germanismen in der italienischen Presse Südtirols


Bachelorarbeit, 2016
66 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Zentrale Begrifflichkeiten zum Sprachkontakt
2.1 Borrowing Scale nach THOMASON und KAUFMAN
2.2 Lehnwörter und Fremdwörter
2.2.1 Definition nach POLENZ und SCHANK
2.2.2 Motivationen für Entlehnungen
2.3 Xenismus

3. Quantitative Korpusanalyse
3.1 Einordnung in semantische Kategorien
3.1.1 Politik
3.1.2 Institutionen, Firmen und Vereine
3.1.3 Wirtschaft und Infrastruktur
3.1.4 Gastronomie
3.1.5 Kultur
3.1.6 Geschichte
3.1.7 Geographie und Meteorologie
3.1.8 Varia
3.1.9. Gesamtverteilung der Germanismen
3.2 Verteilung innerhalb lexikalischen Kategorien
3.3 Hapax Legomena

4. Qualitative Korpusauswertung
4.1 Integration von Nomen
4.1.1. Genus
4.1.2 Artikel
4.1.3 Pluralbildung
4.2 Probleme bei der Integration von Nomen
4.2.1 Groß- und Kleinschreibung
4.2.2 Umlaute
4.2.3 Diph-/Monophthonge, Trigraphen und <ß>

5. Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Liste der Germanismen nach Medium und Sachgebiet

Fragebogen „Uso delle parole tedesche nell'Italiano“

1. Einführung

Benachbarte Sprachen, unterliegen immer einem gegenseitigen Kontakt - selbst wenn sie unterschiedlichen Sprachfamilien angehören. Sprachkontakte könne wir in allen Teilen der Welt feststellen. Teilweise dauern diese Kontakte schon mehrere Jahrhunderte an. In manchen Fällen auch erst wenige Jahrzehnte. Ein Beispiel für den Kontakt zwischen europäischen Sprachen ist beispielsweise der zwischen dem Deutschen und Italienischen. Genau dieser Sprachkontakt soll der Forschungsgegenstand dieser Arbeit sein. Präziser gesagt, thematisiert diese Arbeit den Einfluss von Germanismen auf die italienische Pressesprache in Südtirol. Diese Region bietet sich aus unterschiedlichen Gründen für eine sprachwissenschaftliche Untersuchung an.

Der Kontakt zwischen dem Deutschen und Italienischen blickt auf eine lange und wechselhafte Geschichte zurück. In der Antike, was das Gebiet des heutigen Südtirols Teil des Imperium Romanum, dem römischen Reich. Nach dessen Untergang ließen sich germanische Stämme - insbesondere bairische - in diesem Gebiet nieder. In den nächsten Jahrhunderten wurde die Region des heutigen Südtirols (italienisch: Alto Adige) mehr und mehr deutschsprachig. Im Laufe der Geschichte veränderten sich auch die Besitzansprüche des heutigen Südtiroler Gebietes.

Der Erste Weltkrieg verursachte einen Bruch innerhalb des historischen Tirols, zu dem auch das heutige Südtirol gehörte. Im Friedensvertrag von Saint Germain im Jahr 1919 wurde die Zerschlagung Tirols festgelegt. Der nördliche und östliche Teil unterstand weiterhin Österreich, während der südliche Teil an Italien überging. Der Aufstieg des Faschismus in den kommenden Jahren hatte zudem enorme Einflüsse auf die Sprachpolitik in Südtirol. Die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung der Provinz unterlag einer Italianisierungs- und Assimilierungspolitik. Diese Form der Politik ging so weit, dass die deutschsprachige Sprechergemeinschaft aus den Städten vertrieben wurde und die deutsche Sprache aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens verdrängt wurde.

Der Pariser Vertrag von 1946/47 legte den Grundstein für das Autonomiestatut Südtirols, in dem Italien sich gegenüber Österreich dazu verpflichtete, besondere Maßnahmen zum Schutz der deutschsprachigen Kultur und der deutschen Sprache in Südtirol und den deutschsprachigen Gebieten im benachbarten Trentino zu ergreifen. Seitdem übt Österreich die Schutzfunktion für Südtirol und Trentino aus. Außerdem gab es seither immer wieder Bestrebungen, zum Beispiel durch die Süd-Tiroler Freiheit, die Loslösung Südtirols von Italien und die Wiedervereinigung mit Österreich zu erreichen.

Die aktuelle Situation in Südtirol hat sich dahingehend entwickelt, dass das Deutsche immer noch die größte Sprachgruppe bildet. So erklärten 69,64 Prozent der Südtiroler Bevölkerung, dass sie zur deutschen Sprechergemeinschaft gehören, 28,84 Prozent der Italienischen und 4,52 Prozent der Ladinischen, der dritten Sprachgruppe in Südtirol (vgl. ASTAT 2015: 119).

Alle drei Sprachgruppen sind offiziell anerkannt, in der Provinz Bozen sind sie zugleich die offiziellen Amtssprachen. Im öffentlichen Leben zeigt sich dieser Multilingualismus unter anderem durch die Mehrsprachigkeit der öffentlichen Beschilderungen in der Provinz.

Die starke Präsenz der deutschen Sprachgemeinschaft in Südtirol bringt auch die Entstehung einer eigenen deutschen Kultur mit sich. Daher existiert neben dem italienischen auch ein breites deutschsprachiges Angebot an Pressemedien.

Anhand dieser Darstellungen wird deutlich, dass der Kontakt zwischen den Sprachen in der Region Südtirol sehr intensiv besteht und sich daher als Forschungsgegenstand zum Sprachkontakt anbietet.

Wie bereits erwähnt hat sich diese Arbeit das Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Erforschung des Einflusses von Germanismen in das Südtiroler Italienisch zu leisten. Dass dies kein fremdes Thema in der sprachwissenschaftlichen Forschung ist, beweisen bereits veröffentlichte Publikationen.

Schon im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts hat sich der italienische Sprachwissenschaftler Paolo ZOLLI mit den Einflüssen fremder Elemente in das Italienische beschäftigt. Aus seiner Arbeit gingen unter anderem das Fremdwörterbuch Le parole straniere (1976) hervor, in dem er die Herkunft verschiedener Internationalismen - darunter Germanismen, Anglizismen und Gallizismen - erläutert. In zahlreichen Vorträgen und Schriften beschrieb er zudem den Einfluss von fremdsprachlichen Elementen auf die italienischen Dialekte.

In der deutschsprachigen Forschung zum Sprachkontakt in Südtirol ist insbesondere der Linguist Kurt EGGER zur erwähnen. Bereits in den 80er Jahren hat er die Mehrsprachigkeit in Südtirol anhand des Sprachgebrauchs und Spracherziehung in mehrsprachlichen Familien untersucht. Seine letzten Publikationen zur Mehrsprachigkeit in Südtirol waren Die deutsche Sprache in Südtirol: Einheitssprache und regionale Vielfalt (2001) und Sprachlandschaft im Wandel: Südtirol auf dem Weg zur Mehrsprachigkeit (2001).

Ebenfalls mit der Mehrsprachigkeit beschäftigt hat sich die Romanistin Daniela WEBER-EGLI. Sie führte bei ihren Aufenthalten in Südtirol die empirischen Studien Gemischtsprachige Familien in Südtirol / Alto Adige (1992) zum Bilingualismus in interethnischen Familien durch. Aber auch der allgemeine Einfluss des Deutschen auf das Italienische in Südtirol gehört zu ihrem Forschungsgebiet.

Als letztes sei noch die Germanistin Claudia Maria RIEHL genannt, zu deren Forschungsbereich unter anderem auch die Mehrsprachigkeit und die Situation von deutschsprachigen Minderheiten gehört. So untersucht sie in ihrer Publikation Schreiben, Text und Mehrsprachigkeit (2001), die Textproduktion in mehrsprachigen Gesellschaften. Als Beispiel dienten ihr die deutschsprachigen Minderheiten in Südtirol und Ostbelgien. Auch in weiteren ihrer Veröffentlichungen finden sich immer wieder Bezüge zur Mehrsprachigkeit in Südtirol.

Das Forschungsmaterial der vorliegenden Arbeit sind drei italienischsprachige Presseprodukte aus Südtirol: die Zeitung Corriere dell'Alto Adige, und die Onlinepresse Medien Il giorno dell'Ato Adige und Alto Adige. Beim Corriere dell'Alto Adige handelt es sich um eine Lokalausgabe der Tageszeitung Corriere della Sera, die in ganz Italien veröffentlicht wird und zur RSC Media Group gehört. Der Corriere della Sera hat eine Auflage von etwa 600.000 Ausgaben (vgl. Brizzi 2006: 13) und ist damit eine der meistgelesenen Tageszeitung in Italien. Zur Größe der Auflage des Corriere dell'Alto Adige finden sich hingegen keine Zahlen. Alto Adige ist die am häufigsten gelesene Tageszeitung in Südtirol. Die Printausgabe hat eine Auflage von 27.252 Ausgaben (ADS 2010). Der Alto Adige veröffentlicht für die Provinzen Trentino und Belluno zusätzlich Lokalausgaben. Zudem existieren die Inhalte der Printversion auch als Onlineausgabe. Im Rahmen dieser Arbeit wird auf die Onlineversion zurückgegriffen, da ein Zugriff auf die Printausgabe aus Deutschland nicht möglich ist. Das dritte untersuchte Medium ist der Il giorno dell'Alto Adige, ein Presseprodukt, dass 2014 als reines Onlinepresse Medium angeboten wird. Die Wahl dieser drei Pressemedien für die vorliegende Untersuchung lässt sich recht kurz beschreiben. Die Sprache in Printpresse und Onlinepresse weist deutliche Unterschiede auf. So muss ein Autor, der Onlinejournalismus betreibt, einen Artikel anders schreiben und gestalten, als ein Printjournalist. Bei Onlineartikeln kommt es besonders auf die Kürze der Sätze und die Funktion der Zwischenüberschriften als Merkmal der Aufmerksamkeitserregung an. Dies muss berücksichtigt werden, da die Leser von Onlineartikeln meist dazu neigen, diese nur zu überfliegen. Ein deutlicher Unterschied zwischen Print und Online besteht zudem darin, dass die Printartikel nur eine bestimmte Länge haben dürfen, um den Layout-Vorgaben der Zeitung zu folgen. Dies kann sich auch auf die Wahl der Sprache auswirken (sprachökonomische Gründe). Wichtig für diese Arbeit ist jedoch, dass die Pressesprache die Nutzung der Sprache innerhalb der Gesellschaft widerspiegelt und beeinflusst. Daher eignet sich die Untersuchung der Pressesprache als optimale Quelle zum Gebrauch der Germanismen im Südtiroler Italienisch.

Bevor mit der Analyse der Pressesprache begonnen werden kann, ist es nötig einen Materialkorpus zusammenzustellen. Für diesen Korpus ist auf die Veröffentlichungen der drei Zeitungen im Zeitraum zwischen April und Juni 2016 zurückgegriffen worden. Um den Umfang dieser Arbeit nicht über zu strapazieren, wird sich auf einen relativ kleinen Zeitraum beschränkt werden. Bei der Zusammenstellung des Korpus muss geklärt werden, welche Elemente als Germanismus eingeordnet werden können. Die Entscheidung beläuft sich – ebenfalls aus forschungspragmatischen Gründen - darauf, sich lediglich auf einzelne Lexeme, aber nicht auf ganze Phrasen zu konzentrieren. Eine Analyse von deutschsprachigen Phrasen wäre dem vorgegebenen Umfang nicht angemessen gewesen.

Nach der Korpus-Zusammenstellung ist die eigentliche Analyse erfolgt, die sich in zwei Schritte einteilen lässt: die quantitative und qualitative Analyse. Erste behandelt die Einteilung der Germanismen in semantische Kategorien, die Aufteilung in die Wortklassen und die Hapax Legomena, die im Korpus vorkommen. Sämtliche Beobachtungen werden mit Beispielen aus dem Korpus belegt. Die qualitative Analyse widmet sich der Integration der Germanismen im Italienischen. Wichtig gewesen ist es hierbei, die Genuszugehörigkeit, Artikelwahl und Pluralbildung, sowie bestimmte Probleme im Zusammenhang mit der Orthographie zu untersuchen. Am Ende erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Bevor jedoch mit der Korpusanalyse begonnen werden kann, müssen im Vorfeld einige Begriffe zum Thema Sprachkontakt erläutert werden. Dies erfolgt im nächsten Kapitel.

Die Analyse verlief nicht ganz unproblematisch. Neben der Entscheidung, ob neben den Lexemen auch Phrasen berücksichtigt werden sollen, musste im Vorfeld geklärt werden, welche Varietäten des Deutschen zu den Germanismen zählen. Daher wurden neben der deutschen Standardsprache auch die süddeutschen Varietäten - also das Österreichische und Bairische - berücksichtigt. Das Schweizerdeutsch hingegen spielte für die Analyse keine Rolle, weil es nicht präsent war. Des Weiteren musste festgelegt werden, welches Sprachstadium bzw. Sprachstadien untersucht werden. Der Jahrhunderte andauernde Kontakt zwischen dem Deutschen und Italienischen sorgte dafür, dass Germanismen ins Italienischen entlehnt wurden und aus heutiger Sicht nicht mehr als Entlehnungen erkannt werden. Dazu zählen besonders Lexeme aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen. Die Analyse dieser Arbeit beschäftigt sich daher nur mit Entlehnungen aus dem Neuhochdeutschen, die noch deutlich als Entlehnungen identifiziert werden können. Genaue Übersetzungen wie z.B. plusvalore für Mehrwert oder super uomo für Übermensch wurden nicht miteinbezogen, da sie aufgrund der Übersetzung bereits in die Italienische Sprache integriert sind.

Eine letzte Schwierigkeit, die sich besonders bei der Sichtung der italienischsprachigen Literatur zeigte, war der Terminus tedeschimi, der besonders bei ZOLLI verwendet wurde. Die italienische Sprachwissenschaft unterscheidet zwischen germanismi für Germanismen aus allen germanischen Sprachen und tedeschimi für Übernahmen aus der deutschen Sprache. Da in der deutschen Forschung diese Unterteilung nicht vorgenommen wird, sorgte diese Einteilung zunächst für Verwirrung. Da jedoch vor der Analyse geklärt wurde, dass diese sich auf das Standarddeutsche, sowie die süddeutschen und österreichischen Varietäten konzentriert, stellte dies kein Problem mehr da.

Es lässt sich annehmen, dass die meisten Germanismen im Bereich der Politik, Kultur und Gastronomie verwendet werden. Da Österreich seit vielen Jahren die (politische) Schutzfunktion von Südtirol übernimmt, wird davon ausgegangen, dass sich die Südtiroler Politik stark an der österreichischen orientiert und somit Bezeichnungen übernimmt. Wie bereits erwähnt, existiert neben der italienischen auch eine deutsche Kultur. Jede Kultur umfasst spezifische, einzigartige Elemente (unabhängig davon ob es sich nun um Speisen, Folklore oder anderes handelt).

2. Zentrale Begrifflichkeiten zum Sprachkontakt

2.1 Borrowing Scale nach THOMASON und KAUFMAN

Von Sprachkontakt wird gesprochen, wenn sich zwei oder mehr Sprachen gegenseitig beeinflussen, unter der Voraussetzung, dass ein Teil der Sprechergemeinschaft bi- oder multilingual ist. Dabei ist es unerheblich ob es sich um den Kontakt zwischen Sprachen oder den Kontakt zwischen einer Sprache und ihrer Varietät handelt (Varietätenkontakt). Laut RIEHL (2013: 391) entstehen Sprachkontakterscheinungen erst in der bilingualen Rede, von wo aus bestimmte Kontaktformen auch in den Sprachgebrauch der monolingualen Sprecher des Systems übergehen. Dieser Sprachkontakt lässt sich in verschiedenen Stufen einteilen, wie THOMASON und KAUFMAN (1988: 74) herausgefunden haben. Ihre sogenannte Borrowing Scale weist fünf Stufen des Sprachkontaktes auf, die sich auf den Grad des lexikalischen und strukturellen Einflusses beziehen.

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Abb. 1. Borrowing Scale (Daten aus Thomason/Kaufman 1988: 74ff.)

Die Tabelle zeigt deutlich, dass ein Sprachkontakt auf lexikalischer Ebene ausschließlich in den Stufen eins bis drei stattfindet und nur wenig Einfluss auf die Nehmersprache haben. Die Struktur bleibt durch lexikalische Entlehnungen weitgehend unberührt. Die deutlichsten Veränderungen erfolgen auf der Ebene der Phonologie, Morphologie und Syntax, die auf Stufe fünf letztendlich den Sprachwandel bewirken. Als kulturellen Druck (cultural pressure) definieren THOMASON und KAUFMAN die sozialen Faktoren, die Entlehnungen bedingen (1988: 77).

Im Rahmen der Korpusanalyse werden wird auf die Borrowing Scale zurückgekommen.

Wie sich der Sprachkontakt auf der lexikalischen Ebene zeigt, wird nun im Folgenden behandelt.

2.2 Lehnwörter und Fremdwörter

Eine Form des Sprachkontaktes auf lexikalischer Ebene sind Lehnwörte r. Das Lexikon der Sprachwissenschaft definiert diesen Begriff folgendermaßen: „(1) […] Entlehnungen einer Sprache A aus einer Sprache B, die sich in Lautung, Schriftbild und Flexion vollständig an die Sprache A angeglichen haben […].“ (Bußmann 2002: 398).

Inhaltswörter werden dabei am häufigsten als Lehnwörter übernommen. Unter dem Lemma Fremdwort findet sich im Lexikon der Sprachwissenschaft folgende Beschreibung: „Ausdruck, der aus einer fremden Sprache übernommen wurde […]. Im Unterschied zum Lehnwort ist das typische F. nach Lautung, Schreibung und Flexion (noch) nicht in das Sprachsystem integriert […].“ (Bußmann 2002: 226).

Beide Definitionen beziehen sich lediglich auf die Phonologie, Morphologie und Orthographie der Lexeme. Beide Termini können aber auch in Bezug auf den Gebrauch definiert werden.

2.2.1 Definition nach POLENZ und SCHANK

Einer der wichtigsten Beiträge zur Beschreibung von Lehn- und Fremdwörtern lieferte der Linguist Peter VON POLENZ.

In seinem Aufsatz Fremdwort und Lehnwort sprachwissenschaftlich betrachtet nimmt er eine andere Definition vor:

„Wenn man den Terminus 'F r e m d w o r t' in der Synchronie beibehalten will, […], so sollte man ihn auf die Fälle beschränken, in denen einzelne Sprachteilhaber ein Wort oder eine Wendung einer fremden Sprache nur gelegentlich und wie ein Zitat verwenden, wobei sie beim Gesprächspartner oder Leser die Kenntnis dieser fremden Sprache voraussetzen […].“ (Von Polenz 1979: 22f).

Als Beispiel führt er den speziellen Gebrauch von Adverbien unter Akademikern an oder kulturspezifische Begriffe. Seiner Auffassung nach, zählen alle Wörter mit fremdsprachlicher Herkunft, die zum üblichen Wortschatz einer größeren Sprechergemeinschaft gehören, zu den Lehnwörtern. Hierunter falle auch der Fachwortschatz bestimmter Berufe oder Sachgebiete und der Gemeinwortschatz (von Polenz 1979: 23f).

VON POLENZ unterscheidet nach seinen Definitionen Lehnwort und Fremdwort vor allem durch ihren Gebrauch. Ihnen gemeinsam ist zwar die fremdsprachliche Herkunft, jedoch werden Fremdwörter nur von einem kleinen Teil der Sprechergemeinschaft verwendet und verstanden, während Lehnwörter hingegen zum Grundwortschatz eines größeren Teils der Sprechergemeinschaft angehören.

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Abb. 2: Merkmale von Lehnformen nach Schank (Daten aus: Schank 1979: 37ff.)

Diesen Ansatz erweiterte der Germanist Gerd SCHANK einige Jahre später um weitere Merkmale (Abb. 2). Die von SCHANK genannten Merkmale beziehen sich ebenfalls in erster Linie auf den Sprachgebrauch von Fremdlexemen in der Nehmersprache. Er erwähnt dabei ebenso phonologische und grammatische Aspekte. Ergänzend dazu sucht SCHANK aber auch nach den Motivationen für die Entlehnung von Fremdlexemen. Zum Beispiel eine nicht adäquate Entlehnung eines Lexems in der Nehmersprache.

2.2.2 Motivationen für Entlehnungen

Dies ist aber nur ein Grund für die Übernahme von fremdsprachigen Lexemen in die eigene Sprache. Neben sprachinternen Motivationen spielen auch kulturelle Aspekte eine große Rolle von lexikalischen Transfer, wie die Ausführungen des Germanisten Michael CLYNE beweisen (Clyne 2003: 111ff):

Seine erste Überlegung betrifft das Fehlen von Äquivalenten in der Nehmersprache für entsprechende fremde Lexeme. Dies gilt besonders für Begriffe aus einem bestimmten Sachgebieten oder Domänen, wo eine der Kontaktsprachen überwiegend angewendet wird. Weiterhin könne der Prozess des Sprachverfalls (language attrition) dazu führen, dass Lexeme in der Nehmersprache verloren gehen. Äquivalente fremdsprachliche Lexeme werden dann entlehnt, um das verlorengegangene Lexem zu ersetzen. Entlehnungen können aber auch in eine Sprache eingeführt werden um mit nur einem Lexem etwas zu beschreiben, welches in der Nehmersprache mit zwei oder mehr Lexemen beschrieben wird, auszudrücken. Verbale Entlehnung sollen einen Sachverhalt mit weniger komplexen Valenzbeziehungen beschreiben.

Es lässt sich also festhalten, dass Kultur, Sprachökonomie aber auch sprachinterne Gründe wie der Sprachschwund Entlehnungen in die eigene Sprache bedingen.

2.3 Xenismus

Neben Lehn- und Fremdwörtern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein neuer Begriff in der Sprachwissenschaft etabliert: der Xenismus.

Problematisch an diesem Terminus ist die noch nicht klar definierte Bedeutung. Dies führt dazu, das dieser Begriff häufig nicht in (Fach-)Wörterbüchern aufgelistet wird.

Konrad EHLICH unternahm in den 1980er Jahren einen der ersten Versuche den Terminus Xenismus eindeutig zu beschreiben: „Xenismen sind solche sprachlichen Produktionen, die sich außerhalb des sprachlichen Systems bewegen, aber in sprachliche Realisierungen eben dieses Systems eingebettet sind.“ Sie können in der Phonologie (z.B. als Akzent), Morphologie (wie etwa falscher Artikelgebrauch), Lexik, Syntax, Pragmatik und der Idiomatik, also allen Disziplinen eines sprachlichen Systems, auftreten (Ehlich 1986: 50).

Nach dieser Beschreibung unterscheiden sich Xenismen kaum von der vorher genannten Definition des Lehnwortes. Der entscheidende Unterschied liegt in der Produktion von Xenismen: „Derjenige, der den Xenismus produziert, gerät dadurch sozusagen schlagartig in die Kategorie des Fremden […]. Dadurch entsteht für den Adressaten eine Ambivalenz in der Mitgliedschaftszuweisung, ,[...].“ (Ehlich 1986: 50f). EHLICH deutet damit an, dass Xenismen ein Fremdheitsmerkmal von Fremdsprachensprechern sind und auch nur von diesen produzieren können.

Bernd MÜLLER-JACQUIER unternahm vor wenigen Jahren der Versuch einer Erweiterung des Xenismus-Definition von EHLICH. Seiner Auffassung seien Xenismen nach EHLICH als Symptom im Sinne der Zeichentheorie des Semiotikers Rudi KELLER aufzufassen (Müller-Jacquier 2007: 590).

MÜLLER-JACQUIER kommt in seinen Ausführungen zu dem Schluss, dass Xenismen Symptome einer mangelnden Sprachkompetenz seien und der Rezipient sie als Grundlage für sozialdistinktive Zwecke nutze, um den Kommunikator als nicht zugehörig zu identifizieren. Hingegen können sich die Kommunikatoren dieses Phänomen zu Nutze machen um sich von den Rezipienten absichtlich als fremd identifizieren zu lassen (Müller-Jacquier 2007: 595).

Eine hiervon abgrenzende Beschreibung nimmt Matthias JUNG vor. Aus seiner Sicht heben sich Xenismen von Fremd- und Lehnwörtern dadurch ab,

„da z.B. auch Orts- und Personennamen, Buch- und Filmtitel, Interjektionen, Zitate und längere eingestreute Passagen sowie spezielle phonetische orthographische oder typographische Merkmale, […], eingeschlossen sind. Das entscheidende Kriterium zur Bestimmung von Xenismen ist dagegen, daß [sic!] hier nicht ein konzeptueller Inhalt übermittelt, sondern primär Fremdheit evoziert werden soll.“ (Jung 1992: 213) .

JUNG folgt ebenfalls der Annahme, dass Xenismen den Anschein von Fremdheit bewirken sollen. Er schreibt aber nicht nur einzelnen Lexemen diese Funktion zu, sondern erweitert den Xenismus -Begriff insofern, als dass auch Namen oder sogar ganze Zitate und Phrasen als Xenismus gelten. Besonders für den Kontext dieser Arbeit sind die „ orthographischen Entstellungen “ bei der Produktion des Fremden interessant. Als „ orthographische Entstellungen “ charakterisiert er - abgesehen der Umlaute und des stimmlosen s-Lautes - die Falschreibung deutscher Wörter in anderen Sprachen. Für ihn seien diese Fehler kein Resultat mangelnder Kenntnis der deutschen Orthographie. Sie beruhen auf einem Relevanzproblem, sprich: Die korrekte Orthographie hat in der fremden Sprache nur eine geringe Bedeutung (vgl. Jung 1992: 222). Dieses Phänomen lässt sich auch an einigen Stellen des Korpus nachweisen und wird an entsprechender Stelle ausführlich erörtert.

3. Quantitative Korpusanalyse

3.1 Einordnung in semantische Kategorien

Die vorkommenden Germanismen innerhalb des Korpus lassen sich für jede Zeitung in bestimmte Themenbereiche, wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Gastronomie einteilen. Zuerst werden wir die Häufigkeit der Themenbereiche für die einzelnen Zeitungen betrachten um anschließend eine Gesamtübersicht zu erstellen. (Der Übersichtlichkeit wegen werden die Internetlinks zur Quellenangabe aus dem Il giorno dell'Alto Adige und Alto Adige als Fußnoten angegeben. Bei Korpusbeispielen, die in der quantitativen und qualitativen Korpusanalyse mehrmals genannt werden, wird ab dem zweiten Beispiel auf die Angabe der Quelle verzichtet, sondern lediglich das Erscheinungsdatum angegeben).

3.1.1 Politik

Der Corriere dell'Alto Adige weist mit 100 Germanismen die höchste Anzahl an deutschen Lehnwörtern auf (Personen-, Ortsnamen, sowie Titel von Büchern, Filmen etc. sind hierbei ausgenommen). Die Anzahl der Germanismen beim Alto Adige und Il giorno dell'Alto Adige liegen weiter hinter dem Corriere dell'Alto Adige und sind mit 29 bzw. 27 nahezu identisch.

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Abb. 3: Anteil des politischen Vokabulars in den untersuchten Zeitungen

Anhand der Zahlen lässt sich deutlich erkennen, dass zwar beim Il giorno dell'Alto Adige und Alto Adige, fast die Hälfte der erscheinenden Germanismen aus dem politischen Vokabular entnommen wurde, der Corriere dell'Alto Adige dennoch genauso viel deutschsprachiges Vokabular aus dem Politischen verwendet, wie die anderen Zeitungen zusammen. Für alle Zeitungen gilt jedoch, dass die Bezeichnungen deutschsprachiger Parteien in Südtirol einen wesentlichen Teil des politischen Vokabulars ausmachen, im Alto Adige sogar fast komplett.

(1) Nel merito, va detto, la Volkspartei negli anni passati aveva spesso espressi dubbi sul futuro del Mercato generale. (CdAA, 26. April 2016; S. 6)

[...] Christoph Baur non arriva al ballottaggio, ma con il 16,98% dei voti la Südtiroler

Volkspartei supera il Partito Democratico che si ferma al 15,83%. (IgdAA; 09. Mai 2016[2] )

(2) Uno di loro avrebbe potuto dire come la pensavano gli Schützen. (CdAA 06. Mai 2016, S. 7)

(3) È l’uomo giovane e duro, manco a dirlo, dei Freiheitlichen: un po’ come se da noi Salvini fosse in corsa per guidare il Paese. (CdAA 26. April 2016, S. 1)

(4) E’ questo lo slogan elettorale della Südtiroler Freiheit per le elezioni comunali dell’8 mag
gio a Bolzano. (IgdAA 05. Mai 2016[3] )

(5) Anche l’associazione è schierata per il no al referendum in programma domenica 12 giugno, mentre il Bauernbund, la potente associazione dei contadini sudtirolese, ha deciso di non schierarsi. (AA 31. Mai 2016[4] )

Warum es dennoch interessant ist, diese Wörter auf Gebrauch und Verwendung im Italienischen zu untersuchen, wird im folgenden Kapitel erläutert. Hier spielt insbesondere die Orthographie eine große Rolle. Andere Beispiele für deutschsprachigen Entlehnung aus dem politischen Bereich sind:

(6) Il Landeshauptmann, in vista del paventato aumento dei flussi migratori verso nord e la relativa, […]. (CdAA 27. April 2016, S. 6)

(7) In questa lista i leghisti sono 33, età media bassa, diversi candidati di lingua tedesca, tra cui Rosa Lamprecht, moglie dell’ Obmann dei Freiheitlichen Walter Blaas. (AA 21. April 2016[5] )

(8) Ad annunciarlo, il governatore del land austriaco Tirolo, Günther Platter che aggiunge: […]. (IgdAA 08. April 2016[6] )

(9) Norbert Lantschner, appoggiato da Verdi-Projekt Bozen e Rifondazione comunista. (IgdAA 26. April 2016[7] )

(10) La sconfitta dei partiti di governo è quindi una grande opportunità per definire i rapporti con la Vaterland. (CdAA 26. April 2016, S. 2)

(11) «Funivia San Genesio, nessun diktat » (CdAA 04. Mai 2016, S. 8)

Es stellt sich nun die Frage, weshalb das Italienische im Bereich der Politik so entlehnungsfreudig ist, obwohl im I Grandi Dizionari Sansoni beispielsweise Landeshauptmann als presidente della regione bzw. capo del governo regionale (Macchi 1989: 818) oder l'Obmann mit capo direttore (Macchi 1989: 980) übersetzt wird?

Das Italienische dominiert auf staatlicher Ebene die Politik. In der Lokal- und Landespolitik Südtirols ist das Deutsche dem Italienischen jedoch gleichgestellt bzw. teilweise sogar vorherrschend. Bis 2008 war die Südtiroler Volkspartei (SVP), die sich als Sammelpartei für die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols versteht, die stärkste Partei in der Region und besaß bis dahin die absolute Mehrheit im Südtiroler Landtag. Dementsprechend stellte die SVP auch bisher alle Landeshauptleute in Südtirol (vgl. wikipedia[8] ). Im vorherigen Kapitel haben wir festgestellt, dass die Verwendung einer fremden Fachsprache Entlehnungen in die eigene Sprache auslösen kann. Nach Riedmann handelt es sich bei den politischen Entlehnungen aus dem Deutschen ins Italienische um genau dieses Phänomen: „Die Verwaltungsfachsprache gehört zu jenen Fachsprachen, bei denen Entlehnungen vorgenommen werden müssen. Die zunehmende Bürokratisierung und Rationalisierung […] schafft ununterbrochen neue Begriffe [...].“ (Riedmann 1972: 82). Einige Begrifflichkeiten wie etwa Landeshauptmann und Obmann haben jedoch auch einen historischen Ursprung. Beide genannten Begriffe gehen auf die Zeit zurück, in der die Verwaltung von Südtirol noch Österreich oblag. Bemerkenswert ist, dass der Il giorno dell'Alto Adige und Alto Adige weniger die Bezeichnung Landeshauptmann nutzen, als vielmehr ein italienisches Äquivalent:

(12) Sindaco e assessori comunali si aspettavano grandi cose dall'incontro con il presidente della Provincia Arno Kompatscher l'altro pomeriggio. (AA 21. April 2016[9] )

Während der Corriere dell'Alto Adige ausschließlich Landeshauptmann verwendet. Der Wechsel zwischen der deutschen und italienischen Bezeichnung könnte seine Ursache bei den Autoren haben. Es ist möglich, dass die Redaktionen des Alto Adige und Il giorno dell'Alto Adige keine einheitlichen Vorgaben bei der Verwendung von bestimmten Ausdrücken haben und es somit den Redakteuren freigestellt ist, den deutschen oder italienischen Begriff zu nutzen. Auch die Herkunft bzw. das soziale Umfeld der Redakteure und Autoren könnte ein Grund für den wechselhaften Gebrauch haben. So neigt vielleicht ein Redakteur, der sich mehr im deutschsprachigen Kulturraum bewegt, eher dazu, deutschsprachige Begrifflichkeiten zu verwenden, als ein Redakteur der hauptsächlich im Italienischen integriert ist.

Jedoch werden politische Entlehnungen auch verwendet, um über das politische Geschehen im deutschsprachigen Ausland - also Österreich und Deutschland - aber weniger die Schweiz, zu berichten. So ist in (8) zum Beispiel die Rede von il land austriaco Tirolo, das auf die Österreichische Region Tirol verweist. Andere Wörter in diesem Zusammenhang sind:

(13) [...], durante il semestre di presidenza tedesca, Wolfgang Schäuble presentò al Bundestag, a nome del suo partito, […]. (CdAA 11. Mai 2016, S. 6)

(14) Al primo turno delle consultazioni per la nomina del Bundespräsident, il candidato del Freiheitliche Partei Österreichs (Fpö), Norbert Hofer, ha ottenuto il 36.7% dei voti, […] . (IgdAA 25. April 2016[10] )

Interessant ist, dass beide Ausdrücke ins Italienische übersetzt werden könnten. Für Bundestag wäre das italienische Äquivalent camera bassa oder camera dei deputati (Macchi 1989: 211); Bundespräsident könnte im Italienischen durch presidente della repubblica federale (Macchi 1989: 211) ausgedrückt werden.

Eine naheliegende Erklärung für dieses Vorgehen ist der kulturelle Rahmen, in dem sich das Thema der Berichterstattung bewegt. Für politische Ereignisse in Deutschland und Österreich werden somit die entsprechenden deutschen Begriffe verwendet und nicht die Italienischen. Dieses Phänomen lässt sich aber auch von einer anderen Seite betrachten. Die Verwendung der deutschsprachigen Bezeichnungen könnte auch ein Versuch der Distanzherstellung sein, ähnlich wie Xenismen eine Verfremdung bewirken können. Die italienische Presse könnte somit versuchen, sich rein auf Ebene der Wortwahl von dem kulturellen Rahmen der Ereignisse in Österreich und Deutschland zu distanzieren.

Betrachtet wir die entsprechenden Wörter innerhalb ihres Kontextes näher, so kann festgestellt werden, dass jegliche Kommentierungen, Anführungszeichen oder Hervorhebungen (z.B. durch Kursivschrift) fehlen. Diese Wörter scheinen bereits vollständig in das Italienische integriert zu sein.

3.1.2 Institutionen, Firmen und Vereine

Die mit Abstand häufigsten deutschen Wörter lassen sich der Kategorie Institutionen, Firmen und Vereine zu ordnen. Es lässt sich darüber streiten, ob sich Firmennamen oder Vereine wirklich als Germanismen verstehen lassen oder nicht. Denn sollten diese wirklich als Germanismen interpretiert werden, so müssten aber auch Orts- und Personennamen mit einbezogen werden.

Allerdings zeigen sich bei den Wörtern dieser Kategorie interessante Phänomene, wie die grammatikalische Integration in das Italienische oder die Problematik der Orthographie (auf die später näher eingegangen wird). Daher werden diese Bezeichnungen in die vorliegende Analyse mit einbezogen. Die Kategorie Institutionen, Firmen und Vereine (im Folgenden vereinfacht als Firmen- und Vereinsnamen) lässt sich in allen untersuchten Zeitungen wiederfinden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Anteil Firmen- und Vereinsnamen in den untersuchten Zeitungen

Rein an der Prozentzahl gemessen, besteht der Korpus des Alto Adige fast zur Hälfte ausschließlich aus Firmen- und Vereinsnamen, während es im Corriere dell'Alto Adige und Il giorno dell'Alto Adige noch nicht einmal ein Drittel sind. Gemessen in absoluten Zahlen liegt jedoch der Corriere dell'Alto Adige vorne, was jedoch der Größe dessen Korpus geschuldet ist. Um die Funktion dieses Lehnguts zu bestimmen, müssen einige Beispiele in ihrem Kontext betrachtet werden:

(15) L' Alpenverein, il Cai sudtirolese, lascia libertà di voto ai sui iscritti, ma ribadisce di essere contro l’ampliamento dell’aeroporto di San Giacomo. (CdAA, 15. Mai 2016, S. 1)

(16) << […]. Gli spazi blu sono solo l’inizio di una nuova iniziativa», ha spiegato Leo Tiefenthaler, presidente dell’ Unione Agricoltori e Coltivatori Diretti Sudtirolesi/Bauernbund. (CdAA 26. April 2016, S. 11).

«Le prossime ore saranno decisive per capire se e quanti danni si siano verificati alle colture» spiegano i vertici del Bauernbund. (CdAA 28. April 2016, S.1)

(17) E’ una battaglia senza fine quella della Heimatbund circa la toponomastica italiana a Bolzano e in tutto l’Alto Adige. (IgdAA 25. Mai 2016[11] )

(18) «Su Alperia Reti impegni da rispettare Böhler solo nel 2023» Il Curatorium per i beni pubblici culturali e la sezione di Lana dell' Heimatpflegeverband hanno avviato un'operazione di sensibilizzazione dell'opinione pubblica per sollecitare il Comune a salvaguardare […] . (AA 22. April 2016[12] )

(19) Il cda di Sparkasse ha deliberato di sottoporre all’assemblea dei soci la valutazione di un’eventuale azione di responsabilità nei confronti di ex membri del consiglio di amministrazione. (CdAA 28. April 2016, S. 1)

Fondazione Sparkasse Bergmeister presidente.

La Fondazione Cassa di Risparmio di Bolzano elegge senza intoppi il nuova cda. (CdAA 12. Mai, S.1)

(20) [...], e curiamo la rassegna Arte della Diversità in collaborazione con la Lebenshilfe. (CdAA 6. Mai 2016, S. 13)

(21) L’ex consigliere e presidente del Dachverband si trasforma in imprenditore Farà rivivere l’antica gloria del Köstlan, il birrificio nato in città nel 1853. (AA 21. April 2016[13] )
(22) L’Hgv ha avviato il progetto insieme al “Südtiroler Künstlerbund“ con l’obiettivo di promuovere gli artisti altoatesini. (AA 22. April 2016[14] )

In particolare con l’Orchestra Haydn, da sempre strettamente unita al festival, il Südtiroler Künstlerbund, Brixner Initiative Musik und Kirche, Pauls Sakral, Muri Gries e [...]. (CdAA 27. April 2016, S. 14)

(23) Si può visitare fino al 7 maggio la mostra che inaugura la stagione espositiva della Kunsthalle Eurocenter Lana, Dietro le montagne il mare, curata da il curatore Emmanuel Walderdorff. (CdAA 26. April 2016, S. 13).

I suoi lavori sono stati presentati in mostre personali e collettive presso la Kunsthalle Düsseldorf (2015), la Fondazione Merz, Torino (2014), il Museion, Bolzano (2011) e alla Biennale di Mosca (2009). (AA 22. April 2016[15] )

Ein auffälliges Beispiel für den unterschiedlichen Umgang mit deutschen Vereinsbezeichnungen innerhalb einer Zeitung zeigt sich in (16). Der Corriere dell'Alto Adige berichtet über den (Südtiroler) Bauernbund, einer Vereinigung, welche die Interessen der Südtiroler Bauern vertritt. In der ersten Berichtserstattung wird die italienische Bezeichnung Unione agricoltori e Coltivatori Diretti Sudtirolesi mit dem entsprechenden deutschen Äquivalent kommentiert, in der zweiten Berichtserstattung wenige Tage später wird jedoch nur die deutsche Bezeichnung genutzt. Werden beide Artikel näher betrachtet, so wird festgestellt, dass die Artikel von unterschiedlichen Autoren verfasst wurden und diese die Deutschkenntnisse ihrer Leser unterschiedlich einschätzen. An entsprechenden Stellen wird auf die italienische Übersetzung des Bauernbundes gänzlich verzichtet. Weshalb wird dann jedoch nicht komplett auf die deutsche Bezeichnung verzichtet? Der Südtiroler Bauernbund hat seinen Ursprung im deutschsprachigen Tiroler Bauernbund, der 1904 gegründet wurde. Nach der Abspaltung Südtirols blieb er eigenständig, bis er 1926 durch die faschistischen Kräfte in Italien in den Unione Provinciale degli Agricoltori eingegliedert und nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder eigenständig wurde.

Ähnlich verhält es sich beim Südtiroler Künstlerbund in (22), der ursprünglich als Vereinigung für deutsche und ladinische Künstler gegründet wurde. Hier fällt besonders die Hervorhebung des Künstlerbundes im Alto Adige auf, während dies im Corriere dell'Alto Adige fehlt. Dies könnte als Betonung des Eigennamencharakters verstanden werden.

Dies Beispiel verdeutlicht, wie sehr die Geschichte und das sprachliche Umfeld den Umgang mit dem Lehngut beeinflusst. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Beispielen, wie beispielsweise dem Heimatbund, der die Wiedervereinigung Südtirols mit Österreich anstrebt oder dem Heimatpflegeverband, welcher vor allem das deutsche Kulturgut in Südtirol bewahren möchte. Ein auffälliger Fall zeigt sich auch in (19): Die Südtiroler Sparkasse wurde im 19. Jahrhundert von einem Deutschsprachigen gegründet, weshalb sie ihre deutsche Bezeichnung trägt. Mittlerweile ist die Südtiroler Sparkasse in weitere norditalienischen Provinzen expandiert, weshalb die italienische Übersetzung als Cassa di Risparmiano notwendig wurde. Im zweiten Auszug ist zudem auffällig, dass einmal von der Fondazione Sparkasse als Titel und im Artikel schließlich von Fondazione Cassa di Risparmiano die Rede ist. Da der Ausdruck Fondazione im Titel vorkommt, kann daraus geschlossen werden, dass die Verwendung entweder sprachökonomischen und formatbedingten Gründen folgt, (da die deutsche Bezeichnung wesentlich kürzer ist und Artikelüberschriften Layout bedingt nur eine bestimmte Länge haben dürfen), oder es sich um eine stilistische Motivation handelt und der Begriff Sparkasse die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen soll.

In südtirolesischen Regionen, in denen die deutsche Sprache dominiert, werden auch vermehrt deutsche Bezeichnungen verwendet, wie Beispiel (23) zeigt. Das italienische Pendant zu Kunsthalle lautet galleria dell'arte (Macchi 1989: 805). Im ersten Auszug wird auf die Kunsthalle in der Gemeinde Lana verwiesen. Da die Gemeinde hauptsächlich von Deutschsprachigen besiedelt ist, wird die deutsche und nicht die italienische Bezeichnung verwendet. Gleiches gilt für den zweiten Auszug, der sich auf die Kunsthalle Düsseldorf bezieht.

3.1.3 Wirtschaft und Infrastruktur

Die dritte Kategorie in die sich die vorkommenden Germanismen einteilen lassen ist Wirtschaft und Infrastruktur. Hierunter sind wirtschaftliche Begrifflichkeiten, ebenso vertreten wie Berufe, Verkehr und Konsum. Insgesamt macht das Lehngut aus dieser Kategorie nur einen relativ kleinen Teil des Korpus aus, wie die untenstehende Tabelle beweist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Anteil Wirtschaft und Infrastruktur in den untersuchten Zeitungen

Auch hier lässt sich das meiste deutschsprachige Lehngut im Corriere dell'Alto Adige ausmachen. Insgesamt macht es jedoch nur einen kleinen Teil innerhalb des Korpus aus. In den anderen Medien liegt der Anteil von wirtschaftlichem Lehngut bei etwa zehn Prozent, was angesichts der absoluten Zahlen dennoch sehr gering ist. Kaum ein Wort aus dieser Kategorie taucht in mehr als einer Zeitung auf.

(24) Kaufhaus Benko, ampliamento dell’aeroporto, Virgolo e funivia di San Genesio. (IgdAA 19. April 2016[16] )

Rallenta l’iter legale sul progetto Kaufhaus: il Tar di Bolzano ha accolto la richiesta di rinvio presentata dalla cordata di commercianti locali (CdAA 29. April 2016, S. 1)

(25) I dati migliori in tal senso riguardano i mercati specializzati (i cosiddetti « Fachmarkt ») in cui un commerciante su cinque ha rilevato un aumento della frequenza del passaggio. (CdAA 17. Mai 2016, S. 9).

(26) Depositi bici pubblici coperti e chiusi in punti nevralgici (Parkhäuser) . (IgdAA 2. Mai 2016[17] )

Im Beispiel (25) wird über ein Kaufhaus Benko berichtet. Benko ist der Nachname des österreichischen Investors, der den Bau eines Kaufhauses in der Provinzhauptstadt Bozen plant. Der Corriere dell'Alto Adige berichtet in dem Zusammenhang entweder von Kaufhaus Benko, und referiert damit auf die Herkunft des Investors, oder nur Kaufhaus. Letztes kann so gedeutet werden als ob der alleinige Begriff Kaufhaus reicht, um bei dem Leser Assoziationen mit dem Kaufhaus Benko herzustellen. Dieser Begriff scheint also eindeutig konnotiert zu sein und ist daher eine Eigennamenübernahme. In Beispiel (25) handelt es sich um eine Bedarfsentlehnung aus dem Deutschen, da der italienischen Sprache das Wort Fachmarkt nicht bekannt ist bzw. nicht im Grande Dizionario Sansonsi vorkommt. Um dieses Wort als nicht zugehörig zu kennzeichnen, wird es in die eigene Sprache übersetzt und durch die Anführungszeichen hervorgehoben. Der Bedarf dieses Wortes im Italienischen liegt dem Thema des Artikels zu Grunde. Es wird über die wichtigsten Themen des deutschen Einzelhandels im vergangenen Jahr berichtet, unter anderem der Situation der Fachmärkte. Der Gebrauch des deutschen Worts könnte daher aber auch ein Stilmittel sein, um Authentizität auszudrücken. Die Verwendung des Begriffes Parkhäuser in Beispiel (26) erscheint hingegen weniger deutlich. Bei dem Beispiel handelt es sich um einen Auszug aus einem Programm einer neuen politischen Bewegung in Bozen. Diese Bewegung ist auf die Förderung des Bilingualismus in der Stadt bedacht und fordert unter anderem bilinguale Kindergärten. Auch ihre Präsenz in der Öffentlichkeit ist multilingual. Dies könnte daher ein Grund für die Verwendung des Begriffes Parkhäuser sein. Dagegen spricht jedoch, dass es sich um die einzige deutsche Entlehnung innerhalb des gesamten Artikels handelt. Stünde die Vermittlung der bilingualen Idee der Bewegung im Vordergrund, hätten weitaus mehr deutsche Entlehnungen zu finden sein müssen. Auch eine Bedarfsentlehnung erscheint in diesem Fall eher unwahrscheinlich, da Parkhäuser im Italienischen durch parcheggio a più piani (Macchi 1989: 1007) im Sg ausgedrückt werden (die Pluralform wäre demnach parcheggi). Daher ist die Funktion dieser Entlehnung im Moment nicht eindeutig zu klären. Interessant wäre es, in diesem Fall zu analysieren, ob es ein ähnliches Phänomen im Kontext dieser politischen Bewegung gibt oder sich andere Artikel des Autors genauer anzusehen.

3.1.4 Gastronomie

Die Ergebnisse der Analyse in dieser Kategorie waren besonders auffällig. Gerade in den Bereichen der Gastronomie und Kultur hat der Leser gegenüber deutschen Entlehnungen ins Italienische und umgekehrt das subjektive Empfinden, dass dieser Bereich besonders entlehnungsfreudig sei. Insbesondere da der Tourismus in Südtirol eine der wichtigsten Einnahmequellen ist.

Die Analyse beweist aber das dies für den vorliegenden Korpus nicht der Fall ist. Nur im Corriere dell'Alto Adige und Alto Adige finden sich deutschsprachige Entlehnungen aus diesem Bereich. In absoluten Zahlen liegen die Entlehnungen beim Corriere dell'Alto Adige bei vier und im Alto Adige bei zwei Germanismen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Anteil Gastronomie in den untersuchten Zeitungen

(27) Un noir tragicomico ambientato nella preferia bolzanina. Un Fatto di cronaca nera che ha come epicentro il brattaro, il chiosco dei würstel, strategicamente collocato nel quartiere più popolare. (CdAA 27. April 2016, S. 15)

(28) Brattaro non amour : tre lingue per un titolo solo, anche se «brattaro» non è più un mix di italiano e tedesco, ma la definizione in slang bolzanino del chiosco dove si vendono i bratwurst. (CdAA 28. April 2016, S. 14).

(29) Il birrificio "Köstlan" produrrà birre chiare, scure, Weizen, ma anche birre prodotte con ricette speciali, con ingredienti diversi a seconda della stagione, tra cui castagne e limone. (AA 21. April 2016[18] )

Es ist keines Falls verwunderlich, dass es sich bei den Entlehnungen aus dem Bereich Gastronomie überwiegend um „typisch deutsche” Spezialitäten handelt. Daher ist die Motivation hinter diesen Entlehnungen auch offensichtlich. Für die Bezeichnungen deutscher Spezialitäten gibt es im Italienischen keine eigene Bezeichnung. Insbesondere aufgrund des intensiven Kontakts zwischen der deutschen und italienischen Kultur ist die Entlehnung von Speisen eine logische Konsequenz. Dies gilt natürlich auch für italienische Spezialitäten, die in den deutschen Wortschatz eingewandert sind, wie z.B. die Spaghetti, die Lasagne, das Risotto etc.

Viel erstaunlicher ist das geringe Vorkommen von gastronomischem Lehngut. Dies liegt in diesem Fall an der thematischen Ausrichtung der Presseprodukte, die hauptsächlich im Bereich des Tagesgeschehens liegt und weniger in der Esskultur. In speziellen Gastronomie- und Kochzeitschriften im Südtiroler Raum dürfte die Anzahl von gastronomischen Entlehnungen aus dem Deutschen wesentlich höher sein.

[...]


[1] Die Abkürzung „Lf“ nutzt Schank für den Begriff „Lehnformen“

[2] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=68734

[3] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=68241

[4] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/05/31/news/il-presidente-di-coldiretti-siamo-vicini-a-verona-e-innsbruck-un-aeroporto-a-bolzano-non-serve-1.13574853?refresh_ce

[5] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/21/news/comunali-di-bolzano-la-lega-presenta-i-suoi-33-candidati-1.13337929

[6] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=65772

[7] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=68190

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdtiroler_Volkspartei

[9] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/21/news/su-alperia-reti-impegni-da-rispettare-bohler-solo-nel-2023-1.13340227

[10] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=68112

[11] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=69221

[12] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/22/news/salvate-la-storica-torre-dello-stabilimento-zuegg-1.13345976

[13] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/21/news/dissinger-dalla-politica-alla-birra-artigianale-1.13340166

[14] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/22/news/a-un-artista-di-brunico-il-premio-annuale-dellhgv-1.13345570

[15] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/22/news/la-metamorfosi-sulla-passeggiata-1.13345698

[16] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=65971

[17] http://www.ilgiornoaltoadige.it/?p=68256

[18] http://altoadige.gelocal.it/bolzano/cronaca/2016/04/21/news/dissinger-dalla-politica-alla-birra-artigianale-1.13340166

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Germanismen in der italienischen Presse Südtirols
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
66
Katalognummer
V374247
ISBN (eBook)
9783668516458
ISBN (Buch)
9783668516465
Dateigröße
955 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Italianistik, Germanismen, Südtirol, Sprachkontakt, Mediensprache, Pressesprache, Komparativer Linguistik
Arbeit zitieren
Ivonne Wüsthof (Autor), 2016, Germanismen in der italienischen Presse Südtirols, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374247

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