Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit gründet auf das Werk „Halbe Helden“ , da es kontroverse Diskussionen in Bezug auf die Behinderung einer Figur anregte. Daran anschließende Recherchen stellten heraus, dass die Forschungslage zu dem Thema Behinderung in der Literatur defizitär ist. Studien, die sich mit der Darstellung von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur befassen, stammen aus Zeiten, in denen der Behindertenbegriff grundlegend anders ausgelegt wurde. Diese Beobachtungen gehen mit den Ausführungen Reeses konform, dass in Studien Aspekte wie Integrationsbewegung und Dekategorisierung nicht berücksichtigt werden würden.
Der Analyseteil beschäftigt sich mit zwei Werken, die sich mit geistiger Behinderung befassen – das Werk aus dem Seminar und zusätzlich das mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Werk „Rico Oskar und die Tieferschatten“. Durch die gleiche Thematik, die geistige Behinderung, wird ein direkter Vergleich ermöglicht. Zuvor soll eine Definition von Behinderung – und geistiger Behinderung im Speziellen – und der Forschungsstand zum Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft vorgestellt werden. Hier werden einzelne Studien dargestellt und auf den historischen Wandel des Umgangs mit Behinderung in der Gesellschaft Bezug genommen, um daraus hervorgehend die aktuelle Debatte um Inklusion zu skizzieren. Anknüpfend an diesen historischen Wandel soll die historische Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur thematisiert werden. Damit einher geht die Darlegung der in der Sekundärliteratur vorgefundenen Gründe der Intention der Darstellung von behinderten Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur.
Auch die Ansprüche, die an Kinder- und Jugendliteratur mit dem Thema Behinderung gestellt werden, werden behandelt. Der im Vorhinein aufgebaute theoretische Rahmen dient dazu, die zwei exemplarischen Beispiele in Kapitel vier zu analysieren. Nachdem der Inhalt der beiden Werke kurz wiedergegeben wird, wird der jeweilige Protagonist mit seiner Behinderung vorgestellt und die Darstellung der Behinderung herausgearbeitet. Dabei werden schwerpunktmäßig die Aspekte aufgegriffen, die gute Kinder- und Jugendliteratur mit dem Thema Behinderung ausmachen. Das darauffolgende Kapitel vergleicht und bewertet die beiden Werke. Am Ende dieser Arbeit werden die durch die Analyse gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und diskutiert, ob die Forderung nach Inklusion und andere Intentionen durch Literatur erreicht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geistige Behinderung
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft
2.2.1. Studien zu Einstellungen gegenüber Behinderten
2.2.2. Historischer Wandel des Umgangs mit Behinderung
3. Kinder- und Jugendliteratur
3.1 Historische Entwicklung hin zur Problemorientierung
3.2 Intentionen der Darstellung von behinderten Menschen in KJL
3.3 Ansprüche an KJL mit dem Thema Behinderung
4. Exemplarische Beispiele
4.1 „Rico, Oskar und die Tieferschatten“
4.1.1 Inhaltsangabe
4.1.2. Darstellung Ricos und seiner „Tiefbegabtheit“
4.2. „Halbe Helden“
4.2. Inhaltsangabe
4.2.2. Darstellung Billys und seines Downsyndroms
4.3 Vergleich und Bewertung der beiden Werke
5. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Kindern mit Behinderung in moderner Kinder- und Jugendliteratur. Ziel ist es herauszufinden, welche Intentionen mit dieser Thematisierung verfolgt werden, ob diese Bücher zur Inklusionsförderung beitragen können und wie die Behinderung in den Werken „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ sowie „Halbe Helden“ literarisch umgesetzt ist.
- Analyse der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Behinderung.
- Untersuchung historischer Entwicklungen der Kinder- und Jugendliteratur.
- Erörterung pädagogischer Intentionen und Ansprüche an behindertenspezifische Literatur.
- Vergleichende Analyse der Protagonisten Rico und Billy D. hinsichtlich ihrer Behinderungsdarstellung.
- Beurteilung der Eignung der ausgewählten Werke für Inklusionsprozesse.
Auszug aus dem Buch
4.1.2. Darstellung Ricos und seiner „Tiefbegabtheit“
Das Besondere an diesem Werk ist, dass Steinhöfel die Ich-Perspektive von Rico wählt. Dadurch kann er seine Gefühle und Gedanken wiedergeben. Eine Identifizierung fällt dem Leser durch diese Perspektive leichter. So äußert Rico nach dem Einkaufen, als er wieder auf dem altbekannten Rückweg ist: „Ich war sehr froh in diesem Moment. Ich fühlte mich sicher“ (S. 29). Ebenfalls lässt er den Protagonisten über seine Angst, sich zu verirren (vgl. S. 89) und seine Furcht vor der Rettung Oskars (vgl. S. 117) sprechen. Oft benutzt Steinhöfel bildliche Sprache, um die Gedanken Ricos anschaulicher zu beschreiben: als er von Oskars Entführung hört, fliegen seine Gedanken „in [s]einem Kopf wild durcheinander, wie aufgescheuchte Hühner, hinter denen einer mit dem Hackebeil her ist“ (S. 139). Steinhöfel erwähnt in diesem Zusammenhang, dass er versucht habe, die Erzählzeit in dem Werk zu verlängern, um den Schwerpunkt auf die emotionale Ebene zu legen (vgl. Steinhöfel in: Busche, 2014, S. 4). Dass Rico anders ist, erfährt man nicht zwischen den Zeilen, sondern ohne Beschönigung am Anfang des Buches:
„Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. An meinem Gehirn liegt es nicht, das ist ganz normal groß. Aber manchmal fallen ein paar Sachen raus, und leider weiß ich vorher nie, an welcher Stelle. Außerdem kann ich mich nicht immer gut konzentrieren, wenn ich etwas erzähle. Meistens verliere ich dann den roten Faden, jedenfalls glaube ich, dass er rot ist, er könnte aber auch grün oder blau sein, und genau das ist das Problem. In meinem Kopf geht es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel.“ (S. 11)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Inklusion und die Darstellung von Kindern mit Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur ein und formuliert das Erkenntnisinteresse anhand der gewählten Werke.
2. Geistige Behinderung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Behinderung und beleuchtet den gesellschaftlichen Umgang damit sowie den historischen Wandel, unterfüttert durch sozialpsychologische Studien.
3. Kinder- und Jugendliteratur: Hier werden die historische Entwicklung problemorientierter Literatur sowie die Intentionen und spezifische Qualitätsansprüche für die Darstellung behinderter Protagonisten dargelegt.
4. Exemplarische Beispiele: Der Analyseteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Halbe Helden“ und führt einen direkten Vergleich der Darstellungsweisen durch.
5. Zusammenfassung und Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und diskutiert, wobei die Eignung der Literatur zur Inklusionsförderung und zur Reflexion gesellschaftlicher Normen hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Kinder- und Jugendliteratur, geistige Behinderung, Inklusion, Integrationspädagogik, Vorurteilsbildung, Problemorientierung, Identifikation, Rico Oskar und die Tieferschatten, Halbe Helden, Behindertenbild, Dekategorisierung, soziale Teilhabe, literarische Analyse, Downsyndrom, Tiefbegabtheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen mit geistiger Behinderung in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur dargestellt werden und ob diese Werke als Medium für Inklusion und den Abbau von Vorurteilen fungieren können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von geistiger Behinderung, den historischen Wandel des gesellschaftlichen Behindertenbildes sowie die Entwicklung und Funktion problemorientierter Kinder- und Jugendliteratur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach den Intentionen hinter der Darstellung behinderter Protagonisten in der Literatur und untersucht, ob diese Intentionen – wie etwa die Förderung von Inklusion und Verständnis – durch die gewählten literarischen Beispiele erreicht werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse und einen vergleichenden Analyseteil, der theoretische Grundlagen und Ansprüche an die Literatur auf zwei exemplarische Kinder- und Jugendbücher anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die theoretische Herleitung von Anforderungen an eine inklusive Literatur, gefolgt von einer detaillierten Analyse und dem Vergleich der Werke „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ sowie „Halbe Helden“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kinder- und Jugendliteratur, Inklusion, geistige Behinderung, Integrationspädagogik sowie durch die Namen der analysierten Romane und deren spezifische Thematiken wie Dekategorisierung geprägt.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Behinderung in den beiden analysierten Büchern?
Während in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ die Ich-Perspektive des behinderten Kindes den Fokus auf dessen Innenwelt und Gefühle legt, nutzt „Halbe Helden“ die Perspektive eines nichtbehinderten Mentors, um gesellschaftliche Vorurteile und Ausgrenzungsmechanismen kritisch zu spiegeln.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Inklusionskraft der untersuchten Werke?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass beide Werke die Behinderung realistisch und ohne problemschwere Stigmatisierung darstellen und somit einen wertvollen Beitrag zur Inklusion leisten können, da sie Kinder früh und vorurteilsfrei mit dem Thema konfrontieren.
- Arbeit zitieren
- Anna Baer (Autor:in), 2017, Kinder mit Behinderung als Thema in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374444