Die italienische Gesellschaft der Moderne


Seminararbeit, 2005
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Überlegungen zur italienischen Gesellschaft

2. Die Sozialstruktur Italiens
2.1 Einige Definitionen der Begriffe „Klasse“, „Schicht“ und „Stand“
2.2. Veränderungen und Konstanten im soziostrukturellen Aufbau Italiens
2.2.1 Industrielle Revolution und miracolo economico als Einschnitte in die italienische Sozialstruktur
2.2.2 Italiens soziale Klassen und Schichten
2.3 Theorien zur heutigen Gesellschaft
2.3.1 Die polarisierte Klassengesellschaft
2.3.2 Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft
2.3.3 Die Gesamtgesellschaft aus segmentierten Teilgesellschaften

3. Italien als europäische Gesellschaft

4. Literaturverzeichnis

1. Überlegungen zur italienischen Gesellschaft

Mailänder Modeschau oder Palermos Mafiastrukturen, Tourismuszentren an der italienischen Adria oder historisch anmutender Latifundienanbau in Kalabrien. Nur einige der Schlagworte wie diese lassen ein sehr facettenreiches Bild des heutigen Italiens vor dem geistigen Auge erscheinen. Starke Gegensätze zwischen dem hochentwickelten, industrialisierten Norden, der sich im „Speckgürtel“ Europas befindet, und dem Mezzogiorno, den Regionen des Südens mit hoher Arbeitslosigkeit und Rückständigkeit in weiten Bereichen, sind offensichtlich.

Lässt diese weit verbreitete Schwarz-Weiß-Vorstellung auf eine uneinheitliche Gesamtgesellschaft schließen? Oder existiert in Italien möglicherweise gar nicht „die“ Gesellschaft? Muss man die italienische Bevölkerung vielmehr als mehrere Gesellschaften in einem Land betrachten?

Die folgende Arbeit versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, in dem sie verschiedene sozialwissenschaftliche Sichtweisen der italienischen Gesellschaft gegenüberstellt.

Im ersten Teil werden dazu grundlegende Begriffe der Sozialstrukturanalyse definiert, „Klasse“, „Schicht“ und „Stand“ als elementare Bereiche der Betrachtung werden aus dem Blickwinkel verschiedener Theoretiker beleuchtet. „Klasse“ unterlag im Laufe der Geschichte von Marx bis zur modernen Soziologie einem tiefgreifenden begrifflichen Wandel. Auch die späteren Schichtungsansätze und deren Definition variieren deutlich untereinander.

Anschließend an diese begrifflichen Klärungen werden empirische Daten zur italienischen Sozialstruktur präsentiert. Vor allem jüngste Veränderungen in Klassen und Schichten zwischen dem miracolo economico und der heutigen Situation sollen berücksichtigt werden.

An diese Darstellung soziostruktureller Daten schließen sich Überlegungen zu den Eingangsfragen an. Verschiedene Gesellschaftsmodelle werden im Bezug auf die Situation Italiens diskutiert. Die Konzepte „Polarisierte Klassengesellschaft“ der Neomarxisten, Schelskys „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ und „segmentierte Teilgesellschaften“ nutzen verschiedene Annahmen, um ihre Gesellschaftsideen zu untermauern.

Den Schluss der Arbeit sollen einige Anmerkungen zum europäischen Gedanken bringen. Italien, als ein Gründungsmitglied der EU (EG), ist seit einem halben Jahrhundert in den Prozess der europäischen Integration eingebunden. Färben diese politischen Bemühungen auch auf die Gesellschaft ab? Anders gesagt, ist die Betrachtung einer nationalen Gesellschaft im heutigen (EU-)Europa antiquiert und zeigt sich die italienische Gesellschaft als Teil der „europäischen“ Gesellschaft?

2. Die Sozialstruktur Italiens

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Sozialstruktur Italiens, also dem „Verhältnis verschiedener Positionen der (italienischen, eigene Anmerkung) Gesellschaft“ (Andorka 2001, S.126), wobei diese „Positionen von einzelnen Personen bzw. Gruppen eingenommen“ werden (Andorka 2001, S.126).

Nach einigen Begriffsklärungen werden konkret einzelne akkumulierte Positionen, also soziale Klassen und Schichten Italiens, dargestellt und im Rahmen der genannten Gesellschaftsentwürfe analysiert.

2.1 Einführung in die Begriffe „Klasse“, „Schicht“ und „Stand“

Um eine Sozialstrukturanalyse vorzunehmen, ist es sinnvoll, die Positionen der Sozialstruktur, die untersucht werden soll, genauer zu definieren.

Positionen umfassen „Vermögenslage“, „Platz in der Arbeitsteilung“, „Verfügung über knappe materielle Güter“ (Andorka 2001, S.127), also hauptsächlich ökonomische Kriterien. Positionen werden wiederum in Kategorien eingeteilt.

Für Kategorien haben verschiedene Soziologen unterschiedliche Begriffe wie Klasse, Schicht, Stand und Gruppe eingeführt, die teilweise Überschneidungen aufweisen oder synonymisch verwendet werden.

Ein Grundbegriff zur Kategorisierung von Positionen ist „Klasse“. Ursprünglich von Marx und Engels eingeführt, hat dieser Begriff bis heute in der Sozialstrukturanalyse große Bedeutung.

Unter Klassen sollen allgemein „Gruppierungen mit konträren Interessen verstanden werden, die auf ungleichen materiellen Lebensbedingungen und Machtstellungen beruhen, welche sich ihrerseits aus untergeordneten bzw. überlegenen Stellungen im Produktionsprozess ergeben“ (Hradil 1987, S.60).

Marx beschränkt seine Analyse auf zwei Hauptklassen:

„Eine herrschende Klasse von Nichtproduzenten entzieht einer unterdrückten Klasse von Produzenten Mehrarbeit (...) In diesem Verhältnis der Ausbeutung und der Herrschaft gründen die antagonistischen, d.h. widersprüchlichen Interessen von Klassen.“ (Kerber 1984, S.282)

Weber dagegen spricht von der Existenz zahlloser Klassen:

„Wir wollen da von einer Klasse reden, wo 1. einer Mehrheit von Menschen eine spezifische Komponente ihrer Lebenschancen gemein ist, soweit 2. diese Komponente lediglich durch ökonomischen Güterbesitz und Erwerbsinteressen, und zwar 3. unter den Bedingungen des (Güter- oder Arbeits-)Marktes dargestellt wird.“ (Hradil 1987, S.62f)

Trotzdem definiert er nur vier soziale Klassen, bei denen eine „Gesamtheit derjenigen Klassenlagen (vorliegt, eigene Anmerkung), zwischen denen ein Wechsel a) persönlich, b) in der Generationenfolge leicht möglich ist (...)“ (Hradil 1987, S.63). Konkret benennt er die „Arbeiterschaft“, das „Kleinbürgertum“, die „besitzlose Intelligenz/ Fachgeschultheit“ sowie die „Klasse der Besitzenden und durch Bildung Privilegierten“ (Hradil 1987, S.63).

Als moderne Definition sei an dieser Stelle noch auf Anthony Giddens hingewiesen. Dieser konkretisiert drei Klassen in der Gesellschaft, die „besitzende Oberklasse“, „die qualifizierte Mittelklasse“ und die „handarbeitende Unterklasse“. Diese differieren durch „unterschiedlichen Besitz, Qualifikation und physische Arbeitsfähigkeit“, mit denen wiederum „unterschiedliche ökonomische Marktmacht“ und somit „Auf- und Abstiegschancen“ einhergehen (Hradil 1987, S.66).

Auffällig beim Klassenbegriff ist der eindimensional ökonomische Bezug, der per Definition zum Konflikt aufgrund der Ungleichheit in der Ausstattung mit Produktionsmitteln oder Kapital führt. Ökonomische Ungleichverteilungen in der Arbeitswelt führen zur Herausbildung der Klassen.

Der Schicht begriff dagegen versucht weniger, eine bestimmte vorliegende Struktur in ihrem Prozess zu analysieren. Er beschreibt das vorliegende soziostrukturelle Muster, arbeitet somit vorrangig deskriptiv.

Unter Schichtung versteht man „die vertikale Differenzierung der Makrostruktur eines sozialen Systems“ (Kerber 1984, S.401). Die Differenzierung wiederum stellt sich dar als „Zusammenfassung von Individuen mit ähnlichen Merkmalen, die soziologisch relevant sind“ (Kerber 1984, S.401). Im Unterschied zum Klassenbegriff erfolgt die Einteilung mehrdimensional, nicht nur ökonomische Kriterien spielen eine Rolle, zahlreiche weitere Komponenten wie Alter, Konfession und Status werden berücksichtigt.

Eine allgemeine Definition bietet Hradil: „Das Schichtkonzept beschreibt (...) soziale Gruppierungen, denen bestimmte Lebensbedingungen im Sinne vertikal abgestufter Vor- und Nachteile gemeinsam sind, und die im Zusammenhang hiermit bestimmte soziokulturelle Eigenheiten (Mentalitäten, Verhaltensweisen etc.) besitzen, welche (...) eine Schicht anderen Schichten über- bzw. unterordnen“ (Hradil 1987, S.73).

So konzentriert sich der Begriff auf die Reihenfolge oder Hierarchisierung der verschiedenen Schichten in einer Gesellschaft, er unterteilt in „oben“, dort befindet sich in den meisten Überlegungen die Elite, und „unten“, der Ort der Arbeiterschicht oder segregierter Minderheiten.

Der „Stand“ ist eine Art der Schichtung einer Gesellschaft, benutzt zuerst im Begriff „Ständegesellschaft“ des vorindustriellen Zeitalters. Die Zuordnung zu einem Stand erfolgte gemäß klar festgelegten Kriterien, vor allem Geburt und Beruf, wobei „jeder Stand über eine eigene traditional orientierte Subkultur, einen Lebensstil [verfügt], der die Gruppenmitglieder bindet und den Stand von anderen Ständen abhebt“ (Fuchs-Heinritz 1995, S.739f).

Max Weber griff den Ständebegriff auf und setzt ihn bewusst von der ökonomisch definierten Klasse ab: „jede typische Komponente des Lebensschicksals von Menschen, welche durch eine spezifische, positive oder negative, soziale Einschätzung der ´Ehre` bedingt ist, die sich an irgendeine gemeinsame Eigenschaft vieler knüpft“ (Hradil 1987, S.74). Prestige, Lebensstil, Art der Herkunft und andere Elemente können solche „Einschätzungen“ beeinflussen.

Ein sehr bekanntes Schichtmodell entwarf Theodor Geiger. Darin bemüht er sich darum, „Gruppierungen mit lagetypischen Mentalitäten“ (Hradil 1987, S.76) aufzuspüren. Die Klassenlage ist für Geiger ein Spezialfall der sozialen Schichtung aus drei Lagen, die „kapitalistische“, „mittlere“ und „proletarische Lage“ (Hradil 1987, S.76), die er durch „Berufs- und Einkommensdifferenzierungen“ weiter untergliedert. So ermittelt Geiger fünf Schichten für Deutschland: „Kapitalisten“, „alter Mittelstand“, „neuer Mittelstand“, „Proletaroide“ und „Proletarier“ (Hradil 1987, S.77).

Moderne mehrdimensionale Schichtungsansätze greifen neben kulturellen und politischen Elementen wie Prestige und Macht wieder stärker auf ökonomische Kriterien zurück, „objektive Lebensumstände“ und „äußere Lage“ (Hradil 1987, S.85) gewinnen entscheidende Bedeutung für die Zuordnung zu einer Schicht. Alle zuvor erwähnten Dimensionen sind für eine Schichtzuordnung relevant, allerdings schwankt ihre Bedeutung je nach Theoretiker. Macht und Vermögen stehen meist im Vordergrund, periphere Dimensionen sind zum Beispiel bei Lenski „Rasse“ und „Alter“ (Andorka 2001, S.136).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die italienische Gesellschaft der Moderne
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Vergleichende europäische Landeskunde
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V37466
ISBN (eBook)
9783638367998
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Diskussion der soziologisch-theoretischen Frage: Welche Gesellschaftsstruktur weist Italien auf? Aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung des Seminars auch interessant für Romanisten, Lehramt Italienisch usw. im Rahmen der landeskundlichen Ausbildung.
Schlagworte
Gesellschaft, Moderne, Vergleichende, Landeskunde
Arbeit zitieren
Juliane Hack (Autor), 2005, Die italienische Gesellschaft der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37466

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