Vergleich der Methodologien der Netzwerkanalyse und der Soziologie der Konventionen anhand des Praxisbeispiels Migration


Seminararbeit, 2017
18 Seiten, Note: 2,0
Bianca Siebenaller (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Netzwerktheorie
2.1. Theoretische Grundlagen
2.2. Methodologie

3. Soziologie der Konventionen
3.1. Theoretische Grundlagen
3.2. Methodologie

4. Anwendung auf das Praxisbeispiel Migration
4.1. Anwendung der Netzwerkanalyse
4.2. Anwendung Soziologie der Konventionen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Täglich wandern Menschen aus oder flüchten aus ihren Heimatländern in andere Länder oder Kontinente, darunter viele mit dem Ziel Europa. Die Zuwanderung stellt die Aufnahmeländer vor politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen.[1]

Der politische Diskurs und zahlreiche, darunter auch aufgeheizte Diskussionen des Themas und die Betitelung „Flüchtlingskrise“ seit dem Jahr 2015 von offizieller Seite in Europa deutet auf die besondere Brisanz des Themas hin. Julian Nida-Rümelin argumentiert in der Cicero Ausgabe Mai 2017 folgendermaßen für die Untergrabung der Staatlichkeit durch Zuwanderung:

„[...] Politische Gestaltungskraft ist Voraussetzung kollektiver Autonomie, diese gerät jedoch in Konflikt mit einer Praxis offener Grenzen. Das gilt für die Globalisierungs­dynamiken im Zeichen entfesselter globaler Finanz- und Warenmärkte ebenso wie für den globalen Arbeitsmarkt. Eine ungebremste Mobilität von Kapital, Waren und Menschen würde Staatlichkeit erodieren lassen und die Politik zum bloßen Standortfaktor degradieren. [.. .]“[2]

Die Ursachen für die Wanderungen sind vielfältig: Manche kommen aus familiären Gründen beispielsweise des Familiennachzugs, andere wiederum suchen nach Arbeit, einer guten Ausbildung oder einem Studium und sehen ihre wirtschaftlichen Chancen in den Ankunftsländern besser gestellt und manche fliehen aus Gründen politischer Verfolgung und Unterdrückung.[3]

Der kurze Exkurs zeigte die Aktualität und Relevanz des Themas Migration und Flucht auf. Der anschließende Absatz geht auf das grundlegende Forschungsinteresse dieser Arbeit ein.

Ziel ist ein methodologischer Vergleich der Netzwerktheorie und der Soziologie der Konventionen. Zuerst werden die theoretischen Grundlagen beider Theorien dargestellt und anschließend der methodologische Standpunkt herausgearbeitet. Abschließend wird anhand des Praxisbeispiels der Migration der methodologische Rahmen verglichen und ein Fazit gezogen.

2. Netzwerktheorie

Als Hauptvertreter der Netzwerkanalyse gilt Harrison C. White. 1955 promovierte er in Massachusetts in theoretischer Physik bevor er sich im Anschluss der Soziologie zuwandte und 1960 auch in diesem Fachbereich in Princeton promovierte. Sein Werk „Identity and Control“, das 1992 in der Erstfassung erschien, gilt als eines der Basiswerke der neuen Netzwerkanalyse.[4] Zur Popularisierung der Netzwerkanalyse steuerte u.a. sein Doktorand Mark Granovetter bei.[5]

2.1. Theoretische Grundlagen

Der Netzwerkforschung mangelte es lange Zeit an einer theoretischen Grundlage. Die Forschung folgt einer „strukturellen Intention“. Mittlerweile vermögen einige Wissenschaftler der Problematik des mangelnden theoretischen Grundverständnisses entgegen zu kommen.[6] Das Ziel von Whites Ansatz ist eine „mathematische Modellierung sozialer Strukturen“[7], die er hauptsächlich als Muster verschiedener Relationen versteht.[8]

„The two primitives of the theory are identities and control, the former being triggered into efforts at the latter by contingencies which bridge physical and social. “[9]

Eine Grundidee Whites ist, dass das soziale Geschehen von einer fundamentalen Unsicherheit geprägt ist, die nicht aufgelöst werden kann, sondern immer nur auf andere Ebenen transformiert wird.[10] Diese soziale Unsicherheit wird durch kurzfristig haltbare Stabilisierungen vom Ringen der Identitäten um Kontrolle und Handlungssicherheit versucht zu überwinden.[11]

Die Beziehungen zwischen den Akteuren manifestieren sich durch die Stories und damit auch in den verschiedenen „Types of Tie“.

Ein Netzwerk besteht aus Knoten, den Akteuren, bei denen es sich um Personen, als auch nicht menschliche Akteure, wie Institutionen handeln kann und deren Verbindungen zueinander. Die Verbindungen zwischen den Knoten werden als Kanten dargestellt. Entscheidend sind die Dichte des Netzes und die Position eines Knotens innerhalb dieses Netzes. Die Zentralität eines Knotens kann über die Anzahl seiner direkten Verbindungen zu anderen Knoten gemessen werden.[12] Darüber hinaus ist für die Zentralität entscheidend, wie viele indirekte Verbindungen ein Knoten besitzt, als auch wie oft er sich auf dem kürzesten Weg zwischen anderen Akteuren befindet. Daraus lassen sich die Zentralität, die Kontaktfähigkeit, die Kontrolle und der Einfluss des Akteurs ablesen.[13] Unterschieden wird zusätzlich die Art der Beziehung (Types of Tie), die zwischen den einzelnen Akteuren besteht. Hier sind beispielsweise zu nennen, ob man in einem gemeinsamen Arbeitsverhältnis zueinander steht, eine tief-greifende Freundschaft zueinander pflegt oder sich nur flüchtig kennt. In der Netzwerkanalyse wird in diesen Fällen von „Strong Ties“ und „Weak Ties“ gesprochen.

Besondere Bedeutung kommt den „Weak Ties“ zu. Granovetter postulierte an dieser Stelle die Stärke schwacher Bindungen und hebt deren besondere Bedeutung hervor.[14] Die Idee ergibt sich aus der Redundanz enger Beziehungen. Akteure, die eine enge Bindung im Netz zueinander haben und damit über ein ähnliches Netzwerk verfügen, sind transitiv und vermitteln häufiger nur redundante Informationen.[15] Granovetter stellte außerdem die Bedeutung von „Brücken“ heraus. Dabei handelt es sich um eine Verbindung, die die einzige Kopplung sonst völlig unverbundener Netzwerke darstellt.[16]

Eine weitere Schlüsselrolle kommt folglich den „Brokern“ innerhalb struktureller Löcher zu, die insbesondere Ronald Burt schilderte. Mit dem Begriff der strukturellen Löcher erweiterte Ronald Burt die Ausarbeitung Granovetters zu schwachen Bindungen. Das Konzept des strukturellen Lochs befasst sich mit der Unerreichbarkeit der Akteure im Netzwerk untereinander. Dem Akteur, der es nun schafft, sich als vermittelnder Dritter zwischen die sonst unverbundenen Netzwerke zu stellen, kommen spezielle Kontrollmöglichkeiten zu. Ihm gelingt es, durch seine Position im Netz an Informationen und Ressourcen zu gelangen, die andere Akteure nicht erhalten können. Diese Rolle kann jedoch auch ins Negative umschlagen und eine Rolle „zwischen den Stühlen“ darstellen.[17]

Harrison White konstituiert Netzwerke als phänomenologische Wirklichkeiten, die sinnhaft konstituiert sind. Das eigentliche Substrat von Netzwerken bezeichnet White als „Stories“, die die Beziehungen zwischen Akteuren darstellt. Darin werden u.a. Interessen der einzelnen Akteure deutlich und die daraus resultierenden widerstreitenden Perspektiven, die Rollenkonflikten oder der doppelten Kontingenz bei Luhmanns Systemtheorie ähneln.[18] Soziale Strukturen bestehen für ihn aus Netzen, „Kategorien“ und dem „kulturellen Rahmen“. Daraus resultieren die in seiner Theoriearbeit verwendeten Begriffe „Catnets“, „Disciplines“ und „Netdoms“.

Kategorien fasst White als eine Menge von Akteuren, die sich in einer spezifischen Weise ähneln. Diese sind wiederum in ganze Kategoriensysteme eingebettet.[19] Aus dieser Annahme heraus wächst das Konstrukt der „Catnets“ (categorical networks). Dabei handelt es sich um ein intern stark verdichtetes Netzwerk, bestehend aus den Akteuren einer Kategorie, die relativ wenige Beziehungen nach außen aufweisen.[20]

Ein besonderer Teil der Annahmen Whites ist die strukturelle Äquivalenz. Hierunter wird verstanden, dass strukturell äquivalente Akteure ähnliche Beziehungsprofile besitzen.[21]

Unter dem zentralen Begriff „Netdom“ fasst er das Konzept, das die Verbindung zwischen Beziehungen und Geschichten beschreibt, zusammen. Demnach ist jedes Netzwerk mit einer Domäne kultureller Formen verbunden.[22]

Der Begriff der Sozialbeziehung ist bei White eng an den Begriff der „Stories“ geknüpft. Demnach wird eine Beziehung durch die an sie geknüpften Erzählungen bestimmt. Folglich sind Beziehungen auch an Domänen von Sinnformen wie Werte, Regeln und Normen gebunden.

Aus den Stories ergeben sich dann schließlich auch die verschiedenen „Types of Tie“, die die Akteure miteinander verbindet, die Gegenstand der Blockmodellanalyse sind.

2.2. Methodologie

Traditionell bedient sich die Netzwerkanalyse der quantitativen Methoden, allerdings gibt es vielseitige Bestrebungen den Ansatz mit qualitativen Methoden zu ergänzen. Weiterführend gaben Betina Hollstein und Florian Straus den Sammelband „Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen“ im Jahr 2006 heraus, der auch von Rainer Diaz-Bone rezensiert wurde.22[23]

Zum ersten Schritt der Netzwerkanalyse, der Abgrenzung des zu betrachtenden Netzwerks, hat sich Harrison C. White in seinem Erstlingswerk zur Netzwerkanalyse nicht geäußert. Andere Autoren wie Dorothea Jansen schlagen vor, ein Netzwerk beispielsweise durch Gemeinsamkeiten, wie das Besuchen ähnlicher Veranstaltungen, Organisations- oder Gruppengrenzen, geographische Grenzen oder auch Eigenschaften zu betrachten.[24] Diese Herangehensweise dürfte allerdings kaum im Sinne Whites sein, da hier bereits Vorannahmen über das bestehende Netzwerk getroffen werden und es dadurch einen Teil seines induktiven Charakters verlieren würde. Daher bleibt die Methode zur Abgrenzung des Netzwerks vorerst ungeklärt.

Es werden also standardisierte Fragebögen entworfen, mit denen man die relationalen Daten erheben kann. Diese enthalten Fragen über alle Möglichkeiten der Beziehungstypen der im Netzwerk befindlichen Akteure.

Zur Auswertung der relationalen Daten entwickelte Harrison White zusammen mit seinen Kollegen die Blockmodellanalyse. Die Vorgehensweise dieses Verfahrens beruht auf der Identifizierung strukturell äquivalenter Akteure.

Zur adäquaten Untersuchung von Netzwerkstrukturen werden hier mittels des CONCOR-Algorithmus „Blöcke“ strukturell äquivalenter Akteure identifiziert.[25] Das Kriterium Akteure zu einem Block zusammenzufassen besteht aus der Ähnlichkeit seiner Beziehung zu anderen Blöcken. Die beste Zusammenfassung steht nicht von Beginn an fest und es existiert auch kein vorab festgelegtes Kriterium, nach dem das Netz geordnet wird, sondern wird erst während der Analyse durch die Äquivalenz der relationalen Daten gefunden. Daher wird von einem induktiven Verfahren gesprochen. Je nach Verwendung eines anderen Algorithmus kommt das Verfahren zu unterschiedlichen Zusammensetzungen der Blöcke.[26] Wie zusammengefasst wird, hängt von den verschiedenen Algorithmen ab. Was jedoch allen Algorithmen gemeinsam ist, ist, dass sie die Blöcke durch die Abwesenheit von Beziehungen ermitteln. Diese Blockmodelle werden über die verschiedenen „Types of Tie“ hinweg entwickelt und haben die Aufgabe, diese verschiedenen Beziehungsarten in ein Modell zu integrieren.[27]

Die standardisierte Befragung ist ein adäquates Mittel, um an die relationalen Daten zu gelangen, die die Grundlage für die weitere Forschung darstellen. Herangezogen werden außerdem relationale Daten aus bereits existenten Datenbanken wie Social Networks.

Die Blockmodellanalyse ist im Sinne Whites eine sinnvolle Methode, da man mit ihr das Substrat der Netzwerkanalyse, nämlich die Types of Tie, durch die Identifizierung äquivalenter Akteure ermitteln kann.

Die Netzwerkanalytiker grenzen sich deutlich vom methodologischen Individualismus ab. Die Interdependenz und die Relationalität der Akteure werden in den Vordergrund gestellt.

[...]


[1] Vgl. bpb: Flucht, http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/flucht/.

[2] Vgl. Nina-Rümelin, Julian: Zur Legitimität von Grenzen., in: Cicero 05/2017, S.44-48.

[3] Vgl. Bundesministerium des Innern: Migration und Integration. http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Migration- lntegration/Zuwanderung/zuwanderung_node.html;jsessionid=7CED14E481802B7A4D2DB24C9E3C4A BF.l cid364

[4] Vgl. Fuhse, Jan/Schmitt, Marco: Zur Aktualität von Harrison White. Einführung in sein Werk, Wiesbaden 2015, S. 9f.

[5] Vgl. ebd.S.17.

[6] Vgl. ebd. S.l.

[7] Ebd. S. 29.

[8] Vgl. ebd.

[9] White, Harrison: Identity and Control, Princeton 1992, S.16.

[10] Vgl. Fuhse, Jan: ebd. S.64.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Holzer, Boris: Netzwerktheorie., in: G. Kneer/M. Schroer: Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2013, S. 256.

[13] Vgl. ebd. S.257.

[14] Vgl: Beckert, Jens: ebd., S. 292.

[15] Vgl: Holzer, Boris: ebd., S. 258.

[16] Vgl: Beckert, Jens: ebd. S.298.

[17] Vgl. ebd. S. 298-300.

[18] Vgl. ebd. S. 266f.

[19] Vgl. Fuhse, Jan/Schmitt, Marco: ebd., S.31.

[20] Vgl. ebd. S.32.

[21] Vlgl.ebd.S.35.

[22] Vgl. ebd. S. 105.

[23] Vgl. Diaz-Bone, Rainer (Rev.): Hollstein, Betina/Straus, Florian: Qualitative Netzwerkanalyse: Konzepte, Methoden, Anwendungen, Wiesbaden 2006, in: Historival Social Research 33, 4, S.311-343.

[24] Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse, Opladen 2003, S. 71ff.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd. S. 38.

[27] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Methodologien der Netzwerkanalyse und der Soziologie der Konventionen anhand des Praxisbeispiels Migration
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V374721
ISBN (eBook)
9783668521056
ISBN (Buch)
9783668521063
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methoden, Methodologie, Soziologie, Soziologie der Konventionen, Netzwerkanalyse, Harrison C. White, französische Sozialwissenschaften, Moderne Theorien, Luc Boltanski, Laurent Thévenot
Arbeit zitieren
Bianca Siebenaller (Autor), 2017, Vergleich der Methodologien der Netzwerkanalyse und der Soziologie der Konventionen anhand des Praxisbeispiels Migration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/374721

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