Hitler-Karikaturen im Simplicissimus. Historischer Kontext und Motive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Hitler-Karikatur im Simplicissimus
II.l. Der Aufstieg Adolf Hitlers in den Karikaturen des Simplicissimus
II. 1.1. Die Anfänge in den Jahren 1923 bis 1925
I.1.2. Der Weg zur Machtergreifung 1930-1933
II.2. Charakteristische Topoi und Motive in der Hitler-Karikatur des Simplicissimus
II.2.1. Antisemitismus
II.2.2. Hitler als Lyriker
II.2.3. Hitler der Trommler

III. Schluss

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
IV.1. Quellenverzeichnis
IV.2. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Wichtigkeit der politischen Karikatur fur die Polarisierung der öffentlichen Mei­nung scheint auch den Nationalsozialisten schon sehr bewusst gewesen zu sein. Das zeigt sich an der Veröffentlichung „Hitler in der Karikatur der Welt 1924-1939“[1] [2], in der Karikaturen aus aller Welt abgebildet wurden und zunächst die Intention des Karikatu­risten dargelegt wird, um schließlich den implizierten Angriff auf Adolf Hitler durch entsprechende Auslegung der historischen Entwicklungen zu widerlegen. Nicht selten lässt dabei die Interpretation der Karikaturen zu wünschen übrig, um im relativierenden Licht der „Tatsache“ die Aussagen der Karikaturisten als falsch und verworren darzu­stellen.

In der vorliegenden Arbeit werden nun verschiedene ausgewählte Hitler-Karikaturen aus der sogenannten „Kampfzeit“ der NSDAP, die in der Münchner Zeitschrift „Simplicissimus“ abgedruckt wurden, genauer betrachtet, die bereits von Zeitzeugen wie Klaus Mann als „ungeheuer scharf und oft sehr witzig[en]“ sehr treffend beschrie­ben wurden. Dabei soll in einem ersten Schritt der grobe historische Rahmen anhand der Karikaturen nachvollzogen werden, in dem diese entstanden; dabei wird der histori­sche Kontext nur insoweit hergestellt als er für das Verständnis der karikaturistischen Anspielungen von Bedeutung ist. Der erste Teil soll also im Dienste einer synchronen Betrachtung der Hitler-Karikatur des Simplicissimus stehen, während der zweite Teil der vorliegenden Arbeit versucht, aus dem mannigfaltigen Bildmaterial charakteristi­sche Topoi und Motive der Hitler-Karikatur im Simplicissimus herauszuarbeiten. Hier soll es also vorwiegend um eine diachrone Perspektive gehen und das Bildmaterial zu bestimmten zeitlichen Sequenzen betrachtet werden.

II. Die Hitler-Karikatur im Simplicissimus

Bei der Betrachtung der Hitler-Karikaturen im Simplicissimus findet man bestätigt, was auch schon Franz Schoenberner - ehemaliges Redaktionsmitglied des Simplicissimus - in einem Rückblick einleitend feststellte: „Wenn man die Jahrgänge des Simplicissimus von 1923 bis 1933 durchblättert, kann man Hitlers Laufbahn Schritt für Schritt verfol- gen.“ Somit soll in einem ersten Schritt der grobe historische Kontext - also die Lauf­bahn Adolf Hitlers - anhand einiger ausgewählter Karikaturen nachvollzogen werden, in dem die Karikaturen Hitlers entstanden. In einem weiteren Schritt werden schließlich aus den Karikaturen der Jahre 1923 bis 1933 charakteristische Topoi und Motive her­ausgearbeitet.

11.1. Der Aufstieg Adolf Hitlers in den Karikaturen des Simplicissimus

In diesem ersten Abschnitt soll anhand einer synchronen Betrachtungsweise der Weg Adolf Hitlers bis zur „Machtergreifung“ anhand ausgewählter Karikaturen aus dem Simplicissimus nachvollzogen werden.

11.1.1. Die Anfänge in den Jahren 1923 bis 1925

Die erste Karikatur, in der sich der Simplicissimus mit der Person Adolf Hitlers ausei­nandersetzt, wurde am 28. Mai 1923 unter dem Titel „Wie sieht Hitler aus?“ veröffent­licht. Thomas Theodor Heine - einer der Mitbegründer der Münchner Satirezeitung - versucht in zwölf Bildern seinen Lesern in Berlin, die anscheinend keine Vorstellung von der Person haben, ein Bild Hitlers zu entwerfen. Die ersten elf Bilder illustrieren allesamt Fragen nach Aussehen und Physiognomie Hitlers. Das erste Bild ist wohl dem Umstand geschuldet, dass sich Hitler anscheinend äußerst kamerascheu verhielt.[3] [4] Die folgenden zehn Bilder zeigen Extreme der Gesichtsphysiognomie, die allesamt keinerlei Ähnlichkeit mit Adolf Hitler ausweisen. Erst das zwölfte Bild liefert dem neugierigen Leser eine Antwort auf die Frage, wie Hitler aussieht, wobei diese Antwort - wie auch der Bildunterschrift zu entnehmen ist - eigentlich keine ist. Das Bild zeigt, wie nur ein „Futurist“ Hitler darzustellen in der Lage ist: Neben Hakenkreuzen, einem Bierkrug, einem Revolver, einem Dolch, einer Steckrübe, einem Rutenbündel, einer blitzenden Gewitterwolke und der Mütze des deutschen Michels, sowie einem allsehenden Auge und einem Judenstern, zeigen sich im Hintergrund schemenhaft die Türme der Münch­ner Frauenkirche. All diese Elemente sind scheinbar zufällig im zwölften Bild zusam­mengeführt und machen dort einen sehr düsteren und unheilvollen Eindruck. Auffällig ist auch das untere rechte Viertel des Bildes: Dort ist eine skizzierte Menschenmenge zu erahnen, die von links nach rechts anschwillt und sich unter einer gezackten Linie vom restlichen - eher dunkel gehaltenen - Bild absetzt. Die Bildunterschrift liefert als Erklä­rung, warum lediglich ein Futurist dazu in der Lage ist, Hitler abzubilden: „Hitler ist überhaupt kein Individuum. Er ist ein Zustand.“[5]

Die platte Interpretation, es gehe hierbei lediglich um das Aussehen Hitlers, drängt sich zwar auf, greift wahrscheinlich aber zu kurz. Wenngleich auch der Berliner Leser des Simplicissimus Hitler nicht mit eigenen Augen gesehen zu haben scheint, so war sich Heine jedoch durchaus bewusst, wie die Person, die er karikierte, wirklich aussah.[6] Ge­rade das letzte Bild macht deutlich, dass sich diese Karikatur vielmehr auf die politi­schen Inhalte bezog, die Hitler in den Bierkellern propagierte. So steht der Dolch sicher­lich für die „Dolchstoßlegende“, die Hitler - wie viele Anhänger der politischen Rechtskreise auch - als Waffe gegen die Weimarer Reichsregierung ins Feld führte.[7] [8]

Der Bierkrug steht wohl sinnbildlich für den „örtlichen Bierkelleragitator“ Hitler, der damals seine Reden noch zumeist in Bierhallen hielt; somit ist der Bierkrug - der von sich aus schon mit Bayern verbunden ist - ebenso ein lokales Kennzeichen wie die Türme der Münchner Frauenkirche. Das Hakenkreuz steht sicherlich für den National­sozialismus und seine antisemitische Ideologie, die in dem Judenstern noch einmal auf­gegriffen und unterstrichen wird. Das Auge, das aus der Gewitterwolke herausspäht und scheinbar Alles beobachtet, steht wohl sinnbildlich für die antisemtisch propagierte jü­dische Weltverschwörung; dies begründet sich aus der, schon um 1920 weit verbreite­ten, Akte der „Weisen von Zion“, die vor allem in antisemitischen Kreisen allgemein bekannt war.[9] All diese Symbole, die in einer willkürlichen scheinbar chaotischen An­ordnung in diesem Bild vereinigt wurden, beziehen sich also eher auf die Redeinhalte Hitlers, als auf sein tatsächliches Aussehen. Somit ist drängt sich der Schluss auf, dass der Karikaturist illustrieren möchte, dass anscheinend niemand weiß, was Hitler eigent­lich politisch zu erreichen versucht, sich aber dennoch - zumindest suggeriert das die skizzierte Menschenmenge im rechten unteren Bildviertel[10] - zunehmender Begeiste­rung und Zuspruchs erfreut.[11]

Neben den Redeinhalten Hitlers wurden jedoch auch Symbole verwendet, die auf einen anderen Umstand verweisen könnten. Das Rutenbündel, das aus dem Bierkrug heraus­ragt, und der Revolver könnten symbolisieren, dass die republikfeindlichen Kampfver­bände - wie bspw. die SA - die Straßen terrorisierten und jegliche Opposition durch Repression zu unterbinden versuchte. Somit würden diese beiden Elemente die Mittel darstellen mit denen die NSDAP versuchte, ihre Ziele durchzusetzen.

Es scheint also für den Karikaturisten weniger das Problem bestanden zu haben, dass er das Aussehen Hitlers nicht kannte; vielmehr stellte sich für ihn die Frage nach den kon­kreten politischen Zielen Hitlers. In dieser Karikatur findet sich die Einschätzung Hit­lers bestätigt, der in seiner Anfangszeit eben weniger Politiker sondern mehr Redner - oder wie er selbst von sich behauptete „Trommler und Sammler“[12] - war, dem es ge­lang, „(...) die verbreitete Stimmung (...) auszunutzen, um mit sozialdarwinistischen völkischen Dogmen, nationalistischen Beschwörungen und Schuldzuweisungen ebenso einfache wie vermeintlich ganzheitlich-schlüssige Erklärungen und Problemlösungen anzubieten.“[13]

Auf diese erste Karikatur Hitlers im Simplicissimus folgte eine beinahe einjährige Pau­se, in der Hitler nicht mehr in den Karikaturen auftauchte. Erst am 17. März 1924 tauch­te er wieder im Simplicissimus auf, diesmal jedoch zum ersten Mal auf der Titelseite. Anlässlich des Hitler-Prozesses wurde eine Karikatur Erich Schillings unter dem Titel „Der Hitler-Prozeß oder Wie Kahr das Vaterland gerettet hat“[14] veröffentlicht. Zum ersten Mal wird hier Hitler in einer Karikatur als Person dargestellt und zugleich in ei­nen Zusammenhang mit bekannten Personen der Politik gesetzt.

Zu sehen ist eine Räuberleiter bestehend aus drei Personen, die vor dem Hintergrund der Frauenkirche des Nachts versuchen, ein Gebäude in Flammen zu setzen, dessen Tor in den Reichsfarben schwarz-weiß-rot bemalt ist. Vom rechten Bildrand eilt der typische bayerische Schutzmann herbei, der von der untersten Person mit den Worten, die sich in der Bildunterschrift finden, herbeigerufen wurde: „Schutzmann, verhaften Sie sofort den Brandstifter da oben!“[15] Die Identifizierung der an der Räuberleiter beteiligten Per­sonen ist teilweise recht eindeutig: die unterste Person stellt einwandfrei als Gustav Rit­ter von Kahr dar; dies ergibt sich auch schon aus der Bildüberschrift und der in diesem Kontext stehenden Bildunterschrift. Aber auch das Aussehen der gezeichneten Person passt genau zu dem parteilosen bayerischen Ministerpräsidenten. Die oberste Person der Räuberleiter ist zweifelsfrei Hitler, der mit verzücktem Blick gen Sternenhimmel und einer Fackel in der Hand versucht, das Gebäude in Brand zu stecken. Das Hakenkreuz, das - in ein rotes Herz gefasst - auf dem Mantel Hitlers prangt, weist ihn als glühenden Verehrer des Nationalsozialismus ebenso aus wie als Mitglied der NSDAP. Nicht zu­letzt wird die Person durch Frisur und Bart kenntlich gemacht und untermauert daher den Schluss, dass es sich hierbei um Hitler handelt. Als etwas problematischer hingegen erweist sich die Identifikation der Person in der Mitte der Räuberleiter, die mit gezück­tem Säbel etwas verwundert oder erschrocken nach unten auf Kahr blickt. Bei dieser Person könnte es sich entweder um Erich Ludendorff oder um Otto Hermann von Lossow handeln. Ludendorff könnte in diese Karikatur als Schirmherr der „Vereinigten Vaterländischen Verbände“[16] Eingang gefunden haben, aber auch durch seine aktive Beteiligung am Putschversuch wäre zu erwarten, dass er in dieser Räuberleiter mit dar­gestellt wurde. Allerdings passt die Physiognomie und Attributierung der dargestellten Person nur schwer auf Ludendorff. Zwar verweist der gezückte Säbel direkt auf das Militär - und damit auch auf Ludendorff - allerdings fehlen der mittleren Person der für Ludendorff typische Bart und die Pickelhaube. Stattdessen ist die Person bartlos und mit Leutnantsmütze versehen. Unter Berücksichtigung der Ansicht, dass Ludendorff dem Hitler-Putsch wohl eher als „geistige Galionsfigur“[17] gedient hatte, erscheint Lossows Rolle als ranghöher Militär, der im Zusammenhang mit dem - von der Reichsregierung befohlenen - Verbot des „Völkischen Beobachters“ mit der Weimarer Reichsregierung gebrochen hatte, wesentlich bedeutsamer. Dies gilt umso mehr, da er als bayerischer Landeskommandant der Reichswehr für die Planung des Hitler-Putsches eine wichtige Rolle spielen musste; obgleich er dieses Amtes im Oktober 1923 bereits durch Friedrich Ebert enthoben worden war.[18] Es erscheint in diesem Zusammenhang also wahrschein­licher in dieser Karikatur Kahr, Lossow und Hitler zu vermuten, die jeder für sich einen Bruch mit der Reichregierung herbeigeführt hatten und deren Einverständnis und Teil­nahme am Putsch - wenn auch im Falle von Kahr und Lossow nur zeitweilig - nachweisbar waren.

Besonders interessant an dieser Karikatur ist vor allem, dass die bisher politisch Aktiven - also Kahr und Lossow - die Basis bilden und Hitler dabei helfen, sich als Brandstifter in Szene zu setzen. Gerade die Körperhaltung, die der karikierte Hitler einnimmt, er­weckt den Eindruck, er wolle sich im Licht des leuchtenden Hakenkreuzes besonders gut in Szene setzen. Das passt vor allem auch auf Hitlers Bemühen, die Anklagebank für seine Propagandazwecke zu nutzen und sich selbst als Hauptverantwortlichen der Umsturzpläne hochzustilisieren.[19] Auch damals wurden Kahr und Lossow schon als Mitschuldige wahrgenommen, die erst nachdem sie realisiert hatten, dass die Pläne für sie in eine falsche Richtung gingen, den gesamten Staatsstreich zum Scheitern brachten. Dies trifft besonders für Kahr zu, dem mit der Bildunterschrift das Herbeirufen des Schutzmannes in den Mund gelegt wird. Es erscheint demnach ganz so, als ob Kahr, auf dessen Rücken die Brandstiftung überhaupt zu Stande kommt, nun versucht durch die Verhaftung des offensichtlichen Täters - also Hitlers - selbst ungestraft davonzukom­men. Obwohl er - durch seine eigenen Staatsstreichpläne - die Brandstiftung Hitlers erst ermöglich bzw. beschleunigt hatte.[20]

Mit dem gescheiterten „Marsch auf Berlin“ befasste sich auch die Ausgabe des Simplicissimus, die am 1. April 1924 erschien. Hier findet sich Hitler auf der Titelseite und damit im Rampenlicht der satirischen Betrachtungen des Blattes. Thomas Theodor Heine illustriert hier, wie sich Hitler wahrscheinlich das Ende seines Putsches vorge­stellt hat. Über der Bildunterschrift „Hitlers Einzug in Berlin“[21] präsentiert sich Hitler hier ganz in der Tradition siegreicher römischer Feldherrn bei einem Triumphzug. Mit dem Feldherrnstab in der Hand reitet er auf einem weißen Pferd seinem Triumphzug durch das Brandenburger Tor, das sich im Hintergrund schemenhaft abzeichnet, voran. Er ist umgeben von schwarz-weiß-roter Beflaggung, die auch mit einem Hakenkreuz versehen ist. Ihm voraus eilend ist eine barbusige, blond gelockte Dame dargestellt, die voller Inbrunst in eine Fanfare bläst. An einer am Pferd befestigten Kette führt Hitler - scheinbar als „Beute“ seines Feldzuges - Reichspräsident Friedrich Ebert. Eine Putte hält einen goldenen Kranz - aufgrund der antiken Anleihen kann hier wohl auf einen Eichenlaubkranz geschlossen werden - über den Kopf des Triumphators, während zu dessen linker ein Ritter mit dem Wappen des Deutschritterordens und einem Reichsad­ler auf dem Helm stolz eine Fahne hochhält.[22] Am linken Bildrand wird eine am Boden liegende Person von einem germanisch wirkenden Mann in roter Toga - vielleicht eine Anspielung auf die römischen Prätorianer - festgehalten, der sein Schwert bereits ge­zückt hat. Der fragende Blick des vermeintlichen Leibwächters geht zu Hitler. Da die Gestaltung und Attributierung des am Boden liegenden Mannes ganz ähnlich der Fried­rich Eberts ist, liegt der Schluss nahe, dass es sich hierbei auch um einen Anhänger der Weimarer Reichsregierung handelt. In jedem Fall erscheint das Schicksal dieser Person abhängig von der persönlichen Gnade Hitlers.

Wie auch in der Veröffentlichung „Hitler in der Karikatur der Welt 1924-1939“ treffend erkannt wurde, wird in dieser Karikatur Hitlers „Marsch nach Berlin“ als „törichter Ap­rilscherz“[23] dargestellt - das wird schon durch die Bildüberschrift deutlich. Das tagesak­tuelle Geschehen bestätigt diese Annahme, da am 1. April 1924 die Urteile im Hitler­Prozess verkündet wurden, durch die Hitler und weitere Mitangeklagte zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurden. Durch die zu erwartende Verurteilung Hitlers - sichere Gewissheit konnte die Redaktion des Simplicissimus zum Veröffentlichungszeitpunkt noch nicht haben - machte Hitlers Wunsch von einem „Marsch nach Berlin“ nach dem Vorbild Mussolinis „Marsch nach Rom“ zwangsläufig zu einer lächerlichen Vorstel­lung. Allerdings könnte hier noch mehr angesprochen sein, da es Hitler im Verlauf des Prozesses immer mehr gelang, die Anklagebank für seine Propagandazwecke zu nutzen - mit dem Erfolg, dass die Verurteilten des „Hitler-Prozesses“ im Anschluss an die Ur­teilsverkündung von einer Menschenmenge in der Blutenburgstraße lautstark bejubelt wurden. Letzteres konnte die Redaktion zwar nicht wissen, jedoch stellt das nur den zeitweiligen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die Hitler in den Rang eines „nationalen Märtyrers“[24] erhob.[25] Die Karikatur scheint also höchst ambivalent zu sein: auf der ei­nen Seite der törichte Wunsch siegreich in Berlin einzuziehen, auf der anderen Seite jedoch die bittere Wahrheit, dass Hitler selbst seine Verurteilung wegen Landesverrates in einen scheinbaren Triumph verwandelte.

Während Hitler in Festungshaft in Landsberg saß, mussten sich zwangsläufig auch die Karikaturisten anderen Inhalten widmen. Erst am 31. August 1925 - also beinahe ein­einhalb Jahre später - tauchte der spätere Diktator wieder auf einer Titelseite des Simplicissimus in einer Karikatur Erich Schillings wieder auf.[26] Unter der Überschrift „Gestern noch auf stolzen Rossen ...“ wird Hitler als vagabundierender Buchhändler gezeigt, der - wie sich aus dem Bildhintergrund erschließen lässt - wieder die Bierkeller aufsucht, allerdings nicht um wieder Reden zu halten, sondern um das Buch „Mein Kampf“, das er in der Festungshaft geschrieben hatte, feil zu bieten. Der Erfolg bei dem dargestellten Verkaufsversuch scheint jedoch auszubleiben, da die angesprochene Per­son, die - aus der Physiognomie und Attributierung geschlossen[27] - ein Bayer ist, ledig­lich anmerkt: „Zwölf Mark kosť dees Büchl? A bissl teier, Herr Nachber ... Zündhölzeln ha’m S‘ koane??“ Hitler, der in der Kleidung genauso gehalten ist, wie seine mutmaßliche Kundschaft, hält in der linken Hand „Mein Kampf“ und in der rech­ten ein Buch mit der Aufschrift „Hitlers Reden“. Um den Bauch Hitlers ist eine Art Bauchladen geschnallt, in dem sich noch weitere Bücher befinden - es ist anzunehmen, dass es sich hierbei um weitere Ausgaben der beiden angebotenen Bücher handelt. Hit-

[...]


[1] Hitler in der Karikatur der Welt 1924-1934. Mit Kommentaren aus dem Dritten Reich. Darmstadt 1973.

[2] Klaus Mann: Der Simplicissimus, in: Das Neue Tagebuch 9/1937, S. 214.

[3] Franz Schoenberner: Im Kampf gegen Hitler. Der Simplicissimus zu Beginn der dreißiger Jahre, in: Literatur in Bayern - Sonderheft Simplicissimus, S. 17.

[4] Monika Peschken-Eilsberger: Thomas Theodor Heine. Der Herr der roten Bulldogge - Biographie, Bd. 2. Leipzig 2000, S.99.

[5] Simplicissimus 28/9, pag. 107.

[6] vgl. Peschken-Eilsberger: Heine, S. 106f.

[7] s. Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik (OGG 16). München 72009, S. 38f.

[8] Ian Kershaw: Hitler 188 9-1936. Aus dem Englischen von Jürgen Peter Krause und Jörg Rademacher. München 2002, Seite 217.

[9] Kershaw: Hitler, S. 199.

[10] Die ansteigende Zick-Zack-Linie unter der sich die skizzierte Menge abzeichnet, könnte als statistische Kurve aufgefasst werden, welche die ansteigende Zuhörer- und Anhängerschaft Hitlers symbolisiert.

[11] Kershaw: Hitler, S. 199 ff. und 217.

[12] Rudolf Pechel: DeutscherWiderstand. Erlenbach/Zürich 1947, S. 280; Kershaw: Hitler, S. 217.

[13] Wolfgang Benz: Der Aufbruch in die Moderne. Das 20. Jahrhundert, in: Gebhardt. Handbuch der deut­ schen Geschichte (Bd. 18). Stuttgart 2010, S. 46.

[14] Simplicissimus 28/51, pag. 621.

[15] Ebd.

[16] Kolb: Weimarer Republik, S. 54f.

[17] Kershaw: Hitler, S. 269.

[18] Kolb: Weimarer Republik, S. 55; Ursula Büttner: Weimar die überforderte Republik 1918-1933, in: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte (Bd. 18). Stuttgart 2010, S. 425-427; Walter Bern­ecker: Europa zwischen den Weltkriegen 1914-1945 (.Handbuch der Geschichte Europas, Bd.9). Stuttgart 2002, S. 53.

[19] Kershaw: Hitler, S. 269; Kolb: WeimarerRepublik, S. 113; Büttner: Weimar, S. 428.

[20] Kershaw: Hitler, S. 269-273.

[21] Simplicissimus 29/1, pag. 1.

[22] Auf der Zeichnung ist nicht erkennbar, ob es sich tatsächlich um eine schwarz-weiß-rote Flagge oder um eine rot-weiß-rote Fahne handelt. In letzterem Falle wäre in der Karikatur noch eine Anspielung auf Hitlers österreichische Wurzeln versteckt. Demnach könnte jedoch auch der Helm des Ritters mit einem österreichischen Adler geschmückt sein.

[23] Hitler in der Karikatur, S.6.

[24] Kolb: Weimarer Republik, S. 113. Die Veröffentlichung „Hitler in der Karikatur der Welt 1924-1934“ unterstreicht dieses propagierte Märtyrertum, indem behauptet wird, Hitler würde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikatur bereits in Festungshaft sitzen, während im Simplicissimus über ihn gespottet wird (s. Hitler in der Karikatur, S. 6).

[25] Kolb: WeimarerRepublik, S. 113f.; Büttner: Weimar, S. 428; Kershaw, S. 269-273.

[26] Simplicissimus 30/ 22, pag. 313.

[27] Vor allem Kopfform und Bart zeichnen den Bayern in Karikaturen besonders charakteristisch aus. Hinzukommen die üblichen Attribute wie Masskrug und Dackel, die allesamt auf bayrisches Personal schließen lassen.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Hitler-Karikaturen im Simplicissimus. Historischer Kontext und Motive
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
HS Bilderwelten
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V375139
ISBN (eBook)
9783668525375
ISBN (Buch)
9783668525382
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hitler-karikaturen, simplicissimus, historischer, kontext, motive
Arbeit zitieren
LAss Thomas Kaffka (Autor), 2010, Hitler-Karikaturen im Simplicissimus. Historischer Kontext und Motive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375139

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