Das mittelalterliche Leben auf Island anhand des "Book of the Icelanders" von Ari Thorgilsson


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Besiedlung Islands
2.1 Die Gesetzgebung
2.2 Die Einteilung in Viertel
2.3 Die Besiedlung Grönlands

3 Die Christianisierung Islands

4 Die Armen- und Altenfürsorge

5 Konklusion

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wie sah das Leben im Mittelalter auf Island aus? Welche Grundsteine wurden für die heutige Gesellschaft gelegt? Wovon ernährten sich die Isländer? All das möchte ich mithilfe von Quellen und Sekundärliteratur herausfinden und erarbeiten. Das Book of the Icelanders von Ari Thorgilsson, welches um 1125 geschrieben wurde, scheint gut geeignetes Quellenmaterial zu sein, da der Bestand an weiterer, vergleichbarer Literatur äußerst begrenzt ist. Das Book of the Icelanders (isl.: Íslendingabók) beinhaltet Überlieferungen über die Besiedlung Islands, die Errichtung einer Gesetzgebung und der Aufteilung des Landes in Viertel, der Jahresberechnung, der Besiedlung des benachbarten Grönlands und der Christianisierung Islands. Zu beanstanden ist allerdings, dass die Besiedlung der nordatlantischen Insel auf die 870er Jahre datiert ist[1] und eben dieses Geschehnis sowie andere bedeutende Ereignisse, zum Zeitpunkt der Aufzeichnung bereits ungefähr um die 80 oder sogar schon 300 Jahre zurückliegen. Die Christianisierung hatte bereits drei bis vier Generationen überdauert, bis Ari sie in dem Book of the Icelanders niederschrieb.[2] Diese Generationen gewährleisten die Oral History; die Geschichte wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben um ihre Erhaltung zu gewährleisten. Isländische Schriftquellen, gab es zu der Zeit der Besiedlung Islands noch nicht. Schriftlichkeit entstand erst im Jahre 1000 mit der Christianisierung.[3] Erste Handschriften des Book of the Icelanders sind aus dem 17. Jahrhundert erhalten, die Abschriften allerdings sollen von einer um 1200 entstanden Tradition stammen.[4] Aufgrund der massiven zeitlichen Spanne zwischen Original und Kopie wird der Wert dieser Quelle von vielen Historikern als zweifelhaft eingestuft und für „einen buchgewordenen Gründungsmythos“ gehalten.[5] Die Erzählungen sind allesamt aus dem kollektiven Gedächtnis entstanden und bis in die Gegenwart rekonstruiert worden. Allerdings haben die Isländer ein weiteres Werk geschaffen, dass ihren Entstehungsprozess dokumentieren soll: Das Landnámabók.[6] Es fällt ebenfalls unter den Begriff des Gründungsmythos, verfügt hingegen aber über gravierende Ähnlichkeiten zu seinem Bruder dem Íslendingabók. Entstehungsgeschichte sowie die Datierungen stimmen in den wesentlichen Zügen überein.[7] Spätere archäologische Funde aus den 80er Jahren können bestätigen, dass der Zeitpunkt der Besiedlung als korrekt überliefert wurde.[8] Anders verhält es sich mit der Zusammensetzung der Bevölkerung des frühen Islands: In beiden Werken wird von irischen Mönchen berichtet, die vor den Norwegern auf Island gelebt und aufgrund deren Eintreffen die Inseln auch freiwillig wieder verlassen haben sollen.[9] Junge genetische Untersuchungen fanden allerdings heraus, dass der Anteil der Kelten auf Island weitaus größer war, als die Überlieferungen berichten.[10] Doch die immigrierten norwegischen Familien aus guter Abstammung bildeten die führende Schicht und verfolgten das Ziel selbstständig die Isländische Identität zu prägen und zu bilden.[11] Bei der Verwendung einer Quelle muss selbstverständlich stets auf den Wert und den Zweck einer Aussage geachtet werden. Dass die aus Norwegen stammende Regierung wollte, dass die Entstehungsgeschichte die Skandinavier als die Gründungsväter der heutigen unabhängigen Republik verbucht, ist nicht überraschend. Trotz aller Kritik an dem Book of the Icelanders und seiner Kategorisierung als Gründungsmythos, liefert uns kein anderes Werk so viel Aufschluss über das Isländische Leben. So lange unterschieden wird zwischen gewollt manipulierter und tatsächlicher Überlieferung, kann das Íslendingabók als Quellenwissen verwendet werden.

2 Die Besiedlung Islands

Laut dem Book of the Icelanders kamen die Norweger im Jahre 870 nach Island. Norwegen stand unter der Herrschaft von Harald Schönhaar (engl.: Harald the Fairhaired).[12] Ob die Norwegischen Familien nach Island übersetzten um das Gebiet nordwestlich der Färöer-Inseln zu erkunden oder vor dem Regime ihres Königs flüchteten ist umstritten. Die Flora und Fauna Islands bestand aus Wäldern und Bergen und war demnach nicht besonders fruchtbar. Die bereits erwähnten irischen Mönche werden ebenfalls erwähnt. Laut der Quelle wünschten diese nicht mit den Norwegern zusammenleben, weshalb sie Island freiwillig wieder verließen:

„Then Christian men whom the Norsemen call Popes were here; but afterwards they went away, because they did not wish to live here together heathen men, and they left behind Irish books, bells and crooks. From this could be seen that they were Irishmen.”[13]

Es fällt schwer zu glauben, dass die Irischen Mönche freiwillig Island verließen. Hätten sie dies getan, hätten sie vermutlich nicht ihre Relikte dort gelassen. Zum anderen ist bekannt, dass die Norweger heidnisch waren, als sie Island erreichten. Um blutige Glaubenskämpfe zu verschweigen, wurde den Iren ein freiwilliges Abziehen nachgesagt. Nach der ersten Besiedlung folgten viele Norweger dem Beispiel der Pioniere und setzten nach Island über. Die Emigration aus Norwegen muss so groß gewesen sein, dass der König eine Gebühr von fünf Unzen veranlassen ließ, die jeder zahlen musste der das Land verlassen wollte.[14] Dass die Norweger freiwillig die genannte Summe zahlten, um in ein unbekanntes neues Land aufzubrechen, spricht für eine grausame Regentschaft des Königs Harald, vor der die Bevölkerung zu fliehen versuchte. Spätere isländische Sagen, die im 13. Und 14. Jahrhundert entstanden, bestätigen diese Annahme:

„In den Tagen Harald Schönhaars wurde der größte Teil Islands besiedelt, weil die Leute seine Unterdrückung und seine Gewaltherrschaft nicht erduldeten, besonders die, die aus bedeutendem Geschlecht und von stolzer Gesinnung waren und in guten Verhältnissen lebten. Und sie wollten lieber ihren Landbesitz verlassen, als Angriff und Ungerechtigkeit zu erdulden weder durch den König noch durch andere.“[15]

Trotzdem ist heute bekannt, dass König Haralds Tyrannei nicht die entscheidende Rolle der Emigration gespielt hat. Fakt ist, dass es sein Ziel war seine Herrschaft über Norwegen hinaus zu expandieren. Zudem gab es schon vor seiner Amtszeit als König Auswanderungswellen aus Norwegen und zum anderen kamen auch andere Auswanderer aus benachbarten skandinavischen Ländern.[16] Es stimmt allerdings, wie auch in der Quelle überliefert, dass es sich um Norweger „von stolzer Gesinnung“ handelte. Andererseits hätten diese niemals die Möglichkeit gehabt die Voraussetzungen für eine Überfahrt nach Island zu erfüllen, wie ein Schiff, Verpflegung und die Kosten für das Verlassen Norwegens. Laut weisen Männern, deren Namen nicht näher erläutert werden, wurde Island innerhalb von 60 Wintern, sprich 60 Jahren, vollständig besiedelt und keine weiteren Emigranten hielten auf der Insel Einzug.[17]

2.1 Die Gesetzgebung

Das Parlament Islands (isl.: Alþingi) wurde 930 von dem Konsul Ulfjots gegründet. Vor der Gründung hatten in Kjalarness Volksversammlungen stattgefunden. Diese wurden von Thorstein gehalten und von Stammesführern besucht.[18] Thorstein schien eine hohe Position inne zu haben. Er war der Sohn von Ingolf dem Siedler (engl.: Ingolf the Settler) und Vater von Thorkel Moon dem Rechtssprecher (engl.: Thorkel Moon the Lawspeaker).[19] Da sein Vater als „Der Siedler“ bezeichnet wurde, liegt die Annahme nahe, dass er einer der ersten war, der das Land von Kjalarness besetzte. Durch Thorsteins Position als Vorsitzender der Volksversammlungen, wurde sein Sohn zum Rechtssprecher ernannt. Durch die Gründung des Parlaments lösten sich die Volksversammlungen auf. Es wurden andere Austragungsorte und andere Rechtssprecher ernannt. Als Örtlichkeit wählten die Isländer Cols Kluft (engl.: Col’s Cleft).[20] Die Kluft wurde nach einem gewissen Col benannt, dessen Leiche in eben der gleichen Kluft gefunden wurde. Es war nicht sicher, ob es sich bei dem verstorbenen Col um einen freien Mann oder einen Sklaven handelte. Sicher ist aber, dass er ermordet wurde von Thorir Cropbeard,[21] dessen Enkel Thorwald Crop-beard in Estjaford seinen Bruder Gunnar in dessen Haus einsperrte und verbrennen ließ.[22] Ob die Familie um Cropbeard wirklich diese Gräueltaten begangen hatte, oder ob man all dies nur 200 Jahre später seiner Familie nachsagte ist fragwürdig. Schließlich wurden auch die Iren wann immer es nötig war in Sagen für Unordnung und Verbrechen auf Island verantwortlich gemacht, obwohl es „für eine größere Population […] keine archäologischen Belege“ gegeben hat,[23] zumal laut dem Gründungsmythos die Kelten nach dem Auftreten der Norweger die Insel wieder verlassen haben. Demnach lässt sich vermuten, dass größere Verbrechen allesamt einer einzigen Familie nachgesagt wurden, um die Kriminalitätsrate der Isländer im Vergleich klein zu halten. Cols Kluft wurde zu einem öffentlichen Ort ernannt, zudem durfte das Parlament dort zu seinem eigenen Nutzen und umsonst Holz hacken und auf der Heide war genug Weideland um dort Pferde zu halten.[24] Die gute Akustik in der Kluft machte sie zusätzlich zu einem geeigneten Ort für die Versammlungen.[25] Das Parlament wurde 60 Jahre nach der Besiedlung Islands aufgestellt. Laut dem Book of the Icelanders war die Insel auch nach 60 Jahren vollkommen besiedelt. Es ist schwer zu sagen, ob die Einrichtung des Parlaments zufällig in dasselbe Jahr fällt oder ob man aufgrund der bis dahin stetig gestiegenen Bevölkerungszahl, die Notwendigkeit einer solchen Institution erkannte. Immerhin war der Mord an Col der Gründung vorausgegangen. Ein bis zwei Jahre bevor Island als voll besiedelt galt, starb auch der Norwegens König Harald.[26] Dies könnte ein weiterer Grund für die stagnierende Anzahl der Immigranten sein, die Tyrannei, die man Harald nachsagte war beendet, sowie sein Vorhaben über Norwegen hinaus zu expandieren. Die vier Rechtssprecher, die bekannt sind, waren nach der Gründung des Parlaments Hrfan, Sohn von Haeng dem Siedler (engl.: Haeng the Settler) und nach ihm Thorarin Raga-brother, Sohn von Oleif Hjalti. Beide hatten das Amt zwanzig Jahre inne.[27] Thorkel Moon, Sohn von Thorstein, war danach fünfzehn Jahre Rechtssprecher. Thereupon Thorgeir Thorkelsson verübte das Amt siebzehn Jahre lang.[28] Aufgrund dieser Information ist zu erkennen, dass das Amt des Rechtssprechers alle fünfzehn bis zwanzig Jahre erneuert wurde. Dass der Rechtssprecher allerdings nach dem Ablauf solch einer Periode neu gewählt wurde halte ich allerdings für sehr unwahrscheinlich. Vermutlich wurde ein neuer Rechtssprecher nach dem Tod des Verstorbenen in das Amt gehoben. Der Rechtssprecher hatte das höchste Amt im Parlament inne. Seine Aufgabe war es Gesetzte zu verabschieden, sie zu rezitieren und wenn möglich dem Parlament zu erläutern. Es stand allerdings nicht in seiner Macht das Gesetz zu vollstrecken und er war auch keine zentrale Staatsmacht. Zudem genoss er keine gesonderte Autorität wenn er sich außerhalb des Parlaments befand, das immer zur Sommersonnenwende tagte.[29] Das Amt des Rechtssprechers wurde abgeschafft, als mit dem Christentum die Kunst des Schreibens Island erreichte und dort verbreitet wurde. Gesetze wurden von nun an aufgeschrieben.[30]

[...]


[1] Walther, Sabine H.: Ingólfr war der berühmteste aller Landnehmer – Gründungsmythen im hochmittelalterlichen Island. In: Gründungsmythen Europas im Mittelalter. Hr. von: Michael Bernsen/Matthias Becher/Elke Brüggen (Hrsg.). Göttingen. 2013. S.90.

[2] Walther, S.91.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Walther, S.89.

[7] Walther, S.93.

[8] Walther, S.94.

[9] Ebd.

[10] Walther, S.95.

[11] Ebd.

[12] Thorgilsson, Ari: The Book of the Icelanders. In: Islandica. An annual relating to Iceland and the fiske Icelandic Collection in Cornell University Library. Hr. von: Halladór Hermannsson. New York. 1966. S.60.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Walther, S.96.

[16] Walther, S.97.

[17] Thorgilsson, S.62.

[18] Thorgilsson, S.61.

[19] Ebd.

[20] Thorgilsson, S.62.

[21] Thorgilsson, S.61.

[22] Ebd.

[23] Walther, S.95.

[24] Thorgilsson, S.62.

[25] Stefánsson, Magnús: The Norse island communities of the Western Ocean. In: Prehistory to 1520. Hr. von: Knut Helle (Hrg.). Cambridge. 2003. S.214.

[26] Thorgilsson, S.62.

[27] Thorgilsson, S.62.

[28] Thorgilsson, S.64.

[29] Stefánsson, S.214.

[30] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das mittelalterliche Leben auf Island anhand des "Book of the Icelanders" von Ari Thorgilsson
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V375463
ISBN (eBook)
9783668547308
ISBN (Buch)
9783668547315
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit mit dem "Book of the Icelanders" als Quelle, um zu erörtern, wie das mittelalterliche Leben auf Island ausgesehen hat.
Schlagworte
leben, island, book, icelanders, thorgilsson
Arbeit zitieren
Julia Merten (Autor), 2014, Das mittelalterliche Leben auf Island anhand des "Book of the Icelanders" von Ari Thorgilsson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/375463

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