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Menschen mit Lernbehinderung zwischen behindert sein, behindert gemacht und behindert werden

Sind Lernbehinderungen in erster Linie als von der Natur gegeben oder aber eher als sozial konstruiert anzusehen?

Titel: Menschen mit Lernbehinderung zwischen behindert sein, behindert gemacht und behindert werden

Bachelorarbeit , 2017 , 69 Seiten , Note: 1,5

Autor:in: Christian Keiner (Autor:in)

Soziale Arbeit / Sozialarbeit
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Im Laufe der Arbeit wird diese entscheidende Fragestellung beantwortet: Sind Lernbehinderungen in erster Linie als von der Natur gegeben oder aber eher als sozial konstruiert anzusehen? Um dieser Frage tiefgreifend nachgehen zu können, wird das Thema aus den Blickwinkeln dreier wissenschaftlicher Disziplinen betrachtet. Dabei wird eine Disziplin auf der anderen aufbauen, um letzten Endes ein möglichst klares und umfassendes Gesamtbild zu erhalten.

Zunächst beschäftigt sich der Autor mit der Ansicht, dass Menschen mit Lernbehinderung auf Grund ihrer genetischen Dispositionen und kognitiven Voraussetzungen behindert sind. Diese medizinische Perspektive wird sich vor allem an den Klassifikationssystemen der ICD-10 sowie der DSM-V orientieren, welche auch erste genauere Definitionen zum Begriff Lernbehinderung sowie zu den Störungsbildern, die unter ihm subsumiert werden, liefern werden. Des Weiteren soll hier auch die Definition des Begriffes Behinderung, wie sie im SGB IX verwendet wird, thematisiert werden, da auch sie dem medizinischen Modell folgt und somit Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung einer Behinderung sowie eines Menschen, der durch die Diagnose Behinderung etikettiert ist, hat.

Hieran anschließend wird die entwicklungspsychologische Perspektive betrachtet. Es soll dabei herausgefunden werden, inwieweit eine Behinderung, beispielsweise durch die Umstände des Aufwachsens, die familiale Situation und etwaige Störungen im Bindungsverhalten zwischen Eltern und Kind gemacht bzw. entwickelt worden ist. Urie Bronfenbrenners „Ökologische Systemtheorie der Entwicklung“ dient hierbei als wissenschaftliche Grundlage. Die umfangreichste Erforschung erfährt die soziologische Perspektive, anhand derer unter-sucht werden soll, ob eine gewisse Gruppe von Menschen derart stark behindert wird, dass eine Lernbehinderung als Konsequenz gesellschaftlicher Vorgänge resultiert. Als theoretische Grundlage werden hier zunächst Pierre Bourdieus Theorien der Klassen, des Kapitals sowie des Habitus skizziert.

Im Anschluss an die Einzelbetrachtung der drei Perspektiven sollen diese dann in ihrem Zu-sammenspiel besprochen werden, um zu sehen, welche Faktoren den größten Anteil an der Entwicklung einer Lernbehinderung haben und welche relevanten Zusammenhänge sich ergeben. Abgerundet wird diese Arbeit durch einen biografischen Forschungsteil, um die bis dahin gesammelten Ergebnisse überprüfen und evaluieren zu können

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die medizinische Perspektive (behindert sein)

2.1 Einführung

2.2 Klassifikationssysteme und Definitionen

2.2.1 Lernbehinderung nach ICD-10

2.2.1.1 Intelligenzstörung (F70-F79)

2.2.1.2 Entwicklungsstörungen (F80-F89)

2.2.2 Lernbehinderung nach DSM-V

2.2.2.1 Spezifische Lernstörung (F81)

2.2.2.2 Intellektuelle Entwicklungsstörung (F70-F73)

2.2.3 Behinderung nach SGB IX

2.3 Zusammenfassung

3. Die entwicklungspsychologische Perspektive (behindert gemacht)

3.1 Einführung

3.2 Bronfenbrenners Ökologische Systemtheorie der Entwicklung

3.3 Lernbehinderung anhand der Theorie

3.4 Zusammenfassung

4. Die soziologische Perspektive (behindert werden)

4.1 Einführung

4.2 Bourdieus Theorien

4.2.1 Kapital

4.2.2 Klassen

4.2.3 Habitus

4.3 Lernbehinderung anhand der Theorien

4.3.1 Wirkung des Kapitals

4.3.2 Auswirkungen von Armut und Vernachlässigung

4.3.3 Auswirkungen von Schule und Bildung

4.3.4 Auswirkungen des Stigmas Lernbehinderung

4.3.5 (Lern-)Behinderung als soziales Konstrukt

4.3.6 (Lern-)Behinderung nach ICF

4.4 Zusammenfassung

5. Zusammenwirken der Perspektiven

6. Biografiearbeit anhand qualitativer Forschung

6.1 Einführung

6.2 Interviewführung

6.3 Themen

6.4 Transkription

7. Die persönliche Perspektive

7.1 Herr A

7.2 Herr B

7.3 Frau C

7.4 Frau D

7.5 Auswertung

8. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die Entstehungsbedingungen von Lernbehinderungen bei Menschen in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob Lernbehinderungen primär als biologisch vorgegebene Defizite zu verstehen sind oder als soziale Konstrukte, die durch biografische, familiäre und gesellschaftliche Faktoren "gemacht" werden.

  • Medizinische Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-V) im Vergleich zur Lebensrealität
  • Entwicklungspsychologische Einflüsse auf die kindliche Entwicklung und Bindung
  • Soziologische Analyse nach Bourdieu: Kapital, Klasse und Habitus als Determinanten
  • Stigmatisierungsprozesse durch das Schulsystem und soziale Exklusion
  • Qualitative Interviewstudien mit betroffenen Werkstattbeschäftigten

Auszug aus dem Buch

4.3.5 (Lern-)Behinderung als soziales Konstrukt

Auch wenn die Lernbehinderung nicht das einzige Wesensmerkmal einer Person ist, so ist es doch eines der offensichtlichsten, was zur Folge hat, dass betroffene Menschen darauf reduziert werden, obwohl sie in den anderen Bereichen ihres Lebens bzw. Erlebens überhaupt nicht eingeschränkt respektive behindert sind. Allerdings bestimmt grundsätzlich die soziale Reaktion darüber, ob eine Behinderung vorliegt und somit der ganze Mensch als behindert betrachtet wird oder nicht (vgl. Cloerkes 2007, S. 10).

„Ein Individuum, das leicht in gewöhnlichen sozialen Verkehr hätte aufgenommen werden können, besitzt ein Merkmal, das sich der Aufmerksamkeit aufdrängen und bewirken kann, dass wir uns bei der Begegnung mit diesem Individuum von ihm abwenden, wodurch der Anspruch, den seine anderen Eigenschaften an uns stellen, gebrochen wird“ (Goffmann 1975, S. 13 zit. nach Lindmeier/Lindmeier 2012, S. 23).

Dabei werden beim Erkennen einer Lernbehinderung meist die schulischen Leistungen einer Person in Augenschein genommen und als von der Norm negativ abweichend definiert. Unterschieden wird dann zwischen klugen Menschen mit guten Leistungen und dummen Menschen mit schlechten Leistungen. Dabei existiert der Unterschied zwischen klug und dumm „nach dem Erklärungspfad der Konstruktion nur im Bereich menschlicher Absichten und Werte und nicht im Bereich einer ontologischen Wirklichkeit“ (Balgo 2000, S. 162). Problematisch dabei ist, dass alleine der Majorität, die sich selbst die Klugheit zuschreibt, das Definitionsrecht für diese Einteilung in klug und dumm gewährt wird, während der Minorität, welcher die Dummheit zugeordnet wird, jegliches Entscheidungsrecht über den Gebrauch dieser Definition abgesprochen wird (vgl. ebd., S. 163).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Thematik und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der medizinischen versus sozialkonstruktivistischen Sicht auf Lernbehinderungen.

2. Die medizinische Perspektive (behindert sein): Vorstellung der gängigen Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-V) und deren klinischer Blick auf Lernstörungen als individuelles Defizit.

3. Die entwicklungspsychologische Perspektive (behindert gemacht): Analyse der Kindheits- und Umfeldbedingungen anhand der Ökologischen Systemtheorie von Bronfenbrenner.

4. Die soziologische Perspektive (behindert werden): Untersuchung gesellschaftlicher Ausschlussmechanismen unter Anwendung der Bourdieuschen Kapitaltheorie.

5. Zusammenwirken der Perspektiven: Synthese der verschiedenen Sichtweisen, um das Phänomen Behinderung als komplexes Zusammenspiel von Anlage und Umwelt zu verstehen.

6. Biografiearbeit anhand qualitativer Forschung: Methodische Erläuterung der narrativen Interviews zur Untersuchung der Lebensgeschichten betroffener Klienten.

7. Die persönliche Perspektive: Darstellung und Auswertung der geführten Interviews mit vier Klienten einer Werkstatt für behinderte Menschen.

8. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und kritische Reflexion des aktuellen Inklusionsstandes.

Schlüsselwörter

Lernbehinderung, Soziale Konstruktion, Soziale Arbeit, Bourdieu, Kapital, Behinderung, Stigmatisierung, Exklusion, Inklusion, Werkstatt für behinderte Menschen, WfbM, Bildungsarmut, Entwicklungspsychologie, Identität, Sozialisation.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie Lernbehinderungen entstehen, und hinterfragt, ob sie eher biologische Defizite sind oder als soziale Konstrukte durch gesellschaftliche Benachteiligung hervorgebracht werden.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind das medizinische Modell der Behinderung, entwicklungspsychologische Bindungstheorien, die soziologische Klassen- und Kapitaltheorie nach Bourdieu sowie die Auswirkungen von Stigmatisierung.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, aufzuklären, ob Lernbehinderungen in erster Linie als "von Natur gegeben" oder als sozial "gemacht" einzustufen sind, um Anhaltspunkte für eine bessere Integration zu finden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine Kombination aus Literaturanalyse theoretischer Ansätze und eine qualitative Forschung durch narrative Interviews mit Klienten einer Werkstatt für behinderte Menschen durchgeführt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert das Phänomen aus der medizinischen, entwicklungspsychologischen und soziologischen Perspektive, gefolgt von einer biografischen Forschung und Auswertung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Lernbehinderung, Kapital, Stigmatisierung, Exklusion, soziale Konstruktion und WfbM.

Welchen Einfluss hat der soziale Status auf die Diagnose?

Die Arbeit zeigt, dass Kinder aus prekären sozialen Verhältnissen überproportional häufig die Diagnose Lernbehinderung erhalten und in Förderschulen verwiesen werden, oft ohne dass biologische Ursachen dies zwingend begründen.

Wie bewertet der Autor das Sonderschulsystem?

Das System wird kritisch betrachtet, da es zur Stigmatisierung beiträgt und den betroffenen Personen den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt durch fehlende oder nicht anerkannte Bildungsabschlüsse erschwert.

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Details

Titel
Menschen mit Lernbehinderung zwischen behindert sein, behindert gemacht und behindert werden
Untertitel
Sind Lernbehinderungen in erster Linie als von der Natur gegeben oder aber eher als sozial konstruiert anzusehen?
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thüringen in Eisenach)
Note
1,5
Autor
Christian Keiner (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2017
Seiten
69
Katalognummer
V376013
ISBN (eBook)
9783668527782
ISBN (Buch)
9783668527799
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschen lernbehinderung sind lernbehinderungen linie natur
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Christian Keiner (Autor:in), 2017, Menschen mit Lernbehinderung zwischen behindert sein, behindert gemacht und behindert werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376013
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Leseprobe aus  69  Seiten
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