Diskursethik von Jürgen Habermas


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,0
Anonym (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Leben und Werk

3 Sprachphilosophische Theorien
3.1 Konsenstheorie der Wahrheit
3.2 Kommunikativen Handeln und Geltungsansprüche
3.3 Ideale Sprechsitaution und Argumentationsvoraussetzungen

4 Diskursethik
4.1 Zielsetzung der Diskursethik
4.2 Charakterisierung der Diskursethik
4.3 Universalisierungsgrundsatz und Diskursgrundsatz
4.4 Moral in der Diskursethik

5 Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln
5.1 Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung
5.2 Selmans Stufen der Perspektivübernahmen

6 Begündungsproblem der Diskursethik und Kritik

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Jürgen Habermas gilt als einer der bedeutendsten und meistrezipierten Sozialtheoretiker Europas. Die vorliegende Arbeit stellt im ersten Kapitel Habermas‘ beruflichen Werdegang, die wichtigsten Werke sowie beeinflussende Theorien dar. Im Anschluss wird seine Sprachphilosophie mit den zugrunde lie- genden Regelsystemen näher erläutert. Im dritten thematischen Kapitel folgt eine Systematisierung der Habermasschen Diskursethik, die stark in Zusammenhang mit der Sprachphilosophie steht. Im darauf folgenden Kapitel wird auf den Aufsatz „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“ Bezug ge- nommen, mit dem Habermas seine Diskurstheorie untermauert. Das letzte Kapitel widmet sich dem Begründungsproblem der Diskursethik und kritischen Stimmen zur Theorie. Die vorliegende Arbeit ori- entiert sich am Referat im Seminar „Praktische Philosophie“ vom 13.01.2016.

2. Leben und Werk

Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und wuchs im rheinländischen Gummersbach auf. Sein damaliges familiäres Umfeld beschreibt er als bürgerlich-protestantisch und den politischen Gegebenheiten angepasst.1 Im Jahr 1944 wurde Habermas als Hilfsarzt und Fronthelfer an den Westwall berufen. Dem Einzug zur Wehrmacht 1945 konnte er zufällig entgehen.2 Generell war seine Denkweise von einer moralisch starken Reaktion auf die Nazizeit geprägt.3

Nach dem Abitur in Gummersbach besuchte Habermas in den Jahren 1945-1954 die Universitäten in Göttingen, Zürich und Bonn, an denen er Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie studierte. Im Jahr 1954 promovierte er schließlich in Bonn.4 Bereits als Student begann Habermas, Ar- tikel für Zeitungen und Zeitschriften zu verfassen.5 In diesem Zusammenhang erregte er erstmals öf- fentliches Aufsehen durch eine Rezension von Martin Heideggers „Einführung in die Metaphysik“, in der er Heideggers fehlende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anprangerte. Heideggers Schrift empörte ihn deshalb, da Habermas bis dahin in der Heideggerschen Philosophie Zuhause war.6

Nach seiner Promotion war Habermas zunächst als freier Journalist tätig. Im Jahr 1956 wurde er von Theodor Adorno gebeten, an dessen Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main mitzuarbeiten. A- dorno führte Habermas erstmals in die empirische Sozialforschung ein und ebnete ihm den Weg zu seiner kritischen Gesellschaftstheorie. Nach Unstimmigkeiten mit dem Institut verlies Habermas dieses 1959 und habilitierte 1961 in Marburg mit seiner Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.7 Die Schrift beeinflusste vor allem die damals aufkommende Studentenbewegung, durch ihr zentrales Thema einer öffentlichen Demokratie.8 In den folgenden Jahren nahm Habermas Professuren der Philosophie und Soziologie in Heidelberg und in Frankfurt/Main an.9

Im Jahr 1971 wurde Jürgen Habermas zum Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Le- bensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg berufen. In dieser Zeit widmete er sich bereits seinem Theorieprojekt über das kommunikative Handeln. In dem 1976 erschienen Auf- satz „Was heißt Universalpragmatik“, thematisiert Habermas darüber hinaus erstmals die Sprache als Entstehungsort normativer Grundlagen von gesellschaftlichen Prozessen.10 Im Jahr 1981 erschien Habermas zweibändiges Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“, eine Abhandlung seiner eigenen Handlungs- und Gesellschaftstheorie.

Habermas trat 1983 als Direktor des Max-Planck-Instituts zurück und begab sich zurück nach Frankfurt, um an der Universität die Professur für Sozial- und Geschichtsphilosophie anzutreten. Es folgten außer- dem die Werke „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“ (1983) und „Erläuterungen zu Dis- kursethik“ (1991), die Habermas theoretisches Gerüst zur Diskursethik bilden. Ein weiteres Opus Mag- num erschien 1992 mit dem Titel „Faktizität und Geltung“. Darin entwickelte Habermas eine normative Rechtsphilosophie.11 Nach seiner Emeritierung 1994 meldet sich Habermas regelmäßig publizistisch zu Wort. Sein Interesse gilt vor allem Themen der internationalen Politik und des Rechts.12

Einflüsse

Habermas‘ Theorie ist vor allem in seinen Werken zur Rechtsphilosophie stark beeinflusst von der Denktradition der Frankfurter Schule.13 Mit der Frankfurter Schule kam Habermas durch seine Zeit am Institut für Sozialforschung in Berührung. Die Philosophen und Soziologen Max Horkheimer und Theodor Adorno begründeten dort ihre Kritische Theorie. Diese beinhaltet in Anlehnung an Hegel und Marx einer kritischen Analyse einer kapitalistischen Gesellschaft und deren Individuen mit dem Ziel, eine verbesserte vernünftige Gesellschaft für die Zukunft zu skizzieren.14 Während seiner Zeit am Institut distanzierte Habermas sich mehr und mehr von Heidegger und näherte sich den Denkrichtungen des jungen Marx und Sigmund Freud.15 Noch deutlicher tritt in seinen Werken bis heute die Nähe zur Kantischen Denktradition hervor.16 Generell verbindet Habermas in seinen Werken die philosophische Analyse mit den Forderungen der modernen Sozialwissenschaften.17

3. Sprachphilosophische Theorien

3.1 Konsenstheorie der Wahrheit

Habermas besonderes Interesse galt schon früh der Sprache. Er ist der Auffassung, dass in unserer Sprache kulturelle Selbstverständlichkeiten, lebensweltliche Hintergründe sowie moralische Ansichten zu finden sind. Dabei versucht Habermas stets, normative Voraussetzungen in unserer Sprache zu identifizieren.18 Seit Beginn der 80er Jahre vollzog er die sprachphilosophische Wende der Philosophie nach, den sogenannten „linguistic turn“, welche sein Werk nachhaltig geprägt hat. In diesem Zusammenhang sucht Habermas in seinen Theorien nach einer sprachlichen Verbindung zwischen elaborierten Formen der aktuellen Sozialwissenschaften und Denkansätzen der Philosophie.19

Beginnend mit seinem Aufsatz „Wahrheitstheorien“ bis hin zum Werk „Faktizität und Geltung“, vertritt Habermas eine Konsens- bzw. Diskurstheorie der Wahrheit. Seine Konsenstheorie setzt am Wahrheits- begriff an. Er ist der Meinung, dass der Wahrheitsgehalt einer Behauptung davon abhängt, ob sich über diese Behauptung durch Argumentation ein Konsens herstellen lässt.20 Der Konsensgegenstand ist für Habermas allerdings rein formal, da eine Einigung nicht inhaltlich hergestellt wird, sondern durch die Erfüllung formaler Eintrittsbedingungen.21 Habermas grenzt den Konsens folgenderweise ab:

ÄWenn wir unter ‚Konsensus‘ jede zufällig zustande gekommene Übereinstimmung verstehen würden, könnte er offensichtlich als Wahrheitskriterium […] nicht dienen. Deshalb ist ‚diskursive Einlösung‘ ein normativer Begriff: die Übereinstimmung, zu der wir in Diskursen gelangen können, ist allein ein begründeter Konsensus“.22

„Wahr“ ist für ihn eine Behauptung nur, wenn jeder andere, der dem Diskurs beitreten würde, demselben Gegenstand dasselbe Prädikat zusprechen würde. Um wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden, nimmt man damit auf die Beurteilung anderer Bezug, die je dem Gespräch beitreten könnten.23

3.2 Kommunikatives Handeln und Geltungsansprüche

„Kommunikatives Handeln“ ist ein wesentlicher Begriff in Habermas Werken.24 Kommunikatives Han- deln ist für Habermas, wenn Beteiligte ihre Handlungspläne interagierend koordinieren, um zu einer Verständigung zu kommen. Er unterscheidet dabei kommunikatives Handeln, das verständigungsorien- tiert ist und strategisches Handeln, das strikt am eigenen Erfolg orientiert ist.25 Im kommunikativen Handeln unterstellt Habermas, dass die Sprecher in Sprechakten bestimmte Geltungsansprüche erfüllen. Die kommunikative Kompetenz eines Sprechers besteht darin, dass er diese Geltungsansprüche erhebt oder andere „rational motiviert“ diese anzuerkennen. Sind alle Geltungsansprüche eingelöst, kann man sich inhaltlich verständigen.26

Habermas unterscheidet drei Arten von Geltungsansprüchen:27

1. Wahrheitsansprüche, die sich auf die objektive Welt beziehen,
2. Richtigkeitsansprüche, die sich auf die gemeinsame soziale Welt beziehen und
3. Wahrhaftigkeitsansprüche, die sich auf die eigene subjektive Welt beziehen.

Die beiden erstgenannten lassen sich argumentativ, also durch das „Beibringen von Gründen“, überprü- fen, letzterer nur durch die Beobachtung von konsistentem Verhalten des Sprechers.28 In einem verstän- digungsorientierten Sprechakt muss demnach gegeben sein, dass 1. das Gesagte der Wahrheit entspricht, 2. die zugrundeliegende Norm der Aussage akzeptiert wird und 3. der Sprecher die Aussage mit Aufrichtigkeit geäußert hat. Können alle Geltungsansprüche nicht anerkannt werden, müssen die problematisierten Ansprüche im Diskurs diskutiert werden:

ÄUnter dem Stichwort ‚Diskurs‘ führte ich die durch Argumentation gekennzeichnete Form der Kommunikation ein, in der problematisch gewordene Geltungsansprüche zum Thema gemacht und auf ihre Berechtigung hin untersucht werden.“29

Diskurse dienen für Habermas demnach der Einlösung von Geltungsansprüchen, in denen argumentativ begründet wird und nicht nur Informationen austauscht werden.30 Als vierten Geltungsanspruch benennt Habermas in seinen früheren Werken noch die Verständlichkeit. Später setzte er diese jedoch als Bedingung für erfolgreiche Kommunikation voraus.31

3.3 Die ideale Sprechsituation und Argumentationsvoraussetzungen

Habermas führt weiterhin die ideale Sprechsituation ein, die, wenn sie erfüllt ist, ebenfalls zur Einlösung von Geltungsansprüchen verwendet wird. Mit Hilfe der idealen Sprechsituation lässt sich daher ein falscher von einem wahren Konsens unterscheiden.32 Habermas charakterisiert die ideale Sprechsituation durch vier strukturelle Bedingungen:33

1. Kommunikative Sprechakte:

ÄAlle potentiellen Teilnehmer eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, kommunikative Sprechakte zu verwenden, so daβ sie jederzeit Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort perpetuieren können.“

2. Kritik und Vormeinungen:

ÄAlle Diskursteilnehmer müssen die gleiche Chance haben, Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen oder zu widerlegen, so daβ keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt.“

3. Repräsentative Sprechakte:

ÄZum Diskurs sind nur Sprecher zugelassen, die als Handelnde gleiche Chancen haben, repräsentative Sprechakte zu verwenden, d. h. ihre Einstellungen, Gefühle und Wünsche zum Ausdruck zu bringen.“

4. Regulative Sprechakte:

ÄZum Diskurs sind nur Sprecher zugelassen, die als Handelnde die gleiche Chance haben, re- gulative Sprechakte zu verwenden, d. h. zu befehlen und sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten, Versprechen zu geben und abzunehmen, Rechenschaft abzulegen und zu verlan- gen usf.“

Das Konstrukt der idealen Sprechsituation vermeidet somit, dass es zu Kommunikationsverzerrungen kommt und letztlich nur das, was Habermas als den „eigentümlichen zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ beschreibt, zum Tragen kommt.34

Habermas räumt ein, dass die Bedingungen der idealen Sprechsituation und damit auch die „Echtheit“ des Diskurses in der Realität schwer herzustellen sind, vor allem zum Zeitpunkt einer gegebenen Dis- kurssituation. In der Retrospektive lassen sich die Bedingungen besser überprüfen. Er gibt weiterhin an, dass institutionelle Rahmenbedingungen notwendig sind, um sich dem Ideal mindestens anzunähern.35

Argumentationsvoraussetzungen

Für einen erfolgreichen Diskurs ist nicht nur die ideale Sprechsituation erforderlich, sondern auch die Einhaltung bestimmter Argumentationsregeln. Argumentation bedeutet für Habermas die Produktion von überzeugenden Argumenten zur Einlösung oder Ablehnung von Geltungsansprüchen. Er teilt seine Argumentationsregeln, die von den Sprechern einzuhalten sind, in drei verschiedene Ebenen ein und orientiert sich dabei an den Voraussetzungen von R. Alexy:36

[...]


1 Vgl. Pinzani, A. (2007); S. 11.

2 Vgl. Schmidt, B./ Zündorf, I.:, zuletzt besucht: 30.01.2016.

3 Vgl. Pinzani, A. (2007); S. 16.

4 Vgl. Reese-Schäfer, W. (2001); S. 194.

5 Vgl. Müller-Doohm, S. (2014); S. 81.

6 Vgl. Horster, D. (1991); S. 6 f.

7 Vgl. Schmidt, B./ Zündorf, I.; zuletzt besucht: 30.01.2016.

8 Vgl. Brunkhorst, H. / Kreide, R. / Lafont, C. (2009); S. 6.

9 Vgl. Reese-Schäfer, W. (2001); S. 195.

10 Vgl. Müller-Doohm, S. (2014); S. 234.

11 Vgl. Schmidt, B./ Zündorf, I.; besucht: 30.01.2016.

12 Vgl. Pinzani, A. (2007) S. 26, 29.

13

14 Vgl. Möller, P.; zuletzt besucht: 30.01.2016

15 Vgl. Pinzani A. (2007); S. 19.

16 Vgl. Brunkhorst H. / Kreide R. / Lafont C. (2009); S. 3 f.

17 Vgl. Schmidt, B./ Zündorf, I.; besucht: 30.01.2016.

18 Vgl. Horster, D. (1999,); S. 45.

19 Vgl. Reese-Schäfer, W. (2001); S. 11, 13.

20 Vgl. Habermas, J., (1972); S. 136, 172.

21 Vgl. Reese-Schäfer, W. (2001); S. 24.

22 Habermas, J., (1972); S. 160.

23 Vgl. Habermas, J., (1972); S. 136 f.

24 Vgl. Vgl. Brunkhorst, H. / Kreide, R. / Lafont, C., (2009); S. 332.

25 Vgl. Habermas, J. (1983); S. 68.

26 Vgl. Habermas, J. (1992); S. 19.

27 Vgl. Habermas, J. (1983); S. 68 f.

28 Vgl. Habermas, J. (1983); S. 68 f.

29 Habermas, J. (1972); S. 130.

30 Vgl. Habermas, J. (1972); S.130 f.

31 Vgl. Horster, D. (1999); S. 52 f.

32 Vgl. Habermas, J. (1972); S. 179.

33 Habermas, J. (1972); S. 177 f.

34 Vgl. Habermas, J., Luhmann, N. (1972); S. 137.

35 Vgl. Habermas, J. (1972); S. 179.

36 Vgl. Habermas, J. (1983); S. 97 ff.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Diskursethik von Jürgen Habermas
Hochschule
Internationales Hochschulinstitut Zittau
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V376956
ISBN (eBook)
9783668545915
ISBN (Buch)
9783668545922
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Wirtschaftsethik
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2016, Diskursethik von Jürgen Habermas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376956

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