Vater und Sohn in Theodor Storms Novelle "Hans und Heinz Kirch"


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das bürgerliche Erziehungsideal im späten 19. Jahrhundert
2.1 Der bürgerliche Vater
2.2 Die Rolle des bürgerlichen Sohnes

3. Vater und Sohn in Hans und Heinz Kirch
3.1 Hans Adam Kirch
3.2 Heinz Kirch

4. Der Vater-Sohn-Konflikt vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Erziehung

5. Literaturverzeichnis..

1. Einleitung

Generationen stoßen seit jeher aufeinander. In einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Werte, anders als in einer modernen Gesellschaft, eingefahrener und nicht unbedingt individuell auslegbar sind, enden unterschiedliche Lebensanschauungen zwischen Generationen nicht selten in einem Konflikt. So auch in Theodor Storms Novelle Hans und Heinz Kirch aus dem Jahre 1883. Die Familie Kirch lebt in einer kleinen Stadt an der Ostsee, in der Individualität nicht vorhanden ist. Die tüchtigen Einwohner leben nach den bürgerlichen, preußischen Werten des 19. Jahrhunderts und geben diese an die nächste Generation weiter. Storm, der einige Jahre zuvor selbst einen Konflikt mit seinem ältesten Sohn austragen musste, scheint seine tiefe Enttäuschung und seine seelische Erschütterung in dem Werk zu verarbeiten. Der älteste Sohn Hans, welcher der Alkoholsucht verfallen war, musste die angesehene Tätigkeit als Arzt aufgeben. Storm, als bürgerlicher Vater im 19. Jahrhundert, mag in seinen Erinnerungen an die Erlebnisse einen Anstoß für den in der Novelle dargestellten Konflikt zwischen Vater und Sohn gefunden haben[1].

In der folgenden Arbeit werden die bürgerlichen Erziehungsideale des späten 19. Jahrhunderts erläutert und die Rolle des Bürgervaters und die des bürgerlichen Sohnes beleuchtet. Im Anschluss werden die Vaterfigur Hans Adam Kirch und sein Sohn Heinz Kirch aus Storms Novelle Hans und Heinz Kirch beschrieben und charakterisiert. Im letzten Schritt wird untersucht, worin der Konflikt zwischen Vater und Sohn begründet ist und in wie weit das zeitgenössische Erziehungsideal des Bürgertums im späten 19. Jahrhundert in diesem Konflikt eine Rolle spielt.

2. Das bürgerliche Erziehungsideal im späten 19. Jahrhundert

2.1 Der bürgerliche Vater

Der Lebensmittelpunkt des bürgerlichen Vaters war sein Beruf. Dieser wurde allein durch seine berufliche Tätigkeit identifiziert. Die Kinder sahen ihre Väter „untrennbar mit [ihrer Profession] verbunden, gewissermaßen als Personifikation ihrer Arbeit“[2]. Der Beruf des Vaters war für die ganze Familie prägend, er entschied nicht nur über die finanzielle Situation, sondern auch über die soziale Stellung der Frau und der Kinder. Die Familie wurde lediglich über die Profession des Vaters definiert und somit hing davon ab, in welchen Kreisen sie verkehrten und welche Kontakte die Frau zu pflegten hatte, ebenfalls wurde durch den Beruf des Vaters entschieden, welche Schule die Kinder besuchten, welche Freunde sie hatten, wen sie heirateten und welche berufliche Karriere sie einschlagen würden[3].

Die Familie spielte für den bürgerlichen Vater aufgrund der Einspannung im Beruf nur eine Nebenrolle. Er war kaum zuhause und somit nicht in den Familienalltag integriert und meist auch am alltäglichen Geschehen innerhalb der Familie nicht interessiert. Daraus resultierte, dass die Väter stets auf Distanz blieben. Sie präsentierten sich gegenüber den Kindern als „respektgebietende, entscheidungsmächtige und schutzgewährende Autorität“[4], was sich darin äußerte, dass die Kinder stets „Ehrfurcht und einen natürlichen Respekt vor ihm“[5] hatten. Während ihrer Jugend und auch im weiteren Verlauf ihres Lebens, war es für die bürgerlichen Kinder undenkbar, Widerspruch gegen eine Anordnung oder gegen die Meinung des Vaters einzulegen. Die bürgerlichen Väter beanspruchten „[g]estützt durch die Gesetzgebung“ und „gefestigt durch [das] ökonomisches Monopol“[6] die Position des Familienoberhauptes und die absolute Autorität in ihren Familien. Ohne Zustimmung der Mütter entschieden sie über das Leben der Kinder, besonders über das der Söhne, angefangen bei der Namenswahl bis hin zur Wahl der Ausbildung und der damit verknüpften Zukunftsperspektive. Hatte der Sohn andere berufliche Vorstellungen als der Vater, so konnte der Sohn zwar rechtlich gesehen gegen die Vorstellungen des Vaters einen anderen Beruf wählen, jedoch musste der Vater dem Sohn dann keinen Unterhalt mehr zahlen. Die freie Berufswahl war für den finanziell abhängigen Sohn aus diesem Grund kaum möglich, außerdem widersprach die Konfliktaustragung mithilfe von Rechtsinstanzen „de[m] guten Ton der Familie“[7]. Die Machtposition des Vaters war indes so stark, dass die Söhne den Bürgervater oftmals als eine Art Gottvaterfigur sahen. Bürgerliche Söhne äußerten im späten 19. Jahrhundert, dass sie „vorm lieben Gott […] nicht soviel Respekt gehabt [hätten] wie vor seinem Vater“ und dass der „Widerspruch gegen eine väterliche Ordnung als »gotteslästerlich«“[8] betrachtet worden ist[9].

Weiterhin waren die Bürgerväter besonders gegenüber ihren Söhnen bestrebt, als makelloses Beispiel zu dienen. Da von den bürgerlichen Söhnen erwartet wurde, dass sie ihren erfolgreichen Vätern nachahmen, investierte man großzügig in die Ausbildungen der Bürgersöhne. Diese waren verpflichtet, Leistungen zu erbringen. Einzig hier zeigte sich das Interesse des Vaters am Kind, da die Leistungserbringung regelmäßig vom Vater kontrolliert wurde. Oftmals fand ein reger Briefwechsel zwischen Vater und Sohn statt, in dem es lediglich um den Fortschritt der Söhne ging. Diese wurden schon früh mit den Maßstäben der Erwachsenenwelt beurteilt[10].

Die Söhne standen ständig unter Druck, den Erwartungen des stolzen Vaters gerecht zu werden. Hierzu gehörte auch die Selbstverständlichkeit, dass sowohl die Väter als auch die Söhne Gefühle und Emotionen unterdrückten und verschwiegen, da der Ausdruck dieser dem starken, selbstkontrollierten männlichen Charakter widerspricht. Besonders wichtig war die Männlichkeitsinszenierung der Bürgermänner, sich selbst als stark, hart und durchsetzungsfähig darzustellen. Auch aus diesem Grund war ein Bürgervater bemüht, eine nicht allzu starke Bindung zur Familie zu entwickeln, da diese ihn schwächt und abhängig macht. Der Bürgervater schlüpfte also eher in eine distanzierte Lehrerrolle. Verbrachte er Zeit mit den Kindern, so trat er als „Welterklärer“[11] auf. Daraus resultiere auch, dass der Grad väterlicher Zuneigung stark abhängig vom Erfolg oder Misserfolg des Sohnes war[12].

2.2 Die Rolle des bürgerlichen Sohnes

Wurde der bürgerlichen Familie ein Sohn geboren, so war die Begeisterung groß, da in ihn als „Stammhalter“[13] große Hoffnungen gesetzt wurden. Die Söhne, als Namensträger der Familien, sollten die soziale Position der Familien möglichst verbessern, zumindest aber beibehalten. Bevor sie dazu reif waren, waren sie für fünf Jahre, nämlich zwischen ihrem fünften und neunten Lebensjahr „die freiesten Menschen unter dem Himmel des 19. Jahrhunderts“[14]. Diese Freiheit zur Entdeckung der Welt diente nicht etwa als Entschädigung für die vorbestimmte, unfreie Zukunft der Söhne, sondern sollte sie auf das Leben außerhalb der heilen Familienwelt vorbereiten. Bereits in frühen Jahren wurde der Sohn in die gewünschte Richtung gelenkt und gefördert. Die Charakterzüge, die die Eltern in ihren Söhnen zu wecken wünschten, waren Selbstständigkeit, Unerschrockenheit, Durchsetzungsfähigkeit, Draufgängertum und Wagemut. Aus diesem Grund war es den Bürgereltern beispielsweise lieber, dass die Söhne mit Jungen aus niedrigeren sozialen Schichten spielten, als dass sie mit bürgerlichen Mädchen spielten, sodass die Bürgersöhne nicht verweichlichen, sondern sich einen gewissen Grad an Verrohung und Verwilderung aneignen[15].

Nach dem Besuch des Gymnasiums wurde vom Bürgersohn verlangt, dass er den väterlichen Beruf wählt und somit den vom Vater eingeschlagenen Weg fortsetzt. Wie bereits erwähnt, gab es kaum eine Möglichkeit sich dieser Erwartung zu widersetzen, sodass der Großteil der Söhne mehr oder weniger freiwillig in die Fußstapfen des Vaters traten. Im späten 19. Jahrhundert lässt sich, im Gegensatz zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Einstellungsverschiebung feststellen. Die Bürgersöhne entwickelten zunehmend ein Interesse an künstlerischen Berufen, jedoch wurde dies meist nicht dem Vater gegenüber offenbart, da die Söhne genau wussten, was in den Augen des Bürgertums ein vernünftiger Beruf war[16]. So schreibt der im Jahre 1884 geborene ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss beispielsweise:

Wenn ich bei der Wahl meines Studiums nur meinen Neigungen hätte folgen
dürfen, so hätte ich mich für das Studium der Geschichte entschieden, […]. Allein ernstlich kam dieser Plan nie in Frage. Nicht nur das Vorbild des Vaters, sondern auch die besseren Berufsaussichten hatten schon seit langer Zeit das juristische Studium als das gegebene erscheinen lassen.[17]

3. Vater und Sohn in Hans und Heinz Kirch

3.1 Hans Adam Kirch

Hans Adam Kirch, der Vater von Heinz Kirch, gehört zu den strebsamen Leuten einer Stadt, in der „tüchtige Menschen, alte Bürgergeschlechter“ leben, und in der „die Söhne den Weg gehen, auf welchem Eltern und Vorfahren zur Wohlhabenheit und bürgerlichen Geltung gelangt waren“[18]. Da Hans Adam Kirch überdurchschnittlich strebsam ist (z.B. S. 5: „erst wenn das Wasser fest zu werden drohte, band auch er sein Schiffen an den Pfahl“), hat er sich hinaufgearbeitet (Vgl. S. 4) und somit eine angesehene Stellung unter seinen Mitbürgern erworben. Sein extremer Ehrgeiz wird auch durch sein äußeres Erscheinungsbild deutlich. Hans Adam Kirch wird zu Beginn der Novelle als „kleiner hagerer Mann“ mit „gekrümmten Rücken“ (S. 5) beschrieben. Weiterhin sieht man ihn „eilfertig durch die Gassen wandern“ (S. 5), er gibt den Mitbürgern „nur kurze Antworten“, er ist „rastlos“ und hat „keine Zeit“ (S. 5), da er lediglich daran interessiert ist, sein Vermögen durch rechtschaffende Arbeit zu vermehren. Zu Beginn der Novelle wird bereits deutlich, dass der Bürgervater Hans Adam Kirch ein idealer, durchaus aber auch ein extremer, Vertreter der zeitgenössischen bürgerlichen Normen darstellt. Hierzu zählen eiserne Disziplin, Strebsamkeit und Fleiß[19], Tugenden, die Hans Adam Kirch verinnerlicht hat. Eine weitere ideale bürgerliche Charaktereigenschaft ist der Geiz. Auch diese Norm vertritt der Bürgermann auf zugespitzte Weise. Als seine Frau dem Sohn Heinz am Werktag einen Sirupskuchen kauft, findet Hans Adam Kirch, dass diese „[a]ll wedder ’n Dreling umsünst utgeb’n“ hat (S. 6). Auch in dieser Hinsicht scheint der Bürgervater extremer als die restliche bürgerliche Gemeinschaft zu sein, da in der Stadt über den Vorfall gesprochen wird und dieser ironisch aufgenommen wird[20] (S. 6: „Dies geflügelte Wort lief einmal durch die Stadt“). Hans Adam Kirch wird also als idealtypischer Bürgermann dargestellt, der alle bürgerlichen Tugenden verkörpert. Obwohl, oder eben weil er diese zu genau nimmt, konnte er sich zum angesehenen Bürger hinaufarbeiten, seine „Rastlosigkeit trug ihre Früchte“ (S. 5).

Seinen Sohn Heinz erzieht er „mit derselben Sparsamkeit“ (S. 6) und bereits als Heinz noch ein Junge ist, träumt er davon, dass dieser einmal beruflich und finanziell noch mehr erreichen wird als er selbst. Heinz soll, genau wie sein Vater, Schiffer werden und zusätzlich „die Sitze im Magistratskollegium besetzten“ (S. 6), also dass erreichen, was der Vater bisher nicht erreichen konnte. Davon beeinflusst wird der junge Heinz Kirch erzogen. Wie in den bürgerlichen Familien üblich, wird der Sohn in den ersten Jahren von der Mutter erzogen. Im Alter von sechs Jahren nimmt der Vater Heinz „zum ersten Male mit sich auf die Fahrt“ (S. 6). Auf dem Schiff des Vaters verrichtet er erste Arbeiten (S. 7: „auch der Knabe erhielt ein paar Tauenden, die er eifrig ineinander zu verflechten strebte“). Jedoch, als der junge Heinz Kirch nicht vom Vater beobachtet wird, lässt er das Arbeiten sein und bringt sich in eine Gefahrensituation. Schnell ist die Angst um den Jungen vergessen und Hans Adam Kirchs Jähzorn kommt zum Vorschein (Vgl. S. 8). War der Vater bis zu diesem Zeitpunkt zwar distanziert, aber bei Kontakt zärtlich zu seinem Sohn, kam diese Zärtlichkeit „immer seltener zutage“ (S. 8). Mit dem Vorfall auf dem Schiff wird deutlich, dass Heinz nun nicht länger von der Mutter verweichlicht, sondern bewusst vom Vater erzogen wird. Das Hauptanliegen des Vaters ist es: ihn [Heinz] zu bändigen, seine Affekt- und Triebimpulse zu kontrollieren oder womöglich ganz zu unterdrücken, den kindlichen Eigenwillen zu brechen, ihn völligen Gehorsam zu lehren, mit anderen Worten: ihn zeitgemäß zu ‚zivilisieren‘[21].

Dies wird weiterhin daran deutlich, dass Hans Adam Kirch glaubte, „[…] doch […] nur den Erben seiner aufstrebenden Pläne in dem Sohn zu lieben“ (S. 8), als dieser zunehmend einen eigenen Willen entwickelt.

Als Heinz das zwölfte Lebensjahr erreicht hatte, beschloss Hans Adam Kirch, dass der Sohn künftig vom Pastor unterrichtet werden würde, um eine noch bessere Bildung zu erhalten und eine bessere Zukunftsperspektive zu haben (Vgl. S. 9). Gleichzeitig führt der Vater den Sohn in seinen zukünftigen Beruf ein, indem er ihn als „streng gehaltener Schiffsjunge“ (S. 14) auf einige Reisen mitnimmt. Hans Adam Kirch hält im weiteren Verlauf an der erzieherischen Härte und dem Jähzorn gegenüber seinem Sohn fest, etwa als dieser am Abend vor der Abreise seiner einjährigen Schiffsfahrt zu spät nach Hause kommt (Vgl. S. 17f).

Es wird deutlich, dass der bürgerliche Vater den Sohn nach zeitgenössischen Idealvorstellungen erzieht. Für Hans Adam Kirch ist von Anfang an vorbestimmt, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt und somit das Ansehen und das Vermögen der Familie mindestens bewahrt, oder sogar vergrößert. Hans Adam Kirch bleibt gegenüber Heinz auf Distanz und scheut keine Kosten und Mühen, ihn bestmöglich und frühzeitig auf sein vorbestimmtes Berufsleben vorzubereiten. Zeigt Heinz Spuren von Selbstbestimmtheit oder freien Willen, dann wird der Bürgervater jähzornig und weist ihn zurecht, seine Zuneigung schlägt in Abneigung um.

Der Höhepunkt des Konfliktes zwischen Vater und Sohn zeigt sich erst, wenn Heinz Kirch bereits außer Haus ist. Nachdem er der Familie einen Brief mit, besonders für den Vater, erfreulichen Nachrichten geschickt hat, erhält er lediglich einen zornigen Brief des Vaters zurück, da dieser mittlerweile über die nicht standesgemäße Beziehung mit Wieb herausgefunden hat (Vgl. S. 21). Den nächsten Brief nimmt Hans Adam Kirch nicht an, da dieser nicht frankiert ist. Für ihn steht sofort fest, dass Heinz sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden muss. Dieser Zustand ist für den Vater inakzeptabel, hatte er doch gehofft, dass sein Sohn „nicht mit leeren Händen“ (S. 26) nach Hause kommen würde. Anhand des unfrankierten Briefes sieht Hans Adam Kirch die Bestätigung darin, dass sein Sohn wirtschaftlich versagt hat, unzuverlässig ist und über keinerlei Disziplin verfügt[22]. Nun sind seine Pläne, und damit auch er selber endgültig gescheitert. Da nur dies, und keine weiteren Gefühle, wie etwa die Sorge um den Sohn, für den Vater zählen, lässt er den Brief ungeöffnet zurückschicken und lehnt seinen Sohn damit ab. Auch als Heinz Kirch nach fünfzehn Jahren als gebrochener Mann zurückkehrt, möchte der Vater nichts mit diesem zu tun haben und verstößt ihn ein weiteres Mal. Er ist der Meinung, dass sein Sohn ihn bereits vor „siebzehn Jahren“ (S. 67) verlassen hat.

3.2 Heinz Kirch

Heinz Kirch wird als Ebenbild seines Vaters beschrieben (S. 6), und auch durch die Namensgebung und durch den Titel der Novelle wirken Hans und Heinz Kirch ohne Kenntnis des Textes wie Zwillingsbrüder. Vor dem Vorfall auf dem Schiff, erfährt Heinz von seinem Vater noch Zärtlichkeit (S. 6: „Was Hans Kirch an Zärtlichkeit besaß, das gab er seinen Jungen“), jedoch hat dies mit dem selbigen Vorfall ein Ende. Als Hans den Sohn nicht mehr im Auge hat, lässt dieser das Arbeiten mit den Schiffstauen bleiben (S. 7: „als ob er hier von seiner Arbeit ruhe“). Hier lässt sich bereits erkennen, dass Heinz von Natur aus nicht so fleißig und tüchtig wie der Vater ist, welcher sich keine Zeit zum Ruhen nimmt. Der junge Heinz Kirch „läuft zur äußersten Spitze“ des Schiffes (S. 7). Dort, wo er die „sanfte Brise“ (S. 7) in seinen Haaren wehen spürt, „am Bug das Wasser rauschte“ (S. 7), dort fühlt er sich wohl, er sitzt „behaglich an das […] Segel lehnend“ und „singt unbekümmert“ (S.7). Es wird deutlich, dass Heinz bereits als Kind die Freiheit sucht und die Weite liebt. Dies wird weiterhin dadurch unterstützt, dass Heinz als „Spielvogel“ (S. 6) bezeichnet wird. Als der Sohn den strengen Vater sieht, „hatte er [das Singen] satt, er wollte jetzt […] seine Taue zeigen“ (S. 7). Hier wird deutlich, dass der Sohn, sobald der Vater anwesend ist, seine Freiheitsliebe und sein Ruhen nicht länger ausleben kann oder will, da er sich bewusst ist, was der Vater davon hält. Stattdessen zeigt er ihm das einzige, was für den Vater wichtig ist, nämlich das Ergebnis seiner Arbeit. Heinz muss nun mit ansehen, wie der Schiffsjunge, der auf den kleinen Jungen aufpassen sollte, „auf das grausamste gezüchtigt wurde“ (S. 8). Der Zorn des Vaters „erstaunt“ (S. 8) und erschreckt Heinz so sehr, dass er nicht mehr mit dem Vater auf die Schiffsfahrt gehen möchte:

Als im nächsten Frühjahr Hans Kirch seinen Heinz wieder einmal mit aufs Schiff nehmen wollte, hatte dieser sich versteckt und mußte, als er endlich aufgefunden wurde, mit Gewalt an Bord gebracht werden; auch saß er diesmal nicht mehr singend unterm Klüversegel; er fürchtete seinen Vater und trotzte ihm doch zugleich (S. 8).

[...]


[1] Vgl. Siegfried Chowanietz: Jung und Alt im Konflikt. Generationsprobleme im Leben und in ausgewählten Novellen Theodor Storms. Bern 1990. S. 193.

[2] Gunilla-Friederike Budde: „Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840-1914“. In: Wolfgang Mager u.a. (Hg.): Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte. Göttingen 1994. S. 159.

[3] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 160.

[4] Budde: „Bürgerleben“, S. 153.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda.

[7] Budde: „Bürgerleben“, S. 153.

[8] Budde: „Bürgerleben“, S. 154.

[9] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 153ff.

[10] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 162.

[11] Budde: „Bürgerleben“, S. 156.

[12] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 162f.

[13] Budde: „Bürgerleben“, S. 152.

[14] Budde: „Bürgerleben“, S. 196.

[15] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 196ff.

[16] Vgl. Budde: „Bürgerleben“, S. 216f.

[17] Theodor Heuss: Vorspiele des Lebens. Jugenderinnerungen. Tübingen 1964. Zitiert nach Budde: „Bürgerleben“, S. 219.

[18] Theodor Storm: Hans und Heinz Kirch. Reclam 1980. S. 3. Nach dieser Ausgabe wird künftig direkt im Text zitiert.

[19] Dimitra Dimitropoulou: „Die Erziehung zum Untertan in „Hans und Heinz Kirch““. In: Schriften der Theodor Strom Gesellschaft 58 (2009). S. 25-31, hier S. 26.

[20] Safa’a Shalaby: „Generationskonflikt und Zeitenwechsel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“. In: Kairorer germanistische Studien 11 (1998). S. 211-237, hier S. 219.

[21] Dimitropoulou: „Erziehung“, S. 27.

[22] Vgl. Chowanietz: „Generationsprobleme“, S. 204.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Vater und Sohn in Theodor Storms Novelle "Hans und Heinz Kirch"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V377642
ISBN (eBook)
9783668550551
ISBN (Buch)
9783668550568
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vater, sohn, theodor, storms, novelle, hans, heinz, kirch
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Vater und Sohn in Theodor Storms Novelle "Hans und Heinz Kirch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377642

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vater und Sohn in Theodor Storms Novelle "Hans und Heinz Kirch"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden