Óscar Romero und die Armen. Die Rolle eines Märtyrers in der Selbstoffenbarung Gottes


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

A Einleitung

B Zum Märtyrerbegriff
B.I. Die Definition des Märtyrerbegriffs bei Hans Maier
B.II. Begriffswandel von Augustinus bis heute
B.III. Sören Kierkegaard und die Kategorie des Einzelnen

C Das Leben Óscar Romeros
C.I. Einstieg ins Priesteramt
C.I.1. Erste Jahre als Priester
C.I.2. Romeros priesterliches Leben
C.I.3. Bischofsversammlung in Medellín
C.II. Der Bischof Óscar Romero
C.II.1. Ein Bischof im Wandel
C.II.2. Erzbischof von San Salvador
C.II.3. Das Kapitel Rutilio Grande
C.III. Die letzten Jahre Romeros
C.III.1. Gegenwind vom Vatikan
C.III.2. Die Lage spitzt sich zu
C.III.3. Die letzten Wochen im Leben des Óscar Romero

D Schlussfolgerung

E Quellen- und Literaturverzeichnis

A Einleitung

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Dieses Zitat wird Mahatma Gandhi zugeschrieben. Paradox mag diese Aussage wirken, wenn man bedenkt, dass Gandhi am Ende seines Lebens (wie so viele Freiheitskämpfer) Opfer eines Attentats wurde. Sein bedingungsloser Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in seiner Heimat Indien hatte ihn zu einer Symbolfigur des (gewaltlosen) Widerstands gegen die britische Besetzungsmacht werden lassen. Doch wie kann man angesichts der Tatsache seiner Ermordung ernsthaft davon sprechen, er habe am Ende gewonnen? Wie ist es möglich, dieses von irgendeinem Märtyrer zu behaupten, wo doch ihr Einsatz für die Wahrheit für viele Märtyrer oft nur eines zur Folge hatte: den Tod. Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen. Ich möchte darlegen, welche Stellung das Märtyrertum in der Selbstoffenbarung Gottes einnimmt. Dabei möchte ich jedoch nicht den bereits zitierten Mahatma Gandhi als Beispiel nehmen, sondern eine Figur, deren Einsatzbereitschaft und Standhaftigkeit der von Mahatma Gandhi in nichts nachsteht: dem Befreiungstheologen und früheren Erzbischof von El Salvador, Óscar Romero. Dabei werde ich zunächst auf die Begrifflichkeit des Märtyrers eingehen und verschiedene Verständnisse des Martyriums herausstellen. Im Anschluss daran möchte ich erläutern, inwiefern sich die Idee des Märtyrertums auf Óscar Romero anwenden lässt und inwiefern auch er als Märtyrer zu gelten hat. Dabei werde ich das Leben Romeros in biographischen Auszügen charakterisieren, um einzelne Epochen seines Lebens unter diesem Aspekt zu beleuchten. Desweiteren werde ich analytisch darauf eingehen, was Romeros Einsatz uns in Bezug auf die Selbstoffenbarung Gottes zu sagen hat und welche Rolle die Märtyrer in dieser Offenbarung einnehmen.

B Zum Märtyrerbegriff

Im Laufe der Geschichte haben sich innerhalb der christlichen Religion viele Ideale eines guten Christenmenschen herausgebildet. Die allermeisten dieser Ideale speisen sich aus der Verkündigung und dem Zeugnis des Jesus von Nazareth. Noch heute (und durch alle Zeiten hinweg) haben diese Zeugen eines universell gelebten Glaubens großen Einfluss auf das Denken und die Lebenseinstellungen vieler Menschen. Allein im vergangenen Jahrhundert lassen sich Lichtgestalten wie Dietrich Bonhoeffer, Albert Schweitzer, Martin Luther King Jr. und diverse weitere nennen. Dabei war es die Authentizität ihres Glaubens und ihrer Verkündigung, die sie zu glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums machte.

Zu diesen glaubwürdigen Zeugen gehören auch die Märtyrer, die stets eine ausgesprochen wichtige Rolle in der Geschichte des christlichen Lebens einnahmen (immerhin fußt das Christentum auf der Botschaft eines Mannes, der bereit war, für die Wahrheit Gottes am Kreuz hingerichtet zu werden). Dies kann schon auf den ersten Blick rein philologisch hergeleitet werden, da das altgriechische Wort martýrion ja nichts anderes als „Zeugnis (vor Gericht)“ bedeutet.[1] Insofern gilt es zunächst, die Frage nach der eigentlichen Bedeutung des Märtyrertums zu stellen.

B.I. Die Definition des Märtyrerbegriffs bei Hans Maier

Der Theologe Hans Maier liefert dabei eine lehrbuchhafte Definition des Märtyrerbegriffs. Demzufolge sei ein Märtyrer „ein Zeuge, der bereit ist, mit seinem Zeugnis bis zum Äußersten, bis zum Opfer seines Lebens zu gehen.“[2] Für dieses Martyrium sind dabei im christlichen Kontext zwei Elemente wesentlich: Zum einen die Situation der Verfolgung, die ein Märtyrer zu erdulden und zu erleiden hat. Kernaspekt des Martyriums ist dabei laut Maier, dass diese Verfolgung dezidiert durch äußere Kräfte verübt und nicht durch das Wirken des Märtyrers selbst provoziert und verursacht wird. Hinzu kommt, dass sein Zeugnis (gr. martýrion) ein zweites entscheidendes Element zu beinhalten habe: eine deutliche Rück- und Verbindung seines Zeugnisses mit Jesus Christus und die damit verbundene klare Berufung auf dessen Leiden.[3] Somit fließt als zweites Kerncharakteristikum die Bereitschaft zur Nachfolge Jesu in ein jedes Martyrium mit ein. Dabei ist diese Nachfolge – und dessen ist sich der Märtyrer auch bewusst – stets auch mit einer großen Leidensbereitschaft verbunden. Der Märtyrer jedoch – und dies macht ihn zu einem wahrhaft authentischen Nachfolger Jesu – nimmt dieses Leiden auf sich und akzeptiert es als Teil seines christlichen Bekenntnisses: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23).

B.II. Begriffswandel von Augustinus bis heute

Von höchster Relevanz für die Beschäftigung mit dieser Thematik ist noch, dass über die Jahrhunderte hinweg eine Wandlung im Verständnis vom Martyrium einsetzte. Dabei spielte besonders die Frage eine Rolle, welchem der beiden genannten Elemente nun eine stärkere

Betonung zugeschrieben werden sollte: Während Augustinus zum Beispiel das Motiv des Märtyrers – nämlich die Sache Jesu – in den Vordergrund hob, so spielte dies in den (deutschsprachigen) Rezeptionen der nachfolgenden Jahrhunderte eher eine nachrangige Rolle. Stattdessen wurde viel stärker der Leidenscharakter des Martyriums betont und die Nachfolge Jesu als Motiv in den Hintergrund versetzt.[4] Nichtsdestotrotz möchte ich in Bezug auf Óscar Romero auf beide Charakteristika eingehen.

B.III. Sören Kierkegaard und die Kategorie des Einzelnen

Zuvor gilt es aber noch einen weiteren Aspekt des Martyriums herauszustellen, der für die Auseinandersetzung mit Romeros Leben enorme wichtige Rolle spielt. Dabei handelt es sich um eine Akzentuierung des Martyriums, die erstmals der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) starkmachte: die Kategorie des Einzelnen. Bei Kierkegaard steht der Einzelne als Individuum der Masse gegenüber. Entscheidend ist für Kierkegaard dabei, dass der Einzelne die Richtschnur (den roten Faden) seines Handelns nicht aus seiner Verantwortlichkeit gegenüber der menschlichen Allgemeinheit, sondern einzig aus dem Gegenüber Gottes bezieht. Für Kierkegaard ist der Märtyrertod somit dezidiert vom bloßen Heldentod zu unterscheiden, da der Heldentod lediglich zum Nutzen der Menschheit auf sich genommen wird. Der Märtyrertod dagegen dient für Kierkegaard keinerlei (weltlichem) Zweck, er ist einzig und allein das Resultat der Beziehung des Einzelnen zu Gott.[5] Kierkegaards Ansatz fügt den Elementen des Martyriums, die bis dato herausgestellt wurden, nichts Weiteres hinzu, aber er akzentuiert in besonderem Maße die innere Einstellung eines Märtyrers: es geht dem Märtyrer in seinem Leiden nicht darum, einem größeren weltlichen Nutzen zu dienen, sondern zentral um seine persönliche und innigste Beziehung zu Gott. Im Folgenden möchte ich nun auf die zentrale Figur der Themenstellung eingehen, nämlich auf Erzbischof Óscar Romero von El Salvador. Ich werde biographisch auf die wichtigsten Stationen in Romeros Leben Bezug nehmen und darlegen, inwiefern die zum Martyrium gehörenden Elemente auf seine Person zutreffen und welche Rolle sie für die Selbstoffenbarung Gottes einnehmen.

C Das Leben Óscar Romeros

Wenn die Christen, welche Verleumdung und Verfolgung erdulden, ruhig leben wollen, wäre es sehr leicht für sie; sie bräuchten bloß ihr Christentum aufzugeben, indem sie sich vor dem Geld in die Knie werfen, wie diejenigen es tun, die auf dieser Welt ein schönes Leben führen – aber ‚weh euch!‘[6]

Dieses Zitat stammt aus einer Predigt Romeros vom 17. Februar 1980. Geäußert wurde es lediglich sechsunddreißig Tage vor der Erschießung des salvadorianischen Bischofs. In diesem Zitat finden wir das Programm Romeros exemplarisch vorgegeben. Zeit seines (priesterlichen) Lebens hat sich Romero für die Wahrheiten, die er selbst sah, eingesetzt. Dabei war er nicht selten mit Widerstand von vielen Seiten konfrontiert. Doch was brachte Romero dazu? Was trieb ihn an, auch in den schwierigsten und gefährlichsten Augenblicken seines Lebens an der Wahrheit Christi festzuhalten, um sie den Ärmsten und Benachteiligten nahezubringen?

C.I. Einstieg ins Priesteramt

Im Jahr 1917 in einem kleinen Provinzstädtchen des mittelamerikanischen Landes El Salvador geboren,[7] wuchs der Wunsch Romeros, Priester zu werden, in ihm schon sehr früh heran. Die Tatsache, dass Romero in einer ärmlichen Großfamilie aufwuchs, ließ ihm zunächst jedoch keine andere Option, als mit zwölf Jahren eine Schreinerlehre zu beginnen. In deren Verlauf kam Romero erstmals zu der Erkenntnis, Priester werden zu wollen. Nach einem mehrjährigen Zwischenstopp im kleinen Seminar, das sich in der dortigen Provinzhauptstadt befand, kam Romero schließlich im Alter von 20 Jahren in die Landeshauptstadt San Salvador, wo er in das Priesterseminar eintrat.[8]

Große Teile seiner theologischen Studien verbrachte Óscar Romero in Rom. In dieser Lebensphase war sein Denken sehr stark von Ignatius von Loyola sowie dem jesuitischen Denken insgesamt geprägt. Besonders gerne und intensiv beschäftigte sich Romero mit der geistlichen Theologie. Dabei wirkten sich Denker wie Johannes vom Kreuz, Theresa von Ávila und Augustinus von Hippo besonders prägend auf sein Weltbild aus.[9]

Besonders die Tatsache, dass letzterer einen ausgesprochen großen Einfluss auf Romero hatte, sollte explizit hervorgehoben werden. Immerhin hatte Augustinus sich ja (wie auf Seite 3 beschrieben) intensiv mit den Fragen des Martyriums beschäftigt und das Motiv des Martyriums – nämlich die Nachfolge Jesu – dezidiert in den Mittelpunkt gestellt. Somit lässt sich festhalten, dass sich in seiner Beschäftigung mit dem Heiligen Augustinus erstmals eine Auseinandersetzung Romeros mit dem Märtyrer-Dasein finden lässt. Seine augustinische Prägung sollte ein Leben lang nichts an Wichtigkeit einbüßen, denn zweifelsohne war auch für Romero das Motiv, Zeugnis für Jesus Christus und seine Botschaft abzulegen, der Kernaspekt seines Martyriums. Das Leiden, dass ein Märtyrer auf sich nimmt, war für Romero lediglich die Folge seines bedingungslosen Einsatzes für die Sache des Evangeliums, nicht jedoch der Kernpunkt seines Martyriums: diesen bildete für Romero ganz eindeutig die Nachfolge und das Zeugnis Jesu. Noch in seiner letzten Predigt (während der Romero schließlich erschossen wurde) äußerte er diesen Gedanken: „Wer hingegen aus Liebe zu Christus sich in den Dienst der anderen stellt, wird leben wie das Weizenkorn, das stirbt, aber nur dem Scheine nach.“[10] Hier wird glasklar deutlich, was Zeit seines Lebens für Romero das wichtigste am Martyrium war: die Liebe zu Christus. Auch für die Selbstoffenbarung Gottes könnte dieses Element keine größere Rolle spielen. Das ganz persönliche Bekenntnis zu Jesus Christus und seiner Botschaft wird vor allem in den Evangelien oft mit der Bereitschaft zu leiden verbunden. Im letzten der sogenannten Makarismen (Seligpreisungen) zu Beginn der Bergpredigt heißt es zum Beispiel:

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt. (Mt 5,11-12)

Trotz der Erwähnung des Leidens, das als Folge des Eintretens für die Botschaft Jesu auf den Märtyrer wartet (wie man am Beispiel Óscar Romeros noch deutlich sehen wird), bleibt der Märtyrer in seinem (Leidens-)Zeugnis nicht ohne Perspektive: durch den Blick auf Gott - im Hoffen auf das Kommen seines Reiches - kann der Märtyrer sich in seinem Zeugnis gestärkt wissen, sich voll Vertrauen den liebenden Händen Gottes übergeben und im Hinblick auf ein neues Leben sein Zeugnis ablegen. Das wichtige Motiv der Nachfolge Jesu – immerhin der zentralen biblischen Gestalt, wenn es um die Selbstoffenbarung Gottes geht – wird auch im Lukasevangelium deutlich hervorgehoben. Dort heißt es:

Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen. (Lk 21,17-19)

Nie wird in einem der kanonischen Evangelien die Aufforderung zum Leiden ausgesprochen, ohne dass deutlich darauf hingewiesen wird, dass man dieses Leiden um Jesu Willen auf sich nehme. Insofern ist auch der Standpunkt der Evangelien klar: Zentral für das Martyrium als Teil der Selbstoffenbarung Gottes ist die Berufung auf das Leben und Sterben des Jesus von Nazareth, und nicht der Leidensweg des Märtyrers an sich. Dies entspricht exakt dem, was Óscar Romero bereits während seines Studiums von Augustinus lernte und später in seiner eigenen Praxis (als Pfarrer und Erzbischof) verwirklichen sollte.

[...]


[1] vgl. Maier, Hans, „Politische Martyrer? Erweiterungen des Martyrerbegriffs in der Gegenwart“, in: Niewiadomski, Józef; Siebenrock, Roman A. (Hg.), Opfer-Helden-Märtyrer. Das Martyrium als religionspolitische Herausforderung, Innsbruck-Wien 2011, S.16

[2] Ebd.

[3] vgl. Ebd.

[4] vgl. Ebd.

[5] vgl. Müller, Ernst, „Sören Kierkegaards Einzelner – Oder der ‚Märtyrer des Gespötts‘“, in: Weigel, Sigrid (Hg.), Märtyrer-Porträts. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern, München 2007, S.241

[6] Romero, Óscar A., Für die Armen ermordet. Wie der Erzbischof von El Salvador das Evangelium verkündet hat, Freiburg im Breisgau 1982, S.88

[7] Maier, Martin, Oscar Romero. Prophet einer Kirche der Armen, Freiburg im Breisgau 2015, S.16

[8] vgl. Ebd., S.20

[9] vgl. Ebd., S.21

[10] Romero, Óscar A., Für die Armen ermordet. Wie der Erzbischof von El Salvador das Evangelium verkündet hat, Freiburg im Breisgau 1982, S.212

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Details

Titel
Óscar Romero und die Armen. Die Rolle eines Märtyrers in der Selbstoffenbarung Gottes
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V378276
ISBN (eBook)
9783668554535
ISBN (Buch)
9783668554542
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
romero, armen, rolle, märtyrers, selbstoffenbarung, gottes
Arbeit zitieren
Tobias Laubrock (Autor:in), 2017, Óscar Romero und die Armen. Die Rolle eines Märtyrers in der Selbstoffenbarung Gottes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378276

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