In der altnordischen Kultur waren Spezialisten mit dem Umgang besonderer Textsorten betraut, die ein sekundäres modellbildendes System auf der Grundlage einer formal gebundenen Sprache pflegten. Diese Funktionsträger komponierten und überlieferten poetische Texte, deren Fragmente größtenteils in den unterschiedlichen, auf mittelalterliche Handschriften zurückgehenden Sammlungen der Lieder-Edda oder Eddica Minora zusammengefasst sind, die als sogenannte lose Strophen Fornaldarsögur und Íslendingasögur schmücken oder als Preislied und Preisdichtung in den aristokratischen Kreisen der altgermanischen Kulturen vorgetragen wurden.
Obwohl es sich bei diesen Texten um äußerst unterschiedliche Genre, auch um formal sehr verschieden komponierte Dichtungen handelt und die einzelnen Kompositionen zeitlich weit auseinanderliegen können, sind diese Gattungen doch durch ihre kunstvolle, formal gebundene Sprache als altnordische Dichtung vereint.
Gegenstand dieser Arbeit ist es, nachzuweisen, dass die altnordischen Dichtungen die im Mittelalter verschrifteten Versionen ehemals im Ritual mündlich komponierter und vortragener Dichtungen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Die mündliche, altgermanische Dichtung
Völundarkviða und Beowulf
Das Lied von Grímnir (Grímnismál)
Das Lied von Skírnir (Skírnismál)
Des Hohen Lied (Havamál)
2. Der altgermanische Dichter-Sprecher (Þulr / Þyle)
3. Die Geschichte der Þulr-Forschung
4. Gemalt von Fimbulþulr, beschworen von Hroptr
Krieg und Fehde
Óðinnisches Heldentum
Nekromantie (Totenbeschwörung)
Magisch inszenierte Verführung (Liebeszauber)
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des "Dichter-Sprechers" (Þulr / Þyle) in der altnordischen und altgermanischen Dichtung und analysiert, wie diese Funktionsträger rituelle Handlungen durch das gesprochene Wort konzipierten und vollzogen. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwiefern eddische Dichtungen als rituelle Texte fungierten, die durch formelhafte Sprache und dramatische Inszenierung in einen kultischen Kontext eingebettet waren.
- Die mündliche Tradierung altgermanischer Dichtung und ihre formelhafte Struktur.
- Die historische und funktionale Bedeutung des Þulr / Þyle als Vermittler zwischen Ritual und Dichtung.
- Die Analyse spezifischer eddischer Lieder (Grímnismál, Skírnismál, Havamál) als rituelle Performances.
- Die Verschränkung von Mythen, Magie und gesellschaftlichen Rollenbildern innerhalb des altnordischen Kontexts.
Auszug aus dem Buch
Die mündliche, altgermanische Dichtung
Hinsichtlich der homerischen Epen und der Lieder serbo-kroatischer Sänger (Guslaren) bemerkten Milman Parry und Albert B. Lord, die Begründer der theory of oral formulaic composition, ein Zweig der sogenannten Oral-Poetry-Forschung, dass mündliche Dichtungen mittels eines Registers von Formeln, formelhaft erstarrten Metaphern und schablonenhaften Handlungsschemata auf der sprachlichen wie auf der Handlungsebene immer wieder neu kombiniert werden. Hinsichtlich der oralen, frühgeschichtlichen altenglischen Dichtungen, bemerkt Francis P. Magoun, das deren hervorragendes Merkmal ihr, (...) totally formulaic character (...) namely, that the recurrence in a given poem of an appreciable number of formulas or formulaic phrases brands the latter as oral, just as a lack of such repetitions marks a poem as composed in a lettered tradition. Oral poetry, it may be safely said, is composed entirely of formulas (...).
Ein mündlicher Dichter lernt seine Dichtungen nicht auswendig. Er erinnert sich auch nicht an den Wortlaut vorausgegangener Vorträge. Seine Kompetenz liegt darin, dass er seine Themen, die einschlägigen Eigennamen und Genealogien, den Verlauf der Handlung einer Überlieferung sowie einen umfangreichen Satz von Formeln kennt, das Material, aus dem er spontan und situativ angemessen seinen Text improvisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die mündliche, altgermanische Dichtung: Untersucht die theoretischen Grundlagen der mündlichen Überlieferung (Oral-Poetry-Forschung) und analysiert, wie formelhafte Strukturen die eddischen Dichtungen prägen.
2. Der altgermanische Dichter-Sprecher (Þulr / Þyle): Definiert die Rolle und Funktion des Þulr als spezialisierten Dichter-Sprecher, der zwischen ritueller Handlung und Dichtung vermittelt.
3. Die Geschichte der Þulr-Forschung: Gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des Þulr und ordnet die verschiedenen Deutungsansätze in den wissenschaftshistorischen Kontext ein.
4. Gemalt von Fimbulþulr, beschworen von Hroptr: Analysiert anhand konkreter Beispiele aus der Edda (Krieg, Heldentum, Nekromantie, Liebeszauber), wie rituelle Inhalte in der Dichtung inszeniert und durch Óðinn als archetypischem Dichter-Sprecher legitimiert werden.
5. Zusammenfassung: Fasst die Ergebnisse zur Entstehung und rituellen Funktion altnordischer Dichtung in fünf Phasen zusammen und schließt mit einer Betrachtung des Übergangs von der mündlichen zur schriftlichen Tradition.
Schlüsselwörter
Altnordische Dichtung, Þulr, Dichter-Sprecher, Edda, Oral-Poetry-Forschung, Ritual, Formelsprache, Óðinn, Riten, Schamanismus, mündliche Überlieferung, Heldendichtung, magische Praxis, Totenbeschwörung, Galdr.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Rolle des altgermanischen "Dichter-Sprechers" (Þulr) und untersucht, wie rituelle Handlungen durch mündliche Dichtungen in der altnordischen Kultur strukturiert und bewahrt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die Theorie der mündlichen Dichtung (Oral-Poetry), die philologische Einordnung des Þulr-Begriffs sowie die Analyse ritueller Elemente in Texten wie dem Grímnismál oder dem Havamál.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die eddischen Dichtungen keine bloßen literarischen Produkte sind, sondern ursprünglich rituelle Handlungen, die durch den Þulr vollzogen wurden, um kosmologische und gesellschaftliche Ordnung zu stiften.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf kulturwissenschaftliche und ethnologische Ansätze, kombiniert mit literaturwissenschaftlicher Filologie und der Oral-Poetry-Forschung (nach Milman Parry und Albert B. Lord).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition des Þulr, der Forschungsgeschichte dieses Begriffs und der detaillierten Analyse von Beispielen für rituelle Performance (z.B. Nekromantie, Liebeszauber) in der eddischen Dichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Altnordische Dichtung, Þulr, Ritual, mündliche Überlieferung, Edda, Formelsprache, Óðinn und Magie.
Warum spielt der Begriff "Oral-Poetry" eine so große Rolle für das Verständnis der Edda?
Die Theorie der "Oral-Poetry" erklärt, warum eddische Dichtungen keine starren Texte, sondern improvisierte, formelbasierte Performances waren, die erst später schriftlich fixiert wurden.
Inwiefern ist Óðinn als "Dichter-Sprecher" zu verstehen?
Óðinn tritt in den Liedern oft als Initiator rituellen Wissens auf, der durch Formeln und Runenmagie die Welt ordnet und somit als archetypischer Vertreter der Rolle fungiert, die der historische Þulr in der menschlichen Gesellschaft ausübte.
- Arbeit zitieren
- Dr. Herbert W. Jardner (Autor:in), 2007, Mál er pylja. Rituelle Rede in altnordischer Dichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379162