Darstellung und Formen von Gewalt in der Vita des Heiligen Stephanus in der Legenda aurea


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenanalyse

3. Zusammenfassung

4. Abkürzungsverzeichnis

5. Literaturverzeichnis
5.1. Quelle: Die Vita des Heiligen Stephanus
5.2. Literatur

1. Einleitung

Aus Sicht der Humanisten war das Mittelalter ein ‚dunkles Zeitalter‘, geprägt von Zerfall und Gewalt. Durch Überlieferung von mittelalterlichen Quellen, welche für die Arbeit von Historikern von enormer Wichtigkeit sind, kann dies zum Teil auch nachvollzogen werden. In der Legenda aurea [1], einer Sammlung von Heiligenviten und biblischen Episoden aus dem 13. Jahrhundert von Jacobus de Voragine, kommt Gewalt ebenfalls zum Ausdruck. Die Vita des Heiligen Stephanus soll für diese Arbeit als Beispiel dienen.[2]

Sankt Stephanus ist der erste christliche Blutzeuge und somit Erzmärtyrer.[3] Stephanus, der von der christlichen Urgemeinde zu Jerusalem zu einem der sieben Diakone, die die Apostel bei der Armen- und Witwenbetreuung entlasten sollten, gewählt wurde, zeigt sich in seinem Amt als Mann von Geist, Weisheit, Gnade und Wunderkraft.[4] Seine charismatischen Predigten erregten Anstoß und Neid bei den Juden, woraus sich schließlich das Martyrium des Sankt Stephanus entwickelte.[5] Das Martyrium, was mit einer Disputation beginnt, zu einer Gerichtsverhandlung führt und in einer Steinigung endet, wurde im Mittelalter als exemplarisch angesehen[6] und zeigt sowohl die Ausmaße von physischer als auch psychischer Gewalt.

Der heilige Stephanus nimmt in der Apostelgeschichte recht großen Platz ein.[7] Aus diesem Grund befassen sich hauptsächlich Theologen mit seiner Geschichte und der aktuelle Forschungsstand bezieht sich deshalb hauptsächlich auf die Analyse seiner Rede, die er während seiner Gerichtsverhandlung hält, respektive seiner Gottesvision, die ihm vor seiner Steinigung widerfährt. Hierbei wird jedoch auf die Apostelgeschichte in der Bibel und nicht auf die Überlieferung der Legenda aurea zurückgegriffen, weswegen sich die folgende Arbeit stark an der Quelle selbst orientiert und weiterhin auf einen Aufsatz von Ralf Lützelschwab stützt.[8]

Im Folgenden sollen nun die Fragen geklärt werden, welche Formen von Gewalt explizit in der Vita des Heiligen Stephanus zum Ausdruck kommen, wie die Gewalt dargestellt wird und welche Wirkung sowohl die Gewalt als auch die ‚blutigen Worte‘, die von Stephanus in seiner Rede benutzt werden, haben.

2. Quellenanalyse

Die Legenda aurea, die eine Schriftquelle darstellt, wurde um 1263-67 von Jacobus de Voragine geschrieben[9] und um 1290 noch einmal überarbeitet.[10] Die Sammlung von Heiligenviten und biblischen Episoden folgt in der Anordnung dem Zyklus des Kirchenjahres.[11] Den Titel „Goldene Legende“ erhielt sie nicht von ihrem Autor, sondern nach mehreren vorübergehenden anderen Bezeichnungen, von ihren Lesern. In ihrer ursprünglichen lateinischen Fassung erschien sie, den Gepflogenheiten der damaligen Zeit entsprechend, ohne Titel. Der ihr verliehene Titel kennzeichnet die Stellung der Legenda aurea im Leben der Christenheit.[12] Ihre Wirkung ist anhand der hohen Zahl der heute noch vorhandenen Abschriften abzulesen.[13] „Im ganzen christlichen Mittelalter wurde außer der Bibel kein anderes Buch so oft abgeschrieben und in die verschiedenen Volkssprachen übersetzt wie dieses“.[14]

Der Verfasser Jacobus de Voragine (geboren um 1226 in Varazze bei Genua, gestorben 1298 in Genua) trat 1244 dem Dominikanerorden bei und wurde 1292 zum Erzbischof von Genua geweiht.[15] Jacobus war ein guter und geachteter Erzbischof, der versuchte, den Klerus zu reformieren. Politischen Ehrgeiz hatte er jedoch nicht.[16] Während der Entstehung der Legenda aurea, zwischen 1263 und 1267, war er Lector der Theologie und Prior in Genua.[17] Jacobus ist allerdings nicht Autor, sondern Sammler und Bearbeiter der einzelnen Legenden. Als Vorlage dienten ihm eine Unmenge an schriftlichen Überlieferungen, etwa die Schrift von Dionysius über die Angelologie, die Dialoge Gregors, Bedas Martyrologium und weitere viele nicht näher bezeichnete Quellen.[18] Am umfassendsten wirken sich die Evangelien in der Legenda aurea aus.[19] Demnach stellt die Legendensammlung keine Primärquelle, sondern eine Sekundärquelle dar, was jedoch keinen Einfluss auf die Beantwortung der Fragestellung haben wird.

Die direkte oder indirekte literarische Wirkung der Legenda aurea ist kaum übersehbar. Jacobus de Voragine hatte die Absicht Geschichte zu schreiben. Dadurch waren ihm ein ausgewogener Stil und eine fesselnde Handlung wichtiger als durch Jahreszahlen belegte Ereignisse.[20] Von ihrer Rezeption ausgehend müssen die Legenden als „kirchliche Schöpfungen“[21] gesehen werden, denn die Sammlung wurde von Klerikern und Laien gelesen, diente als Meditationsvorlage und lieferte Predigern Material.[22] Dem Verfasser bot sie somit nicht nur die Möglichkeit dem Klerus eine große Sammlung zu präsentieren, sondern auch das Volk mit leicht fassbaren theologischen Erörterungen und Legenden zu erreichen. Dies war fast wichtiger, da die Lektüre der Bibel lange Zeit dem Klerus vorbehalten blieb.[23]

Die Legenda aurea wird im Prolog und durch die Zwischenkapitel (de festivitatibus infra tempus renovationis / deviationis / reconciliationis / peregrinationis und partim reconciliationis, partim peregrinationis) in fünf Phasen, die einen ausdrücklichen Bezug zur Heilsgeschichte haben, aufgeteilt.[24] Somit erscheinen die einzelnen Heiligenlegenden in die Perspektive der Heilsgeschichte eingeordnet. Voragine führt in der Gestaltung der Texte einen neuen Stil des Legendenerzählens ein: Es überwiegt die Erinnerung an die Anwesenheit des Heils sowohl in der Berufung der Heiligen als auch in dessen Vorbildlichkeit.[25] Demnach wollte Voragine vermutlich nicht die Gewalt in den einzelnen Viten in den Vordergrund rücken. Also kann davon ausgegangen werden, dass die Legenda aurea und somit auch die Vita des Heiligen Stephanus eine Überrestquelle für die Fragestellung dieser Arbeit darstellt.

Die Vita des Sankt Stephanus, dem ersten christlichen Märtyrer, hat einen vierteiligen Aufbau. Zu Beginn schildert der Verfasser, wie in allen Heiligenlegenden in der Legenda aurea üblich, das Leben und Wirken des Stephanus sowie die Wahl zum Diakon. Jedoch wird im Folgenden auf nähere Ausführungen diesbezüglich verzichtet, da sie irrelevant für die Fragestellung sind. Im zweiten Teil der Legende beginnt der ‚Kampf‘ des Stephanus gegen die Anklage der Juden. Auf diesen Teil wird in dieser Arbeit das Gewicht gelegt. Im dritten Teil werden die Wunder, die nach Stephanus‘ Tod geschehen, geschildert und im vierten und letzten Teil bewertet Voragine das Martyrium des Heiligen.

Die Stephanusepisode ist auch in der Bibel, explizit in der Apostelgeschichte des Lukas, zu finden. Stephanus selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen und auch in anderen Quellen sowie neutestamentlichen Schriften taucht sein Name nicht auf.[26] Daher hat Voragine vermutlich die Apostelgeschichte als Vorlage respektive Quelle für den Eintrag in seiner Sammlung genutzt. Jedoch kann dies nur vermutet werden, da Voragine hierzu nicht klar Stellung nimmt. Auffällig ist allerdings, dass sich der Aufbau des zweiten Teiles in der Legenda und der Aufbau der Stephanusepisode in der Apostelgeschichte sehr ähneln, obwohl Voragine seine Erzählung stark gerafft hat. So findet sich in der Apostelgeschichte die komplette (mutmaßliche) Rede des Stephanus,[27] wohingegen Voragine in der Vita nur einige Sätze davon übernommen hat.[28] Im Folgenden soll aber nur die Stephanusepisode aus der Legenda aurea untersucht werden.

Das Martyrium beginnt vermutlich durch den Neid der Juden auf Stephanus‘ Predigterfolge.[29] Die Schilderung des Martyriums soll nun im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Es umfasst eine Steigerung von drei Schritten. Als erstes wird Stephanus in ein Streitgespräch, eine Disputation, verwickelt.[30] Daraufhin folgt eine Gerichtsverhandlung mit zwei falschen Zeugen, die ihn der Blasphemie bezichtigen.[31] Seine Klimax erfährt das Martyrium schließlich in den Folterungen, der Steinigung, selbst.[32] „‘Blutige Worte‘ präludieren somit also die ‚blutigen Taten‘ – ‚blutige Worte‘ für die die im Text verwendete Bezeichnung primum proelium mehr als angemessen erscheint“.[33] ‚Blutige Worte‘ sind demnach nicht nur gewaltverherrlichende Wörter, sondern auch verbale Taten, die der physischen Folter vorausgehen.

[...]


[1] Die Legenda aurea liegt seit 1998 in einer kritischen Edition vor, die die letzte Redaktion des Jacobus de Voragine widerspiegelt und auf zwei Handschriften beruht: vgl. Jacopo da Varazze, Legenda aurea, hg. von Giovanni Paolo Maggioni, 2 Bde., Florenz 1998. Für diese Arbeit wird jedoch die folgende Ausgabe herangezogen: Jacopo da Varazze, Legenda aurea. Con le miniature dal codice Ambrosiano C240 inf, hg. von Giovanni Paolo Maggioni, 2 Bde., Firenze 2007. Für die deutsche Übersetzung wird auf die Ausgabe von Richard Benz zurückgegriffen: vgl. Richard Benz, Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, 10. Aufl., Darmstadt 1984.

[2] Vgl. Legenda aurea, ed. Maggioni, Bd. 1, S. 92-101; üb. Benz, S. 58-65.

[3] Vgl. Gerhard Hotze, Stephan(us), Protomartyrer, in: Lex. Heiligen 3, 2003, Sp. 1532-1534, hier Sp. 1532.

[4] Vgl. K. H. Krüger, Stephanus, in: Lex. MA VIII, 2009, Sp. 127-128, hier Sp. 127.

[5] Vgl. Ralf Lützelschwab, Vom Blut der Märtyrer. Gewalt in der Legenda aurea, in: Blutige Worte. Internationales und Interdisziplinäres Kolloquium zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Jutta Eming, Göttingen 2008, S. 113-128, hier S. 120.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. hierzu: Apg 6,8-8,3.

[8] Vgl. hierzu: Lützelschwab, Vom Blut der Märtyrer.

[9] Vgl. G. Barone, Legenda aurea. Werk, in: Lex. MA V, 2009, Sp. 1796-1797, hier Sp. 1796.

[10] Vgl. Lützelschwab, Vom Blut der Märtyrer, S. 114.

[11] Vgl. Barone, Legenda aurea, Sp. 1796.

[12] Vgl. Maria von Nagy / N. Christoph de Nagy, Die Legenda aurea und ihr Verfasser Jacobus de Voragine, Bern/München 1971, S. 22.

[13] Vgl. ebd., S. 22f.

[14] Ebd., S. 23.

[15] Vgl. G. Barone, J. de Voragine, in: Lex. MA V, 2009, Sp. 262.

[16] Vgl. Christian Walter, Prozess und Wahrheitsfindung in der Legenda aurea, Diss., Kiel 1977, S. 27.

[17] Vgl. Barone, J. de Voragine, Sp. 262.

[18] Vgl. Walter, Prozess und Wahrheitsfindung, S. 27f.

[19] Vgl. von Nagy / de Nagy, Die Legenda aurea und ihr Verfasser, S. 27.

[20] Vgl. Walter, Prozess und Wahrheitsfindung, S. 28.

[21] Ebd., S. 21.

[22] Vgl. Barone, Legenda aurea, Sp. 1796f.

[23] Vgl. Walter, Prozess und Wahrheitsfindung, S. 22.

[24] Vgl. Konrad Kunze, Jacobus a (de) Voragine (Varagine), in: VL 4, 1983, Sp. 448-466, hier Sp. 455.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. Johannes Bihler, Die Stephanusgeschichte im Zusammenhang der Apostelgeschichte, München 1963, S. 1.

[27] Vgl. Apg 7,1-53.

[28] Vgl. Legenda aurea, ed. Maggioni, S. 96: „‘Dura, inquit, ceruice et incircumcisi cordibus et auribus uos semper spiritui sancto resististis, sicut patres uestri et uos. Quem prophetarum non sunt persecuti patres uestri? Et occiderunt eos qui pronuntiabant de aduentu iusti’” (üb. Benz, S. 61).

[29] Vgl. ebd., S. 92: „Cum igitur beatus Stephanus multa signa faceret et frequentius populo predicaret, Iudei primum prelium cum eo inicrunt ut eum […]” (üb. Benz, S. 60).

[30] Vgl. ebd., S. 94: „[…] Iudei primum prelium cum eo inierunt ut eum per disputationem conuincerent” (üb. Benz, S. 60).

[31] Vgl. ebd.: „[…] ad secundum modum callide se conuertunt ut scilicet eum falsis testibus superarent. Submiserunt enim duos falsos testes qui eum de quadruplici blasphemia accusarent.” (üb. Benz, S. 60).

[32] Vgl. ebd., S. 96: „[…] ‘et impetum fecerunt unanimiter in eum et proicientes eum extra ciuitatem lapidabant’, in hoc secundum legem se agere arbitrantes, que blasphemum extra castra mandauerat lapidari.” (üb. Benz, S. 63).

[33] Lützelschwab, Vom Blut der Märtyrer, S. 120.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Darstellung und Formen von Gewalt in der Vita des Heiligen Stephanus in der Legenda aurea
Hochschule
Universität des Saarlandes  (3.4 Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar „Formen und Funktionen von Gewalt im Spätmittelalter“
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V379718
ISBN (eBook)
9783668582842
ISBN (Buch)
9783668582859
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Legenda aurea, Stephanus, Gewalt, Spätmittelalter, Heiliger Stephanus
Arbeit zitieren
Sabrina Engler (Autor), 2012, Darstellung und Formen von Gewalt in der Vita des Heiligen Stephanus in der Legenda aurea, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379718

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